nicht bis auf den letzten Faden halten sollte . Timandra hat alles , bis zum Ueberfluß , was seine Sinnlichkeit befriedigen kann ; dabei ist sie sanft , munter , und immer frohen Sinnes , ohne Laune , Eigensinn und Eifersucht ; steht seinem Hauswesen mit Treue und Klugheit vor , kommt allen seinen Wünschen entgegen , versteht seine leisesten Winke , ist ihm nie beschwerlich , und erlaubt ihm stillschweigend , so viele kleine Seitensprünge zu machen als er Lust und Gelegenheit hat . Wie geneigt Hippias seyn mag , ihr gleiche Freiheit nachzusehen , weiß ich nicht , und werde ihm schwerlich jemals Ursache geben sich darüber zu erklären . Indessen erkenne ich mit gebührendem Danke , daß du meiner Phantasie einen freiern Spielraum verstattest als sie selbst verlangt ; ich gedenke einen so bescheidenen Gebrauch von deiner Großmuth zu machen , daß Sokrates selbst nicht mehr von seinen Jüngern fordern zu dürfen glaubt . So viel ich bis jetzt zu sehen Gelegenheit hatte , scheint die öffentliche Meinung der Schönheit der Syrakuserinnen nicht zu viel zu schmeicheln . Vor wenig Tagen gab mir eines ihrer vornehmsten Feste Gelegenheit , mich mit meinen eigenen Augen davon zu überzeugen . Der lange Zug von jungen Mädchen ( den Töchtern der angesehensten und begütertsten Bürger ) , die in zierlich gefalteten , bis zu den schönen Knöcheln herabfließenden weißen Gewändern , Blumenkränze um das halb aufgewundne , halb auf die Schulter fallende volllockichte Haar , und den leicht umflorten Busen mit reich gestickten Bändern umgürtet , Paar und Paar mit leichtem Schritt und edelm Anstand dem Dianentempel zuwallten , alle in der ersten Entknospung der Jugend und Schönheit , keine die nicht einem Skopas zum Modell einer Grazie hätte dienen können - ich gestehe dir , Laiska , es war ein entzückender Anblick ! Und als sie sich nun im feierlich-ernsten Tanz , Hand in Hand , gleich einem lebendigen Blumenkranz um den Opferaltar herum wanden , in den reinsten Silbertönen einen Pindarischen Hymnus aus ihren Nachtigallkehlen anstimmend , - wahrlich ein vorbeischwebender Gott hätte sich ( wie der Dichter sagt ) bei diesem Schauspiel verweilt ; und nie dünkte mich einen solchen Triumph der weiblichen Schönheit und Anmuth gesehen zu haben . Das Auge irrte geblendet und alles Auswählens vergessend um den weit ausgedehnten Kreis dieser Zauberschwestern umher , unvermögend auf Einer zu verweilen , weil schon im nächsten Augenblick eine vielleicht noch schönere ihre Stelle eingenommen hatte , um sie im folgenden gleich wieder an eine eben so reizende abzutreten . Du selbst , du Einzige , hättest auf einmal mitten unter ihnen erscheinen müssen , um den Zauber zu vernichten , und hunderttausend Augen , die mit diesem lieblichen Reihen von mehr als hundert Grazien zugleich herumgedreht wurden , plötzlich an dich allein zu fesseln . 38. An Learchus zu Korinth . Der gute Genius deines gastfreundlichen Hauses , edler Heraklide , hat mich glücklich zu Korinths schönster Tochter , der Beherrscherin der reichsten Insel der Welt , herübergeführt . Du kennst Athen und Syrakus118 , und dir darf ich also wohl gestehen , was ich auf dem großen Marktplatz zu Athen kaum zu denken wagen dürfte : daß Syrakus die stolze Minervenstadt an Größe , Bauart , Volksmenge und Mitteln die Prachtliebe und Ueppigkeit ihrer Bürger zu befriedigen , weit hinter sich zurückläßt . Von den Einwohnern urtheilen zu können , bin ich noch zu kurze Zeit hier ; aber weniger wäre schon genug , um zu sehen , daß sie den Athenern auch an Lebhaftigkeit , Feuer , Wankelmuth , Leichtsinn , und raschen Sprüngen von einem Aeußersten zum andern , den Vorzug streitig machen könnten . Es begreift sich , daß ein solches Volk ( wie mir ein schon lange unter ihnen wohnender Tarentiner sagte ) weder mit noch ohne Freiheit leben kann . Seit der Zeit , da sie von deinem Stammgenossen Archias zum zweitenmale gegründet wurde ( also seit mehr als dreihundert Jahren ) macht ein rastloses Hin- und Herschaukeln von Oligarchie zu Demokratie , und von Demokratie zur Herrschaft eines Einzigen , den summarischen Inhalt ihrer Geschichte aus ; und wiewohl so viele Versuche sie belehrt haben sollten , daß sie sich bei der oligarchischen Regierung nie so übel als bei der demokratischen und bei der monarchischen ( selbst eines Hieron und Dionysius ) immer besser als bei der oligarchischen befanden ; so ist doch der unglückliche Hang zur Demokratie ein so tief eingewurzeltes Uebel bei diesem Volke , daß alles , was sie seit der Vertreibung der Geloniden von innerlichen Unruhen und Umwälzungen erlitten haben , sie nicht von der Begierde heilen kann , bei dem geringsten Anschein eines glücklichen Erfolgs das heilsame Joch wieder abzuschütteln , welches ihnen Dionysius mit eben so viel Gewandtheit als Stärke auf den Nacken gelegt hat . Es sind nun zehn Jahre verflossen , seitdem dieser sogenannte Tyrann sich der Alleinherrschaft in Syrakus bemächtigt hat . Daß er dieß nicht konnte , ohne einen großen Theil der mächtigsten und reichsten Familien , die ihm hartnäckig und wüthend widerstanden , zu unterdrücken , war Natur der Sache : aber niemand zweifelt , daß ihm selbst nichts erwünschter wäre , als wenn ihm die Syrakusaner erlauben wollten , das Andenken der ersten Jahre seiner eigenmächtigen Regierung auszulöschen , und die Fortsetzung derselben für sie und für ganz Sicilien so glücklich und wohlthätig zu machen , als es einst die Regierung des noch jetzt gepriesenen Gelon war . Niemand würde mehr dabei gewinnen als sie selbst . Denn es ist leicht vorherzusehen , daß ohne ein gemeinschaftliches Oberhaupt , welches alle Städte Siciliens dazu vermögen kann , ihre Stärke gegen den gemeinschaftlichen Feind , die Carthager , zu vereinigen , unfehlbar eine nach der andern dem schrecklichen Schicksal von Agrigent119 unterliegen werde ; und gewiß würde es schwer seyn , im ganzen Sicilien einen Mann zu finden , der in allen Eigenschaften und Talenten , die zu einem im Krieg und im Frieden großen Fürsten erfordert werden , sich mit Dionysius messen könnte . Aber der Syrakusaner ist eitel und stolz ; er will sich ( wie der Athener ) von niemand befehlen lassen , dem er nicht selbst die Erlaubniß dazu gegeben hat , der ihm nicht über alles Rechenschaft ablegen muß , und den er nicht wieder absetzen und vernichten kann sobald es ihm beliebt . Der Gedanke von einem ihrer Mitbürger eigenmächtig beherrscht zu werden , macht sie blind und gefühllos gegen alle Vortheile , die dem Ganzen durch die Regierung des Dionysius zuwachsen könnten , wenn er nicht von Zeit zu Zeit durch die Versuche der ehmaligen Demagogen , sein Joch wieder abzuschütteln , verhindert würde , seinen eignen Weg ruhig fortzugehen ; und da jene eben so wenig Lust zu haben scheinen ihre Versuche aufzugeben , als er die Regierung niederzulegen , so ist wahrscheinlich genug , daß sie Mittel finden werden , aus einem vortrefflichen Fürsten , den das Schicksal den Sicilianern geben wollte , durch ihre eigene Thorheit einen argwöhnischen , strengen und vielleicht grausamen Tyrannen zu machen . Ich hörte vor kurzem in einer Gesellschaft angesehener Personen dem Dionysius ( über welchen man hier sehr frei urtheilt ) ein großes Verbrechen daraus machen , daß er sich nicht gescheuet hätte öffentlich zu sagen : » die Souveränetät gewähre ihm nie einen so vollen Genuß , als wenn er was er wolle sogleich ausführen könne . « 120 So , meinten sie , könne nur ein Tyrann sprechen , dem nichts heilig sey , und der sich an kein Gesetz gebunden halte . Mir schien diese Rede einer mildern Deutung nicht nur fähig zu seyn , sondern sie sogar zu fordern . Der Wunsch alles was man will ausführen zu können , sagte ich , setzt so wenig einen bösen Willen voraus , daß er vielmehr Guten und Bösen , Thoren und Verständigen gemein ist ; und vielleicht ist das größte Leiden guter Menschen , daß sie nur selten können was sie wollen . Mich dünkt aber , fuhr ich fort , Dionysius habe bei diesem Worte noch besonders einen der wesentlichsten Vorzüge der Monarchie vor der Volkssouveränetät vor Augen gehabt . Die Schleunigkeit der Ausführung dessen , was als nothwendig beschlossen wurde , ist in allen Fällen nützlich . Oft hangt die Erhaltung des ganzen Staats , oder doch die Verhütung eines großen Schadens davon ab , daß eine genommene Maßregel pünktlich und auf der Stelle vollzogen werde . Dieß ist nur da zu bewerkstelligen , wo der Wille des Regenten in keinem andern Willen Hindernisse findet , sondern im Gegentheil jedermann sich beeifert , die Ausführung dessen , was der oberste Befehlshaber will , befördern zu helfen . In Republiken ist dieß selten der Fall ; denn nichts ist unerhörter , als daß ein Freistaat nicht in Parteien getheilt sey , die einander mit dem unverdrossensten Eifer entgegen wirken . Besonders ist in der Demokratie der Wille des Souveräns nicht nur an sich launisch und veränderlich , sondern er wird noch durch die vielerlei Sinne der vielen Köpfe , die ihn bearbeiten , so stark hin und her gerüttelt , so oft aufgehalten , unschlüssig gemacht und in Widerspruch mit sich selbst gesetzt , daß meistens die Zeit der Ausführung schon vorüber ist , bevor man in der Volksversammlung zu einem Beschluß kommen konnte . Ist dieser endlich gefaßt , so gehen nun die Hindernisse der Vollziehung an . Keiner der Demagogen , die einander die Regierung des sich selbst zu regieren unvermögenden Souveräns streitig machen , gönnt einem andern als sich selbst die Ehre und die Belohnungen einer gelungenen Unternehmung . Jeder , der entweder einer andern Meinung war , oder bei dem Beschlossenen seine Rechnung nicht findet , bietet alle seine Kräfte auf , die Ausführung zu hintertreiben , oder mißlingen zu machen ; von allen Seiten nichts als Schwierigkeiten , Fußangeln und Fallgruben ; nirgends eine sichre Rechnung auf den guten Willen , den Gehorsam , den Eifer und die Wachsamkeit der Untergeordneten , wovon doch am Ende alles abhängt . Dafür geht es denn auch in den Republiken , zumal in denen , wo das Volk zugleich sein eigner Souverän und Unterthan ist , gewöhnlich und wenige seltne Fälle ausgenommen , so zu - wie der allgemeine Augenschein zeigt . Von jeher blieb einem Volke , um fürs erste immer selbst recht zu wissen was es wolle , und es dann wirklich ausgeführt zu sehen , kein anderes Mittel , als seine höchste Gewalt einem Einzigen zu übertragen , und ihm eben dadurch unbeschränkte Vollmacht zu geben , alles zu thun was er zu Vollziehung des allgemeinen Willens , oder ( was eben dasselbe ist ) zu Erzielung der Sicherheit und Wohlfahrt des Staats , für nothwendig und dienlich erkennen würde . Ich konnte leicht merken , daß ich mich der Gesellschaft durch diese Rede nicht sonderlich empfohlen hatte . Da es aber den meisten bekannt war , daß ich ein Ausländer sey , der sich nur kurze Zeit zu Syrakus aufzuhalten gedenke und bei dem sogenannten Tyrannen nichts zu suchen habe , ließ ich mich durch das Vorurtheil , das einige vielleicht gegen mich fassen mochten , nicht abschrecken , meine Meinung über die Gegenstände , die der Verfolg des Gesprächs herbeiführte , so freimüthig zu sagen , als es sich in einer Gesellschaft ziemte , die aus lauter erklärten Freunden der Freiheit zu bestehen schien . Einer von den lebhaftesten hatte sich den Ausdruck entwischen lassen : man müßte zum Sklaven geboren seyn , um die Herrschaft eines Einzigen , der sich mit Gewalt eingedrungen , geduldig zu ertragen . - Aber wie , sagte ich , wenn ihr selbst ihm die Herrschaft , um eurer eigenen Sicherheit und Ruhe willen , von freien Stücken auftrüget ? Es wäre wenigstens so viel damit gewonnen , daß ihr nicht nöthig hättet , einen Fürsten , unter dessen Regierung der Staat augenscheinlich immer blühender , mächtiger und reicher wird , mit dem verhaßten Namen eines Tyrannen zu belegen . - Wie ? versetzte jener hitzig ; der müßte ein dreifacher Sklave seyn , der sich freiwillig einen Herrn geben wollte ! - Ich sehe wohl , erwiederte ich mit großer Gelassenheit , warum du dich so eifrig gegen meinen Vorschlag erklärst . Aber es gibt Mittel gegen alles . Man könnte ihn ja durch eine Grundverfassung , einen von ihm unabhängigen Senat , oder ( wie die Spartaner ) durch Aufseher einschränken , und sich dadurch gegen jeden Mißbrauch der höchsten Gewalt sicher stellen ? - Ein Volk , sagte mein feuervoller Gegner , das nicht im Stande ist ohne einen Herrn zu leben , wird eben so wenig vermögend seyn , seiner Macht Gränzen zu setzen , oder sie in denjenigen zurückzuhalten , die er sich vielleicht anfangs aus Politik gefallen zu lassen scheinen wird . - Und was wird das Schlimmste seyn , das daraus erfolgen möchte ? fragte ich , vielleicht mit einer etwas Attischen Miene , die ich mir ( wie ich besorge ) unter den Cekropiden unvermerkt angewöhnt habe . - Welche Frage ! rief mein Gegenkämpfer halb entrüstet ; ist denn irgend etwas Böses und Schändliches , irgend eine ungerechte , gottlose , ungeheure That , die ein Mensch , der alles kann was er will , nicht zu begehen fähig wäre ? - » Fähig wäre ? das geb ' ich zu ; aber daß er ein so unsinniger Thor seyn wird , alles Böse wirklich zu thun , dessen er fähig ist , Böses ohne alle Noth oder Herausforderung , bloß um das Vergnügen zu haben Böses zu thun ; daran zweifle ich sehr . Einen Wahnsinnigen , ein reißendes Thier , oder einen unter Verbrechen und Schandthaten grau gewordenen Bösewicht , wollen wir freilich nicht zum Hirten des Volks bestellen . « Bei einem Menschen , der alles kann ( versetzte jener etwas kälter , weil er sich im Vortheil zu sehen glaubte ) bedarf es nur einer einzigen Leidenschaft , die ihn überwältigt , um ihn , wenn er vorher auch ein Mensch wie andere war , zu allem was du sagtest , zu einem Wahnsinnigen , zu einem Tiger , zu einem Bösewicht der vor keinem Verbrechen erschrickt , zu machen . - Ich bin in die Enge getrieben , erwiederte ich ; du hättest die großen Vorzüge der Demokratie vor der Alleinherrschaft in kein stärkeres Licht setzen können . Um vor allen Gefahren dieser Art sicher zu seyn , gibt es also wohl kein besseres Mittel , als daß ein Volk sich selbst regiere ? Niemand ist dazu geschickter , und nichts war wohl von jeher unerhörter , als daß eine souveräne Volksversammlung etwas Unbesonnenes oder Ungerechtes beschlossen , oder die Macht , alles zu können was sie will , zu Befriedigung irgend einer häßlichen Leidenschaft mißbraucht , und sich treuloser , räuberischer und grausamer Handlungen schuldig gemacht hätte . - Ein allgemeines Gelächter schien meinen Gegner in eine unangenehme Lage zu setzen , und ich sah daß es hohe Zeit sey , einen ernsthaftern Ton anzustimmen . Verzeih , sagte ich zu ihm , wenn ich zur Unzeit gescherzt habe . Ich wollte weiter nichts damit sagen , als daß unumschränkte Gewalt immer mit Gefahr des Mißbrauchs verbunden ist , sie mag nun in den Händen eines Einzigen , oder eines Senats , oder eines ganzen Volkes seyn . Alles kommt am Ende auf den Verstand und die sittliche Beschaffenheit des Regierers , vieles auf Zeit und Umstände , Stimmung , Laune und Einfluß des Augenblicks an . Einschränkungen helfen wenig oder nichts . Eine höchste Gewalt muß in jedem Staate seyn , und die höchste Gewalt läßt sich nicht einschränken ; denn dieß könnte doch nur durch eine noch höhere geschehen , und in diesem Fall wäre diese , nicht jene , die höchste . Die Möglichkeit ihres Mißbrauchs bleibt also ein unvermeidliches Uebel , weil sie ihren Grund in einem unheilbaren Gebrechen der Menschheit hat . Aber es ist immer zu vermuthen , daß ein einzelner Regent die Macht alles zu thun was er will , weniger , seltner und leidlicher mißbrauchen werde , als ein so vielköpfiges Ungeheuer von mehrern Tausenden , an Verstand , Erziehung , Einsicht , Erfahrenheit , Vermögen u.s.w. so sehr ungleichen und von den verschiedensten Triebfedern in Bewegung gesetzten Menschen ist ; und wenn auch beide keinen edlern Zweck und Antrieb haben als Eigennutz und Selbstbefriedigung , so ist doch ungleich wahrscheinlicher , daß der Einzige die Nothwendigkeit einsehe , daß er seine Macht , um sie ruhig und mit Ruhm zu genießen , zur Wohlfahrt des Staats anwenden müsse , als daß ein ganzes Volk nicht beinahe immer gegen sein wahres Interesse handle , so oft das Privatinteresse der Personen , denen es sich gern oder ungern anvertrauen muß , mit dem seinigen in Widerspruch steht . Mein Gegner gewann wieder Muth . Du missest nicht mit einerlei Maß , sagte er : du nimmst einen Tyrannen an , der immer nach Grundsätzen handelt , sich nie seinen Launen oder Leidenschaften überläßt , immer sein wahres Interesse kennt und vor den Augen hat , mit Einem Worte , der die Weisheit und Klugheit selbst ist . Das Volk in der Demokratie hingegen ist , nach deiner Voraussetzung , ein blindes , vernunftloses und unbändiges Ungeheuer , das nicht weiß was ihm gut ist , das immer mit dem Maulkorb vor der Schnauze an der Kette gehen muß und immer das Unglück hat , von Thoren oder Schelmen geführt zu werden . Sey , wenn ich bitten darf , nur so billig gegen die Demokratie , als du großmüthig gegen die Tyrannie und das Königthum bist . Wenn ich dir die Möglichkeit eines Alleinherrschers zugebe , der das höchste Gesetz der allgemeinen Wohlfahrt nie aus den Augen setzt , sich seiner Allgewalt immer mit Klugheit und Mäßigung bedient , und seine höchste Selbstbefriedigung im Wohlstande seiner Unterthanen findet , wenn ich dir die Möglichkeit zugebe , daß ein solcher Phönix nicht platterdings ein bloßes Hirngespinnst sey : so wirst du mir auch die Möglichkeit einer Republik , worin ein freies , edeldenkendes und zu jeder sittlichen und bürgerlichen Tugend erzogenes Volk sich von den Weisesten und Besten aus seinem Mittel nach guten Gesetzen freiwillig regieren läßt , zugeben , und zugleich bekennen müssen , daß eine solche Republik jeder andern Staatsverfassung unendlich vorzuziehen ist . Alle anwesenden Syrakusaner klatschten , nickten oder lächelten ihrem edeln Mitbürger Beifall zu , und schienen zu erwarten , daß ich billig oder wenigstens urban genug seyn würde mich überwunden zu geben . Aber so ganz leicht wollt ' ich ihnen den vermeinten Sieg doch auch nicht machen . Ich sehe nur ein Einziges hierbei zu bedenken , sagte ich , und hielt ein . Und was wäre das , wenn man fragen darf ? sagte mein Antagonist . - Nichts , versetzte ich , als daß ein so verständiges und tugendhaftes Volk , wie es mein edler Gegner voraussetzt , ganz und gar keiner Regierung bedürfte . Laßt uns so ehrlich seyn , einander zu gestehen , daß die Unentbehrlichkeit aller bürgerlichen Verfassungen und Regierungen keinen andern Grund hat , als die Schwäche und Verkehrtheit des armen Menschengeschlechts . Sie sind ein nothwendiges Uebel , das einem ungleich größern abhilft oder vorbeugt , und bloß dadurch zum Gut wird . Indessen , da die Regierer nicht weniger Menschen sind als die Regierungsbedürftigen , so wäre wohl nichts billiger , als daß wir unsre Forderungen nicht allzu hoch spannten , und niemand dafür büßen ließen , daß er eben so wenig vollkommen ist als wir . Warum wollten wir uns das Gute , das wir haben , dadurch verkümmern , daß es uns nicht gut genug ist ? Jede Regierungsart hat ihre eigenen Vorzüge und Gebrechen ; wiegt man sie gehörig gegen einander , so gleichen sich , wechselsweise , diese durch jene und jene durch diese aus , und was übrig bleibt , ist so unendlich wenig , daß es die Mühe nicht verlohnt , darum zu hadern . Die Mehrheit der Stimmen erklärte sich für meinen Vorschlag zur Güte , und alle schienen sich zuletzt in der Meinung zu vereinigen : daß ein Volk , das sich bei der politischen Freiheit nie recht wohl befunden , durch den Verlust derselben wenig verloren habe , und bei einem klugen und tapfern Alleinherrscher wahrscheinlich noch gewinnen würde , wenn es weise genug seyn könnte , das Bestreben des Regenten , sich seines , wiewohl gesetzwidrigerweise , errungenen Platzes würdig zu beweisen , durch Zutrauen und guten Willen aufzumuntern , anstatt ihn durch Mißtrauen , Unzufriedenheit und heimliche Anschläge gegen seine Person zu tyrannischen Maßregeln zu zwingen , die ihm , als zu seiner Sicherheit nothwendig , endlich zur Gewohnheit werden , und das Verderben des Fürsten und des Volks zugleich zur Folge haben könnten . Ich bin etwas ausführlich in Erzählung dieser politischen Conversation gewesen , edler Learchus , weil ich dein Verlangen , die gegenwärtige Stimmung der Syrakusaner zu kennen , besser dadurch zu befriedigen hoffe , als durch allgemeine Bemerkungen , die bei einem so kurzen Aufenthalt ohnehin wenig Zuverlässigkeit haben könnten . Unsre Gesellschaft bestand größtentheils aus Männern der ersten aristokratischen Familien zu Syrakus , und ich glaube daß man von ihnen , mit ziemlicher Sicherheit nicht zu irren , auf die übrigen schließen könne . Es war sehr natürlich , daß sie , so oft des Tyrannen erwähnt oder auf ihn angespielt wurde , eine gewisse Gleichgültigkeit und Zurückhaltung affectirten , die einen ganz unkundigen Fremden ungewiß lassen konnte , ob sie seine Freunde oder Feinde wären ; mir aber , der von ihren Angelegenheiten hinlänglich unterrichtet ist , war es leicht ihre wahre Gesinnung durch die übel passende Larve durchscheinen zu sehen . Nie werden sie zu dem Tyrannen , nie der Tyrann zu ihnen Vertrauen fassen ; beide Theile haben einander zu viel Leides gethan , als daß jemals eine aufrichtige Aussöhnung möglich wäre ; auch wissen beide sehr wohl , wessen sie sich zu einander zu versehen haben , und nehmen ihre Maßregeln darnach . Aber stärker als alles dieß fiel mir eine andere Bemerkung auf , die ich an diesem Abend zu machen Gelegenheit hatte . Unter allen diesen eifrigen Republikanern und Patrioten , solltest du es denken , lieber Learchus ? war nicht Einer , der sich auch nur den Schein zu geben gesucht hätte , als ob ihm das wahre Interesse Siciliens , oder auch nur seiner eigenen Vaterstadt und des Syrakusischen Volkes am Herzen liege . Ein Blinder hätte sehen müssen , daß weder dieses noch jenes bei ihren Gesinnungen gegen den Tyrannen in die mindeste Betrachtung kam . Sie hatten eine gewichtigere und ihnen näher liegende Ursache ihn zu hassen ; und ich halte mich überzeugt , keiner von ihnen würde das geringste Bedenken tragen , sich selbst noch heute auf den Thron des Dionysius zu setzen , wenn er es möglich zu machen wüßte . - Und doch muß ich hintennach über mich selbst lachen , daß mir so etwas auffallen konnte . Verstand sich ' s nicht von selbst ? Was für einen Grund hatte ich , etwas anders zu erwarten ? Mein Reisegefährte Hippias wurde bald nach unsrer Ankunft von seinem Freunde Philistus bei Hofe aufgeführt , und gefällt dem Tyrannen so wohl , daß er ihm fast immer zur Seite seyn muß . Dionysius sieht sehr gut , was ihm ein Mann wie Hippias seyn könnte , und scheint große Lust zu haben ihn mit goldenen Ketten an sich zu fesseln : aber Hippias hat zu wenig Ehrgeiz und liebt seine Ruhe und Unabhängigkeit zu sehr , als daß er sich nur einen Augenblick versucht fühlen sollte , sie um die unzuverlässige Gunst eines Fürsten zu vertauschen , mit welchem er den öffentlichen Haß und die Gefahren eines immer schwankenden Thrones theilen müßte . Dionysius hat sich auch nach mir erkundigt , und ich soll ihm an einem der nächsten Tage vorgestellt werden . 39. An Ebendenselben . Seit kurzem gibt uns Dionysius ein Schauspiel zu Syrakus , dessen gleichen vielleicht noch nie in der Welt gesehen worden ist . Alles was in den fünf Städten , woraus diese ungeheure Stadt besteht , Hände und Füße hat , ist in Bewegung ; alle Häuser , Straßen und Märkte wimmeln von geschäftig hin und her eilenden Menschen ; auf allen Schiffswerften , auf allen großen Plätzen in und außerhalb der Stadt , arbeiten Zimmerleute und Schmiede zu Tausenden ; die Ufer ringsumher sind mit Schiffbauholz und Mastbäumen bedeckt , wovon täglich große Schiffsladungen vom Aetna und aus den Apenninischen Gebirgen anlangen , und Myriaden von Zeug- und Waffenschmieden und andern Handarbeitern machen den ganzen Tag ein Getöse , wovon einem Tauben die Ohren gellen möchten . Mit Einem Worte , Dionysius hat gerade zur gelegensten Zeit den glücklichen Gedanken gefaßt , Sicilien von den Ueberfällen der Carthager auf immer zu befreien , und macht zu diesem Ende Zurüstungen und Anstalten , welche hinlänglich scheinen könnten , wenn er den ganzen Erdboden zu erobern gesonnen wäre . Aber was noch mehr ist , er hat Mittel gefunden , die Syrakusaner für seinen Plan einzunehmen und in eine so fanatische Begeisterung zu setzen , daß jedermann sich in die Wette beeifert , seine Absichten zu befördern , seine Befehle zu vollziehen und seinen Beifall zu verdienen . Außer seinen Syrakusiern und andern Sicilianern hat er aus Italien und Griechenland die erfindsamsten Köpfe und die geschicktesten Mechaniker und Kunstarbeiter zusammengebracht . Er selbst ist die Seele , die alle Verrichtungen dieser ungeheuern Masse von Menschen leitet und belebt . Für alles was gearbeitet wird , besonders für allerlei neue Kriegsmaschinen , die eine erstaunliche Wirkung thun sollen , und eine Art von Galeeren mit fünf Reihen Ruder , von seiner eigenen Erfindung ( sagt man ) hat er Modelle verfertigen lassen , nach welchen alles in der möglichsten Vollkommenheit gearbeitet wird ; und ansehnliche Preise sind für diejenigen ausgesetzt , die in jedem Fache die beste Arbeit liefern . Dionysius selbst ist überall persönlich zugegen , sieht und beurtheilt mit der Schärfe und Billigkeit einer ächten Sachkenntniß was gethan wird , spricht freundlich mit den Arbeitern , muntert ihren Fleiß durch Lob und kleine Belohnungen auf , zieht sogar jeden , der sich in seinem Fache besonders hervorthut , an seine Tafel , kurz , bezaubert alle diese Menschen durch eine Leutseligkeit und Popularität , die ihm alle Herzen - auf wie lange möcht ' ich nicht sagen - aber gewiß so lang ' als er ihrer und sie seiner bedürfen , gewinnen muß . Seine bittersten Feinde , die Aristokraten , sehen sich genöthigt mit dem Strom des allgemeinen Enthusiasmus fortzutreiben , ihren Ingrimm hinter lächelnde Hofgesichter zu verstecken , und durch den thätigen Antheil , den sie an seinen Anstalten nehmen , ihren - Patriotism zu erproben . Einem Staatsmann von deiner Einsicht , edler Learchus , habe ich durch diese bloße kunstlose Angabe dessen was ich hier täglich sehe , einen tiefern Blick in den Charakter des merkwürdigen Mannes eröffnet , der jetzt an der Spitze der Sicilier steht und die Aufmerksamkeit aller Griechen erregt , als ich durch die mühsamste Aufzählung eines jeden einzelnen Zugs vielleicht bewirkt hätte . Dionysius versichert sich nicht allein durch alle diese Vorbereitungen des Sieges über den mächtigen Feind , den er zu bekämpfen haben wird ; er versichert sich zugleich der Zuneigung des Volks , das ihn , anstatt wie andre Herrscher sich dem Müßiggang und den Wollüsten zu überlassen , mit großen Planen zum allgemeinen Glück Siciliens beschäftigt sieht ; er benimmt dadurch seinen Feinden den Muth etwas gegen ihn zu unternehmen , und legt einen so festen Grund zu einer lange dauernden Regierung , daß ich eine große Wette eingehen wollte , er wird , wo nicht immer eben so ruhig , doch gewiß eben so sicher auf seinem usurpierten Throne sitzen , als ob er kraft eines längst verjährten Erbrechts zum König geboren wäre . Du kannst dir nun selbst vorstellen , Learchus , - du der den Geist des Volks , der sich allenthalben gleich ist , kennt - wie stolz die große Mehrheit der Syrakusaner in diesem Augenblick auf ihren Fürsten seyn muß ; wie geschmeichelt sie sich durch den Antheil fühlen , den er sie , mit der schlauesten Popularität , an seiner Größe nehmen läßt ; und wie gewaltig sie der Anblick aller der Wunder verblendet , die sie täglich vor ihren Augen entstehen sehen , und die er freilich ohne alle Hexerei bloß dadurch bewirkt , daß er , mittelst kluger Anwendung der Kräfte und Schätze einer mächtigen Republik so viele Köpfe , Arme und Hände zu einem einzigen großen Zweck in zusammenstimmende Thätigkeit zu setzen weiß . Kurz , Dionysius hat das wahre Mittel gefunden , die Syrakusaner ( eine Zeit lang wenigstens ) vergessen zu machen , daß er einst ihr Mitbürger war ; er erscheint vor ihren Augen im vollen Glanz des Homerischen Agamemnons , den Göttern gleich und der Herrschaft würdig , die dem Tapfersten , Klügsten und Thätigsten , so lange der Enthusiasm , den er einhaucht , währt , zu allen Zeiten so willig eingeräumt worden ist . Ich habe , seitdem ich ihm vom Philistus und Hippias vorgestellt wurde , öfters Gelegenheit gehabt ihn reden zu hören und handeln zu sehen , und werde täglich mehr in der Meinung bestärkt , daß jedes an die Monarchie gewöhnte Volk sich unter einem Fürsten wie er glücklich achten würde . Schon sein Aeußerliches kündigt einen Mann an , der besser zum Regieren als zum Gehorchen taugt . Er ist groß und stark gebaut ; seine Gesichtsbildung edel , männlich , und wofern mich mein physiognomischer Sinn nicht betrügt , mehr Klugheit und Gewalt über sich selbst , als Unerschrockenheit und Selbstvertrauen bezeichnend ; seine Augen klein aber feurig ; sein Blick scharf ,