treu Ihr Gedächtniß ist , Egon ! Sie müssen diese Blätter oft lesen ! Ja , Pauline , sagte Egon gerührt , ich lese sie oft , sie sind ein Gedicht . Sie sind die Bekenntnisse einer wirklich schönen Seele . Ein junges , unerzogenes Mädchen , dumpf hinlebend , verheirathet , weil sie schön war , ohne Vermögen , ohne viel Bildung , ohne viel Lebensansprüche , nun gequält und die Qual ihres Looses für das allgemeine Frauenloos nehmend ... Da endlich jene Reise nach Landeck ! Die Stelle , wo die Mutter mir schreibt , daß sie von Heinrich Rodewald zum ersten Male auf den Schlag der Nachtigall wäre aufmerksam gemacht worden , les ' ich täglich ; denn ich kann sie auswendig . » Philomele scheidet nun , sagte Heinrich und auch wir werden uns trennen ! Unbekanntes Land , das uns die Sängerin des Haines birgt , bis sie wiederkehrt ! Ach , wir kennen unsre Heimat , wir kennen das Land unsres Winters , aber wir werden uns nicht wiedersehen . « Pauline , diese Denkwürdigkeiten ... ich lese sie oft ; sie stärken , sie erheben mich . Ich begreife jetzt , warum sich meine Mutter zuletzt in die Fluten einer ungewöhnlichen Andacht warf . Sie wollte nicht blos die Sünde , sie wollte auch das nur einmal blühende Lebensglück vergessen . Sie wollte vergessen , wie die Erde so schön ist ! Und gestehen Sie , waren Sie nicht erstaunt , daß ich nicht beschämt sage , als Sie auch nicht ein Wort der Anklage , nicht eines des vernichtenden Vorwurfes für Sie in jenen Papieren entdeckten ? Pauline schwieg finster ; denn fremde Güte drückt ... Über die Lösung des Knotens , fuhr Egon fort , fand ich nichts als die Worte : » Pauline erkrankte aufs Neue . In dem Glauben , sie würde ihrem Übel erliegen , in der Voraussetzung , mein Geliebtester würde schonungsvoll und edel meine Schwäche verzeihen und sich zu mir , der Treulosen , die dem Reichthum und Glanz ihres Kindes zu Liebe ihren Schwur brach und Alle , Alle betrog , in Vergebung zurückkehren , gewann sie eine junge , liebenswürdige , kindliche Anverwandte und bestimmte sie zu Rodewald ' s künftiger Gattin . Ich habe nichts mehr von Beiden , die sich wirklich verheiratheten und diese Länder verließen , gehört , nichts mehr hören mögen , ich wandte mich bald , da ich an dem Fürsten den gehofften Halt verlor , zu dem einzigen Hort des Lebens , dem Tröster aller Leiden , unserm Herrn und Heiland , der mir Gnade widerfahren ließ , aber auch stündlich zuruft : Demuth und Kreuz auf Erden ist allein Erhöhung zum Himmel ! « Pauline runzelte die düstren Augenbrauen . Dies ernste Gespräch kam ihr zu unerwartet . Es weckte zuviel der schmerzlichsten Erinnerungen aus vergangnen Tagen . Sie wollte der Gegenwart leben , den Augenblick genießen . Sie haßte alle Rück- und alle Vorblicke , sie floh die Reflexion und behauptete , Egon hätte eine verdrießliche Erfahrung gehabt und wäre nicht aufrichtig gegen sie . Sie haben ein Rencontre mit dem Herrn Voland gehabt , sagte sie . Ich weiß es , daß Sie ihn ungern in den » kleinen Cirkeln « sehen und ihm nicht verzeihen können , daß er das von Ihnen ihm dargebotene Portefeuille ausschlug . Die Beamten intriguiren ? Die Provinzialpräfekten ? Nicht ? Egon schwieg . Er wollte nicht antworten . Er weilte in den Erinnerungen seiner Mutter . Man brachte ihm hierher Briefe , Zeitungen . Er sah sie noch nicht an . Pauline kannte seine ernste Natur und mußte ihn schonen , um ihn nicht zu erzürnen . Sie las in den Blättern . Dann und wann ließ sie eine Bemerkung fallen , eine Notiz laut werden . Egon antwortete einsylbig . Erst als Pauline leise ging , aus einem Kästchen an ihrem Schreibtisch eine Cigarre mit Grazie hervorzog , sie über dem Cylinder der Lampe behutsam anzündete und mit wirklicher Anmuth sie dem Träumenden entgegenhielt , lächelte er , stand auf , nahm die dargebotene Licenz , sich es hier so bequem wie in seinem Hause zu machen , entgegen und wurde mit der ersten Wolke , die er hinausblies in das erwärmte , behagliche stille Gemach von dem Drucke , der auf seinem Herzen lastete , befreit . Was bringen die Blätter ? sagte er . Was fragten Sie mich vorhin über General Voland ? Oder von Rochus vom Westen , dem Gesandten ? Oder dem Präsidenten von Flottwitz ? Sprachen Sie nicht ? Er war zur Gegenwart zurückgekehrt . Fünftes Capitel Die Hintertreppen Die Geheimräthin fragte zuvörderst , wie der berühmte General sich zu ihm stelle . Egon antwortete : Ich weiß jetzt , warum General Voland von der Hahnenfeder sich scheute , in mein Ministerium einzutreten . Ich habe Entdeckungen gemacht , die mich bestimmen werden , den Hof vor diesem unklaren Charakter zu warnen . Entsinnen Sie sich jenes Professors Rafflard , der sich an Helenen so geflissentlich anschloß ? Die Geheimräthin bemerkte , daß sie von Helenen selbst erfahren hätte , dieser Rafflard wäre ein Jesuit . Helene , sagte Egon , war leichtgläubig , ein Spielball jeder Schmeichelei . Sie hatte von Rafflard Beweise seiner Intriguen genugsam in Paris erfahren . Sie wußte , daß ich alle Ursache zu haben glaubte , mich von ihm gehaßt zu wissen . Dennoch nahm sie ihn auf . Und warum ? Weil er ihr sagte , sie hätte die zartesten Hände und das weichste Herz . Helene ist das Opfer dieser Unfähigkeit , irgend einem freundlichen Worte zu widerstehen . Ich finde Das unter allen Umständen liebenswürdig , aber nicht unter jedem Umstande charakterfest . Rafflard soll in Verzweiflung über Helenen ' s Abreise sein , bemerkte Pauline . Der gute d ' Azimont schrieb mir , daß seine Mutter dem Jesuiten den Auftrag gegeben hätte , zu Gunsten seines Vermögens , das der Mutter und durch sie anderweitigen frommen Stiftungen anheimfallen solle , eine Scheidung zwischen ihm und Helenen zu veranlassen . Deshalb dieser Eifer , mich mit Helenen zu versöhnen ! Deshalb diese Leidenschaft , die mich zu einer Ehe zwingen wollte ! Ich werde Helenen nie vergessen . Wo mir etwas Sanftes , Zärtliches , Weiches , Hingebendes Bedürfniß ist , werd ' ich an Helene d ' Azimont denken . Aber sie hatte den Fehler aller Frauen , für Liebe einen ganzen Menschen zu verlangen und nur da praktischen Charakter zu zeigen , wo man ihr nicht huldigte . Egon gerieth immer in Feuer , wenn er gegen Helenen sprechen und weibliche Schwächen analysiren konnte ... Sie sind blasirt , Egon , sagte die Geheimräthin lächelnd . Und seit ich weiß , daß Ihnen Rafflard so früh den Casanova zu lesen gab ... Pauline hatte ein Bedürfniß , diese peinliche Unterhaltung heitrer zu modeln . Sie verschmähte dazu selbst ein frivoles Mittel nicht . Und Egon sagte : Rafflard legte den Grund meiner ersten Leiden . Er pflanzte früh in die Seele des Knaben verbotene Vorstellungen und lehrte mich Ekel und Überdruß an den Freuden , die Andre beglücken . Diesem Schändlichen jetzt sagen zu dürfen : Sie verlassen dies Land binnen dreimalvierundzwanzig Stunden , gewährt mir eine große Genugthuung ! In der That ? Wollen Sie Das ? Er kann Helenen folgen nach Turin , Rom , Paris , wohin er will . Ich habe die sprechendsten Beweise , unwiderlegliche Anzeigen , daß er hier im Interesse der Hierarchie zu wirken suchte und Sie würden erstaunt sein , wenn Sie wüßten , wer ihm Vertrauen geschenkt hat . Rafflard bewegte sich zuletzt in den höchsten Cirkeln ... Es fehlte wenig , daß er in die » kleinen « kam und eine Vorlesung über isolirte Gefängnisse hielt . Diese wunderliche Hofromantik kommt noch einst in die Lage , Heilige anzubeten , auf deren Reversseite sich Lovelace präsentirt . Wie komisch ist doch dies Jagen nach dem Aparten , Exclusiven ! Glauben Sie aber , daß General Voland - Ich glaube nicht , daß dieser kluge Mann irgendwie sich an untergeordnete Emissaire preisgibt , aber ich weiß , daß das Terrain für den Jesuitismus bei haltlosen , in allen Widersprüchen der Zeit hin- und herschwankenden Naturen gar nicht so ungünstig ist . Selbst aus dem Schooße der Freimaurerei , die sonst eine geschworne Feindin Loyola ' s ist , hat sich wieder ein päpstliches Autoritätswesen entwickelt , ganz wie im vorigen Jahrhundert ... Jetzt versteh ' ich den Artikel , den Stromer vorgestern im » Jahrhundert « lieferte . Er verfaßte ihn nach meinen Angaben und ich beobachtete die Wirkung desselben in den » kleinen Cirkeln « . O erzählen Sie ! Als ich eintrat , fühlte ich an einer gewissen Stille in dem kleinen traulichen Zimmer , daß ich selbst eben der Gegenstand des Gespräches gewesen war . General Voland steckte eben eine Zeitung ein , die er ohne Zweifel vorgelesen und glossirt hatte . Prinz Ottokar , ein Gegner des Generals , stand auf und sagte mit lautem Nachdruck , indem er mir die Hand reichte : Prinz Hohenberg , Sie haben Recht , daß Sie unklare Schleicher abfertigen lassen ! Als er gegangen war , sprach ich mich auf ' s Entschiedenste gegen die geheimen Gesellschaften aus ... Zitterte da die Altenwyl nicht für unsern geliebten Reubund ? Wohl ! Man kam wieder mit all dem romantischen Geflimmer , dem ich nun- und nimmermehr das Wort reden werde . Dies Liebäugeln mit dem Mittelalter hat den modernen Staat in seiner monarchischkonservativen Form fast zur Unmöglichkeit discreditirt . Ich ließ die Altenwyl , die gutgeschulten Kammerherren , einige gottselige Präsidenten , die Hofmagier und Zeichendeuter alle reden , was sie wollten über diese Nothwendigkeit des Anschlusses gleichgestimmter Gemüther und was sonst für die Geschichte der Kreuzzüge und des Peter von Amiens Brauchbares vorgebracht wurde , und war zuletzt so frei , den General Voland über seine Meinung wegen der Jesuiten zu fragen . Die Königin , etwas gereizt , warf sogleich die Äußerung dazwischen , daß der General katholisch wäre . Der König in seinem scheuen Zartgefühl , in seiner Befangenheit vor allen extremen Meinungen brach diese Debatte durch ein Album ab , dessen Blätter er mir vorlegte . Es waren ... Doch nicht die Zeichnungen des Gethsemane ? fragte Pauline . O nein , sagte Egon lachend . Frau von Trompetta ist ja seit ihrer Sammlung für die deutsche Flotte so in Ungnade gefallen , daß Frau von Altenwyl sie kürzlich schon eine der gefährlichsten Hochverrätherinnen nannte , die man nur ihrer frommen Verwandten wegen schonen würde . Pauline mußte über diese Anschuldigung der Frau von Trompetta in Lachen ausbrechen . Nein , fuhr Egon fort , jenes Album war eine Siegel-und Wappensammlung , die General Voland seit Jahren geordnet hat ... Man sieht , daß wir im Frieden leben und uns nur zum Schein manchmal auf den Krieg berufen ! Ich mag etwas Ähnliches in meinen Mienen geäußert haben ; denn mein Interesse an diesen bunten Malereien war sehr gering . Die Königin hob viele der in den Wappen enthaltenen Wahlsprüche hervor . Besonders gefielen ihr die provenzalischen , die General Arnheim gut übersetzen konnte . Ich litt , zu sehen , welchen Ideen und Beschäftigungen man bei Hofe in dieser Zeit nachgeht . Man betrachtet Siegel und treibt Wappenkunde ! Man läßt sich erzählen , wie die Alten Glas brannten und wodurch besonders das glühende Rubin der gemalten Fensterscheiben gewonnen wird ! Man sammelt Autographen und liest die Schriften über » innre Mission « , die zu Hamburg in der » Agentur des rauhen Hauses « erscheinen . Der König , gegängelt von den Frauen , hat die Liebhaberei des Allwissens und schlägt , da seine eignen großen Kenntnisse doch immer noch nicht ausreichen , die noch größern des Generals Voland auf . Ruhig gibt dieser seine Antworten , immer positiv , immer wie sich von selbst verstehend . Wir andern Menschen machen doch zuweilen einen Fehler , wir wissen doch zuweilen auch so gut wie nichts , allein der General ist unerschütterlich . Er ist ein Orakel und die Königin würde , wenn er behauptete , er zähle wie Graf St.-Germain bereits hundert Jahre , es unbedingt glauben und diesen Glauben dem Gemahl zu einem Beichtartikel , zu einer unumstößlichen Thatsache machen . Da ich Beweise in Händen habe , daß General Voland mit Rafflard und einem andern Krypto-Jesuiten vertrauten Verkehr getrieben , so zitterte ich vor Ungeduld und hätte diese Wappen , diese Siegel , diese Autographen , diese Miniaturen vom Tische hinunterwerfen mögen , allein ich mußte mich beherrschen . Die Rede kam auf die verschiedenen Formen des heiligen Kreuzes . Die Kenntnisse des Generals waren unerschöpflich . Er beschrieb zu großer Rührung der Altenwyl die Form des Kreuzes , wie sie von der heiligen Helena aus Jerusalem zuerst überbracht war . Er verfolgte die Geschichte dieser Formationen mit der Gründlichkeit eines Cuvier , der über die Erdrinde und ihre Revolutionen spricht . Er nahm einen Bleistift und malte das Kreuz nach allen seinen abend- und morgenländischen Metamorphosen . Die Kreuzzüge , die Ritterorden , die Klostergeschichte , bei allen brachte er das ecce signum in andrer Form und erläuterte die Symbolik , alle Veränderungen und Ausschmückungen jener ursprünglichen beiden geschälten Holzstämme , an die ich von Herzen glaube , mit wahrer Salbung und einer Rührung für die Gemeinde , als wenn es sich um die Leidensgeschichte der Menschheit handelte . Ungeduldig beschleunigte ich diese Orgelei und sprach plötzlich von dem protestantischen Johanniterkreuze , das sich in unsern Gegenden fände , nicht aber in dem alten Magistratsgebäude , nicht in den kleinen Zellen des Rathskellers , deren obere Wölbungen noch mit dem alten Kreuze geschmückt wären , dessen Enden in dem Drei-Kleeblatt ausliefen ... Pauline fragte erstaunt , was es mit dieser von Egon so scharf hervorgehobenen Anspielung für eine Bewandniß hätte ? Sie hätten des Generals fragenden , starren Blick sehen sollen , fuhr Egon fort , als ich eine Örtlichkeit erwähnte , an welcher er jüngst mit Rafflard Ansichten über den Weltlauf austauschte , die ich wörtlich vor mir liegen habe ! Sein Auge hob sich . Die große breite Stirn verlor alle mystischen Runzeln . Der dünne spärliche Bart auf der Oberlippe schien mir zu zittern . Welch ' ein Glück für ihn , daß die Königin diese Erwähnung des Rathhauses zur Veranlassung nahm , auf den Prozeß der Gebrüder Wildungen zu kommen und mir Vorwürfe machte , daß ich diesen Prozeß vom abgetretenen Ministerium wieder aufgenommen hätte - Pauline schaltete hier die Bemerkung ein : Aufrichtig , Egon ! Man ist allgemein darüber erstaunt . Man weiß , daß Ihnen die Wildungen befreundet sind . Egon zuckte die Achseln . Ich habe mir , sagte er , vom Justizrath Schlurck , der die Sache der Stadt führt , die Akten dieses Prozesses kommen lassen und kann mich von den Ansprüchen , die Dankmar Wildungen so leidenschaftlich und im unbesonnensten Eifer geltendmachen will , nicht überzeugen . Noch weniger aber kann ich jetzt , wo ich auch den protestantischen Kirchenpapst , Propst Gelbsattel , durchschaut habe - Pauline erfuhr von Egon unter dem Siegel der Verschwiegenheit , daß Gelbsattel , Voland und Rafflard in einem Austausch eigenthümlicher Ideen von der Polizei belauscht worden waren - Noch weniger , fuhr Egon fort , kann ich jetzt ruhig zusehen , daß diese oppositionellen Elemente ihre Kraft aus dem Eigenthum des Staates selber schöpfen . Es thut mir leid , Melanie ' s Vater zum zweiten Male kränken und verkürzen zu müssen , aber seine Deduktionen für die Ansprüche der Kommune genügen mir nicht . Die zweite Instanz wird von unserm Staatsanwalte mit Eifer betrieben und vor der Revision dieses Prozesses beim Obertribunal ist mir dann , wenn auch diese zweite Instanz zu unsern Gunsten spricht , nicht mehr bange . Die Bedienten meldeten , daß die Ludmer oben in den Salons bereits empfange und dringend bäte , sie abzulösen ... Pauline wünschte aber das Ende der Verhandlung in den » kleinen Cirkeln « zu hören ... Egon stand auf und sagte : Das Ende besteht in der gesteigerten Erkenntniß , daß ich einen außerordentlich schweren Stand habe . Auf der einen Seite eine tollkühne Demokratie , auf der andern Seite eine gefährliche Romantik , die ohne Thatkraft ist . Mit meiner nüchternen Genfer Doktrin zwischen Beiden stehend , bin ich fast wie im Traume in die Lage gekommen , einen großen Staat von der Gefahr atomistischer Auflösung zu retten . Ich habe keinen andern Bundsgenossen , als die materielle Existenz der Gesellschaft und die gesunde Vernunft der guten Bürger . Jeder , der Demagoge , wie der Monarchist , ist angesteckt von Träumereien , die im Staate etwas Andres suchen als die Garantie der Ordnung , der guten Sitten und jener leidvoll-freudvollen Existenz , wie Klärchen in Egmont singt . Ja ! Ich bin auch ein solcher Egmont zwischen den Alba ' s und den Vansen ' s unsrer Zeit und mein Klärchen will ich jetzt in Ihrem Salon suchen . Kommen Sie , verehrte Freundin , vergeben Sie meine Launen ! Eine halbe Stunde unter Ihren Damen und dann zur Arbeit bis nach Mitternacht ! Pauline mochte noch nicht folgen . Bewegung einer Art Rührung , des tiefsten Interesses und noch eine Menge Fragen hielten sie zurück . Sie erwähnte noch einmal die Erbschaft , an der Egon ' s Freunde betheiligt waren und fragte nach diesen , nach Louis Armand , der von Hohenberg zurückgekehrt wäre , nach den Nachrichten , die er über Ackermann eingeholt hätte ... Es sind die günstigsten , sagte Egon . Ich sprach Louis nur einige Minuten . Er ist früher gekommen , als ich wünschte . Auch Dankmar Wildungen , mein Doppelgänger , ist da , in tiefer Trauer . Er hat seine Mutter verloren . So gern ich ihn schonen wollte , mußte ich ihm sagen , daß ich gegen seine Interessen auftreten würde . Er lächelte mit Bitterkeit . Ich finde diesen Freund gereizt über meine politische Entwickelung , von Louis nicht zu reden , den ich sogar warnen muß , sich von signalisirten Persönlichkeiten fern zu halten . Glauben Sie mir , Pauline , ich bedarf meiner ganzen gesammelten Kraft , um den Rücksichten nach allen Seiten hin nicht zu erliegen . Diese Freunde , die ich liebgewann , weichen in ihren Meinungen von mir ab . Sie verstehen eine Position nicht , die ihre bestimmten Pflichten hat . Mit einer so nachgiebigen Natur wie Siegbert Wildungen würd ' ich mich verständigen . Mit Dankmar , seinem Bruder , nie . Ich bot ihm eine Stellung in meinem Kabinet . Er hat sie ausgeschlagen und mir aufrichtig , weil ich ihn um Aufrichtigkeit bat , die Misbilligung meines ganzen Systems ausgesprochen . Ich habe ihm nur mit einem Seufzer antworten können und ihn vielleicht für immer entlassen . Louis vollends ist ein Schwärmer . Er muß nach Frankreich zurück . Die Erinnerungen , die sich an ihn knüpfen , hemmen meine Bahn und Gott ist mein Zeuge , ich will etwas Fruchtbringendes , Festes , Großes , mag ich nun mit meinem Werke stehen oder selber mit seinen Trümmern fallen . Eben hatte Egon diese mit feierlichem Ernst und mit dem ganzen Nachdruck eines sich selbst vertrauenden starken Willens gesprochenen Worte beendet , als es draußen an der Thür rauschte , raschelte , klopfte . Herein ! rief Pauline , die schon merkte , wer die » Fledermaus « war ... Es war Melanie , die muthwillig hereinsprang und mit einer Neckerei den jungen Fürsten begrüßte . Ist es erlaubt , sagte sie , ihre sich bauschenden Kleider hinterwärts zurückstreifend , die schöne Frau von Spitz so lange warten zu lassen , bis Durchlaucht die Staatsgeschäfte in ihren blauen Augen vergessen ? In braunen Augen nur vergess ' ich meine Pflichten , Melanie ! erwiderte Egon und wollte die schlanke Hüfte umfassen und das schöne Mädchen an sich ziehen . Himmel ! sagte Melanie . Da fällt ein durchlauchtigstes Haar auf meine Schulter . Helfen Sie mir es suchen , Geheimräthin ! Ich sammle diesen Herbst , um der Gräfin Wachendorf einen geheimen Brochenschmuck daraus flechten zu lassen . Melanie ! seufzte Egon . Spotten Sie nicht über einen Menschen , der seit drei Wochen täglich nur fünf Stunden geschlafen hat ! Aber nicht Opium nimmt ! Hören Sie , Prinz ! Man erzählt Das ! Um Gotteswillen nicht ! Melanie sprach diese Bitte mit wirklicher Theilnahme und ging auf Egon , dem sie entflohen war , freundlich zu . Wie bemitleid ' ich Sie ! sagte sie fast traulich zu ihm . Wär ' ich so jung und schön , wie Sie ! warf Pauline dazwischen und hielt ihre Hand fest , so würd ' ich Mitleiden mit diesen umflorten müden Augenlidern haben und sie küssen . Ein solches Wort konnte nur möglich sein bei einer schon weitgediehenen Vertraulichkeit . Wenn Sie die Augen schließen wollen ! sagte Melanie , berühr ' ich sie mit meinen Handschuhen . Ich hörte immer , das Handschuhleder der Frauen magnetisirt . Egon schloß die Augen . Melanie näherte sich leise und hauchte die Lider mit ihrem Athem an . Egon merkte die Nähe des schönen Mundes . Er wollte Melanie im trunknen Taumel haschen , aber sie entfloh ihm . Er ergriff seinen Hut um sie zu verfolgen . So huschten Beide fort und erst auf der Emporstiege nahmen sie einen gemessenen , vernünftigen Schritt ... Pauline aber machte etwas Toilette . Sie gestand sich , daß sie ein großes Glück genoß . Ein junger , liebenswürdiger , von aller Welt bewunderter Mann war ihr seit der Entdeckung , daß er nicht den Fürsten Waldemar von Hohenberg , sondern einen Unbekannten , Namens Heinrich Rodewald , zum wahren Vater hatte , zugethan wie ein Sohn , zuweilen wie ein Gefangener . Sie schloß ihn wirklich in ihr Herz , das jener enthusiastischen Einseitigkeit , die man nach Rudhard ' s Theorie Liebe nennt , im höchsten Grade fähig war . Sie schloß ihn da mit aller Vorliebe um so inniger ein , als sie , wie wir gesehen haben , fast spielend , wie im Scherz durch Egon über die wichtigsten Ereignisse des Staates in Kenntniß gesetzt wurde und sich endlich in jenem Zusammenhange mit ihrer Epoche fühlte , den sie so lange vergebens erstrebt hatte . Es war ein hoher triumphirender Stolz , mit dem sie ihre Gemächer verließ , um hinaufzusteigen in ihre wie es schien heute mehr als je gefüllten , jetzt gegen früher sehr veränderten Salons , die wir diesmal nur vom Standpunkte eines nur mittelbar zu ihnen Eingeladenen von der Hintertreppe aus belauschen wollen ... Ein Theil der Gesellschaft war schon versammelt , als Fritz Hackert , der an ihn ergangenen Aufforderung gemäß , sich in dem Hotel der Geheimräthin von Harder einstellte ... Schon hielten einige Wagen vor der Thür . Er erkannte die Livree des Fürsten und einiger andrer vornehmen Besucher , die einstweilen von der Ludmer empfangen wurden ... Als er eine Hintertreppe emporgestiegen und in einen mit Decken belegten und von Glaskugeln mit milchweißem Lichte erleuchteten Korridor getreten war , gab man ihm den Bescheid , daß er erwartet würde , sich aber einige Zeit gedulden müsse , bis Madame Ludmer zu sprechen wäre . Man wies ihn in derselben Etage , wo die Gesellschaft sich versammelte , in ein hinteres Zimmer und stellte ihm ein Wachslicht hin mit dem Ersuchen , sich die Zeit nicht lang werden zu lassen . Es kommt überhaupt darauf an , sagte er zu dem Bedienten ziemlich vorwitzig , ob ich Zeit habe . Der Bediente beobachtete den Anzug des kühnen Sprechers . Hackert hatte eine gewähltere Toilette gemacht und einmal an sein struppiges Haar , dem er keine Sorgfalt widmen mochte , weil er es der Farbe wegen haßte , sorgsamlichst die Bürste gebracht . Der schwarze Frack , den er trug , war etwas eng geworden , die Weste von verschossenem gelben Piqué ; sie hatte früher dem Justizrath Schlurck gehört , von dem er überhaupt , seiner Stellung zu ihm gemäß , die abgelegten Kleider trug . Seine Handschuhe waren von weißem , frischgewaschenem Baumwollengespinnst . Da es draußen empfindliche Novemberkälte gab , so fror ihn in seinem leichten Staatsanzuge . Glücklicherweise fand sich ein Ofen . Er setzte sich an die ausströmende Wärme desselben , gerade einem Spiegel gegenüber , in dem sich wiederfindend Hackert vor sich her brummte : Gerade wie ein Junge , der eingesegnet wird und das erste Mal das Abendmahl nimmt ! Wenn die Dame , die mich sprechen will , noch hübsch ist , so fürcht ' ich , hält sie mich meines Hemdkragens wegen für einen unschuldigen Jüngling und wird roth statt meiner . Wenn ich den Hemdkragen aufstellte ! So ! Jetzt das schwarze Tuch breiter gelegt - Ha ! Nun hab ' ich das Ansehen eines jungen Engländers aus einer Pension ! Hackert , Hackert ! Du hältst dich für schön und die Sorgfalt deiner Toilette wird sich rächen ! Es währte geraume Zeit , ehe die Stille um ihn her durch irgend etwas Bemerkenswerthes unterbrochen wurde . Er hörte zuweilen einen Wagen rollen , zuweilen die Hausthür gehen und Etwas die große Treppe , wie er sagte , heraufknackern . Im Übrigen war es still . Die zurückgelegte Gardine zeigte den Hof und einen Blick in den kahlen , winterlichen Garten . Er sah Remisen , einen Stall und fand es in der Ordnung , daß in dieser Einsamkeit auch einige gewaltige Hunde klafften . Bei Alledem , sagte er sich , bin ich begierig , was man von mir will . Ich wette , es ist ein silberner Löffel gestohlen worden und die Herrschaft hier will , daß ich mit Klugheit entdecke , welcher von den Bedienten der Thäter ist . Der impertinente Schlingel , der mir hier nichts als ein Wachslicht vorsetzte , ahnt vielleicht sein Schicksal nicht . In diesem Augenblick hörte er nebenan , in einem Zimmer , das gleichfalls nach dem Hofe hinausging und allerdings hintertreppenartig genug aussah , einige Worte , die ungefähr so lauteten : Wohin , wohin , werthester Herr Justizrath ? Lassen Sie mich , Beste ! Ich kenne diese kleine Retraite - Bleiben Sie in dem türkischen Zelt ! Spielen Sie , Justizrath ? Danke ! Danke ! Ich warte hier , bis Se . Durchlaucht kommen . Ein paar Worte mit ihm , dann ist mein Geschäft abgemacht . Wie Sie wollen , Justizrath ! Ich schicke Ihnen den Thee hier herein ! Aber , Himmel ! Sie sind ein Einsiedler geworden , menschenscheu so zu sagen ! Was ist Das nur ? Die Stimme , die diese Worte sprach , gehörte irgend einer alten in ihrem Organe verwahrlosten Frau . Sie war krächzend und unmelodisch . Hackert kannte sie nicht . Aber Schlurck ' s Stimme war ihm sogleich gegenwärtig . Es erregte ihn nicht wenig , dem Manne wieder nahe zu sein , den er eine so lange , glückliche Jugendzeit hindurch gewohnt war wie seinen Vater zu betrachten und der ihn erst dann in Überwallung des Zornes aus dem Hause entfernte , als er sich ihm gegenüber rühmte , daß eine Jugendliebe nicht ohne Erwiderung geblieben war . Es wurde Alles still nebenan . In den vordern Zimmern , die zur Allee hinausgingen , merkte man die belebte Gesellschaft , der der Justizrath offenbar entfliehen wollte . Nebenan nur hustete und räusperte sich zuweilen derselbe Mann , der nicht ahnen mochte , daß ihm sein ehemaliger Pflegesohn , der Schreiber Fritz Hackert , so nahe war . Hackert konnte dem Reize , sich dem Justizrathe bemerkbar zu machen , auf die Länge nicht widerstehen . Er fing gleichfalls an zu husten und trällerte leise . Er glaubte jetzt damit Eindruck machen zu können , daß man ihn in ein so vornehmes Haus beschieden hatte und stand , da der Justizrath ganz allein zu sein schien , mehrmals auf dem Sprunge , zu ihm einzutreten . Nur der Gedanke , daß jeden Augenblick nun doch wol die Dame kommen konnte , die ihn zu sprechen verlangt hatte , hinderte ihn an der Ausführung . Endlich als diese sogenannte Madame Ludmer in ihrer Rücksichtslosigkeit auch zu weit ging und immer noch nicht kam und zuletzt gar Kuchen und Wein mit der Bitte schickte , nicht ungeduldig zu werden , faßte er sich ein Herz und entschloß sich , den Justizrath zu überraschen und wär ' es auch nur , daß er so thäte , als hätte er sich in den Zimmern geirrt und gleich wieder zurückprallte ... Er öffnete die Thür . Ein Lichtstrahl fiel ihm entgegen aus einem bunten Gemache , das ohne Zweifel jenes obengenannte türkische Zelt war . Zwischen seinem Zimmer und jenem geöffneten Zelte lag noch ein einfenstriger Verbindungsraum , unerhellt . Ein Sopha stand hier gegen die Wand so gestellt , daß Hackert den darauf Sitzenden zwar bemerken , aber auch thun konnte , als säh ' er ihn nicht , während er selbst halb unbemerkt blieb . Schlurck blieb ruhig sitzen . Er glaubte , ein Bedienter sähe nach dem türkischen Zelte und ließ Hackerten ruhig gewähren , der auf den Zehen nach vorne schlich und dem lauten Gespräch der vorderen Säle folgen zu wollen schien . Ein Seitenblick zeigte ihm Schlurck ' s Perrücke , seine goldne Brille , seinen blauen Frack mit den gelben Knöpfen . Hackert ging so weit vorwärts , daß er schon im türkischen Zelte stand und sich grell genug in der Beleuchtung desselben , von dem kleinen Zimmer aus gesehen , abschnitt . Nun richtete Schlurck doch den Kopf empor , erkannte Hackert und von dem Gedanken ergriffen , der böse Dämon wage sich in diese Zimmer , um Melanie zu beunruhigen