jetzt Apollonia und Berthold ein , grüßten , erzählten , wie sie im Garten des wunderbaren Zusammentreffens , der noch wunderbareren Trennung gedacht hätten , die Annen das Leben geschenkt habe . Berthold erzählte noch , es sei ihm einen Augenblick vollkommen wie damals zu Mute gewesen und sie hätten sich wie ein Paar Verliebte geküßt ; dann habe er noch eine Inschrift an die Stelle gesetzt , wo ihm so viel Glück geworden . Alle gingen hinunter , diese Inschrift an Ort und Stelle zu hören , und Berthold las sie mit inniger Rührung , es war eine Art Gebet : Gib Liebe mir und einen frohen Mund , Daß ich dich , Herr der Erde tue kund , Gesundheit gib bei sorgenfreiem Gut , Ein frommes Herz und einen festen Mut ; Gib Kinder mir , die aller Mühe wert , Verscheuch die Feinde von dem trauten Herd ; Gib Flügel dann und einen Hügel Sand , Den Hügel Sand im lieben Vaterland , Die Flügel schenk dem abschiedschweren Geist , Daß er sich leicht der schönen Welt entreißt . Anna wurde von dem Gebete sehr ergriffen , sie versprach ihm mehr , als der Himmel ihm geben könne . Es wurde von der Einrichtung des Hauses gesprochen und ehe noch Hildegard davon anfing , erklärte Apollonia , sie wolle weder auf Kosten , noch im Hause ihres lieben künftigen Schwiegersohns leben , aber die Stadt gefalle ihr wieder von neuem , sie höre , daß ihr ein mütterliches Erbe zugefallen sei , worauf die Stadt keinen Anspruch machen könne , sie wolle sich ankaufen , bis sie in den letzten Jahren zu dem Kloster zurückkehre , welchem sie damals entrissen worden . Frau Hildegard machte trotz aller Gegenrede Bertholds , der Apollonien nicht aus dem Hause lassen wollte , ihren Vorschlag wegen des Nachbarhauses , er gefiel Apollonien , doch gab Berthold nur ungern seinen Willen darein , weil beide Häuser durch ein schmales Fußgängergäßchen getrennt waren , so daß keine andre Verbindung , als durch das Zubauen der allgemeinen Straße zwischen den beiden gestiftet werden könnte . Das Nachbarhaus wurde jetzt in Augenschein genommen . Es fand sich neu und dauerhaft , denn es wurde erst vor wenig Jahren auf der wüsten Stelle gebaut , nur konnte sich Frau Apollonia nicht zufrieden geben , daß ein Brunnen fehle , der ihr als eins der liebsten und wesentlichsten Teile der Wirtschaft erscheine . Bertholds Baulust machte gleich einen kühnen Plan . Auch ihm mangelte ein tiefer Brunnen in seinem Hofe , nur trübe , moorichte Quellen sammelten sich in dem Behälter , das er damals bei der ersten Besitznahme des Gebäudes ausgegraben hatte , zum Ersatz hatte ihm immer der schöne , tiefe Marktbrunnen gedient , der doch sehr unbequem weit vom Hause ablag . Jetzt fiel ihm ein , beiden Häusern den Dienst zu erweisen durch einen gemeinschaftlichen Brunnen zwischen beiden , ihnen nicht nur ein tieferes , reines Quellwasser , sondern auch die Freude der Verbindung am Brunnen wie den Altvätern der Bibel in den Wüsten Asiens zu verschaffen . Zwar mußte dann die kleine Straße , die dem ganzen Städtlein nützlich war , um zu den Bleichplätzen auf kurzem Wege zu gelangen auf immer geschlossen werden . Er schwankte , aber Apollonia trieb ihn mit der Bewunderung seines Anschlags über sein gutes Gewissen und seine Besonnenheit als Bürgermeister hinaus . Er fühlte , daß er unrecht habe , ganz deutlich ; unrecht , weil er die ehrwürdige Scheidewand des Hohenstaufenpalasts durchbrach ; unrecht , als Verwalter des öffentlichen Vorteils , aber der Gedanke war ihm zu süß , er konnte sich nicht losreißen , er hätte gleich in Ungeduld Hand ans Werk legen mögen . Er hatte so viele Gaben himmlischer Gnade erhalten , daß ihn der Mangel dieses Brunnens so quälte , als ob alles , was er besitze , gar nichts dagegen bedeute . Schon versuchte er den Boden , ob er fest sei , da hörte er Frauen in dem Gäßchen , die rühmten dies Gäßchen , wie es so reinlich und fest sei , der Regen schade gar nicht , kein Wagen komme ihnen da entgegen , wenn sie mit dem Linnen bepackt wären , die Kinder könnten da auch so sicher spielen , ohne Gefahr übergefahren zu werden . Es rief in ihm , dies sei die Stimme eines warnenden Engels , aber der Teufel stand auch schon neben ihm , der Doktor Faust , der , wieder angekommen aus der Fremde , sich nach seinem Wohlsein erkundigte und die Unterredung behorcht hatte . Er fühlte Bertholds Puls und sagte , sein Blut verdicke sich , es fehle ihm entweder an Luftbewegung , oder an fleißigem Gebrauche des reinen Wassers . Frau Apollonia fiel ihm in die Rede , daß es an der Seite der Stadt nur einen öffentlichen Brunnen gebe , der natürlich so verunreinigt würde , sie könne nicht leben , ohne einen Brunnen in ihrem Hause zu haben . Faust gab ihr mit schrecklich wichtiger Gebärde allen Beifall , wollte aber von der Wunderkur anfangen , wie er Berthold ein frisches Lebensblut verschafft habe und daß er dies schonen müsse ; da führte ihn Berthold unter einem Vorwande bei Seite , steckte ihm eine Hand voll Geld zu , sagte ihm , er müsse diese Wunderkur verschweigen , weil er sich schäme , durch fremdes Blut genesen zu sein . Faust grinste über das seltsame Geheimnis und brummte : » Ihr meint wohl , die Frau möchte nach dem fragen , der Euch das Blut gegeben , Ihr solltet ihn einmal jetzt sehen , das ist ein rechter Heidengott , ein junger Herkules geworden , er wächst wie Holunder und ist fest wie Hagebuche . Seid ruhig , ich will schweigen , aber erfrischt Euch an gutem Wasser , ich sage Euch , ich habe es in den Füßen , wo Quellen liegen , mir wird da so wohl , als stiege ich in ein Bad ; da wo Ihr eingegraben habt , liegt entweder ein Schatz , oder eine mächtige Quelle . « - » Ich will einen Rutenschläger bestellen , ehe ich anfange zu arbeiten « , meinte Berthold , » Euer Gefühl kann irren . « - » Herr « , sagte Faust ergrimmt und seine schwarzen Augäpfel traten hervor , wie Kugeln , die er eben fortschießen wollte , » Herr Bürgermeister , ich wünsche Euch alle Pestilenz auf den Hals , ich kuriere Euch nicht , wenn Ihr einen elenden Gauner von Rutenschläger befragen wollt , wo ich Euch schon Bescheid gesagt habe . Ihr müßt hier einen Brunnen graben , oder ich schreie in der ganzen Stadt , der Bürgermeister ist ein toter Mann , der nur durch Bürgerblut lebt , und ihr braucht nur sein Blut dem Anton abzuzapfen , so muß er wie ein Blutigel , dem Salz aufgestreut wird , auch sein Blut entlassen . Nun Herr , habe ich Euch in meiner Gewalt , es ergibt sich keiner umsonst dem Teufel . « - Berthold sagte ihm , er sei trunken . - Faust antwortete : » Trunken bin ich , denn jetzt sind es gerade siebenundzwanzig Jahre , als ich zum letztenmal nüchtern war , aber im Wein ist Wahrheit , wenn das Wort heraus ist , so gehört ' s einem andern , und wenn ein Ding geschehen ist , so verstehen ' s auch die Narren , der Balbier läßt sich mit dem abgeschnittenen Haar nicht bezahlen ; wüßte ein Mensch recht , wer er wär , er würde fröhlich nimmermehr , aber der Wein macht lustig , das ist seine Gerechtigkeit . « - Bei diesen Worten winkte er einem verschmitzten , bleichen Knaben , der auf ihn an der Türe wartete , ließ sich eine große Henkelflasche von ihm reichen und wankte langsam dem Ratskeller zu , indem er zuweilen anhielt , um mit Hülfe des Knaben , der beide Arme unterstemmte , die große , geflochtene Flasche ihrer letzten Tropfen in seinen Mund zu entledigen . » Es ist ein seltsames Vieh , unser Doktor « , sagte Berthold zu Apollonien , die sich über ihn verwunderte , » aber ein Ingenium hat er , wie keiner , wenn er kaum seinen weg sehen kann , da errät er am besten alle verborgne Übel und hier hat er eine außerordentliche Quelle entdeckt , wo wir einen Brunnen nötig haben . Ich kann nicht ruhen , bis ich Arbeiter finde , das Werk anzugreifen ; ich sehe in Gedanken den Rand des Brunnens , die Sitze umher von Marmorstein , auf denen wir täglich mit einander frühstücken , wenn hell und herrlich der Morgen , und wenn er von Annen mit den ersten Gaben des Jahres , mit Krokus , Schneeglöckchen und Veilchen bekränzt wird , wenn wir unsre Kinder dabei taufen lassen ; wenn bei Feuersgefahr dieser Brunnen die Stadt rettet , dann werden sie gern das kleine Gäßchen geopfert haben und werden es mir danken . « Um keinen Widerspruch zu erfahren , eilte er , aufgemuntert von Apollonien , zu seinen Arbeitern , die Gasse wurde geschlossen , die Mauern durchbrochen , ehe noch die Sonne sank und Fingerling ihm sagte , daß die Zünfte einen Verdruß empfänden und zusammen gekommen wären , daß er eine solche gewaltsame Änderung und Zueignung ohne sie vorgenommen habe , nur ihre alte Anhänglichkeit halte sie ab , sich heftig dagegen zu erklären . Er meinte aber die guten Leute zu kennen , er wußte , daß sie einer großen , öffentlichen Lustbarkeit nicht widerstehen könnten und bat Fingerling , alle Zünfte mit Frauen und Kindern zu seinem Hochzeitfeste einzuladen , zugleich sollte er die Angelegenheit des Brunnens hin halten ; wenn sie erst ein paar Wochen daran gewöhnt wären , würden sie einigen alten Weibern zu liebe , die das Linnen trügen , ihm diesen Gipfel des häuslichen Glücks nicht wieder entreißen . Anna und Hildegard vernahmen nichts von der Sache , die erstere war allzu glücklich mit der Musterung aller Kostbarkeiten und Künstlichkeiten beschäftigt , welche die fürstliche Mutter dem Hause zur Überfüllung aller Zimmer verlassen hatte . Kaum gönnte sie sich Zeit zum Mittagessen , die neugierige Anna ; wäre Berthold nicht mit seinem Brunnen beschäftigt gewesen , es hätte ihn kränken müssen , daß die Begierde auf Wirtschaftsgeräte , die sie bald als Eigentum betrachten sollte , ihre Aufmerksamkeit von ihm für den ganzen Tag abgelenkt hatte . Mit rastlosem Eifer wurden alle Zimmer , alle Schränke gemustert , und Frau Hildegard selbst hatte die Freude , manches durch die Berührigkeit Annens wieder zu sehen , was ihr zu schwierig war aufzuheben , selbst manches noch zu entdecken , wovon sie bisher keine Kunde gehabt hatte . Immer höher stiegen sie und kamen im Boden an eine Kammer , von der Frau Hildegard selbst nichts wußte . Da aber die Türe verschlossen war und kein Schlüssel unter allen sich dazu vorfand , so wurden alle durchversucht , ob sie paßten . Endlich fand sich ein Schlüssel von dem Zimmer Bertholds , der auch hier aufschloß , aber die Erwartung war betrogen , die Kammer schien nichts zu enthalten als einen mottenfräßigen , grünen Wams , den Frau Hildegard bei näherer Betrachtung für den grünen Schreiberwams , für die erste Gabe Apolloniens erklärte . Der wurde von Annen mit Hildegards Einwilligung gleich bei Seite geschafft , damit diese Erinnerung , von der er oft sprach , keine neue Neigung und Eifersucht erwecken könnte . Nun fand sich noch ein eiserner Kasten in einer Ecke , in welchem Anna nichts fand , als ein türkisches Messer mit einem Drachengriff und einem ledernen Beutel , beides war seltsam schön gearbeitet und gefiel ihr , sie meinte , es brauchen zu können . Aber Frau Hildegard gebot ihr beides hinzulegen , sie wolle ihr ein besseres Messer kaufen , das sie in der Wirtschaft brauchen könne und der Beutel scheine ihr ohnehin verstockt zu sein . Doch Anna dachte sich schon als Herrin des Hauses , glaubte das alles schon ihr Miteigentum , wollte mitgenießen , was ihr gefiel , und sparen , was überflüssig schien , sie meinte also , es sei verständig , Messer und Beutel mitzunehmen , ohne daß es die Alte mit ihren blöden Augen bemerke , nachher werde sie schon vergessen , ein überflüssiges Messer zu kaufen , und den Beutel brauche sie ohnehin gleich , um allerlei kleine Gaben zu bewahren , die sie während der Haussuchung erhalten hatte . So kamen beide bedeutsame Gaben alter Zeit , das einzige , was von dem Schatze Bertholds übrig , in die Gewalt der schönen Braut , die ihre Seltsamkeit und die Gefahr , welche damit verbunden , nicht ahnden konnte , aber das Unrecht war ihr doch deutlich , denn sie nahm beides heimlich und es brannte sie doch schon etwas , wie den Adler die glühende Kohle , welche er statt des Opferfleisches in das sichere Nest trug . Siebente Geschichte Der Brunnen Der Heiratsanschlag auf Fingerling hatte keinen Fortgang , der alte Junggeselle befand sich in seiner ängstlichen Ordnung zu wohl , als daß er sie hätte ändern mögen . Er fand sich durch den Antrag sehr geehrt und geängstigt , denn seine alte Aufwärterin war gegenwärtig und machte ein böses Gesicht , auch die Kanarienvögel , denen er etwas Grünes gebracht , schrieen zornig drein , seine drei Schoßhunde knurrten - und Berthold fand es demnach geratener , zu ihren Geschäften überzugehen . Einen Vorteil hatte er inzwischen durch den verlornen Antrag , es durfte Fingerling seine Einwendungen gegen den Brunnen aus erwiderndem Nachgeben nicht weiter vorbringen . Dieser Brunnenplan war Berthold aber ganz ans Herz gewachsen , seit Anna , die vorläufig mit der Mutter ins Nachbarhaus der Schicklichkeit wegen bis zur Vermählung gezogen war , diese Verbindung höchst bequem fand , um spät und früh bei Berthold zu sein , mit ihm die Zukunft und das Haus auszuschmücken . Bertholds Zärtlichkeit , die jede Stunde durch artige Zeitvertreibe , Geschenke und Gesellschaften zu beleben wußte , hatte jede Eifersucht der Tochter wieder in den Hintergrund gestellt und bei der Brunnenverbindung beider Häuser störte sie kein sorglicher Gedanke . Sie suchte inzwischen doch die Verbindung der Mutter mit Meister Kugler zu betreiben , der nun einmal fest entschlossen war , nicht ohne Frau in seine Wirtschaft zurück zu kehren , und sich inzwischen mit dem Fleischeinkauf für das große Fest beschäftigte , das Berthold der Stadt geben wollte . Als die Mutter ihr dieses Ansinnen rund abschlug , weil sie von dem Tode ihres Mannes eigentlich gar nicht unterrichtet sei , so sannen beide auf eine andre Frau für ihn , doch vergebens . Da traten die geschwätzigen Töchter des Vogts , Babeli und Josephine mit großem Geschrei ein , weil sie erst jetzt die Anwesenheit ihrer liebsten Gespielin erfahren hätten , küßten Apollonien , erzählten gleich , wie viele Verehrer sie ausgeschlagen hätten , bis die andern davon abgeschreckt , sich ihnen nicht mehr zu nahen wagten ; wie sie jetzt viel verständiger handeln würden , wenn es ihnen gestattet wäre , ihren Weg noch einmal zu machen , wie sie nicht mehr auf irrende Ritter , sondern auf ehrliche Zunftgenossen sehen würden . Das Gespräch belebte sie , die Erinnerungen schmolzen das Eis ihrer Herzen und Kugler , der nicht mehr hinkte und sehr großstädtisch gekleidet war , trat zur rechten Zeit ein . Babelis Stunde hatte geschlagen , zwar spät , aber um so lauter , Kugler wollte eine Frau aus der Stadt , woher Anna stammte , sie liebten beiderseitig nicht ein zartes Verstecken mit ihrer Zuneigung zu spielen , Apollonia und Anna förderten die Geburt mit freundlichem Zureden , sie hatten sich erklärt und verständigt , geeinigt und geküßt ; sie waren zum uralten Vogt gelaufen , der seinen Töchtern allen Willen ließ und auch zu dieser Verlobung freundlich nickte ; alles das an einem Tage . Auch hievon zog Berthold für seinen Brunnenbau wesentlichen Vorteil . Die Bürger wollten sich durch den versprochenen Schmaus wegen des vermauerten Bleichgäßchens nicht beschwichtigen lassen , sie wollten aber den reichen Bürgermeister nicht unmittelbar kränken und steckten sich deshalb hinter den Vogt , der gegen Berthold gleich einige Worte von herzoglicher Genehmigung fallen ließ . Gegenwärtig fielen diese Worte ins Wasser , womit der Vogt seine Hände in Unschuld wusch : wie hätte er den Mann kränken sollen , der seinen künftigen Schwiegersohn beherbergte , der gewissermaßen die Veranlassung gegeben , daß er Babeli unter die Haube brachte , eine Hand wäscht die andere . Vielmehr gab er gleich den Bürgern zu verstehen , wenn sie sich gegen den Bau setzten , so würde Berthold durch herzogliche Gnade ihn dennoch durchsetzen , ihr Widerspruch sei vergebens . Die Bürger kannten Herzog Ulrich und schwiegen , trugen es aber Berthold nach , der doch nichts von diesem Gerede des Vogts wußte . Das Ausgraben des Brunnens hatte große Schwierigkeiten , weil Berthold nichts vom Bergbau verstand , der doch hier notwendig zu Hülfe gerufen werden mußte , wenn er die oberen Quellen verschmähen und sich zur Tiefe durcharbeiten wollte . Die Arbeiter sagten oft , Erde und Steine möchten ihnen über den Kopf zusammenstürzen , denn sie verstanden es nicht , durch ein Zimmerwerk die steilen eingegrabenen Erdwände zu sichern , doch Berthold redete es ihnen in seiner Lust den Brunnen fertig zu sehen , immer aus , machte ihnen Mut durch Wein und Geld , stieg auch selbst in die Tiefe und half zum Zeichen , daß er keine Gefahr da ahnde . Aber jedesmal stürzte die Erde auf ihn nach und nötigte ihn , hinaus zu gehen und sich umzuziehen , wenn sie auch keinen weiteren Schaden tat . Er ließ das Ausgraben weiter umherfahren , glaubte alles gesichert und förderte die Arbeit um so eifriger , je weitläuftiger sie wurde . So tief hat des Himmels Gnade das Verderben versteckt , der Mensch sucht es trotz allen Gefahren auf , oft scheint es , als ob sein höchster Mut erst in der Sehnsucht nach dem Verderblichen erwache , als ob die Überzeugung des Guten nicht diese heftige Flamme in ihm entzünden könne . Berthold hatte eben die Arbeiter verlassen , es war am dritten Tage , da kam ein Geschrei , der Brunnen sei eingestürzt , die Arbeiter verschüttet . In Verzweiflung eilte er hin , er sah den Brunnen durch die von zwei Seiten eingestürzten Wände halb gefüllt , der Gram seines Herzens nannte ihn einen Mörder , er sprang hinunter , er rief jedermann zu Hülfe , alles arbeitete in stummer Verzweifelung . Endlich gelang es , den armen Verschütteten Luft zu schaffen , sie konnten sich schon zum Teil selbst helfen ; die leblos schienen , wurden wieder zu Atem gebracht , nur einem war der Arm zerschmettert . Berthold sorgte reichlich für alle , den Unfall suchte er den Frauen zu verheimlichen , doch glaubte er sich gezwungen , den Bau so lange auszusetzen , bis er sich erfahrne Arbeiter verschafft hätte . Da brachte ihm Fingerling am nächsten Tage Botschaft , ein fremder , seltsam gekleideter Mann , fast wie ein Schornsteinfeger , der eine Lederschürze hinten , schwarz leinene Jacke und grüne Mütze trage , reite sein hohes Ritterpferd in den Hof und bringe ein Schreiben von Martin Luther . - » Glück auf « , sagte der Fremdling , übergab seinen Brief mit einem freundlichen Händedruck . Berthold durchlas den Brief , worin ihm Luther berichtete , daß er den ersten Tag wohl acht Meilen auf dem Pferde seiner Sicherheit wegen zurückgelegt habe , am Abend aber so steif und müde angekommen sei , daß ihn die Leute hätten herunter heben müssen Ein ehrlicher Bergknappe habe es übernommen , das Pferd zurück zu bringen . Noch wünschte er ihm viel Segen zu der Ehe , auch solle ihm der ehrliche Bergmann ein Lied vom Ehestande vorsingen , denn der wisse aus den Tiefen , wie der Gesang in die Tiefen des Herzens dringt . - Aber unserm Berthold klang ein andrer Gesang in den Ohren bei den Worten , dies sei ein Bergmann , er sah ihn an wie einen höhern Boten , er drückte ihm die Hand wie einem Bruder , er zog ihn mit sich fort , zum Brunnen hin , zeigte ihm mit Leidwesen , wie die Tiefe zugestürzt sei , er müsse ihm Rat geben , um gefahrlos in die Erde zu dringen . Der Bergmann lachte und sagte in seiner fremden Mundart , er wäre ein so hochgelehrter Herr , der lesen und schreiben könne , er wolle ihn mit der Kleinigkeit wohl nur zum Narren haben . Berthold stutzte und sah ihn verwundert an , dann beteuerte er ihm , daß keiner einen Rat wisse , in die Tiefe zu kommen , so wenig es ihm gelungen in die Wolken zu fliegen . - Der Bergmann spottete ihn aus , beschrieb ihm , wie ein Schacht nicht anders sei , wie eine Brunnenöffnung , bei der es aber auf Erz ankomme , wie dieser oft auf mehrere hundert Fuß Tiefe durch Wasser und Felsen eingetrieben werde , wie das Wasser und Gestein heraus zu schaffen sei und wie das Pulver jetzt alles Sprengen der Felsen erleichtere , wo sonst gar mühsam durch Feuersbrand die Härte gelöst werden mußte . Dann bestellte er sich Holz und Zimmerleute ; Berthold versprach ihm reichen Lohn . Die Bürger hatten des Unfalls am Brunnen gespottet , jetzt konnten sie gar nicht begreifen , was er vorhabe . Keiner der Schmiede und Zimmerleute konnte den fremden Bergmann verstehen , denn zwischen den ungebildeten Menschen , die verschiedne Mundart reden , ist das Verständnis schwerer , als mit denen , die schon ihre gewohnte Sprache durch Erlernung fremder Sprachen zu übersetzen gewöhnt sind . So mußte Berthold als Dolmetscher zwischentreten , um den Leuten deutlich zu machen , was sie hauen , sägen , bohren , hobeln , nageln und schmieden sollten , obgleich er selbst eigentlich nicht verstand , was aus der Sache werden solle , auch dazwischen von mancher Besorgung für das Haus und die Braut abberufen wurde . Es war diese Zeit des Glücks gefährlich für ihn , der so lange durch seine Erziehung und seine Schwächlichkeit von der Welt in eignen Wünschen und Leidenschaften abgehalten worden , er hatte sie nur immer durch das gleichgültige Nebelmeer der öffentlichen Geschäfte , der eignen Bedürftigkeit und des Erwerbs angeschaut . Nun fühlte er sich auf einmal ein mitlebender Mensch , der manches vermöge , von zweien Frauen geliebt , von vielen Menschen umdrängt , die jetzt erst Vorteil oder Unterhaltung in dem Hause suchten . Es kamen Ritter aus der Gegend unter manchem Vorwand , versicherten ihm ihre Freundschaft , es tat ihm wohl von Turnieren mitzureden , den gewonnenen Becher zu zeigen ; dann erregten sie seine Eifersucht , wenn sie artig gegen Apollonien und Annen waren , auch seinen Zorn , wenn sie auf Annen nicht zu achten schienen . Er lernte aus ihren Erzählungen das kriegerische Jagdleben der kleinen Ritterstaaten von der glänzenden Seite kennen und fühlte sich da mehr zu Hause , als bei sich selbst , wo ihm die Schreibstube , das Einkaufen der Wolle , das Dingen und Zahlen , wenn es gleich Fingerling gern besorgte , unleidlich fiel , so bald einer jener ritterlichen Gesellen ihn in der Zahlstube besuchte . Über seine früheren Jahre suchte er in sich ein Vergessen zu verbreiten , der Rosengarten und das ritterliche Puppenspiel ward eingepackt , er glaubte sich selbst zum fertigen Ritter bilden zu können , weil er sich gesund fühlte . Meister Sixt wurde jetzt von Frau Hildegard ins Haus gerufen , um die Bildnisse von allen zu ewigem Gedächtnis der schönen Zeit zu malen . Berthold schenkte ihm eine bedeutende Geldsumme für Anton , damit dieser ihm nie , so wenig während der Arbeit , wie nachher , ins Haus komme , weil er behauptete , Frau Hildegard könne ihn nicht wohl leiden . Er bemühte sich gar , den Anton nach Nürnberg zu Dürer in die Lehre zu bringen , aber das schlug Sixt rund ab , weil er auf die Malerei der dortigen Meister , besonders Albrecht Dürers , gar nichts hielt , sondern das Wohlgefallen der Leute an dessen magern Gestalten für eine Augenverblendung ausgab . Er hatte die vollen sinnlichen Gestalten seiner niederländischen Meister im Kopfe , so malte er auch seine Heiligen , daß noch ein sehr vollendeter Mensch außer der Heiligkeit sich in ihnen zur Schau stellte , ein Mensch , der auch zur Sünde den Stoff in sich trug , aber in seinem Ausdruck , die Bändigung der Lust , die Unterwerfung des blinden Triebs zu höherem Zwecke zeigte , der zugleich durchscheinen ließ , daß dies alles in ihm kein toter Zwang des Gesetzes sei , sondern ein Drang seiner Seele , ein feuriger Wille , oder was gewöhnlich Glaube genannt wird , dies Vertrauen auf einige Begeisterung des Willens für etwas , das alles wirkt und bildet . So tückisch Meister Sixt die schwächliche Gestalt Bertholds einst aufgefaßt hatte , so reich und freudig wußte er die herrlichsten Augenblicke in Annens Gestalt und Ausdruck zu sammeln und fest zu halten , Apollonien gab er dagegen zu viel Böses und Frau Hildegard zu viel Gemeines in den Ausdruck , denn was ihn nicht entzückte , das machte ihn tückisch . Eine Bosheit von ihm war es auch , daß er sie durch das Zugehörige , die Eule bei Apollonien , die Taube bei Almen und den Pfau bei Hildegard , als die drei Göttinnen der Fabel bezeichnete , Berthold aber als Paris hinzufügte , wie er Annen den Apfel reichte . Diese mythische Bedeutung , die niemand in Waiblingen , als Berthold verstand , hatte dieser in Zutrauen auf Anna gebilligt , da er in ihr allerdings etwas von einer Liebesgöttin fand , auch konnte das ganze Bild , das an den zu erbauenden Vereinigungsbrunnen ( der nach Bertholds Zeichnung in das Bild eingetragen war ) den Zuschauer versetzte , eben so gut für eine Verherrlichung der Gartenlust , die Berthold geschaffen , gelten ; so wurde es auch von den Frauen , von allen Basen und Vettern , von Rittern und Knappen aufgenommen . Zu keiner Angelegenheit verhielt sich während dieser Arbeit unser alter Sixt seltsamer , wie zu dem Bergbau am Brunnen , der inzwischen schon mit verschränktem Holze ausgesetzt war und durch ein Drehrad mit zwei Pumpen seines wilden Gewässers entledigt wurde . Er konnte ihm seine Bewunderung nicht versagen , begriff aber nicht , was da vorgehe . Daß da unten in der Tiefe einer arbeite , kam ihm nicht in den Sinn , sondern er meinte , das mache sich alles von selbst durch die mirakulöse Maschine . Er spritzte deswegen eines Morgens sehr unbesorgt sein warmes Wasser , worin er die Pinsel , Farbenscheibe und Farbenbeutelchen ausgewaschen , in den Brunnenschacht . Er hatte den Tag sehr viel an einem roten Kleide Annens gemalt , das warme Wasser war wie Blut gerötet und der Bergmann erschrak bei seinem Grubenlichte nicht wenig , als ihm rotes , warmes Blut über den Kopf rann , er glaubte , daß ihm eine Ader an einer Kopfwunde , woran er schon einmal todkrank gelegen , wieder aufgesprungen sei . Er stieg entsetzt und gar unerwartet für Meister Sixt , wie ein Schornsteinfeger für den Storch , der ruhig über dem Schornstein nistet , aus der Tiefe . Meister Sixt machte ein Kreuz mit seinem Pinsel und wäre schnell dem Berggeiste entwischt ; der aber hatte ihn schon in seinen schwarzen Fäusten und sagte ihm in seiner breiten Mundart , er solle ihm einen Arzt bestellen , ihm sei eine Ader gesprungen . Meister Sixt versprach alles , um dem schwarzen , blutigen Manne zu entkommen . Er lief fort und begegnete in der Straße einem Geistlichen , dem Pfarrer Sprenger , der die heilige Speise zu einem Kranken getragen hatte ; den sandte er gleich zum Trost des armen Bergmanns . Dann lief er zum Bader , daß er sich mit chirurgischem Verbande einstelle , und begleitete diesen zum kranken Bergmanne . Der gute Bergmann hatte inzwischen schon alle seine Sünden gebeichtet , wie er hie und dort Erze bei Seite geschafft und an die Chimisten verkauft habe , er war seiner Sünden entledigt und die heilige Speise ihm gereicht worden . Der Geistliche suchte ihm noch Mut einzusprechen , aber der Bergmann blieb dabei , ihm würde im Himmel auch nichts geschenkt werden ; er werde » ta prav tonnern « helfen müssen . Da trat der Chirurg hin , wusch den Kopf ab , setzte seine Brille auf , schüttelte mit dem Kopfe , sah wieder , roch wieder und brüllte endlich zornig : » Meister Sixt , ich schlage Euch alle Rüben im Leibe zusammen , hier ischt keine Wunde , das ischt kein Blut , sondern riecht wie Malerfarbe , Ihr habt mich zum Narren brauchen wollen , mein Gang kostet einen Gulden , die Ehrenerklärung kostet auch einen Gulden , und wenn ich Euch nicht totschlagen soll , so kostet ' s noch einen Gulden . « - Der Geistliche , als er dies vernahm , sprach Fluch und Bann über den dürren Meister aus , daß er mit dem Heiligsten seinen Spott treibe . - Meister Sixt krähte dazwischen von seinem point d ' honneur , indem er einen kleinen Degen zog , ihn habe der schändliche Bergmann angeführt , er sei unschuldig ; der Bergmann aber schalt grimmig auf den Maler , er habe ihm ein Fieber in den » Leip « gejagt , er habe ihn mit » Treck gesalpt « . Schon hatte der Bergmann mit seinem Fäustel den kleinen Degen des Malers in die Luft geschnellt und wollte ihn damit weiter auspochen ,