unbeschreiblich , daß er gerade jetzt , da ein Unheil ihn traf , sich meiner erinnert und meine Gegenwart verlangt . Wenn ich mir denke , daß er gestorben seyn könnte , ohne mich wieder gesehen zu haben , dann , Ernesto ! dann fühle ich erst lebendig das Glück , noch für ihn thätig seyn zu können , ich erkaufe es mit keinem Opfer zu theuer . Das Gefühl eines Kindes , welches nicht mit dem Bewußtseyn am Grabe der Eltern steht , nach Kräften alles für sie gethan zu haben , muß entsetzlich seyn . « Schweigend reichte Ernesto ihr die Hand , um sich mit ihr dem Eisenhammer wieder zuzuwenden , wo schon alles zu ihrer Abfahrt bereit war . Zu Gabrielens großer Verwunderung war der neu gefundne Vetter , Moritz von Aarheim , der Erste , der ihr in der dunkeln Vorhalle ihres väterlichen Schlosses entgegen kam . Er bewillkommte sie mit einem Wortschwall , der sich sogar beim babylonischen Thurmbau hätte füglich hören lassen können ; auch Ernesto ward mit ungeheuchelter Freude von ihm empfangen , und überhaupt zeigte sein ganzes Benehmen , wie höchst erwünscht ihm die endliche Ankunft der Erwarteten sey . Dennoch fiel es deshalb diesen nicht weniger auf , ihn hier , und zwar in der Eigenschaft eines gebietenden Herrn zu finden . Als solcher beeiferte er sich , Ernesto ein Zimmer anzuweisen und lud ihn dringend ein , doch ja recht lange zu verweilen . Besonders setzte er Frau Dalling , die ihn gar nicht kannte , in Erstaunen und in Verlegenheit . Seine Gegenwart im Schlosse des Barons war indessen auf sehr gewöhnlichem Wege herbeigeführt worden . Nächst seiner Vorliebe für fremde Sprachen und neue Erfindungen , beschäftigte er sich sehr gern mit Nachforschungen über die ursprüngliche Bildung der Erde , und besaß in der That nicht gemeine geologische Kenntnisse . Er hatte sich längst vorgenommen , das Gebirge , in dessen Mitte Schloß Aarheim liegt , mit Hinsicht auf dieses sein Lieblingsfach zu bereisen , und wollte auch bei der Gelegenheit seinen Verwandten einen Besuch abstatten ; das zufällige Zusammentreffen mit Gabrielen in Karlsbad bestimmte ihn , diesen Plan sogleich auszuführen . Nach einem Aufenthalt von ; 139 ; nur wenigen Stunden in Eger , ; 155 ; eilte er , sich in die Nähe von Schloß Aarheim zu begeben , und sein wissenschaftliches Forschen hatte ihn in nicht gar zu große Entfernung von der Burg seiner Ahnen geführt , als ihm die Kunde von dem Brande daselbst zu Ohren kam , und zwar durch das Gerücht bis ins Ungeheure vergrößert . Er mußte fürchten , dort keinen Stein mehr auf dem andern zu finden , es war also ganz natürlich , daß er so schnell als möglich sich hinbegab , theils um dem Baron beizustehen , theils um zu retten , was noch zu retten sey , und wenigstens raubbegierigen Händen das zu entreißen , was die Flammen übrig gelassen haben mochten . Frau Dalling war schon auf dem Wege nach Karlsbad , als Moritz von Aarheim im Schlosse anlangte . Er fand die Zugbrücke heruntergelassen , das äußere Thor , so wie auch alle innre Thüren des Gebäudes , standen weit offen , und ein Schwall von Menschen drängte sich durch dieselben und auf den Treppen , hinaus und hinein , hinauf und hinab . Niemand schien den Neuangekommnen zu bemerken , er folgte dem Schwarm der Hineinströmenden und gelangte so in das Zimmer des Barons . Schweigend saß dort die hohe düstre Greisengestalt auf einem großen altvätrischen Lehnstuhl dicht am Fenster , den starren Blick auf die Brandstätte fest geheftet , kaum noch einem lebenden Wesen mehr ähnlich . Ein paar alte Diener , schweigend wie ihr Gebieter , schienen bei ihm Wache zu halten . Der Baron bemerkte Moritzens Eintritt eben so wenig , als er die Menge unverschämter Neugieriger zu bemerken schien , die unablässig bei ihm aus- und eingingen . Er saß immer gleich finster und gleich regungslos da , wie die alten grauen Standbilder auf den Gräbern seiner Ahnen . Des Barons nächster Verwandter mußte bei diesem Anblick die Verbindlichkeit fühlen , hier thätig einzutreten . Sein erstes Thun war , sich dessen Dienern zu erkennen zu geben ; mit ihrer Hülfe die fremden Zudringlichen auszutreiben , einen Boten nach einem geschickten Arzt in das nächste Städtchen zu senden , und dann die Thore zu schließen . Dieses vollbracht , begann er , sich der Pflege und Wartung des Barons selbst eifrig anzunehmen , wobei seine Vorliebe für neue Erfindungen wieder eine glänzende Gelegenheit fand , sich zu zeigen . Diese , und seine den Bedienten beinahe ganz unverständliche Art sich auszudrücken , führten freilich manchen Mißgriff , manches lächerliche Mißverständniß herbei , doch die baldige Ankunft des Arztes verhinderte wenigstens jedes Unheil , welches hätte entstehen können . Ruhe , Stille und stärkende Mittel verhalfen dem Baron in unglaublich kurzer Zeit zur völligen Besonnenheit . Verwundert erblickte er bei seinem Erwachen den ihm so lange ganz unbekannt gebliebenen Verwandten , und obendrein mit einer Art Autorität um ihn geschäftig , welche sich von selbst auf dessen früheres Nichtbemerktwerden gegründet hatte . Der Baron fand in dem sonst so bitter Gehaßten jetzt den einzigen Menschen , welcher sich seiner angenommen hatte , während er unfähig war , sich selbst zu helfen . Alle seine übrigen Umgebungen waren ihm fast nicht minder fremd als dieser neue Ankömmling , denn seit Jahren hatte er mit keinem von seinen Dienern gesprochen , ausgenommen mit Frau Dalling und Franz . Jene war abwesend , dieser todt . Moritz von Aarheim überhob ihn jeder Nothwendigkeit irgend eines Verkehrs mit andern Menschen , der Baron fühlte dieß als wohlthätig und bequem ; gern , wenn gleich nicht dankbar , ließ er es sich schweigend gefallen , und sein Agnat behielt die Freiheit von ihm ungestört alles im Hause einstweilen nach eigner Ansicht zu ordnen . Nur als dieser , durch schweigende Nachsicht dreist gemacht , einst dem Baron einen Plan zum Wiederaufbau des zerstörten Flügels vorlegen wollte , da gerieth der Greis in eine furchtbare Aufwallung . Seine zürnenden Augen schienen Feuer zu sprühen , seine grauen Locken sich zu sträuben , seine ohnehin sehr hohe Gestalt dehnte sich zu fast übermenschlicher Größe , während er laut und mit donnernder Stimme in ganz unverständliche Flüche und Verwünschungen ausbrach . Halb todt vor Schrecken , vor Angst , packte Moritz seine Pläne zusammen , suchte den Baron durch das Versprechen zu beruhigen , diesen Punkt nie wieder zu berühren , und tröstete sich im Stillen mit der sichern Aussicht , spätstens in wenigen Jahren hier bauen und einreißen zu können , ohne irgend jemand darum zuvor befragen zu müssen . Während Moritz sogleich nach der Ankunft der Reisenden den armen Ernesto mit einem unerträglichen Wortschwall in dem ihm angewiesnen Zimmer peinigte , schlich die zitternde Gabriele am Arm ihrer Dalling bis an die Thüre des Gemachs , in welchem ihr Vater sich befand . Frau Dalling trat allein zu dem Baron herein , um vom Erfolg der Reise ihm Rechenschaft abzulegen und ihn auf Gabrielens Ankunft vorzubereiten , doch er ließ sie nicht zum Worte kommen . » Gabriele ! « rief er mit gebietendem Ton , » Gabriele ! « Bebend , mit ausgebreiteten Armen , überschritt diese auf den Ruf die Schwelle . Ein gräßlicher Schrei des Barons fesselte sie an der Stelle , auf welcher sie stand . » Du ! « rief er , » du ! was willst du von mir ! « » Sie befahlen ja das Fräulein Gabriele , « sprach leise und zitternd Frau Dalling . Der Baron athmete tief auf ; » es ist Gabriele , « sprach er , sich selbst beruhigend , und blickte nach der Thüre , wo diese noch immer bleich und bebend in höchster Unentschlossenheit stand . Aber sein Blick war scheu , die Hand zitterte , mit der er ihr winkte näher zu treten , und seine Lippe bebte , indem er sie zu sich rief . Gabriele eilte herbei und kniete neben ihm hin . » Steh auf ! du bist wohl erschrocken ? « sprach der Baron , und bemühte sich , mild zu erscheinen . » Steh auf , ich erkannte dich nicht gleich . Ich glaubte , du wärst - ich hielt dich für - für etwas - für jemand anders . Steh auf , gieb mir die Hand . - Du bist gewachsen , wie es mir scheint , du bist - du gleichst sehr deiner Mutter ! ruhe aus , geh zu Bette , morgen , wenn ich aufgestanden bin , gleich nach dem Frühstück lasse ich dich rufen . Dann sprechen wir uns , jetzt geh . Geh mein Kind , « sprach er endlich und wollte lächeln , aber die starren Muskeln versagten ihm den Dienst , und sein Gesicht verzog sich wunderlich . Am andern Tage war Gabriele schon mit Sonnenaufgang bereit , vor ihrem Vater zu erscheinen , aber der Nachmittag ging vorüber , der Abend näherte sich , und noch immer ward sie nicht zu ihm gerufen . Seit er wieder zum Bewußtseyn gekommen war , blieb er älterer Gewohnheit getreu , und lebte nur in der Nacht . Gabriele hatte volle Muße , an Ernestos Hand das ganze Schloß zu durchwandern , und auch außer demselben alle die Plätze im Garten und Wald aufzusuchen , von welchen ihr vor kaum Jahresfrist das Scheiden so schmerzlich gewesen . Alles war wie damals . Die Blätter der Bäume begannen , sich roth , gelb und braun zu färben , ihre wohlgepflegten Blumen blühten in bunter , herbstlicher Pracht . Ihr zahmes Reh sprang ihr entgegen , sie fand ihre Tauben , ihre Vögel , ihre Hündchen , alle ihre freundlichen lieben Thiere wieder ; die treue Anhänglichkeit der Leute im Schlosse hatte für sie alles gepflegt und ihr aufbewahrt . Alles war wie damals , nur sie selbst war es nicht . Ihr waren die Freuden ihrer Kindheit im Gewirre des Lebens verloren gegangen ; abgeschiedne Geister mögen so in Wehmuth den Schauplatz ihres irdischen Lebens betrachten , wie Gabriele den ihres viel zu früh entschwundenen Frühlings . Auch Ernesto wandelte stumm und in sich gekehrt an ihrer Seite , trübe Erinnerungen drückten auch ihn nieder . » Am besten ist es , ich gehe heute , ich gehe jetzt gleich und suche meine Einsiedelei zwischen den Felsen auf , « sprach plötzlich Ernesto , indem er mit Gabrielen vor der Schloßbrücke stand . » Ich bedarf der Ruhe , « fuhr er fort , » ich bedarf der Arbeit ; hier komme ich zu keinem von beiden . Auch kann ich es nicht läugnen , dieser Vetter Moritz wird mir allmählig so lästig , daß ich fürchte , mich einst gegen ihn auf eine Art zu vergessen , die dieses , bei aller Lächerlichkeit doch höchst gutmüthige Wesen nicht verdient . Und so leben Sie wohl , Gabriele ! gedenken Sie Ihres Versprechens . Ich verlasse Sie jetzt unbesorgt , denn meine Entfernung von Ihnen ist zu gering , um irgend einer Befürchtung Raum zu geben . Auch werde ich schwerlich einen Tag vorübergehen lassen , ohne Sie zu sehen . « Eine unbeschreibliche Traurigkeit ergriff Gabrielen , indem Ernesto sich zum Weggehen wandte , obgleich sie gewiß war , ihn morgen wieder zu sehen . In ihm verlor sie den letzten ihrer Freunde , gleichsam den Repräsentanten aller ihrer Lieben . Ohne je Ottokars Namen vor ihm ausgesprochen zu haben , wußte sie doch , daß sie durch ihn , und allein durch ihn , von dem Fernen Kunde erhalten könne , sobald sie es wolle . Die furchtbare Macht des Augenblicks , die sie in ihrem kurzen Leben schon mehrmals erfahren hatte , fiel ihr schwer aufs Herz , indem sie Ernesto schon tiefer unten am Schloßberge wandeln sah . » Wenn ich ihn nie wieder sähe ! wenn er diese Nacht stürbe , und mit ihm jede Hoffnung , von Ottokar Kunde zu erhalten ! « Kaum in Worte gefaßt , erfüllte sie dieser Gedanke mit unaussprechlicher Angst ; von einer unsichtbaren Gewalt getrieben , rief sie , winkte sie . Ernesto sah noch einmal sich nach ihr um , sie flog den Felsen hinab , er eilte wieder hinauf ihr entgegen , und beide trafen an einem uralten steinernen Ruhesitz auf der Hälfte des Schloßberges wieder zusammen . » Ich möchte in meiner Einsamkeit gern aller meiner Freunde recht lebhaft gedenken , « sprach athemlos und tief erröthend Gabriele . » Die Tante , « fuhr sie in großer Verwirrung fort , » Aurelia , - und - Ernesto ! haben Sie keine Nachricht aus Rom ? « » Den Tag , ehe wir Karlsbad verließen , erhielt ich Briefe von dort , « erwiederte Ernesto und vermied es , Gabrielen anzusehen , um ihre Verwirrung nicht zu steigern . » Aurelia kränkelt oder glaubt zu kränkeln , die Luft in Rom sagt ihr nicht zu . Sie wird mit ihrer Mutter den Winter in Neapel zubringen , wo es freilich lustiger hergeht als in jenem , der Nemesis und der Vergangenheit geweihten großen Tempel , in der heiligen Roma , deren Andenken mich noch immer schmerzlich und freudig bewegt . Ottokar führt dort ein schönes , ernstes , der Erinnerung geweihtes Leben , unter den Trümmern versunkner Größe , unter den Wundern der Kunst . Ihn umgeben die ausgezeichnetsten Künstler , welche er gastfrei um sich zu versammlen weiß . Für jetzt hindern ihn Geschäfte daran , die Damen zu begleiten , vielleicht folgt er ihnen später nach , wenn das neue Jahr in jenen glücklichen Zonen den Frühling weckt . Annettens Stimme erscholl jetzt sehr ängstlich , sie rufte Gabrielen zu dem Vater und ersparte dieser dadurch die Verlegenheit einer Antwort auf Ernestos Erzählung . Den widerstrebendsten Gefühlen hingegeben , stieg sie , auf Annettens Arm gestützt , stumm und langsam den Felsen hinauf , während Ernesto sich gedankenvoll abwärts wandte . Noch schüchterner beklommen als in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes bei der Gräfin Rosenberg , betrat Gabriele das Zimmer , in welchem ihr Vater sie erwartete . Zu ihrem Erstaunen fand sie ihn von allen ihren Mappen umgeben . Ihre Stickereien , ihre Zeichnungen , ihre geschriebnen Auszüge aus Büchern , ihre Musikalien , alles lag auf einem großen Tische ausgebreitet vor ihm da . Auch ihre Laute , ihre Harfe , und ein schönes Fortepiano , welches einst ihrer Mutter angehörte , waren gestimmt und bereit . Auf des Barons Befehl hatte Frau Dalling alle diese Dinge müssen herbei schaffen lassen , während Gabriele mit Ernesto sich außer dem Schlosse befand . Jetzt begann ein förmliches Examen , in welchem der Baron mit großer Aufmerksamkeit und Sachkenntniß Gabrielen prüfte . Von allem , was sie früher und später erlernt hatte , mußte sie ihm Rechenschaft ablegen , von allem verlangte er Proben . Sie mußte auf sein Geheiß in fremden Sprachen ihm vorlesen und mit ihm sprechen , sie mußte singen , und auf den verschiednen Instrumenten sich hören lassen , welche eben zur Hand waren . Ihre Zeichnungen und andre künstliche Arbeiten betrachtete und beurtheilte er sehr verständig , und erforschte auch , wie weit ihr Unterricht in andrer wissenschaftlicher Hinsicht gereicht haben mochte . Zuerst wagte es Gabriele nur zitternd , auf seine Fragen zu antworten , doch allmählig gewann sie mehr Muth . Der Baron äußerte zwar keineswegs durch Worte seine Zufriedenheit mit dem , was sie leisten konnte , aber der Eifer , mit welchem er sie prüfte , die Aufmerksamkeit , deren er sie würdigte , bewiesen ihr solche . Vier Stunden waren auf diese Weise hingebracht worden , Mitternacht war nicht mehr fern , und Gabriele konnte sich vor Erschöpfung kaum noch aufrecht erhalten oder die Lippen regen , während ihr Vater noch immer unermüdet schien . » Nun ist es genug , « sprach er endlich , und machte mit der Hand eine verabschiedende Bewegung . » Ich weiß jetzt , daß du deine Zeit in der Stadt nicht schlecht angewendet hast , du hast viel und vieles gelernt . Ich bin zufrieden mit dir . Ruhe aus , morgen um die nehmliche Stunde lasse ich dich wieder rufen , bis dahin thue , was dir gefällt . « Gabriele vermochte es nicht , sich sogleich zu entfernen ; sie blieb stehen , als erwarte sie von ihm noch ein freundliches Wort , während er , in Gedanken verloren , vor sich hinstarrte . Auf ein kleines Geräusch vor der Thüre sah er sich um und ward Gabrielen gewahr , die mit bittendem Blicke noch dastand . » Warum gehst du nicht ? « fragte er , » du mußt die Nächte schlafen , deine Jugend verlangt dieß , meine Zeitordnung ist nicht für dich . Und nun genug , « sprach er nochmals mit gebietendem Ton , und winkte wieder mit der Hand , so daß Gabriele sich auf das schnellste entfernte , um ihm nicht widerspenstig zu erscheinen . An der Thüre begegnete ihr Moritz von Aarheim , der auf des Barons Einladung kam , um jetzt gegen Mitternacht bei dessen Mittagsessen gegenwärtig zu seyn . Ohnerachtet seines unruhigen Hanges zur Thätigkeit und seiner unermüdlichen Sprechlust , saß Moritz von Aarheim dennoch während der ganzen Mahlzeit schweigend und stumm dem Baron gegenüber und wartete nur auf eine Frage von diesem , um alsdann durch Antworten ein Gespräch herbei zu führen , das er so ohne alle Veranlassung nicht zu beginnen wagte . Des Barons gespenstisches , finsteres Wesen kam ihm unbeschreiblich grauenvoll vor . Und besonders seit jener heftigen Scene , die er bei Erwähnung eines künftigen Schloßbaues mit ihm gehabt hatte , ging er ihm gern überall aus dem Wege . Längst wäre er abgereist , wenn er nicht Gabrielens Ankunft hätte abwarten wollen , um das Eigenthum seines Verwandten doch nicht wieder ohne alle Aufsicht der Willkühr der Bedienten zu überlassen . Seit Gabriele und Frau Dalling in dieser Hinsicht seine Gegenwart überflüssig machten , hatte er nur auf eine Gelegenheit geharrt , sich beim Baron zu beurlauben , um dann sogleich abzureisen . Er hoffte , die Einladung für diesen Abend , die erste die er erhielt , dazu zu benutzen , und war fest entschlossen , gleich am andern Tage einem Aufenthalt zu entfliehen , der ihm höchst peinlich zu werden begann . Unter gegenseitigem Schweigen ward die Mahlzeit sehr schnell beendet . Der Baron stand auf , ein Wink von ihm entfernte auf das eiligste die Bedienten . Auch Moritz erhob sich und nahte sich dem Baron , um Abschied zu nehmen , aber dieser schritt feierlich dem Fenster zu , nahm wieder in seinem thronartigen Lehnsessel Platz und heftete , wie gewöhnlich , den starren Blick auf die dunkeln , ihm gegenüberliegenden Trümmer der Brandstätte . Der Mond war hinter ihnen aufgegangen , sein Licht blinkte durch die hohlen , ausgebrannten Fensterlücken , während die in Schatten gehüllten halb zerstörten Mauern scharf und schwarz sich auf dem von leichten Silberwölkchen überzognen Himmel zeichneten . In höchster Verlegenheit stand Moritz da , und wußte nicht , wie er es anfangen solle , um die Aufmerksamkeit des Barons auf sich zu ziehen , als dieser von selbst sich nach ihm umwandte . » Bleibt ! « rief er ihm zu , indem er gewahrte , daß jener sich abschiednehmend verbeugte ! » bleibt , ich habe mit Euch zu reden , Vetter ! setzt Euch zu mir . Ich will mein Haus bestellen und dann zur Ruhe , denn ich bin müde . « Moritz setzte sich erwartungsvoll auf ein Taburett , dem Baron gegenüber , das jener ihm anwies . » Ihr seyd mein erster Agnat , darum muß ich an Euch mich wenden , « sprach der Baron weiter . » Unterbrecht mich nicht , ich habe mit Euch zu reden , Ihr könnt mir nichts zu sagen haben , antwortet nur , wenn ich frage . Ihr seht dort die Brandstätte ; das weite Grab ! Wißt Ihr , was dort begraben liegt ? wißt Ihr es ? Schweigt ! Antwortet nicht . Wie kämt Ihr zu dieser Wissenschaft ! - Doch was Ihr fassen könnt , sollt Ihr erfahren . - Wenn ich todt bin , sind diese Burg , diese Güter Euer Eigenthum . Ich hinterlasse nichts weiter . Was sonst noch mein war , liegt auch dort unter jenem Schutthaufen begraben , begraben ; Gabriele behält nichts . « Mit hastiger Gutmüthigkeit und einem Schwall ein-und ausländischer Worte beeilte sich Moritz von Aarheim , den Baron über das künftige Schicksal seiner Tochter zu beruhigen , versprach , wie ein liebender Bruder für sie zu sorgen , sie in Schloß Aarheim , oder wo sie sonst wolle , wohnen zu lassen , und würde noch lange fortgesprochen haben , wenn nicht ein Blick auf den Baron ihm plötzlich die Zunge gelähmt hätte . Schrecklich , wie damals , als Moritz des Schloßbaues erwähnt hatte , stand der Alte vor ihm da , sichtbar kämpfend mit innerlichem Zorn , der konvulsivisch seine Gesichtszüge verzog und ihm die Sprache hemmte . » Frecher , eingebildeter Thor ! « brach endlich der Baron mit donnernder Stimme los . » Meint Ihr , der Freiherr Aarheim von Schloß Aarheim bettle bei Euch für seine Tochter ? Meint Ihr , der letzte echte Sproß des uralten Hauptstamms , zu dessen Nebenzweigen Ihr die Ehre habt Euch rechnen zu dürfen , könne von Euch Almosen nehmen ? « Bleich und zitternd stand Moritz von seinem Sitze auf ; der Baron war in dieser Minute wirklich furchtbar , doch schien er sich bald wieder zu besänftigen . » Ich sehe , « sprach er gelaßner , » Ihr habt nicht bedacht , was und zu wem Ihr redetet ; auch habe ich nicht mehr Zeit zum Zorn . « Mit diesen Worten nahm er wieder seinen Lehnstuhl ein und deutete mit einer Bewegung der Hand dem immer noch bebenden Moritz an , sich ebenfalls wieder zu setzen . » Ihr wißt jetzt , daß ich Euch nicht zu mir forderte , um von Euch etwas zu bitten . Ihr habt begriffen , daß dieß nie der Fall seyn kann ? « fragte der Baron . Moritz bejahete es mit einer stummen Verbeugung . » Ich bin es , der Euch beschenken will , « fuhr der Baron fort , » ich biete Euch eine köstlich hohe Gabe , vor wenigen Wochen noch hielt ich sie wohl der Hand eines Fürsten werth , und eigentlich ist sie es noch . Ich biete Euch Gabrielen , sie sey Eure Gemahlin . Antwortet noch nicht . Hört mich aus , ehe Ihr redet . Gleich vielen deutschen Fürstentöchtern , bringt Gabriele ihrem Gemahl keine Aussteuer . Mögen Krämer die bequeme Versorgung ihrer Töchter mit Golde aufwiegen , das reine edle Blut , das in Gabrielens Adern fließt , überhebt sie und ihres gleichen diesem elenden Zoll . « Jetzt schwieg der Baron und gab seinem Verwandten ein Zeichen , nun ebenfalls das Wort zu nehmen . Moritz versuchte es , in allen Sprachen Gabrielens Reize , ihre Talente und sein Glück bis zu den Sternen zu erheben . Dann aber wagte er es auch , einige bescheidne Zweifel über sich selbst und sein Werthseyn eines solchen Glücks zu äußern . Er erwähnte mit der größten Gutmüthigkeit sein Alter und seine Gestalt , als welche zu solchen Hoffnungen ihn keinesweges berechtigen könnten , und ermuthigte sich endlich sogar zu der Erklärung , das ihm dargebotne Glück , so reizend es sey , dennoch dem Zwange nicht verdanken zu wollen . » Niemand wird gezwungen , nicht Ihr , nicht Gabriele , « erwiederte der Baron . » Daß Gabriele schön ist , weiß ich ; ich sah in der Welt wenige , die in dieser Hinsicht mit ihr sich messen dürften , keine sah ich , die an Geist , Talent , Bildung ihr nahe käme . Jetzt , nach vierzig Jahren , bei eurer hochgepriesnen Kultur , mag das nun wohl anders seyn . Auch gebe ich Euch Gabrielens Hand nur als Ersatz für etwas , das ich von Euch fordern will ; die Freiherren von Aarheim waren immer gewohnt , kleine Leistungen groß zu lohnen . Gabriele wird nur unter der Bedingung die Eure , daß Ihr mir bei Eurer Ehre versprecht , das zu erfüllen , was ich im Moment , da sie für Euch sich erklärt , verlangen werde . Ihr dürft es ohne Sorgen . Unrechtes , Entehrendes forderte noch kein Freiherr von Aarheim . Wollt Ihr diese Bedingung eingehen ? « Moritz verbeugte sich abermals schweigend , denn aus Furcht , zu beleidigen , wagte er es nicht , den Mund zu öffnen . Der Baron ward jetzt sichtbarlich heitrer , es war , als beginne die Eisrinde um seine Brust sich zu lösen . » Vetter , von Euch kann ich nichts bitten und nichts annehmen , das seht Ihr wohl ein , und doch muß mein Wunsch erfüllt werden , « sprach er gewissermaßen mit behaglichem Zutrauen . » Es liegt mir mehr daran , als Ihr und die Welt zu fassen vermögen . Darum biete ich Euch den höchsten Lohn , den ich zu gewähren habe . Ihr werdet mein Sohn , und unser alter Stamm blüht vielleicht glorreich wieder auf . Um Gabrielens Versorgung willen thue ich nichts , für sie wäre auch ohne Euch gesorgt , selbst wenn sie Euch verschmäht , selbst dann ! « Hier versank der Baron aufs neue in tiefes Nachsinnen , er blickte unverwandt auf die jetzt vom Monde hell beleuchtete Brandstätte , und ward wieder zusehends düstrer . » Habt Ihr nie vom Virginius gehört ? vom Römer Virginius ? « fragte er nach einer ziemlich langen Pause plötzlich mit wunderlich heimlichem Ton . Moritz von Aarheim eilte , auf diese Frage bejahend zu antworten , und verbreitete sich darauf sehr weitläuftig in Lobpreisungen der Heldenthat des Römers , die er höchlich bewunderte1 . » Ultimo pegno d ' amor ricevi - libertade e morte , « rief er endlich aus . » Ich sehe , Vetter ! Ihr habt Euren Alfieri recht gut inne , « sprach der Baron , pegno d ' amor - libertade e morte . Freiheit und Tod : haltet Ihr die wirklich für Liebespfänder , wie Alfieri es dem Virginius in den Mund legt ? « Mit diesen Worten zog der Baron ein ganz kleines , hermetisch versiegeltes Fläschchen hervor , das er an einer goldnen Kette um den Hals hangen hatte . » Libertade e morte ! « rief er , und hielt das Fläschchen von geschliffnem Krystall hoch gegen das Licht , so daß es in bunten Farben blitzte und funkelte . » Kennt Ihr den diesen Gottheiten geweihten Lorbeer ? hier seht Ihr ihn , die Gelehrsamkeit verleumdet ihn zwar und nennt ihn falsch . Er ist der echte ! wer ihn errungen hat und ihn zu brauchen weiß , kümmert sich weder um Kronen noch Kränze , und trotzt dem Geschick wie den Gebietern der Welt . Virginius war ein Thor , sein blutiger Dolch erregt Entsetzen . Hier bedarf es nur eines balsamisch duftenden Hauches , und Gabriele tritt schmerzlos mit mir die Reise nach jenem Lande der Freiheit an . Nicht blutig , nicht entstellt , ihre Hülle bleibt die Zierde der Welt , so lange das Licht des Tages sie bescheint , die Oberfläche der Erde sie trägt . « Mit einem Schrei des Entsetzens warf Moritz von Aarheim sich unwillkürlich auf den Baron und strebte das Fläschchen ihm zu entreißen , doch dieser hielt ihn mit starkem Arm ferne von sich . » Was wollt Ihr ? « sprach er mit blitzenden Augen , » Ihr habt es ja selbst ausgesprochen , Libertade c morte , ultimo pegno d ' amor ! O ihr armen Thoren ! Was steht Ihr denn entzückt vor Bildern ? was preist ihr Thaten ? was prahlt Ihr mit Gesinnungen , die Euch mit Entsetzen erfüllen , wenn Ihr sie ins wirkliche Leben treten seht ? Seyd ruhig , ich gäbe Euch gern dieses Fläschchen , denn ich habe mehr dergleichen , wenn so etwas Euch nur anvertraut werden dürfte . Seyd ruhig ! Eure Person ist sicher , mit Euch hat kein Lorbeer etwas zu schaffen . Erfüllt meinen Willen , Gabriele wird die Eure , obgleich es mir leid um sie thut . Ihr wäre besser , sie ginge mit mir , ohne zu wissen , wohin die Hand des Vaters sie führt . Ein Hauch , und es wäre vorbei mit aller Noth und aller Langenweile , die sie bei Euch erwarten . Doch lebt wohl , beruhigt Euch , wir sehn uns morgen wieder , und nun geht ! « Bleich wie ein Todter , bebend vor innerem Grausen , durcheilte Moritz von Aarheim die langen düstern Gänge , welche zu seinem Zimmer führten . Kein Schlaf kam die ganze lange Nacht hindurch in seine Augen . Er blieb angekleidet . Unruhig wandelte er auf und ab und trat jeden Augenblick an das Fenster , um zu sehen , ob der Tag noch nicht zu grauen beginne . In dieser Minute blickte er auf zu Gabrielens Zimmer , und sah , wie der ruhige Schimmer ihrer Nachtlampe das Fenster schwach erhellte ; in der nächsten horchte er wieder hinaus , ob nicht etwa das Verderben herumschleiche , ob nicht leise Tritte hörbar würden ; doch alles blieb stille und ruhig . Endlich begann der Himmel , sich zu röthen . Moritz schlich sich auf die andre Seite des Schlosses und sah nach den Zimmern des Barons . Dort erloschen nach und nach alle Lichter , zum Zeichen , daß für jenen jetzt auch die Zeit der