wir in der gebildeten Welt die glücklichsten Menschen sein . Die Weiber , sagt man , sind eitel von Hause aus ; doch es kleidet sie , und sie gefallen uns um desto mehr . Wie kann ein junger Mann sich bilden , der nicht eitel ist ? Eine leere , hohle Natur wird sich wenigstens einen äußern Schein zu geben wissen , und der tüchtige Mensch wird sich bald von außen nach innen zu bilden . Was mich betrifft , so habe ich Ursache , mich auch deshalb für den glücklichsten Menschen zu halten , weil mein Handwerk mich berechtigt , eitel zu sein , und weil ich , je mehr ich es bin , nur desto mehr Vergnügen den Menschen schaffe . Ich werde gelobt , wo man andere tadelt , und habe , gerade auf diesem Wege , das Recht und das Glück , noch in einem Alter das Publikum zu ergötzen und zu entzücken , in welchem andere notgedrungen vom Schauplatz abtreten oder nur mit Schmach darauf verweilen . « Der Major hörte nicht gerne den Schluß dieser Betrachtungen . Das Wörtchen Eitelkeit , als er es vorbrachte , sollte nur zu einem Übergang dienen , um dem Freunde auf eine geschickte Weise seinen Wunsch vorzutragen ; nun fürchtete er , bei einem fortgesetzten Gespräch das Ziel noch weiter verrückt zu sehen , und eilte daher unmittelbar zum Zweck . » Für mich « , sagte er , » wäre ich gar nicht abgeneigt , auch zu deiner Fahne zu schwören , da du es nicht für zu spät hältst und glaubst , daß ich das Versäumte noch einigermaßen nachholen könne . Teile mir etwas von deinen Tinkturen , Pomaden und Balsamen mit , und ich will einen Versuch machen . « » Mitteilungen « , sagte der andere , » sind schwerer , als man denkt . Denn hier z.B. kommt es nicht allein darauf an , daß ich dir von meinen Fläschchen etwas abfülle und von den besten Ingredienzien meiner Toilette die Hälfte zurücklasse ; die Anwendung ist das Schwerste . Man kann das Überlieferte sich nicht gleich zu eigen machen ; wie dieses und jenes passe , unter was für Umständen , in welcher Folge die Dinge zu gebrauchen seien , dazu gehört Übung und Nachdenken ; ja selbst diese wollen kaum fruchten , wenn man nicht eben zu der Sache , wovon die Rede ist ein angebornes Talent hat . « » Du willst , wie es scheint « , versetzte der Major , » nun wieder zurücktreten . Du machst mir Schwierigkeiten , um deine freilich etwas fabelhaften Behauptungen in Sicherheit zu bringen . Du hast nicht Lust , mir einen Anlaß , eine Gelegenheit zu geben , deine Worte durch die Tat zu prüfen . « » Durch diese Neckereien , mein Freund « , versetzte der andere , » würdest du mich nicht bewegen , deinem Verlangen zu willfahren , wenn ich nicht selbst so gute Gesinnungen gegen dich hätte , wie ich es ja zuerst dir angeboten habe . Dabei bedenke , mein Freund , der Mensch hat gar eine eigne Lust , Proselyten zu machen , dasjenige , was er an sich schätzt , auch außer sich in andern zur Erscheinung zu bringen , sie genießen zu lassen , was er selbst genießt , und sich in ihnen wiederzufinden und darzustellen . Fürwahr , wenn dies auch Egoismus ist , so ist er der liebenswürdigste und lobenswürdigste , derjenige , der uns zu Menschen gemacht hat und uns als Menschen erhält . Aus ihm nehme ich denn auch , abgesehen von der Freundschaft , die ich zu dir hege , die Lust , einen Schüler in der Verjüngungskunst aus dir zu machen . Weil man aber von dem Meister erwarten kann , daß er keine Pfuscher ziehen will , so bin ich verlegen , wie wir es anfangen . Ich sagte schon : weder Spezereien noch irgendeine Anweisung ist hinlänglich ; die Anwendung kann nicht im Allgemeinen gelehrt werden . Dir zuliebe und aus Lust , meine Lehre fortzupflanzen , bin ich zu jeder Aufopferung bereit . Die größte für den Augenblick will ich dir sogleich anbieten . Ich lasse dir meinen Diener hier , eine Art von Kammerdiener und Tausendkünstler , der , wenn er gleich nicht alles zu bereiten weiß , nicht in alle Geheimnisse eingeweiht ist , doch die ganze Behandlung recht gut versteht und für den Anfang dir von großem Nutzen sein wird , bis du dich in die Sache so hineinarbeitest , daß ich dir die höheren Geheimnisse endlich auch offenbaren kann . « » Wie ! « rief der Major , » du hast auch Stufen und Grade deiner Verjüngungskunst ? Du hast noch Geheimnisse für die Eingeweihten ? « - » Ganz gewiß ! « versetzte jener . » Das müßte gar eine schlechte Kunst sein , die sich auf einmal fassen ließe , deren Letztes von demjenigen gleich geschaut werden könnte , der zuerst hereintritt . « Man zauderte nicht lange , der Kammerdiener ward an den Major gewiesen , der ihn gut zu halten versprach . Die Baronin mußte Schächtelchen , Büchschen und Gläser hergeben , sie wußte nicht wozu ; die Teilung ging vor sich , man war bis in die Nacht munter und geistreich zusammen . Bei dem späteren Aufgang des Mondes fuhr der Gast hinweg und versprach , in einiger Zeit zurückzukehren . Der Major kam ziemlich müde auf sein Zimmer . Er war früh aufgestanden , hatte sich den Tag nicht geschont und glaubte nunmehr das Bett bald zu erreichen . Allein er fand statt eines Dieners nunmehr zwei . Der alte Reitknecht zog ihn nach alter Art und Weise eilig aus ; aber nun trat der neue hervor und ließ merken , daß die eigentliche Zeit , Verjüngungs- und Verschönerungsmittel anzubringen , die Nacht sei , damit in einem ruhigen Schlaf die Wirkung desto sicherer vor sich gehe . Der Major mußte sich also gefallen lassen , daß sein Haupt gesalbt , sein Gesicht bestrichen , seine Augenbraunen bepinselt und seine Lippen betupft wurden . Außerdem wurden noch verschiedene Zeremonien erfordert ; sogar sollte die Nachtmütze nicht unmittelbar aufgesetzt , sondern vorher ein Netz , wo nicht gar eine feine lederne Mütze übergezogen werden . Der Major legte sich zu Bette mit einer Art von unangenehmer Empfindung , die er jedoch sich deutlich zu machen keine Zeit hatte , indem er gar bald einschlief . Sollen wir aber in seine Seele sprechen , so fühlte er sich etwas mumienhaft , zwischen einem Kranken und einem Einbalsamierten . Allein das süße Bild Hilariens , umgeben von den heitersten Hoffnungen , zog ihn bald in einen erquickenden Schlaf . Morgens zur rechten Zeit war der Reitknecht bei der Hand . Alles , was zum Anzuge des Herrn gehörte , lag in gewohnter Ordnung auf den Stühlen , und eben war der Major im Begriff , aus dem Bette zu steigen , als der neue Kammerdiener hereintrat und lebhaft gegen eine solche Übereilung protestierte . Man müsse ruhen , man müsse sich abwarten , wenn das Vorhaben gelingen , wenn man für so manche Mühe und Sorgfalt Freude erleben solle . Der Herr vernahm sodann , daß er in einiger Zeit aufzustehen , ein kleines Frühstück zu genießen und alsdann in ein Bad zu steigen habe , welches schon bereitet sei . Den Anordnungen war nicht auszuweichen , sie mußten befolgt werden , und einige Stunden gingen unter diesen Geschäften hin . Der Major verkürzte die Ruhezeit nach dem Bade , dachte sich geschwind in die Kleider zu werfen ; denn er war seiner Natur nach expedit und wünschte noch überdies , Hilarien bald zu begegnen ; aber auch hier trat ihm sein neuer Diener entgegen und machte ihm begreiflich , daß man sich durchaus abgewöhnen müsse , fertig werden zu wollen . Alles , was man tue , müsse man langsam und behaglich vollbringen , besonders aber die Zeit des Anziehens habe man als angenehme Unterhaltungsstunde mit sich selbst anzusehen . Die Behandlungsart des Kammerdieners traf mit seinen Reden völlig überein . Dafür glaubte sich aber auch der Major wirklich besser angezogen denn jemals , als er vor den Spiegel trat und sich auf das schmuckeste herausgeputzt erblickte . Ohne viel zu fragen , hatte der Kammerdiener sogar die Uniform moderner zugestutzt , indem er die Nacht auf diese Verwandlung wendete . Eine so schnell erscheinende Verjüngung gab dem Major einen besonders heitern Sinn , so daß er sich von innen und außen erfrischt fühlte und mit ungeduldigem Verlangen den Seinigen entgegeneilte . Er fand seine Schwester vor dem Stammbaume stehen , den sie hatte aufhängen lassen , weil abends vorher zwischen ihnen von einigen Seitenverwandten die Rede gewesen , welche , teils unverheiratet , teils in fernen Landen wohnhaft , teils gar verschollen , mehr oder weniger den beiden Geschwistern oder ihren Kindern auf reiche Erbschaften Hoffnung machten . Sie unterhielten sich einige Zeit darüber , ohne des Punktes zu erwähnen , daß sich bisher alle Familiensorgen und Bemühungen bloß auf ihre Kinder bezogen . Durch Hilariens Neigung hatte sich diese ganze Ansicht freilich verändert , und doch mochte weder der Major noch seine Schwester in diesem Augenblick der Sache weiter gedenken . Die Baronin entfernte sich , der Major stand allein vor dem lakonischen Familiengemälde . Hilarie trat an ihn heran , lehnte sich kindlich an ihn , beschaute die Tafel und fragte : wen er alles von diesen gekannt habe ? und wer wohl noch leben und übrig sein möchte ? Der Major begann seine Schilderung von den Ältesten , deren er sich aus seiner Kindheit nur noch dunkel erinnerte . Dann ging er weiter , zeichnete die Charaktere verschiedener Väter , die Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit der Kinder mit denselben , bemerkte , daß oft der Großvater im Enkel wieder hervortrete , sprach gelegentlich von dem Einfluß der Weiber , die , aus fremden Familien herüber heiratend , oft den Charakter ganzer Stämme verändern . Er rühmte die Tugend manches Vorfahren und Seitenverwandten und verschwieg ihre Fehler nicht . Mit Stillschweigen überging er diejenigen , deren man sich hätte zu schämen gehabt . Endlich kam er an die untersten Reihen . Da stand nun sein Bruder , der Obermarschall , er und seine Schwester und unten drunter sein Sohn und daneben Hilarie . » Diese sehen einander gerade genug ins Gesicht « , sagte der Major und fügte nicht hinzu , was er im Sinne hatte . Nach einer Pause versetzte Hilarie bescheiden , halblaut und fast mit einem Seufzer : » Und doch wird man denjenigen niemals tadeln , der in die Höhe blickt ! « Zugleich sah sie mit ein paar Augen an ihm hinauf , aus denen ihre ganze Neigung hervorsprach . - » Versteh ' ich dich recht ? « sagte der Major , indem er sich zu ihr wendete . - » Ich kann nichts sagen « , versetzte Hilarie lächelnd , » was Sie nicht schon wissen . « - » Du machst mich zum glücklichsten Menschen unter der Sonne ! « rief er aus und fiel ihr zu Füßen . » Willst du mein sein ? « - » Um Gottes willen stehen Sie auf ! Ich bin dein auf ewig . « Die Baronin trat herein . Ohne überrascht zu sein , stutzte sie . - » Wäre es ein Unglück « , sagte der Major , » Schwester ! so ist die Schuld dein ; als Glück wollen wir ' s dir ewig verdanken . « Die Baronin hatte ihren Bruder von Jugend auf dergestalt geliebt , daß sie ihn allen Männern vorzog , und vielleicht war selbst die Neigung Hilariens aus dieser Vorliebe der Mutter , wo nicht entsprungen , doch gewiß genährt worden . Alle drei vereinigten sich nunmehr in einer Liebe , einem Behagen , und so flossen für sie die glücklichsten Stunden dahin . Nur wurden sie denn doch zuletzt auch wieder die Welt um sich her gewahr , und diese steht selten mit solchen Empfindungen im Einklang . Nun dachte man auch wieder an den Sohn . Ihm hatte man Hilarien bestimmt , das ihm sehr wohl bekannt war . Gleich nach Beendigung des Geschäfts mit dem Obermarschall sollte der Major seinen Sohn in der Garnison besuchen , alles mit ihm abreden und diese Angelegenheiten zu einem glücklichen Ende führen . Nun war aber durch ein unerwartetes Ereignis der ganze Zustand verruckt ; die Verhältnisse , die sonst sich freundlich ineinanderschmiegten , schienen sich nunmehr anzufeinden , und es war schwer vorauszusehen , was die Sache für eine Wendung nehmen , was für eine Stimmung die Gemüter ergreifen würde . Indessen mußte sich der Major entschließen , seinen Sohn aufzusuchen , dem er sich schon angemeldet hatte . Er machte sich nicht ohne Widerwillen , nicht ohne sonderbare Ahnung , nicht ohne Schmerz , Hilarien auch nur auf kurze Zeit zu verlassen , nach manchem Zaudern auf den Weg , ließ Reitknecht und Pferde zurück und fuhr mit seinem Verjüngungsdiener , den er nun nicht mehr entbehren konnte , der Stadt , dem Aufenthalte seines Sohnes , entgegen . Beide begrüßten und umarmten sich nach so langer Trennung aufs herzlichste . Sie hatten einander viel zu sagen und sprachen doch nicht sogleich aus , was ihnen zunächst am Herzen lag . Der Sohn erging sich in Hoffnungen eines baldigen Avancements ; wogegen ihm der Vater genaue Nachricht gab , was zwischen den ältern Familiengliedern wegen des Vermögens überhaupt , wegen der einzelnen Güter und sonst verhandelt und beschlossen worden . Das Gespräch fing schon einigermaßen an zu stocken , als der Sohn sich ein Herz faßte und zu dem Vater lächelnd sagte : » Sie behandeln mich sehr zart , lieber Vater , und ich danke Ihnen dafür . Sie erzählen mir von Besitztümern und Vermögen und erwähnen der Bedingung nicht , unter der , wenigstens zum Teil , es mir eigen werden soll ; Sie halten mit dem Namen Hilariens zurück , Sie erwarten , daß ich ihn selbst ausspreche , daß ich mein Verlangen zu erkennen gebe , mit dem liebenswürdigen Kinde bald vereinigt zu sein . « Der Major befand sich bei diesen Worten des Sohnes in großer Verlegenheit ; da es aber teils seiner Natur , teils einer alten Gewohnheit gemäß war , den Sinn des andern , mit dem er zu verhandeln hatte , zu erforschen , so schwieg er und blickte den Sohn mit einem zweideutigen Lächeln an . - » Sie erraten nicht , mein Vater , was ich zu sagen habe « , fuhr der Lieutenant fort , » und ich will es nur rasch ein für allemal herausreden . Ich kann mich auf Ihre Güte verlassen , die , bei so vielfacher Sorge für mich , gewiß auch an mein wahres Glück gedacht hat . Einmal muß es gesagt sein , und so sei es gleich gesagt : Hilarie kann mich nicht glücklich machen ! Ich gedenke Hilariens als einer liebenswürdigen Anverwandten , mit der ich zeitlebens in den freundschaftlichsten Verhältnissen stehen möchte ; aber eine andere hat meine Leidenschaft erregt , meine Neigung gefesselt . Unwiderstehlich ist dieser Hang ; Sie werden mich nicht unglücklich machen . « Nur mit Mühe verbarg der Major die Heiterkeit , die sich über sein Gesicht verbreiten wollte , und fragte den Sohn mit einem milden Ernst : wer denn die Person sei , welche sich seiner so gänzlich bemächtigen können . - » Sie müssen dieses Wesen sehen , mein Vater : denn sie ist so unbeschreiblich als unbegreiflich . Ich fürchte nur , Sie werden selbst von ihr hingerissen , wie jedermann , der sich ihr nähert . Bei Gott ! ich erlebe es und sehe Sie als den Rival Ihres Sohnes . « » Wer ist sie denn ? « fragte der Major . » Wenn du ihre Persönlichkeit zu schildern nicht imstande bist , so erzähle mir wenigstens von ihren äußern Umständen : denn diese sind doch wohl eher auszusprechen . « - » Wohl , mein Vater ! « versetzte der Sohn ; » und doch würden auch diese äußeren Umstände bei einer andern anders sein , anders auf eine andere wirken . Sie ist eine junge Witwe , Erbin eines alten , reichen , vor kurzem verstorbenen Mannes , unabhängig und höchst wert , es zu sein , von vielen umgeben , von ebenso vielen geliebt , von ebenso vielen umworben , doch , wenn ich mich nicht sehr betriege , mir von Herzen angehörig . « Mit Behaglichkeit , weil der Vater schwieg und kein Zeichen der Mißbilligung äußerte , fuhr der Sohn fort , das Betragen der schönen Witwe gegen ihn zu erzählen , jene unwiderstehliche Anmut , jene zarten Gunstbezeigungen einzeln herzurühmen , in denen der Vater freilich nur die leichte Gefälligkeit einer allgemein gesuchten Frau erkennen konnte , die unter vielen wohl irgendeinen vorzieht , ohne sich eben für ihn ganz und gar zu entscheiden . Unter jeden andern Umständen hätte er gewiß gesucht , einen Sohn , ja nur einen Freund auf den Selbstbetrug aufmerksam zu machen , der wahrscheinlich hier obwalten könnte ; aber diesmal war ihm selbst so viel daran gelegen , wenn der Sohn sich nicht täuschen , wenn die Witwe ihn wirklich lieben und sich so schnell als möglich zu seinen Gunsten entscheiden möchte , daß er entweder kein Bedenken hatte oder einen solchen Zweifel bei sich ablehnte , vielleicht auch nur verschwieg . » Du setzest mich in große Verlegenheit « , begann der Vater nach einiger Pause . » Die ganze Übereinkunft zwischen den übriggebliebenen Gliedern unsers Geschlechts beruht auf der Voraussetzung , daß du dich mit Hilarien verbindest . Heiratet sie einen Fremden , so ist die ganze , schöne , künstliche Vereinigung eines ansehnlichen Vermögens wieder aufgehoben , und du besonders in deinem Teile nicht zum besten bedacht . Es gäbe wohl noch ein Mittel , das aber ein wenig sonderbar klingt und wobei du auch nicht viel gewinnen würdest : ich müßte noch in meinen alten Tagen Hilarien heiraten , wodurch ich dir aber schwerlich ein großes Vergnügen machen würde . « » Das größte von der Welt ! « rief der Lieutenant aus ; » denn wer kann eine wahre Neigung empfinden , wer kann das Glück der Liebe genießen oder hoffen , ohne daß er dieses höchste Glück einem jeden Freund , einem jeden gönnte , der ihm wert ist ! Sie sind nicht alt , mein Vater ; wie liebenswürdig ist nicht Hilarie ! und schon der vorüberschwebende Gedanke , ihr die Hand zu bieten , zeugt von einem jugendlichen Herzen , von frischer Mutigkeit . Lassen Sie uns diesen Einfall , diesen Vorschlag aus dem Stegreife ja recht gut durchsinnen und ausdenken . Dann würde ich erst recht glücklich sein , wenn ich Sie glücklich wüßte ; dann würde ich mich erst recht freuen , daß Sie für die Sorgfalt , mit der Sie mein Schicksal bedacht , an sich selbst so schön und höchlich belohnt würden . Nun führe ich sie erst mutig , zutraulich und mit recht offnem Herzen zu meiner Schönen . Sie werden meine Empfindungen billigen , weil Sie selbst fühlen ; Sie werden dem Glück eines Sohnes nichts in den Weg legen , weil Sie Ihrem eigenen Glück entgegengehen . « Mit diesen und andern dringenden Worten ließ der Sohn den Vater , der manche Bedenklichkeiten einstreuen wollte , nicht Raum gewinnen , sondern eilte mit ihm zur schönen Witwe , welche sie in einem großen , wohleingerichteten Hause , umgeben von einer zwar nicht zahlreichen , aber ausgesuchten Gesellschaft , in heiterer Unterhaltung antrafen . Sie war eins von den weiblichen Wesen , denen kein Mann entgeht . Mit unglaublicher Gewandtheit wußte sie den Major zum Helden dieses Abends zu machen . Die übrige Gesellschaft schien ihre Familie , der Major allein der Gast zu sein . Sie kannte seine Verhältnisse recht gut , und doch wußte sie darnach zu fragen , als wenn sie alles erst von ihm recht erfahren wollte ; und so mußte auch jedes von der Gesellschaft schon irgendeinen Anteil an dem Neuangekommenen zeigen . Der eine mußte seinen Bruder , der andere seine Güter und der Dritte sonst wieder etwas gekannt haben , so daß der Major bei einem lebhaften Gespräch sich immer als den Mittelpunkt fühlte . Auch saß er zunächst bei der Schönen ; ihre Augen waren auf ihn , ihr Lächeln an ihn gerichtet ; genug , er fand sich so behaglich , daß er beinahe die Ursache vergaß , warum er gekommen war . Auch erwähnte sie seines Sohnes kaum mit einem Worte , obgleich der junge Mann lebhaft mitsprach ; er schien für sie , wie die übrigen alle , heute nur um des Vaters willen gegenwärtig . Frauenzimmerliche Handarbeiten , in Gesellschaft unternommen und scheinbar gleichgültig fortgesetzt , erhalten durch Klugheit und Anmut oft eine wichtige Bedeutung . Unbefangen und emsig fortgesetzt , geben solche Bemühungen einer Schönen das Ansehen völliger Unaufmerksamkeit auf die Umgebung und erregen in derselben ein stilles Mißgefühl . Dann aber , gleichsam wie beim Erwachen , ein Wort , ein Blick versetzt die Abwesende wieder mitten in die Gesellschaft , sie erscheint als neu willkommen ; legt sie aber gar die Arbeit in den Schoß nieder , zeigt sie Aufmerksamkeit auf eine Erzählung , einen belehrenden Vortrag , in welchem sich die Männer so gern ergehen , dies wird demjenigen höchst schmeichelhaft , den sie dergestalt begünstigt . Unsere schöne Witwe arbeitete auf diese Weise an einer so prächtigen als geschmackvollen Brieftasche , die sich noch überdies durch ein größeres Format auszeichnete . Diese ward nun eben von der Gesellschaft besprochen , von dem nächsten Nachbar aufgenommen , unter großen Lobpreisungen der Reihe nach herumgegeben , indessen die Künstlerin sich mit dem Major von ernsten Gegenständen besprach ; ein alter Hausfreund rühmte das beinahe fertige Werk mit Übertreibung , doch als solches an den Major kam , schien sie es als seiner Aufmerksamkeit nicht wert von ihm ablehnen zu wollen , wogegen er auf eine verbindliche Weise die Verdienste der Arbeit anzuerkennen verstand , inzwischen der Hausfreund darin ein penelopeisch zauderhaftes Werk zu sehen glaubte . Man ging in den Zimmern auf und ab und gesellte sich zufällig zusammen . Der Lieutenant trat zu der Schönen und fragte : » Was sagen Sie zu meinem Vater ? « Lächelnd versetzte sie : » Mich deucht , daß Sie ihn wohl zum Muster nehmen könnten . Sehn Sie nur , wie nett er angezogen ist ! Ob er sich nicht besser trägt und hält als sein lieber Sohn ! « So fuhr sie fort , den Vater auf Unkosten des Sohnes zu beschreien und zu loben und eine sehr gemischte Empfindung von Zufriedenheit und Eifersucht in dem Herzen des jungen Mannes hervorzubringen . Nicht lange , so gesellte sich der Sohn zum Vater und erzählte ihm alles haarklein wieder . Der Vater betrug sich nur desto freundlicher gegen die Witwe , und sie setzte sich gegen ihn schon auf einen lebhafteren , vertraulichern Ton . Kurz , man kann sagen , daß , als es zum Scheiden ging , der Major so gut als die übrigen alle ihr und ihrem Kreise schon angehörte . Ein stark einfallender Regen hinderte die Gesellschaft , auf die Weise nach Hause zu kehren , wie sie gekommen war . Einige Equipagen fuhren vor , in welche man die Fußgänger verteilte ; nur der Lieutenant , unter dem Vorwande , man sitze ohnehin schon zu enge , ließ den Vater fortfahren und blieb zurück . Der Major , als er in sein Zimmer trat , fühlte sich wirklich in einer Art von Taumel , von Unsicherheit seiner selbst , wie es denen geht , die schnell aus einem Zustande in den entgegengesetzten übertreten . Die Erde scheint sich für den zu bewegen , der aus dem Schiffe steigt , und das Licht zittert noch im Auge dessen , der auf einmal ins Finstere tritt . So fühlte sich der Major noch von der Gegenwart des schönen Wesens umgeben . Er wünschte , sie noch zu sehen , zu hören , sie wieder zu sehen , wieder zu hören ; und nach einiger Besinnung verzieh er seinem Sohne , ja er pries ihn glücklich , daß er Ansprüche machen dürfe , soviel Vorzüge zu besitzen . Aus diesen Empfindungen riß ihn der Sohn , der mit einer lebhaften Entzückung zur Türe hereinstürzte , den Vater umarmte und ausrief : » Ich bin der glücklichste Mensch von der Welt ! « Nach solchen und ähnlichen Ausrufen kam es endlich unter beiden zur Aufklärung . Der Vater bemerkte , daß die schöne Frau im Gespräch gegen ihn des Sohnes auch nicht mit einer Silbe erwähnt habe . - » Das ist eben ihre zarte , schweigende , halb schweigende , halb andeutende Manier , wodurch man seiner Wünsche gewiß wird und sich doch immer des Zweifels nicht ganz erwehren kann . So war sie bisher gegen mich ; aber Ihre Gegenwart , mein Vater , hat Wunder getan . Ich gestehe es gern , daß ich zurückblieb , um sie noch einen Augenblick zu sehen . Ich fand sie in ihren erleuchteten Zimmern auf und ab gehen ; denn ich weiß wohl , es ist ihre Gewohnheit : wenn die Gesellschaft weg ist , darf kein Licht ausgelöscht werden . Sie geht allein in ihren Zaubersälen auf und ab , wenn die Geister entlassen sind , die sie hergebannt hat . Sie ließ den Vorwand gelten , unter dessen Schutz ich zurückkam . Sie sprach anmutig , doch von gleichgültigen Dingen . Wir gingen hin und wider durch die offenen Türen die ganze Reihe der Zimmer durch . Wir waren schon einigemale bis ans Ende gelangt , in das kleine Kabinett , das nur von einer trüben Lampe erhellt ist . War sie schön , wenn sie sich unter den Kronleuchtern her bewegte , so war sie es noch unendlich mehr , beleuchtet von dem sanften Schein der Lampe . Wir waren wieder dahin gekommen und standen beim Umkehren einen Augenblick still . Ich weiß nicht , was mir die Verwegenheit abnötigte , ich weiß nicht , wie ich es wagen konnte , mitten im gleichgültigsten Gespräch auf einmal ihre Hand zu fassen , diese zarte Hand zu küssen , sie an mein Herz zu drücken . Man zog sie nicht weg . Himmlisches Wesen , rief ich , verbirg dich nicht länger vor mir . Wenn in diesem schönen Herzen eine Neigung wohnt für den Glücklichen , der vor dir steht , so verhülle sie nicht länger , offenbare sie , gestehe sie ! es ist die schönste , es ist die höchste Zeit . Verbanne mich oder nimm mich in deinen Armen auf ! Ich weiß nicht , was ich alles sagte , ich weiß nicht , wie ich mich gebärdete . Sie entfernte sich nicht , sie widerstrebte nicht , sie antwortete nicht . Ich wagte es , sie in meine Arme zu fassen , sie zu fragen , ob sie die Meinige sein wolle . Ich küßte sie mit Ungestüm ; sie drängte mich weg . - Ja doch , ja ! oder so etwas sagte sie halblaut und wie verworren . Ich entfernte mich und rief : Ich sende meinen Vater , der soll für mich reden ! - Kein Wort mit ihm darüber ! versetzte sie , indem sie mir einige Schritte nachfolgte . Entfernen Sie sich , vergessen Sie , was geschehen ist . « Was der Major dachte , wollen wir nicht entwickeln . Er sagte jedoch zum Sohne : » Was glaubst du nun , was zu tun sei ? Die Sache ist , dächt ' ich , aus dem Stegreife gut genug eingeleitet , daß wir nun etwas förmlicher zu Werke gehen können , daß es vielleicht sehr schicklich ist , wenn ich mich morgen dort melde und für dich anhalte . « - » Um Gottes willen , mein Vater ! « rief er aus , » das hieße die ganze Sache verderben . Jenes Betragen , jener Ton will durch keine Förmlichkeit gestört und verstimmt sein . Es ist genug , mein Vater , daß Ihre Gegenwart diese Verbindung beschleunigt , ohne daß Sie ein Wort aussprechen . Ja , Sie sind es , dem ich mein Glück schuldig bin ! Die Achtung meiner Geliebten für Sie hat jeden Zweifel besiegt , und niemals würde der Sohn einen so glücklichen Augenblick gefunden haben , wenn ihn der Vater nicht vorbereitet hätte . « Solche und ähnliche Mitteilungen unterhielten sie bis tief in die Nacht . Sie vereinigten sich wechselseitig über ihre Plane ; der Major wollte bei der schönen Witwe nur noch der Form wegen einen Abschiedsbesuch machen und sodann seiner Verbindung mit Hilarien entgegengehen ; der Sohn sollte die seinige befördern und beschleunigen , wie es möglich wäre . Viertes Kapitel Der schönen Witwe machte unser Major einen Morgenbesuch , um Abschied zu nehmen und , wenn es möglich wäre , die Absicht seines Sohnes mit Schicklichkeit zu fördern . Er fand sie in zierlichster Morgenkleidung in Gesellschaft einer ältern Dame , die durch ein höchst gesittetes , freundliches Wesen ihn alsobald einnahm . Die Anmut der Jüngern , der Anstand der Älteren setzten das Paar in das wünschenswerteste Gleichgewicht , auch schien ihr wechselseitiges Betragen durchaus dafür zu sprechen , daß sie einander angehörten . Die Jüngere schien eine fleißig gearbeitete , uns von gestern schon bekannte Brieftasche soeben vollendet zu haben ; denn nach den gewöhnlichen Empfangsbegrüßungen und verbindlichen Worten eines willkommenen Erscheinens wendete sie sich zur Freundin und reichte das künstliche Werk hin , gleichsam ein unterbrochenes Gespräch wieder anknüpfend : » Sie sehen also , daß ich doch fertig geworden bin , wenn es gleich wegen manchen Zögerns