daß sie ihr jetzt nicht hätte zeigen mögen , was denn doch noch in einer solchen » verlornen Seele « wie die ihrige , lebe , glühe und wirke . Pauline las mit Gier alles Jüngste und Neueste ; den Kosmos , die Zeitbrochüren , die Schriften über Physiologie , Phrenologie , Alles was nur auf-ogie endete , die Schriften über Volkswohl , Gewerbe , sogar über Freihandel . In solchem Bildungsdrange waren ihr die Klagen der Ludmer lästig . Sie bat sie , ihre Nerven zu schonen . Sie überließ ihr zu thun und zu lassen was sie wolle . Sie berief sich auf das Bild , welches die Memoiren der Fürstin Amanda an ihren Sohn enthalten hatte , um zu beweisen , daß sie wohl wisse , wann es Zeit zum Handeln wäre ; für jetzt verfolge Charlotte nur Schatten und gefalle sich in Träumereien . So war Pauline von Harder gestimmt an jenem Tage , für dessen Abend die Ludmer Fritz Hackert zu sich berufen hatte . Sie hatte wieder Entdeckungen gemacht , über die sie um jeden Preis erst mit ihrer Gebieterin Rücksprache nehmen wollte ; aber diese horche Dem , was sie erzählte , nur halb zu ; denn sie glaubte Egon ' s Wagen zu hören . Er war es auch . Es war die Livree des jungen Fürsten , die sie mit ihm gemeinschaftlich verbessert , neu gemodelt , neu gezeichnet hatte . Aber der Wagen fuhr ja an ihrem Hause vorüber und hielt ... drüben bei der noch immer in Büchsenschußweite von ihr entfernt wohnenden Fürstin Wäsämskoi ? ... Sie erschrak darüber nicht . Ist Das der Besuch , sagte sie , den Egon schon längst bei der grillenhaften Frau macht , die sich seit der Flucht ihrer Tochter und der Ankunft ihres abenteuerlichen Schwiegersohnes vor Niemanden mehr sehen läßt ? In der That kehrte auch Egon ' s Wagen sogleich zurück . Die Fürstin Wäsämskoi hatte ihn nicht angenommen oder war nicht zu Hause oder war bei Tische , wie sie eigentlich selbst . Es waren eigenthümliche Diners , die Pauline seit einiger Zeit veranstaltete . Sie bestanden aus einer kleinen gedeckten Tafel mit zwei Couverts in ihrem gelben ostensiblen Boudoir . Ein Nebentisch diente zum Anrichten . Eine große weißbrennende , geschliffene Krystalllampe stand auf der kleinen gedeckten Tafel , deren Gläser , damastne Decken , Porzellanteller und silberne Bestecks einen traulichen Anblick boten . Die im weißen Porzellanofen prasselnde Flamme , die Decken im Zimmer , die gleichmäßig schlagende Stutzuhr , alles Das erhöhte die Stimmung und um nichts zu vergessen , was den Beiden , die hier zu essen pflegten , den Genuß werthmachen konnte , erwähnen wir noch den im Eiskühler schon frierenden Champagner ... So fast täglich , so auch heute ... Die Ludmer entfernte sich und erhielt den Auftrag , daß sie die am Abend erwartete Gesellschaft in den großen Sälen empfangen sollte . Schritte hallten . Der ohne Anmeldung eintretende Fürst Egon küßte Paulinen die Hand und warf sich ohne Weiteres sogleich auf die weichen gelbseidenen Kissen des Sophas . Er benahm sich als wär ' er zu Hause und Pauline war glücklich , den Allgefeierten bei sich zu haben , ihn hegen , ihn pflegen zu können wie seine Mutter . Viertes Capitel Der neue Lykurg Sie waren bei der Fürstin Wäsämskoi , Egon ? begann Pauline und lauschte behutsam auf die Stimmung ihres geliebten jungen Freundes , der in schwarzem Frack und weißer Halsbinde zwar erschöpft , fast leidend , aber mit der ihm eignen Würde und Haltung an seiner gewohnten Stelle saß und sich langsam die Handschuhe auszog . Ich hielt es für meine Pflicht , einmal wenigstens meine Karte abzugeben , sagte er mit fast tonloser Stimme , heiser , angegriffen . Rudhard ist so aufmerksam gegen mich , besucht mich , wenn er nur eine Minute erübrigen kann - Sind Das aber auch immer die Minuten , die grade Sie frei haben ? Belästigt Sie der Mann nicht ? Die Geheimräthin strich mit der Hand des Fürsten Stirn . Sie erschrak über seine Abspannung . Ich höre Rudhard gern . Es gibt mir Muth , meinen weiland Lehrer , den ich so hochachte , mit mir in Übereinstimmung zu wissen . Die Geheimräthin wagte , um den Fürsten zu zerstreuen , an persönliche Angelegenheiten zu erinnern , ob Olga geschrieben hätte , ob Helene wirklich in Italien wäre , ob Heinrichson sich ihnen schon angeschlossen hätte ... Rudhard spräche darüber nicht , sagte Egon und erwähnte Dystra , der Aufsehen mache durch seine Sonderbarkeiten . Es wäre ein sittlicher Polytheist , ein Ideen-Gourmand , wie er sie nicht leiden könne diese Allesschmecker und Nichtsverdauer . Bären , Affen und Hunde sind , wie ich höre , ihm lieber als die Menschen . Er sollte die Bekanntschaft Ihres Schwiegerpapas suchen , den die Menschen in seiner juristischen Praxis so anwiderten , daß er zuletzt weniger daran verzweifelte , Hunde und Katzen auszusöhnen , als die Leidenschaften unsrer Race . Kommen Sie zu Tisch , Egon ! sagte die Geheimräthin , erschreckend über die tonlose , fast krächzende , trockne Stimme des Staatsmannes , der heute viel geredet zu haben schien . Sie sind ermüdet ! Stärken Sie sich an meinen kleinen Mahlzeiten , die Sie noch diesen Winter liebgewinnen sollen . Wenn Sie erschöpft sind von der Politik , Egon , wenn das Ceremoniell des Hofes , ja Ihres eignen Hauses Ihnen selbst die Freuden der Tafel verleidet , so kommen Sie zu mir ! Pauline servirt ihrem Freunde eine kleine , verschwiegene , stille , trauliche Existenz ! Die Ludmer ist eine Künstlerin in der Sphäre Vatel ' s : Harder ' s einz ' ge Region , in der man sich auf einige Kenntnisse von ihm verlassen kann , ist sein Keller ... kommen Sie , Egon ! Die Bedienten brachten Austern , Caviar , geröstete Brotschnitte ... Als sie gingen , sagte Egon lächelnd und sich am Tische , wo er Paulinen gegenüber Platz genommen , mit lassen Händen selbst bedienend : Mais à deux ? Wer versprach denn - ? Ich schrieb Melanie und lud sie ein , sagte Pauline , ohne im Mindesten die Mienen zu einem Lächeln oder einem Spotte zu verziehen , sondern wie im Drange des aufrichtigsten Bedauerns , daß ihr die Lösung einer sehr ernsten Aufgabe nicht gelungen ; ich schrieb Melanie und lud sie ein . Sie wird erst den Abend kommen . Zu diesem Diner nicht , die Gründe soll ich mündlich hören . Ohne spröde zu sein , weiß sie doch gut zu rechnen , sagte Egon lächelnd . Sie fürchtet die Vertraulichkeit eines solchen kleinen Mahles à la Régence . Die Bedienten hinderten eine weitre Erörterung dieses Themas . Sie schenkten Madeira ein und boten dem sonderbaren , sich hier gegenüber sitzenden Paare davon in zierlichen kleinen geschliffenen Gläsern . Nachdem kam eine fast überkräftige Suppe und überhaupt ein so ausgesuchtes , gewähltes Diner , daß wir die einzelnen Gänge ebenso wie die Unterbrechungen durch die Diener mit Stillschweigen übergehen können . Das Gespräch , das sich in den Zwischenpausen frei ergehen konnte , kam etwa auf folgende Äußerungen hinaus : Ich habe darüber nachgedacht , sagte Egon mit träumerischem Sinnen , worin ich eigentlich den Zauber dieses reizenden Mädchens finden soll . Der Glanz ihrer Schönheit scheint dauerhaft , er wird nicht zu bald erblinden . Aber selbst eine ewige Schönheit wäre in dem Falle etwas Vorübergehendes , wenn die Schönheit nur ihrer Schönheit allein bewußt wäre . Ich finde Das so liebenswürdig an Melanie , daß sie sich mit einer Leichtigkeit gibt , als wäre sie nur lachend , nur graziös , nur munter . Sie macht kein steifes Wesen von ihrer Schönheit . Zuletzt ein gewisser gutmüthiger Zug , eine gewisse ... Nennen Sie ' s nur grade zu , sagte Pauline , wie es ist . Melanie gefällt Ihnen deshalb so sehr , Egon , weil sie bequem ist . Bequem ? Ja , theure Pauline , fast glaub ' ich , daß Sie das rechte Wort sagen . Wenn man so wie ich Jahre lang die Liebe behandelt hat wie die erste Aufgabe unsres Lebens , wenn man Frauen gefunden hat , die , indem sie Liebe gewährten , unsern ganzen Menschen dafür in Anspruch nahmen und verbrauchten , so lernt man ein Wesen schätzen , das keine Gefühlswühlerin ist , keine Gedankengrüblerin , keine heimliche , versteckte , sondern eine offne , gutmüthig ihre Schwächen eingestehende Kokette . Ich weiß wahrlich , das Kapital , das am Ende ein Weib zu vergeben hat , ist sehr klein und allen Frauen liegt daran , daß sich die Sage von der unendlichen Größe ihrer Schätze erhält . Man lobt und preist die Dichter , die Frauenliebe als etwas Unendliches und einem im tiefsten Grunde des Meeres zu suchenden Schatze nur Vergleichbares darstellen . Lieber Himmel , Das ist eine Verabredung unter diesen Phantasten ! Die Angelegenheit , um die es sich zwischen Männern und Frauen handelt , ist eine so außerordentlich einfache und ich gestehe Ihnen , ich bewundere und schätze grade die Natürlichkeit , die diese Wahrheit eingesteht . Pauline lächelte und betrachtete sich jetzt erst genauer ihr Tête-à-Tête . Egon war seit vierzehn Tagen Staatsminister , dirigirender Chef des Landes ; er hatte die Kammern entlassen und große energische Grundsätze ausgesprochen . Er saß nun da so einfach vor ihr , derselbe Mann , der alle Gedanken in Anspruch nahm , alle Leidenschaften beschäftigte . Er aß an ihrem kleinen Tisch , erholte sich bei ihr von seiner auch äußerlich schon sichtbaren Erschöpfung ! Wie fühlte sie Das nach ! Wie machte sie diese Erholung glücklich ! Egon war hoch , schlank , wie immer , seine Gesichtszüge edel und fein , seine Haltung fürstlich , seine Kleidung zwar noch durch keinen Stern geziert , aber doch wie die eines Hofmannes . Wie blaß aber die Mienen des Antlitzes ! Wie hoch die Stirn , der oben und zu beiden Seiten Morgens die Haare in Büscheln entfielen ! Wie zuckten die Lippen so spöttisch ! Wie krampfhaft gereizt waren seine Bewegungen , wenn er nach einer Schüssel griff ! Wie bitter der Humor , wenn er den kleinen Schnurrbart mit der Serviette reinigend und ein Glas Eremitage an die Lippen bringend , sagte : Ah , Pauline ! Dieser süße Genuß , doch wenigstens etwas zu wissen , was fest steht und gewiß bleibt ! Dieser feurige Burgunder ist die einzige feste Thatsache , die ich seit lange unter den Händen gehabt habe . Was hab ' ich Schwankendes gesehen und was gleitet mir nicht alle Tage flüssig und unhaltbar durch die Finger ! Diese vierzehn Tage , wie reich an Hoffnungen , wie gesegnet an Täuschungen ! Sehen Sie , auch Das ist an Melanie schön . Man weiß , was man an ihr besitzt . Sie ist eitel und gesteht es . Sie will gefallen und sagt es . Sie verräth uns , daß sie sich mir nur unter großen Bedingungen ergeben könne . Auch diese Offenheit lernt man schätzen , wenn man wie ich in der Lage ist , nichts , nichts mehr mühelos aufzufinden ! O Gott , Pauline , wie oft mocht ' ich schon in diesen vierzehn Tagen mit dem Kopf an die Wand rennen ! Nichts ist mühelos , die einfachste Erörterung nicht ! Bei Gott , es verstehen mich nur drei oder vier Menschen , der König , die Königin , Sie und Melanie - Waren Sie heute mit dem Hofe zufrieden ? Mit dem Monarchen immer , mit seinen Umgebungen niemals . Diese Menschen fragen nach jedem Begriff , was er bedeute , nach jeder Maßregel , was sie nützen oder schaden könne . Dem Monarchen sagt ' ich : Ich ehre die Monarchie . Der Fürstin : Ich ehre die Sitte - nun verstehen mich doch diese Beide , in allen Fragen wissen sie , daß ich ihr Bestes will . Aber die Andern ! Die Sitte ? bemerkte Pauline lächelnd und befahl den Bedienten , jetzt schon den Champagner zu öffnen . Als eingeschenkt war und die Diener sich entfernt hatten , sagte Egon : Warum zweifeln Sie an meiner Sittlichkeit ? Pauline schwieg , warf ungläubig die Lippen auf , Egon aber fuhr fort : Ist Das unsittlich , daß ich hier Ihnen gegenüber mein Mittagsmahl nehme und mich glücklich fühle , irgendwo einen Ort zu haben , wo ich mich ausruhen darf und wo man mir die Ruhe gönnt ? Pauline reichte ihm fast gerührt die Hand über den Tisch ... Geben Sie mir nicht die Hand , Pauline ! sagte Egon , sie sanft zurücklehnend . Ich verdiene es vielleicht nicht um Sie , denn gestern Abend , als in den kleinen Cirkeln von Ihnen die Rede war - Von mir ? Und nicht in den freundlichsten Andeutungen - In der That ? Was erwarteten Sie wol von mir ? Daß Sie mich vertheidigten . Ich that es , aber mit Waffen , die Sie vielleicht misbilligen . Nennen Sie sie ! Ich nehme Anstand ... Ich muß Alles hören , was man in den kleinen Cirkeln von mir gesprochen hat . Also ? Nun denn , Pauline ! Ich nannte Sie alt . Ich sagte ferner , Sie hätten das edle Bedürfniß , sich mit dem Sohne einer Mutter , mit der Sie verfeindet waren , auszusöhnen und ich schätzte an Ihnen diese Reue und liebte , da ich keine Mutter mehr besäße , Sie als die Stellvertreterin derselben . Nicht wahr , Das war eine sehr liebevolle Impertinenz ? Paulinen zuckten in der That die Nerven . Sie war denn doch von einer so heroischen Aufrichtigkeit zu sehr überrascht . Sie stand allerdings schon an dem Scheidewege , sich eine Matrone zu nennen . Aber hindrängen mußte man sie darauf so schroff nicht , so jäh und abschüssig nicht . Sind Sie mir böse ? fragte Egon . Die Geheimräthin faßte sich erst allmälig , biß sich die Lippen und sagte dann lächelnd : Warum sollt ' ich ? Sie haben Recht , ich bin alt . Im Übrigen glaub ' ich , daß Sie ganz gut thun , den Jargon dieser kleinen Cirkel zu sprechen , wenn Sie doch einmal an ihnen Theil nehmen müssen und Jemanden dort nützen wollen . Ich muß , um Doppelpolitik zu hintertreiben . Dann wünscht ' ich aber doch , fuhr Pauline noch etwas gereizt fort , die Gräfin Altenwyl käme einmal auf Melanie Schlurck zu sprechen und früge den tugendhaften jungen Premier , den Abgott aller pietistischen Hofdamen , wie er verantworte , seit dem Tage , wo er eine berühmte junge Kokette auf dem Wege nach Solitüde zu Pferde gesehen , sich sogleich in sie zu verlieben und bei der chère Maman Pauline von Harder , täglich nach einem Rendezvous , nach einem Tête-à-Tête mit ihr zu schmachten ? Die Bedienten brachten eben ein aus den vollendetsten Herbstfrüchten bestehendes Dessert . Als sie fort waren , sagte Egon , eine Melone pfeffernd : Bitt ' re Wahrheit ! Unser Magen verdaut das Süßeste nicht , wenn wir es nicht durch die Vernunft unterstützen . Ich gebe Ihnen das heilige Versprechen , daß ich auch in Betreff Melanie ' s auf jenem Tugendpfade bleiben werde , den Sie belächeln , Freundin ! Der Verhältnisse , Sie wissen , was das Wort bezeichnet , bin ich überdrüssig . Ich habe mit einer Grisette wie in der Ehe gelebt und habe Lust , Liebe , Leid im reichsten Maaße genossen . Ich hatte dann eine zweite Ehe . Ich bedarf , ich seh ' es wohl , der Frauen ... Pauline drohte ihm schalkhaft ; denn Egon that , als wäre sie seine dritte Ehe . In der That , fuhr er fort , wenn ich meinen kleinen Roman mit Melanie fortsetzen sollte , würd ' ich in die Lage kommen können , sie zu heirathen - Prinz , welche Thorheit ! rief Pauline und sprang auf . Fürst Egon von Hohenberg wird Melanie Schlurck , die Tochter eines in seinen Vermögensverhältnissen , wie es scheint , zerrütteten Advokaten , die ehemalige Verlobte eines Stallmeisters nicht zur Fürstin erheben ! Fürst von Hohenberg ! sagte Egon bitter . Wiederholen Sie dies Wort , seit wir die Denkwürdigkeiten meiner Mutter lasen , noch mit so würdevollem Nachdruck ? Welche Sorge ! entgegnete Pauline mit einem eignen Anflug von triumphirender Überlegenheit . Sie sind trotz der puritanischen Buße , die sich Ihre Mutter glaubte auferlegen zu müssen , der Sohn des Fürsten Waldemar von Hohenberg und werden den Glanz Ihres Namens nicht erlöschen lassen - Doch ! Doch ! Pauline ! erwiderte Egon sehr ernst und trübe . Wenn ich Minister bleibe und mir Melanie sich als Bedürfniß so erhält , wie sie es zu meinem Entsetzen schon geworden ist , so werd ' ich sie heirathen müssen . Unglaublich ! Dann gut ! Ich will Melanie nicht mehr sehen , nur Sie , Pauline , nur mit Ihnen will ich reden , mit Ihnen debattiren , diniren ; aber diese jungen Schönheiten , die Sie um sich versammeln , diese reizenden Gestalten entfernen Sie ! Ich kann mich nicht mehr an diese vorübergehenden Irrthümer , an die eitlen Naivetäten , an die sentimentalen Koketterieen preisgeben oder ich wähle ein Weib und Sie haben Recht , ich habe allerdings Ursache , eine aus den höchsten Ständen zu suchen . Man räumte die Tische hinweg . Egon nahm auf dem Sopha Platz und stützte das Haupt auf . Sie sind heute wieder einmal ein Grillenfänger , begann Pauline von Harder und fuhr dem jungen Fürsten durch die Locken , von denen sie bemerkte , sie würden ihm immer lichter werden , wenn er so seinem Trübsinn nachgäbe und dem Beispiele einer Mutter folge , die ihm ihr selbstquälerisches Temperament vererbt zu haben schiene . Ach , sagte Egon , welch ' ein drückendes Gefühl bleibt es doch , so an sich selbst nicht mehr glauben zu dürfen und sich als ein Andrer zu wissen , als der man von den Menschen genommen wird ! Seit ich die Denkwürdigkeiten meiner Mutter las , ist mein Innerstes zerstört . Diese verblendete , von der Leidenschaft der Wahrheit bis zur Grausamkeit hingerissene Frau ! Um Buße zu thun , um ihre Reue zu bekennen , um ihren Sohn zur Nachfolge Christi , zur Demuth zu bewegen , muthet sie ihm für sein ganzes Leben eine Lüge zu , einen Betrug gegen sich selbst und die Welt ! Man brachte den Kaffee . Pauline winkte den Bedienten , die an rasches Serviren gewöhnt waren , sich zu entfernen . Lassen Sie diese Erinnerungen ! sagte die nächst der Ludmer einzige Mitwisserin des Geheimnisses , daß Egon nicht der Sohn des Feldmarschalls von Hohenberg war . Es gibt nur ein Wesen , das in die Geschichte der Verirrungen Ihrer Mutter eingeweiht ist - Verirrungen ! griff Egon träumerisch das Wort auf . Als ich die Denkwürdigkeiten meiner Mutter las , fühlt ' ich , sie kommen , so grausam sie für mich sind , doch von einer andern Welt als der , wo wir irren . Pauline , ich hätte Sie damals tödten können , weil Sie sich mit so verschlagner List diesen Besitz aneigneten - Erlaubte Selbsthülfe , Prinz ! Nein , fuhr Egon gesteigerter fort , ich segnete Sie schon nachher selbst in meinem Schmerz . Ich war zu Thränen gerührt , als Blatt für Blatt diese Geständnisse aufflogen und ich in den Grund eines das Unmögliche suchenden , verzweifelnd ringenden Herzens blickte . Ach , als ich heute die Altenwyl in bequemer Behaglichkeit so albern religiös sich gebehrden sah , so sicher in ihrem Christenthum , wie eine Predigthörerin im bequemen Kirchenstuhl , als man mir zumuthete , die Erbschaft der Johanniter getrost der Stadt zu überlassen und den vom vorigen Ministerium begonnenen Prozeß zu Gunsten einer pietistisch-jesuitischen Coterie - die ich klar durchschaue - fallen zu lassen , wie ging mir da beim Anhören dieses Nebelns und Schwebelns kindisch bornirter Gemüthsgründe das Bild meiner Mutter auf ! Wer ist unter Euch , der mich einer Sünde ziehe , so konnte sie sagen solchen absolut Tugendhaften gegenüber ! Sie , die sich , um sich ganz verachtet zu machen , sich ganz zu entkleiden , ganz zu stäupen und zu demüthigen , selbst anklagte , sie , die keine gleißnerische Falte in ihrem Leben dulden wollte und in mir dieselbe Demuth , dieselbe Entsagung und Gottergebung durch irgend einen großen Entschluß wirken wollte ! Ich hatte sie gekränkt von Kindesbeinen an ... Aber , Egon ! So entschuldigen Sie diese Mutter ? rief Pauline . Sie konnte Jedem ihren Fehltritt , der mich damals namenlos unglücklich machte , beichten , warum Ihnen ? Sie hat Ihre Ruhe vergiftet , sie hat Ihnen den Glauben an sich selbst genommen ... Denken Sie sich in diese Verirrung nicht hinein ! unterbrach Egon . Sie verstehen diesen Trieb nach Wahrheit und diese Auffoderung zur Demuth nicht ! Ich finde in der Manie der Wahrheit keine Tugend mehr . Sie wollte mit keiner Lüge aus der Welt gehen ! Sie wollte ganz zerknirscht sein , ganz gedemüthigt vor den Menschen und vor mir , dem sie die Grenze des Selbstgefühls wies ! Einmal flammte noch die Angst in ihr auf . Sie schrieb an Rudhard , er sollte ihre Geständnisse prüfen ... Ihren Namen , den Namen Ihres Vaters schänden ! Nein ! Nein ! Pauline ! Wenn die Todte Das sähe ! Ich sitze auf den schwellenden Polstern ihrer Feindin ! Was ist Ihnen , Prinz ? Als ich diese Denkwürdigkeiten , die unter Thränen geschrieben wurden , las , dankte ich dem Zufall , daß sie Rudhard , der Ansprüche darauf machte , nicht erst gelesen . Sie allein kennen sie . Sie allein , Pauline , wissen , daß die junge Gräfin Hohenberg ihre erste Freiheit von einem brutalen , rohen , sinnlichen , gewöhnlichen Gatten , dem berühmten Krieger , zu einer Badereise benutzt und in dem Jubel einer endlich einmal erlösten Existenz , in dieser Freiheit von vier Wochen so schwach war , den Schmeicheleien eines liebenswürdigen jungen Mannes nachzugeben , den auch eine Kette band , auch ein Schicksal drückte ... Sie sind so grausam wie Ihre Mutter ! Vergeben Sie , Pauline , ich muß es mir oft vorführen , um es von einer Mutter verstehen zu können . Ich möchte von Heinrich Rodewald , meinem wahren Vater , eine gute Vorstellung haben . Die Mutter schildert ihn wie einen Gott . Aber die Erinnerung mag verschönert haben . Ist es doch ein Frühlingshauch , der über diesen Blättern weht ! Welche Seligkeit , wie sie ihre Freiheit in der Landecker Badereise schildert ! Die erste Freiheit ! Der erste Strahl des erwachenden Selbstbewußtseins ! Sonst Nacht , sonst Nebel , Qual täglich , Pflicht stündlich , nur Sklaverei ! Und nun dieser erste Lichtstrahl ! Und wen verklärt er ? Einen Rodewald ! Sagen Sie , verdiente er dies Entzücken ? Sie sind sein Ebenbild ! Besaß er seltnen Geist ? Mehr den Geist der Entwickelung als den der Synthese . Mehr Denker also als dichterisch . Die Frauen lieben die Analyse . Ach , ich sehe Das ! Pauline von Ried ist krank , elend , sie badet , um zu genesen . Ihr Freund und Verehrer begleitet indessen stündlich Paulinen ' s Jugendfreundin , findet Gefallen an der reizenden jungen Frau , die in Wonne schwelgt über einen Kieselstein aus dem Bache , über eine Blume , einen Käfer . Sie denkt , das Alles wäre der Zauber einer Badereise ; da müsse man einsaugen für das ganze Leben , jeden Grashalm genießen , jedes Vögelchen bewundern , aus allen Schnüren und Bändern die trunkene Seele erlösen . Und dieser junge Schwärmer sagt ihr , daß er von Pauline von Ried sich trennen müsse , um zu leben , sie quäle ihn , sie morde ihn ... Ha ! Wie verwandt sind Sie ihm ! Ja , ja , Das ist die Sprache eines Don Juan , der kein andres Mittel , Amanda von Hohenberg zu bethören , wußte , als Das , mich herabzusetzen ! Egon lächelte und sprach fast in sich hinein : Heinrich Rodewald ist wie ich . Er konnte also das Glück nicht ertragen ! Ha , ha , Euer Glück ! Das Glück , Euch und Eure Liebe zu besitzen . Und Amanda , die glaubt , die liebt zum ersten Male , die jubelt , einen Mann gefunden zu haben , der ihr eine edlere Vorstellung von unserm Geschlechte einflößt als jener rohe , mit Orden behangene Landsknecht ! Sie beschließen eine Trennung von dem damaligen Grafen von Hohenberg . Rodewald , ein Gelehrter , schien ihr der reinsten Gegenliebe würdig . Sie scheidet von dem Badeorte , voll edelster Vorsätze - Falsch , heimtückisch gegen ihre Freundin - Aber wahr gegen meinen Vater und wahr gegen den Grafen , ihren Gatten . Amanda kommt nach Hohenberg -eben im Begriff , dem General ihre ganze Schuld einzugestehen , den Beistand eines Rechtsfreundes zu einer legitimen Trennung anzurufen , das Band , das sie an Rodewald knüpfte , kirchlich einsegnen zu lassen ... fällt dem zerrütteten Finanzwesen des großen Kriegers jene halbe Million der österreichischen ausgestorbenen Linie unsres Hauses zu ! Sie stockt nun . Nicht aus Gefallen am Glanze für sich , sondern aus Erwägung , Rücksicht , aus Liebe zu dem Kinde , das sie unter ' m Herzen trägt . Verlorne Stunden bei guten Vorsätzen sind verlorne Tage , verlorne Tage da verlorne Jahre . Mistrauen gegen Rodewald ergreift sie . Sie sieht ihn wieder . Wieder faßt sie neues Vertrauen . Wieder will sie sich dem General entdecken , wieder von ihm die Einwilligung zu einer Trennung begehren , will wieder wahr sein , tugendhaft , wenigstens bereuend , da erhebt der Monarch seinen Liebling in den Fürstenstand . Fürst Waldemar von Hohenberg ! Das Kind , das sie unter ' m Herzen trägt , nun ein Fürst : reich und ein Fürst ! Ein Kampf der Rücksichten ! Gegensatz auf Gegensatz ! Die Mutterliebe streitet mit der Liebe zu Rodewald , die Furcht , die Besorgniß übermannen sie . Die Entschließung verzögert sich . Der Augenblick des Geständnisses wird verschoben , verschoben die Möglichkeit einer Ehrenrettung vor der Welt und endlich ganz versäumt . Die Fürstin Amanda , damals noch weltlich , noch flatternd wie ein Schmetterling , denkt an die Zukunft ihres Kindes , träumt , daß es eine glänzende , glückliche sein könnte , und auch Rodewald ... nicht wahr , er ist an seine Kette zurückgekehrt ? Nein , Sie Grausamer ! unterbrach Pauline den vor sich hinstarrenden und diese Geständnisse nur kurz so ausstoßenden Egon . Nein , zurückgekehrt an ein Sterbebett ! Ich war dem Tode nahe ... Ich erfuhr von Rodewald ' s Untreue , aber ich glaubte nicht . Ich wollte nicht glauben . Noch jetzt , Egon , wenn nicht Heinrich ' s Auge , seine Stirn , sein Gang , sein eigenstes Wesen sich in Ihnen abspiegelte ... In der That ? bemerkte Egon seufzend und richtete das Haupt zu Paulinen auf , indem er sagte : Wie bin ich doch gefangen , Pauline ! Der stolze , ehrgeizige , weltstürmende , weltschirmende Egon hat eine Meisterin über sich , die ihm , wie Sie einmal sagten , die Hölle werden könnte ! Sie sind der Sohn Ihres Vaters ! Bastard von Hohenberg ! Wie mich Das schüttelte ! Wie mich Das eingeengt hat ! Wie bin ich sogleich stolzer , eitler geworden , als in meiner Natur liegen durfte . Ich hatte sogleich einen stillen Mahner in mir , den ich nicht anders betäuben konnte als durch Luxus und adlige Anmaßung . Die Wahrheit der Legitimität , die in der Form , im Zugeständnisse liegt , hab ' ich erst jetzt verstanden , jetzt erst gewürdigt . Ja , die Thatsachen entscheiden , nicht die Untersuchungen . Von dem Tage an , wo ich erfahren mußte , daß ich nicht des Fürsten echter Sohn bin , hab ' ich den Fürsten , meinen scheinbaren Vater , angefangen beinahe hochzuehren , beinahe liebzugewinnen , bin den Spuren seiner rohen Bildung fast mit Interesse gefolgt : Ich war Fürst mit Leib und Seele , des Fürsten echter Sohn im Geiste . Wie räthselhaft ist doch Alles im menschlichen Gemüth ! Wenn diese Geständnisse Ihrer Mutter , sagte Pauline , bewirkt haben , daß Sie Ihres Standes und Berufes eingedenk wurden , unpassende Freunde und Genossen aus Ihrem Umgange entfernten , Ihre Stellung behaupteten , so haben Sie mehr erreicht , als Amanda beabsichtigte - Ich bin reif in ein Kloster zu gehen oder den Propheten zu spielen und die Welt in Flammen zu setzen um meines Glaubens willen ... Geben Sie mir die Hand , Egon ! Seien Sie besonnen ! Was verdank ' ich Ihnen nicht ? Sie erquicken mein verschmachtendes Gemüth , Sie stillen noch einmal den Durst eines verzweifelnden Gefühles der Nichtbefriedigung ! Wie leb ' ich mit Ihnen ! Wie folg ' ich Ihrer großen , bewunderungswürdigen Bahn ! Wie sonn ' ich mich in Ihrem Glanze ! Diese Leidenschaften , die mich sonst darüber unglücklich gemacht haben würden , daß ich in Ihnen die Züge Heinrich Rodewald ' s wiederfand , schlummern nun ... Wie können Sie von einer Hölle reden ! Egon schwieg , blickte nieder und sagte zuletzt träumend : Wo mag mein Vater jetzt weilen ? Lebt er wol noch ? Wer ist das junge Mädchen gewesen , das Sie , Pauline von Ried , ihm selber gaben , um zu verhindern , daß er zur verhaßten Amanda zurückkehrte ? ... Wie