. Unser Leben , unser Treiben ist noch ganz dasselbe , wie ich es Dir im vorigen Jahre schilderte . Noch haben wir nirgends eine Lücke bemerkt , und ich hoffe , als ein altes Mütterchen werde ich dir nichts anders zu sagen haben als : » Wir sind glücklich . « In diesem Frühjahre machten wir unsere erste Zuckerernte in den Ahornwäldern , alles legte Hand an , selbst die Kinder . Der Ertrag ist so reichlich gewesen , daß , auch bei verschwenderischem Verbrauch , unser Bedarf auf drei Jahre gesichert sein würde . Wir schicken die Hälfte nach Louisville , auch Tabak und Farbekräuter , mit deren Erzeugung Stauffach sich emsig beschäftigt ; er hat uns schon die schönsten Garne und Gewebe gefärbt . Frank erwirbt sich um das Maschinenwesen unsterbliche Verdienste , Antonio hat einen Speicher im rein antiken Stil erbaut , Vanhusen und seine Gehülfen haben uns die seltensten Früchte und Blumen gezogen , die herrlichsten Gruppen von Bäumen auf Bergen und am Rande der Savannen gepflanzt , auch mancherlei Heilkräuter , nach Salvitos Anweisung , angebauet . Dieser Schutzgott unserer Nachbarn hat seine versprochene Reise den Schawanoe hinauf gemacht , und das von ihm , durch Rat und Tat , gestiftete Gute ist nicht zu berechnen . Seine chemischen Kenntnisse kommen uns überall zustatten , besonders bei der Kelter . Unser Wein verspricht ganz vorzüglich zu werden , selbst der Palmensekt und das Birkwasser sind ziemlich haltbar . Die Feldbauer , nebst ihren weißen und schwarzen Gehülfen , haben Überfluß erzeugt , Maria und Lucia bleichen das schönste Gespinst im Sonnenstrahl und im Schimmer des Mondes , und die Seidenwürmer haben mit uns um die Wette gesponnen ; auch von ihrer Arbeit werden Proben nach Louisville gehen . Das Vieh gedeihet herrlich . Mein Milchgewölbe hat Überfluß , ungeachtet mehr als die Hälfte des Mutterviehes die Kälber großgesäugt hat . So im Schoße des Überflusses , liebend und geliebt , frei und im Frieden mit der ganzen Welt , ruhig in die Vergangenheit , heiter in die Zukunft blickend , gibt es eine beneidenswertere Lage als die unsere ? Oh , ich möchte der ganzen gepreßten Welt zurufen : Flüchtet euch in die Wildnisse von Amerika ! Nur am Mississippi , am Missouri , in den Wäldern von Louisiana wohnt der Friede , lächelt das Glück . Aber das Gemüt dafür muß man mitbringen , Kenntnisse und Tätigkeit , dann findet man sein Eden hier oder nirgends . Wir haben erfahren , daß ein großer Teil unserer Landsleute nach diesem Weltteil sich gewendet hat und daß Joseph Napoleon willens ist , nahe bei Baltimore eine Stadt zu gründen . Ja , ja , die Trojaner flohen aus ihren brennenden Mauern nach mehreren Gegenden hin , aber nur Äneas rettete die Heiligtümer aus den prasselnden Flammen und barg sie in Silvius ' dunklen , nächtlichen Hain . Laß mir den kühnen Gedanken : Mucius und seine Freunde sind jener Äneas mit seinen Gefährten , das Schicksal gefällt sich in solcher Wiederholung . Hierher , in die Wälder von Kentucky retteten wir unsere Götterbilder ; werden sie einst , wie Trojas Götter , ein großes , freies und hochherziges Volk verbinden ? Oh , du Ewiger über den Sternen , wir hoffen es ! Josephs Stadt wird nie ein Rom werden ; man wird darin Schauspielhäuser und Kirchen bauen , Kaffeehäuser und Tanzsäle errichten , kokettieren , kabalieren , scheinen , schmeicheln und repräsentieren , wie ehemals ! Die großen Lehren der Zeit gehen an diesem Geschlechte verloren ; fern von uns jede Gemeinschaft mit demselben ! Selbst Napoleon , der bewundernswerte , würde in unserm Freistaate sehr unwillkommen sein ; einmal vom Taumelkelche der Herrschaft berauscht , taugt schwerlich jemals ein Mensch auf dem Platze des harmlosen Bürgers . Er , der Feuergeist , war dazu geschaffen , ein in wilde Parteien zerspaltenes Volk zu vereinen und zu halten , ja die Erde unter eine Alleinherrschaft zu bringen ; in einen wahren Freistaat paßt er nicht . Vielleicht hätte er einst den Frieden der Welt und die Vereinigung der Völker , auf einem andern Wege , herbeigeführt . Lange glaubte ich , diesen Plan des Schicksals in dem Laufe der Dinge zu sehen , doch plötzlich verwandelt sich das Welttheater , und noch läßt sich nichts Bestimmtes über den Inhalt des nächsten Akts sagen , der Knoten ist von neuem geschürzt und die Entwickelung weiter hinausgeschoben . Aber meine Wünsche , unsere Wünsche , sind dieselben geblieben , Friede und Freiheit der Welt , Wahrheit und Gerechtigkeit herrschend und das physische Dasein auch dem Letzten der Sterblichen , ohne harte Sorgen und Not , gesichert . Wir mußten diesen Wünschen , diesen Hoffnungen einen andern Stützpunkt geben , um nicht mit hinabgezogen zu werden in dem allgemeinen Untergang . Wir fanden ihn , verzeihe dem kühnen Gedanken , wir suchten ihn wenigstens in der Kolonie von Kentucky . Kultur , mit Sitteneinfalt im Bunde , sollten hier , in der Verborgenheit , ein Geschlecht großziehen , welches vielleicht einst den Völkern zum Vorbilde und Vereinigungspunkte dienen könnte . Das mächtige Troja fiel unter den vereinten Kräften der Griechen , aber Äneas rettete die Schutzgötter des Reichs , er und seine jungen Gefährten gründeten Alba und bargen die Heiligtümer in seinen dichtverwachsenen Hainen . Das schwache Häuflein wuchs , seine Urenkel erbauten die Siebenhügelstadt , und heilbringend zogen die Götter ihrer Ahnen bei ihnen ein . Solange ihr Dienst noch unentweiht bestand , war Rom glücklich und groß . Wehe , auch das große , auch das glückliche Rom versank ! Woran mahnt mich diese Erinnerung des ewigen Wechsels ! Wird denn die Entwicklung des Menschengeschlechts ewig den Kreislauf gehen , sein Zustand niemals Dauer erhalten ? Werden die Blätter der Geschichte ewig vergebens für uns geschrieben sein ? Verzweifeln würde ich , müßte ich dies als unwandelbares Gesetz anerkennen , ich kann , ich will es nicht denken . Eine köstliche Frucht bedarf lange Zeit zu ihrer Reife . Rauhe Stürme streiften ihre Blüten ab , lange liegt sie in harter Schale verborgen , mitten in den Ungewittern , sie hat die Fröste der Nacht und den sengenden Strahl des Mittags überdauert , aber an der milden Sonne des Herbstes wird sie die Schale öffnen , und der süße Kern dringt gezeitigt hervor . Möge er lange dauern , der Herbst ! Wir haben gestern ein freundliches Fest gefeiert , Humphrys Hochzeit mit einem sanften deutschen Mädchen . Wir führten , in feierlichem Aufzuge , das mit Myrten und Rosen gekränzte Brautpaar zum Tempel . Sie wechselten am Altar die Ringe und sprachen laut den Schwur der ewigen Treue ; die Eltern der Braut segneten sie , und wir alle beteten für ihr Glück . Ein frohes Mahl unter den Platanen vereinte die ganze Kolonie ; der Becher ging fleißig umher , und mancher herzliche Trinkspruch wurde ausgebracht . Wir haben dabei des Heils unsrer europäischen Brüder nicht vergessen ; auch auf Deine Gesundheit wurde der Becher geleert . Der Tanz , welchen unsre Neger besonders leidenschaftlich lieben , dauerte bis spät in die Nacht , und erst gegen Morgen wurden die Neuvermählten , trotz Mondenlicht und Frührotsschimmer , mit Fackeln zu ihrer neuen Wohnung geführt . Es gewährte einen eigenen , schönen Anblick , wie der Zug , bei dem hellen Fackelschein , durch das lange Tal wallte und wie das Licht die Baumgruppen erhellte und dann neue Schatten warf . Es ist wieder ein schöner Vorwurf für Pinellis Kunst , welche er fleißig übt . Humphrys Wohnung liegt im deutschen Dorfe , eine Viertelstunde von hier . Sobald die Vermählten die Kammer betraten , wurden die Fackeln an der Schwelle des Hauses gelöscht , man rief » Hymen ! Hymenäus ! « , und der ganze Zug ging zu seinen Häusern zurück . Kindliche Nachahmungen altgriechischer Sitten , wie schmeicheln sie die Phantasie in jenes schöne Zeitalter hinüber , wo das Menschliche mit dem Göttlichen noch verschwistert war , wo der dünkelvolle Erdensohn sich noch nicht losgerissen hatte von dem leitenden Bande seiner Mutter Natur ! Uns , vor allem Mucius und mich , Dupont und Zephyrinen , ziehen die griechischen Lebensformen mächtig an ; es waren die Sitten unserer Ahnen , Abkömmlinge jener Messenier , welche Marseille gründeten ; wie jeder Provenzale es mit geheimem Stolze rühmt , hat jede Erinnerung an sie einen namenlosen Reiz für uns . Es ist unsere Lieblingsunterhaltung , die älteren griechischen Dichter und Prosaisten zu lesen , welche Mucius meisterhaft und aus dem Stegreif übersetzt ; mit ihnen haben wir die kurze Zeit des leichten Winters sehr angenehm ausgefüllt . Selten kam mein Ossian an die Reihe , obschon die meisten der übrigen ihn besonders lieben , weil sie ihn ohne Auslegung verstehen . Auch bei mir steht er noch in hohem Werte , wenngleich meine Stimmung mich seltener zu ihm hinzieht . Ossian ist der Sänger der Schwermut , und rings um mich her herrscht heitere Lebensfreude . In die Lethe versenkt sind die Bilder der düstern Vergangenheit , eine neue Sonne , ein neues Dasein ist für uns alle aufgegangen . Mag Europa nun schnitzeln und künsteln an seinen Formen , wir haben sie von uns geworfen , mit einem mutigen Wurf ; und wie auch die Verwirrung herrsche , uns berührt sie nicht . Arme Adele , könnte ich doch Dich hierher retten ! aber auch nur Dich allein . Ich fürchte immer , auch Du wirst ein Opfer tyrannischer Willkür . Wärst Du nicht in Europa , ich würde selten dahin denken , denn ich denke ungern an das dortige Getreibe . Alles , was ich wieder von dort vernommen habe , ist nicht beruhigend ; der große Streit ist noch nicht abgeschlossen , lange , lange noch nicht , er kann noch Menschenalter überdauern . Furchtbare Krämpfe erschütterten die kreißende Welt , aber es erfolgte eine unzeitige Geburt ; das wirkliche Götterkind liegt noch tief verborgen im Schoße der Mutter , neue stärkere Wehen werden es einst an das Tageslicht fördern . Wann ? das steht im Buche des mächtigen Schicksals . Wehe dem armen Geschlechte , welches als Geburtshelfer um die Kreißende steht ! aber auch Heil dem , welches um die Wiege des Neugeborenen tanzt ! Junges , kräftiges Leben entwickelt sich aus Zerstörung und Tod , das ist der Trostgedanke für das untergehende Geschlecht ; der Blick in die Zukunft kann allein den sinkenden Mut erheben . Ach , nicht jeder vermag über die Spanne seiner Zeit und seines Raums hinwegzublicken , und der Sohn des Staubes zerstäubt mit ihm ; nur der Geist , welcher sich eins fühlt mit dem Unendlichen , wird ewig sein mit dem Ewigen , er sieht im Heute schon das Morgen , und die kleinlichen Sorgen der Gegenwart berühren nur sein irdisches Teil , hinüber schwingt er sich unter die Palmen des ewigen Friedens ! Uns Lieblingen des Schicksals säuseln schon hienieden jene friedlichen Palmen , uns säuselt der delphische Lorbeerhain . Oh , meine Adele , könnte ich Dich einführen unter ihren erquickenden Schatten ! Deinen Namen tragen die glatten Stämme der weißen Birken und Buchen und des blühenden Tulpenbaumes , am Ohio , am Kentucky und am Schawanoe ; Deinen teuren Namen ruft mir stündlich mein zahmer Papagei zu und lehrt ihn seinen wilden Brüdern , wenn er mit mir durch die Haine hüpft ; Deinen Namen wird mein Leo stammeln , sobald er » Vater « rufen kann . Oh , könntest Du meine freundlichen Haine sehen und meinen Knaben segnen ! Tue es in der Ferne , meine Adele , so wie wir Dich segnen , mein Mucius und ich . Zephyrine und Philippine grüßen Dich , erstere als Landsmännin , letztere , weil ich sie oft mit Dir verglich , Ellison grüßt Dich vor allen . Er hat den Vorteil , Dich zu kennen , und stimmt oft in meinen Wunsch ein , Du möchtest eine der Unsern werden ; Du seist vor allen wert , sagt er , unser wiedergefundenes Eden zu schmücken , doch , wo Du auch lebst , Du trägst es in Deiner Brust . Laß es Dir nimmer rauben , nimmer Dein besseres Gefühl ertöten vom Pesthauche der Selbstsucht und der kleinlichen Eitelkeit . Dein Wahlspruch sei Wahrheit und Gerechtigkeit , so bist Du der Kolonie von Kentucky verbündet . Lebe wohl im Geräusch Deiner Welt ! Vergiß nicht die Sorge für die armen Bewohner von Chaumerive . Noch einmal empfehle ich sie dem Herzen Deiner guten Mutter . Laß die Blumen um das Grab der Meinigen nicht ganz ersterben . Oh , daß mein Vater , daß Emil nicht auch dort unter begrünten Hügeln ruhen ! Auch ihnen lege , jeden Sommer , Kränze der Erinnerung auf der Mutter Grab ; vielleicht , daß Dir dort mein Geist einmal freundlich begegnet . Dort wuchs ich auf unter den Heldenbildern der Griechenwelt , hier am Kentucky schließe ich einst lächelnd mein Auge , von den Lebensbildern jener Unschuldswelt umflattert . Lebe wohl ! Lebe wohl , meine Adele ! Friede mit Dir ! Friede mit der ganzen Welt ! Deine Virginia .