, und in Pelz und Schleier gehüllt , eilte sie , an seinem Arm , der lustigen Fahrt entgegen . Zwei russische Knaben , fremd an Ansehn und Tracht , hielten zu Pferde neben dem Schlitten . Luise setzte sich hinein . Der Obrist breitete ein Tigerfell über ihre Füße , dessen Zipfel Goldfranzen einfaßten . Er selbst nahm sodann seinen Platz hinter ihr , und die Zügel leicht hebend , flogen sie pfeilschnell durch die Straßen und Thore der Stadt . Bald war diese weit hinter ihnen . Der geebnete Weg führte nach einem Walde , der sie plötzlich wie eine veränderte Welt umschloß . Ungleich thürmte sich der Schnee in großen Massen zwischen den Bäumen , die zum Theil ihre nackten Zweige starr in die eisige Luft streckten , oder die herabgezogenen Wipfel über einander neigten . Ueberall schien das Leben gewichen , hin und her sahe man auf der weißen Decke die Spur einzelnen Wildes . Freudig sprengten die Knaben mit wunderlich dumpfem Geschrei voran . Mein Rußland , rief der Obrist lebhaft ! und lenkte den Schlitten immer tiefer in den wildesten Theil des Waldes . Luise befand sich in einer Gegend , die sie früher nie betrat . Die Täuschung gewann immer mehr Gewalt über sie . Es war ihr wirklich , als ständen Vaterland und Freunde in unerreichbarer Weite , und alle losgerißne Banden schlängen sich einzig um den geliebten Mann , dem sie vertrauend unter rauhe Himmelsstriche folge . Sie zog den Schleier dicht an sich , und in einer Art behaglicher Selbstvernichtung ließ sie ihr Dasein sinnend in ein Fremdes übergehn . Vergeben Sie mir , sagte der Obrist , durch ihr Schweigen aufmerksam gemacht , vergeben Sie mir meine thörige Freude , die Sie so wenig theilen können . Ist denn der Mensch wie eine Pflanze an den heimathlichen Boden , wie an den eignen Leib gebunden ? Und ist nicht ein freies , höheres Verhältniß zum Leben , wie ein zweiter Leib zu betrachten , den er sich mit Wahl und Besonnenheit selbst schafft , durch den er zur Welt gehört und sich ihr kund giebt ? Warum streckt uns denn das Vaterland seine tausend Arme nach , und strebt uns in seine Mitte zurückzuziehen . Luise war in ihren Träumen verloren . Sie hatte einen großen Theil dieser Worte überhört , und fühlte nur des Obristen Hand , welche schmeichelnd die ihrige ergriffen hatte . Ihr Herz war voll der innigsten Liebe , und in dem Sinne sagte sie : gewiß , es ist überall schön , wo uns auch die Natur ein getrübtes Antlitz zuwendet . Es soll bald wieder heitrer werden , entgegnete der Obrist , der schon früher einen Nebenweg eingeschlagen , und nun über einzelne Hügel , welche die nahe Ebne verbarg , aus dem Walde bog . Eine breite , spiegelglatte Eisfläche lag hier vor ihnen , hinter welcher sich das fürstliche Schloß mit seinen vergoldeten Dächern und weißen Säulen feenartig erhob . Heller Lichtglanz war über die ganze Gegend ausgegossen , die in so magischer Beleuchtung das überraschte Auge blendete . Wie herrlich ! rief Luise , indem sie aufstand und mit der einen Hand den gehobnen Schleier hielt , während die andre auf des Obristen Schulter vertrauend ruhte . Der Schlitten gleitete indeß leicht über den festen Eisrücken des Stromes zu dem jenseitigen Ufer , an welches die Schloßgärten stießen . Lebhaft wurden hier Luisens Blicke durch halbgeöffnete Sonnenhäuser angezogen , die beim Vorüberfahren ihre innren Schätze ahnden ließen . Der Obrist schlug ihr vor , einige Augenblicke unter den Blumen auszuruhen , was sie dankbar annahm und in seiner Begleitung in die kunstreich geordneten Säle trat . Wie neugeboren begrüßte sie das frische Grün , das ihr aus den seltensten Gewächsen entgegen duftete . Der Gärtner trat höflich auf sie zu , sogleich bemüht , durch nähere Erklärungen die Eigenthümlichkeit der merkwürdigsten Pflanzen und Stauden anzugeben . Luise ergötzte sich an Allem . In froher Hast eilte sie den Andren voran , sah und bewunderte jedes zuerst , und trat so allein in ein kleines Cabinet , welches hohe Granaten und fruchttragende Orangen am Ende des Gebäudes bildeten . Das frischeste Moos bedeckte den Boden in einer Höhe , daß es zu den Seiten stehende Blumenbehältnisse verbarg , und so das Ansehn gewann , als lasse es den lachenden Blüthenteppich aus seinem Schoos hervorgehn . Die goldnen Früchte schienen Luisen recht eigentlich zu winken . Sie fühlte sich auf das Anmuthigste angezogen . Alte Mährchen von verzauberten Schlössern wurden wach in ihr . Dabei mußte sie an die Markise und Viola denken . Sie glaubte zu träumen . Der öde Wald , das starre Eis , und nun alle südliche Herrlichkeit ! Sie konnte sich eines lauten Freudenrufs nicht erwehren . Da war es , als bewegten sich hinter ihr die Zweige ; sie wandte sich , und bemerkte einen Mann , der schnell zu einer Seitenthür hinauseilte , ohne daß sie sein Gesicht sehen konnte . An der saubergestickten Uniform und dem dunkel gelockten Haar glaubte sie Cesario zu erkennen . Ihre Blicke waren noch auf die Thür geheftet , als ein Wagen an dem Hause vorüberfuhr , und sie unwillkührlich zum Fenster zog ; aber die verschlungnen grünen Zweige lagen wie ein Gewebe davor , und hinderten sie , etwas zu erkennen . Sie haben wohl öfter Besuch , sagte der Obrist , mit dem Gärtner hinzutretend . An solchen Tagen , erwiederte dieser , sind die Säle fast nie leer , besonders finden sich Ausländer und Fremde häufig ein , durch die Freiheit des Zutritts in allen fürstlichen Gebäuden angelockt . Der Blumenduft betäubte Luisen ; sie fühlte sich unwohl , und trieb zur Rückkehr ins Freie , wo sie alsbald den Weg nach der Stadt auf einer heitren , vielfach befahrnen Landstraße nahmen . Der Obrist sprach während des Fahrens noch viel über das Edle und Gefällige in der Bauart des Schlosses und seiner Umgebungen . Er machte Luisen aufmerksam auf die königliche Größe des Ganzen , welches doch keinesweges drückend sei für die nahestehenden Gegenstände , was er allein als Wirkung höherer Kunst angab . Denn diese , sagte er , kann niemals etwas für sich allein betrachten , sondern findet nur in dem innren Zusammenhang aller nothwendigen Bedingungen das richtige Verhältniß für jedes Einzelne , während die bloße Pracht alles um sich her vernichtet . Dies zeigt sich am auffallendsten im Orient , wo ein an sich untergeordneter Zweck alle höheren Strebungen beherrscht . Selbst die Denkmäler alter Kunst sind dort störend geworden , weil sie , losgerissen von Zeit und Ort , keinen gnügenden Eindruck gewähren , sondern dem unbefriedigten Gemüth schmerzliche Betrachtungen entreißen , was dem Wesen der Kunst zuwider ist , die sonst unsre innre Gesammtheit , Fülle und Kraft hervor ruft , und den ganzen Menschen göttlicher und freier macht . In diesem Sinne war die Kunst wahrhaft in ihn übergegangen , und seine Liebe zu ihr konnte daher nur von denen ermessen werden , die ihn in allen Beziehungen seines Lebens verstanden . Luise suchte während dem sich selbst zu entgehn , und ließ es an lebhaften Aeußeruugen nicht fehlen , die das Gespräch nur mehr in seinem Lauf fortdrängen sollten . Allein sie war niemals frei genug in sich selbst , um irgend etwas , das sie zufällig berührte , für Augenblicke liegen zu lassen , und mit Besonnenheit mehreres aufzufassen . Eines beschäftigte sie alsdann so ausschließend , daß sie für alles andre entweder gar nicht da war , oder doch zerstreut und kalt erschien . So konnte sie es jetzt nicht aus den Gedanken bringen , warum Cesario ihr gerade in dem Moment habe nahe sein müssen ? und weshalb sein Erscheinen , oft so halb und versteckt , sie in Ungewißheit , selbst darüber lasse , ob er es sei oder nicht ? Ihr fiel ein , daß , gleich wie ganz verschiedenartige Menschen , die späterhin einen gewichtigen Einfluß auf unser Schicksal haben , sich früher in unsrer Erinnrung zusammen stellen , ohne daß wir sie in irgend einer Beziehung zu einander dachten , die Natur der Umgebungen und die Stimmung , welche diese in uns erwecken , gleichfalls bedeutend sei für das Zusammentreffen mit diesem oder jenem . Sie sann vergeblich , auf welche Weise Cesario mit in ihr Leben verflochten sein könne , und hatte zugleich eine Scheu , es zu entdecken , da sie überall so ungelegen von ihm gestört ward . Der nächste Morgen verjagte indeß diese Wolken . Sie war die folgenden Tage heitrer als je , vielleicht weil sie sich von mehrern ihrer Bekannten zurückgezogen hatte , und allein in des Obristen und Sophiens Gesellschaft lebte . Diese schien auch wieder ruhig und gefaßt . Luise bemerkte leicht , daß nur eine Aussöhnung mit Horst dies bewirkt habe , obgleich dieser in ihrem engeren Familienkreis keinen Zutritt hatte . Sie begriff eben so bald , wie sehr ein solches Gefühl geschont sein wolle , und ohne dagegen zu eifern , begnügte sie sich , ihre Freundin in einer vertrauten Stunde zu fragen , wie sie nur dies Verhältniß mit ihren sonstigen Ansichten und Begriffen vereine . Das ist nun so , entgegnete jene . Ich rede ungern darüber . Vieles kommt in Anregung , was besser verschwiegen wird . Doch glaube mir , gutes Kind , Vergehn aus Liebe begangen , büßen sich nur durch Treue ab . Dies ist weder so leicht , als eine herzhafte Rückkehr zur Pflicht schwer ist . Zu dem Letztren bewegt uns oft gerade das , was uns früher verlockte , Sehnsucht nach einem Herzen , das uns versteht und verstehn will . Wir glauben so leicht , es gefunden zu haben , während es uns in allen Verhältnissen ziemlich gleich unerreichbar ist . Ueber die ersten poetischen Träumen der Jugend hinaus , halten es die Männer kaum der Mühe werth , in das innre Geheimniß unsers Wesens einzudringen , dessen Selbstständigkeit sie nie anerkennen , dessen höhere Natur sie sich gern verbergen , um der gewöhnlichsten und natürlichsten Rücksichten überhoben zu sein . Da es denn nun überall auf die Aufopferung unsrer selbst angesehen ist , was zaudern wir , dies Opfer da zu bringen , wo wir in der Bewahrung und dem Heilighalten der Liebe uns vor uns selbst bewahren ? Ich wenigstens bin resignirt , und kann mich in dieser Resignation nur mit mir und meinem Vergehn aussöhnen . Du bringst Dich also der Liebe und nicht dem Geliebten zum Opfer ? fragte Luise . Sage mir , erwiederte jene , wie soll ich die eine ohne den andren denken , ohne auf immer mit meinem Gewissen zu zerfallen ? Soll ich um ein Geringeres , als die höchste Bedingung meines Lebens , Schwur und Pflicht verletzt haben ? Und wenn ich mich täuschte , war es nicht die Liebe , welche den Zauber hervorrief ? Aber es ist falsch , daß die Liebe uns täusche . Sie , das einzig , ewig Wahre , zeigt uns die Menschen allein wie sie sind . Von ihr durchdrungen , haben sie für Momente wirklich erreicht , wonach sie , früher und später , durch den ganzen Kreislauf eines langen , beschwerlichen Lebens ringen . Nur wie die Außenwelt wieder nach ihnen greift und ihre Täuschungen auf sie zurückwirft , sinkt die Liebe in die stille Nacht ihres verborgnen Lebens zurück . Allein , ich habe ja doch den geliebten Mann in jenen göttlichen Momenten gesehn , und so will und werde ich ihn immer sehn . Der Obrist unterbrach sie hier , indem er ihnen die Ankunft der Baronin meldete , welche auch sogleich eintrat . Endlich ! sagte diese gutmüthig , zu Luisen gewandt , finde ich Sie . Böses Kind ! Nun sollen Sie mir nicht wieder entgehn . Ich entführe Sie sogleich . Alle Freunde und Bekannte sind bei mir versammelt . Alle haben beschlossen , Sie der Einsamkeit zu entreißen . Man hat wichtige Dinge vor . Ich habe geloben müssen , Sie aufzuheben , wo ich Sie finde . Luise warf bittende Blicke auf den Obrist und Sophien . Dort suchen Sie vergebens Beistand , sagte die Baronin , ihre Gedanken errathend ; diese sind auch meine Gefangenen . Ich lasse Niemand entschlüpfen . Sie müssen alle sogleich mit mir fort . Beide Geschwister versprachen , der Einladung in Kurzem zu folgen . Luise mußte es aber geschehn lassen , daß sie die Baronin ohne weiteres zu ihrem Wagen führte , und sie , so bald sie sich hier allein sahen , mit kaum verhaltner Heftigkeit in ihre Familien-Angelegenheiten hineinzog . Es ist mir lieb , hub sie sogleich an , Sie zuerst ohne Zeugen zu sprechen ; Sie müssen mir einen wichtigen Dienst leisten . Es gilt hier , Stein zu einem schnellen Entschluß zu bewegen . Er muß Emilien bald , gleich , seine Hand geben . Sie können ihn dazu durch Gründe bewegen , die mir nicht geziemen , anzuführen . Lassen Sie mich ausreden , fuhr sie , jeder Unterbrechung vorbeugend , fort . Es ist gewiß , es ist nicht alles so , wie es sein könnte ; allein , ohne mich geradezu in Emilien verrechnet zu haben , tragen zum Theil die Umstände die Schuld jener ungünstigen Wendung . Ich habe nicht immer ganz freie Hand gehabt . Viel Fremdartiges hat in meine Pläne eingegriffen ; des Barons Ansichten und Gesellschaften , eine gewisse Freigeisterei in allem Herkömmlichen und Bestehenden , welches die unglückselige Poesie an den Tag bringt , und mehr als alles , Ihr Schicksal , mein liebes Kind , haben mir bei Emilien entgegengearbeitet . Es ist meist das Leben Andrer , das plötzlich einen Funken in ein junges Gemüth wirft und sehr zur Unzeit darin Tag werden läßt . Dies ist indeß alles geschehn . Wir können nichts , als größerem Uebel vorbeugen . Stein hätte schon so manches hindern können , wenn er mir und sich selbst mehr vertrauete . Er nimmt das Spiel mit dem halbkindischen Cesario zu hoch , wenigstens giebt er ihm ein zu ernstes Ansehn vor der Welt . Ueberall erscheinen ihm die geringfügigsten Dinge so gewichtig , daß er fast unter ihrer Last erliegt . Ich begreife nur nicht , unterbrach sie hier Luise , warum Ihre Wahl grade auf ihn gefallen ist . Aufrichtig gesagt , erwiederte die Baronin , ich weiß jetzt keinen Beßren . Dem knabenhaften Abentheurer wollen wir sie doch nicht etwa geben ? Andrer Unschicklichkeiten der Art nicht zu gedenken . Auch ist Stein im Grunde lenksam , Emilie hat viel Gewalt über ihn , unter meiner Leitung wird sich alles machen . Nur haben wir keine Zeit zu verlieren . In vierzehn Tagen gehe ich auf ' s Land , Stein muß uns sogleich folgen , und die Hochzeit schnell und still gefeiert werden . Dahin müssen Sie ihn durch die einfachsten und natürlichsten Bewegungsgründe zu führen suchen , die zum Theil in seiner Liebe zu Emilien , zum Theil in der Achtung vor dem äußren Anstand liegen , da er diesen durch die schnelle Beendigung unberufner Gerüchte am sichersten rettet . Aber Emilie ? - fragte Luise . Nun ? entgegnete die Baronin , die hat wohl keine Wahl . Was bleibt ihr noch übrig ? Sie wissen wohl am besten , was die Klugheit in solchen Fällen räth . Sie selbst haben , mit mehr Ruhe als ich Ihnen zutraute , durch einen kräftigen Entschluß Ihren erschütterten Ruf wieder hergestellt . Denn mich wollen Sie doch wohl nicht , wie die Welt , überreden , das kaum beruhigte Herz habe sich auf ' s neue einer großen gewaltigen Neigung überlassen . So etwas liegt außer allen Gränzen der Möglichkeit . Aber Sie handelten weise , und deshalb kann ich auch um so sichrer auf Ihren Beistand rechnen . Luise hatte nicht Zeit , ein Wort zu erwiedern . Der Wagen hielt vor der Baronin Hause , die Bedienten öffneten den Schlag , und sie mußte ihrer steten Quälerin ohne weiteres in die Gesellschaftszimmer folgen . Obgleich jene Worte sie recht empfindlich trafen und sie auf ' s neue in sich verwirrten , so ward sie doch bei Emiliens Anblick von sich auf andere Betrachtungen gezogen . Es mußte sie überraschen , diese ganz vertraut zwischen Cesario und dem Maler , vor einem Tischchen sitzend und mit beiden über vor ihnen liegende Zeichnungen berathschlagend , zu finden . Baron Roll beugte sich zwischen sie durch , und schien seinen Beifall zu bezeigen , indem er mit wohlgefälligem Lächeln seine ausgespreizten Finger auf ein aufgerolltes Blatt drückte , welches der Maler mit beiden Händen sauber hielt und wohl vor weitrer Verletzung sichern wollte . Werner und Auguste standen zur Seite , wie gewöhnlich , in Streit verwickelt . Als Emilie die Eintretenden bemerkte , schlug sie freudig in die Hände , und ohne ihre Stellung zu verändern , rief sie Luisen zu : geschwind kommen Sie , uns Ihren Rath zu geben . Wir quälen uns schon seit einer Stunde , und kein Mensch bringt etwas Gescheutes heraus . Der Fürst giebt einen Maskenball , und wir sind versammelt , etwas ganz Neues , Ungewöhnliches für den Abend zu ersinnen , denn die Griechen , und Ritter und Genien und Musen sieht man sich nun schon seit lange zum Ueberdruß . Auguste schlug so eben einen Sphärentanz nach alt Aegyptischer Weise vor . Allein weder sie noch irgend Jemand weiß diesen recht eigentlich anzugeben , so wenig wie die ganz frühe Tracht dieses Volkes , denn die Zeichnungen hier , nach einigen Kunstwerken aus der grauen , versteinten Zeit , können doch nicht zu Modellen dienen sollen . Ich würde eher , sagte Werner , Gegenstand und Charakter aus irgend einem bekannten Mährchen der Tausend und eine Nacht vorschlagen . Sinnreiche Erfindungen und Pracht ließen sich so leicht vereinigen . Ach ! fiel Emilie ein , dann giebt es wieder Turban und Schleier ohne Ende und das alte Lied wird nur mit Variationen angestimmt . Was schicken wir dem kurzweiligen Spiel so beschwerliche Berathschlagungen voran , rief Cesario , ungeduldig aufspringend . Ihr faßt ja das Vergnügen so derb an , und dreht und handhabt den flüchtigen Genuß , daß aller Reiz verschwindet . Ob neu oder alt , ob selten oder oft gesehn , die Freude trägtimmer ein frisches , jugendliches Gesicht . Nehme sie jeder , wie sie sich ihm zeigt . Ich für mein Theil halte mich in der komischen Familie meines Vaterlandes , Arlechino altert nie , und Sie Emilie , Sie verlassen mich nicht . Emilie willigte ein , die Maske der Colombine zu nehmen . Werner verstand sich zu der des Pantalon , und Baron Roll ward ohne weitere Anfrage zum Brighella erwählt . Bei eigenthümlicher Gewandheit und Laune , sagte der Maler , kann das phantastische Spiel immer neu erscheinen , und zu manchem lustigen Spaß Anlaß geben . Insbesondere , fiel Werner ein , wenn mehr als eine dieser Familien zugleich aufträten , und so durch stete Verwirrungen und Verwechselungen eigne und fremde Pläne durchkreuzten . Man fand den Gedanken lustig , ohne ihn gleichwohl festzuhalten . Auguste verwarf ihn ganz und setzte ziemlich trocken hinzu ; wenn Ihr Euch alle von den Aegyptern abwendet , so will ich dennoch dem tiefen , geheimnißreichen Volke treu bleiben , und wenn nicht auf alte , doch auf neue Weise . Ich wähle eine Zigeuner-Maske . Hütet Euch . Ich sehe in die Vergangenheit und Zukunft , und werde manches Geheimniß enthüllen . Die Vorstellung des nahen Festes beschäftigte alle angenehm . Viele spielten ihre Rolle schon in Gedanken durch , und diejenigen , welche noch keine Masken gewählt hatten , sannen auf passende und anmuthige Erfindungen . Stein , welcher bis dahin abgewandt in einem entfernten Theil des Zimmers beim Clavier saß , und zwischen den weitläuftigen Verhandlungen und Streitigkeiten manch stilles Liedchen leise sang , trat nun auch zu Luisen , und befragte sie über die Wahl ihrer Maske . Sie war noch unschlüssig , und bat den Obristen , der nicht längst gekommen war , für sie zu entscheiden . Ich weiß nicht , sagte dieser , ob ich Unrecht habe , wenn ich wünsche , Sie in altdeutscher , fürstlicher Tracht zu sehen , sehr einfach , dennoch höchst edel und prächtig , und zwar in einer mehr innerlichen , gediegnen als strahlenden Pracht . Viele würden Sie lieber in den üppigen Orient versetzen , und den glühenden Schimmer des südlichen Himmels um Sie verbreiten ; ich glaube selbst , Sie ziehen das Letztere vor , aber die hohe , in sich beschlossene , und eben dadurch gebietende Weiblichkeit liegt doch auch in Ihrer Seele . Ja , was noch mehr ist , macht das Wesentliche derselben aus . Es ist sonderbar , sagte Luise , in meinen frühern Jahren fanden mehrere meiner Bekannten eine große Aehnlichkeit mit mir und einigen Bildern altnordischer Königinnen , und gleichwohl habe ich eher mit Schauder als Sehnsucht auf jene Zeit zurückgesehn . Wir sträuben uns oft , erwiederte der Obrist , grade gegen dasjenige , was doch zuletzt Recht über uns behält . Nun , rief Luise lachend , für den Abend sollen Sie es wenigstens behalten . Ich unterwerfe mich Ihrer Entscheidung . Wohlan , sagte er , so sind wir beide Ihre Ritter . Ich trug immer ein Schwerdt , und lege es auch im Spiele nicht gern von mir . Werden Sie mir es vergönnen , fragte Stein , fast wehmüthig , wohl als ein überflüssiger , aber doch treuer Diener , meinen Platz an Ihre Seite zu suchen ? Luise reichte ihm voll herzlicher Theilnahme die Hand , und alle drei redeten sofort das Nähere mit einander ab . Als bald darauf die Gesellschaft auseinander ging , vertrauete Auguste Luisen , daß sie fruher , als Werner , einen ähnlichen Gedanken gehegt habe , und gesonnen sei , zuerst zwar als Zigeunerin , sodann aber als eine zweite Colombine aufzutreten , und dem Liebespaar und seinen Helfershelfern manchen hinterlistigen Streich zu spielen . Luise mißtrauete überall ihren Absichten , und konnte auch an dieser Neckerei keinen Gefallen finden , über die sie weiter nicht redeten , sondern von da an , ein jedes nur mit eigenen Einrichtungen beschäftigt blieben . Frau von Seckingen allein war durch nichts zur Theilnahme an dem Feste zu bewegen . Sie scheue , sagte sie , die freigegebene , ungebundene Fröhlichkeit . Wo alle Rücksichten schwänden , träte die unbewachte Individualität oft abstoßend hervor , und das sei gefährlich für diejenigen , die nur ein bestimmtes , lang gehegtes und gepflegtes Bild festhalten möchten . Es sei nicht das erstemal , fuhr sie fort , daß dergleichen Festlichkeiten Entdeckungen veranlaßten , welche ein ruhiges Verhältniß aufgelöst und Menschen getrennt hätten , welche durch diese Trennung um nichts besser geworden wären . Ihr sei es nothwendig , nur das für wahr zu halten was nach höhern Gesetzen wahr sein müßte , und sich so wenig als möglich darum zu bekümmern , was unter äußren Bedingungen sich als bestehend erweise , und für die Welt allein Wirklichkeit habe . Luise verstand sie wohl , und drang nicht weiter in sie , ohnerachtet sie solche ängstigende Sicherstellung als den wahren Tod und den eigentlichen Gegensatz aller Liebe ansahe . Am Vorabend des Balles trat der Obrist ungewöhnlich spät in Luisens Zimmer . Sie saß am Stickrahmen , und war noch mit einer Arbeit für den folgenden Tag beschäftigt , als er sich zu ihr setzte , und nachdem er eine Zeitlang die Sauberkeit und den Fleiß des kleinen Kunstwerks bewundert und schweigend beobachtet hatte , wie lange die geschäftigen Finger den Faden hin und wieder lenken müssen , ehe nur der hundertste Theil des Ganzen kenntlich hervortrete , rief er fast ungeduldig : Welch mühseliges Vorbereiten zu dem flüchtigen Genuß ! Aber , fuhr er fort , das scheint wohl auch nur so . Für Sie ist es wirklich nicht mühevoll . Sie haben bei jedem Stich das Ganze vor Augen , und leben so den Augenblick tausendfältig , den Sie sich erst schaffen wollen . Warum ist das nicht im Großen wie im Kleinen . Wie leicht vergessen wir bei einem sauern Gange das Ziel , wohin er führt ! Und ist nicht am Ende das ganze Leben ein solcher Gang , den wir uns recht eigentlich erschweren , da wir gewöhnlich nur auf die nächsten Schritte vor uns sehen ? Was macht Sie denn heut so ungewöhnlich ernst ? fragte Luise . Ich verstehe Sie nicht , lieber Freund ! Die lustige Spielerei will kein so trübes Gesicht . Er beugte sich schweigend auf ihre Hand , die nachlässig mit den goldnen Fädchen der Stickerei spielte . Wie denn ? sagte sie ernster , ist das nicht bloß Zufall ? lieber , lieber Freund , ist Ihnen etwas begegnet ? haben Sie Kummer ? Ja wohl , rief er sehr bewegt , ja wohl , ich habe Kummer ! ach meine Luise ! Sie sollten mich nicht so schwach sehen . Der Mann muß dem Verhängniß fest entgegentreten . Ich werde mich auch sogleich wiederfinden . Ihr lieber freudiger Blick fiel nur so zerreißend in meine bewegte Brust . Ich wollte Ihnen heute , auch morgen , noch nichts sagen , und nun überrascht mich das so . Vergeben Sie mir , Luise . O um ' s Himmels Willen , unterbrach sie ihn , nur geschwind , was ist es denn , was kann es denn sein ! Ein Befehl meines Hofes ist es , entgegnete er , der mich , da mein Geschäft hier so weit eingeleitet ist , um es einem Andren zu übertragen , nach Petersburg zurückruft , und zu einer neuen Mission nach Persien vorbereitet . Beide schwiegen eine Weile . Mir bleibt nichts übrig , als zu gehorchen , fuhr er sodann fort . Ich gehöre meinem Vaterlande , und darf mich ihm auf keine Weise entziehn . Nun , fiel Luise schnell ein , warum erschrecken wir denn auch ! Was hindert uns dennoch , ungetrennt zu bleiben ? Ich folge Ihnen , wohin Ihr Beruf Sie führt . Das wollten Sie , Luise ? fragte er gerührt , das könnten Sie wollen ? So großes Opfer dürfte Ihr Freund kaum annehmen . Lieber , unterbrach sie ihn , wie nennen Sie nur ein Opfer , was so natürlich ist , und kaum einer Ueberlegung bedarf , da ich ohne Schmerz ein Vaterland hinter mir lasse , das nichts als trübe Erinnrungen einschließt . Er drückte freudig ihre beiden Hände an sein Herz . Ich habe das nicht glauben , ich habe es nicht hoffen mögen ! rief er ; und nun - gewiß , in der Liebe wird den Frauen eine Kraft und ein Wille , der den Glauben der Männer weit überfliegt . Aber wenn nun fremde Sitten , wunderliche , ungewohnte Erscheinungen , plötzlich eine Scheidewand zwischen Ihnen und die heimathliche , befreundete Welt ziehen , meine Luise , werden Sie immer an diesem Herzen Trost und Ersatz suchen ? Sie sagte ihm darauf recht wahr und zuversichtlich , wie sie es empfand , daß sie in seiner Nähe allein noch Ruhe und Schutz gegen oft erwachende , innre Störungen finden könne , daß seine Milde und Klarheit keinen Zweifel und keine Besorgniß in ihr aufkommen lasse , und die Zukunft sich recht hell vor ihr ausdehne . So innig und durcheinander beruhigt , mit dem festem Blick auf ein vereint heitres Leben , schickten sie sich beide zu dem Feste des kommenden Tages an , und theilten recht freudig die allgemein empfundene Lust . Sorgfältig und höchst edel gekleidet , traten sie zur bestimmten Zeit in die vielfach gemischte Welt . Ein wunderliches Grauen überfiel Luisen , als die schwirrenden , lispelnden Töne aus den starren Lippen zu ihr hindrangen . Die größere Beweglichkeit der Gestalten und der Tod auf ihren Gesichtern , hatte etwas so Widriges für sie , daß sie kaum die gaukelnden Neckereien des zierlichen Arlechino bemerken , noch die Pracht anderer Erscheinungen gehörig würdigen konnte . Die Zigeunerin streifte an ihr vorbei , und Cesarios Hand fassend , sagte sie mit komischer Geberde : Ich sage Dir wahr , Mein Auge ist klar , Der Trug liegt versteckt , Ich hab ' ihn entdeckt . Drum leih ' mir Dein Ohr , Und sieh ' Dich wohl vor , Wenn Dirs geglückt , Bist Du berückt . Was Du umfaßt , Es wird Dir zur Last , Neckt Dich und quält , Wie Du ' s erwählt . Euch allen droht List . In kürzerer Frist Als Ihr ' s erwogen , Seid Ihr betrogen . Es drängten sich mehrere Masken dazwischen . Luise sah nur die verworrene Menge hin und her wogen und ward gedankenlos mit fortgerissen . In dem wachsenden Gedränge lispelte eine Stimme dicht an ihr Ohr : Hat die Büßende in dem Treibhause Blumen für Julius Grab gesammelt ; oder will sie sich mit neuen Myrthen schmücken ? Sie wandte sich erschrocken nach der Seite des Sprechenden , ein dichter Haufe schwarzer Dominos arbeitete sich durcheinander hin , Cesario stand in einer entfernten Loge und sah der lustigen Verwirrung eine Weile müßig zu . Lassen Sie uns dem Magier dort näher treten , sagte Stein , ich wette , es ist der Maler . Luise sah überall nur den ungeschmückten Grabhügel und jene fremde Hand , die sie so frostig darauf hinwies . Stein hatte indeß den Magier angeredet und ihn befragt : ob er ihm die Tiefen seines verworrenen Schicksals aufdecken wolle . Das Furchtbarste , erwiederte eine dumpfe Stimme , faßt Dich schon mit beiden Händen , das Gefürchtete ist ein Unding . Ein neuer Strom eindringender Masken drängte sie auseinander . Das Spiel , sagte der Obrist