Quitzowfehden zu geben , so muß doch auf die gänzliche Einseitigkeit der bisher gewöhnlichen Darstellung aufmerksam gemacht werden . Die brandenburgische Geschichte hat überhaupt das Schicksal gehabt , daß eine gewisse Darstellungsweise gleichsam versteinert , ohne alle Kritik , aus einem Buche in das andere übergegangen ist , indem zum Teil die besseren archivalischen Mitteilungen verborgen blieben , zum Teil aber auch Vorurteile fortgepflanzt wurden , die schon aus den vorhandenen Quellen zu widerlegen gewesen wären . Dahin gehört denn besonders auch die Art , wie der Widerstand behandelt ist , den die Quitzowsche Partei gegen Burggraf Friedrich von Nürnberg versuchte , während derselbe Pfandinhaber der Mark war , wobei , ohne alle Rücksicht auf den Geist der damaligen Zeit , der märkische Adel als eine Rotte von Unholden , Mordbrennern und Räubern geschildert wird , welche eine Meuterei wider den Kurfürsten unternommen hätten , weil ihnen dieser ihr Raubhandwerk habe legen wollen . Es muß zunächst auf die trübe und parteiische Quelle dieser Ansichten hingewiesen werden . Es ist dies nämlich die über diese Begebenheiten gleichzeitig aufgesetzte Nachricht des Engelbert Wusterwitz , 14 eines heftigen Widersachers der Quitzows . Er war Geistlicher in Brandenburg und Provisor des Abts von Lehnin . Hierzu kommt , daß er seine Nachricht gerade zu einer Zeit aufgesetzt hat , wo die Fehde zwischen dem Kurfürsten und beiden Quitzows noch in vollem Gange war . Wahrscheinlich würde seine Erzählung anders lauten , wenn er dieselbe , nach der im Jahre 1421 erfolgten Aussöhnung des Kurfürsten mit jener Familie geschrieben hätte . Zwei Dinge sind es , die beständig als Anklagepunkte wiederkehren : erstens die Quitzows waren Räuber und zweitens die Quitzows waren Rebellen . Wie verhält es sich nun damit ? Betrachten wir zuerst den Vorwurf der Räuberei , so kam solche , wie damals in ganz Deutschland , auch beim märkischen Adel vor . Es ist aber ganz übertrieben , wenn deshalb das ganze Land für eine Mörderhöhle und der ganze märkische Adel für eine Räuberbande ausgegeben wird . Es muß bei Beurteilung dieser Sache durchaus der Unterschied festgehalten werden , der im 14. und 15. Jahrhundert zwischen einer ehrlichen Fehde und einer Räuberei entstand . Das Recht zur » Fehde « wurde dem Adel so wenig streitig gemacht wie den Fürsten und den Städten , wenn man auf gütlichem Wege zu seinem Rechte nicht kommen konnte . Die Landesherren der Mark Brandenburg waren im 14. und im Anfange des 15. Jahrhunderts fast beständig abwesend und das dem Gedeihen des Landes allerdings schädliche Fehdewesen griff immer weiter um sich , auch die Fürsten , Städte und Ritterschaften der benachbarten Länder wurden allmählich hineingezogen , und aus einer beendigten Fehde entspannen sich stets zwei neue . Daß in solchen Zeiten auch eigentliche › Räuberei ‹ häufiger vorkam , und daß ihr schwer zu steuern war , ist leicht begreiflich , nichtsdestoweniger blieb der Unterschied zwischen Straßenraub und Fehde bestehen . Die vielen Kriege der Quitzows waren , wenn man sie unparteiisch betrachtet , sämtlich ehrliche Fehden , wenn auch nicht geleugnet werden soll , daß sie das Fehderecht gelegentlich mißbraucht haben mögen , indem sie in ihrer damaligen Übermacht einen aus der Luft gegriffenen Anspruch durchzusetzen sich bemühten . Allein zu welchen Zeiten hat Übermacht nicht die Schranken des strengen Rechts und der Billigkeit übertreten . Immer blieb dies von Räuberei weit verschieden , da diese auch im Mittelalter stets als etwas Ehrloses angesehen wurde . Überhaupt aber pflegten sich nur wenige arme Edelleute mit Wegelagerung und Strauchreiterei zu befassen , und die Gebrüder von Quitzow muß schon ihre Macht und ihr persönlicher Charakter vor einem solchen Verdachte schützen . Wusterwitz ' Anklagen übernehmen , sehr gegen seinen Willen , zugleich die wirksamste Verteidigung der Angeklagten . Er beschuldigt sie , daß sie das Herzogtum Sachsen für sich hätten erobern wollen , daß sie getrachtet hätten , Berlin zu gewinnen , um von diesem Mittelpunkt aus sich die ganze Mark zu unterwerfen , und daß Henning von Quitzow nur deshalb in Paris studiert habe , um ein Bistum zu erlangen , da die Familie gehofft habe , auf diese Art Kurfürstentümer und ganze Länder an sich zu bringen . Wer dies liest , wird unmöglich glauben , daß so hochstrebende Ritter , ausgezeichnet an Geist und Vermögen , in dem Berauben einzelner Kaufleute einen schmählichen und unbedeutenden Vorteil gesucht haben sollten . Wusterwitz widerlegt sich denn auch selbst , indem er die Quitzowfehden einzeln aufführt , aus deren Aufführung unwiderleglich hervorgeht , daß es nur ehrliche Fehden gegen benachbarte Fürsten : die Herzöge von Mecklenburg , Sachsen und Pommern , gegen den Erzbischof von Magdeburg , gegen den Grafen von Schwarzburg , gegen die Städte Berlin und Brandenburg und gegen den Abt von Lehnin waren , ja , er gibt sogar die Veranlassung zu einigen dieser Fehden an , welche es wenigstens zweifelhaft läßt , auf wessen Seite das Recht gewesen ist , zumal , wenn man dabei die augenscheinliche Parteilichkeit der Wusterwitzschen Darstellung in Betracht zieht . Wusterwitz behauptet z.B. , daß Dietrich von Quitzow die Stadt Berlin ohne › Entsagung ‹ angefallen habe , allein im Laufe seiner Erzählung zeigt sich , daß er einen Anspruch an dieselbe hatte , weil sie ihm die Bezahlung eines versprochenen Schutzgeldes verweigerte . Daß der Übermut die Quitzows zu Ungerechtigkeiten verleitete , mag sein , aber keine Handlungen kann ihnen die Geschichte nachweisen , die die Ritterehre verletzt hätten . « Soweit Raumer ( den wir hier auszugsweise zitiert haben ) über die Quitzowschen » Räubereien « . Aber auch den Vorwurf der Felonie will er nicht gelten lassen und so fährt er denn fort : » ... Was zweitens die Beschuldigung der Widersetzlichkeit , der Rebellenschaft angeht , so sind auch hierbei die Zeitverhältnisse niemals gehörig berücksichtigt worden . Wie war die Sachlage ? Von allen Seiten fielen die Nachbarn ein : die Pommern rissen die Uckermark , die Herzöge von Mecklenburg die Priegnitz , der deutsche Orden die Neumark ab und gewiß wäre die ganze Mark eine Beute angrenzender Fürsten geworden , wenn nicht die Landeshauptleute der Altmark , Priegnitz und Mittelmark : Hüner von Königsmarck , Kaspar Gans zu Putlitz und Lippold von Bredow Widerstand geleistet hätten . Als endlich im Jahre 1411 die Mark an Kaiser Sigismund zurückfiel , zeigt es gewiß von der patriotischen Denkungsweise des Landeshauptmanns von Putlitz , daß er sogleich nach Ungarn eilte , um den Kaiser zu bewegen , selbst die Regierung in die Hand zu nehmen , und es mußte ihn wohl schmerzen , als er dort erfuhr , daß das Vaterland von neuem an einen ihm ganz fremden entfernten Fürsten verhandelt werden sollte . Nachdem der Burggraf im Jahre 1412 in die Mark gekommen war , suchte der Adel , obwohl ungern , sich anfangs mit ihm gütlich zu setzen , allein noch in demselben Jahre entspann sich ein Zwist , welcher bald zu einem offenen Kriege aufloderte . Die Ursache der Abneigung mochte wohl mit darin liegen , daß der mächtige Adel , der während des letztverflossenen Jahrhunderts sich daran gewöhnt hatte , den Herrn im Lande zu spielen und seine Rechte ohne Rücksicht auf einen Höheren zu verfolgen , sich nicht gern durch einen Fürsten beschränken lassen wollte , dessen Energie er bald erkannt haben mochte , allein andererseits war sein Mißtrauen , daß der fremde Fürst den einheimischen Adel unterdrücken und den Franken den Lohn und die Ehre der Regierung der Mark zuwenden werde , nicht ungerecht . Zudem mußte die Ritterschaft nicht mit Grund vermuten , daß der Pfandinhaber , sobald er zu seinem Gelde gelangt wäre , das Pfandstück aufgeben werde ? Patriotische Besorgnisse dieser Art darf man bei einem Kaspar Gans zu Putlitz wohl voraussetzen . Unmöglich kann man der Ritterschaft ein Verbrechen daraus machen , daß sie 1412 die lange Reihe glorreicher Regenten nicht voraussah , welche der neue Verweser durch die göttliche Vorsehung bestimmt war , der Kurmark zu geben . Alles das muß in Erwägung gezogen werden , ehe man über den nicht einem alten angeborenen Fürsten , ja nicht einmal einem eigentlichen Landesherrn , sondern nur einem Pfandinhaber entgegengesetzten Widerstand urteilen will . Die Rede , die die Quitzows geführt haben sollen : › Und wenn es ein Jahr lang Nürnberger regnete , sie wollten doch ihre Schlösser behalten ‹ , zeugt zwar von großem Übermute , machte sie aber noch nicht zu Hochverrätern , denn der eigentliche Kurfürst und Landesherr , gegen den ein crimen laesae majestatis begangen werden konnte , war immer noch der Kaiser Sigismund . Wäre den Gebrüdern Quitzow gelungen , wonach sie strebten , wer möchte bestimmen , was das Schicksal der Mark gewesen wäre ? Wahrscheinlich Zersplitterung , ein Neben- und Durcheinander von Reichsstädten und Reichsritterschaften . Zum Glück für die Mark , für Preußen und für die politische Gestaltung von ganz Europa , ist es dahin nicht gekommen , allein die Urheber solcher Entwürfe können wenigstens auf eine ebenso gerechte Würdigung Anspruch machen , wie Franz von Sickingen , dessen Pläne auch auf Herstellung des kaiserlichen Ansehens und auf eine Erweiterung der Rechte des Ritterstandes hinausgingen . Zum Beweise übrigens , wie sehr historische Vorurteile dazu beitragen können , unverdienter Weise wirklichen Nachteil zu stiften , mag hier zum Schlusse hervorgehoben werden , daß , als zur Zeit König Friedrich Wilhelms I. , die von Dietrich von Quitzow abstammende Hauptlinie der Familie ausstarb , der König , bei Wiederverleihung der erledigten , sehr beträchtlichen Lehne , die übrigen Linien nur aus dem Grunde überging , weil ihm einige Günstlinge vorstellten , › daß die Quitzows sich gegen seine Vorfahren als Hochverräter und Rebellen betragen hätten und die Familie daher eine Berücksichtigung gar nicht wert sei ‹ . « * So Riedel , so Raumer – unsere besten Spezialhistoriker – , deren Urteile hinsichtlich der Quitzowzeit sich also diametral entgegenstehen . Wer hat recht ? Riedel hat recht von Räubereien und Felonie zu sprechen , aber Raumer hat , meinem Ermessen nach , noch viel größeres Recht , beides zu bestreiten . Riedel ist der gelehrtere , gründlichere Forscher ( das Maß seiner Kenntnis ist wohl von keinem anderen erreicht worden ) , aber Raumer ist der weitaus bedeutendere Historiker . Er hat das Auge des Geschichtsschreibers , er begreift große Vorgänge , während es mir bei Riedel , dessen Standpunkt nicht hoch genug ist , um einen freien Blick zu gestatten , zweifelhaft erscheint , ob man ihn überhaupt zu den Historikern zählen kann . Ausgezeichneter Forscher sein , heißt noch nicht Historiker sein . Raumer beurteilt alles aus der zu schildernden Zeit , Riedel alles aus seiner eigenen Zeit heraus . Er wirft Raumer Tendenzen und Vorurteile vor , während er selber in Vorurteilen steckt und derselben Parteilichkeit Ausdruck gibt , die sich schon in Wusterwitz ' Aufzeichnungen findet . Unseres Volkes Fühlen stellt sich freilich ganz auf die Seite Riedels und wird , wenn nicht für immer , so doch noch auf lange hin in dieser Stellung beharren . Zu der Oberacht , die Kaiser und Reich über die märkische Fronde verhängten , kommt die schlimmere , die durch vier Jahrhunderte hin auch die Nachgeborenen über die Quitzows ausgesprochen haben . Aber diese Verurteilung ist ungerecht , und alles , was ich zugestehen kann , ist das , daß ich diese Verurteilung trotz ihrer Ungerechtigkeit begreiflich finde . Sie hat ihren Grund zunächst in einer falschen Fragestellung und zum zweiten in einer rühmlichen , aber deplacierten Loyalität , begleitet von einem unausrottbaren Adels-Antagonismus des märkisch-bürgerlichen Gefühls . Über beides noch ein Wort . In einer falschen Fragestellung , weil die Dinge beständig darauf hin angesehen werden , als ob es sich um die Frage handle , was vorzuziehen sei , Quitzowtum oder Hohenzollerntum ? Darum aber hat es sich , seit Friesack und Plaue fielen und Kaspar Gans bei Ketzer-Angermünde die Scharte auswetzte , nie mehr gehandelt , nicht einmal bei dem gedemütigten Adel selbst . Man ist einig darüber , daß der Sieg des Burggrafen ein Glück war und daß der Sieg der adligen Opposition ein Unglück gewesen wäre . Dies Zugeständnis kann aber die Rechtsfrage nicht tangieren . Es war das gute Recht des Adels , von einem neuen Verweser und Pfandinhaber nicht viel wissen zu wollen . Die voraufgegangenen Erfahrungen berechtigten dazu . Sollten in unserer und aller Geschichte nur immer die gelten , die zu jeder Anordnung oder jedem offiziellen Geschehnis Ja und Amen sagen oder gesagt haben , so würden wir so ziemlich alle Namen streichen müssen , bei deren Nennung uns das Herz höher schlägt . Daß der Burggraf siegte , muß , wie wir nur wiederholen können , als ein unendlicher Segen für Land und Volk angesehen werden , daß man ihm aber damals Opposition machte , war verzeihlich , vielleicht gerechtfertigt . Und diese Frage richtigzustellen , wäre denn auch sicherlich längst geglückt , wenn nicht – und damit gehen wir zu dem zweiten Punkt über – die durch mehr als vier Jahrhunderte hin etablierte Gegnerschaft zwischen märkischem Adel und märkischem Bürgertum , diesem alten Anti-Quitzowgefühl immer wieder neue Nahrung zugeführt und dies Gefühl dadurch immer aufs neue belebt hätte . Ob unser Bürgertum dabei regelmäßig im Recht und unser im schlimmsten Fall ein gewisses Überlegenheitsgefühl herauskehrender Adel immer im Unrecht gewesen ist , ist mir zweifelhaft , aber desto zweifelloser ist es mir , daß der märkische Bürgerliche seiner märkischen Adelsantipathie durchaus Herr werden muß , wenn er vorhat , märkische Geschichte zu schreiben . Dies ist aber unserem Riedel nicht gelungen . Ein sein Urteil schädigendes bürgerliches Parteigefühl , das durch Verbeugungen gegen die Hohenzollern und ein unausgesetztes auf ihre Seite treten , 15 an Freiblick nicht gewinnt , durchdringt seine ganze Darstellung und macht ihn trotz wundervoller Einzelkenntnis der von ihm beschriebenen Zeit unfähig , diese Zeit von einem höheren Standpunkt aus zu betrachten . Er übersieht , auf Prinzip und Politik hin angesehen , daß alles , was da mals einen vornehmen Namen und ein gesellschaftliches und moralisches Ansehen in der Mark Brandenburg hatte , den Standpunkt der Quitzows teilte , was doch , wenn er nicht gewillt ist , den gesamten damaligen Adel für eine zufällig mit Machtbefugnissen ausgestattete Räuberbande zu halten , einer Rechtfertigung der Fronde ziemlich gleichkommt . Er übersieht des weiteren , daß die Kriegsführung der Mecklenburger- und Pommernherzöge , vor allem die des Magdeburger Erzbischofs , 16 um kein Haar breit anders war , als die der Quitzows und ihres Anhangs und übersieht zum dritten , daß alle die Genannten , wenn es ihnen paßte , sich nicht nur direkt der Quitzowschen Kriegskunst und Kriegstapferkeit , sondern auch der Quitzowschen Kriegsführungsformen , also , wenn man so will , des Räuberstils bedienten . Einer wie der andere . Dies sind die Gründe , die mich in diesem Streite auf Raumers Seite treten lassen . Bei Riedel nimmt das Bürgergefühl Anstoß an der Adelsüberhebung und ficht doppelt sicher hinter dem Schilde der Loyalität . Raumer steht drüber , Riedel steckt drin . Er ist der Rat von Heilbronn , der über den gefangenen Götz von Berlichingen zu Gerichte sitzt . 13. Kapitel 13. Kapitel Dietrich von Quitzow auf Rühstädt , von Landsknechten erschlagen am 25. Oktober 1593 Die Quitzowfamilie tritt mit den Brüdern Dietrich und Johann von Quitzow vom historisch-politischen Schauplatz ab und findet von 1417 ( Dietrichs Todesjahr ) bzw. von 1437 ( Johanns Todesjahr ) an , keine Gelegenheit mehr , in die Landesgeschichte bestimmend einzugreifen . 17 Aber wenn es der Familie seitdem versagt blieb , Mittelpunkt großer und allgemeiner Interessen zu sein , so blieb sie doch in ihrem engeren priegnitzischen Kreise durch alle Jahrhunderte hin ein Gegenstand der Aufmerksamkeit und Teilnahme . Zu keiner Zeit mehr , als im Jahre 1593 , wo Dietrich von Quitzow auf Rühstädt in dem benachbarten , dem Havelberger Bistum zugehörigen Dorfe Legde , von Landsknechten erschlagen wurde . Der Hergang , der bis diesen Tag in der Gegend fortlebt war der folgende . Landsknechte , fünfzig oder sechzig Mann stark , die , sehr wahrscheinlich aus kurfürstlichem Dienst entlassen , auf dem Wege nach ihrer harzisch-halberstädtischen Heimat waren , waren am 25. Oktober 1593 unter Führung ihres Hauptmanns Jürgen Hanne ( der ein Weib und zwei Söhne , zehn- und siebenjährig , hatte ) bis nach Rühstädt gekommen und hatten hier nicht nur geplündert , sondern sich auch allerhand Ausschreitungen erlaubt . Dietrich von Quitzow , der in seiner Eigenschaft als Gutsherr vielleicht imstande gewesen wäre , dem Unfuge zu steuern , war abwesend und zwar in Glöwen , wohin er sich , um an einer Jagd teilzunehmen , begeben hatte . Die Rühstädter , in ihrer Angst und Bedrängnis , schickten Boten über Boten , die nicht nur das Geschehene vermeldeten , sondern auch um schleunige Rückkehr und Hilfe baten , eine Bitte , die Dietrich von Quitzow zu erfüllen nicht säumte . Er verließ auf der Stelle die Glöwener Jagd , außer von einem Diener nur noch von einem jungen von Restorf begleitet , der in einem Lehnsverhältnis zu den Quitzows stand , und ritt auf das anderthalb Meilen entfernte Rühstädt zu . Legde war halber Weg . Als er das große , reiche Bischofsdorf ( Legde ) passieren wollte , traf er allhier die Landsknechte bereits vor , die mittlerweile das Quitzowsche Rühstädt verlassen und ihren Plünderzug auf Legde zu fortgesetzt hatten . Dietrich von Quitzow ritt sogleich an den Führer heran , um ihm Vorstellungen zu machen und das Ungesetzliche seiner Handlungsweise vorzuhalten . Es scheint aber , daß dies tatsächlich ein strittiger Punkt war und daß sich der Landsknechtshaufen eines kurfürstlichen Briefes erfreute , der ihnen das Anrecht gab , Unterkommen und Verpflegung zu fordern . Mutmaßlich auf solches Anrecht gestützt , nahm sich der Landsknechtführer heraus , den ruhigen und gemessenen Worten Dietrichs von Quitzow übermütig zu begegnen , was , als diese Dreistigkeit mehr und mehr in Hohn und Frechheit ausartete , den jungen von Restorf derartig empörte , daß er das Pistol zog und den Jürgen Hanne niederschoß . Ein unüberlegter Akt , an den sich denn sofort auch ein furchtbares Massaker knüpfte . Wütend über den Tod ihres Führers , drangen die Landsknechte von allen Seiten auf Dietrich von Quitzow ein , zerrten ihn vom Pferde , durchstachen ihn mit ihren Spießen und Dolchen , und als das junge Leben trotz all dieser schweren Verwundungen nicht erlöschen wollte , kniete Margarete Brandenburg , Jürgen Hannes Weib , auf die Brust des Unglücklichen nieder und durchschnitt ihm die Kehle , wobei der zehnjährige Sohn ihr Hilfe leistete . Der junge von Restorf , auf den man ebenfalls eindrang , spornte sein Pferd und suchte sich durch Flucht zu retten , aber er ward eingeholt und in gleicher Weise wie Dietrich von Quitzow ermordet . Es war ein blutiger Sieg der Landsknechte , dem freilich eine Niederlage sehr bald folgen sollte . Die Nachricht von dem zu Legde Geschehenen lief im Nu durch die ganze Priegnitz und von allen Seiten her rückte Sukkurs heran , der aus dem benachbarten Adel , aber auch aus der bewaffneten Bürgerschaft der nächstgelegenen Städte bestand . Die Landsknechte wurden umzingelt und gefangengenommen und zu kleinerem Teil auf dem Schulzengericht zu Legde , zu größerem Teil in den Schloßgefängnissen zu Kletzke , Rühstädt und Plattenburg untergebracht , wonach man ihnen den Prozeß auf Mord und Landfriedensbruch machte . Binnen verhältnismäßig kurzer Zeit erledigte die Justiz das Verfahren und unterm 30. April 1594 erging Urteil und Befehl des Kurfürsten Johann Georg an Otto von der Huden , Landrichter zu Perleberg , ferner an David Heinisch , Bürgermeister zu Pritzwalk und letztens an Heinrich Lucke , Ratsverwandten zu Havelberg , wonach die Hinrichtung von Nickel Sasse aus Havelberg , Paul Hartke aus Güsten , Jakob Lautsch aus Kupferschmieden , Christoph Braun aus Frankenhausen , Peter Brunn und Botho Holzhausen aus Aschersleben , sowie der Margarete Brandenburg aus Spandau angeordnet wurde . Zum Schluß hieß es in dem kurfürstlichen Befehle : » So wollt Ihr denn obgedachte sechs Landsknechte , sowie des Führers Weib , in Gemäßheit gefällten Urtels mit dem Schwerte richten lassen und hernach verordnen , daß die Köpfe , Andern zum Abscheu und wegen der schrecklichen und unerhörten Mordthat , auf Stangen gesteckt werden . « Der Rest der Landsknechte wurde gestäupt und Landes verwiesen . Die Hinrichtung geschah zu Rühstädt . So endigte der trübselige Vorgang , der zunächst in einer Mord- und Jahrmarktsballade verherrlicht wurde , darin nur noch schwache Nachklänge einer einhundertundfünfzig Jahre zurückliegenden besseren Balladenzeit zu finden sind . Einige Stellen , besseren Verständnisses halber leise variiert , mögen dies zeigen : ... Als der Junker darauf gen Legde kam , Den Führer er in die Frage nahm : » Mit wess ' Befehlen er sei versehn ? « Der Führer aber blieb trotzig stehn Und reichte dem Junker sein » Patent « , Der nahm es rasch in seine Händ ' , Auf daß er es lese ... Doch was geschicht ? Es konnte den Trotz verdulden nicht Christoph von Restorf und alsobald Erschießt er den Führer ... da mit Gewalt Eindringen die Knechte mit Spieß und Schwert , Und zerren den Junker herab vom Pferd Und des Führers Weib ( und ihr Bube mit ) Sie rauft ihn und mit den Schuhen ihn tritt ... Besser als diese Balladen waren die verschiedenen Monumente , die dem Andenken Dietrichs von Quitzow errichtet wurden . Eins , in Sandstein ausgeführt , erhebt sich bis diesen Tag in der Dorfstraße zu Legde , just an der Stelle , wo der Mord verübt wurde . Das Denkmal ist sehr stattlich und von einem überaus geschmackvollen Arrangement , das aufs neue den hohen Stand des damaligen ( beste Renaissancezeit ) Kunsthandwerks zeigt . Das Ganze hat eine Höhe von etwa fünfzehn Fuß und gliedert sich in Unterbau , Sockel und Nische mit seitlicher Säuleneinfassung , samt einem nach oben hin abschließenden und mit einem Christuskopf ausgestatteten Rundbogenaufsatz . In der Nische steht Dietrich von Quitzow in ganzer Figur , geharnischt , den Helm zu seinen Füßen , die Säulen rechts und links mit Wappen geziert . Der Sandsteinsockel aber trug als Inschrift die Ballade , daraus vorstehend einige Strophen von mir mitgeteilt wurden . So das Denkmal in der Dorfstraße zu Legde , das sich in der Kirche zu Rühstädt im wesentlichen wiederholt , nur mit dem Unterschiede , daß sich das Material ( Marmor und Alabaster statt Sandstein ) und mit ihm die Bildhauerarbeit , insonderheit die der Säulen und des Aufsatzes , um vieles reicher und künstlerisch durchgeführter erweist . Auch die Inschrift ist eine andere . Statt der Verse sind Bibelsprüche da , denen kurze Notizen über Leben und Tod Dietrichs von Quitzow vorausgehen . Sie lauten : » Anno 1593 ist der edle gestrenge und ehrenfeste Dietrich v. Quitzow auf Rühstädt erbsessen ( Dietrichs v. Quitzow weiland Hauptmann auf Schloß Lenzen Sohn ) im Dorfe Legde den 25. Oktober von einem Haufen trunkener Landsknechte unschuldigerweise erschlagen , folgenden Tages hierher gen Rühstädt gebracht und den 20. November in dieser Kirchen , in volkreicher Versammlung , ehrlicher und christlicherweise zur Erde bestattet worden . Gott verleihe ihm und uns allen eine fröhliche Auferstehung . Jesaias , Kapitel 56 : › Aber das Gerechte kommt um und niemand ist es , der es zu Herzen nehme ... Denn die Gerechten werden weggerafft vor dem Unglück ‹ . « Außer diesem Monument , rechts neben der Kanzel , ist in der Kirche zu Rühstädt auch noch der besonders wohlerhaltene , schön gearbeitete Marmorgrabstein Dietrichs von Quitzow vorhanden , so daß , was dem berühmten Dietrich von Quitzow an Bild und Huldigung über das Grab hinaus versagt blieb , dem unberühmten in reichem Maße zuteil wurde . Die Legende dieses Grabsteins , die – weil das nebenstehende Marmor- und Alabastermonument alles erzählt – die Ursache seines Todes verschweigen zu dürfen glaubt , lautet einfach : » Anno 1593 , den 25. Oktober , ist der gestrenge und ehrenfeste Dietrich v. Quitzow ( Dietrichs Sohn ) , auf Rühstädt erbgesessen , in Gott selig entschlafen . Der verleihe ihm eine fröhliche Auferstehung ! « * Überhaupt , wie hier hinzugefügt werden mag , ist die Kirche zu Rühstädt , die von ältester Zeit an die Ruhestätte ( daher der Name ) der Quitzowfamilie war , reich an Monumenten und Grabsteinen , wenn dieselben auch nicht annähernd der Zahl derer entsprechen , die hier im Laufe von vielleicht dreihundert Jahren beigesetzt wurden . So befindet sich , neben dem Grabstein des 1593 ermordeten Dietrichs von Quitzow , noch ein schöner Doppelgrabstein , Mann und Frau , eines um ein Menschenalter zurückgehenden Dietrichs von Quitzow ( fast alle Quitzows hießen Dietrich ) , dessen Legende lautet : » Anno Domini 1569 den 14. Oktober ist der edle gestrenge ehrenfeste Dietrich v. Quitzow , Jürgen ' s seliger Sohn , erbgesessen zu Kleetzke , Rühstädt , Eldenburg , Vogtshagen , christlich in Gott entschlafen und erwartet allhier der fröhlichen Auferstehung . Amen . Seines Alters LIV . « Dieser selbige hat auch noch ein Monument , das – wie vor dem Altar die Grabsteine beider rivalisieren – so , neben der Kanzel , mit dem Epitaphium des 1593 erschlagenen Dietrichs von Quitzow an künstlerischer Tüchtigkeit wetteifert . Material , Aufbau , Größe sind dieselben , aber das neunundsechziger Monument ist dem dreiundneunziger noch überlegen und zwar nicht bloß an Schmuck , sondern auch an Schönheit . Es erfreut sich ebenfalls einer langen Inschrift , der ich folgende charakteristische Zeilen entnehme . » Dietrich ( aus adligem Geschlecht Der Quitzowen geboren ächt ) Bei Jürgen , seinem Vater werth , Begraben ruht hier in der Erdt . Er liebte Gottesfurcht vor all Ding , Christo allein mit Glauben anhing , Dem Priesterstande that sein ' Ehr , Welches Anderen werd ' eine Lehr ... « Und so in vielen Reimen weiter . Das Ganze sichtlich der Erguß eines mit seiner Gemeinde , vielleicht auch mit seinem neuen Patron auf dem Kriegsfuße lebenden Eiferers . * Drei noch ältere Quitzowgrabsteine stehen aufrecht in der Rühstädter Chornische . Der älteste datiert vom Jahre 1527 . Neben ihm erhebt sich der einer Priorin oder Äbtissin von Quitzow ( nicht Skulptur , sondern Temperabild auf Stein ) und gegenüber ein dritter Grabstein aus dem Jahre 1552 . Dieser , während sie den beiden anderen fehlt , hat eine Inschrift : » Anno Domini 1552 , den Donnerstag nach Martini , ist gestorben der ehrbare und ehrenveste Diricke v. Quitzow , der Olde , dem Gott gnädig und barmherzig sei . « Grabsteine , die bis vor 1527 zurückgehen und über die Quitzows der Quitzowzeit oder doch wenigstens ihrer Kinder und Enkel einige wünschenswerte Daten geben könnten , sind nicht da . 18 Daß Johann von Quitzow seine Ruhestätte hier gefunden , ist nicht erwiesen , aber auch nicht ausgeschlossen . 14. Kapitel 14. Kapitel Die Eldenburger Quitzows . Quitzow der » Judenklemmer « , sein Sohn und sein Enkel Quitzöwel und Rühstädt , Stavenow und Kletzke , 19 waren altquitzowscher Besitz , zu dem sich , in Markgraf Waldemars Tagen , auch noch die ganz im Nordwesten der Priegnitz gelegene , von zwei Armen des kleinen Eldeflusses eingeschlossene und nach eben diesem Flusse benannte Eldenburg gesellte . Wir erwähnten ihrer schon in einer Grabinschrift im vorigen Kapitel . Diese Eldenburg wechselte dreimal ihre Gestalt . Zu Beginn des 14. Jahrhunderts errichtet und von den Quitzows auf Kletzke , Quitzöwel und Rühstädt ( oder doch von der Vetterschaft derselben ) zeitweilig bewohnt , stand die Burg dieses Namens , und zwar in ihrer ursprünglichen Gestalt , bis 1588 . In diesem Jahre war sie derart unbewohnbar geworden , daß man an ihre Abtragung ging und aus ihren Steinmassen ein neues Schloß herstellte . Dies hielt sich durch fast drei Jahrhunderte hin und bildete mit seinen tief in das Dach sich einsenkenden Giebeln und den fünf Spitzen seines Turmes einen Schmuck der Gegend . Am Gründonnerstage 1881 aber wurde diese Herrlichkeit , zu der auch » so viel Fenster wie Tage im Jahre « gehörten , durch einen furchtbaren Brand zerstört , und was sich jetzt noch anstelle von » Burg « bzw. » Schloß « Eldenburg erhebt , ist ein verhältnismäßig kleines und schmales Gebäude mit glattem Ziegeldach und einem viereckigen dicken und ziemlich hohen Turme darüber . 20 Dieser Turm , jetzt Hofuhr und Taubenschlag beherbergend , ist noch ein Rest des ursprünglichen ältesten Baues , in dem sich unter anderem auch der in der ganzen Priegnitz bekannte » Quitzowstuhl « befindet , ein großes Hufeisen , das » Quitzow der Judenklemmer « zu Beginn des 16. Jahrhunderts in die Mauer einfügen ließ . Zu welchem Zwecke , soll in nachstehendem erzählt werden . * Um 1517 saß Kuno Hartwig von Quitzow , mit dem Zunamen der » Judenklemmer « , auf der Eldenburg . Es war dieselbe Zeit , in der sich die Juden in der Mark , besonders aber in der Altmark , durch Kurfürst Joachim I. verfolgt sahen und nach Mecklenburg , Lüneburg und Hamburg flüchteten . Alle diese mußten an der Eldenburg vorüber . Wenn sie nun zum Schlagbaum beim Dammzoll kamen , ließ Quitzow für die Wegerlaubnis einen Goldgulden von ihnen fordern und jedem , der sich diesen Goldgulden zu zahlen weigerte , nach dem Turme schleppen , demselben Turme , der jetzt noch steht . Dort ging es auf langer Leiter zu der ehemaligen Türmerstube hinauf , in welcher Stube Kuno Hartwig von Quitzow eine ebenso sinnreiche wie primitive , den Spaniern , bei denen er gedient , abgelernte Marterstätte zur Erpressung des Juden-Wegegeldes hergerichtet hatte . Tief in das Mauerwerk war , wie schon in Kürze hervorgehoben , ein großes Hufeisen eingelassen . Auf dieses kam der gefangene Jude derart zu sitzen , daß nur die Fußspitzen den Boden erreichten . Über die Knie wurde ihm eine starke Eisenstange gepreßt , die rechts in einer Angel hing