den Weg ab ... Nun schien sie ihnen wirklich Gehör geben zu wollen und schon hatte Hubertus manchem Fragenden den Brief und die Landsmannschaft als einen äußern Grund bezeichnet , den ihr Verlangen haben durfte , jene Dame zu sprechen ... Endlich riefen sie ihr zu , redeten sie an - nun war sie gezwungen , sich ihnen zu stellen ... Hubertus wußte , was sie Klingsohr gewesen ... Dieser sah , wie Lucinde , Rom schon längst als das Höchste aus Erden an , als das Paradies der Seligen schon hienieden ... Beim ersten Wort , beim ersten Gruß erging er sich in jenem Entzücken seines geknickten Geistes , das ihm in so beglückender Situation , wie in den besten Zeiten seiner Vergangenheit , wiederkehren mußte ... Selbst die Eifersucht loderte auf , als Lucinde nach den Offizieren spähte , dann die Aufschrift des Briefes im Dunkeln zu erkennen suchte ... Zerreiße den Brief ! rief er . Wir wollen ihn nie , nie geschrieben haben ! Bist du hier nicht mächtiger , als ein Bischof ! Wer feiert eine Hochzeit - als mit dir ! Sieh diese Fackeln , diese Feuerflammen - wie Nero möcht ' ich Rom anzünden , um deine Epithalamien zu singen ! ... Jesus hilf , sprach diesmal voll Bangen Hubertus statt seiner ... Dazwischen kam die Herzogin und bald der Trupp der Offiziere und der jungen Prälaten ... Die beiden Bettler wurden verwiesen , hart bezeichnet mit den ihrer Keckheit gebührenden Worten ... Aber die Ungeduld , die Freude , die Spannung auf Verständigung nach so langer Trennung hatte sie beide wie im Wirbel ergriffen ... Diese wilde festliche Nacht konnte so nicht enden ; sie schien alles zu erlauben ... Sie ließen den Pater Vincente beim Sack des Klosters , den die Köche , Diener und vornehmen Damen füllten ... Sie streiften zum Garten hinaus , erkannten die Möglichkeit , ihm von der Landstraße , vielleicht vom Feld her beizukommen ... Nur ein Wort noch Lucinden , nur noch eine Bitte um Wiedersehen , um die Begegnung in einer Kirche , etwa wie im Münster zu Witoborn zu den Füßen des heiligen Ansgarius ... So sahen sie jene schleichenden Räuber , wurden Zeugen des Ueberfalls , Lucindens Retter ... Klingsohr ' s Erinnerung an die Zeit der Mensur stählte seinen entnervten Arm ; ohne Waffe erhob er ihn , rang gegen das geschwungene Stilet des Banditen , riß diesen nieder und erlag im Stürzen nur einer größern Gewandtheit und der gereizten Wuth der Entfliehenden , die den Garten sich beleben sahen , während Hubertus schon den Riesen zugleich mit Lucinden niederzog aus den Zweigen des Oleanders , in denen sie sich festhalten wollte ... Hubertus drückte das eroberte Pistol los - ohne Scheu , wie einem Jäger geläufig war , der schon manchen Wilddieb niedergeschossen hatte ... Pater Vincente erfuhr , daß die gerettete Dame den beiden Deutschen werth und näher bekannt war ... Wieder offenbarte er die Vertrautheit mit einigen deutschen Worten ... Ueber sich selbst sprach Pater Vincente wenig ... Selbst die Neigung des gesprächsamen Hubertus , sich , wo er nur konnte , in der Sprache des Landes der Schönheit und der Banditen zu vervollkommnen , ergriff er nicht als Anlaß weltlicher Unterhaltung , sondern erinnerte ernst an jene Bitten , die für Kranke zu sprechen die vorgeschriebene Regel des kirchlichen Lebens ist ... Dann - ohne den Sack mit Lebensmitteln ins Kloster zurückzukehren - ! Eine Aussicht war das auch auf einen Dorn zur Märtyrerkrone mehr ... Um elf Uhr sollte der Tragkorb jener Benfratellen kommen , die einst auch Wenzel von Terschka so wohl verpflegt hatten ... Wäre Klingsohr nicht Mönch und bereits dem römischen Glauben gewonnen gewesen , so hätte man ihn jetzt in eine Anstalt gebracht , wo in Rom » Neuzubekehrende « ( Katechumeni und Convertendi ) in solchen Fällen leibliche und geistliche Pflege zu gleicher Zeit erhalten ... Das Geringste doch , womit sie dann für die Genesung beim Scheiden danken können , ist ein Uebertritt ... Um zehn Uhr schon kam die junge Signora vorgefahren , die gestern hatte von Räubern entführt werden sollen und heute der Gegenstand des Gesprächs und der Aufmerksamkeit für ganz Rom war ... Man nannte sie , wie solche Verwechselungen vorkommen , bald eine Fürstin , bald eine » spanische Herzogin « ... Das » Diario di Roma « , die Staatszeitung Sr. Heiligkeit , war noch nicht mit dem aufklärenden Bericht erschienen , wenn die schweigsamste aller Zeitungen überhaupt von dem ärgerlichen Vorfall Act nahm ... In Italien ist noch bei Hochzeiten die Sitte des » Lendemain « üblich ... Der Palazzo Rucca am Pasquino wurde von Wägen und den Abgeordneten der fünftausend privilegirten Bettler Roms ( der » Clientela « der alten Römerzeit ) den ganzen Tag nicht frei ... Auch nach dem Befinden der Donna Lucinda mußte gefragt werden ... Sie selbst hatte ein Dankopfer darzubringen für ihre Rettung ... Der nächsten Madonna gebührte der Sitte gemäß diese Huldigung ... So hörte sie die Messe in San-Giovanni di Laterano , dem der Rettung nächstgelegenen Gottestempel ... Graf Sarzana hatte sie auf diese Sitten beim Nachhausefahren aufmerksam gemacht ... Er war im Wagen zurückhaltender gewesen , als in der Gesellschaft ... Am Pasquino war er ausgestiegen ... Vom Wein , von den Abenteuern und dem Rendezvous bei der Messe - so ließen sich denn doch wol auch seine Andeutungen verstehen - erregt , declamirte er Verse an die Säule des Hadrian , an die Obelisken des Venetianerplatzes , an denen sie vorüberfuhren , misbrauchte aber nicht die Vortheile des Alleinseins mit dem offenbar zum Tod erschöpften Mädchen ... Als sie heute den Pasquinostein mit Gensdarmen besetzt fanden , sagte er : Ist diese Wache nicht selbst schon eine Satire ? ... Die Messe war wie immer in dem » stiefmütterlich « behandelten und gegen die Sanct-Peterskirche zurückgesetzten Gottestempel am Lateran einsam und der große , wie fast alle römischen Kirchen einem Concertsaal ähnliche Raum lag ganz in jenem Schweigen , das die Sammlung unterstützen konnte ... Lucinde kniete und träumte ... Graf Sarzana fehlte ... Er hatte sich in aller Frühe schon wegen seines Ausbleibens entschuldigen lassen - Im Duft des Weihrauchs sammelte sie sich ... Secreta - Canon - » Wandlung « - sie unterließ kein Kreuzeszeichen und dachte an die noch schlummernden jungen Ehegatten - an die Morgengeschenke , die Ceccone schon in aller Frühe für das junge Paar geschickt hatte - auch für sie lag eine kostbare Broche , Venetianer Arbeit , dabei - An Graf Sarzana ' s Schnurrbart und unheimliche Augen - An die schlaflose Nacht ihrer Feindin , der Herzogin von Amarillas - An Hubertus und seine Vertrautheit mit der ältesten Geschichte des Kronsyndikus - An Klingsohr ' s möglichen Tod - An Bonaventura ... Dann sang der Priester : Ite Missa est ! ... Mit gestärkter Kraft schritt Lucinde über die bunte Marmormosaik des Fußbodens dahin ... Sie trat aus den Reihen der großen Porphyrsäulen hinaus auf den Platz der » heiligen Treppe « und ließ sich von ihrem Bedienten in den Wagen helfen ... Der Bediente erzählte , der ganze Weg bis zu Castel Gandolfo , wohin Se . Heiligkeit heute frühe hinausgefahren , wäre des Räuberüberfalls von gestern wegen mit Carabiniers besetzt und würde eben noch von einzelnen Trupps der Leibwache bestrichen , unter denen sich auch Graf Sarzana befunden hätte ... Deshalb hatte er bei der Messe fehlen müssen ... Lucinde konnte erwarten , daß Se . Heiligkeit selbst sie nächstens beriefen und ihr persönlich seinen Glückwunsch abstatteten ... Daß die Regierung hier über den Tod Grizzifalcone ' s anders dachte , als jeder gewöhnliche Freund der Ordnung , wußte sie schon ... Besonders sollte der alte Fürst Rucca daran auf verdrießliche Art betheiligt gewesen sein ... Er hatte ihr kaum einen guten Morgen ! gewünscht , als er ihr auf der Marmortreppe seines Palazzo bei ihrer Ausfahrt begegnete und murmelnd in die Bureaux seines Parterre schlich ... Die Fahrt zur Villa Rucca dauerte nur wenige Minuten ... Aber der Ueberblick einer Welt konnte sich für ein Wesen wie Lucinde in sie zusammendrängen .... Das Nächste : Sollte Klingsohr die Nacht über gestorben sein ? war schon abgethan ... Vor einigen Jahren hätte Lucinde darin eine Gunst des Zufalls gefunden ... Auf ihrer jetzigen Höhe war ihr ein in Clausur eines strengen Klosters lebender ehemaliger Verlobter kein zu gefährliches Schreckbild mehr ... Sie hätte ja lieber mit Klingsohr und Hubertus mehr verhandelt ... Sie mußte es auf alle Fälle ... Der Herzogin von Amarillas wegen , die sie » unschädlich « machen wollte ... Wie stand sie überhaupt jetzt zu dieser » Posse des Lebens ? « ... Sie lehnte in ihrem offnen Wagen , die Hände ineinandergeschlagen und auf ihren weißseidnen Polstern ausgestreckt , wie eine Fürstin ... Das also bot ihr denn doch in der That Rom ! ... Sehet her , so lohnte sich jener Gang zu dem Bischof , bei dem sie einst ihre » hessische Dorfreligion « , das Lutherthum , abgeschworen hatte ... Der » Augenblick « , der goldene » Augenblick « , wie er jetzt dem auf dem goldenen Kreuz über der Kapelle » zur heiligen Treppe « blitzenden Sonnenschein glich , gehörte ihr , ihr , der » vom Leben Erzogenen « , mit » Thränen Getauften « - - wie sie im Beichtstuhl zu Maria Schnee in Wien , anzüglich genug für - den ungetauften Bonaventura , gesprochen hatte . Sie wollte diesen Augenblick ihr Eigenthum nennen ; sie wollte ihn sobald nicht wieder fahren lassen ... Sie wußte , daß sie hinuntersteigen würde ... O , das kannte sie schon als ihr altes Lebensloos ... Aber bei einem Sturz kommt es auf die Höhe an , von wo herab ! ... Die Bedingungen des künftigen Elends , das sie vollkommen voraussah , richteten sich nach der Lage , die sie verließ ... So dachte sie : Jetzt oder nie ! ... Was ist das mit dem Grafen Sarzana ? ... Warum will mich die Herzogin von Amarillas nicht bei sich behalten ? ... Warum flüstert der Cardinal so lächelnd mit dem interessanten , geistvollen Offizier , der mir offenbar den Hof macht und doch - ... Warum lächelten beide so zweideutig ? ... Seitdem Lucinde damals vor Nück zu Veilchen Igelsheimer entflohen war , hatte sie für die Verwickelungen des Lebens Gigantenmuth bekommen ... Sie hatte auch den Muth , vor nichts mehr - zu erröthen ... Sie ahnte , was zwischen Ceccone und dem Grafen Sarzana vor sich ging ... Daß sie nicht um Kleines zu erobern war , hatte sie wol schon gezeigt ... Ja - haßte sie nicht eher die Männer überhaupt ? ... In » Maria Schnee « hatte sie nicht Zeit gefunden , Folgendes zu beichten : Sie hatte das Kattendyk ' sche Haus um den Thiebold ' schen Streit über die Kreuzessplitter verlassen ... Sie war zur Frau Oberprocurator Nück gezogen , die sich schon längst ihre wärmste Freundin und Bewundrerin nannte ... » Jede kluge Frau « - stand in Serlo ' s Denkwürdigkeiten - » macht die zu ihrer Freundin , die ihrem Platz bei ihrem Manne gefährlich zu werden droht . Kühlt sich durch eine nähere Bekanntschaft dann nicht an sich schon die Glut des Interesses beim einen oder andern ab , so hat die Frau den Vortheil , der Welt die böse Nachrede zu verderben ... « So dachte freilich die Oberprocuratorin nicht , aber die Wirkung blieb dieselbe ... Lucinde war bei den täglichen , mit Frau Dr. Nück gepflogenen Erörterungen über Kleiderstoffe , Farbenzusammenstellungen und die Echauffements ihres Gesichts nirgends vor ihrem Mann sicherer , als in seinem eignen Hause ... Dennoch verließ sie es , als sie eine grauenhafte Sage , die über Nück im Munde des Volkes ging , bestätigt fand . Er selbst hatte es ihr einst gesagt , daß sich ihm zuweilen eine Binde vor die Augen legte , die ihn verhinderte zu wissen , was er thäte .... Dann müßte er Hand an sich selbst legen ... Es waren wirkliche Thränen - » der Nervenschwäche « , die ihm flossen , als er sagte , in solcher Lage würd ' er einmal sterben , wenn nicht ein Wesen um ihn wäre , das ihn vor Wahnsinn bewahrte ... Was halfen die » Davidsteine « aus seiner Beichte bei Bonaventura - ! Was half die Erkenntniß , daß jeder , jeder Geist untergehen muß , der anders spricht und handelt , als er denkt - ... Am achten Tag nach Lucindens Einzug in sein Haus wollte sie ihm in seine Zimmer einen spätangekommenen Brief tragen und fand ihn hängend unterm Kronleuchter . Das Sopha darunter , das auf Rollen ging , war zurückgeglitten ... Der Anblick war furchtbar ... In Momenten der Gefahr bewährte sich Lucinde nicht . Sie sah Hammaker den schwebenden Körper hin- und herschaukeln ; sie hörte die » Frau Hauptmännin « ein Wiegenlied auf ihrer Guitarre dazu klimpern ; die Blätter in Serlo ' s Erzählungen vom Pater Fulgentius und Hubertus flogen auf ... Sie floh vor dem grauenhaften Anblick , ohne den Muth zu haben Lärm zu machen ... Ja sie fühlte mit grausigem Gelüst der That des Hubertus nach - ihn ruhig hängen zu lassen - den lebensmüden , gewissenszerrütteten Mann - der sie in so entsetzliche Verwickelungen des Lebens geführt , der so viel Verleumdungen und Zweifel über sie in Bonaventura ' s Urtheil verpflanzt hatte ... Aber nun vor sich selbst als dann einer Mörderin erbebend , konnte sie nichts thun als die Flucht ergreifen ... Sie raffte ihre wichtigsten Sachen zusammen , klingelte und lief wie von bösen Geistern verfolgt zu Veilchen Igelsheimer in die Rumpelgasse ... Die Nacht über mußte sie annehmen , daß der Oberprocurator - durch ihre Schuld ! - todt war ... Sie blieb einige Tage versteckt , sie , die Mörderin des Verhaßten ... Allmählich erfuhr sie , daß Nück noch lebte und nur heftig erkrankt war ... Ueber diese Annäherungen ihres Lebens an Brand und Mord verließ sie die Residenz des Kirchenfürsten . Sie folgte Bonaventura nach Wien ... Gefeit gegen alles , zog sie Männertracht an und lebte wie ein Mann ... Sie hatte seitdem nichts mehr von Nück gehört , als daß er , zurückgezogen von den Geschäften , auf dem Lande wohnte ... So war sie reif für Rom ! ... Ihrem Auge hatte sich die sittliche Welt aller Hüllen entkleidet , wie nur einem katholischen Priester , der , um den Himmel lehren zu können , in den Vorkommnissen der Hölle unterrichtet wird ... Sie haßte und verachtete , was sie sah - und im Grunde nichts mehr , als die Männer ... Für diese hohen Würdenträger der Kirche , für diese Tausende von ehelosen Geistlichen , die Rom zählt , war ihr jeder Begriff von Tugend zur Täuschung geworden . Ist Rom » mit Ablässen gepflastert « , wie jener Pilger zu Bruder Federigo gesagt hatte , so sind die Sünden dort wie Straßenstaub ... Die Beichtstühle der katholischen Welt scheinen in Rom mit den Geheimnissen der Menschen seit zwei Jahrtausenden umgestürzt und ausgeschüttet worden zu sein ... Ja sogar der Heiligste der Menschen , der Bischof von Castellungo , war - » ungetauft « ! ... Sein Rival , Pater Vincente , hatte für einen geträumten » Kuß in der Beichte « gebüßt ! ... Lucinde nahm nichts mehr , wie es sich gab ; sie zweifelte an Allem ... Dem » ungetauften Heiligen « hatte Lucinde in Wien Dinge gebeichtet , die bei diesem allerdings ihren Besitz der Urkunde Leo Perl ' s in Schach halten konnten ... Bonaventura durfte nach diesen Geständnissen ruhiger werden ... Sie hatte in der That begonnen von ihrer Bonaventura schon bekannten Begegnung mit Räubern ... Sie hatte erzählen müssen vom Eindruck , den auf eine nicht von ihr genannte , aber leicht zu erkennende Person ( Bonaventura ergänzte sich : » Nück ! « ) die Mittheilung gemacht hätte , daß jener Hammaker seinem frühern Gönner eine tödliche Verlegenheit hinterlassen wollte durch eine ins Archiv von Westerhof einzuschwärzende falsche Urkunde ... Sie hatte Nück ' s Betheiligung als eine nur passive dargestellt , ihren eigenen Zusammenhang sowol mit dem Brand wie mit dem Fund des Falsificats nur als die äußerste Anstrengung , das Verbrechen zu hindern ... Dennoch - sie gestand es , war es ausgeführt worden ... Ein kurzer Schauder Bonaventura ' s - ein Seufzen - » Was muß ein katholischer Priester alles in der Beichte hören und verschweigen ! « ... Dann fuhr sie fort und berichtete vollständig , Jean Picard hätte sogar für seine Rettung und Flucht den Beistand eines Mannes gefunden , der zufällig in ihm denjenigen erkannte , für dessen Wohl er noch die letzten Anstrengungen seines Lebens hätte machen wollen ... ( Bonaventura sagte sich : » Hubertus ! « ... ) Was aus dem Brandstifter geworden , wußte sie nicht ... Nück hätte das Geschehene nicht ohne die größte Gefahr für seine Ehre aufdecken können , wäre auch durch nichts dazu gedrängt worden , da sowol ein Ankläger fehlte wie die anfangs von ihm so gefürchteten Gelderpressungen des Brandstifters , der sich von seinem Unternehmen mit gutem Grund die stete Beunruhigung und Ausschröpfung Nück ' s hätte versprechen dürfen ... Picard war in einem Grade verschollen , daß man selbst seinen Tod - wer weiß , ob nicht von den Händen seines ungenannten , von Bonaventura errathenen Retters - annehmen durfte ... Alle diese Vorgänge beichtete Lucinde in ihrer vollen Wahrheit , gedrängt von den Drohungen des Grafen Hugo ... Sie warf ihre Sorge auf die heilige römische , alleinseligmachende Kirche , auf die nahe Beziehung derselben zu Gott , auf den Schatz der guten Werke , der die reichste Vergebung aller der Sünden gestattete , die die weltliche Welt , die Welt des Gesetzes , die Welt der Fürsten , ihrer Helfer und Helfershelfer nicht zu wissen braucht - - ... Das war die Lehre der Kirche , die ihr immer so wohlgethan ... Die gab ihr jenen Muth und jenes Talent , eine » Beate « scheinen zu können ... Was auch an Angst über diese Verbrechen in ihrer Seele lebte , sie warf alles auf Bonaventura ... Seiner Vermittelung der grauenhaften und für ihren Ruf , ihre Freiheit so gefährlichen Vorgänge vertraute sie - seiner » vielleicht noch für sie erwachenden « Liebe - seiner Furcht auch vor ihrem zweiten » Geheimniß « - über ihn selbst ... Zu Enthüllungen über die Ursachen der Flucht Lucindens aus dem Nück ' schen Hause blieb die Zeit nicht gegeben ... Den Ton der tiefsten Entfremdung gegen sie , einen Ton aus dem Urgrund der Seele , den Bonaventura nicht überwinden konnte , milderten die priesterlichen Formen ... Da erklang der sanfte Ton der Güte , da das stille Murmeln des Gebetes , da die ernste Ermahnung ... Furcht über ihre Mitwissenschaft an seinem eigenen tiefen Lebensunglück beherrschte ihn nicht ... Schon beim ersten Nennen Bickert ' s unterbrach er sie mit den Worten : Jener Verbrecher , dessen Reue Sie immer noch unvollständig machen durch das Zurückbehalten seines Raubes ! Warum erhielt ich nie , was Sie von ihm besitzen ? Ist Ihr Bedürfniß , sich an mir zu rächen , noch so lebhaft ? Warum sagen Sie mir nicht , was ich aus dem beraubten Sarge von Ihnen zu fürchten habe ? ... Alle diese Fragen ließ Lucinde ohne Antwort und ihn selbst verhinderte sein Stolz , verhinderte sein Schmerz um seines Vaters so schwer bedrohtes Schicksal anzudeuten , daß er den Inhalt der Leo Perl ' schen Schrift kannte ... Vollends mahnte die nächste Gefahr , die vom Grafen Hugo mit Erneuerung des Processes drohte , zu dringend ... Zu dringend sogar die Möglichkeit , daß Lucinde ihrer Freiheit beraubt werden und die Beschlagnahme ihrer Papiere gewärtigen konnte ... Nachdem Lucinde in Bonaventura ' s Ohr geflüstert hatte , was sie vom Brand in Westerhof und aus Nück ' s Mittheilungen über Hammaker ' s Vorhaben wußte , verlebte sie Stunden der höchsten Angst ... Sie durfte irgend eine Unternehmung , irgend eine Berührung mit dem Grafen Hugo erwarten ... Es wurden aber Tage daraus - zuletzt Wochen ... Niemand mehr erkundigte sich nach ihr ... Weder der Graf , noch Bonaventura ... Hatte dieser den Grafen so vollständig beruhigt , so ganz die von ihr eingestandene Fälschung der Urkunde verschleiert ? ... Sie hörte Bonaventura ' s italienische Predigt ; sie theilte die Bewunderung der Hörer sowol über den Inhalt , wie über die Form ; sie frischte selbst ihre alte Kenntniß des Italienischen auf und nahm Unterricht darin ... Kein Wort aber kam vom Grafen , kein Lebenszeichen von Bonaventura , der inzwischen nach Italien abgereist war - ohne von ihr irgend einen Abschied gekommen zu haben ... Anfangs sandte sie ihm einen zornigen Fluch nach , dann erstickte der Schmerz in Schadenfreude ... Graf Hugo war denn also wirklich nach Schloß Westerhof gereist und alle Welt erklärte die Heirath zwischen dem Grafen und Comtesse Paula für so gut wie geschlossen ... Paula vermählte sich ! ... Es war das Gespräch der ganzen Stadt ... Inzwischen fing sie an bittre Noth zu leiden ... Ihre Geldmittel waren erschöpft ... Was sollte sie beginnen ? Welchen Weg einschlagen , um sich in dieser so schwierigen Stellung eines alleinwohnenden Mädchens zu behaupten ? ... Durfte sie es ein Glück nennen , wenn sie hier plötzlich - Madame Serlo und ihren Töchtern wieder begegnete ? ... Wol durfte die theaterlustige Stadt beide alte Gegnerinnen zusammenführen . Serlo ' s Kinder waren schnell herangewachsen und gefällige Tänzerinnen geworden . Sie protegirten Lucinden , die sie herabgekommen , eingeschüchtert , in schon schwindender Jugend sahen . Sie boten ihr nicht nur ihren eigenen Beistand , sondern auch den - ihrer Beschützer . Die Kinder waren leichtsinnig . Die Mutter » genoß « nun , wie sie sagte , ihr Leben nach langer Entbehrung ; sie genoß es auch im Behagen , prahlen zu können ; ja - » Herz « zeigen zu können , gewährte ihr , ganz nach Serlo ' s Theorie , eine eigene Genugthuung ... Frau Serlo - das war ein elektrischer Leiter für die ganze begrabene Vergangenheit Lucindens ... Sie erzählte jedem , was sie von Lucinden und Klingsohr , von Jérôme von Wittekind , vom Kronsyndikus wußte ... Daß Dr. Klingsohr in Rom gefangen saß , war allgemein bekannt ; oft genug wurde Lucinde in die Lage gebracht , über diese Beziehungen Rede zu stehen ... Sie wohnte in der ärmlichsten Vorstadt ... Empfehlungen von Beda Hunnius und Joseph Niggl öffneten ihr wol manches fromme Haus ; die Gewohnheiten einer Convertitin behielt sie bei ; sie blieb eine der eifrigsten Besucherinnen der Kirchen und Andachten ; aber ihre Lage wollte sich nicht dadurch bessern ... Von Nück wollte sie nichts begehren ... In ihrer steigenden Noth dachte sie : Du schreibst an den Dechanten , wie ihr damals Bonaventura durch Veilchen hatte rathen lassen ... Sie unterließ es ... » Wenn es nicht die Asselyns wären ! « ... Nun suchte sie selbst Stunden zu geben ... Ihre Musik suchte sie hervor ... Sie versuchte sich sogar in dem ihr gänzlich versagten Gesange ... Dies Letztere , um zugleich in der italienischen Sprache sich zu vervollkommnen und sich rüsten zu können zu ihrer letzten » Pilgerfahrt nach Rom « - » vor ' m Zusammenbrechen « ... Sie nahm Singstunden bei Professor Luigi Biancchi ... Sie waren bei diesem gesuchten Maestro theuer ... Aber für jede Stunde , die sie in der Currentgasse nahm , gab sie eine in der Weihburggasse , wo Serlo ' s Kinder wohnten ... Diese wollten den Cavalieren gegenüber , die die Tänzerinnen des Kärnthnerthors auszeichneten , ihre vernachlässigte Bildung nachholen ... Eine Weile ging das alles leidlich ... Aber wie viel Stunden ließen die undankbaren Mädchen , die sie einst auf ihrem Schoose geschaukelt und so oft auf ihrem Arm getragen hatte , absagen und rechneten sie nicht an ! ... Zum Glück - bei ihrer Manie für die Ausbildung im Italienischen konnte sie so wol sagen - wurden eines Morgens die beiden alten Männer Biancchi und Dalschefski - verhaftet ! ... Der Italiener , der Pole verschwanden auf dem Spielberg bei Brünn , wo die » schwarze Commission « über die Revolutionen tagte ... Das Aufsehen , das dieser Vorfall in ganz Wien machte , der Schrecken , den darüber vorzugsweise Resi Kuchelmeister und Jenny Zickeles empfinden mußten , führte Lucinden diesen beiden Damen näher ... Vielleicht würde sie ganz in das Zickeles ' sche Haus eingedrungen sein , wenn ihr nicht die noch bei Madame Bettina Fuld verweilende Angelika Müller , » die diese Abenteurerin schon seit Hamburg kannte « , mit mehr als drei Kreuzen entgegengetreten wäre ... Kurz nach Weihnachten hatte Lucinde Tage der Verzweiflung ... Sie sprach italienisch , wie eine geborene Italienerin , aber sie hatte Schulden - Schulden - bis zum Ausgewiesenwerden aus Wien ... Schulden machen den Menschen erfinderisch ... Sie wecken Genie bei Dem , der dergleichen nicht zu besitzen glaubt ... Die Resultate des Nachdenkens jedoch über die Mittel , sich zu helfen , sind nicht immer unserer moralischen Vollkommenheit günstig ... Lucinde war nie » gut « ; Mittel und Wege , entschieden » schlecht « zu werden , boten sich ihr genug ... Das wohlfeilste darunter , sich unter die Protection irgend eines Mannes , der sie zu lieben vorgab , zu begeben , vermied sie - ... Aus zunehmender Abneigung gegen die Männer überhaupt ? ... Wozu hatte sie so gut Italienisch gelernt ! - ... » Freund der Seele , ich komme , um meinen Spuk mit dem Fund aus dem Sarge zu entkräften ! Ich will ihn in deine Hände zurückgeben ! Ich will mit dir die Frage erörtern : Was ist diese Welt , was Glaube , was unsere ganze dies- und jenseitige Seligkeit ? « ... » Das blieb ihr denn doch noch immer übrig , noch einmal nach Robillante und Castellungo schreiben zu können ... Jetzt vollends , wo sich Paula in der That - dem Verbrechen der Fälschung ? - hatte opfern müssen « - ... Lucinde rechnete und wühlte ... Serlo ' s Kinder waren hübsch , aber ohne Geist . Ihre Lehrerin brauchte nur bessere Kleider anzuziehen , als sie sich erborgen konnte , und sie hätte schon die Aufmerksamkeit dauernder gefesselt ... Wie sonst , so auch jetzt ... Lucinde konnte verschwinden und auffallen ; sie konnte als Magd und als Königin erscheinen ; die Devotion war die Maske für beides ... Blinzelte sie nur einmal mit der vollen Macht ihrer kohlschwarzen Augen , gab sie sich mit dem ganzen Vollgefühl ihres übermüthigen Geistes , so erstaunten Grafen und Fürsten , die , mit Serlo ' s Töchtern und Madame Serlo plaudernd , die schlanke schwarze Lehrerin im einfachen Merinokleide nicht beachtet hatten ... Nach einem solchen Lächeln war ihr Mancher schon nachgesprungen , wenn die schlanke Kopfhängerin mit ihren französischen , von den Jesuiten de la Société de Marie herausgegebenen Geschichtsbüchern sich empfahl ... Madame Serlo hatte sie dann beim Wiederbesuch mit einem Hohngelächter empfangen ... Wäre Lucinde sentimental gewesen , sie hätte über dies ganze Familienleben ausrufen müssen : O wärst du noch zugegen , du abgeschiedener Geist des armen Vaters dieser Kinder ! Sähe dein erbittertes Gemüth eingetroffen , was du schon alles ahntest , als du auf dem Sopha lagst - und ich die Uhr zog , die ich vom Kronsyndikus damals noch hatte , um nach der Stunde zu sehen , wo du die Arznei nehmen mußtest ! ... Wie oft hatte Serlo gesagt : Und gesetzt , ich würde alt und erlebte , was ich voraussehe , ich kann mir denken , daß ich das Gnadenbrot bei den Meinigen annehme ! Nicht wie den alten Lear hinausjagen würden sie mich ; nein , ich bekäme die Reste von den Orgien , die sie feiern ; ich würde lachen wie ein Lustigmacher , würde leuchten bis zur Treppe und die Trinkgelder nehmen , die dem Papa in die Hand gesteckt werden ... » Hunger - thut weh « ! konnte Serlo dann wimmern , wie Edgar im Lear ... An Menschenhaß und Weltverachtung nahm Lucinde immer mehr zu ... Sie hatte schon im Spätherbst bei einem Besuch des Praters die Entdeckung gemacht , daß die aufgeputzte Besitzerin jener Menagerie von einem jungen Mann begleitet war , über den die alte Holländerin mit ängstlicher Eifersucht wachte ... Lucinde wagte nicht ihn schärfer zu betrachten , seitdem sie entdeckte : Das war Oskar Binder , der entlassene Sträfling , der spätere Spieler unter dem Namen » Herr von Binnenthal « ! ... Und von einem aufgehobenen Spielclub hatte sie gehört , den ein Herr » Baron « von Guthmann hielt ... Die Entdeckung war bei einer polizeilichen Recherche erfolgt , von der die ganze Stadt sprach ... Frau Bettina Fuld wünschte bei ihrer Abreise Andenken zu hinterlassen und kaufte zu dem Ende allerlei Schmucksachen . Sie wollte ihre Kasse nicht zu sehr in Contribution setzen und wandte sich auf den Rath der praktischen » Frau von Zickeles « , ihrer Mutter , an eine Auction im Versatzhause ... Wie erstaunte sie , dort jenes Armband verkäuflich zu finden , das ihr vor einem Jahr in ihrer Villa zu Drusenheim abhanden gekommen ! ... Das verfallene Versatzstück war auf den Namen einer Frau von Guthmann eingetragen , derselben , die damals bei ihr so gastlich aufgenommen gewesen ! ... Die Anzeige , die Arrestation erfolgte ... Lucinde las in den Zeitungen die nähern Angaben ... Wie versetzte die Hellauflachende das alles in ihre erste Jugendzeit ... Vom Lauscheraugenblick , als jene Frau vor ihrem spätern Mann auf den Knieen lag , fing ja ihr ganzes dunkles Leben