rief er , fast eben so weich und gerührt , als Aline , laß nur deine kleine Welt zusammenstürzen , meine Liebe soll dich in den Himmel tragen . Er wußte nicht was er sprach . Sein ganzes voriges Leben stand außer aller Verbindung mit diesem Augenblick . Er glaubte wenigstens sich selbst nicht wieder zu erkennen , und begrüßte diesen neuen heranbrechenden Morgen in Alinens frommen Blicke . So innig beglückt , in die heitre Stille eines ruhigen , für den Augenblick befriedigten Herzens versenkt , eilte er heut nach seiner Wohnung zurück . Von tausend lieblichen Bildern begleitet , öffnete er eine Seitenthür derselben , die durch eine schmale Gallerie zunächst nach seinem Zimmer führte . Es war noch dunkel , er trat leise und behutsam auf , um niemand im Hause zu stören , und hielt sich von Zeit zu Zeit an die Wand , dem Körper bei den unsichern Tritten das Gleichgewicht zu geben , als plötzlich eine schattenartige Gestalt unter seinen Armen hinschlüpfte . Ohne sonderlichen Schreck faßte er ganz mechanisch nach dem fremden Körper , und trug ihn sicher und geräuschlos zu der brennenden Ampel am Haupteingange . Er mußte laut auflachen , als er in dem kleinen zappelnden , sich sträubenden Wesen , Erwin erkannte , der in einen bräunlichen Mantel gewickelt , vor Angst und Frost zitternd , auf Liebesabentheuer ausging . Ein schwacher Lichtstrahl , der aus Laura ' s halb geöffneter Thür drang , zeigte Rodrich , in welcher verborgnen Blume der geheimnißreiche Forscher heut das Universum gefunden hatte . Doch konnte er sich eines innern Unwillens nicht enthalten , indem er bemerkte , daß sie beide hier als beglückte Liebende einander gegenüber standen , und daß sein lieblichstes Entzücken , so grob und gemein in dem verzerrten Bilde ausgesprochen sey . Fast war ihm , als treffe er hier im Hause , unaufhörlich auf ein gespenstisches Höhnen seiner innersten Natur . Er ließ den frierenden Nachtwandler gleichgültig fahren , und ging verdrießlich nach seinem Zimmer . Die folgenden Tage waren indeß reich an Freuden , die nur Liebe erzeugt und versteht . Das geheimnißreiche Anneigen und Berühren , die flammende Ungeduld , wie das stille Beieinanderseyn , all die Wonne und das innerliche Leben zweier liebeathmender Herzen , wogte in Rodrich auf und ab . Er schmiegte sich hingebend in süße Bande , und schloß die Augen vor dem Gewebe , daß sich immer dichter über ihm zusammenzog . Aline ging ruhig an seiner Hand auf dem blühenden Teppich , der vor ihr ausgebreitet lag . Sie sann und forschte nicht , was die bunte Hülle verbarg . Wie sollte sie die Zukunft bedächtig herauf führen , da die Gegenwart sie wie ein lächelndes Kind aus hellen Augen ansah ! Beide begnügten sich lange mit dem flüchtigen , verstohlnen Genuß , den eine beschränkte Lage und wachsende Aufmerksamkeit für die erweiterten Umgebungen ihnen gönnte . Indeß hatte Stephano ' s wiederkehrende Genesung nach und nach so viele seiner Kameraden zu ihm geführt , und diese wieder so manche von Alinens Verwandten angezogen , daß endlich alles Eigenthümliche des ehemaligen häuslichen Zirkels bis auf die geräuschlose , milde Heiterkeit daraus verbannt war . Fade Scherze und kleinstädtische Prätensionen , rangen hier nicht immer zum zierlichsten mit einander . Manches fiel Rodrich unangenehm auf , was gegen einen natürlichen Takt feiner Sitte stritt . Er war vergebens bemüht , in den allgemeinen Ton einzugehen . Der kleine Vorrath flacher Späße erschöpfte sich um so eher , je sichtlicher das Verlangen darnach bei den Andern hervorleuchtete . Es war ihm unmöglich , sich , wie seine Freunde , in das grob geschürzte Netz roher Koketterie hineinziehen zu lassen . Jeder Aufflug von Gemeinheit , jede Hindeutung dürftigen Herkommens , war ihm eine ärgerliche Störung , und trieb seine Ungeduld oft so weit , daß er im Begriff war , Alinen in seine Arme zu schließen , und mit ihr außerhalb jeder lästigen Schranke zu fliehen . Sie gehörte wirklich keinem bestimmten Kreise an . Ihr eigenthümliches , kindliches Wesen , trieb sie leicht zwischen den hölzernen , dürr ausgesprochnen Gestalten hindurch , zu Rodrichs innerer Flammenwelt , in der sich ihr ganzes Daseyn liebend auslöste . Sie theilte seinen Unmuth , weil er unmittelbar aus den trüben Blicken in ihre offne Seele überging , und bemühete sich , durch zarte Aufmerksamkeit jede aufsteigende üble Laune zu sänftigen . Indeß gelang ihr dies nur halb , und als er einst mehrere Stunden gegen alle äußere Unannehmlichkeiten ankämpfend , vergebens einen flüchtigen Moment zu erhaschen hoffte , in welchem die leidenschaftlichen Gluthen sich auf Alinens rosigen Lippen kühlen sollten , da hielt er sich nicht länger , er entfernte sich einen Augenblick , und schrieb mit klopfendem Herzen folgende Worte , welche er geschickt in Alinens Hände spielte . » Tadle es nicht , meine Aline , wenn dein sanfter , flehender Blick die inneren Stürme nur noch mehr anregt , wenn ich vergebens ringe , mich in die stillen Fluthen deiner frommen Seele zu tauchen , wenn alles , alles , mein Verlangen glühend hinauf treibt ! Ich bebe , wenn du an mir vorüber streifst , meine Arme zucken unwillkührlich , ich widerstehe dem inneren Zuge nicht länger , laß mich , ich bitte dich , laß mich nur einmal wieder , deine süße Nähe berauschend fühlen , laß mich deinen Athem trinken , der wie Himmelsduft um die innern Flammen spielt . Bei Gott , Aline , ich muß dich an meine Brust drücken , oder ich zertrete alle Schranken , die dich und mich fesseln ! « Sie flog mit dem geheimnißreichen Blättchen in ihre Kammer , und kam bald darauf mit verweinten Augen und in sichtlicher Bewegung zurück , indem sie Rodrich ein ähnliches Papier folgenden Inhalts zusteckte . » Fodre nur , Ungestümer , du wußtest ja wohl , daß ich keinen andern Willen als den deinigen kenne . Gott weiß indeß , ob es so recht ist ! Ich habe gebetet , und Benedikt recht aus voller Seele gefragt , aber es blieb alles wie es war . Meine Augen fielen dabei auf die brennenden Zeilen , die mein ganzes Inneres anfachten , dein Nahme tönte laut aus jedem Worte , und ich thue was du willst . Komm denn diesen Abend gegen 12 Uhr nach der Kapelle , wo wir uns zuerst trafen . Rodrich , ich ahnete es wohl , daß sich alle andere Bande von meiner Seele lösen , und ich allein in deiner Liebe athmen würde . Es ist so gekommen ! Mir ist doch recht wehmüthig dabei zu Sinne . Zum erstenmal in meinem Leben thue ich widerstrebend , was ich dennoch so gern thue ! Wenn es nur erst Morgen wäre ! Angst und Sehnsucht treiben mich wie ein Kind hin und her . Lieber , lieber Rodrich , fühle doch nur , wie unendlich ich dich liebe , und wie alle Unruhe und alles wankende Wollen sich sogleich in deinen Armen tröstend auflösen muß . « Rodrich übersah den kleinen Streit , der Alinens Gefühle noch höher hinauf trieb , und sie mit unauflöslichen Banden an ihn kettete . Er wußte noch nicht , wie ein weibliches Gemüth die überwundene Scheu , mit der sie gegen ein gänzliches Hingeben ringt , in der festesten , unendlichsten Liebe abzubüßen strebt , und wie viel ein Mann gewinnt , der es bei der Geliebten bis zur Uneinigkeit mit sich selbst gebracht hat . Er dachte und empfand überall nichts als sein nahes Glück . Jede überlegende Absichtlichkeit , war weit von seiner Seele . Im fröhlichsten Taumel rauschte ihm die Zeit bis zur zwölften Stunde hin . Fast zugleich stand er mit Alinen am Eingange der Kapelle . Sie schlüpften beide hinein . Zitternd , ohne ein Wort zu sagen , kniete sie neben ihm auf die Stufen eines kleinen Altars . Die kalten Steine schienen zu ihrem Herzen zu dringen , und es peinlich zusammen zu ziehen . Rodrich küßte sie sanft . Sie weinte an seiner Brust , halb aus Schaam , halb aus Freude . Fürchte nichts , Aline , sagte er beruhigend , die Gräber sind stumme Zeugen , und wir im Schutze frommer Geister . Jesus , rief sie , was war das ! - Aline , erwiederte er halb unwillig , mein Herz klopft dem deinigen ungestüm entgegen , sonst hörst du nichts , glaube mir . Nein , nein , sagte sie , es ist gewiß etwas anderes , höre nur . Der Wind rauschte hohl und tief zwischen einigen veralteten Bäumen , die sich vor den Fenstern hin und her neigten , die Zweige warfen bei dem hereinbrechenden Mondenlicht lange Schatten in die Kapelle . Aline sah mit halben Blicken ihr flimmerndes Spiel an den dunkeln Wänden . Ihr war , als bewege sich der frische Epheukranz über dem Grabe ihres Bruders , indem hörten sie jemand husten , und ein schallendes Gelächter flog an ihnen vorüber . Rodrich sprang zur Thür . Ertappt , ertappt , riefen mehrere rohe Stimmen , du willst wohl Geister beschwören , oder giebt es sonst etwas Geheimes hier abzumachen ? - Nur heraus damit , jetzt gilt kein Heucheln mehr . Laßt mich , sagte ein Anderer , ich will ' s ja sagen , plagt mich nur nicht mit eurem Geschrei . Ich habe in dieser Kirche ein Bündelchen Zeug , etwas Geld und eine Uhr in der Nacht versteckt , als wir Verwundete hier hinein gebracht wurden , und konnte immer nicht dazu kommen , es abzuholen , ich wollte jetzt versuchen , ohne viel Geräusch zu der kleinen Thür hinein zu kommen . Das ist gestohlen Gut , riefen auf ' s neue alle insgesammt , das muß kameradschaftlich getheilt und zusammen verzehrt werden . Der Lärm ward immer größer , zog indeß bald die Wache herbei , die sie schnell aus einander trieb . Lieber sterben , sagte Aline bebend , als hier einen Augenblick länger verweilen . Umsonst versicherte Rodrich , daß nun alles ruhig , und sie vollkommen sicher wären , sie entwand sich seinen Umarmungen , und eilte angstvoll vor ihm her . Er folgte schweigend bis vor des Hauses Thür . Liebe Aline , sagte er jetzt bittend , fodre nicht , daß ich dich in dieser Stimmung verlasse . Du zitterst und weinst , wie könnte ich ohne dich ruhig seyn , lieber Engel , laß mich mit hinein gehen ! Aline war so verwirrt , so durch und durch erschüttert , daß sie es still geschehen ließ . Sie traten in die warme , duftende Wohnstube , Rodrich führte sie zu dem kleinen Sitz unter ihren Blumen ; nein , rief sie , sich besinnend , hier darfst du nicht bleiben , Stephano schläft ganz nahe . Nun , erwiederte Rodrich , so laß uns hinauf zu deinem Zimmerchen gehen . Da ist wieder die Mutter nicht weit , fiel sie ein . Ach , die schläft wohl , sagte Rodrich , und zog sie sanft zur Thür . Sie blieb einen Augenblick unschlüssig stehen . Rodrich , rief sie weich und hingebend , er schloß sie fest an sich , und trug sie leicht die wenigen Stufen hinauf . Der Morgen dämmerte schon , als sich Rodrich endlich von Alinens glühendem Herzen riß , und durch die kalten , feuchten Nebel zu seinem einsamen Lager eilen wollte . Ein Blick auf jene üppige , in Liebe und Sehnsucht hinsterbende Gestalt , fesselte ihn noch mehrere Augenblicke . Die großen , blauen Augen , senkten sich keusch und verschämt unter dunkle Wimpern , indeß Mund und Wangen von seinen Küssen glüheten . Einzelne Löckchen quollen aus dem purpurnen Netz hervor , das den reichen Schmuck gefesselt hielt , und schienen mit den zarten Gliedern zu kosen , die durchsichtig und klar im rosigen Hauche der Liebe wogten . Als wage sie nicht , sich zu regen , so lag sie in sich selbst zurück gezogen , unbeweglich , und doch voll innern , unendlichen Lebens vor ihm da . Doch plötzlich sank sie unter einem Strom von Thränen zu seinen Füßen , sich fest an ihn schmiegend , rief sie : nicht wahr , nun verstößt du mich nicht , nun kannst du dich nie wieder von mir losreißen ! Aline , Aline , sagte Rodrich bewegt , wenn du nicht willst , daß ich sterben soll , so sieh mich so nicht an ! Du fühlst ja wohl , wie ich ewig dein bin ! Ihre kleinen Händchen lagen gefaltet in den seinigen ; Engel , rief er , sie noch einmal küssend , und flog zur Thür hinaus . Er konnte sich den ganzen Tag über von dem lieblichen Bilde nicht losmachen , alle seine Sinne nahm es gefangen , und trieb ihn im Zauber der Erinnerung halb träumend umher . Zufällig traf er auf einem einsamen Spazierritt Stephano , der zum erstenmal die frische Luft , mit wieder auflebenden , gesunden Sinnen begrüßte . Sie trabten eine Zeitlang schweigend neben einander her , Rodrich fühlte sich verlegen , gestört , sie waren lange nicht so allein gewesen , wovon sollte er überdies jetzt reden , wenn es nicht das Eine betraf , was seine ganze Seele erfüllte , und wer konnte und durfte hier sein Entzücken theilen ! - Daß wir in kurzem Frieden haben , und in Gottes Nahmen zu Hause gehen , weißt du wohl schon , hob endlich Stephano an . Rodrich erinnerte sich davon gehört zu haben . Ja , ja , sagte jener auf ' s neue , das ist nun auch wieder vorbei ! Vorbei ? fragte Rodrich , der in diesem Augenblick nicht recht wußte , wohin dies ziele . Nun ja , erwiederte Stephano , wie überhaupt mit aller geträumten Herrlichkeit der Welt ! Hm ! - sagte Rodrich nachlässig , und schmiegte sich in Gedanken in Alinens Lilienarme , oft ist in den abgefallenen Blüthen ein Saamenkorn verborgen , aus welchem unerwartet ein neues Reis emporschießt . Man muß das kommen lassen , wie es eben will und kann . Stephano betrachtete ihn einen Augenblick , dann sagte er lächelnd , wir haben wohl heute die Rollen vertauscht , du gehst ja recht ergeben und ausgesöhnt , mit dem Schicksale Hand in Hand , ohne daß es , so viel ich weiß , sonderlich viel für dich gethan hätte , denn das Spielchen mit Alinen hält doch wohl nicht über einige Stunden vor ? Rodrichs Blut kochte , er hätte den lästigen Spötter zerreißen können , und dennoch verschmähete er es , die innere Wahrheit zur Schau zu tragen . Er starrte unentschlossen in die öde Gegend und konnte kein Wort hervorbringen . Zwar , sagte Stephano , jenen Unwillen wenig beachtend , hat dich das gute , unbedeutende Kind ganz artig unterhalten , und in dieser Zeit ist jede dürftige Freude willkommen , doch verstehe ich deine Ruhe , ja , dein gleichgültiges , abgeschlossenes Wesen immer noch nicht . Du wirst mich nicht überreden wollen , daß ein paar frische Lippen so große Weltansichten , so vollwichtige Plane weghauchen könnten . Vollwichtige Plane ? wiederholte Rodrich , der in Stephano ' s Annäherung irgend eine Absichtlichkeit vermuthete , ich möchte wissen , wie mein unzusammenhängendes Dasein solche gestattete ! Schlage doch , ich bitte dich , einige elektrische Blitze , die ein unerwarteter Stoß von außen hin und her erzeugt , so hoch nicht an . Wer nicht wenigstens die Richtung des Hafens kennt , der treibt Zeitlebens auf offener See umher . Mir ist der große Anlauf der mehrsten Jünglinge schon tausendmal sehr lächerlich vorgekommen . Meine eignen hohen Weltansichten haben mich lästerlich gefoppt . Manches trat freilich im großen Stil , auf dem Cothurn zu mir hin , allein ich sah die Maske immer noch fallen , und das Pygmäengeschlecht blieb was es war . So , - sagte Stephano , und klopfte seinem Pferde gleichgültig den Hals . Ja , sage mir , fiel Rodrich immer heftiger ein , fandest du nicht in allem , was sich so groß ankündigte , Verworrenheit der Begriffe , geschraubtes , vornehmes Wesen , höchstens gutmüthige Selbsttäuschung , und nirgend herzliches , ehrliches Wollen , wie es ein gesunder Sinn fodert ? Dies bewußtlose , tiefe Gefühl , was vor sich selber so gar nichts seyn will , und überall den Ton anschlägt , den es treffen muß ; wo , ich bitte dich , wo fandest du dies , wo den kindlichen Menschen , den nicht irgend ein Schulsystem , oder flache Verstandes-Konsequenz zu seinem eignen Narren machte . Warum , sagte Stephano kalt , bliebst du nicht in der Kinderstube , wenn du mit Kindern leben wolltest ? O , täusche dich nicht , unterbrach ihn Rodrich schnell , als wenn du überall bei Kindern den kindlichen Sinn fändest . Das , was ich so nenne , das rein Menschliche , die Empfindung , die mit unnachahmlicher Anmuth , Wort , That und Geberde wird , kurz , dies freie , kunstlose Bewegen von Innen nach Außen , dies offenbart sich in sehr wenigen Gemüthern , und wo es ist , da behauptet es sich auch durch ein ganzes Leben , es widersteht den Formen , und gehört eben darum keinem Zeitmomente an . Der stille Bach , sagte Stephano , der flach und spielend über weißen Sand rinnt , ergötzt freilich dann und wann unser Auge . Du stehst davor , und vergißt das tiefe , gewaltige Meer , mit seinen Brandungen und schäumenden Wogen . Nun , es wird auch wieder anders werden , wie so vieles im Laufe deiner Gefühle und Ansichten . Rodrich unterdrückte unwillig die beschämende Wahrheit dieser Worte , in der inneren Verlegenheit riß er heftig an einem überhangenden Ulmenzweig , unter welchem er eben hinritt . Bei der schnellen Bewegung streifte sich Miranda ' s Ring vom Finger , und rollte weit hin auf den trocknen Boden . Ehe ihn seine Blicke noch trafen , hatte ihn Stephano mit vieler Gewandheit auf die Spitze des Degens aufgefangen , indem er lachend sagte : ist das auch so ein verschollnes Andenken , das sich fliehend noch einmal meldet ? Rodrich war , als führe eine eiskalte Hand über sein Herz , er hatte nicht den Muth , irgend einen Gedanken festzuhalten . Mit sichtlicher Verwirrung nahm er den Ring , und ließ ihn gedankenlos zwischen seinen Fingern spielen . Du siehst ja heute gewaltig schwerfällig in den unbedeutendsten Scherz , sagte Stephano nach einer Weile . Ich merke wohl , wo das hinaus will . Die Welt ging an dir , wie die Bilder eines optischen Kastens vorüber , du stehst am Ende , wie zu Anfang , in der engen , dunkeln Stube , und läßest die übersättigten Blicke auf alltäglichen Umgebungen ausruhen ; nun Gott befohlen , über kurz oder lang , fährst du wohl einmal wieder wie die Flamme durch das niedre Dach , und kämpfst mit den Elementen . Für jetzt laß dir wohl seyn . Mit diesen Worten wandte er sein Pferd , und ritt einen andern Weg . Lächerlich , sagte Rodrich , halb trotzig halb verlegen , steckte den Ring an den Finger und eilte bei Alinen jede lästige Störung zu vergessen . Das holde Kind empfing ihn mit einer wehmüthigen Innigkeit , die sein ganzes Wesen durchdrang . Er hatte nie etwas Reizenderes gesehen , als jenen Streit zarter Schaam und wachsender Zärtlichkeit , in welchem sie sichtlich gefangen war . In heiliger , hingebender Selbstverläugnung , ruheten ihre Blicke auf den seinen , einzelne Thränen rannen ihr selbst unbewußt , über die frischen Wangen , ihre Stimme zerrann fast in leisen Bebungen , die wie abgerißne Töne einer Harfe die innern Akkorde bewegter Natur offenbaren . Der Geistliche war indeß bei seinem Eintritt zum erstenmale mürrisch an ihm vorüber gegangen , und hatte die Mutter in einer ähnlichen Stimmung zurück gelassen . Es ist Friede , sagte diese endlich , ihr augenblickliches Schweigen mit losbrechender Redseligkeit ersetzend ; nun , lieber Gott ! ich freue mich gewiß von ganzer Seele darüber , aber sagen werde ich doch wohl dürfen , daß es nun recht todt und weitläuftig in unserem Häuschen seyn wird , und daß wir uns alle ungern von so lieben Gästen trennen . Was liegt denn darin Gottloses und Sündliches ? Meine Klagen werden überdies nichts ändern , und was man einmal recht aus Herzensgrunde fühlt , das kann man auch ohne Schaam vor aller Welt bekennen . Und , lieber Gott , jeder hat seine Weise , muß man denn gleich in so anzüglichen Worten die Meinung Andrer bestreiten . Ich will wahrhaftig nicht Hader und Zwietracht unter die Menschen säen , und wie der Bruder meint , thörichte Wünsche durch das allgemeine Verderben befriedigen . Ich bin nicht hoffärtig und stolz , ich wirthschafte in De- und Wehmuth , und halte das bischen Armuth zusammen , aber ich will andre Gesichter sehen , und andre Begebenheiten erleben , als die ich nun seit drei Jahren , Tag ein , Tag aus in den trübseligen Legenden und Märtyrergeschichten zu Gesicht bekomme . So manchmal ist die Selbstverläugnung und Ergebung der heiligen Männer wohl recht tröstlich , und man sieht und fühlt , wie alles Irdische weicht , aber die Welt ist doch kein offnes Grab , und das blühende Kind da , soll mir doch nicht immer wie in ein Leichentuch gehüllt erscheinen . Er hat gut reden , er steht allein , von ihm geht kein neues Leben aus , wie er altert und welkt , so erbleicht auch alles um ihn her , ihn zieht nichts in die frische Jugend zurück . Im Grunde ist er zu bedauern , solch ein Mann , der niemals liebte , wird am Ende so schroff , allen Weltfreuden abgestorben , daß man sich nicht mehr eines gesunden Appetits und Schlafs von ihm erfreuen darf . Hier trat der Bruder unvermuthet herein , und der breite Strom der Rede stockte plötzlich . Aline , hob er nach einer Weile an , stelle nur die nächtlichen Wanderungen zur Kapelle ein , Menschen oder Geister duldeten es so wohl nicht , du mußtest wahrscheinlich entfliehen , denn ich fand am Eingange dies Kettchen mit Benedikts Locke , und die Perlenschnur aus deinem Haar , so etwas giebt ärgerliche Gerüchte . Aline nahm zitternd die zerbrochene Kristal-Kapsel aus seiner Hand , während die Mutter mit unsichrer Stimme sagte : nun , Beten ist doch keine Sünde ? Wenn es aus reinem Herzen zu Gott und seinen Heiligen dringt , erwiederte der Geistliche , sicher nicht , wenn aber irdische Wünsche die Gott geweihete Stätte beflecken , dann ist es dem Herrn ein Gräuel . Ich bitte dich , Aline , flüsterte Rodrich dem weinenden Mädchen zu , fasse dich doch jetzt nur , und suche den keimenden Argwohn durch ein ruhiges Betragen zu ersticken . Warum ? sagte sie matt und ergeben , Gott und Benedikt kennen mein Unrecht , mögen es die Menschen denn auch wissen . Ach , Mutter , Mutter ! rief sie aus gepreßter Brust , ich bin sehr unglücklich ! Der Geistliche trat gerührt zu ihr hin , legte die Hand auf ihre Stirn , und sagte , Gott giebt uns allen Frieden . In dem reinen Herzen der Mutter stieg eine trübe Ahnung aus , sie blickte fragend umher , aller Augen senkten sich , Rodrich strebte vergebens untheilnehmend und ruhig zu erscheinen , er fiel auf ' s neue aus allen seinen Himmeln , in die fest gestaltete , nothwendige Ordnung der Dinge , die ihn mit allen Quaalen peinigender Gegenwart gefangen hielt . Zagend stand er neben Alinen , deren trübes Auge schmerzlich aus den alten geliebten Umgebungen ruhete , als sagten sie ihr , nun werden unzählige Thränen hier fließen , und wir alle werden unbeachtet vergehen . Er fühlte , daß ein Wort die inneren Zweifel lösen , und Glück und Ruhe verbreiten könne , aber dies eine Wort drang nicht über die widerstrebenden Lippen . Indem trat Stephano herein , mehrere Briefe in der Hand haltend , von welchen er Rodrich zwei gab , und sich dann , die übrigen zu lesen , in eine Ecke des Zimmers niederließ . Rodrich erkannte sogleich Florio ' s Hand , er öffnete schnell das Siegel , und las , um sich selbst allen zweifelhaften Regungen zu entziehen , begierig folgende Worte : » Der Tod , lieber Rodrich , ist nun wirklich an uns vorüber gegangen , und hat Rosalien entführt . Seitdem ist mir unaufhörlich , als schritte er auf mich zu , und spottete meiner Wünsche und Hoffnungen . Alles um mich her erscheint mir so schattenartig und vergänglich , und was ich sage und thue , es gemahnt mich wie ein Spiel . Der rechte Ernst lauert doch nur im Hinterhalte , und macht zuletzt allen Träumen ein Ende . Dies ist gewiß nicht die rechte Ansicht des Lebens . Der gesunde Sinn greift frisch in die Kette ein , und fühlt , daß sie sich ewig ununterbrochen fortschlingt . Ich muß auch wohl krank seyn , denn niemand außer mir ist so ergriffen , selbst Ludowiko kehrte vor einigen Tagen ruhig , ja erleichtert zu den Seinigen zurück . Es war , als habe er dem Schmerz , wie allen innigern Gefühlen einen gewissen Tribut zollen müssen , dessen letzter Rest mit Rosaliens Leib in die kalte Erde verschüttet ward . Ach , Rodrich ! Rodrich ! ich würde glauben , die meisten Menschen seien leblose Instrumente , über welche die Hand des Schicksals hinfährt , und ihnen von Zeit zu Zeit einen Ton entlockt , der eine Weile fortrauscht , und dann in das innere Nichts verhallt , aber sind wir denn anders ? und wühlt die Welt nicht mit tausend Händen in den Saiten unsers Herzens , und schlägt eine nach der andern an , ohne daß wir es selbst ahnen ? Sonderbar war es , daß Rosalie ganz verständig unter höchst einfachen , ja ich möchte sagen , kalten Betrachtungen verschied . Ludowiko ' s Bild schien immer mehr von ihr zu weichen , sie nannte ihn wenig , und gab sich mit sichtlichem Behagen der wiederkehrenden Stille ihres Gemüthes hin . Der Gelehrte , der vor einigen Tagen bei Seraphinen war , meinte : Rosalie sey ihm unendlich heftig , aber nicht gefühlvoll erschienen . Dieser Mangel an Tiefe , und eine große Phantasielosigkeit habe so lange mit dem Streben , sich einen höhern , ungewöhnlichen Schwung zu geben , gerungen , bis sie dies über sich selbst hinaus , zwischen frostigen Verzerrungen , zum Wahnsinne hingetrieben habe . Nichts , setzte er hinzu , ist so gefährlich , als wenn der blos reizbare , wenig schöpferische Sinn , äußere Bilder für die seinigen aufnimmt , und sich aus die Art in eine ganz fremde Welt verirrt . Ludowiko , sagte er , sey vollends ein kalter Geck , der sich in jeder Kappe gefalle . Dies letzte that mir wehe . Ich hatte ihn doch so wahr und innig gesehen , seine Thränen waren in mein Herz gefallen , so bemächtigt sich der bloße Schein nicht der Seele eines Andern . Es mag wohl seyn , daß man Erscheinungen und Motife richtig aufstellen , und Eines durch das Andere entwickeln könne , allein im Menschen ist noch vieles , was sich so nicht auffassen läßt , und was gleichwohl alles verändert . Man sage immer , die Liebe sey blind , ich glaube es nicht . Sie bindet nur das Einzelne zum Ganzen , und füllt die Lücken , die der Verstand mühsam gräbt . Daher spreche ich auch lieber mit Seraphinen über die letzten Vorfälle . Die Frauen sind milder , bei ihnen herrscht das Gefühl , und wenn sie auch oft ohne Grund lieben und hassen , so wird ihnen doch der Mensch nie zu einem bloßen Rechenexempel , das sich nach gewissen Regeln auflösen läßt . Ich dachte jetzt recht ungestört in dieser Einsamkeit deine Rückkehr zu erwarten , allein es hat sich auf ' s neue alles geändert . Vor einigen Tagen trat der Ritter ganz unerwartet mit einer hübschen jungen Frau bei uns ein . Rosaliens Tod war ihm noch fremd , er glaubte , sie durch die glückliche Wendung seines Schicksals freudig zu überraschen , und eine milde Freundin in ihr zu gewinnen . Es war uns unendlich peinlich , ihn in diesem Irrthum zu wissen . Der Gräfin gebrach es fast an Muth , ihm die Wahrheit zu gestehen . Das Lächeln eines Menschen , dem der ungekannte Schmerz so nahe steht , hat etwas überaus Rührendes . Indeß entging ihm unsere Verlegenheit nicht , und er drang uns bald das Geständniß seines Unglücks ab . Du kannst denken , wie sehr es ihn erschütterte . Doch gelang es der schönen , blühenden Gattin , ihn nach und nach zu beruhigen . Jetzt weint er wohl noch an Rosaliens Grabe , und bringt manche Stunde dort zu , allein er willigt dennoch ein , in wenigen Tagen nach der Stadt zu gehen , wohin Seraphine ihm folgt . Diese findet Geschmack an ihrer jungen Nichte , und freut sich , durch irgend ein Familienband auf ' s neue an die Welt geknüpft zu seyn . Ich sollte sie begleiten , Alexis drang deshalb in mich , er ist liebenswerth und offen , und erwiederte meine Theilnahme mit der kindlichsten Innigkeit , allein ich fühle mich doch losgerissen in diesem geschloßnen Kreise . Halte mich nicht für eitel und anmaßend , wenn ich dir gestehe , daß mir dies freundliche Dulden , die ehrenwerthe Anhänglichkeit gutmüthiger Menschen , nicht genügt , daß ich es schmerzlich fühle , für niemand eigentlicher Zweck des Lebens zu seyn