um alles Aufsehn zu vermeiden . Noch denselben Abend spät sprach er mit dem Prinzen über diese Begebenheit . Dieser war sehr bewegt . Er hatte das Mädchen des Abends besucht . Sie aber wollte ihn durchaus nicht wiedersehen und hatte ebenso hartnäckig ein fürstliches Geschenk , das er ihr anbot , ausgeschlagen . Übrigens schiene sie , wie er hörte , ganz gesund . Erwin fing um diese Zeit an zu kränkeln , es war , als erdrückte ihn die Stadtluft . Seine seltsame Gewohnheit , die Nächte im Freien zuzubringen , hatte er hier ablegen müssen . Es schien seit frühester Kindheit eine wunderbare Freundschaft zwischen ihm und der Natur mit ihren Wäldern , Strömen und Felsen . Jetzt , da dieser Bund durch das beengte Leben zerstört war , schien er , wie ein erwachter Nachtwandler , auf einmal allein in der Welt . So versank er mitten in der Stadt immer tiefer in Einsamkeit . Nur um Rosa bekümmerte er sich viel und mit einer auffallenden Leidenschaftlichkeit . Übrigens erlernte er noch immer nichts , obschon es nicht am guten Willen fehlte . Ebenso las er auch sehr wenig und ungern , desto mehr , ja fast unaufhörlich , schrieb er , seit er es beim Grafen gelernt , sooft er allein gewesen . Friedrich fand manchmal dergleichen Zettel . Es waren einzelne Gedanken , so seltsam weit abschweifend von der Sinnes- und Ausdrucksart unsrer Zeit , daß sie oft unverständlich wurden , abgebrochene Bemerkungen über seine Umgebungen und das Leben , wie fahrende Blitze auf durchaus nächtlichem , melancholischem Grunde , wunderschöne Bilder aus der Erinnerung an eine früher verlebte Zeit und Anreden an Personen , die Friedrich gar nicht kannte , dazwischen Gebete wie aus der tiefsten Seelenverwirrung eines geängstigten Verbrechers , immerwährende Beziehung auf eine unselige verdeckte Leidenschaft , die sich selber nie deutlich schien , kein einziger Vers , keine Ruhe , keine Klarheit überall . Friedrich versuchte unermüdlich seine frühere Lebensgeschichte auszuspüren , um nach so erkannter Wurzel des Übels vielleicht das aufrührerische Gemüt des Knaben sicherer zu beruhigen und ins Gleichgewicht zu bringen . Aber vergebens . Wir wissen , mit welcher Furcht er das Geheimnis seiner Kindheit hütete . » Ich muß sterben , wenn es jemand erfährt « , war dann jedesmal seine Antwort . Eine ebenso unbegreifliche Angst hatte er auch vor allen Ärzten . Sein Zustand wurde indes immer bedenklicher . Friedrich hatte daher alles einem verständigen Arzte von seiner Bekanntschaft anvertraut und bat denselben , ihn , ohne Seine Absicht merken zu lassen , des Abends zu besuchen , wann Erwin bei ihm wäre . Als Friedrich des Abends an Erwins Tür kam , hörte er ihn drin nach einer rührenden Melodie ohne alle Begleitung eines Instruments folgende Worte singen : » Ich kann wohl manchmal singen , Als ob ich fröhlich sei , Doch heimlich Tränen dringen , Da wird das Herz mir frei . So lassen Nachtigallen , Spielt draußen Frühlingsluft , Der Sehnsucht Lied erschallen Aus ihres Käfigts Gruft . Da lauschen alle Herzen , Und alles ist erfreut , Doch keiner fühlt die Schmerzen , Im Lied das tiefe Leid . « Friedrich trat während der letzten Strophe unbemerkt in die Stube . Der Knabe ruhte auf dem Bette , und sang so liegend mit geschlossenen Augen . Er richtete sich schnell auf , als er Friedrich erblickte . » Ich bin nicht krank « , sagte er , » gewiß nicht ! « - damit sprang er auf . Er war sehr blaß . Er zwang sich , munter zu scheinen , lachte und sprach mehr und lustiger , als gewöhnlich . Dann klagte er über Kopfweh . - Friedrich strich ihm die nußbraunen Locken aus den Augen . » Tu nicht schön mit mir , ich bitte dich ! « - sagte der Knabe da , sonderbar und wie mit verhaltenen Tränen . Der Arzt trat eben in das Zimmer . Erwin sprang auf . Er erriet ahnend sogleich , was der fremde Mann wolle , und machte Miene zu entspringen . Er wollte sich durchaus nicht von ihm berühren lassen und zitterte am ganzen Leibe . Der Arzt schüttelte den Kopf . » Hier wird meine Kunst nicht ausreichen « , sagte er zu Friedrich , und verließ das Zimmer bald wieder , um den Knaben in diesem Augenblicke zu schonen . Da sank Erwin ermattet zu Friedrichs Füßen . Friedrich hob ihn freundlich auf seine Knie und küßte ihn . Er aber küßte und umarmte ihn nicht wieder , wie damals , sondern saß still und sah , in Gedanken verloren , vor sich hin . Schon spannen wärmere Sommernächte draußen ihre Zaubereien über Berge und Täler , da war es Friedrich einmal mitten in der Nacht , als riefe ihn ein Freund , auf den er sich nicht besinnen könnte , wie aus weiter Ferne . Er wachte auf , da stand eine lange Gestalt mitten in dem finstern Zimmer . Er erkannte Leontin an der Stimme . » Frisch auf , Herzensbruder ! « sagte dieser , » die eine Halbkugel rührt sich hellbeleuchtet , die andere träumt ; mir war nicht wohl , ich will den Rhein einmal wiedersehen , komm mit ! « Er hatte die Fenster aufgemacht , einzelne graue Streifen langten schon über den Himmel , unten auf der Gasse blies der Postillion lustig auf dem Horne . Da galt kein Staunen und kein Zögern , Friedrich mußte mit ihm hinunter in den Wagen . Auch Erwin war mit unbegreiflicher Schnelligkeit reisefertig . Friedrich erstaunte , ihn auf einmal ganz munter und gesund zu sehen . Mit funkelnden Augen sprang er mit in den Wagen , und so rasselten sie durch das stille Tor ins Freie hinaus . Sie fuhren schnell durch unübersehbare stille Felder , durch einen dunkeldichten Wald , später zwischen engen , hohen Bergen , an deren Fuß manch Städtlein zu liegen schien , ein Fluß , den sie nicht sahen , rauschte immerfort seitwärts unter der Straße , alles feenhaft verworren . Leontin erzählte ein Märchen mit den wechselnden Wundern der Nacht , wie sie sich die Seele ausmalte , in Worten kühl spielend . Friedrich schaute still in die Nacht , Erwin ihm gegenüber hatte die Augen weit offen , die unausgesetzt , solange es dunkel war , auf ihn geheftet schienen , der Postillion blies oft dazwischen . Der Tag fing indes an von der einen Seite zu hellen , sie erkannten nach und nach ihre Gesichter wieder , einzelne zu früh erwachte Lerchen schwirrten schon , wie halb im Schlafe , hoch in den Lüften ihr endloses Lied , es wurde herrlich kühl . Bald darauf langten sie an dem Gebirgsstädtchen an , wohin sie wollten . Das Tor war noch geschlossen . Der Torwächter trat schlaftrunken heraus , wünschte ihnen einen guten Morgen und pries die Reisenden glückselig und beneidenswert in dieser Jahreszeit . In dem Städtchen war noch alles leer und still . Nur einzelne Nachtigallen vor den Fenstern und unzählige von den Bergen über dem Städtchen schlugen um die Wette . Mehrere alte Brunnen mit zierlichem Gitterwerk rauschten einförmig auf den Gassen . In dem Wirtshause , wo sie abstiegen , war auch noch niemand auf . Der Postillion blies daher , um sie zu wecken , mehrere Stücke , daß es über die stillen Straßen weg in die Berge hineinschallte . Erwin saß indes auf einem Springbrunnen auf dem Platze und wusch sich die Augen klar . Friedrich und Leontin ließen Erwin bei dem Wagen zurück und gingen von der andern Seite ins Gebirge . Als sie aus dem Walde auf einen hervorragenden Felsen heraustraten , sahen sie auf einmal aus wunderreicher Ferne , von alten Burgen und ewigen Wäldern kommend , den Strom vergangener Zeiten und unvergänglicher Begeisterung , den königlichen Rhein . Leontin sah lange still in Gedanken in die grüne Kühle hinunter , dann fing er sich schnell an auszukleiden . Einige Fischer fuhren auf dem Rheine vorüber und sangen ihr Morgenlied , die Sonne ging eben prächtig auf , da sprang er mit ausgebreiteten Armen in die kühlen Fluten hinab . Friedrich folgte seinem Beispiele , und beide rüstige Schwimmer rangen sich lange jubelnd mit den vom Morgenglanze trunkenen , eisigen Wogen . Unbeschreiblich leicht und heiter kehrten sie nach dem Morgenbade wieder in das Städtchen zurück , wo unterdes alles schon munter geworden . Es war die Weihe der Kraft für lange Kämpfe , die ihrer harrten . Als die Sonne schon hoch war , bestiegen sie die alte , wohlerhaltene Burg , die wie eine Ehrenkrone über der altdeutschen Gegend stand . Des Wirtes Tochter ging ihnen mit einigen Flaschen Wein lustig die dunklen , mit Efeu überwachsenen Mauerpfade voran , ihr junges , blühendes Gesicht nahm sich gar zierlich zwischen dem alten Gemäuer und Bilderwerk aus . Sie legte vor der Sonne die Hand über die Augen und nannte ihnen die zerstreuten Städte und Flüsse in der unermeßlichen Aussicht , die sich unten auftat . Leontin schenkte Wein ein , sie tat ihnen Bescheid und gab jedem willig zum Abschiede einen Kuß . Sie stieg nun wieder den Berg hinab , die beiden schauten fröhlich in das Land hinaus . Da sahen sie , wie jenseits des Rheins zwei Jägerburschen aus dem Walde kamen und einen Kahn bestiegen , der am Ufer lag . Sie kamen quer über den Rhein auf das Städtchen zugefahren . Der eine saß tiefsinnig im Kahne , der andere tat mehrere Schüsse , die vielfach in den Bergen widerhallten . Erwin hatte sich in ein ausgebrochenes Bogenfenster der Burg gesetzt , das unmittelbar über dem Abgrunde stand . Ohne allen Schwindel saß er dort oben , seine ganze Seele schien aus den sinnigen Augen in die wunderbare Aussicht hinauszusehen . Er sagte voller Freuden , er erblicke ganz im Hintergrunde einen Berg und einen hervorragenden Wald , den er gar wohl kenne . Leontin ließ sich die Gegend zeigen und schien sie ebenfalls zu erkennen . Er sah darauf den Knaben ernsthaft und verwundert an , der es nicht bemerkte . Erwin blieb in dem Fensterbogen sitzen , sie aber durchzogen das Schloß und den Berg in die Runde . Junge , grüne Zweige und wildbunte Blumen beugten sich überall über die dunklen Trümmer der Burg , der Wald rauschte kühl , Quellen sprangen in hellen , frischlichen Bogen von den Steinen , unzählige Vögel sangen , von allen Seiten die unermeßliche Aussicht , die Sonne schien warm über der Fläche , in tausend Strömen sich spiegelnd ; es war , als sei die Natur hier rüstiger und lebendiger vor Erinnerung im Angesichte des Rheins und der alten Zeit . » Wo ein Begeisterter steht , ist der Gipfel der Welt « , rief Leontin fröhlich aus . » Willkommen , Freund , Bruder ! « sagte da auf einmal eine Stimme mit Pathos , und ein fremder junger Mann , den sie vorher nicht bemerkt hatten , faßte Leontin fest bei der Hand . » Ach , was Bruder ! « fuhr Leontin heraus , ärgerlich über die unerwartete Störung . Der Fremde ließ sich nicht abschrecken , sondern sagte : » Jene Worte logen nicht , Sie sind ein Verehrer der Natur , ich bin auch stolz auf diesen Namen . « » Wahrhaftig , mein Herr « , erwiderte Leontin geschwind , sich komisch erwehrend , » Sie irren sich entsetzlich , ich bin weder biederherzig , wie Sie sich vorstellen , noch begeistert , noch ein Verehrer der Natur , noch - « Der Fremde fuhr ganz blind erpicht fort : » Lassen Sie die Gewöhnlichen sich ewig suchen und verfehlen , die Seltenen wirft ein magnetischer Zug einander an die männliche Brust , und der ewige Bund ist ohne Wort geschlossen in des Eichenwaldes heiligen Schatten , wenn die Orgel des Weltbaues gewaltig dahinbraust . « - Bei diesen Worten fiel ihm ein Buch aus der Tasche . » Sie verlieren Ihre Noten « , sagte Leontin , Schillers Don Carlos erkennend . » Warum Noten ? « fragte der Fremde . » Darum « , sagte Leontin , » weil Euch die ganze Natur nur der Text dazu ist , den Ihr nach den Dingern da aborgelt , und je schwieriger und würgender die Koloraturen sind , daß Ihr davon ganz rot und blau im Gesichte werdet und die Tränen samt den Augen heraustreten , je begeisterter und gerührter seid Ihr . Macht doch die Augen fest zu in der Musik und im Sausen des Waldes , daß Ihr die ganze Welt vergeßt und Euch vor allem ! « Der Fremde wußte nicht recht , was er darauf antworten sollte . Leontin fand ihn zuletzt gar possierlich ; sie gingen und sprachen noch viel zusammen und es fand sich am Ende , daß er ein abgedankter Liebhaber der Schmachtenden in der Residenz sei , den er früher manchmal bei ihr gesehen . Der Einklang der Seelen hatte sie zusammen - , und ich weiß nicht was , wieder auseinandergeführt . Er rühmte viel , wie dieses seelenvolle Weib mit Geschmack , treu und tugendhaft liebe . » Treu ? - sie ist ja verheiratet « , sagte Friedrich unschuldig . » Ei , was ! « fiel ihm Leontin ins Wort , » diese Alwinas , diese neuen Heloisen , diese Erbschleicherinnen der Tugend sind pfiffiger als Gottes Wort . Nicht wahr , der Teufel stinkt nicht und hat keine Hörner , und Ehebrechen und Ehebrechen ist zweierlei ? « - Der Fremde war verlegen wie ein Schulknabe . Es neigte sich indes zum Abend , aber die Luft war schwül geworden und man hörte von fern donnern . Das letztere war dem Fremden eben recht ; der Donner , den er nicht anders als rollend nannte , schien ihn mit einem neuen Anfalle von Genialität aufzublähen . Er versicherte , er müsse im Gewitter einsam und im Freien sein , das wäre von jeher so seine Art , und nahm Abschied von ihnen . Leontin klopfte ihn beim Weggehn tüchtig auf die Achsel : » Beten und fasten Sie fleißig und dann schauen Sie wieder in Gottes Welt hinaus , wie da der Herr genialisch ist . Es ist doch nichts lächerlicher « , sagte er , da jener fort war , » als eine aus der Mode gekommene Genialität . Man weiß dann gar nicht , was die Kerls eigentlich haben wollen . « Es gewitterte indes immer stärker und näher . Leontin bestieg schnell eine hohe Tanne , die am Abhange stand , um das Wetter zu beschauen . Der Wind , der dem Gewitter vorausflog , rauschte durch die dunklen Äste des Baumes und neigte den Wipfel über den Abgrund hinaus . » Ich sehe in das Städtchen , in alle Straßen hinab « , rief Leontin von oben , » wie die Leute eilig hin und her laufen , und die Fenster und Türen schließen , und mit den Laden klappern vor dem heranziehenden Wetter ! Es achtet ihrer doch nicht und zieht über sie weg . Unsern Don Carlos sehe ich auf einer Felsenspitze , den Batterien des Gewitters gegenüber , er steht , die Arme über der Brust verschränkt , den Hut tief in die Augen gedrückt , den einen Fuß trotzig vorwärts , pfui , pfui , über den Hochmut ! Den Rhein seh ich kommen , zu dem alle Flüsse des Landes flüchten , langsam und dunkelgrün , Schiffe rudern eilig ans Ufer , eines seh ich mit Gott geradaus fahren ; fahre , herrlicher Strom ! Wie Gottes Flügel rauschen , und die Wälder sich neigen , und die Welt still wird , wenn der Herr mit ihr spricht . Wo ist dein Witz , deine Pracht , deine Genialität ? Warum wird unten auf den Flächen alles eins und unkenntlich wie ein Meer , und nur die Burgen stehen einzeln und unterschieden zwischen den wehenden Glockenklängen und schweifenden Blitzen . Du könntest mich wahnwitzig machen unten , erschreckliches Bild meiner Zeit , wo das zertrümmerte Alte in einsamer Höhe steht , wo nur das einzelne gilt und sich , schroff und scharf im Sonnenlichte abgezeichnet , hervorhebt , während das Ganze in farblosen Massen gestaltlos liegt , wie ein ungeheurer , grauer Vorhang , an dem unsere Gedanken , gleich Riesenschatten aus einer andern Welt , sich abarbeiten . « - Der Wind verwehte seine Worte in die grenzenlose Luft . Es regnete schon lange . Der Regen und der Sturm wurden endlich so heftig , daß er sich nicht mehr auf dem Baume erhalten konnte . Er stieg herab , und sie kehrten zu der Burg zurück . Als das Wetter sich nach einiger Zeit wieder verzogen hatte , brachen sie aus ihrem Schlupfwinkel auf , um sich in das Städtchen hinunterzubegeben . Da trafen sie an dem Ausgange der Burg mit den zwei Jägern zusammen , die sie frühmorgens über den Rhein fahren gesehen , und die ebenfalls das Gewitter in der Burg belagert gehalten hatte . Es war schon dunkel geworden , so daß sie einander nicht wohl erkennen konnten . Die Bäume hingen voll heller Tropfen , der enge Fußsteig war durch den Regen äußerst glatt geworden . Die beiden Jäger gingen sehr vorsichtig und furchtsam , hielten sich an alle Sträucher und glitten mehrere Male bald Friedrich , bald Leontin in die Arme , worüber sie vom letztern , der ihnen durchaus nicht helfen wollte , viel Gelächter ausstehn mußten . Erwin sprang mit einer ihm sonst nie gewöhnlichen Wildheit allen weit voraus , wie ein Gems den Berg hinab . Allen wurde wohl , als sie nach der langen Einsamkeit in das Städtchen hinunterkamen , wo es recht patriarchalisch aussah . Auf den Gassen ging jung und alt , sprechend und lachend , nach dem Regen spazieren , die Mädchen des Städtchens saßen draußen vor ihren Türen unter den Weinlauben . Der Abend war herrlich , alles erquickt nach dem Gewitter , das nur noch von fern nachhallte , Nachtigallen schlugen wieder von den Bergen , vor ihren Augen rauschte der Rhein an dem Städtchen vorüber . Leontin zog mit seiner Gitarre , wie ein reisender Spielmann aus alter Zeit , von Haus zu Haus und erzählte den Mädchen Märchen , oder sang ihnen neue Melodien auf ihre alten Lieder , wobei sie still mit ihren sinnigen Augen um ihn herumsaßen . Friedrich saß neben ihm auf der Bank , den Kopf in beide Arme auf die Knie gestützt , und erholte sich recht an den altfränkischen Klängen . Die zwei Jäger hatten sich nicht weit von ihnen um einen Tisch gelagert , der auf dem grünen Platze zwischen den Häusern und dem Rheine aufgeschlagen war , und schäkerten mit den Mädchen , denen sie gar wohl zu gefallen schienen . Die Mädchen verfertigten schnell einen fröhlichen , übervollen Kranz von hellroten Rosen , den sie dem einen , welcher der lustigste schien , auf die Stirn drückten . Leontin , der wenig darauf achtgab , begann folgendes Lied über ein am Rheine bekanntes Märchen : » Es ist schon spät , es wird schon kalt , Was reitst du einsam durch den Wald ? Der Wald ist lang , du bist allein , Du schöne Braut ! ich führ dich heim ! « Da antwortete der Bekränzte drüben vom andern Tische mit der folgenden Strophe des Liedes : » Groß ist der Männer Trug und List , Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist , Wohl irrt das Waldhorn her und hin , O flieh ! du weißt nicht , wer ich bin . « Leontin stutzte und sang weiter : » So reich geschmückt ist Roß und Weib , So wunderschön der junge Leib , Jetzt kenn ich dich - Gott steh mir bei ! Du bist die Hexe Lorelei . « Der Jäger antwortete wieder : » Du kennst mich wohl - von hohem Stein , Schaut still mein Schloß tief in den Rhein . Es ist schon spät , es wird schon kalt , Kommst nimmermehr aus diesem Wald ! « Der Jäger nahm nun ein Glas , kam auf sie los und trank Friedrich keck zu : » Unsere Schönen sollen leben ! « Friedrich stieß mit an . Da zersprang der Römer des Jägers klingend an dem seinigen . Der Jäger erblaßte und schleuderte das Glas in den Rhein . - Es war unterdes schon spät geworden , die Mädchen fingen an einzunicken , die Alten trieben ihre Kinder zu Bett , und so verlor sich nach und nach eines nach dem andern , bis sich unsere Reisenden allein auf dem Platze sahen . Die Nacht war sehr warm , Leontin schlug daher vor , die ganze Nacht über auf dem Rheine nach der Residenz hinunterzufahren , er sei ein guter Steuermann und kenne jede Klippe auswendig . Alle willigten sogleich ein , der eine Jäger nur mit Zaudern , und so bestiegen sie einen Kahn , der am Ufer angebunden war . Den Knaben Erwin , der während Leontins Liedern zu Friedrichs Füßen eingeschlafen , hatten sie , da er durchaus nicht zu ermuntern war , in den Kahn hineintragen müssen , wo er auch nach einem kurzen , halbwachen Taumel sogleich wieder in Schlaf versank . Friedrich saß vorn , die beiden Jäger in der Mitte , Leontin am Steuerruder lenkte keck gerade auf die Mitte los , die Gewalt des Stromes faßte recht das Schiffchen , zu beiden Seiten flogen Weingärten , einsame Schlünde und Felsenriesen mit ausgebreiteten Eichenarmen , wechselnd vorüber , als gingen die alten Helden unsichtbar durch den Himmel und würfen so ihre streifenden Schatten über die stille Erde . Der Himmel hatte sich indes von neuem überzogen , die Gewitter schienen wieder näher zu kommen . Der eine von den Jägern , der überhaupt fast noch gar nicht gesprochen , blieb fortwährend still . Der andere mit dem Rosenkranze dagegen saß schaukelnd und gefährlich auf dem Rande des Kahnes und hatte beide Beine , die bei jeder Schwankung die Wellen berührten , darüber heruntergehangen . Er sah in das Wasser hinab , wie die flüchtigen Wirbel kühl aufrauschend , dann wieder still , wunderbar hinunterlockten . Leontin hieß ihn die Beine einstecken . » Was schadet ' s « , sagte der Jäger innerlich heftig , » ich tauge doch nichts auf der Welt , ich bin schlecht , wär ich da unten , wäre auf einmal alles still . « - » Oho ! « rief Leontin , » Ihr seid verliebt , das Sind verliebte Sprüche . Sag an , wie sieht dein Liebchen aus ? Ist ' s schlank , stolz , kühn , voll hohen Graus ' , ist ' s Hirsch , Pfau oder eine kleine süße Maus ? « - Der Jäger sagte : » Mein Schatz ist ein Hirsch , der wandelt in einer prächtigen Wildnis , die liegt so unbeschreiblich hoch und einsam , und die ganze Welt übersieht man von dort , wie sich die Sonne ringsum in Seen und Flüssen und allen Kreaturen wunderbar bespiegelt . Es ist des Jägers dunkelwüste Lust , das Schönste , was ihn rührt , zu verderben . So nahm er Abschied von seinem alten Leben und folgte dem Hirsche immer höher mühsam hinauf . Als die Sonne aufging , legte er oben in der klaren Stille lauernd an . Da wandte sich der Hirsch plötzlich und sah ihn keck und fromm an , wie den Herzog Hubertus . Da verließen den Jäger auf einmal seine Künste und seine ganze Welt , aber er konnte nicht niederknieen , wie jener , denn ihm schwindelte vor dem Blick und der Höhe , und es faßte ihn ein seltsames Gelüst , die dunkle Mündung auf seine eigene , ausgestorbene Brust zu kehren . « - Die beiden Grafen überhörten bei dem Winde , der sich nach und nach zu erheben anfing , diese sonderbaren Worte des Verliebten . Fahrende Blitze erhellten inzwischen von Zeit zu Zeit die Gegend , und ihr Schein fiel auf die Gesichter der beiden Jäger . Sie waren gar lieblich anzusehen , schienen beide noch Knaben . Der eine hatte ein silbernes Horn an der Seite hängen . Leontin sagte , er solle eins blasen ; er versicherte aber , daß er es nicht könne . Leontin lachte ihn aus , was sie für Jäger wären , nahm das Horn und blies sehr geschickt ein altes , schönes Lied . Der eine gesprächige Jäger sagte , es fiele ihm dabei eben ein Lied ein , und sang zu den beiden Grafen mit einer angenehmen Stimme : » Wir sind so tief betrübt , wenn wir auch scherzen , Die armen Menschen mühn sich ab und reisen , Die Welt zieht ernst und streng in ihren Gleisen , Ein feuchter Wind verlöscht die lust ' gen Kerzen . - Du hast so schöne Worte tief im Herzen , Du weißt so wunderbare alte Weisen , Und wie die Stern am Firmamente kreisen , Ziehn durch die Brust dir ewig Lust und Schmerzen . So laß dein Stimme hell im Wald erscheinen ! Das Waldhorn fromm wird auf und nieder wehen , Die Wasser gehn , und Rehe einsam weiden . Wir wollen stille sitzen und nicht weinen , Wir wollen in den Rhein hinuntersehen , Und , wird es finster auf der Welt , nicht scheiden . « Kaum hatte er die letzten Worte ausgesungen , als Erwin , der durch den Gesang aufgewacht war und bei einem langen Blitze das Gesicht des andern stillen Jägers plötzlich dicht vor sich erblickte , mit einem lauten Schrei aufsprang und sich in demselben Augenblicke über den Kahn in den Rhein stürzte . Die beiden Jäger schrieen entsetzlich , der Knabe aber schwamm wie ein Fisch durch den Strom und war schnell hinter dem Gesträuch am Ufer verschwunden . Leontin lenkte sogleich ihm nach ans Ufer und alle eilten verwundert und bestürzt ans Land . Sie fanden sein Tuch zerrissen an den Sträuchern hängen ; es war fast unbegreiflich , wie er durch dieses Dickicht sich hindurchgearbeitet . Friedrich und Leontin begaben sich in verschiedenen Richtungen ins Gebirge , sie durchkletterten alle Felsen und Schluchten und riefen nach allen Seiten hin . Aber alles blieb nächtlich still , nur der Wald rauschte einförmig fort . Nach langem Suchen kamen sie endlich müde beide wieder auf der Höhe über ihrem Landungsplatze zusammen . Der Kahn stand noch am Ufer , die beiden Jäger aber unten waren verschwunden . Der Rhein rauschte prächtig funkelnd in der Morgensonne zwischen den Bergen hin . Erwin kehrte nicht mehr zurück . Sechszehntes Kapitel Die heftige Romana liebte Friedrich vom ersten Blicke an mit der ihr eigentümlichen Gewalt . Seitdem er aber in jener Nacht auf dem Schlosse von ihr fortgeritten , als sie bemerkte , wie ihre Schönheit , ihre vielseitigen Talente , die ganze Phantasterei ihres künstlich gesteigerten Lebens alle Bedeutung verlor und zuschanden wurde an seiner höhern Ruhe , da fühlte sie zum ersten Male die entsetzliche Lücke in ihrem Leben , und daß alle Talente Tugenden werden müssen oder nichts sind , und Schauderte vor der Lügenhaftigkeit ihres ganzen Wesens . Friedrichs Verachtung war ihr durchaus unerträglich , obgleich sie sonst die Männer verachtete . Da raffte sie sich innerlichst zusammen , zerriß alle ihre alten Verbindungen und begab sich in die Einsamkeit ihres Schlosses . Daher ihr plötzliches Verschwinden aus der Residenz . Sie mochte sich nicht stückweise bessern , ein ganz neues Leben der Wahrheit wollte sie anfangen . Vor allem bestrebte sie sich mit ehrlichem Eifer , den schönen , verwilderten Knaben , den wir dort kennengelernt , zu Gott zurückzuführen , und er übertraf mit seiner Kraft eines unabgenützten Gemütes gar bald seine Lehrerin . Sie knüpfte Bekanntschaften an mit einigen häuslichen Frauen der Nachbarschaft , die sie sonst unsäglich verachtet , und mußte beschämt vor mancher Trefflichkeit stehen , von der sie sich ehedem nichts träumen ließ . Die Fenster und Türen ihres Schlosses , die sonst Tag und Nacht offenstanden , wurden nun geschlossen , sie wirkte still und fleißig nach allen Seiten und führte eine strenge Hauszucht . Friedrich sollte ihretwegen von alledem nichts wissen , das war ihr , wie sie meinte , einerlei . - Es war ihr redlicher Ernst , anders zu werden , und noch nie hatte sich ihre Seele so rein triumphierend und frei gefühlt , als in dieser Zeit . Aber es war auch nur ein Rausch , obgleich der schönste in ihrem Leben . Es gibt nichts Erbarmungswürdigeres , als ein reiches , verwildertes Gemüt , das in verzweifelter Erinnerung an seine ursprüngliche , alte Güte , sich lüderlich an dem Besten und Schlechtesten berauscht , um nur jenes Andenken loszuwerden , bis es , so ausgehöhlt , zugrunde geht . Wenn uns der Wandel tugendhafter Frauen wie die Sonne erscheint , die in gleich verbreiteter Klarheit , still und erwärmend , täglich die vorgeschriebenen Kreise beschreibt , so möchten wir dagegen Romanas rasches Leben einer Rakete vergleichen , die sich mit schimmerndem Geprassel zum Himmel aufreißt und oben unter dem Beifallsklatschen der staunenden Menge in tausend funkelnde Sterne ohne Licht und Wärme prächtig zerplatzt . Sie hatte die Einfalt , diese Grundkraft aller Tugend , leichtsinnig verspielt ; sie kannte gleichsam alle Schliche und Kniffe der Besserung . Sie mochte sich stellen , wie sie wollte , sie konnte , gleich einem Somnambulisten , ihre ganze Bekehrungsgeschichte wie ein wohlgeschriebenes Gedicht , Vers vor Vers , inwendig vorauslesen , und der Teufel saß gegenüber und lachte ihr dabei immerfort ins Gesicht . In solcher Seelenangst dichtete sie oft die herrlichsten Sachen , aber mitten im Schreiben fiel es ihr ein , wie doch alles eigentlich nicht wahr sei - wenn sie betete , kreuzten ihr häufig unkeusche