um sich gern mit Karikaturen und Zerrbildern abzugeben . Unserm guten Gehülfen danke ichs , daß ich nicht mit der Naturgeschichte gequält worden bin ; ich konnte mich mit den Würmern und Käfern niemals befreunden . Diesmal gestand er mir , daß es ihm ebenso gehe . » Von der Natur « , sagte er , » sollten wir nichts kennen , als was uns unmittelbar lebendig umgibt . Mit den Bäumen , die um uns blühen , grünen , Frucht tragen , mit jeder Staude , an der wir vorbeigehen , mit jedem Grashalm , über den wir hinwandeln , haben wir ein wahres Verhältnis ; sie sind unsre echten Kompatrioten . Die Vögel , die auf unsern Zweigen hin und wider hüpfen , die in unserm Laube singen , gehören uns an , sie sprechen zu uns von Jugend auf , und wir lernen ihre Sprache verstehen . Man frage sich , ob nicht ein jedes fremde , aus seiner Umgebung gerissene Geschöpf einen gewissen ängstlichen Eindruck auf uns macht , der nur durch Gewohnheit abgestumpft wird . Es gehört schon ein buntes , geräuschvolles Leben dazu , um Affen , Papageien und Mohren um sich zu ertragen . « Manchmal , wenn mich ein neugieriges Verlangen nach solchen abenteuerlichen Dingen anwandelte , habe ich den Reisenden beneidet , der solche Wunder mit andern Wundern in lebendiger , alltäglicher Verbindung sieht . Aber auch er wird ein anderer Mensch . Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen , und die Gesinnungen ändern sich gewiß in einem Lande , wo Elefanten und Tiger zu Hause sind . Nur der Naturforscher ist verehrungswert , der uns das Fremdeste , Seltsamste mit seiner Lokalität , mit aller Nachbarschaft jedesmal in dem eigensten Elemente zu schildern und darzustellen weiß . Wie gern möchte ich nur einmal Humboldten erzählen hören ! Ein Naturalienkabinett kann uns vorkommen wie eine ägyptische Grabstätte , wo die verschiedenen Tier- und Pflanzengötzen balsamiert umherstehen . Einer Priesterkaste geziemt es wohl , sich damit in geheimnisvollem Halbdunkel abzugeben ; aber in den allgemeinen Unterricht sollte dergleichen nicht einfließen , um so weniger , als etwas Näheres und Würdigeres sich dadurch leicht verdrängt sieht . Ein Lehrer , der das Gefühl an einer einzigen guten Tat , an einem einzigen guten Gedicht erwecken kann , leistet mehr als einer , der uns ganze Reihen untergeordneter Naturbildungen der Gestalt und dem Namen nach überliefert ; denn das ganze Resultat davon ist , was wir ohnedies wissen können , daß das Menschengebild am vorzüglichsten und einzigsten das Gleichnis der Gottheit an sich trägt . Dem einzelnen bleibe die Freiheit , sich mit dem zu beschäftigen , was ihn anzieht , was ihm Freude macht , was ihm nützlich deucht ; aber das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch . Achtes Kapitel Es gibt wenig Menschen , die sich mit dem Nächstvergangenen zu beschäftigen wissen . Entweder das Gegenwärtige hält uns mit Gewalt an sich , oder wir verlieren uns in die Vergangenheit und suchen das völlig Verlorene , wie es nur möglich sein will , wieder hervorzurufen und herzustellen . Selbst in großen und reichen Familien , die ihren Vorfahren vieles schuldig sind , pflegt es so zu gehen , daß man des Großvaters mehr als des Vaters gedenkt . Zu solchen Betrachtungen ward unser Gehülfe aufgefordert , als er an einem der schönen Tage , an welchen der scheidende Winter den Frühling zu lügen pflegt , durch den großen , alten Schloßgarten gegangen war und die hohen Lindenalleen , die regelmäßigen Anlagen , die sich von Eduards Vater herschrieben , bewundert hatte . Sie waren vortrefflich gediehen in dem Sinne desjenigen , der sie pflanzte , und nun , da sie erst anerkannt und genossen werden sollten , sprach niemand mehr von ihnen , man besuchte sie kaum und hatte Liebhaberei und Aufwand gegen eine andere Seite hin ins Freie und Weite gerichtet . Er machte bei seiner Rückkehr Charlotten die Bemerkung , die sie nicht ungünstig aufnahm . » Indem uns das Leben fortzieht , « versetzte sie , » glauben wir aus uns selbst zu handeln , unsre Tätigkeit , unsre Vergnügungen zu wählen , aber freilich , wenn wir es genau ansehen , so sind es nur die Plane , die Neigungen der Zeit , die wir mit auszuführen genötigt sind . « » Gewiß , « sagte der Gehülfe ; » und wer widersteht dem Strome seiner Umgebungen ? Die Zeit rückt fort und in ihr Gesinnungen , Meinungen , Vorurteile und Liebhabereien . Fällt die Jugend eines Sohnes gerade in die Zeit der Umwendung , so kann man versichert sein , daß er mit seinem Vater nichts gemein haben wird . Wenn dieser in einer Periode lebte , wo man Lust hatte , sich manches zuzueignen , dieses Eigentum zu sichern , zu beschränken , einzuengen und in der Absonderung von der Welt seinen Genuß zu befestigen , so wird jener sodann sich auszudehnen suchen , mitteilen , verbreiten und das Verschlossene eröffnen . « » Ganze Zeiträume « , versetzte Charlotte , » gleichen diesem Vater und Sohn , den Sie schildern . Von jenen Zuständen , da jede kleine Stadt ihre Mauern und Gräben haben mußte , da man jeden Edelhof noch in einen Sumpf baute und die geringsten Schlösser nur durch eine Zugbrücke zugänglich waren , davon können wir uns kaum einen Begriff machen . Sogar größere Städte tragen jetzt ihre Wälle ab , die Gräben selbst fürstlicher Schlösser werden ausgefüllt , die Städte bilden nur große Flecken , und wenn man so auf Reisen das ansieht , sollte man glauben , der allgemeine Friede sei befestigt und das goldne Zeitalter vor der Tür . Niemand glaubt sich in einem Garten behaglich , der nicht einem freien Lande ähnlich sieht ; an Kunst , an Zwang soll nichts erinnern ; wir wollen völlig frei und unbedingt Atem schöpfen . Haben Sie wohl einen Begriff , mein Freund , daß man aus diesem in einen andern , in den vorigen Zustand zurückkehren könne ? « » Warum nicht ? « versetzte der Gehülfe ; » jeder Zustand hat seine Beschwerlichkeit , der beschränkte sowohl als der losgebundene . Der letztere setzt Überfluß voraus und führt zur Verschwendung . Lassen Sie uns bei Ihrem Beispiel bleiben , das auffallend genug ist . Sobald der Mangel eintritt , sogleich ist die Selbstbeschränkung wiedergegeben . Menschen , die ihren Grund und Boden zu nutzen genötigt sind , führen schon wieder Mauern um ihre Gärten auf , damit sie ihrer Erzeugnisse sicher seien . Daraus entsteht nach und nach eine neue Ansicht der Dinge . Das Nützliche erhält wieder die Oberhand , und selbst der Vielbesitzende meint zuletzt auch das alles nutzen zu müssen . Glauben Sie mir : es ist möglich , daß Ihr Sohn die sämtlichen Parkanlagen vernachlässigt und sich wieder hinter die ernsten Mauern und unter die hohen Linden seines Großvaters zurückzieht . « Charlotte war im stillen erfreut , sich einen Sohn verkündigt zu hören , und verzieh dem Gehülfen deshalb die etwas unfreundliche Prophezeiung , wie es dereinst ihrem lieben , schönen Park ergehen könne . Sie versetzte deshalb ganz freundlich : » Wir sind beide noch nicht alt genug , um dergleichen Widersprüche mehrmals erlebt zu haben ; allein wenn man sich in seine frühe Jugend zurückdenkt , sich erinnert , worüber man von älteren Personen klagen gehört , Länder und Städte mit in die Betrachtung aufnimmt , so möchte wohl gegen die Bemerkung nichts einzuwenden sein . Sollte man denn aber einem solchen Naturgang nichts entgegensetzen , sollte man Vater und Sohn , Eltern und Kinder nicht in Übereinstimmung bringen können ? Sie haben mir freundlich einen Knaben geweissagt ; müßte denn der gerade mit seinem Vater im Widerspruch stehen ? zerstören , was seine Eltern erbaut haben , anstatt es zu vollenden und zu erheben , wenn er in demselben Sinne fortfährt ? « » Dazu gibt es auch wohl ein vernünftiges Mittel , « versetzte der Gehülfe , » das aber von den Menschen selten angewandt wird . Der Vater erhebe seinen Sohn zum Mitbesitzer , er lasse ihn mitbauen , -pflanzen und erlaube ihm , wie sich selbst , eine unschädliche Willkür . Eine Tätigkeit läßt sich in die andre verweben , keine an die andre anstückeln . Ein junger Zweig verbindet sich mit einem alten Stamme gar leicht und gern , an den kein erwachsener Ast mehr anzufügen ist . « Es freute den Gehülfen , in dem Augenblick , da er Abschied zu nehmen sich genötigt sah , Charlotten zufälligerweise etwas Angenehmes gesagt und ihre Gunst aufs neue dadurch befestigt zu haben . Schon allzulange war er von Hause weg ; doch konnte er zur Rückreise sich nicht eher entschließen als nach völliger Überzeugung , er müsse die herannahende Epoche von Charlottens Niederkunft erst vorbeigehen lassen , bevor er wegen Ottiliens irgendeine Entscheidung hoffen könne . Er fügte sich deshalb in die Umstände und kehrte mit diesen Aussichten und Hoffnungen wieder zur Vorsteherin zurück . Charlottens Niederkunft nahte heran . Sie hielt sich mehr in ihren Zimmern . Die Frauen , die sich um sie versammelt hatten , waren ihre geschlossenere Gesellschaft . Ottilie besorgte das Hauswesen , indem sie kaum daran denken durfte , was sie tat . Sie hatte sich zwar völlig ergeben ; sie wünschte für Charlotten , für das Kind , für Eduarden sich auch noch ferner auf das dienstlichste zu bemühen ; aber sie sah nicht ein , wie es möglich werden wollte . Nichts konnte sie vor völliger Verworrenheit retten , als daß sie jeden Tag ihre Pflicht tat . Ein Sohn war glücklich zur Welt gekommen , und die Frauen versicherten sämtlich , es sei der ganze leibhafte Vater . Nur Ottilie konnte es im stillen nicht finden , als sie der Wöchnerin Glück wünschte und das Kind auf das herzlichste begrüßte . Schon bei den Anstalten zur Verheiratung ihrer Tochter war Charlotten die Abwesenheit ihres Gemahls höchst fühlbar gewesen ; nun sollte der Vater auch bei der Geburt des Sohnes nicht gegenwärtig sein ; er sollte den Namen nicht bestimmen , bei dem man ihn künftig rufen würde . Der erste von allen Freunden , die sich beglückwünschend sehen ließen , war Mittler , der seine Kundschafter ausgestellt hatte , um von diesem Ereignis sogleich Nachricht zu erhalten . Er fand sich ein , und zwar sehr behaglich . Kaum daß er seinen Triumph in Gegenwart Ottiliens verbarg , so sprach er sich gegen Charlotten laut aus und war der Mann , alle Sorgen zu heben und alle augenblicklichen Hindernisse beiseitezubringen . Die Taufe sollte nicht lange aufgeschoben werden . Der alte Geistliche , mit einem Fuß schon im Grabe , sollte durch seinen Segen das Vergangene mit dem Zukünftigen zusammenknüpfen ; Otto sollte das Kind heißen ; es konnte keinen andern Namen führen als den Namen des Vaters und des Freundes . Es bedurfte der entschiedenen Zudringlichkeit dieses Mannes , um die hunderterlei Bedenklichkeiten , das Widerreden , Zaudern , Stocken , Besser - oder Anderswissen , das Schwanken , Meinen , Um- und Wiedermeinen zu beseitigen , da gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten aus einer gehobenen Bedenklichkeit immer wieder neue entstehen und , indem man alle Verhältnisse schonen will , immer der Fall eintritt , einige zu verletzen . Alle Meldungsschreiben und Gevatterbriefe übernahm Mittler ; sie sollten gleich ausgefertigt sein , denn ihm war selbst höchlich daran gelegen , ein Glück , das er für die Familie so bedeutend hielt , auch der übrigen mitunter mißwollenden und mißredenden Welt bekanntzumachen . Und freilich waren die bisherigen leidenschaftlichen Vorfälle dem Publikum nicht entgangen , das ohnehin in der Überzeugung steht , alles , was geschieht , geschehe nur dazu , damit es etwas zu reden habe . Die Feier des Taufaktes sollte würdig , aber beschränkt und kurz sein . Man kam zusammen , Ottilie und Mittler sollten das Kind als Taufzeugen halten . Der alte Geistliche , unterstützt vom Kirchdiener , trat mit langsamen Schritten heran . Das Gebet war verrichtet , Ottilien das Kind auf die Arme gelegt , und als sie mit Neigung auf dasselbe heruntersah , erschrak sie nicht wenig an seinen offenen Augen ; denn sie glaubte in ihre eigenen zu sehen ; eine solche Übereinstimmung hätte jeden überraschen müssen . Mittler , der zunächst das Kind empfing , stutzte gleichfalls , indem er in der Bildung desselben eine so auffallende Ähnlichkeit , und zwar mit dem Hauptmann , erblickte , dergleichen ihm sonst noch nie vorgekommen war . Die Schwäche des guten alten Geistlichen hatte ihn gehindert , die Taufhandlung mit mehrerem als der gewöhnlichen Liturgie zu begleiten . Mittler indessen , voll von dem Gegenstande , gedachte seiner frühern Amtsverrichtungen und hatte überhaupt die Art , sich sogleich in jedem Falle zu denken , wie er nun reden , wie er sich äußern würde . Diesmal konnte er sich um so weniger zurückhalten , als es nur eine kleine Gesellschaft von lauter Freunden war , die ihn umgab . Er fing daher an , gegen das Ende des Akts mit Behaglichkeit sich an die Stelle des Geistlichen zu versetzen , in einer muntern Rede seine Patenpflichten und Hoffnungen zu äußern und um so mehr dabei zu verweilen , als er Charlottens Beifall in ihrer zufriedenen Miene zu erkennen glaubte . Daß der gute alte Mann sich gern gesetzt hätte , entging dem rüstigen Redner , der noch viel weniger dachte , daß er ein größeres Übel hervorzubringen auf dem Wege war ; denn nachdem er das Verhältnis eines jeden Anwesenden zum Kinde mit Nachdruck geschildert und Ottiliens Fassung dabei ziemlich auf die Probe gestellt hatte , so wandte er sich zuletzt gegen den Greis mit diesen Worten : » Und Sie , mein würdiger Altvater , können nunmehr mit Simeon sprechen : Herr , laß deinen Diener in Frieden fahren ; denn meine Augen haben den Heiland dieses Hauses gesehen . « Nun war er im Zuge , recht glänzend zu schließen , aber er bemerkte bald , daß der Alte , dem er das Kind hinhielt , sich zwar erst gegen dasselbe zu neigen schien , nachher aber schnell zurücksank . Vom Fall kaum abgehalten , ward er in einen Sessel gebracht , und man mußte ihn ungeachtet aller augenblicklichen Beihülfe für tot ansprechen . So unmittelbar Geburt und Tod , Sarg und Wiege nebeneinander zu sehen und zu denken , nicht bloß mit der Einbildungskraft , sondern mit den Augen diese ungeheuern Gegensätze zusammenzufassen , war für die Umstehenden eine schwere Aufgabe , je überraschender sie vorgelegt wurde . Ottilie allein betrachtete den Eingeschlummerten , der noch immer seine freundliche , einnehmende Miene behalten hatte , mit einer Art von Neid . Das Leben ihrer Seele war getötet ; warum sollte der Körper noch erhalten werden ? Führten sie auf diese Weise gar manchmal die unerfreulichen Begebenheiten des Tags auf die Betrachtung der Vergänglichkeit , des Scheidens , des Verlierens , so waren ihr dagegen wundersame nächtliche Erscheinungen zum Trost gegeben , die ihr das Dasein des Geliebten versicherten und ihr eigenes befestigten und belebten . Wenn sie sich abends zur Ruhe gelegt und im süßen Gefühl noch zwischen Schlaf und Wachen schwebte , schien es ihr , als wenn sie in einen ganz hellen , doch mild erleuchteten Raum hineinblickte . In diesem sah sie Eduarden ganz deutlich , und zwar nicht gekleidet , wie sie ihn sonst gesehen , sondern im kriegerischen Anzug , jedesmal in einer andern Stellung , die aber vollkommen natürlich war und nichts Phantastisches an sich hatte : stehend , gehend , liegend , reitend . Die Gestalt , bis aufs kleinste ausgemalt , bewegte sich willig vor ihr , ohne daß sie das mindeste dazu tat , ohne daß sie wollte oder die Einbildungskraft anstrengte . Manchmal sah sie ihn auch umgeben , besonders von etwas Beweglichem , das dunkler war als der helle Grund ; aber sie unterschied kaum Schattenbilder , die ihr zuweilen als Menschen , als Pferde , als Bäume und Gebirge vorkommen konnten . Gewöhnlich schlief sie über der Erscheinung ein , und wenn sie nach einer ruhigen Nacht morgens wieder erwachte , so war sie erquickt , getröstet ; sie fühlte sich überzeugt , Eduard lebe noch , sie stehe mit ihm noch in dem innigsten Verhältnis . Neuntes Kapitel Der Frühling war gekommen , später , aber auch rascher und freudiger als gewöhnlich . Ottilie fand nun im Garten die Frucht ihres Vorsehens ; alles keimte , grünte und blühte zur rechten Zeit ; manches , was hinter wohlangelegten Glashäusern und Beeten vorbereitet worden , trat nun sogleich der endlich von außen wirkenden Natur entgegen , und alles , was zu tun und zu besorgen war , blieb nicht bloß hoffnungsvolle Mühe wie bisher , sondern ward zum heitern Genusse . An dem Gärtner aber hatte sie zu trösten über manche durch Lucianens Wildheit entstandene Lücke unter den Topfgewächsen , über die zerstörte Symmetrie mancher Baumkrone . Sie machte ihm Mut , daß sich das alles bald wieder herstellen werde ; aber er hatte zu ein tiefes Gefühl , zu einen reinen Begriff von seinem Handwerk , als daß diese Trostgründe viel bei ihm hätten fruchten sollen . So wenig der Gärtner sich durch andere Liebhabereien und Neigungen zerstreuen darf , so wenig darf der ruhige Gang unterbrochen werden , den die Pflanze zur dauernden oder zur vorübergehenden Vollendung nimmt . Die Pflanze gleicht den eigensinnigen Menschen , von denen man alles erhalten kann , wenn man sie nach ihrer Art behandelt . Ein ruhiger Blick , eine stille Konsequenz , in jeder Jahrszeit , in jeder Stunde das ganz Gehörige zu tun , wird vielleicht von niemand mehr als vom Gärtner verlangt . Diese Eigenschaften besaß der gute Mann in einem hohen Grade , deswegen auch Ottilie so gern mit ihm wirkte ; aber sein eigentliches Talent konnte er schon einige Zeit nicht mehr mit Behaglichkeit ausüben . Denn ob er gleich alles , was die Baum- und Küchengärtnerei betraf , auch die Erfordernisse eines ältern Ziergartens , vollkommen zu leisten verstand , wie denn überhaupt einem vor dem andern dieses oder jenes gelingt , ob er schon in Behandlung der Orangerie der Blumenzwiebeln , der Nelken- und Aurikelnstöcke die Natur selbst hätte herausfordern können , so waren ihm doch die neuen Zierbäume und Modeblumen einigermaßen fremd geblieben , und er hatte vor dem unendlichen Felde der Botanik , das sich nach der Zeit auftat , und den darin herumsummenden fremden Namen eine Art von Scheu , die ihn verdrießlich machte . Was die Herrschaft voriges Jahr zu verschreiben angefangen , hielt er um so mehr für unnützen Aufwand und Verschwendung , als er gar manche kostbare Pflanze ausgehen sah und mit den Handelsgärtnern , die ihn , wie er glaubte , nicht redlich genug bedienten , in keinem sonderlichen Verhältnisse stand . Er hatte sich darüber nach mancherlei Versuchen eine Art von Plan gemacht , in welchem ihn Ottilie um so mehr bestärkte , als er auf die Wiederkehr Eduards eigentlich gegründet war , dessen Abwesenheit man in diesem wie in manchem andern Falle täglich nachteiliger empfinden mußte . Indem nun die Pflanzen immer mehr Wurzel schlugen und Zweige trieben , fühlte sich auch Ottilie immer mehr an diese Räume gefesselt . Gerade vor einem Jahre trat sie als Fremdling , als ein unbedeutendes Wesen hier ein ; wieviel hatte sie sich seit jener Zeit nicht erworben ! aber leider wieviel hatte sie nicht auch seit jener Zeit wieder verloren ! Sie war nie so reich und nie so arm gewesen . Das Gefühl von beidem wechselte augenblicklich miteinander ab , ja durchkreuzte sich aufs innigste , so daß sie sich nicht anders zu helfen wußte , als daß sie immer wieder das Nächste mit Anteil , ja mit Leidenschaft ergriff . Daß alles , was Eduarden besonders lieb war , auch ihre Sorgfalt am stärksten an sich zog , läßt sich denken ; ja warum sollte sie nicht hoffen , daß er selbst nun bald wiederkommen , daß er die fürsorgliche Dienstlichkeit , die sie dem Abwesenden geleistet , dankbar gegenwärtig bemerken werde ? Aber noch auf eine viel andre Weise war sie veranlaßt für ihn zu wirken . Sie hatte vorzüglich die Sorge für das Kind übernommen , dessen unmittelbare Pflegerin sie um so mehr werden konnte , als man es keiner Amme übergeben , sondern mit Milch und Wasser aufzuziehen sich entschieden hatte . Es sollte in jener schönen Zeit der freien Luft genießen ; und so trug sie es am liebsten selbst heraus , trug das schlafende , unbewußte zwischen Blumen und Blüten her , die dereinst seiner Kindheit so freundlich entgegenlachen sollten , zwischen jungen Sträuchen und Pflanzen , die mit ihm in die Höhe zu wachsen durch ihre Jugend bestimmt schienen . Wenn sie um sich her sah , so verbarg sie sich nicht , zu welchem großen , reichen Zustande das Kind geboren sei ; denn fast alles , wohin das Auge blickte , sollte dereinst ihm gehören . Wie wünschenswert war es zu diesem allen , daß es vor den Augen des Vaters , der Mutter aufwüchse und eine erneute , frohe Verbindung bestätigte ! Ottilie fühlte dies alles so rein , daß sie sichs als entschieden wirklich dachte und sich selbst dabei gar nicht empfand . Unter diesem klaren Himmel , bei diesem hellen Sonnenschein ward es ihr auf einmal klar , daß ihre Liebe , um sich zu vollenden , völlig uneigennützig werden müsse ; ja in manchen Augenblicken glaubte sie diese Höhe schon erreicht zu haben . Sie wünschte nur das Wohl ihres Freundes , sie glaubte sich fähig , ihm zu entsagen , sogar ihn niemals wiederzusehen , wenn sie ihn nur glücklich wisse . Aber ganz entschieden war sie für sich , niemals einem andern anzugehören . Daß der Herbst ebenso herrlich würde wie der Frühling , dafür war gesorgt . Alle sogenannten Sommergewächse , alles , was im Herbst mit Blühen nicht enden kann und sich der Kälte noch keck entgegenentwickelt , Astern besonders , waren in der größten Mannigfaltigkeit gesäet und sollten nun , überallhinverpflanzt , einen Sternhimmel über die Erde bilden . Aus Ottiliens Tagebuche Einen guten Gedanken , den wir gelesen , etwas Auffallendes , das wir gehört , tragen wir wohl in unser Tagebuch . Nähmen wir uns aber zugleich die Mühe , aus den Briefen unserer Freunde eigentümliche Bemerkungen , originelle Ansichten , flüchtige geistreiche Worte auszuzeichnen , so würden wir sehr reich werden . Briefe hebt man auf , um sie nie wieder zu lesen ; man zerstört sie zuletzt einmal aus Diskretion , und so verschwindet der schönste , unmittelbarste Lebenshauch unwiederbringlich für uns und andre . Ich nehme mir vor , dieses Versäumnis wiedergutzumachen . So wiederholt sich denn abermals das Jahresmärchen von vorn . Wir sind nun wieder , Gott sei Dank ! an seinem artigsten Kapitel . Veilchen und Maiblumen sind wie Überschriften oder Vignetten dazu . Es macht uns immer einen angenehmen Eindruck , wenn wir sie in dem Buche des Lebens wieder aufschlagen . Wir schelten die Armen , besonders die Unmündigen , wenn sie sich an den Straßen herumlegen und betteln . Bemerken wir nicht , daß sie gleich tätig sind , sobald es was zu tun gibt ? Kaum entfaltet die Natur ihre freundlichen Schätze , so sind die Kinder dahinterher , um ein Gewerbe zu eröffnen ; keines bettelt mehr , jedes reicht dir einen Strauß ; es hat ihn gepflückt , ehe du vom Schlaf erwachtest , und das Bittende sieht dich so freundlich an wie die Gabe . Niemand sieht erbärmlich aus , der sich einiges Recht fühlt , fordern zu dürfen . Warum nur das Jahr manchmal so kurz , manchmal so lang ist , warum es so kurz scheint und so lang in der Erinnerung ! Mir ist es mit dem vergangenen so , und nirgends auffallender als im Garten , wie Vergängliches und Dauerndes ineinandergreift . Und doch ist nichts so flüchtig , das nicht eine Spur , das nicht seinesgleichen zurücklasse . Man läßt sich den Winter auch gefallen . Man glaubt sich freier auszubreiten , wenn die Bäume so geisterhaft , so durchsichtig vor uns stehen . Sie sind nichts , aber sie decken auch nichts zu . Wie aber einmal Knospen und Blüten kommen , dann wird man ungeduldig , bis das volle Laub hervortritt , bis die Landschaft sich verkörpert und der Baum sich als eine Gestalt uns entgegendrängt . Alles Vollkommene in seiner Art muß über seine Art hinausgehen , es muß etwas anderes , Unvergleichbares werden . In manchen Tönen ist die Nachtigall noch Vogel ; dann steigt sie über ihre Klasse hinüber und scheint jedem Gefiederten andeuten zu wollen , was eigentlich singen heiße . Ein Leben ohne Liebe , ohne die Nähe des Geliebten ist nur eine » Comédie à tiroir « , ein schlechtes Schubladenstück . Man schiebt eine nach der andern heraus und wieder hinein und eilt zur folgenden . Alles , was auch Gutes und Bedeutendes vorkommt , hängt nur kümmerlich zusammen . Man muß überall von vorn anfangen und möchte überall enden . Zehntes Kapitel Charlotte von ihrer Seite befindet sich munter und wohl . Sie freut sich an dem tüchtigen Knaben , dessen vielversprechende Gestalt ihr Auge und Gemüt stündlich beschäftigt . Sie erhält durch ihn einen neuen Bezug auf die Welt und auf den Besitz . Ihre alte Tätigkeit regt sich wieder ; sie erblickt , wo sie auch hinsieht , im vergangenen Jahre vieles getan und empfindet Freude am Getanen . Von einem eigenen Gefühl belebt , steigt sie zur Mooshütte mit Ottilien und dem Kinde ; und indem sie dieses auf den kleinen Tisch als auf einen häuslichen Altar niederlegt und noch zwei Plätze leer sieht , gedenkt sie der vorigen Zeiten , und eine neue Hoffnung für sie und Ottilien dringt hervor . Junge Frauenzimmer sehen sich bescheiden vielleicht nach diesem oder jenem Jüngling um , mit stiller Prüfung , ob sie ihn wohl zum Gatten wünschten ; wer aber für eine Tochter oder einen weiblichen Zögling zu sorgen hat , schaut in einem weitern Kreis umher . So ging es auch in diesem Augenblick Charlotten , der eine Verbindung des Hauptmanns mit Ottilien nicht unmöglich schien , wie sie doch auch schon ehemals in dieser Hütte nebeneinander gesessen hatten . Ihr war nicht unbekannt geblieben , daß jene Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat wieder verschwunden sei . Charlotte stieg weiter , und Ottilie trug das Kind . Jene überließ sich mancherlei Betrachtungen . Auch auf dem festen Lande gibt es wohl Schiffbruch ; sich davon auf das schnellste zu erholen und herzustellen , ist schön und preiswürdig . Ist doch das Leben nur auf Gewinn und Verlust berechnet ! Wer macht nicht irgendeine Anlage und wird darin gestört ! Wie oft schlägt man einen Weg ein und wird davon abgeleitet ! Wie oft werden wir von einem scharf ins Auge gefaßten Ziel abgelenkt , um ein höheres zu erreichen ! Der Reisende bricht unterwegs zu seinem höchsten Verdruß ein Rad und gelangt durch diesen unangenehmen Zufall zu den erfreulichsten Bekanntschaften und Verbindungen , die auf sein ganzes Leben Einfluß haben . Das Schicksal gewährt uns unsre Wünsche , aber auf seine Weise , um uns etwas über unsere Wünsche geben zu können . Diese und ähnliche Betrachtungen waren es , unter denen Charlotte zum neuen Gebäude auf der Höhe gelangte , wo sie vollkommen bestätigt wurden . Denn die Umgebung war viel schöner , als man sichs hatte denken können . Alles störende Kleinliche war ringsumher entfernt , alles Gute der Landschaft , was die Natur , was die Zeit daran getan hatte , trat reinlich hervor und fiel ins Auge , und schon grünten die jungen Pflanzungen , die bestimmt waren , einige Lücken auszufüllen und die abgesonderten Teile angenehm zu verbinden . Das Haus selbst war nahezu bewohnbar , die Aussicht , besonders aus den obern Zimmern , höchst mannigfaltig . Je länger man sich umsah , desto mehr Schönes entdeckte man . Was mußten nicht hier die verschiedenen Tagszeiten , was Mond und Sonne für Wirkungen hervorbringen ! Hier zu verweilen war höchst wünschenswert , und wie schnell ward die Lust zu bauen und zu schaffen in Charlotten wieder erweckt , da sie alle grobe Arbeit getan fand ! Ein Tischer , ein Tapezier , ein Maler , der mit Patronen und leichter Vergoldung sich zu helfen wußte , nur dieser bedurfte man , und in kurzer Zeit war das Gebäude im Stande . Keller und Küche wurden schnell eingerichtet ; denn in der Entfernung vom Schlosse mußte man alle Bedürfnisse um sich versammeln . So wohnten die Frauenzimmer mit dem Kinde nun oben , und von diesem Aufenthalt , als von einem neuen Mittelpunkt , eröffneten sich ihnen unerwartete Spaziergänge . Sie genossen vergnüglich in einer höheren Region der freien , frischen Luft bei dem schönsten Wetter . Ottiliens liebster Weg , teils allein , teils mit dem Kinde , ging herunter nach den Platanen auf einem bequemen Fußsteig , der sodann zu dem Punkte leitete , wo einer der Kähne angebunden war , mit denen man überzufahren pflegte . Sie erfreute sich manchmal einer Wasserfahrt , allein ohne das Kind , weil Charlotte deshalb einige Besorgnis zeigte . Doch verfehlte sie nicht , täglich den Gärtner im Schloßgarten zu besuchen und an seiner Sorgfalt für die vielen Pflanzenzöglinge , die nun alle der freien Luft genossen , freundlich teilzunehmen . In dieser schönen Zeit kam Charlotten der Besuch eines Engländers sehr gelegen , der Eduarden auf Reisen kennengelernt , einigemal getroffen hatte und nunmehr neugierig war , die schönen Anlagen zu sehen , von denen er soviel Gutes erzählen hörte . Er brachte ein Empfehlungsschreiben vom Grafen mit und stellte zugleich einen stillen , aber sehr