lustig , wie jeder mit sichtlicher Qual darnach rang , in Wort und Miene recht sonntagsmäßig vor der Fremden zu erscheinen . Aurelie nahm diese Huldigungen mit niedergeschlagenen Augen , in holder Anmut hoch errötend , auf ; aber als nun der Fürst die älteren Männer um sich sammelte und mancher bildschöne Jüngling sich schüchtern mit freundlichen Worten Aurelien nahte , wurde sie sichtlich heitrer und unbefangener . Vorzüglich gelang es einem Major von der Leibgarde , ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen , so daß sie bald in lebhaftem Gespräch begriffen schienen . Ich kannte den Major als entschiedenen Liebling der Weiber . Er wußte mit geringem Aufwande harmlos scheinender Mittel Sinn und Geist aufzuregen und zu umstricken . Mit feinem Ohr auch den leisesten Anklang erlauschend , ließ er schnell wie ein geschickter Spieler alle verwandte Akkorde nach Willkür vibrieren , so daß die Getäuschte in den fremden Tönen nur ihre eigne innere Musik zu hören glaubte . - Ich stand nicht fern von Aurelien , sie schien mich nicht zu bemerken - ich wollte hin zu ihr , aber wie mit eisernen Banden gefesselt , vermochte ich nicht , mich von der Stelle zu rühren . - Noch einmal den Major scharf anblickend , war es mir plötzlich , als stehe Viktorin bei Aurelien . Da lachte ich auf im grimmigen Hohn : » Hei ! - Hei ! Du Verruchter , hast du dich im Teufelsgrunde so weich gebettet , daß du in toller Brunst trachten magst nach der Buhlin des Mönchs ? « - Ich weiß nicht , ob ich diese Worte wirklich sprach , aber ich hörte mich selbst lachen und fuhr auf wie aus tiefem Traum , als der alte Hofmarschall , sanft meine Hand fassend , frug : » Worüber erfreuen Sie sich so , lieber Herr Leonard ? « - Eiskalt durchbebte es mich ! Waren das nicht die Worte des frommen Bruders Cyrill , der mich ebenso frug , als er bei der Einkleidung mein freveliges Lächeln bemerkte ? - Kaum vermochte ich , etwas Unzusammenhängendes herzustammeln . Ich fühlte es , daß Aurelie nicht mehr in meiner Nähe war , doch wagte ich es nicht , aufzublicken , ich rannte fort durch die erleuchteten Säle . Wohl mag mein ganzes Wesen gar unheimlich erschienen sein ; denn ich bemerkte , wie mir alles scheu auswich , als ich die breite Haupttreppe mehr herabsprang als herabstieg . Ich mied den Hof , denn Aurelien ohne Gefahr , mein tiefstes Geheimnis zu verraten , wiederzusehen , schien mir unmöglich . Einsam lief ich durch Flur und Wald , nur sie denkend , nur sie schauend . Fester und fester wurde meine Überzeugung , daß ein dunkles Verhängnis ihr Geschick in das meinige verschlungen habe und daß das , was mir manchmal als sündhafter Frevel erschienen , nur die Erfüllung eines ewigen unabänderlichen Ratschlusses sei . So mich ermutigend , lachte ich der Gefahr , die mir dann drohen könnte , wenn Aurelie in mir Hermogens Mörder erkennen sollte . Dies dünkte mir jedoch überdem höchst unwahrscheinlich . - Wie erbärmlich erschienen mir nun jene Jünglinge , die in eitlem Wahn sich um die bemühten , die so ganz und gar mein eigen worden , daß ihr leisester Lebenshauch nur durch das Sein in mir bedingt schien . - Was sind mir diese Grafen , diese Freiherren , diese Kammerherren , diese Offiziere in ihren bunten Röcken - in ihrem blinkenden Golde , ihren schimmernden Orden anders als ohnmächtige , geschmückte Insektlein , die ich , wird mir das Volk lästig , mit kräftiger Faust zermalme . - In der Kutte will ich unter sie treten , Aurelien bräutlich geschmückt in meinen Armen , und diese stolze feindliche Fürstin soll selbst das Hochzeitslager bereiten dem siegenden Mönch , den sie verachtet . - In solchen Gedanken arbeitend , rief ich oft laut Aureliens Namen und lachte und heulte wie ein Wahnsinniger . Aber bald legte sich der Sturm . Ich wurde ruhiger und fähig , darüber Entschlüsse zu fassen , wie ich nun mich Aurelien nähern wollte . - Eben schlich ich eines Tages durch den Park , nachsinnend , ob es ratsam sei , die Abendgesellschaft zu besuchen , die der Fürst ansagen lassen , als man von hinten her auf meine Schulter klopfte . Ich wandte mich um , der Leibarzt stand vor mir . » Erlauben Sie mir Ihren werten Puls ! « fing er sogleich an und griff , starr mir ins Auge blickend , nach meinem Arm . » Was bedeutet das ? « frug ich erstaunt . » Nicht viel , « fuhr er fort , » es soll hier still und heimlich einige Tollheit umherschleichen , die die Menschen recht banditenmäßig überfällt und ihnen eins versetzt , daß sie leicht aufkreischen müssen , klingt das auch zuweilen nur wie ein unsinnig Lachen . Indessen kann alles auch nur ein Phantasma oder jener tolle Teufel nur ein gelindes Fieber mit steigender Hitze sein , darum erlauben Sie Ihren werten Puls , Liebster ! « - » Ich versichre Sie , mein Herr , daß ich von dem allen kein Wort verstehe ! « So fiel ich ein , aber der Leibarzt hatte meinen Arm gefaßt und zählte den Puls mit zum Himmel gerichtetem Blick - eins - zwei , drei . - Mir war sein wunderliches Betragen rätselhaft , ich drang in ihn , mir doch nur zu sagen , was er eigentlich wolle . » Sie wissen also nicht , werter Herr Leonard , daß Sie neulich den ganzen Hof in Schrecken und Bestürzung gesetzt haben ? - Die Oberhofmeisterin leidet bis dato an Krämpfen , und der Konsistorial-Präsident versäumt die wichtigsten Sessionen , weil es Ihnen beliebt hat , über seine podagrischen Füße wegzurennen , so daß er , im Lehnstuhl sitzend , noch über mannigfache Stiche beträchtlich brüllt ! - Das geschah nämlich , als Sie , wie von einiger Tollheit heimgesucht , aus dem Saale stürzten , nachdem sie ohne merkliche Ursache so aufgelacht hatten , daß allen ein Grausen ankam und sich die Haare sträubten ! « - In dem Augenblick dachte ich an den Hofmarschall und meinte , daß ich mich nun wohl erinnere , in Gedanken laut aufgelacht zu haben , um so weniger könne das aber von solch wunderlicher Wirkung gewesen sein , als der Hofmarschall mich ja ganz sanft gefragt hätte , worüber ich mich so erfreue . » Ei , Ei ! « - fuhr der Leibarzt fort , » das will nichts bedeuten , der Hofmarschall ist solch ein homo impavidus , der sich aus dem Teufel selbst nichts macht . Er blieb in seiner ruhigen Dolcezza , obgleich erwähnter Konsistorial-Präsident wirklich meinte , der Teufel habe aus Ihnen , mein Teurer , auf seine Weise gelächelt , und unsere schöne Aurelie von solchem Grausen und Entsetzen ergriffen wurde , daß alle Bemühungen der Herrschaft , sie zu beruhigen , vergebens blieben und sie bald die Gesellschaft verlassen mußte , zur Verzweiflung sämtlicher Herren , denen sichtlich das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte ! In dem Augenblick , als Sie , werter Herr Leonard , so lieblich lachten , soll Aurelie mit schneidendem , in das Herz dringenden Ton : Hermogen ! gerufen haben . Ei , Ei ! was mag das bedeuten ? - Das könnten Sie vielleicht wissen - Sie sind überhaupt ein lieber , lustiger , kluger Mann , Herr Leonard , und es ist mir nicht unlieb , daß ich Ihnen Franceskos merkwürdige Geschichte anvertraut habe , das muß recht lehrreich für Sie werden ! « - Immerfort hielt der Leibarzt meinen Arm fest und sah mir starr in die Augen . - » Ich weiß , « sagte ich , mich ziemlich unsanft losmachend , » ich weiß Ihre wunderliche Reden nicht zu deuten , mein Herr , aber ich muß gestehen , daß , als ich Aurelien von den geschmückten Herren umlagert sah , denen , wie Sie witzig bemerken , das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte , mir eine sehr bittre Erinnerung aus meinem früheren Leben durch die Seele fuhr und daß ich , von recht grimmigem Hohn über mancher Menschen töricht Treiben ergriffen , unwillkürlich hell auflachen mußte . Es tut mir leid , daß ich , ohne es zu wollen , so viel Unheil angerichtet habe , und ich büße dafür , indem ich mich selbst auf einige Zeit vom Hofe verbanne . Mag mir die Fürstin , mag mir Aurelie verzeihen . « » Ei , mein lieber Herr Leonard , « versetzte der Leibarzt , » man hat ja wohl wunderliche Anwandlungen , denen man leicht widersteht , wenn man sonst nur reinen Herzens ist . « - » Wer darf sich dessen rühmen hienieden ? « frug ich dumpf in mich hinein . Der Leibarzt änderte plötzlich Blick und Ton . » Sie scheinen mir , « sprach er milde und ernst , » Sie scheinen mir aber doch wirklich krank . - Sie sehen blaß und verstört aus - Ihr Auge ist eingefallen und brennt seltsam in rötlicher Glut ... Ihr Puls geht fieberhaft ... Ihre Sprache klingt dumpf ... soll ich Ihnen etwas aufschreiben ? « - » Gift ! « sprach ich kaum vernehmbar . - » Ho ho ! « rief der Leibarzt , » steht es so mit Ihnen ? Nun , nun , statt des Gifts das niederschlagende Mittel zerstreuender Gesellschaft . - Es kann aber auch sein , daß ... Wunderlich ist es aber doch ... vielleicht - « » Ich bitte Sie , mein Herr ! « rief ich ganz erzürnt , » ich bitte Sie , mich nicht mit abgebrochenen unverständlichen Reden zu quälen , sondern lieber geradezu alles ... « - » Halt ! « unterbrach mich der Leibarzt , » halt ... es gibt die wunderlichsten Täuschungen , mein Herr Leonard , beinahe ist ' s mir gewiß , daß man auf augenblicklichen Eindruck eine Hypothese gebaut hat , die vielleicht in wenigen Minuten in nichts zerfällt . Dort kommt die Fürstin mit Aurelien , nützen Sie dieses zufällige Zusammentreffen , entschuldigen Sie Ihr Betragen ... Eigentlich ... mein Gott ! eigentlich haben Sie ja auch nur gelacht ... freilich auf etwas wunderliche Weise , wer kann aber dafür , daß schwachnervige Personen darüber erschrecken ? Adieu ! « - Der Leibarzt sprang mit der ihm eignen Behendigkeit davon . Die Fürstin kam mit Aurelien den Gang herab . Ich erbebte . - Mit aller Gewalt raffte ich mich zusammen . Ich fühlte nach des Leibarztes geheimnisvollen Reden , daß es nun galt , mich auf der Stelle zu behaupten . Keck trat ich den Kommenden entgegen . Als Aurelie mich ins Auge faßte , sank sie mit einem dumpfen Schrei wie tot zusammen , ich wollte hinzu , mit Abscheu und Entsetzen winkte mich die Fürstin fort , laut um Hilfe rufend . Wie von Furien und Teufeln gepeitscht , rannte ich fort durch den Park . Ich schloß mich in meine Wohnung ein und warf mich , vor Wut und Verzweiflung knirschend , aufs Lager ! - Der Abend kam , die Nacht brach ein , da hörte ich die Haustüre aufschließen , mehrere Stimmen murmelten und flüsterten durcheinander , es wankte und tappte die Treppe herauf - endlich pochte man an meine Türe und befahl mir im Namen der Obrigkeit , aufzumachen . Ohne deutliches Bewußtsein , was mir drohen könne , glaubte ich zu fühlen , daß ich nun verloren sei . Rettung durch Flucht - so dachte ich und riß das Fenster auf . - Ich erblickte Bewaffnete vor dem Hause , von denen mich einer sogleich bemerkte . » Wohin ? « rief er mir zu , und in dem Augenblick wurde die Türe meines Schlafzimmers gesprengt . Mehrere Männer traten herein ; bei dem Leuchten der Laterne , die einer von ihnen trug , erkannte ich sie für Polizeisoldaten . Man zeigte mir die Ordre des Kriminalgerichts , mich zu verhaften , vor ; jeder Widerstand wäre töricht gewesen . Man warf mich in den Wagen , der vor dem Hause hielt , und als ich , an den Ort , der meine Bestimmung schien , angekommen , frug , wo ich mich befände , so erhielt ich zur Antwort : » In den Gefängnissen der obern Burg . « Ich wußte , daß man hier gefährliche Verbrecher während des Prozesses einsperre . Nicht lange dauerte es , so wurde mein Bette gebracht , und der Gefangenwärter frug mich , ob ich noch etwas zu meiner Bequemlichkeit wünsche . Ich verneinte das und blieb endlich allein . Die lange nachhallenden Tritte und das Auf- und Zuschließen vieler Türen ließen mich wahrnehmen , daß ich mich in einem der innersten Gefängnisse auf der Burg befand . Auf mir selbst unerklärliche Weise war ich während der ziemlich langen Fahrt ruhig geworden , ja in einer Art Sinnesbetäubung erblickte ich alle Bilder , die mir vorübergingen , nur in blassen , halberloschenen Farben . Ich erlag nicht dem Schlaf , sondern einer Gedanken und Phantasie lähmenden Ohnmacht . Als ich am hellen Morgen erwachte , kam mir nur nach und nach die Erinnerung dessen , was geschehen und wo ich hingebracht worden . Die gewölbte , ganz zellenartige Kammer , wo ich lag , hätte mir kaum ein Gefängnis geschienen , wenn nicht das kleine Fenster stark mit Eisenstäben vergittert und so hoch angebracht gewesen wäre , daß ich es nicht einmal mit ausgestreckter Hand erreichen , viel weniger hinausschauen konnte . Nur wenige Sonnenstrahlen fielen sparsam hinein ; mich wandelte die Lust an , die Umgebungen meines Aufenthaltes zu erforschen , ich rückte daher mein Bette heran und stellte den Tisch darauf . Eben wollte ich hinaufklettern , als der Gefangenwärter hereintrat und über mein Beginnen sehr verwundert schien . Er frug mich , was ich da mache , ich erwiderte , daß ich nur hinausschauen wollen ; schweigend trug er Tisch , Bette und den Stuhl fort und schloß mich sogleich wieder ein . Nicht eine Stunde hatte es gedauert , als er , von zwei anderen Männern begleitet , wieder erschien und mich durch lange Gänge treppauf , treppab führte , bis ich endlich in einen kleinen Saal eintrat , wo mich der Kriminalrichter erwartete . Ihm zur Seite saß ein junger Mann , dem er in der Folge alles , was ich auf die an mich gerichtete Fragen erwidert hatte , laut in die Feder diktierte . Meinen ehemaligen Verhältnissen bei Hofe und der allgemeinen Achtung , die ich in der Tat so lange genossen hatte , mochte ich die höfliche Art danken , mit der man mich behandelte , wiewohl ich auch die Überzeugung darauf baute , daß nur Vermutungen , die hauptsächlich auf Aureliens ahnendes Gefühl beruhen konnten , meine Verhaftung veranlaßt hatten . Der Richter forderte mich auf , meine bisherigen Lebensverhältnisse genau anzugeben ; ich bat ihn , mir erst die Ursache meiner plötzlichen Verhaftung zu sagen , er erwiderte , daß ich über das mir schuld gegebene Verbrechen zu seiner Zeit genau genug vernommen werden solle . Jetzt komme es nur darauf an , meinen ganzen Lebenslauf bis zur Ankunft in der Residenz auf das genaueste zu wissen , und er müsse mich daran erinnern , daß es dem Kriminalgericht nicht an Mitteln fehlen würde , auch dem kleinsten von mir angegebenen Umstande nachzuspüren , weshalb ich denn ja der strengsten Wahrheit treu bleiben möge . Diese Ermahnung , die der Richter , ein kleiner dürrer Mann mit fuchsroten Haaren , mit heiserer , lächerlich quäkender Stimme mir hielt , indem er die grauen Augen weit aufriß , fiel auf einen fruchtbaren Boden ; denn ich erinnerte mich nun , daß ich in meiner Erzählung den Faden genau so aufgreifen und fortspinnen müsse , wie ich ihn angelegt , als ich bei Hofe meinen Namen und Geburtsort angab . Auch war es wohl nötig , alles Auffallende vermeidend , meinen Lebenslauf ins Alltägliche , aber weit Entfernte , Ungewisse zu spielen , so daß die weitern Nachforschungen dadurch auf jeden Fall weit aussehend und schwierig werden mußten . In dem Augenblick kam mir auch ein junger Pole ins Gedächtnis , mit dem ich auf dem Seminar in B. studierte ; ich beschloß , seine einfachen Lebensumstände mir anzueignen . So gerüstet , begann ich in folgender Art : » Es mag wohl sein , daß man mich eines schweren Verbrechens beschuldigt , ich habe indessen hier unter den Augen des Fürsten und der ganzen Stadt gelebt , und es ist während der Zeit meines Aufenthaltes kein Verbrechen verübt worden , für dessen Urheber ich gehalten werden oder dessen Teilnehmer ich sein könnte . Es muß also ein Fremder sein , der mich eines in früherer Zeit begangenen Verbrechens anklagt , und da ich mich von aller Schuld völlig rein fühle , so hat vielleicht nur eine unglückliche Ähnlichkeit die Vermutung meiner Schuld erregt ; um so härter finde ich es aber , daß man mich leerer Vermutungen und vorgefaßter Meinungen wegen , dem überführten Verbrecher gleich , in ein strenges Kriminalgefängnis sperrt . Warum stellt man mich nicht meinem leichtsinnigen , vielleicht boshaften Ankläger unter die Augen ? ... Gewiß ist es am Ende ein alberner Tor , der ... « » Gemach , gemach , Herr Leonard , « quäkte der Richter , » menagieren Sie sich , Sie könnten sonst garstig anstoßen gegen hohe Personen , und die fremde Person , die Sie , mein Herr Leonard , oder Herr ... ( er biß sich schnell in die Lippen ) erkannt hat , ist auch weder leichtsinnig noch albern , sondern ... Nun , und dann haben wir gute Nachrichten aus der ... « Er nannte die Gegend , wo die Güter des Barons F. lagen , und alles klärte sich dadurch mir deutlich auf . Entschieden war es , daß Aurelie in mir den Mönch erkannt hatte , der ihren Bruder ermordete . Dieser Mönch war ja aber Medardus , der berühmte Kanzelredner aus dem Kapuzinerkloster in B. Als diesen hatte ihn Reinhold erkannt , und so hatte er sich auch selbst kund getan . Daß Francesko der Vater jenes Medardus war , wußte die Äbtissin , und so mußte meine Ähnlichkeit mit ihm , die der Fürstin gleich anfangs so unheimlich worden , die Vermutungen , welche die Fürstin und die Äbtissin vielleicht schon brieflich unter sich angeregt hatten , beinahe zur Gewißheit erheben . Möglich war es auch , daß Nachrichten selbst aus dem Kapuzinerkloster in B. eingeholt worden ; daß man meine Spur genau verfolgt und so die Identität meiner Person mit dem Mönch Medardus festgestellt hatte . Alles dieses überdachte ich schnell und sah die Gefahr meiner Lage . Der Richter schwatzte noch fort , und dies brachte mir Vorteil , denn es fiel mir auch jetzt der lange vergebens gesuchte Name des polnischen Städtchens ein , das ich der alten Dame bei Hofe als meinen Geburtsort genannt hatte . Kaum endete daher der Richter seinen Sermon mit der barschen Äußerung , daß ich nun ohne weiteres meinen bisherigen Lebenslauf erzählen solle , als ich anfing : » Ich heiße eigentlich Leonard Krczynski und bin der einzige Sohn eines Edelmanns , der sein Gütchen verkauft hatte und sich in Kwiecziczewo aufhielt . « - » Wie , was ? « - rief der Richter , indem er sich vergebens bemühte , meinen sowie den Namen meines angeblichen Geburtsortes nachzusprechen . Der Protokollführer wußte gar nicht , wie er die Wörter aufschreiben sollte ; ich mußte beide Namen selbst einrücken und fuhr dann fort : » Sie bemerken , mein Herr , wie schwer es der deutschen Zunge wird , meine konsonantenreichen Namen nachzusprechen , und darin liegt die Ursache , warum ich ihn , sowie ich nach Deutschland kam , wegwarf und mich bloß nach meinem Vornamen , Leonard , nannte . Übrigens kann keines Menschen Lebenslauf einfacher sein , als der meinige . Mein Vater , selbst ziemlich unterrichtet , billigte meinen entschiedenen Hang zu den Wissenschaften und wollte mich eben nach Krakau zu einem ihm verwandten Geistlichen , Stanislaw Krczynski schicken , als er starb . Niemand bekümmerte sich um mich , ich verkaufte die kleine Habe , zog einige Schulden ein und begab mich wirklich mit dem ganzen mir von meinem Vater hinterlassenen Vermögen nach Krakau , wo ich einige Jahre unter meines Verwandten Aufsicht studierte . Dann ging ich nach Danzig und nach Königsberg . Endlich trieb es mich wie mit unwiderstehlicher Gewalt , eine Reise nach dem Süden zu machen ; ich hoffte , mich mit dem Rest meines kleinen Vermögens durchzubringen und dann eine Anstellung bei irgend einer Universität zu finden , doch wäre es mir hier beinahe schlimm ergangen , wenn nicht ein beträchtlicher Gewinn an der Pharobank des Fürsten mich in den Stand gesetzt hätte , hier noch ganz gemächlich zu verweilen und dann , wie ich es im Sinn hatte , meine Reise nach Italien fortzusetzen . Irgend etwas Ausgezeichnetes , das wert wäre , erzählt zu werden , hat sich in meinem Leben gar nicht zugetragen . Doch muß ich wohl noch erwähnen , daß es mir leicht gewesen sein würde , die Wahrheit meiner Angaben ganz unzweifelhaft nachzuweisen , wenn nicht ein ganz besonderer Zufall mich um meine Brieftasche gebracht hätte , worin mein Paß , meine Reiseroute und verschiedene andere Skripturen befindlich waren , die jenem Zweck gedient hätten « . - Der Richter fuhr sichtlich auf , er sah mich scharf an und frug mit beinahe spöttischem Ton , welcher Zufall mich denn außerstande gesetzt hätte , mich , wie es verlangt werden müßte , zu legitimieren . » Vor mehreren Monaten « , so erzählte ich , » befand ich mich auf dem Wege hieher im Gebirge . Die anmutige Jahreszeit sowie die herrliche romantische Gegend bestimmten mich , den Weg zu Fuße zu machen . Ermüdet saß ich eines Tages in dem Wirtshause eines kleinen Dörfchens ; ich hatte mir Erfrischungen reichen lassen und ein Blättchen aus meiner Brieftasche genommen , um irgend etwas , das mir eingefallen , aufzuzeichnen ; die Brieftasche lag vor mir auf dem Tische . Bald darauf kam ein Reiter dahergesprengt , dessen sonderbare Kleidung und verwildertes Ansehen meine Aufmerksamkeit erregte . Er trat ins Zimmer , forderte einen Trunk und setzte sich , finster und scheu mich anblickend , mir gegenüber an den Tisch . Der Mann war mir unheimlich , ich trat daher ins Freie hinaus . Bald darauf kam auch der Reiter , bezahlte den Wirt und sprengte , mich flüchtig grüßend , davon . Ich stand im Begriff , weiter zu gehen , als ich mich der Brieftasche erinnerte , die ich in der Stube auf dem Tische liegen lassen ; ich ging hinein und fand sie noch auf dem alten Platz . Erst des andern Tages , als ich die Brieftasche hervorzog , entdeckte ich , daß es nicht die meinige war , sondern daß sie wahrscheinlich dem Fremden gehörte , der gewiß aus Irrtum die meinige eingesteckt hatte . Nur einige mir unverständliche Notizen und mehrere an einen Grafen Viktorin gerichtete Briefe befanden sich darin . Diese Brieftasche nebst dem Inhalt wird man noch unter meinen Sachen finden ; in der meinigen hatte ich , wie gesagt , meinen Paß , meine Reiseroute und , wie mir jetzt eben einfällt , sogar meinen Taufschein ; um das alles bin ich durch jene Verwechslung gekommen . « Der Richter ließ sich den Fremden , dessen ich erwähnt , von Kopf bis zu Fuß beschreiben , und ich ermangelte nicht , die Figur mit aller nur möglichen Eigentümlichkeit aus der Gestalt des Grafen Viktorin und aus der meinigen auf der Flucht aus dem Schlosse des Barons F. geschickt zusammenzufügen . Nicht aufhören konnte der Richter , mich über die kleinsten Umstände dieser Begebenheit auszufragen , und indem ich alles befriedigend beantwortete , ründete sich das Bild davon so in meinem Innern , daß ich selbst daran glaubte und keine Gefahr lief , mich in Widersprüche zu verwickeln . Mit Recht konnte ich es übrigens wohl für einen glücklichen Gedanken halten , wenn ich , den Besitz jener an den Grafen Viktorin gerichteten Briefe , die in der Tat sich noch im Portefeuille befanden , rechtfertigend , zugleich eine fingierte Person einzuflechten suchte , die künftig , je nachdem die Umstände darauf hindeuteten , den entflohenen Medardus oder den Grafen Viktorin vorstellen konnte . Dabei fiel mir ein , daß vielleicht unter Euphemiens Papieren sich Briefe vorfanden , die über Viktorins Plan , als Mönch im Schlosse zu erscheinen , Aufschluß gaben , und daß dies aufs neue den eigentlichen Hergang der Sache verdunkeln und verwirren könne . Meine Phantasie arbeitete fort , indem der Richter mich frug , und es entwickelten sich mir immer neue Mittel , mich vor jeder Entdeckung zu sichern , so daß ich auf das Ärgste gefaßt zu sein glaubte . - Ich erwartete nun , da über mein Leben im allgemeinen alles genug erörtert schien , daß der Richter dem mir angeschuldigten Verbrechen näher kommen würde , es war aber dem nicht so ; vielmehr frug er , warum ich habe aus dem Gefängnis entfliehen wollen . - Ich versicherte , daß mir dies nicht in den Sinn gekommen sei . Das Zeugnis des Gefangenwärters , der mich an das Fenster hinaufkletternd angetroffen , schien aber wider mich zu sprechen . Der Richter drohte mir , daß ich nach einem zweiten Versuch angeschlossen werden solle . Ich wurde in den Kerker zurückgeführt . - Man hatte mir das Bette genommen und ein Strohlager auf dem Boden bereitet , der Tisch war festgeschraubt , statt des Stuhles fand ich eine sehr niedrige Bank . Es vergingen drei Tage , ohne daß man weiter nach mir frug , ich sah nur das mürrische Gesicht eines alten Knechts , der mir das Essen brachte und abends die Lampe ansteckte . Da ließ die gespannte Stimmung nach , in der es mir war , als stehe ich im lustigen Kampf auf Leben und Tod , den ich wie ein wackrer Streiter ausfechten werde . Ich fiel in ein trübes düstres Hinbrüten , alles schien mir gleichgültig , selbst Aureliens Bild war verschwunden . Doch bald rüttelte sich der Geist wieder auf , aber nur um stärker von dem unheimlichen , krankhaften Gefühl befangen zu werden , das die Einsamkeit , die dumpfe Kerkerluft erzeugt hatte und dem ich nicht zu widerstehen vermochte . Ich konnte nicht mehr schlafen . In den wunderlichen Reflexen , die der düstre flackernde Schein der Lampe an Wände und Decke warf , grinsten mich allerlei verzerrte Gesichter an ; ich löschte die Lampe aus , ich barg mich in die Strohkissen , aber gräßlicher tönte dann das dumpfe Stöhnen , das Kettengerassel der Gefangenen durch die grauenvolle Stille der Nacht . Oft war es mir , als höre ich Euphemiens - Viktorins Todesröcheln . » Bin ich denn schuld an euerm Verderben ? Wart ihr es nicht selbst , Verruchte , die ihr euch hingabt meinem rächenden Arm ? « - So schrie ich laut auf , aber dann ging ein langer , tief ausatmender Todesseufzer durch die Gewölbe , und in wilder Verzweiflung heulte ich : » Du bist es , Hermogen ! ... Nah ist die Rache ! ... Keine Rettung mehr ! « - In der neunten Nacht mochte es sein , als ich , halb ohnmächtig von Grauen und Entsetzen , auf dem kalten Boden des Gefängnisses ausgestreckt lag . Da vernahm ich deutlich unter mir ein leises , abgemessenes Klopfen . Ich horchte auf , das Klopfen dauerte fort , und dazwischen lachte es seltsamlich aus dem Boden hervor ! - Ich sprang auf und warf mich auf das Strohlager , aber immerfort klopfte es und lachte und stöhnte dazwischen . - Endlich rief es leise , leise , aber wie mit häßlicher , heiserer , stammelnder Stimme hintereinander fort : » Me-dar-dus ! Me-dar-dus ! « - Ein Eisstrom goß sich mir durch die Glieder ! Ich ermannte mich und rief » Wer da ! Wer ist da ? « - Lauter lachte es nun und stöhnte und ächzte und klopfte und stammelte heiser : » Me-dar-dus ... Me-dar-dus ! « - Ich raffte mich auf vom Lager . » Wer du auch bist , der du hier tollen Spuk treibst , stell ' dich her sichtbarlich vor meine Augen , daß ich dich schauen mag , oder höre auf mit deinem wüsten Lachen und Klopfen ! « - So rief ich in die dicke Finsternis hinein , aber recht unter meinen Füßen klopfte es stärker und stammelte : » Hihihi ... hihihi ... Brü-der-lein ... Brü-der-lein ... Me-dar-dus ... ich bin da ... bin da ... ma-mach auf ... auf ... wir wollen in den Wa-Wald gehn ... Wald gehn ! « - Jetzt tönte die Stimme dunkel in meinem Innern wie bekannt ; ich hatte sie schon sonst gehört , doch nicht , wie mich es dünkte , so abgebrochen und so stammelnd . Ja , mit Entsetzen glaubte ich meinen eignen Sprachton zu vernehmen . Unwillkürlich , als wollte ich versuchen , ob es dem so sei , stammelte ich nach : » Me-dar-dus ... Me-dar-dus ! « Da lachte es wieder , aber höhnisch und grimmig und rief : » Brü-der-lein ... Brü-der-lein , hast ... du , du mi-mich erkannt ... erkannt ? ... ma-mach auf wir wo-wollen in den Wa-Wald ... in den Wald ! « - » Armer Wahnsinniger , « so sprach es dumpf und schauerlich aus mir heraus , » armer Wahnsinniger , nicht aufmachen kann ich dir , nicht heraus mit dir in den schönen Wald , in die herrliche freie Frühlingsluft , die