von Robillante ... Ich will sie besorgen ... An den Freund meines Cäsar ! ... staunte die Mutter und hätte nun gewünscht , die Mönche wären nicht vertrieben worden ... Beide Frauen blieben auf der einsamen Altane , auf der sie sich auf Sesseln von Baumzweigen niederließen , unter einem Dach von künstlich gezogenem Lorber ... Vor ihnen lag vom Mond beschienen das große stille Meer der Weinstockblätter ... In der Ferne Feuerwerk und das lärmende Volk , das jeder Rakete ein Evviva ! rief ... Obgleich sich Lucinde allmählich zu fassen schien , kam die Herzogin doch nicht mehr auf die Mönche zurück ... Gerade diese durch Benno bedingten Wallungen des Interesses zu verbergen , besaß sie eine volle Gewandtheit ... Sie pries die erquickende Erlösung von dem rauschenden Gewühl , das sich nicht verziehen wollte ... Sie saßen so , daß sie durch die Büsche zugleich die Künste des Feuerwerks und über die Weingärten hinweg den stiller gebliebenen Theil der Gegend beobachten konnten ... O , hier sind wir sicher vor dieser bunten Posse ! sagte die Herzogin . Wenn die Lüge in der Welt so rauschend auftritt , wie sollte erst die Wahrheit sich ankündigen dürfen ! ... Die Wahrheit feiert ihre Triumphe in der Stille ! entgegnete Lucinde , noch immer athemlos . Diese Triumphe sind die Glühkäfer des Geistes , die uns nur auf einsamen Wegen umschwirren ! ... Wie heißt denn die Pflanze da , auf der ich vorzugsweise die Thierchen wie die Lichter auf unsern nordischen Weihnachtsbäumen antreffe ? ... Lucinde rang nach dem Ton der Gleichgültigkeit ... Die rothen Disteln ? Das sind Artischocken ! sagte die Herzogin ... Wächst so dummes Gemüse hier so wild und schön ! ... Carciofoli ! Ganz recht ! ... Eine kurze Pause trat ein ... Beide bewegten ihre Fächer und wehten sich Kühlung zu ... Mancher scherzhafte Vorfall des Tages , manche Neckerei an der Tafel , mancher Schmuck , manche überladene Toilette ließen sich besprechen ... Das Gespräch stockte jedoch bald ... Es zeigte sich - diese beiden Frauen mußten anfangen eine sich für ein Hinderniß der andern zu halten ... Die Herzogin hatte sich längst gesagt : Hier ist meine Zeit um ! Olympia ist meiner Führung entwachsen ! Selbst den Cardinal , ihren Vater , lehnt sie für ihre neue Einrichtung als täglichen Gast ab - Schon hat sie ' s ihm angekündigt ... Ceccone sucht - eine neue Häuslichkeit ! Diese Lucinde - lockt , reizt ihn - Ich sah es heute , er schien ganz außer sich ... Lucinde sollte , wie sich gebührt , zu Olympia ziehen ... Diese lehnt aber auch sie ab ... Soll also ich jetzt - ? Ich ? ... Ich ahne , was Ceccone aus ihr und - mir gestalten will ... Um sie » mit Anstand « zur Nachfolgerin - der Herzogin von Fossembrona , der Marchesina Vitellozzo zu machen , soll ich - als Deckmantel ? - ... Nimmermehr ! ... Das zu verweigern bin ich - Benno schuldig ... Aber Graf Sarzana ! ... Diese Abenteurerin - wie sie in seinen Briefen Benno schildert - und Sarzana ! ... Diese armen Teufel freilich - die - Sarzanas ! ... So empfand die Herzogin ... Klug aber und verstellungssicher , wie sie war , nahm sie das Gespräch nach einer Weile auf ... Es ist wahr , sagte sie , das Leben bringt es mit sich , daß nur zuweilen die Stacheln der Disteln , das sind ja Artischocken , jenen nordischen Weihnachtsbäumen , die ich kenne , gleichen ! Die Illumination der Lüge muß uns ermuthigen , an diese kleinen Glühkäfer in der Nacht der Wahrheit , an das hellste Licht , das Aetherlicht des Schmerzes , zu glauben ... Lucinde konnte noch nicht geläufig erwidern ... Eine Bittschrift an den Bischof von Robillante , sagten Sie ? ... fuhr die Herzogin fort , als Lucinde den Brief träumerisch betrachtete und ihn seufzend in ihrem Busen barg ... Ist es wahr , daß dieser Priester eine Gräfin liebte , die seit einigen Monaten die Gattin des Grafen Hugo von Salem-Camphausen geworden ist ? ... Lucinde fixirte die Herzogin mit scheuen unheimlichen Augen ... Jetzt erst recht antwortete sie nicht ... Jetzt erst fiel ihr ein , daß sie ja mit einer Frau zusammensaß , gegen die sie seit einiger Zeit sich hatte entschließen wollen , einem Serlo ' schen Gedanken Gehör zu geben ... In Serlo ' s Denkwürdigkeiten stand : » Wenn ihr doch nur nicht ewig von Pflichten der Dankbarkeit bei Diensten reden wolltet , die Euch gar kein Opfer gekostet haben ! « ... Die Herzogin sprach sorglos , der bittern Stimmung ihres Herzens folgend : Graf Hugo liebte - hört ' ich und sah ich in Wien - ein junges Mädchen , das sich aus Verzweiflung - um ihr Schicksal den - Tod gab ... Ich sah - ihre - Leiche , ich sah seine Trauer ... Er schloß mit dem Leben ab und doch - doch - wie mögen auch bei dieser Vermählung die Raketen gestiegen sein ! ... Ha , erinnern Sie sich in Wien der schönen Altane , von der wir Abschied nahmen am Tag vor unserer Abreise ? ... Es lag tiefer Schnee auf den düstern Tannen ringsumher ... Ich erinnere mich ... antwortete jetzt Lucinde , die sich von Klingsohr und Hubertus allmählich zurückfand . Sie betonte scharf . Sie hatte der Herzogin heute schon wieder Zurücksetzungen nachzutragen , die sie ihr in Mienen und Worten an der Tafel hatte widerfahren lassen ... Ob wol das junge Paar an derselben Stelle wohnt , wo - die - arme - Geliebte - mit zerschmettertem Haupte lag ? ... fuhr die Mutter Angiolinens , nichts ahnend fort ... Das - junge - Paar wohnt - in der Stadt ... berichtete Lucinde - - von dem wirklich geschlossenen Bunde Paula ' s und des Grafen Hugo ... Eine lange Pause trat ein ... Ein leiser weicher Windhauch kam vom Südmeer ... Im Weinberg zitterten die Blätter ... Es ist doch gut , daß wir den Gespensterglauben haben ! sagte die Herzogin feierlich ... Wir fürchten uns doch noch zuweilen ein wenig vor den Gräbern ... Die Alten verbrannten ihre Todten , glaubten aber doch auch an eine strafende Wiederkehr ; der Geist des ermordeten Cäsar erschien den Mördern in der Schlacht bei Philippi ... Die Christen wollten von den Todten so wiedererstehen , wie sie in ihrer schönsten Lebenszeit aussahen ... Angiolina hieß - sie ? ... Sahen Sie schon die Katakomben drüben ? ... unterbrach sich die Erinnerungsverlorene ... Dort blitzt eine goldene Spitze im Mondlicht auf ... Das ist Santa-Agnese ... Dort steigen Sie einmal nieder mit einem guten Führer ... Philipp Neri , der Heilige , hat da unten wochenlang gewohnt ... Die Erde hier ringsum ist durchhöhlt ... Christen- und Römergräber in Eins ... Ein Leichenfeld ! ... Das Leben ist ' s ... Wer war der eine dieser Mönche ? Er sah ja wie der Tod ... Wie die Auferstehung ! hauchte Lucinde für sich ... Aber der erste Schrecken war bei ihr nun vorüber ... Sie hatte sich wieder in ihre gegenwärtige Lage zurückgefunden ... Ihr Auge fixirte die Herzogin immer unheimlicher ... Diese erschrak über die fast schielenden Blicke des Mädchens ... Und beim Suchen nach einem gleichgültigen Gespräche schilderte Lucinde die Unzufriedenheit der jungen Fürstin Rucca ... Da betonte sie sehr scharf den Namen Benno ' s ... Lucinde that das seit einiger Zeit in Gegenwart der Herzogin öfters ... Lucinde hatte allerdings bemerkt , daß die Herzogin von Amarillas in einer geheimen Beziehung zu Benno stand ... Sie hatte schon in Wien das Interesse beobachtet , das diese Frau an ihrem frühern Aufenthalt in Deutschland , an Witoborn , an Schloß Neuhof nahm ... Sie wußte , daß sie eine Sängerin gewesen und - in Leo Perl ' s Bekenntnissen war ja von einem gewissen Betruge die Rede , den er an einer - nicht genannten Sängerin hatte ausführen helfen ... Sie war auf den Gedanken gekommen , ob nicht jene » zweite Frau « des Kronsyndikus , die der vom Wein Aufgeregte und schon an Wahnanfällen Leidende damals in jener Nacht in Kiel mit dem Degen von sich abwehren wollte , diese jetzige Herzogin von Amarillas sein könnte ... Ihrer wühlerischen Combination entging nichts von dem , was sich aus auffallenden Daten solcher Art irgendwie verknüpfen ließ ... Sie hatte auch schon Benno ' s ihr hinlänglich bekannte im Familienkreise der Asselyns und der Dorstes oft besprochene » dunkle Herkunft « in den Kreis ihrer Combinationen gezogen und staunte schon lange über Benno ' s Aehnlichkeit mit dem Kronsyndikus und mit der Herzogin ... Sie verfolgte diese Gedanken stets und stets seit dem Augenblick , wo sie bemerkt zu haben glaubte , daß die Herzogin gern über sie lächelte , sie gering behandelte und zurücksetzte ... Heute war Graf Sarzana , als er ihr den Arm geboten hatte , von der Herzogin auf eine andere Dame verwiesen worden ... Diese Kränkung hatte sie nur vergessen , weil sie später genug von Huldigungen überschüttet wurde ... Solche Geringschätzungen konnten sich aber wiederholen ... Daher sagte sie mit scharfspähendem Blick und sich aller der Vortheile erinnernd , die sie über die Asselyns hatte : Der Todtenkopf ? Nach dem Sie fragten ! Ich lernte ihn in Witoborn kennen , in dessen Nähe ein Kloster liegt ... Es ist das Familienbegräbniß jener Wittekind-Neuhof , nach denen Eure Hoheit mich schon so oft gefragt haben ... Der vor länger als einem Jahr verstorbene Stammherr , der Kronsyndikus genannt , hat den Vater des andern , des zweiten Mönches , den Sie sahen , in einem Wortwechsel erstochen ... Dieser Unglückliche hieß Klingsohr und war des Freiherrn Pächter ... Der Todtenkopf aber war des Freiherrn Jäger und hieß Franz Bosbeck ... Aus Holland stammt er , war in Java , gewann auf dem Schloß Neuhof eine Stellung durch die Liebe einer bösen Frau , die dort regierte , Brigitte von Gülpen ... Da sein Herz an einem andern Wesen hing , rächte sich diese Frau und veranlaßte den Entschluß ihres Verlobten , der seine wahre Liebe durch den Tod verlor , sich in ein Kloster zu flüchten ... In Indien soll er von den Gauklern Künste der Abhärtung gelernt haben , weshalb er sich trotz Entbehrungen und Strapazen so rüstig erhält ... Der eine der beiden Mönche hatte eine Sehnsucht nach Rom , die der andre aus mir unbekannten Gründen theilte ... Beide entflohen , saßen bisher auf San-Pietro in Gefangenschaft und richten nun , wie sie mir sagten , in diesem Schreiben an den Bischof die Bitte , sich zu ihren Gunsten zu verwenden ... Sie fürchten sich , wie jeder , der einmal in Rom war , nach Deutschland zurückzukehren - ... Lucinde hielt inne , weil sie die Wirkung ihres Berichtes beobachten wollte ... Die Herzogin folgte mit der höchsten Spannung ... Doch hatte Lucinde in der Kunst der Beherrschung ihre Meisterin gefunden ... Nach dem ersten leisen Zucken der Mienen bei den Worten : » Familienbegräbniß der Wittekind-Neuhof « , trat trotz der aufs äußerste erregten Spannung und der sie blitzschnell durchzuckenden Vorstellung : Diese Schlange kennt dein ganzes Leben ! eine Todtenkälte in die geisterhaft vom Mond beschienenen Züge der Herzogin und sie sagte nichts als : Kommt der Nachtwind so vom Meere ? Wovon bewegt sich das Laub in den Weinbergen ? ... Sehen Sie nur , als wenn eine einzige große Schlange dahinkröche ... So hebt es sich hier und dort und sinkt wieder zusammen ... Lucinde hatte nur ihr Auge nach innen gerichtet ... Beide Frauen waren zu tief in ihre Erinnerungen , zu tief in die Rüstung des zunehmenden Hasses gegeneinander verloren , um einer Beobachtung über den Nachtwind längern Spielraum zu lassen ... Die Herzogin ging nach Lucindens Mittheilungen in die Worte über : Ich würde vorschlagen , lieber die Bitte dem Cardinal , bei dem Sie ja allmächtig zu werden anfangen , mitzutheilen , wenn nicht - allerdings Olympiens Laune zu schwankend wäre ... In der That schon oft sprach sie ihre Reue aus , einem Fremdling , wie jenem Bischof , so schnell den Fuß auf italienischem Boden gegönnt zu haben ... In ihren Lobpreisungen des Pater Vincente , der jetzt am Thor unter den Bettlern sein soll , erkenn ' ich die Gedanken , die in ihrem Innern Gestalt gewinnen wollen ... Lucinde beobachtete , ob wol die Herzogin ihr ganzes Interesse für Bonaventura kannte ... Diese fuhr fort : Auch ist der Bischof von Robillante in der That nicht vorsichtig ... Er hat dem Erzbischof von Coni mehr die Spitze geboten , als einem so ganz den Vätern Jesu angehörenden , jetzt als Großpönitentiar nach Rom zurückkehrenden Prälaten gegenüber gutgeheißen werden kann ... Sein Eindringen in San-Ignazio und die Trinita zu San-Onofrio hat die Dominicaner gegen ihn aufgebracht ... Die Dominicaner sind in gewissen Dingen mächtiger , als die Jesuiten ... Dieser Orden beruft sich auf die Privilegien der Inquisition ... Der Bischof ging an die weltlichen Gerichte ... Das war ein Beweis von Muth , aber auch eine große Unbesonnenheit ... Neun Waldenser , sieben Proselyten , die die Waldenser unerlaubterweise aufgenommen hatten , mußten von den Dominicanern , die sie einzogen , herausgegeben werden ... Um Einen , der fehlt , kämpft nun der Bischof noch immer ... Wie aber nur möglich , sich und andere um einen ketzerischen Fremden so aufzuregen ! ... Allerdings einen Deutschen - aber in seiner Stellung gebührte sich gerade gegen seine Landsleute die Vermeidung aller Parteilichkeit - ... Lucinde horchte mit gespanntem Antheil ... Sie kannte diese Gefahren Bonaventura ' s nur aus flüchtigen Andeutungen Ceccone ' s ... Schreiben Sie ihm doch alles das , wenn Sie den Brief couvertiren sollten ... sagte die Herzogin ... » Schreiben Sie ihm doch alles das - « ... Das hatte die Herzogin mit einem seltsamen Ton gesagt ... Es war der Ton , der etwa sagte : Ich weiß es ja , Sie sind die verschmähte Liebe dieses Bischofs ! ... Lucinde sagte , demüthig ihr Haupt senkend und nur im Blick die Fühlfäden verrathend , die sie ausstreckte : Der Bischof rechnet , denk ' ich - auf den Beistand der Gönner , die ihm - hier in Rom ihre alte Neigung - sofort wiederschenken würden , wenn - Herr Benno von Asselyn , sein - Vetter zurückkehrt und - nicht länger eine Furcht verräth , die - für einen Mann doch - kindisch ist ... Welche Furcht ? ... Das Muttergefühl wallte auf ... Aus Besorgniß , sich durch Vertheidigung des Sohnes zu verrathen , sagte die Herzogin gezwungen lächelnd : Dürfen Sie am Hochzeitstag der Fürstin Rucca von der Furcht eines Mannes sprechen , der nicht der beglückte Gegenstand ihrer Liebe zu werden wünscht ? ... Alle Umgebungen der Herzogin und Lucindens wußten , wie das Bild der kurzen wiener Bekanntschaft von Schönbrunn und vom Prater immer noch vor Olympiens Seele stand ... Lucinde sah sich in diesem Augenblick um ... Es war um sie her ein Geräusch hörbar geworden ... Ueber den Fußboden eilte eine jener kleinen Schlangen , deren Augen einen phosphorescirenden Glanz von sich geben ... Lucinde zog erschreckt den Fuß zurück , sah die künstliche Ruhe der an südliche Eindrücke gewöhnten und der Schlange nicht achtenden Herzogin und erwiderte nach einiger Sammlung : Benno von Asselyn fürchtet , an die bestrickende Olympia ein Herz zu verlieren , das - ich will es Ihnen verrathen - einem jungen jetzt in London lebenden Mädchen gehört ... Sagen Sie aber nichts davon der Fürstin ! ... Die Züge der Mutter konnten sich nicht beherrschen ... Sie verklärten sich ... In ihrem brieflichen Verkehr hatte sie nie auf eine Frage nach Benno ' s Herzen deutliche Antwort erhalten ... Wen liebt - Signore - Benno ? fragte sie mit einer sich bekämpfenden Theilnahme , deren leidenschaftlichen Ausdruck jedoch ihr ganzes Antlitz verrieth ... Er liebt unglücklich ... sagte Lucinde immer forschender und schon mit triumphirenden Blitzen aus ihren dunkeln Augen hervorlugend ... Sein bester Freund nächst dem Bischof und dem Dechanten Franz von Asselyn - Die Herzogin schlug ihre Augen nieder - ist ein junger reicher Kaufherr , Thiebold de Jonge ... Beide wurden , ohne es zu wissen , zu gleicher Zeit von einer Liebe zu einem Mädchen ergriffen , das damals noch halb ein Kind war ... Armgart von Hülleshoven ist ihr Name ... Armgart von - ? ... Lucinde mußte den Namen wiederholen ... Der Mutter klopfte das Herz ... Armgart von Hülleshoven ... sagte die Listige , die sich rüstete , der Herzogin ein für allemal das Geringschätzen ihrer Person zu verderben ... Sie ist , hauchte sie , die zärtlichste Freundin jener Gräfin Paula , die die Gattin des Grafen Hugo geworden ... Schon einmal geriethen beide Freunde um diese Neigung in Streit ... Einer entsagte zu Gunsten des andern ... Darüber fand Armgart Zeit , erst eine Jungfrau zu werden , die überhaupt an Liebe denken darf ... Ein wunderliches Aelternpaar hat sie aus Witoborn nach England geschickt , wo sie im Hause einer Lady Elliot lebt und ihre Zärtlichkeit für zwei Liebhaber zugleich an dem Widerstand gegen einen dritten prüfen kann ... Dieser hat das glücklichere Loos getroffen , jetzt in ihrer Nähe leben zu dürfen ... Es ist dies jener Wenzel von Terschka , der , wie man sagt , nur um ihretwillen Priestergelübde und Religion und was nicht alles aufgab - ... - ... Pater Stanislaus ? sagte hocherstaunt und sich ganz vergessend die Herzogin ... In der Ferne donnerten Böller und schmetterten rauschende Fanfaren ... Sollten Sie in Ihrem Briefwechsel mit Herrn von Asselyn - ... wagte sich jetzt Lucinde ganz keck heraus ... Ich ? ... Mit wem ? ... fuhr die Herzogin auf ... Ja Sie , Hoheit , Sie allerdings - mit Benno von Asselyn - ... lächelte Lucinde ... Die Herzogin war aufgesprungen ... Die Bewegung ihres Schreckens , die der Furcht zunächst vor Olympien galt , war erklärlich ... Der Schrecken konnte aber auch von etwas anderm kommen ... Die Zweige hatten in nächster Nähe gerauscht , wie unter Berührung eines leise Dahinschleichenden ... Man ist doch sicher hier ... konnte noch die Herzogin ihren Schreck maskirend , fragen ... Da deutete sie aber schon mit einem Aufschrei auf die grüne Decke des Weinlaubs , aus der sich spitze Hüte und Männerköpfe erhoben ... Lucinde wollte im selben Augenblick entfliehen ... Vergebens ... Schon hatten sie von hinten zwei Arme ergriffen ... Eine wilde Physiognomie , die nur die eines Räubers sein konnte , grinste sie an ... Ein widerwärtiger , dem gemeinen Italiener eigner , vom Genuß der Zwiebel und des Lauchs kommender Athem nahm ihr die Besinnung ... Sie konnte nicht von der Stelle ... Die Herzogin war an den Aufgang der Altane gestürzt und rief : Räuber ! Räuber ! Räuber ! ... Sie rief diese Worte - sie wußte selbst nicht , ob im Schrecken über den Ueberfall oder in dem über Lucindens Voraussetzung eines Briefwechsels zwischen ihr und Benno ... Sie wiederholte sie muthig , trotzdem daß unter dem Weinlaub alles lebendig wurde , wilde Männer in abenteuerlichen Trachten den Rand der Altane erkletterten , Pistolen und Dolche blitzten , Lucinde in die Arme eines Athleten geworfen wurde , der die Mauer schon erklettert hatte , während der erste , der bereits oben war und die im stillen Gespräch Verlorene von hinten überfallen hatte , Miene machte , nun auch die Herzogin zu ergreifen ... Die Räuber trugen die Tracht der Hirten , kurze Beinkleider , Strümpfe , Jacken , offene blaue Brusthemden ; die Gesichtszüge waren von Bart und künstlichen Farben entstellt ; die braunen sehnigen Hände eines dritten , der dem zweiten nachkletterte , stopften Lucinden , die vor Schrecken nicht einen Laut mehr von sich geben konnte , ein buntes Tuch in den Mund ... Während die Herzogin , halb auf der Flucht , halb muthig wieder innehaltend , ihre Hülferufe fortsetzte , sah sich Lucinde schon in den Armen des Riesen , der sich , auf den Rücken zweier andern sich stützend , an die Wand feststemmte und die Beute herunterzog mit den der Situation völlig widersprechenden Beschwichtigungsworten : Haben Sie doch keine Furcht , schönste Altezza ! ... Ei , Eure Excellenza sollen so gut schlafen , wie in Ihrem eigenen Schlosse ... Es ist nur ein Spaß , Signora Excellenza ... Tausend Zechinen ... Ei , das wird eine so schöne Dame ihren Freunden schon werth sein ... Da Lucinde den Muth einer Frau sah , die doch von ihr soeben so scharf verwundet worden , ergriff sie Beschämung ... Sie hielt sich an einem großen Oleanderstamm , der von draußen her an der Mauer aufwuchs , wühlte sich in dessen schwanke Zweige , die sie nicht lassen wollte , und widerstand um so mehr dem Räuber , als sie hinter sich ein wildes Geschrei hörte , das halb aus deutschen , halb aus italienischen Lauten bestand ... Da ließ der Riese loser und loser ... Lucinde hielt sich mit allen Kräften ... Hinter sich hörte sie ein Ringen , ein Kämpfen ... Eine Ahnung erfüllte sie ... Sie krallte sich fester und fester ... Da ein Schmerzensschrei wie von einem Verwundeten in der Nähe ... Nun ein Pistolenschuß ... Jetzt stürzte sie selbst von der Mauer ... Der Rauch um sie her , ihr Sturz , die Angst , die Hoffnung - sie verlor die Besinnung ... Als sie wieder zu sich gekommen , lag sie noch auf dem Boden des Weinbergs ... Eben ließ man von oben Leitern herab ... Die Terrasse oben stand voller Menschen ... Waffen klirrten noch immer ... Graf Agostino , seiner schweren Reiterstiefeln nicht achtend , stieg von oben hernieder ... Neben ihr lag in seinem Blut der gewaltige Riese , den ein Pistolenschuß getroffen hatte von der Hand eines Mönches . Der Muthige kniete neben einem andern Mönche , der verwundet am Boden lag ... Da hüllte sich ihr wieder alles in Nacht ... Als sie aufs neue erwachte , befand sie sich in dem großen Saale der Villa ... Wüst durcheinander standen die Tische und Sessel . Das Fest war zu Ende . Die Kronleuchter brannten nur noch dunkel . Die Zahl von Menschen um sie her war geringer geworden ... Düsterblickend stand Graf Sarzana ... Sein Auge hatte eine Macht , vor dem sie das noch so schwache ihrige niederschlug ... Sie hörte Ausbrüche des Erstaunens ... Wer hätte sich auch denken können , daß an einem so lebhaften Abend , unter so vielen Tausenden von Menschen Räuber es wagen würden , ihren gewöhnlichen Anschlag - Gefangennehmung von Personen , die sich durch Lösegeld loskaufen mußten - in Ausführung zu bringen ... Die Räuber waren unter dem dichten Weinlaubdach hinweggeschlichen , hatten sich der einsamsten Stelle des Gartens genähert und würden ihren Raub wenigstens mit Lucinden ausgeführt haben , wenn nicht die beiden Mönche , freilich auch ihrerseits in unerklärlicher Absicht , den gleichen Weg genommen und so ihr die Freiheit erhalten hätten ... Der Mönch mit dem Todtenkopf entriß einem der Banditen ein Pistol und schoß es auf die gewaltige Gestalt ab , die Lucinden schon davontrug ... Ihn selbst hatte dann ein leichter Messerstich verwundet ... Der jüngere Mönch aber , Pater Sebastus , war lebensgefährlich von einem Stilet verwundet worden ... Lucinde blieb unversehrt ... Sogar der Brief an Bonaventura war nicht aus ihrer Brust geglitten ... Das gehört zu Italien ! sprach eine Stimme ... Kommen Sie , wenn Sie können - Ihr Wagen wartet schon ... Die Fürstin ist schon lange fort ... Graf , Sie begleiten doch die Signora - ... Lucinde sah die Herzogin von Amarillas nicht ... Sie hörte aus diesen Worten nur : Diese Signora - die die Tochter eines Schulmeisters vom Lande , eine Abenteurerin ist - die ehemalige Braut des einen dieser Mönche - die Genossin des andern bei gewissen , unenthüllbaren , heimlichen Dingen ! - Lassen Sie lieber dies Geschöpf ! ... Durch die geöffneten Fenster schimmerten die Sterne ... Hätte sich allerdings Lucinde je einen solchen mit Klingsohr noch zu erlebenden Abend träumen lassen können , als sie in ihrem Pavillon auf Schloß Neuhof unter den Ulmen wohnte und H. Heine ' s Liederbuch las , das ihr Klingsohr geschenkt ... Klingsohr - um ihretwillen jetzt vielleicht todt ! ... Der Graf erbot sich voll Zuvorkommenheit zur Begleitung ... Die Mönche bleiben hier ; sagte er ... Der eine ist zu schwer verwundet , der andere leichter ... Aber Pater Vincente bewacht und pflegt sie beide ... Auch ist schon ein Arzt bei ihnen ... Sie liegen drüben beim Haushofmeister ... Die Villa bleibt die Nacht über bewacht ... Der Bargello läßt zehn Mann Wache zurück ... Sie werden , denk ' ich , ausreichen ... In der That war nun auch alles schon zerstoben und verflogen ... Der alte Fürst Rucca war so rasch entflohen , als wenn er sich wirklich an der adriatischen Küste befunden hätte ... Von dem getödteten Räuber versicherte man , es wäre der berüchtigte Pasquale Grizzifalcone selbst gewesen ... Cardinal Ceccone hatte sich nach dieser Recognition sofort von Lucindens Ohnmacht losgerissen , war in den Garten geeilt , wo die Leiche lag , und hatte sich jeden Gegenstand verabfolgen lassen , der sich in den Taschen des Gefallenen vorfand ... Dann war er eilends in seine glänzende Carrosse gestiegen und mit seinen beiden » Caudatarien « ( Schleppträgern ) in seine Wohnung gefahren , die mit der Sr. Heiligkeit unter einem Dache lag , nach dem Vatican ... Graf Sarzana lächelte spöttisch bei diesem Bericht und bot Lucinden den Arm ... Sie schwankte ... Tief erschöpft schritt sie an den Wagen ... Beide fuhren nach dem Palazzo Rucca am Pasquino . Fußnoten 1 Cardinal Wisemann ' s » Erinnerungen « . 4. Ganz Rom war von der gestrigen Begebenheit erfüllt . Der Schrecken des Kirchenstaats , Grizzifalcone , war getödtet worden von einem deutschen Franciscanermönche ! ... Der Messerstich , unter dem der Genosse des Mönchs zusammengesunken war , hätte besser diesem gebührt ! hieß es bei den Meisten ... Grizzifalcone wurde bemitleidet ! ... - » Der Aermste starb ohne Beichte - ! « sagten selbst die , die ihm vielleicht den längst verwirkten Tod gönnten ... Noch mehr ! In der Sphäre der Prälatur , des Adels , des gebildeten Gelehrtenstandes gingen seltsame Versionen ... Da war Grizzifalcone nicht zufällig , sondern aus geheimen Absichten » ermordet « worden ... Man sah die Kutsche des Cardinals hin und her fahren ... » Was man solchen Staatsmännern alles aufbürdet ! Man beschuldigt sie , selbst ihre besten Freunde nicht zu schonen ! « ... So lautete ein bittres Wort , das aus der Sphäre der » Verschwörungen « , wir wissen nicht , ob des jungen oder des alten Italien kam ... Die Aerzte , die der Cardinal in die fürstlich Rucca ' sche Villa geschickt hatte , erklärten , daß die Wunde , die der deutsche Mönch und Gefangene von San-Pietro in Montorio empfangen , so besorgnißerregend wäre , daß sie einen Transport desselben auf die Tiberinsel San-Bartolomeo zu den Benfratellen für unerläßlich hielten ... Der Laienbruder Hubertus kam mit einem leichten Verband davon ... Er ließ sich diesen nach seinen ihm eigenthümlich angehörenden chirurgischen Kenntnissen anlegen und bedauerte nur , nicht gleichfalls zu den Benfratellen kommen zu können , wofür nach Pater Vincente ' s Aeußerung keine Hoffnung war ... Wenn der Tragkorb den Pater Sebastus abholte , wollten sie ihm das Geleit geben und dann in ihre luftige Höhe nach San-Pietro zurückkehren ... Der Sack des Klosters war gestern über und über gefüllt gewesen ; aber im Tumult des Ueberfalls , des Schießens , der allgemeinen Auflösung des Festes war er von irgend einer vorsorglichen Seele aufbewahrt , d.h. gestohlen worden ... Der Stiletstich war dem verwundeten Pater Sebastus in die Rippen gedrungen ... Er hatte die Besinnung , athmete aber schwer und durfte nicht sprechen ... Was in seiner Seele lebte , mühte sich Hubertus statt seiner zu sagen ... Er traf nicht alles ... Pater Vincente , der neben den beiden auf Maisstrohbetten ruhenden Verwundeten und mit dem Luxus einer auf der Erde ausgebreiteten Matratze geschlafen hatte , berührte das Unsagbare schon näher , wenn er sprach : » So ist es mit all unsrer Sehnsucht ! Ich kann mir denken , daß ihr beide euer Leben lang nach dem Anblick Roms geschmachtet habt , und die erste Nacht , wo euch vergönnt war , euch am Ziel eurer Wünsche zu fühlen , mußte so verderblich enden ! Im Coliseum priesen wir die menschlichere Zeit , die uns nicht mehr den wilden Thieren vorwirft ! Raub und Mord sind darum von diesem Boden nicht gewichen ! ... « » Man kann Italien nicht verwünschen , das neben Räubern auch einen Pater Vincente hervorbringt ... « dachte Hubertus ... Das sah er wol , Klingsohr ' s Bewegungen kamen nicht von den Phantasieen des Wundfiebers allein her ... Lucinde in Rom ! ... Lucinde in so glänzenden Verhältnissen ! ... Hubertus hatte die Landsmännin bei ihrer Annäherung an die Bettlerschaaren zuerst erkannt und Klingsohr auf sie aufmerksam gemacht ... Diesem war sie anfangs eine Täuschung der Sinne , eine Luftspiegelung gewesen ... Soll diese erste römische Nacht mich toll machen ! rief er ... Bald aber sah er , daß auch Lucinde sie erkannte , von dem Offizier , der sie begleitete , fortzukommen suchte und ängstlich ihren Anblick vermied ... Nun wagte er dem muthigern Bruder Hubertus zu folgen ... Sie umgingen den Stand des Feuerwerks , schlichen sich in den Park , in den Garten , sahen , wie Lucinde sich von ihrer Gesellschaft frei machte und entfloh ... Dennoch schnitten sie ihr