erfreuten , auf den Baum und schüttelte und pflückte nach ihres Herzens Lust , die sich in der Arbeit mehrte . Die junge Frau sagt endlich etwas , das die Alte einem schreienden Kinde tun soll , sie erhält keine böse Antwort , verwundert sich und sieht , daß die Mutter schon aufgestanden sei ; gleich weiß sie , worauf das gehe : auch sie hatte gestern den Baum mit Sehnsucht angesehen ; sie springt heraus und findet die Alte , wie sie auf dem Birnbaume wütet . Das gab Schimpfreden , aber die Alte war so erbittert auf die Birnen , daß sie gar nicht vom Baume herunter zu bringen war , bis die Schwiegertochter sie wie eine Katze , oder wie ein Eichhorn herunterschüttelte , und sie unten am Boden wie ein näschiges Kind abstrafte . Da beide unrecht hatten , die Alte als Diebin , die Tochter wegen der zugefügten Mißhandlungen , so wurden sie nach heftigem Gestreite beide auf ein paar Stunden ins Gefängnis gebracht ; der arme Leineweber wollte aus Achtung gegen Mutter und Frau dabei verzweifeln , und ließ sich zu ihrer Unterhaltung mit einsperren . - Als der Graf seiner Frau diesen Schluß lachend meldete , fühlte sie sich doch gekränkt . » Ich finde es gar nicht zum Lachen « , sagte sie , » wenn meine Vorsprache dir so gar nichts gilt ; die Leute werden mir künftig alle Achtung versagen . « - Der Graf sah ärgerlich zum Fenster hinaus . Neunzehntes Kapitel Der Dichter Waller und seine Frau , Traugott und Alonso Er hatte kaum ein paar Minuten hinausgeblickt , als er seine Frau auf eine Gruppe aufmerksam machte , die den hohen Weg vorüber unter den palmenartigen Weiden wie ein Schattenspiel fortschritt . Ein wohlgekleideter Mann führte ein Pferd , auf welchem eine Frau in Betten eingepackt saß ; zwei Kinder ritten auf großen langgehörnten Ziegen nebenher . Unsre beiden Zuschauer eilten herunter die Leute näher zu betrachten und sie wurden von dem Manne , der in einem sehr ausgearbeiteten faltigen verbrannten haarichten Gesichte viel Geist verriet , angeredet . Er klagte , daß seine Frau , der diese Lustreise zur Gesundheit empfohlen , immer kränker würde ; zugleich bat er um ein Unterkommen . Der Graf erbot ihm alle seine Dienste , und führte selbst das Pferd nach einem Gartenhause , wo die Kranke keine Stufen zu steigen brauchte und doch aller Annehmlichkeit der Gegend genoß . Als sie sich auf dem Sopha eingerichtet , erhob sie den Schleier und zeigte ein so reizend sterbendes Gesicht , etwa in der Art , wie wir auf einigen altdeutschen Bildern von der sterbenden Maria sehen ; sie sprach wenig , aber dieses Wenige beschäftigte sich nach dem ersten Danke ganz mit Sorge für Mann und Kinder , daß sie die Zeit nicht ihretwegen versäumen möchten ; sie möchten ihre gewöhnten Arbeiten vornehmen . Nachdem dieses wenigstens von den Kindern geschehen und beide einige landschaftliche Skizzen auszuzeichnen begonnen hatten , redete sie erst die Wirte an und versicherte ihnen mit einer Art innerer Zufriedenheit , daß ihre Milde diesmal wohl angewendet sei , da ihr Haus durch die Gegenwart des großen Waller gesegnet werde , den als ihren Mann zu nennen , ihr höchster Stolz sei . Jetzt begannen allerlei Komplimente ; der Graf mochte nicht sagen , daß er seine meisten Gedichte für falsche Münze halte , welche die Eitelkeit mancherlei tönenden Worten ausgeprägt hatte ; die Gräfin mochte nicht eingestehen , wie hoch sie ihn verehre ; Waller entwickelte dabei in hoher Vollendung seine Manier , das Ernste spaßhaft , das Spaßhafte ernst zu nehmen , durch Sonderbarkeit zu verwirren , seine Vortrefflichkeiten als zu leicht auszuwerfen , und war bald so laut , als er vorher einsilbig gewesen . Seine Frau durfte ihrer Brust wegen wenig reden , sie legte zu ihrer Unterhaltung eine Rötelzeichnung von der Aussicht an , die alle umgab , bald ging ein Knabe hinaus , eine der Ziegen zu melken , und brachte ihr die Milch , die sie mit Lust austrank , dann gab sie beiden Kindern , dem Traugott und dem Alonso , die Freiheit umherzulaufen . Ohne eines Menschen zu achten , immer mit einander beschäftigt , holten die Knaben mancherlei Spielzeug aus den Taschen und begannen im Schlosse ein Durchsuchen , ein Umklettern , wie eine Diebesbande , oder wie ein paar neu angekaufte Hofhunde ; die Leute des Grafen wollten es ihnen wehren , er aber gönnte ihnen dieses Vergnügen , was ihm sehr natürlich in jedem Kinde vorkam , aber wunderbar , insofern sie sich ihm ganz unbesorgt überließen , als wäre die Welt ihre . Küche und Garten plünderten sie durch wie die Affen nur in dem Bedürfnisse des Augenblicks , ohne der Zukunft zu achten . Etwas von allen Tieren hatten sie auch wirklich in ihrer Bildung und in der Art ihrer Bewegung , vielerlei Fertigkeit , wenig Überlegung . Ihr Vater sagte mit Recht : » Es sind Menschen , wie die künftige Zeit sie brauchen kann , mit jeder Not vertraut , in Arbeit und Mühe und jeder Witterung abgehärtet . « Da Frau Waller Ruhe bedurfte , so ließ sich Waller mit seinen neuen Bekannten in ein Gespräch ein , wußte so schnell in alle Besonderheiten des Hauses einzudringen und sich darin zu fügen , daß er in einer Stunde mehr Herr darin zu sein schien , als der Graf . Für die Vertraulichkeiten , die er ihnen entlockt hatte , forderten sie gleiche Vertraulichkeit von ihm und er sprach mit einer Art Überhebung von sich ; seine Frau sei früher an einen reichen Kaufmann verheiratet gewesen , er habe sich in dem Geldmangel , worin er sich seit seiner Jugend befunden , auch an dieses Haus gewendet und sei wegen seiner Spaßhaftigkeit Tischgenosse geworden . Die Frau , die älter als er , habe sich in ihn verliebt , und um sie nicht unglücklich zu machen , ungeachtet sie ihm immer fatal gewesen , habe er drein willigen müssen , daß sie sich scheiden lassen und ihn geheiratet . Wir wollen hier seine lange Erzählung zusammen ziehen . Waller war des Herumstreifens müde , er beredete sein Frau , ihr Haus in der Stadt zu verkaufen , um ganz der Kunst in einem abgelegenen Landhause zu leben , das ihn einmal auf einer Reise in der Mitte eines Tannenwaldes entzückt hatte . Sie willigte in alles ; seit ihrer Scheidung lebte sie ganz ihrem Manne und der Malerei ; er reiste in die romantische Gegend , kaufte das Haus sehr teuer , weil eine Familie , die dort geboren und groß gezogen , nicht aus gleichem Sinn an der Natur , sondern aus Gewohnheit sich nur großer Vorteile wegen davon trennen mochte . In wenigen Tagen richtete er sich alles nach seinem Geschmacke ein : sonnte die angekommenen Betten , stellte Blumentöpfe in die Fenster , wand eine Ehrenpforte an der Türe aus Birken mit Bärenklau und Feldblumen , setzte sich in den Garten und schrieb dieser Ehrenpforte eine Inschrift : Hier fielen Druck und Sorgen Von eines Menschen Herz , Er kann euch wieder borgen Von seinem eignen Scherz . Nur einmal Herr der Erde , Nur einmal Herr der Luft , Dann weichet die Beschwerde , Dann füllet sich die Kluft . Die offnen Augen tragen , Wohin der Fuß mich trägt , Bis zu dem Sonnenwagen , Der hoch am Himmel wegt . Nach einem andern Wagen Horcht hier im Sand sein Ohr , Der soll die Freundin tragen Durchs hohe Gartentor . Er sonnte still im Garten Die Betten ganz allein , Er mußte lange warten , Sie tritt ins Haus herein , Und an der Ehrenpforte Vielbuntem Bogenzug Liest sie die frohen Worte : Die Eine mir genug . Er hatte es sich aber bloß eingebildet , daß sie gekommen , sie war durch ein gebrochenes Rad auf dem Wege aufgehalten ; er wurde immer ungeduldiger , hatte für alles gesorgt , nur nicht fürs Essen : er mußte sich mit Brot und Milch begnügen ; aus Ärger warf er endlich die Ehrenpforte zusammen , fegte die Blumen aus den Zimmern und empfing die Frau , die dazu ankam , mit heftigen Vorwürfen , wie sie ihm jedes Vergnügen verderbe . Sie suchte , ihn zu beschwichtigen und er ward wieder vergnügt . Am anderen Morgen wollte er eine gewaltige Arbeit machen , zu der er sich lange einen recht schönen Tag gewünscht ; wirklich war das Wetter hell , er ging auf sein Studierzimmer , aber es wollte ihm nichts gelingen : er war zerstreut ; ein paar welsche Hähne , die sich im Hofe bissen , zogen alle Aufmerksamkeit an sich ; dann sah er einer dicken Magd zu , die im Garten arbeitete ; dann wurde es ihm zu heiß . Es ward Mittag und er hatte nichts getan , und fand darüber alle Lieblingsspeisen schlecht , die ihm seine Frau zubereitet hatte . Jeder Tag hatte seine eigne wunderbare Geschichte , insbesondre seit er sich darauf legte , die Natur recht zu genießen ; da zog er seine Frau halbe Nächte durch nebelbelegte Wiesen und kühle Waldungen herum , den Sonnenaufgang zu sehen , und gemeiniglich ehe es dazu kam , mußte einer von ihnen aus irgend einer Unbequemlichkeit nach Hause gehen und sie hatten nichts als Schnupfen und Fieber davon gehabt . Wallern war es ganz erstaunungswürdig , daß er die Natur ganz anders gefunden , als er sie beschrieben , aber die Landleute entsprachen noch weniger seinen Erwartungen ; seine ländlichen Gedichte verstand keiner , sie hatten alle den » Eulenspiegel « viel lieber . Diese Erfahrungen machte er im Sommer , aber im Winter hatte er noch viel mehr zu lernen ; vergebens schrieb er an alle Bekannte der ganzen Gegend , daß sie ihn besuchen möchten , keiner mochte die gefährlichen Wege in Schneewetter machen ; der Unmut darüber erzeugte manches Lied , unter andern auch dieses : Winterunruhe Ich räume auf für Gäste , Sie hält mich auf dem Neste ; Die Wege sind beschneit Und keiner kommt so weit : » Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh , O wäre früher ich geboren , oder später du . « Ich sitz bei ihr , sie spinnet , Mein Herz in mir , es sinnet , Es treibt mich durch den Wald , Wie ist der Wald so kalt : » Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh , O wäre früher ich geboren , oder später du . « Die Tanne sagt vom Schmause , Mich brausend jagt nach Hause ; Zu Hause bei dem Herd , Da werd ich so beschwert : » Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh , O wäre früher ich geboren , oder später du . « In ihrem Haar ich spiele , Der Träume Schar ich fühle In ihrer Locken Nacht ; Doch bald bin ich erwacht : » Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh , O wäre früher ich geboren , oder später du . « » Lieben Leute « , rief hier Waller aus , » hätte meine Frau nicht ein Kind bekommen , den Alonso , ich wäre aus Langeweile toll geworden ; da bekam ich doch was zu sprechen mit all dem närrischen Volke von Ärzten und Weisemüttern . Das hielt doch auch nicht länger vor als bis zum Frühling , da sagte ich , daß ich auf die Leipziger Messe gehen müsse , um ein Manuskript zu verkaufen , und lief über Berg und Tal , als wenn ich gehetzt würde . Denkt euch , in Leipzig sitze ich in guter Ruhe bei Mainoni und esse Stengelrosinen und Knackmandeln , da bringt mir der Bursche aus der Buchhandlung einen poetischen Brief von meiner Frau : Der Liebe Furcht ist Fackel meiner Liebe , Die meinen Traum mit Strahlen Nachts erfreut , Damit mich nicht die Einsamkeit betrübe , Mir Sterne auf die dunkle Erde streut , Und meiner Liebe Flamme höher treibt , Daß Dir ein Zeichen bleibt . In Liebesfurcht ich seh die Wolken jagen Dort überm Mond , daß er zu wanken scheint . Wohin , wohin will euch der Sturmwind tragen ? Zu meinem Lieben , der es treulich meint ! Der Blume Blätter werf ich in den Wind , Er bringt sie Dir geschwind . Der Liebe Furcht durchbebet mich so sachte , Zu schauen , ob mein Kind noch atmen kann , Es sah mich an , und drehte sich und lachte , Ich sah es schon wie Dich , wenn es ein Mann ; So schauet aus der Liebe ödem Haus Ein frommer Geist voraus . Wird Liebe Furcht , so laß die Furcht mich lieben , Und liebe mich , dieweil ich furchtsam bin , So kann die Furcht die Liebe nie betrüben , Und Furcht und Liebe haben gleichen Sinn , Es wächst die Furcht der Liebe zum Gewinn In Deiner Liebe Sinn . Fragen Sie sich selbst , ob ich länger von ihr bleiben konnte nach solcher Einladung ; denken Sie sich , mir zu Liebe hatte die liebe Frau die ersten Verse in ihrem Leben gemacht . Ich trat denselben Tag noch meinen Rückmarsch an ; mein Buch wurde nicht fertig gedruckt . Damals hab ich eine schöne Zeit mit ihr gelebt ; leider , daß uns die allergemeinste Ursache bald in Verlegenheit setzte . Ich hatte ein Landgut gekauft und war kein Landwirt , und meine Frau verstand bei dem besten Willen eben so wenig davon ; ich hatte viel bezahlt , verzehrte noch mehr und nahm nichts ein ; die Summe gezogen , mußte ich den Hof meinen Schuldnern überlassen und in die Stadt ziehen . Da jubelte mein ganzes Herz ; meine Frau war aber betrübt , sie machte mir so rührende Vorstellungen , daß ich ihr zuschwor , recht fleißig zu werden ; sie selbst fing an Kupferstiche zu meinen Gedichten recht artig zu radieren und die waren meist schon fertig , wenn das Gedicht erst zur Hälfte gelangte . Dann weckte sie mich immer früh auf , hatte schon mein Zimmer geheizt , mir Kaffee gekocht , und da sollte ich nun arbeiten , das war eine Sache zum Einschlafen ; in meinem Ärger über diese Behandlung und doch im Gefühle , wie es nicht anders gehen könne , schrieb ich eine Elegie vom Weber , den ich vorstellte , und von der Spinnerin , die meine Frau bezeichnet , welche ich Ihnen mit der rechten Betonung vorlesen will ; macht sie Ihnen Langeweile , so ist es meine Schuld . « Zwanzigstes Kapitel Der Weber und die Spinnerin Als ich Geselle noch war und webte geschäftig beim Meister , Sprang ich für Augenblickslohn oft zu der Tochter hinein , Immer fand ich die Braut beim schnurrenden spinnenden Rädchen , Ungeduldig einmal schwieg ich tückisch in mir ; Doch sie fragte mich nicht , da brach ich das Schweigen erglühend : » Wahrlich die Göttin tat recht , als sie Arachnen bestraft ; Denn nur Eitelkeit ist ' s , zu lieben und andres zu schaffen , Als das zierliche Werk , dessen Rädchen das Herz . « » Ungeschickter « , sie sagt , ganz ruhig beschaut sie den Faden , » Stören die Hände dich je , die beschäftigt im Werk ? Höre den ruhigen Takt , das Ungeordnete gleichend , Und das Auge , es weiß , was dir erlaubt sei dabei ! « - Wohl ich nützte auch gleich die zart mir gegebne Erlaubnis , Und ich gab ihr den Kuß , doch nur den Backen er traf . » Ach « , so seufzte ich dann , » kein duldendes Weibchen ich wollte , Sondern das harrend gelauscht , mich im Kommen umschließt ! « » Bläulich blühet der Flachs « , entgegnet sie , » Hoffnung der Liebe , Daß ein bräutliches Bett wachse in Blumen darauf ; Doch die Blume , sie täuschet , es fallen die bläulichen Blätter , Und der Faden erwächst unter der Blume versteckt , Tief gebücket wir ziehen ihn aus zum Brechen und Spinnen , Ehe die Blumen so hell stehen im Laken gewebt . Nun verzweifelst du schon , noch ehe dir Arbeit geworden , Und schon mürrisch du bist , eh ' noch gesponnen der Flachs . « - Und es brach ihr der Faden , da bat ich sie flehend um Gnade , Spann nun selber da an , wo ihr gebrochen das Herz ; Grob ward der Faden , ich glaub es , doch hält er länger und länger , Und sie zeigte mir ihn , streifig im Laken verwebt , Als ich zum eigenen Herd mir holte mein liebliches Bräutlein , Und das Bette so weiß stand in dem Zimmer bereit . Seit nun die webende Zeit uns einte , priesterlich segnend , Was die liebende Brust früher gesegnet in sich , Da vergaß ich so oft den Faden , vergaß auch die Lehre , Denn das Eigenste ist , was sich am leichtsten vergißt . Heute vergaß ich ihn ganz , als zürnend ich aufsprang vom Bette , Und im flatternden Hemd schimpfte die rastlose Frau , Die den Mund nur verschließt beim ersten Krähen der Hähne , Um zu sagen die Stund , die mich zum Webstuhl verbannt . » War es schimpflich dem Gott « , so rief ich , » zu spinnen beim Weibe , Ich ertrüg es so gern , denn ich säh dich dabei . Doch so muß ich zum Webstuhl , zu schauen die seidenen Faden Und du selber , du spinnst mich wie den Seidenwurm ein , Förderst dies flüchtige Rädchen vom Morgen bis wieder zum Abend , Wäre dies Rädchen entzwei : würde die Liebe mir neu ; Kurzweil wird dir zu lang , die lust ' gen Gesellen mir werden Alle jetzunder so fremd , fremd wird der kühlende Wein ; Früh muß ich weben und spät noch , was du gesponnen geschäftig ; Müßig ins Aug dir zu schaun , wär mir ein süßer Geschäft . Wozu hilft mir das Geld , du sammelst sorgsam den Kindern , Ich bin ein dienender Greif , der die Schätze bewacht . « Wütend ergriff ich das Spinnrad und wollte durchs Fenster es schmettern , Doch der Faden wie Gold glänzte im Morgenlicht hell , Und die Kinder , sie beteten laut im Bettchen zusammen , Was der Ältste gesagt , spricht ihm der Jüngere nach . Und ich horchte , er sprach : » Du Kleiner falte die Hände : Mutter , das tägliche Brot , Vater , gib es auch heut ! « Und sie reichte den beiden ein Brötchen mit Butter bestrichen , Das sie am Abend sich selbst hatte vom Munde gespart . » O du goldene Frau « , so rief ich , » daurend in Elend , Ja du spinnest in Gold Fäden zum Leben mir fest ; Zeit , die vergangen mir sonst in die Launen , die läßt mir Gewebe , Und zur Zukunft ich werf ruhig mein webendes Schiff . Jegliches mehrt sich bei dir , als ruhte ein göttlicher Segen , Wo du helfend mir nahst , wo du tröstend mir hilfst . Unsere Enkel dereinst , sie sollen erstaunen des Werkes , Das in gemeinsamem Fleiß wir zusammen vollbracht . « Mit Sorge erkundigte sich der Graf nach Wallers Umständen , ob er wirklichen Mangel leide , und erbot ihm seine Hülfe . Waller versicherte ihm , er lebe recht gut von Schriftstellerei und Schulden und werde auch seine Hülfe noch ansprechen ; nachher berichtete er , daß seine Frau nach dieser Elegie sich entschlossen habe , ihn auf den Fußreisen zu begleiten , die er schon lange zur Einsammlung poetischen Stoffes projektiert gehabt ; doch diese Märsche hätten , statt ihr vorteilhaft zu sein , wie er erst gehofft , ihre schwache Brust vernichtet ; endlich habe er ihr ein Pferdchen anschaffen müssen , und fürchte sehr , daß sie bald auf Charons Nachen in das allerpoetischste Land der Welt , in die Hölle fahren werde , denn selig könne sie aus Mangel an wahrer Religiösität nimmermehr werden ; aber das sei auch eben ihr Verdienst , daß sie für sich bestehen könne ohne Gott , wenn sie nur einen Mann hätte . - Ehe sich noch irgend jemand nach dem eigentlichen Sinne solcher Voraussetzung fragen konnte , hatte er sich schon wieder durch einen geschickten Sprung zum Allerfremdartigsten hingeworfen ; er hatte ganz die Art trostlosen Verstandes der Etymologen , die mit wenigen lächerlichen Übergangstönen die verschieden lautendsten Worte aus einer Wurzel ableiten ; der Zuhörer wußte nie , ob er einem mehr gab oder mehr nahm ; er suchte nämlich seinen eignen Verstand jedem aufzudringen , indem er jedem den eignen nahm , oder verkümmerte . Unsern beiden Landleuten , denen niemand leicht widersprach , war diese Methode ein wahres Fest ; sie hetzten ihn immer mehr , mußten über alles lachen ; er schüttete ihnen den ganzen Vorrat seiner Einfälle und Geschichten an einem Abende aus , die ihm sonst Monate vorgehalten . Es ist eigentlich ein Überfluß davon unter den Deutschen , aber es fehlen ihnen die Menschen , wie Waller , die unter Franzosen so häufig sind , die einen Einfall der Mühe wert halten zu bewahren , oder das Geschick haben , ihn gut nachzuerzählen ; überhaupt wird in Deutschland aus einer gewissen Trägheit und Besorgnis zu wenig gesprochen . Wurde er eitel mit Unrecht deswegen genannt , so sagte er : » Eitelkeit ist die Tugend der Kindheit , viele bleiben ewige Kinder und ich bin es nicht , aber ich mag es gern sein . Von Mädchen wird nie Wahrheit gefordert , darum werden ihnen bedeutende Staatsämter versagt , doch findet sich von je unter ihnen viel Wahrsagerei ; ich halt ' s mit den Mädchen und gebe die Wahrheit gerne für die Wahrsagerei ; wär ich nicht eitel , um zu loben , wäre ich wahr , so fragte ich euch : ihr bildet euch viel auf eure Liebe zu einander ein , aber die Liebe läßt sich nicht einbilden , wie der Schwindel nicht mit der Vorstellung wegzubringen ist , daß man die Stufen eines Turmes auf ebener Erde ohne Beschwerde ansteigen könne ; ihr schwindelt einander aber täglich von ewiger Treue vor , ihr werdet euch auch , wie Schwindelnde , aus bloßer Furcht zu fallen , sich übers Geländer stürzen , über die Treue stürzen ; Sie machen ein finster Gesicht , lieber Graf , das ist noch recht , daß es Ihnen wenigstens ernst ist ; die meisten würden über meine Gotteslästerung lachen . Ob ich wirklich gotteslästerlich bin ? Nein , das ist unmöglich , ein gotteslästerlicher Mensch kann nichts Gutes denken ; der Gedanke ist ein Prüfstein der Menschen , das Tun ist selten zu durchschauen , es wird wie ein Gedärme durchschlungen , das Herz schlägt drein und gehört doch nicht dazu ; auch kann niemand bei Taten sehen , was er hervorbringt , denn er wird selbst erst darin , wie ein Vogel , der sich durchs Ei pickt , weil ihm das Fressen fehlt , und statt des Fressens aufs Licht trifft , das ihm statt ins Maul in die Augen fällt . « - In diesem Gange einer Springmaus , die bloß darum ungeheure Sätze machen muß , weil ihr die Vorderfüße zu kurz und die Hinterfüße zu lang geschaffen , kam der Abend , und er wurde erinnert seine Frau zu besuchen . Er ging hin , aber bald wurden alle durch einen ungemein lauten Zank erschreckt ; er wütete und tobte , daß sie ein paar Äpfel , die ihm auf der Reise von einer Dame verehrt worden , den Kindern übergeben ; die Kinder versteckten sich hinter der Mutter und was diese zu schwach war zu sagen , das schrieen sie mit der unerzogensten Stimme . Die Gräfin wollte alles versöhnen , aber Waller sagte ihr sachte in die Ohren , er sei weiter gar nicht aufgebracht , doch halte er es für notwendig , seine Meinung durchzuführen ; auch wäre dies eine gute Übung für die Kinder . Und dann riß er sich wieder in den Haaren und rief : » Wer einmal das Zutrauen gebrochen , ein teuer anbefohlenes Unterpfand entwendet , wo sind da Grenzen ; es ist so arg , als Simson im Schlafe die Haare abzuschneiden . « - Die gute kranke Frau Waller weinte still vor sich , und Waller wendete sich sachte zur Gräfin um : » Hat sie nicht etwas von einer weinenden Mutter Gottes ? Sie ist wunderschön ! « - Bei diesen Worten flog er um ihren Hals und sprach ihr so traulich , so herzlich , bat so schön um Verzeihung , daß sie gerne alles verzieh und mehr . - Den Grafen verdroß doch diese widrige Gefühlsfabrik ; er schwor dem Dichter , seine Gedichte würden nichts schlechter sein , wenn er statt mit lebenden Menschen mit bloß gedachten dergleichen Geschichten aufführte . Dies rührte Waller zu Tränen : » Freund , Sie treffen mein tiefstes Innere ; ja ich fühle es , keine Wahrheit ist darin und selbst indem ich Ihnen dies bekenne , ist es zum Teil Lüge , denn ich will etwas anderes damit , mir ihr Mitleiden statt des Zutrauens zusichern , das ich verloren . « - Der Graf versicherte umsonst , daß wenn man sich so einer Betrachtung über die Wahrheit überlasse , immer notwendig ein Stück fehlen müsse , nämlich das betrachtende ; es würde dann immer nur zur Wahrheit einer dritten Person , die uns nichts angeht , nimmer unsre eigne . Waller schien durch diesen Scharfsinn überrascht , und weil er selten lobte , so war sein Lob schmeichelhaft . Einundzwanzigstes Kapitel Die Heimkehr des Schäfers aus Spanien So verging der erste Tag ; spät in der Nacht brachte Waller sein großes idyllisches Gedicht in Hexametern » Die Heimkehr des Schäfers aus Spanien « . - » Die Idyllendichter « , sagte er , » sind zum Spott geworden an der ökonomischen Ausbildung des Menschengeschlechts ; ich will ihnen durch ein genaues Anschließen an die höchste Ökonomie ein neues Interesse geben : hier durch die Berührung mit der Verbesserung der Schafzucht durch spanische Merinos . Die Schäferwelt ist uns so wenig untergegangen , als die Kreuzzüge ; sie lebt nicht bloß in ein paar Schriftlein , die uns ein großes Schicksal übrig gelassen , es leben alle Zeiten in unsrer ganzen Ausbildung , in dem Gedränge des Mannigfaltigen noch fort , das unsre Zeit bezeichnet . Dies hat mich oft getröstet , wo ich mich einsam mit einem paar tausend Sternen in der dunkeln stürmischen Nacht betrauerte , nachdem die Kriegsfurie mir helle Augen vorgehalten hatte , die mehr blenden als erleuchten , und ich fühle dies noch jetzt , umgeben von den Zerschmetterten , so lange ich mich selbst stark und gesund fühle . Nur die Übeltat der Schwäche ist unheilbar , die sich aufgibt , weil ein andrer ihr nie ganz helfen kann , den sie nun darum haßt ; alle anderen Versehen unserm Volke zu schulmeisterlich vorrechnen , ist eben so anmaßend als leer ; viele haben sich geopfert und die übrigen werden durch sie leben . Wenn einer im glühenden Abendrot das Volk versammelte , und schritte auf Stelzen über dasselbe einher , und versicherte den Leuten , er sei unser Herr Gott , und die Leute glaubten nicht daran und könnten nicht zum Entschlusse kommen , ihren Kopf wegzuziehen , freilich da würde er ihn manchem einschlagen , indem er über alle hinfiele ; machen sie ihm aber Platz , so geht er die wenigen Schritte , die er auf Stelzen zu gehen hat , ruhig fort , und muß dann doch herunter , und ist dann ein Mensch wie alle ; nur hafte keiner an der Erdscholle , wo er geboren , lieber werfe er damit auf ihn . Völker müssen wandern , müssen steigen und sinken . In der Tätigkeit schweigt der Jammer , und der Jammer ist das ärgste Übel . Darum hasse ich alle politischen Laubfrösche , die sich prophetisch schreiend verkriechen , wenn ein Ungewitter naht , und sich das als Weisheit anrechnen : jene ewigen gleich falschen Drehorgeln , die auf allen Messen klagen . Wer den Finger hebt zur wirklichen Hülfe , ist mehr wert . Jene aber sind ganz des Teufels , die ihr Zeitalter in eine philosophische Abteilung schrauben , und es nachher durch und durch verdammen . Achten wollen wir um so höher , was in uns , was in der Zeit die Probe bestanden , denn die Probe war hart . « Bei diesen Worten fiel der Graf Wallern um den Hals und drückte ihm beide Hände . Waller fuhr mit neuem Eifer fort : » Eine spanische Schafherde , die in vielen Jahren aus einem Paare aufgebracht ist , das mühsam den weiten Weg geführt wurde , hat einen größeren Einfluß auf die Zukunft , als eine gewonnene Schlacht , die doch nie in ihren Folgen ersetzen kann , was die Menge gemordeter Menschen hätte schaffen können . Überhaupt ist alles Zerstören ganz leer und unbedeutend , aber das Schaffen ist des Höchsten Werk ; auch gibt es kein herrlicheres Gefühl , als dieses Schaffen und Erfinden , sei es in Taten oder in Gedanken : es ist ein heiliges Ehebett mit der ganzen Welt . In heiliger Ehe lebe ich mit jedem meiner Werke , wir lernen von einander , und es ergreift mich , ehe ich zu einem die Feder ansetze , oder ehe ich zum Vorlesen desselben übergehe , eine Furcht , ob es auch die rechte Zeit , ob meine Wahl auch glücklich sei , und so versäume ich leicht die Zeit ... « Wirklich