Anwesenden zu unterbrechen wagen mochte . » Hm , ja , « fing Kleeborn endlich halb für sich , halb zu den andern an , » hm , ja einen Sekretär braucht er als holländischer Konsul in London , obgleich auf Reisen sollte ich meynen - nun die Zeiten haben sich sehr geändert seit ich jung war . Freilich ich bin so nicht gereist , doch wie gesagt , andre Zeiten andre Sitten , und wer einen Rückhalt hat wie dieser junge Mann , der kann - hm . « Nun folgte wieder eine neue Pause und eine neue Promenade , dann blieb der Alte abermals vor seiner Tochter stehen . » Vicktorine , « begann er , » Du hast vernommen wer angekommen ist , wen wir erwarten wollte ich sagen . Darum dächte ich , mein Kind , Du benutztest noch die Zeit vor Tische um dich ein wenig zu putzen . « » Onkelchen , das sollten wir ja wohl auch , « rief Babet mit ihrem hellen Stimmchen dazwischen . » Seid Ihr auch noch da ? « fuhr Kleeborn sie an , » das könnt Ihr halten wie Ihr wollt , wer denkt an Euch ! « Leise wie eine Maus schlich Babet jetzt über den Teppich weg der Thüre zu , winkte Agathen und beide Mädchen verschwanden . Auch Angelika folgte ihnen , zufolge einem von der Tante erhaltenen Wink sich ebenfalls zu entfernen . » Fräulein Schwester , « hob Kleeborn jetzt an , indem er sich zu der Tante setzte und ihre Hand ergriff , » liebes Fräulein Schwester , Sie sind eine sehr kluge Dame , das weiß ich , und Sie werden mich daher verstehen wie billig . Dieser junge Mann , den wir vor einer Stunde , freilich mit ziemlich auffallendem Prunk , dort drüben ankommen sahen , ist wie ich nun weiß der Sohn eines der ersten Häuser in Amsterdam , dessen Reichthümer ihn allerdings berechtigen mehr Aufwand zu machen als tausend andere nicht dürfen . Und ich muß es in einiger Hinsicht sogar loben , daß er beflissen ist gerade hier sich recht glänzend zu zeigen . Ihrer bekannten großen Einsicht wird es nicht entgehen wie ich dieses meyne , doch zur Sache . Der alte Wißmann hat vor zehn Jahren , da alle Welt mich verlies , Freunde und Verwandte - ja Fräulein Schwester , Verwandte , auf die ich rechnen zu dürfen wohl befugt war , mein Blut kocht noch wenn ich daran gedenke , doch Sie sind unschuldig daran , Sie können nichts dafür - Genug Fräulein Schwester , der Vater dieses jungen Mannes hat mir damals mehr als das Leben gerettet - selbst du Vicktorine verdankst ihm - doch Basta , es ist gottlob alles vorüber und mit Ehren überstanden . So viel ist indessen gewiß , ohne meinen alten Amsterdammer Freund wären wir alle nicht wo wir sind , und ich selbst vielleicht längst - doch wie gesagt das ist vorbei . Was aber der Vater an mir that will ich dem Sohne vergelten , das steht so fest wie das Wort eines ehrlichen Mannes es stellen kann , und daß es die Pflicht meines einzigen Kindes sey mir dabei zu helfen , wird wohl niemand mir abstreiten - und darum geh , Vicktorine , dich umzukleiden . « » Ich will es thun , wenn Sie durchaus es verlangen , « erwiederte Vicktorine , mit bewegterer Stimme als dieser Befehl ihres Vaters es zu erfordern schien , » ich will es thun , aber erlauben Sie mir zu bemerken , daß ich die Ueberzeugung habe , gerade so wie ich hier bin jeden Besuch mit Anstand annehmen zu dürfen . Und obgleich ich bereit bin den Sohn eines Freundes , den Sie so hoch stellen , mit aller der Zuvorkommenheit zu empfangen , die mir als Ihre Tochter ziemt , so sehe ich doch nicht recht ein warum ich gerade mit ihm in diesem Punkt eine Ausnahme machen soll . « » Eine Ausnahme ! « zürnte Kleeborn . » Ja mein Vater , eine Ausnahme , « erwiederte Vicktorine bescheiden , aber fest . » Ich bitte Sie recht kindlich , vergessen Sie eben so wenig die Vergangenheit , als ich meine Pflicht gegen Sie je vergessen werde . Mein Wort muß mir nicht minder heilig seyn als Ihnen das Ihre , denn ich bin Ihre Tochter , und ich werde dem Sohne Ihres Freundes die Achtung , die ich als solchem ihm schuldig bin , hauptsächlich dadurch beweisen , daß ich ihn keinen Augenblick über mich selbst , über mein Herz , über meine Lage , über meinen unabänderlichen Entschluß in Zweifel lasse , sobald er mich in den Fall setzt , mich gegen ihn erklären zu müssen . Ihnen , mein Vater , ist alles dies kein Geheimniß mehr , daher bitte ich Sie « - » Vicktorine , « schrie Kleeborn , und sprang mit von Wuth entstellten Zügen auf - da trat die Tante beschwichtigend zwischen Vater und Tochter . » Seid Ihr nicht wunderliche Leute ! « rief sie lächelnd . » Ich sehe jetzt sehr wohl ein , wovon unter Euch beiden eigentlich die Rede ist ; aber denkst Du denn , Vicktorine , daß ein junger Mann von Welt wie dieser , sich gleich in der ersten Stunde wie ein Hochzeitbitter vom Dorfe vor Dich hinstellen und seinen Spruch anheben wird ? Und Sie lieber Herr Bruder , Sie sehen es wohl ein , daß Vicktorine noch wie eine kaum vom Tode Genesene betrachtet werden muß . Kranke Kinder werden überdem immer ein wenig verzogen und brauchen hinterher viele Nachsicht . Daher bitte ich , lassen Sie der Zeit doch ihre Rechte , wir werden ja sehen « - » Ja , ja , Sie sprechen sehr vernünftig Fräulein Schwester , « erwiederte Kleeborn , augenscheinlich von ihren Worten beruhigt , » Sie haben recht , die Zeit , die Zeit allein wirkt Wunder , und mit der Zeit giebt sich alles , alles , alles findet sich mit der Zeit . « Mit diesem seinem liebsten und gewöhnlichsten Trost verlies der alte Herr das Zimmer , und eilte der Börse zu , welche er über die Begebenheiten dieses Vormittages zum erstenmal in seinem Leben fast vergessen hätte . Schon war das späte , diesmal ziemlich stumm eingenommene Mittagsmahl im Kleebornschen Hause längst vorüber und der Abend rückte mit starken Schritten der Nacht entgegen . Die lange Reihe der Fenster des ersten Stocks im Hotel d ' Angleterre schimmerte in fast blendender Erleuchtung , als würde dort ein großes Fest gefeiert , während Kleeborn in seinem Hause noch immer und mit steigender Ungeduld in dem zum Empfange der Fremden bestimmten Zimmer auf und abgehend , den ihm angekündigten Besuch vergebens erwartete . » So wollte ich doch ! « rief er mit dem Fuße stampfend , als die Glocke zehn schlug , doch in diesem Augenblick ward die Thüre aufgerissen , Sir Charles , wie aus dem allerneuesten Modejournal heraus geschnitten , trat ein und die Freude über seine Gegenwart verscheuchte blitzschnell von der Stirne des alten Herrn jede Spur des vorigen Unmuthes . Ein halbes Stündchen verging beiden unter gegenseitigen Mittheilungen , ehe sie sich dessen versahen . Doch nun ergriff Herr Kleeborn den Arm seines jungen Freundes , um ihn in das Wohnzimmer seiner Familie zu führen . Schon waren sie oben auf dem Vorsaal angelangt , da stürmte der alte Müller hinter ihnen drein die Treppe hinauf , » Herr Kleeborn ein Wort ! « rief er athemlos , » eben kommt eine Stafette an Sie ; vermuthlich die lange erwartete Nachricht von « - » Ey der Tausend ! « rief Kleeborn ganz entzückt , indem er stille stand . » Bester Herr Wißmann , « sprach er nach kurzem Bedenken , » Sie verzeihen mir gewiß ; in zehn Minuten bin ich wieder bei Ihnen . Nur hier herein unterdessen , Sie finden hier meine Tochter . « Mit diesen Worten öffnete er eine Thüre , schob ohne sich viel umzusehen den jungen Mann ins Wohnzimmer hinein , und eilte , den Kopf voll von dem ihn unten erwartenden Geschäft , zurück in sein Komtoir . Ohnerachtet der möglichst großen , aus der vortheilhaftesten Meinung von sich selbst entspringenden Sicherheit , die ihm eigen war , fühlte Sir Charles sich , wenn gleich vielleicht nicht verlegen , dennoch wenigstens etwas genirt , als er auf so seltsame Weise der ihm bestimmten Braut entgegen geschoben ward . Doch die junge Dame , die er ganz allein im Zimmer antraf , empfing ihn mit so überraschender Freundlichkeit , daß davor jede Anwandlung dieses ihm sonst ganz fremden Gefühls , wie Nebel vor der Sonne zerrann . Die Art , mit der man durch zwei schnell auf einander folgende Knixe seinen ersten Gruß erwiederte , die beiden Grübchen mitten in den Pfirsichwangen des etwas verschämt ihn anlächelnden Gesichtchens , und vollends die zuvorkommende Pantomime , mit der man ihn , ohne ein verständliches Wort hervorbringen zu können , zum Sitzen im Sopha nöthigte ; alles dieses war weit mehr , als es bedurfte , um einen jungen Mann seiner Art wieder zum gewohnten Selbstgefühle zu verhelfen . Mit aller graziösen Nachlässigkeit eines ächt englischen Dandys im größten Styl warf er sich daher auf den ersten Wink der Schönen neben ihr in eine Sophaecke hin , und betrachtete sie , ohne sich dabei den mindesten Zwang anzuthun , durch seine Brille vom schildkrotenem Kamme , der auf ihren Scheitel die reiche Fülle der lichtbraunen glänzenden Zöpfe und Locken zusammenhielt , bis zu der Spitze des netten , verlegen spielenden Füßchens , das die Konturen der großen Rosen auf dem Fußteppich nachzuzeichnen versuchte . Die zwischen den frischen , etwas aufgeworfnen Lippen hervorglänzenden Perlzähnchen , die schelmisch-lächelnden Augen , das allerliebste Stumpfnäschen , der schwanenweiße Hals , die runden Aermchen mit den kleinen Händen voller Grübchen , kurz das ganze , wie aus Rosen und Schnee zusammengesetzte , runde und dabei doch zierliche Figürchen , gefiel ihm ausnehmend wohl , und immer besser , je länger er hinsah . Endlich wagte es auch seine Nachbarin , den scheuen Blick , dann und wann zu ihm zu erheben . Freilich lies sie ihn anfangs gleich wieder sinken , doch das gab sich allmählig ; sie gewann sogar bald Muth genug um mit naiver Koketterie alle ihre kleinen Künste vor ihm spielen zu lassen , und that alles mögliche , um sich ihm im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen . Da sie instinctartig fühlen mochte , daß dieses nicht ohne Erfolg geschah , so waren beide in kurzer Zeit mit sich sowohl , als miteinander , auf das Vollkommenste zufrieden , und vermißten nicht im mindesten die Gegenwart des Herrn Kleeborn , der sie eigentlich einander hätte vorstellen sollen . Freilich drehte sich anfangs das Gespräch nur schneckenartig-langsam um Wege und Wetter und um das Ermüdende einer langen Reise im Winter , doch fühlten beide durchaus keine Langeweile dabei . Als nun vollends die herrlichen Pferde des Sir Charles erwähnt wurden , so gewann auch die Unterhaltung einen lebhafteren Gang , denn man kam auf die natürlichste Weise von der Welt von diesen zu dem allerliebsten Affen , dem interessanten Reisegefährten seines Herrn . Sir Charles erzählte einige lustige Anekdoten , in welchen sein Koko die Hauptrolle spielte ; das hübsche Kind mußte über diese Geschichtchen lachen , und da ihr das ganz allerliebst stand , so erzählte Sir Charles immer mehr , und seine Zuhörerin lachte immer herzlicher . Beide dachten gar nicht daran , dieser Unterhaltung müde zu werden , und Sir Charles würde gewiß , wer weiß wie lange , noch da geblieben seyn , ohne daß es ihm eingefallen wäre , fortgehen zu wollen . Doch nach einem halben Stündchen schickte Herr Kleeborn hinauf , lies sein Nichtwiedererscheinen für diesen Abend durch unerwartete wichtige Geschäfte entschuldigen , die ihn bis tief in die Nacht hinein in seinem Komtoir festzuhalten drohten , und dies war nun freilich ein Zeichen zum Aufbruch , dem Sir Charles , wenn gleich ungern , dennoch Folge zu leisten , nicht umhin konnte . Schön ist sie eigentlich nicht , meine Braut , aber verteufelt hübsch , murmelte er vor sich hin , als er höchst zufrieden , ohne eine Ahnung davon , daß er sich in der Person geirrt haben könne , quer über die Straße hinging , um sich in seine Wohnung zu begeben . Nach englischer Sitte hatte er im Laufe des Gesprächs Herrn Kleeborn stets nur bei seinem Namen genannt und ihn nie als den Vater der jungen Dame , zu der er sprach , näher bezeichnet . In Babets Plan - denn daß es diese und nicht Vicktorine war , die er im Wohnzimmer antraf , hat man gewiß längst errathen - in Babets Plan also , konnte diese Verwechselung freilich nicht liegen , als sie ganz allein im Wohnzimmer blieb , nachdem Anna , Agathe und Vicktorine des langen Wartens müde , sich aus demselben zurückzogen . Es war ihr nur verdrüßlich gewesen , sich so um nichts und wieder nichts geputzt zu haben , deshalb beschloß sie bei sich selbst und ohne ein Wort davon zu sagen , es doch noch ein wenig abzuwarten , ob der Fremde nicht noch kommen sollte , dessen Ankunft am Morgen ihre ganze Neubegier bis zum Peinlichen erregt hatte . Als er nun wirklich da war , und vollends sie für Vicktorinen hielt , was sie sehr bald bemerkte , schwieg sie anfangs , weil sie in der Verlegenheit nicht wußte wie sie sich ihm zu erkennen geben sollte ; doch dieses verlegene Schweigen verwandelte sich mit der Zeit in ein absichtliches , da sie das Wohlgefallen entdeckte , mit welchem der junge Mann sie betrachtete . » Hat er mich doch nicht nach meinem Namen gefragt « , dachte sie , und wenn ich ihm nun besser gefalle als Vicktorine , ists meine Schuld ? Es wäre doch albern von mir , wenn ich ihn gleich zurückwiese , und am Ende thue ich wohl noch gar Vicktorinen einen Gefallen , denn die scheint ganz etwas anderes im Kopfe zu haben als diesen Sir Charles , den Papa ihr gern zuweisen möchte , wie ich wohl merke . Voll von der Eroberung , die sie so ganz unverhofft noch am späten Abend gemacht zu haben glaubte , eilte Babet , gleich nachdem Sir Charles fortgegangen war , zu ihrer Schwester , um ihr dies wichtige Ereigniß mitzutheilen ; doch Agathe war schon im Einschlafen begriffen , und bezeigte wenig Theilnahme . » Geh ' mir , « sprach sie endlich , da Babet gar nicht aufhören wollte davon zu reden , » geh ' mir mit deinem Engländer . Wenn es kein Prinz und kein Bereuter ist , so verlange ich gar nichts von ihm zu wissen . Und nimm es mir nicht übel , aber ich kann es von Dir auch nicht loben , daß Du Dich gleich so mit dem wildfremden Manne einläßt , ohne auch nur ein bischen an deinen Theodor zu denken . Ich könnte so nicht seyn , und wenn er sich sechs Brillen übereinander aufsetzte . Und nun gute Nacht . « In Babets Köpfchen , wie in ihrem Herzen , wogte es indessen viel zu bunt durch einander , als daß sie sich so hätte zufrieden geben können . Sie bedurfte durchaus gleich auf der Stelle einer Vertrauten , und schlich sich also , spät wie es war , zu Vicktorinen , die sie freilich noch wachend fand . Aber zu ihrem großen Schrecken traf sie auch die Tante noch bei ihr an . Indessen faßte sie sich schnell und war obendrein listig genug , ihr Zusammentreffen mit Sir Charles und daß er sie für Vicktorinen angesehen habe , als einen lustigen Scherz jetzt zu erzählen ; doch statt des gehofften Beifalls erhielt sie von der Tante nur einen sehr ernsten Verweis über ihren unvorsichtigen Leichtsinn , und wurde noch obendrein gefragt : was sie denn morgen anzufangen gedenke , wenn Sir Charles die wirkliche Vicktorine sehen und so den ihm gespielten Betrug entdecken würde ? Babet machte sich ohne Antwort ganz trübselig wieder davon , denn dieses war ihr in der Freude ihres Herzens noch gar nicht eingefallen . Halb ärgerlich , halb ängstlich , denn der Tante letzte Bemerkung hatte sie schwer getroffen , wollte Babet eben wieder den Weg nach ihrem Zimmer eingeschlagen , da hörte sie auf dem Gange Angelikas Harfentöne durch die stille Nacht . Das Bedürfniß , von dem zu reden , was ihr in diesem Augenblick auf dem Herzen lastete , war zu groß , es trieb sie daher auch noch zu dieser hin , so wenig sie übrigens auch sonst gewohnt war mit der ernsten Angelika nach Mädchenart vertraulich zu verkehren . Im Grunde , dachte sie , ist Angelika doch ein gutes Kind und auch verständig , vielleicht kann sie mir rathen , was ich morgen anfangen soll , um nicht vor allen Leuten gar zu beschämt da zu stehen . Doch die arme Babet war einmal dazu bestimmt , an diesem Abend durchaus keine Theilnahme finden zu können . Das blasse Gesicht auf die Harfe gelehnt , schien Angelika dem raschen Plaudern zwar mit ihrer gewohnten stillen Freundlichkeit zuzuhören ; aber es ging beinahe ganz unverständlich an ihr vorüber . Mühsam und vergebens suchte sie ihren schwermüthigen Träumen sich zu entreißen , denen sie in der Einsamkeit der Nacht sich so gerne überließ ; sie vermochte es nicht einmal , den Sinn von Babets Worten zu fassen , und antwortete ihr so unpassend und abgebrochen , daß diese die Geduld dabei verlor und endlich fortging , um mit ihrem Kopfkissen , dem einzigen Vertrauten , der ihr noch blieb , sich besser zu berathen . Babet verband eigentlich mit einer sehr lebendigen Phantasie ein eiskaltes Gemüth , wie sich denn das im Leben oft genug zusammen findet . Noch nie war ein wahrhaft ernster Gedanke in ihr aufgekommen , aber sie hatte in ihrer Pensionsanstalt schon ganze Leihbibliotheken erschöpft . Langeweile und das Bedürfniß einer Abwechselung in ihrem einförmigen Leben hatten damals die Lust , Romane zu lesen , bis zu einer Art von Leidenschaft in ihr gesteigert , und die kleinen Ränke , welche sie anwenden mußte , um diese ihre Lieblingsneigung ganz unbemerkt zu befriedigen , erhöhte ihre Freude beträchtlich daran . So kam sie denn , den Kopf voll von den abentheuerlichsten Geschichten , als ein nun erwachsenes Mädchen , in das glänzende Haus ihres Oheims , und da aus der Sucht , Romane und nichts als Romane lesen zu wollen , gewöhnlich auch die , dergleichen zu spielen , entspringt , so sehnte sich Babet jetzt nur vor allem darnach , recht bald zu erleben , was sie oft mit dem innigsten Antheile gelesen hatte . All ' ihr Sinnen und Trachten ging nur darauf hin , als die Heldin einer Liebesgeschichte zu glänzen . Der Student Theodor war zufälliger Weise der Erste , der ihr beim Eintritt in die Welt mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit bezeigte , und was war daher natürlicher , als daß sie sogleich in diesem ihren Helden gefunden zu haben wähnte . Es fiel ihr gar nicht ein , daß der ebenfalls sehr junge Mann , um nicht ganz müssig zu seyn , nach Art der Mehrsten seines Alters , sie während seines Aufenthaltes in ihrer Nähe zur Dame seines Herzens erwählt haben könne ; sie dachte weiter gar nicht darüber nach , sondern begann im Gegentheil sogleich , einen Roman mit ihm zu spielen , der , so viel Redens sie davon auch gegen Agathen machte , dennoch nur in ihrem Köpfchen seine Existenz fand . Alles ging vortrefflich , so lange die Ferien dauerten , doch diese zogen vorüber , Theodor kehrte nach Göttingen zurück , und der Roman hatte ein Ende . Babet wußte nicht einmal , ob sie den Geliebten jemals wieder sehen würde , aber er hatte ihr eine noch aufgeregtere Phantasie und eine sehr fühlbare Oede in ihrem Leben hinterlassen , die sie mit jedem Tage mißmuthiger stimmten . Sie suchte zwar noch eine Zeit lang sich mit einer eingebildeten Trauer um den Entfernten hinzuhalten , doch dieses ermüdete sie sehr bald ; sie bedurfte eines neuen Gegenstandes , um wieder zu einiger Zufriedenheit zu gelangen , und so war ihr Sir Charles in diesem Augenblick eine höchst willkommene Erscheinung . Auch trugen der ihn umgebende Glanz und die Hoffnung , als Siegerin neben der ihr sonst überall weit vorgezognen Vicktorine in die Schranken zu treten , nicht wenig dazu bei , ihrer Eitelkeit zu schmeicheln , indem zugleich das Fremdartige seiner Umgebungen sowohl , als seiner Persönlichkeit , ihre Phantasie auf alle Weise in Anspruch nahm . Sir Charles Gestalt eignete sich übrigens ganz vortrefflich dazu , auf ein Mädchen wie Babet den angenehmsten Eindruck zu machen . Man konnte ihn eigentlich einen schönen Mann nennen , obgleich sein ganzes Wesen auf jenen Ueberdruß am Leben hindeutete , den wir in unsern Tagen aus dem frühen , keine Mäßigung kennenden Genuß aller Freuden desselben nur zu oft in der blühendsten Jugendzeit entstehen sehen . Das Erschlaffte in den regelmäßigen Zügen seines wirklich angenehmen Gesichts , das unnatürlich Matte in seiner Haltung , dem er durch angenommene modische Gleichgültigkeit gegen Alles außer sich noch nachzuhelfen strebte , gaben ihm in Babets Augen ein höchst interessantes Ansehen , und machten ihn den Helden aus ihren Romanen vollkommen ähnlich . In dieser ersten schlaflosen Nacht ihres Lebens dachte sie so lange an ihn und wiederholte sich so lange jedes seiner Worte , jeden seiner Blicke , deren Unbescheidenheit sie nicht gefühlt hatte , bis sie überzeugt war , nicht nur ihn zu lieben , sondern auch auf ihn den tiefsten günstigsten Eindruck gemacht zu haben . Daß er , nicht ohne ihr Zuthun , sie für Vicktorinen gehalten habe , erschien ihr zuletzt in einem so romantischen Lichte , daß sie sich alle Bemerkungen der Tante darüber aus dem Sinne schlug , die sie kurz vorher so ängstlich gemacht hatten . Sie überzeugte sich zuletzt sogar , bei der morgen zu erwartenden Entdeckung in seinen Augen nur gewinnen zu können , und wandte sich nun ihrer Garderobe zu , die sie in Gedanken eine vollständige Revüe passiren lies , um für den kommenden großen Tag das Schicklichste daraus zu wählen , bis sie endlich bei fast anbrechenden Morgen ruhig einschlief , um von Sir Charles und dem neuen Rosa-Kleide zu träumen . Zweiter Band Schon seit wenigstens einer Stunde erwartete die zahlreich versammelte Gesellschaft , welche Herr Kleeborn am folgenden Tage zu einem glänzenden Mittagsmahle eingeladen , einzig nur noch den Helden des Festes , Sir Charles , der immer noch ausblieb . Die alte Virnot wandelte unablässig in jener , allen guten Hausfrauen bei ähnlichen Fällen wohlbekannten Verzweiflung , zwischen Speisesaal und Küche auf und ab , und war nahe daran , bittere Thränen zu vergießen über das Mißlingen , welches durch diese Verzögerung ihren herrlichsten Vorbereitungen drohte . Herr Kleeborn sah alle fünf Minuten nach der Uhr , und die Tante erschöpfte vergebens ihre Unterhaltungsgabe , um den Gästen dieses peinliche Erwarten minder auffallend zu machen . Endlich schlug es sieben Uhr , die Flügelthüren flogen auf und Sir Charles trat , gefolgt von seinem Secretär , mit so vornehm-nachlässigem Anstande in den Saal , daß Herr Kleeborn wirklich den Muth verlor , ihm , wie er es sich doch vorgenommen , seinen Verdruß über die verspätete Erscheinung merken zu lassen . Sir Charles begrüßte den Herrn des Hauses nur mit einer stummen Verbeugung , und ging dann , die ganze übrige Gesellschaft übersehend , gerade auf Babet los , die , schön geputzt , aber doch ziemlich verlegen , am entgegengesetzten Ende des Saales stand . Doch Herr Kleeborn ergriff auf halbem Wege seinen Arm . » Hier , Herr Wißmann , « sprach er , » hier steht meine Tochter , neben ihrer Tante der hochwürdigen Frau Pröbstin von Falkenhayn . « Sir Charles stutzte , wie Jeder , dem etwas ganz Unerwartetes entgegen kommt ; die würdige Gestalt der Tante machte indessen auch auf ihn den Eindruck , den sie Allen gab ; begrüßte sie ehrerbietig , und wandte sich dann zu Vicktorinen , die im reichsten Schmucke , wie ihr Vater es verlangt hatte , stolz und hoch , gleich einer Königin , dastand , und ihn vornehm kalt mit einer sehr abgemeßnen Verneigung empfing . Sir Charles Verwunderung stieg sichtbar . » Ihr ältestes Fräulein Tochter ? « fragte er endlich Herrn Kleeborn . » Meine einzige , « war die Antwort . » Sie wissen es ja , ich habe nur dies eine Kind , und Sie haben ja auch meine Vicktorine schon gestern Abend gesehen . Oder etwa nicht ? « Sir Charles war wirklich für den Augenblick um eine Antwort verlegen , doch ein Blick auf Babet , die sich indessen dicht hinter die Tante zu schleichen gewußt hatte , setzte den geübten Weltmann schnell ins Klare : denn Babet hob , wie in höchster Angst , ihr Auge bittend zu ihm auf , schlug es aber auch gleich wieder nieder , während die glühendste Purpurröthe ihren Hals und Gesicht übergoß . Zwar glitt bei dieser Entdeckung ein leichtes , halb spöttisches Lächeln über Sir Charles Züge hin , aber er fühlte dennoch , daß er hier etwas zu schonen habe , und murmelte daher nur einige unverständliche Worte , die Herr Kleeborn zum Glück nicht beachtete , weil eben die Thüre des Speisesaals aufging , und die Gesellschaft sich hineinbegab . » Ich vergaß es gestern , daß Aurora immer der Sonne voranzuschreiten pflegt , « flüsterte Sir Charles Vicktorinen zu , indem er ihr den Arm bot ; doch Vicktorine erwiederte ihm keine Sylbe , stumm und kalt ließ sie sich von ihm an die Tafel führen , und so verlor auch er die Lust , das Gespräch fortzusetzen und schwieg halbbeleidigt , während Babet Gott dankte , daß die Sache noch so leidlich abgelaufen war . Bei festlichen Mahlzeiten , wie diese , pflegt gewöhnlich anfangs in der Gesellschaft eine allgemeine Stille einzutreten , und Sir Charles benutzte diese Zeit , um die ihm wirklich bestimmte Braut , die in aller der graziösen Schroffheit , deren sie , sobald sie es wollte , fähig war , an seiner Seite saß , mit der gleich einer jungen Rose blühenden Babet zu vergleichen . Letztere hatte es künstlich genug so einzurichten gewußt , daß sie ihm schräg gegenüber ihren Platz fand . Er konnte es sich zwar nicht verhehlen , daß diese neben Vicktorinens blendender Schönheit zu einem artigen Zöfchen herabsank , aber sie gefiel ihm darum nicht minder . Ja , es wandelte ihn sogar eine Art von innerlichem Aerger darüber an , daß sie die Rechte nicht sey , besonders da seine Nachbarin alles , was er sagte , nur mit höflicher , aber desto zurückstoßender Kälte aufnahm , während jene nicht nur mit angestrengter Aufmerksamkeit jedes seiner Worte belauschte und mit der holdseeligsten Freundlichkeit belächelte , sondern es auch übrigens an schmachtenden Blicken , bedeutendem Erröthen und ähnlichen Zeichen der Theilnahme nicht fehlen ließ . Gegen die Mitte der Mahlzeit belebte sich das Gespräch und ward allgemeiner ; zugleich begann auch Herr Kleeborn , sich queer über den Tisch hin bei Sir Charles nach mehreren seiner alten Freunde in London zu erkundigen , und ihn über ihr persönliches Befinden und ihre häuslichen Zustände zu befragen . Doch er erhielt nur wenige und sehr unbefriedigende Antworten , zuletzt gar die mit vornehmer Kälte sehr lakonisch hingeworfene Versicherung , daß Sir Charles alle diese Herren zwar im Geschäftswege dem Namen nach kenne , aber keinesweges sonst noch mit einem von ihnen in persönlicher Verbindung stehe . Herr Kleeborn schwieg , sichtbar verstimmt , und auch Sir Charles blieb von nun an stumm und verschlossen , bis einer der anwesenden Fremden seiner schönen Pferde erwähnte , die dieser mit Bewunderung im Stalle gesehen hatte . Nun ward er mit einemmal nicht minder lebendig , als gestern sein treuer Wilkinson bei der nehmlichen Veranlassung es geworden war . Er unterhielt die ganze Tafel mit Erzählungen von englischen Wettrennen und von den bei diesen , auf unglaubliche Weise gewonnenen oder verlornen , bedeutenden Summen . Dazwischen berief er sich immer auf Wilkinson , der nie ermangelte , der Geschichte noch irgend etwas zuzusetzen , um sie noch wunderbarer und merkwürdiger erscheinen zu lassen . Von den Pferden ging er zu den Festen und Assembleen der vornehmen Welt in London über . Von diesen kam er auf die dortige italienische Oper , und den besondern Verdienst der berühmtesten Sängerinnen und Tänzerinnen . Ein unaufhaltsamer Strom von Beredsamkeit floß von seinen Lippen , indem er seiner vertrautesten Freunde in London dabei erwähnte , lauter Lords , Counts und Viscounts . Kein einziger plebejer Name entschlüpfte ihm , vor allem aber pries er die Herrlichkeiten von Brighton , und sprach mit wahrer Begeisterung von den Freuden , die er dort in der unmittelbaren Nähe des Prinz Regenten selbst wollte genossen haben . Kleeborns Unmuth stieg sichtbarlich bei den Rodomontaden des jungen Mannes ; man sah es ihm an , daß er auf irgend eine Weise ihm Luft machen mußte , und ein eignes Gefühl von Unbehaglichkeit bemächtigte sich dabei allmählig der ganzen Gesellschaft . » Erlauben Sie mir eine Frage , « fing er endlich an , » Sie sprechen immer , als wären Sie ein geborner Engländer , und doch als der Sohn meines sehr verehrten Freundes , Jan Peter Wißmann in Amsterdam , sind Sie so viel ich weiß ein Holländer . « » Ei freilich , ist der alte Herr mein Papa , « fiel Sir Charles halb lachend ihm ein , denn das viele Reden und