erstenmale an den Tisch des Herrn gegangen , und nun , wie kniete ich hier , es war , als wollte die hohe Kirche über mich hinstürzen und mich begraben . Ich betete mit Inbrunst zur heiligen Jungfrau , plötzlich hörte ich ein Geräusch innerhalb der Kirche , ich zitterte , die ungeheure Türe öffnete sich mit einem donnernden , traurigen Tone , und ich zuckte tief auf . Es war ein Mesner , er bemerkte mich nicht und ging seinen Weg fort . Cecilie war durch das Geräusch erwacht , sie weinte , ihre Stimme drang jammernd durch die Nacht , und kehrte in vielfachem Echo von den Säulen der Kirche mit tausendfach schneidenden Dolchen in mein Herz . Ich setzte mich nieder , lehnte den Kopf an die kalten Steine , und reichte meinem armen Kinde die Brust . Ich bemerkte eine Laterne , die sich gegen mich bewegte . Die Alte mußte befürchtet haben , es sei mir etwas zugestoßen , weil ich so lange ausblieb ; sie suchte mich daher , und Ceciliens Stimme brachte sie zu mir . Nachdem sie mich ausgeschmäht hatte , so in der Nacht dazusitzen und zärtliche Gedanken zu haben , wie sie sich ausdrückte , brachte sie mich zu sich , wo ich hierauf noch einige Monate lebte . Die Alte nährte sich von einem kleinen geistlichen Handel mit Reliquien und geweihten Wachskerzen , auch machte sie von Wachs alle Gliedmaßen des menschlichen Körpers , welche fromme Leute kauften , um sie den wundertätigen Bildern zu opfern , wenn sie an irgend einem Gliede ein Gebrechen oder böses hartnäckiges Übel hatten . Ich arbeitete fleißig mit , aber wir konnten uns doch nur kümmerlich ernähren . Mein Kummer stieg täglich und meine Gesundheit sank immer mehr , die Einsamkeit machte mich mit den fürchterlichsten Gedanken vertraut . Mein altes Mütterchen kam erst spät abends nach Hause , und ich saß den ganzen Tag verzweifelnd in einer kleinen dunkeln Stube , Cecilie lag kränklich in meinem Schoße , und das Bild ihres Vaters hing über meinem Herzen wie ein ewiger Vorwurf . So saß ich an einem von den vielen langen , langen Tagen abends ohne Licht , und wartete auf die Alte , die mir manchmal etwas aus der Stadt erzählte , wenn sie zurückkam . Heute blieb sie länger als gewöhnlich , der Mond blickte schon herein , und ich hatte Cecilien schon zum Schlafen hingelegt . Ich saß und brütete über meinem Elende , das mit helleren Farben als je vor mich trat : wenn nun die Alte stürbe , wenn sie ausbliebe , was würdest du anfangen , dachte ich , du müßtest mit deinem Kinde betteln . Dieses Gefühl durchdrang mich mit all seiner Schmach , es war mir schon , als würde die Alte nicht wiederkommen , mein Gram ließ sich nicht mehr denken , ich sank in die dunkelste , tiefste Bewußtlosigkeit meines ganzen Zustands , und es war mir , als würde mir es wohler , als mischte sich ein banger , heiliger Leichtsinn in meine Geschichte , starr und kalt standen einzelne Gedanken in meinem Kopfe , und eine Menge wunderbare nackte Gestalten gaukelten weinend und lachend mit einer fürchterlich süßen Trunkenheit vor meinen Augen . Ich riß mein Kind aus der Wiege , entkleidete es und bedeckte es mit heißen Tränen und Küssen , und alles das mit einem bangen Gefühl von Unrecht und Verbrechen . Das Kind weinte nicht , es lächelte und bewegte sich freundlich , als spielte ich mit ihm , ich zitterte dabei am ganzen Körper , und mein Zustand war dem Wahnsinn nah . Ich hörte die Türe gehen und erwartete die Alte , aber es näherte sich ein fremder Schritt meiner Stube , und eine Person , in einen Mantel gehüllt , trat herein . Ich hielt sie anfangs für einen Mann und erschrak vor der Idee , es möge ein junger Wollüstling sein , der mir Hülfe um das höchste Elend bringen wollte . Ich hatte diese Erniedrigung schon einigemal ertragen . Aber ihre Stimme flößte mir Mut und Vertrauen ein , ich erkannte ein edles Weib in der Unbekannten , die mir und Cecilien helfen wollte . Sie trat an das Fenster und nahm mein Kind in die Arme , ich war wunderbar durch ihr ganzes Betragen gerührt , und als die Alte mit einem Lichte hereintrat , sanken wir uns in die Arme ; es war Ihre Mutter und ich , Antonio ! die sich erkannten . Sie verließ mich bald darauf , um mich völlig abzuholen . Als sie weg war , erzählte mir die Alte , warum sie so lange ausgeblieben , und wie sie die Dame gefunden habe . Sie hatte weniger als je verkauft , saß ängstlich hinter dem Tischchen mit bunten Lichtern , Rosenkränzen und Reliquien , es war schon dunkel , die Leute verließen die Vesper , und kein Mensch wollte ein Lichtchen kaufen ; endlich kam noch eine Dame aus der Kirche , und als sie sie sehr dringend bat , sie möge ihr doch etwas zu verdienen geben , weil sie eine gar feine Dame mit ihrem Töchterchen , die ins Elend gekommen , zu ernähren habe , so hätte sich die fromme Frau erbarmt , hätte sie mit nach Hause genommen und wäre dann so verkleidet mit ihr hierher gegangen . Den folgenden Morgen kam Ihre Mutter mit einem Wagen , mich aus der Wohnung der Alten abzuholen , die ich nicht ohne Tränen verließ . Emilie bezahlte sie reichlich für das Gute , das sie an mir und meinem Kinde getan hatte , und verschaffte ihr die Stelle einer Pförtnerin in einem Kloster , dem eine Freundin von ihr als Äbtissin vorstand . Ihre edle Mutter berührte mein Unglück mit keinem Worte mehr , und begehrte keine Bedingung , als die Befolgung ihres Willens ; denn , sagte sie , liebe Julie , du kannst in deiner Lage keinen Entschluß fassen , du bist zu sehr durch Reue zerstört , und könntest leicht eine Menschenfeindin werden , weil die andern dich für geringer halten als sich selbst , und du dich für mißhandelt . Sie versorgte mich mit allem Nötigen , und brachte mich in die Gesellschaft zweier Menschen , deren Gesellschaft mir eine immerwährende Darstellung der Gesetze war , die ich übertreten hatte . Vassi , ein Maler , und Bettina , eine Jüdin , liebten sich von der frühsten Jugend an , und da sie die große Trennung ihrer Religion an einer engern Verbindung verhinderte , so lebten sie schon zwanzig Jahre in der reinsten Seelenverbindung . Diesen beiden vortrefflichen Menschen ward ich zur Gesellschafterin gegeben , und sie nahmen sich meiner und Ceciliens wie Eltern an . Als Cecilie sechs Jahre alt war , kam sie nach Ancona zu Ihrer Tante , und nachher zu Ihrer vortrefflichen Mutter im vierzehnten Jahre , und jetzt - jetzt bin ich an der Stelle , wo mein Kind aufblühte , wo meine Emilie starb an der Seite ihres Sohnes , meines Freundes . « - - Da mein Vater nach dem Tode meiner Mutter , um sich zu zerstreuen , nach Rom gereist war , hatte er sie kennen gelernt , und sie gefiel ihm . Sie wußte wohl , daß sie ihm nicht sagen durfte , daß sie Ceciliens Mutter sei . Er sprach oft von dem Tode seiner Gemahlin mit ihr , und da er nicht wußte , daß sie dann um ihre größte Freundin weinte , hielt er diese Tränen bloß für eine Folge ihrer Neigung zu ihm . Dies fesselte ihn immer mehr an sie ; er hatte wenig Gründe gegen den Vorschlag , ein junges Weib zu nehmen , und setzte seine Bewerbung mit ununterbrochnem Eifer fort . Julien lag in dieser Verbindung , selbst in der Unannehmlichkeit seines Alters und Charakters , ein schwärmerischer Reiz der Entsagung . Sie wußte , daß er gesagt hatte , da Emilie ihm Cecilien als ihre Tochter vorstellte , daß er ihr Vater nicht werden werde ; nun konnte sie ihn zwingen , ihres Kindes Vater zu werden . » Der Gedanke , « sagte sie zu mir , » auf die Stelle zu treten , wo meine Freundin stand , alles das zu leiden , was sie erduldet hatte , hatte einen sonderbaren Reiz für mich . Es war mir , als könnte ich mich in die Form und Gestalt eines bessern Wesens , als ich selbst war , einschleichen , um auf mich zurückschauen und meiner Gebrechen lachen zu können . Ich habe Cecilien nicht mehr gefunden , ich trete in eine aufgelöste Familie , Sie sind der einzige , letzte Zweig , der Rechte auf mich hat , so nehmen Sie denn meine heilige Versicherung , daß mein Eintritt in dieses Haus keinen Zweck hat , als Ihnen ein Herz voll Dank , voll Freundschaft näherzubringen , als in diesen toten verödeten Mauren Ihnen das Leben wieder in einem zärtlichen vertrauten Umgange zu entzünden . O , wir sind leider durch die fremde Macht des gewaltigen Geschicks verbunden , alle unsre Lieben haben wir verloren , unsre Vergangenheit ist ein Grab aller unsrer Freuden der Gegenwart und der Zukunft geworden . Die Gegenwart , Antonio , sie ist zu enge , wir müssen sie zersprengen , wir müssen ineinander alle Zeit zerstören , wir müssen uns lieben . Es umschwebt uns dann das Bild der Mutter und Ceciliens , und ziehet unser Leben in leiser Sehnsucht hinüber zu sich . « - - Sie weinte , meine Arme umschlangen das edle Weib , ich glaubte meine verlornen Freuden alle wiedergefunden an mein Herz zu drücken - » O , so habe ich alles gefunden ! « - rief ich aus , und mein Vater trat herein . Julie blieb ohnmächtig in meinen Armen . Der Schrecken benahm mir die Sprache , mein Vater drückte nur eine Minute den verzweifelnden Zustand seiner Seele in einem glühenden Blicke aus , und stürzte zu Boden . Wir kamen ihm zu Hülfe , aber es war zu spät , der Schlag hatte ihn gerührt . Er mußte geglaubt haben , ich sei der Verführer seines Weibes gewesen , seine Eifersucht kannte keine Grenze . Sein alter schwacher Körper konnte den Sturm des Verdachts der Wahrscheinlichkeit und der Überzeugung des unvermutetsten Betrugs nicht in derselben Minute ertragen , und unterlag . Lange nachher noch wagten Julie und ich nicht , sich gegenseitig zu nähern , sein Tod war gleichsam zwischen unsre Umarmung gefallen , und hatte uns gewaltsam auseinander geschleudert . So unschuldig wir auch waren , so schreckte uns doch der Gedanke auseinander , daß er die Welt mit dem Verdacht der schändlichsten Verräterei von uns verließ . Wir näherten uns furchtsam und konnten nur nach und nach die stumme Betrachtung dieses Zufalls durch Blicke und einzelne wenige Worte unterbrechen . In dieses Dunkel , das kaum zur Dämmerung übergegangen war , warfen Sie , lieber Freund ! durch Ihre Nachricht von Franzescos Leben ein fröhliches , helles Licht . Verzeihen Sie daher die Unordnung und Unbestimmtheit , die diesen Brief begleiten könnte . Es ist so lange her , daß ich der Freude entbehrte , daß mir wohl ihre Sprache etwas ungeläufig ward . Meinem Bruder werden ich und die Mutter seines Weibes mit offnen Armen entgegenkommen . Sein Vermögen blieb ihm unversehrt , mein Vater ist ohne Testament gestorben . Er soll kommen und mit mir teilen , was auch ihm gehört , und in Ruhe seine Tage beschließen . Ich kann kaum die Zeit erwarten , ihn an mein Herz zu schließen . Ob ich ihn wohl noch kennen werde ? - Lassen Sie ihn doch malen , und schicken Sie mir sein Bild , bis ich ihn selbst mit seinem Bilde vergleichen kann , das fest , unauslöschlich in meinem Herzen steht . Wenn Sie können , ohne ihm weh zu tun , so suchen Sie doch einiges von dem wahren Schicksale seines Weibes zu erfahren , damit ich Julien etwas über ihre Tochter sagen kann . Leben Sie wohl , antworten Sie bald , denken Sie , daß Sie das Glück zweier Menschen dadurch vermehren , die so lange unglücklich waren , und deren besseres Geschick Ihr erster Brief begründete . Römer an Godwi Ich habe eine ganze Reihe von Briefen von dir , und wenn ich sie beantworten wollte , was könnte ich sagen ? Können wir beide uns etwas sagen ? da keiner feststeht , da ein jeder getrieben wird . Wir können höchstens einer dem andern das Eigne zeigen und vertauschen ; aber uns erfüllen können wir nicht , ich kann dir nicht geben , was dir fehlt , und du mir nicht , denn der Streit ist mit einem jeden losgebrochen , und jeder hat nur mit dem Seinigen zu tun . Unsre Seelen treibt eine seltsame Laune des Geschicks ; wohl uns , daß ein Punkt in unsern Herzen ist , wo wir uns beide ewig wiederfinden , die Freundschaft , denn im Äußern sind wir für einander verloren . Unsre Briefe können sich nicht mehr beantworten , denn wo du glühst , starre ich , und bin ich nur erwärmt , so schmilzst du schon . Dies war gerade der Fall bei deinem ersten Briefe von Reinhardstein , in dem du gar nicht aus dir selbst kömmst ; du tappst in deinem Herzen herum , daß es mir oft ein Jammer ist , und zertrittst eine Blume nach der andern . Ich habe nie einen Brief gesehen , in dem ein solcher Gefühlswechsel des Schreibers hervorleuchtete , und dies ist mir um so sonderbarer , da du meistens vergangene Dinge erzählst , die dich hinrissen , als sie geschahen , denn sie geschahen alle nur , insofern sie dich hinrissen , die dich aber nicht mehr hinreißen mußten , wenn du sie nochmals vor den Augen eines Freundes erschaffst ; oder ist es die Illusion der Darstellung , die mir manchmal für deine Nerven ein wenig bange macht . Doch laß das gut sein ; ich weiß nicht warum , aber ich hoffe das Beste für dich . Die Folge deiner Bekanntschaften und deiner Briefe machen mir eine vollkommene Krise wahrscheinlich . Von dem Landhause einer Engländerin in die Burg eines Landedelmanns , von da zu einer Ruine , zu einem Einsiedler ; ist das nicht der Lauf der Zeit ? So auch deine Briefe : der erste tatendürstend , Molly ; der zweite küssedürstend , Joduno ; der dritte tränendürstend , Otilie ; und alle die folgenden ruhedürstend und voller Heimgehenwollen in die Natur . Du schläfst , lieber Godwi , einen ruhelosen Schlaf des Lebens , schwere Träume ängstigen dich , bei deinem Erwachen wird dir es leer und müde sein ; aber nicht wieder einschlafen , um Gottes willen nicht ! Tilie ist ein Mädchen , über die ich nicht urteilen mag oder auch kann . Es ist überhaupt eine krittliche Sache , über deine Weiber zu urteilen , und mein Urteil über Molly ist mir übel bekommen ; aber du kannst das Wesen nicht mit der Ofengabel aus mir heraustreiben , es ist meine Natur , immer etwas über die Leute zu denken , und zwar laut . Tilie nun scheint mir sehr natürlich , und zwar so natürlich , daß sie nach meinen armen Begriffen schon ein wenig ins Übernatürliche geht . Aber dennoch ist sie dir ohnstreitig die beste Gesellschaft und bringt dich sicher in die Wirklichkeit zurück . Es war einmal ein seltsamer Engländer , der über den Verlust seines gewöhnlichen Verstandes , seiner Freuden an der Industrie , der Ökonomie , dem Pferderennen und Hahnengefechte , und seines Geschmacks an Kotzebues Stücken und zuckerbunten Kupferstichen , äußerst melancholisch ward . Er las mit tiefen Schmerzen den phantastischen Shakespeare , und verzweifelte fast darüber , daß er ihm so wohlgefiel ; deswegen verfiel er , wie schicklich , in den Spleen , und war immer in einem dunkeln Zimmer , obschon das Tageslicht und die Mittagssonne zu seinen Füßen schien ; er aber klagte immer über die Dunkelheit , Tag und Nacht war ihm ganz einerlei , er hielt immer den tollen Lear in den Händen , und las Tag und Nacht in ihm , weil er sagte , die Buchstaben glühten . Aus Kotzebues sämtlichen Werken hatte er sich aus Bosheit einen patent-papiermachénen Fußboden , Spuckkasten und Leibstuhl machen lassen , und weinte bittre Tränen über diese verkehrte Überspanntheit . Seine Freunde konnten ihm nicht helfen , bis endlich einer den Einfall bekam , ihm das Haus über dem Kopf anzustecken , und das geschah . Kaum war die Flamme bis zu seiner Stube gekommen , so sagte er , es werde nun Licht , und da alles um ihn her brannte , und ihm die Hitze sehr zu Leibe ging , deklarierte er , daß es Tag sei , und ward wieder gescheit . Das erste , was er tat , war , daß er ein halb Schock Pferde zu Tode ritt , fünfhundert Hahnen tot hetzte , immer in Kotzebueschen Wortspielen sprach , und diesem so lang verkannten Dichter zu Ehren einen Patent-Esel , der vor Apollo tanzt , aus kararischem Patent-Marmor in seinem Park aufrichten ließ , welches Monument der Dichter aus Erkenntlichkeit vor sein bestes Werk in Kupfer stechen ließ . Sieh , so wird es dir auch gehen ; Tilien hältst du für Tageslicht , und sie ist schon Flamme . Wenn sie dich nicht heilt , so bist du unheilbar , denn ihr seid euch völlig entgegengesetzt , und das in den Extremen . Da du nun natürlich einen ewigen Drang fühlen wirst , ihr ähnlich zu werden , ihr aber nie ähnlich werden kannst , so wirst du , um näherzukommen , gerade so weit gehen , als du kannst , bis zum gesunden Menschenverstand . Daß du ihr nicht ähnlich werden kannst , verstehe ich so : sie ist mehr als natürlich , denn sie ist auf eine gewisse Weise unterrichtet , und ich möchte sagen , sie sei eine weise Frau in einem früheren Leben , und sei in die Jugend dieses Lebens herübergewachsen . Sie ist gleichsam für mich ungeboren . Da nun meine Stufenreihe folgendermaßen geht : Natur - Bildung - Überbildung oder Tod - und alles immer vorwärtsschreitet , so kannst du ihr nicht ähnlich werden , weil du mit dem Tode aufhören müßtest ; du wirst es also bei der Bildung stehen lassen , weil du von der Überbildung nicht vorwärts , und nur bis zur Bildung zurück kannst ; zur Natur kannst du schon nicht mehr , weil die Bildung die Natur aufhob , du mußt platterdings auf der Bildung stehen bleiben , oder sterben , was du mit deiner Lebensfähigkeit nur bis zum Wunsche bringen wirst . Ich wünsche dir also viel Glück zur Bildung . Sie wird dich sanft aus deinem Ideenparadies hinausführen du sagtest ja von ihr : » So trat der Engel von Gott gesandt ins Paradies « - Du im höchsten Grade zusammengesetzt , sie von Grund aus einfach - du stürmend und glühend wie Sirocko , sie sanft und warm wie West - du schmelzend und glühend wie Lava , sie biegsam und zart wie Wachs - du aus der Welt in ihr Leben hineinträumend , sie aus ihrem Dasein in deine Welt hineinstaunend - Gleich , lieber Junge , wird sie dich nicht lieben , aber vielleicht noch einstens , und das sehr innig . Du bist ihr jetzt eine Masque , die sie blendet und reizt , und wenn du bescheiden einen Flitter nach dem andern von deinem Wesen zu ihren Füßen gelegt hast , wenn sie naiv und neugierig einen Flitter nach dem andern von dir gelöset hat - ? Dann wird sie dich lieben , weil wir alles lieben , was wir bildeten ; und wenn es unser erstes Werk ist , und noch dazu ein gutes , o so wird es die erste Liebe und die letzte . Ich fühle , daß Tilie voll von dem Triebe ist , etwas zu bilden , denn ihre Grundsätze sind hiervon schon ein Beweis ; sie sind eine seltsame Moral , die sie sich selbst erschaffen hat , und die bei ihrem einzelnen Leben so trostreich und passend ist , als eine allgemeine für unsre Gesellschaft so selten hinreicht und alle Lücken mit gutem Ton , Freigeisterei und Galanterie verstopfen muß . - Das Haus , in dem ich lebe , ist hiervon ein auffallender Beweis , und du sollst die Leute auch kennen lernen , wenn ich sie ganz kenne . Lebe wohl , man ruft mich irgend wohin , wo es allerliebst und wenig mehr ist ; sei versichert , daß ich in dieser folgenden Stunde gar nicht an dich denke , und halte daher meine Versicherung recht lieb und warm , daß ich ewig bin dein Römer Römer an Godwi Mein voriger Brief und mein vorletzter scheinen dir wohl nicht recht innig zu sein . Du wirst glauben , ich sei schon wieder ganz klug geworden , und doch ist es nicht so . Die sogenannte Türkin ist noch immer der Gedanke , der mich beherrscht , wenn ich Zeit habe , von irgend einem beherrscht zu werden . Aber dies ist hier im Hause schwer , man kann und darf hier fast nichts , als auf seiner Hut sein und seinen Kopf auf dem rechten Fleck haben . Soeben bekomme ich einen Brief von deinem Vater . Ich bin meiner sogenannten Geschäftsreise entledigt , und darf noch ein paar Monate ausbleiben und so fröhlich sein , als mein Aufenthalt mich machen kann . Du wirst dich aus meinem zweiten Briefe des Fremden erinnern , der zu deinem Vater kam ; er versieht alle meine Geschäfte und ist völlig genesen . Ich schrieb dir , daß er immer in deines Vaters heimlichen Kabinette ist ; nun bin ich noch begieriger , was dies Zimmerchen wohl verbirgt , denn dein Vater schreibt vermutlich in der Vergessenheit , daß ich nichts davon weiß : » Ja , es ist mir lieb , einige Zeit mit dem Manne allein zu sein , der mich durch seine Arbeit in meinem Kabinette so glücklich gemacht ; er hat mein Innerstes aufgedeckt , und zarter verhüllt , als ich es je konnte . « Auch nach dir fragt er : » Wo ist mein Sohn , wissen Sie von ihm ? Ich suche - seine Freundschaft , o daß ich - « Hier brach er ab , Gott weiß , was der Gedankenstrich und das Kabinett verstecken . Du solltest ihm doch schreiben , er glaubt dich beinahe schon auf dem Kapitol in Rom , und erwartet wohl Antiken von dir , und du sitzest fest für die Ewigkeit auf dem Reinhardstein , und könntest ihm zur Not einen Eichen- oder Epheukranz schicken . Dein Vater kennt dich nicht , gar nicht , und wenn du so fort in dir revolutionierst , so wirst du vielleicht um den Zirkel der Bildung herumgereist auf seinem Punkte stehn , wenn er unter der Erde ist . Höre , da fällt mir etwas ein , womit ich dich ärgern will : Gestern abend las man hier im Hause den Brief des einen abwesenden Bruders vor , der dir sehr ähnlich zu sein scheint ; den Brief hättest du auch schreiben können . Die Frage an den Bruder war : » Was willst du denn endlich werden ? « Die Antwort : » Ein Mensch . « Weiter : » Du bist extravagant « - Die Antwort : » O du armer Bruder , du weißt nicht , was du sprichst ; einstens wünschtest du , ich möge selbstständig sein , und da haben wir es , ihr Leute könnt nie etwas ganz sein , ihr könnt in nichts die Vollendung ; da ich nun selbstständig bin , versteht ihr mich nicht mehr , weil ihr mit eurer Selbstständigkeit nicht die Selbstverständigkeit verbindet . - Du hast damals gemeint , ich sollte standselbstig sein , und auch das bin ich so , wie ich bin , denn ich bin mein Stand selbst , weil das Ich selbst allein mein Stand ist , und ich nicht im Stande bin , in irgend einem andern Stande zu sein . Ihr aber seid nicht in eurem Stande , noch auf eurem Standpunkte , sondern euer Stand ist in euch , und euer Standpunkt auf euch , so daß ihr übel steht , und euer Stand gut , denn er läßt euch keinen Platz in Herz und Kopf , und hat euch unter den Füßen . Was die Extravaganz angeht , hast du dich auch verschrieben , - o wäre ich ein wenig extravagant , so wäre ich nicht allein intravagant , so ging ich nicht in mir selbst herum und räumte ängstlich auf . Ihr seid extravagant , denn ihr seid aus euch heraus , in die Kaufmannschaft geschweift , und eure Seelen klettern wie Affen auf Kaffeebäumen herum . « etc. Nun , bist du böse ? Nicht wahr , der Mensch hat recht ? - Lebe wohl , ich muß ins Bureau d ' Esprit der Mademoisell Buttlar . Je , was ist das für ein Bureau ? Nicht viel Kluges , mehr Witziges , keine zwei jungen Pappeln , keine Tilie . Nächstens lernst du die Menschen kennen . Römer Römer an Godwi Ich habe dir versprochen , die Leute zu malen , mit denen ich umgehe ; ich will es , aber es ist schwer . Sie sind alle äußerst verschieden , haben alle einen einzigen auffallenden Zug von Ähnlichkeit , sind alle sehr originell , und doch alle abgeschliffen . Ich möchte die Familie einem Bilde in Mosaik vergleichen , lauter verschiedne Steine , alle glatt auf einer Seite geschliffen , mit vielem Lapislazuli drinne , bringen ein kunstreiches , kuriöses , doch nicht ganz geschmackvolles Ganze heraus . - Vor allem gehe mit mir zu den Weibern . Sie sprechen immer in Rätseln ; du hast es nicht erraten , oder so künstlich erraten , daß du wieder ein Rätsel gemacht hast . Dich ein wenig brüstend , bringst du die Auflösung vor , mehrere fallen über den neuen Knoten her , die Brünette sieht dich dabei an , als wäre es deine Schuldigkeit , einem so geistreichen Mädchen die Sache ein wenig leichter zu machen ; die Blonde löst und löst , und fällt darüber in eine italienische Arie , die sie auch sogleich am Klaviere singt ; die Brünette singt mit , und dein Rätsel ? - du wendest dich gegen eine Ernste hin , die in einem Winkel sitzt und strickt , sie sieht dich mit einem strafenden Blicke an , als hätte sie einen unrechten Gedanken in deiner Seele gelesen . - - Du senkst aus höflichem Bewußtsein deiner Schuld ( die du eigentlich gar nicht kennst ) , deinen Blick von ihrem Auge herab , und verlierst dich in ihren gar nicht ernsten , sehr naiven Busen . Du fühlst nun , daß der strafende , ernste Blick prophetisch und a priori war , auf ihrem sanften lächelnden Munde aber vergaßest du das Beste , es hing ein Ablaßzettel auf ihren Lippen , den solltest du mitnehmen , die Sünde am Busen hineinwickeln , und so das Fleisch am Fasttage verschlucken - Nun , wo ist dein Rätsel ? Nun - unterstehe dich nicht , es wieder aufzuwärmen , das wäre ungezogen ; und hast du nicht genug dafür erhalten ? So geht es hier mit allem , man fängt alles an , aber jedes Bild verliert sich in Schnörkel , und wahrlich , diese Weiber haben alle etwas vom Sirenenwesen , das sich in einen Fischschwanz auflöst . Il faut dorer la pillule , sagt ein witziger Kopf von dem Goldnen Kopf , der das Schild des Hauses ist . Jede Münze gilt hier , auf der ein Kopf steht , und heller ( Kopf ) ist hier soviel wert als alle Pfennige des Römischen Reichs . Unter allem diesem Leben und bunten Durcheinanderwühlen wandelt ein schlankes , sanftes , weißes Bild herum , dessen Geist richtig und ruhig , aber wenig sieht ; dessen Herz wahr , tief , aber kalt fühlt . Sie erscheint unter den andern , und es ist , als sage sie : » Ich bin euch allen gut . « - Sie geht , und es ist , als sage sie : » Mit euch ist es nicht auszuhalten . « - Sie kömmt mit dem Herzen , ihr Geist , der richtig und ruhig sieht , sieht , daß man es nicht aushalten kann ; aber , weil er wenig sieht , sieht er nicht , daß man es wohl aushalten kann , wenn man sie einhalten kann . Von den Stürmen der andern verschlagen , lege ich mich oft vor dieser friedlichen , ruhigen Insel vor Anker , und der kleine Anker von Jaspis , der an ihrem Halse hängt , mit seinen sanft wogenden , tiefen , stillen Gründen , hat sich oft so mit meinen Tauen verstrickt , daß ich kappen mußte , um wegzukommen . In solchen Verlegenheiten kam mir oft unvermutet ein Gedanke so originell , einsam und wunderbar frei , wie ein Robinson aus der stillen Insel , entgegen , und half mir großmütig selbst fortkommen . Ein Hauptzug in ihrem Charakter ist , daß sie sich nie mit andern Weibern geheime Bagatellen in die Ohren flüstert ; sie ist offen und geheim im Ganzen , so daß man nur eins von beiden von ihr sagen könnte . - Es läßt sich gut von ihr und mit ihr sprechen , sie tötet keinen Begriff , faßt jeden mit Liebe , und giebt ihm einen zarten Gesellschafter , sie macht das Gespräch glücklich . Die Brünette