gebrauchten Silbergeschirre in die Tiber werfen ließen - » Jetzt würden sie vorsichtiger sein « , spottete schon oft Ceccone ... Napoleoniden fehlen nicht ... Ceccone gibt ihnen mit lächelnder Grazie Andeutungen , wie ihre demokratischen Bestrebungen ihm in Wien Gegenstand empfindlichster Vorwürfe für das Cabinet der gekreuzten Schlüssel gewesen wären ... Neulich hatten Räuber den Prinzen von Canino ( Lucian Bonaparte ) in seiner Villa Rufinella aufheben wollen ... Der Cardinal scherzt eben darüber mit ihm und sagt : Wenn man eine Million Lösegeld verlangt hätte , würden Eure Hoheit vielleicht nicht den » Congreß der Naturforscher « in Pisa begründet haben , der ja wol den Anfang der » Einheit Italiens « bilden soll ! ... Ein scharfes Wort , harmlos vorgetragen , und doch so drohend , daß der Prinz hinter dem Mann im rothen Käppchen und in rothseidnen Strümpfen eine bedenklich ernste Miene macht ... Saht ihr diese Miene ? Ihr Piombino , Ludovisi , Odescalchi , Ruspigliosi - ? ... Alle diese Namen , die freilich in den Listen des » jungen Italien « fehlten , fehlten doch nicht bei dem Widerspruch , den das Priesterregiment Roms seit tausend Jahren bei den Adelsgeschlechtern findet ... Den Gesprächen zufolge hätte niemand an die Stadt der sieben Hügel denken sollen ... Sie betrafen Theater , Concerte , Moden - aber doch auch Räuber , die nächsten Segnungen des heiligen Vaters , die reservirten Plätze bei den großen Kirchenfesten ... Die lebhafteste Conversation führten die Offiziere und die Geistlichen ... Letztere , Roth- und Violettstrümpfe , sind gegen die Damen fast noch zuvorkommender , als die erstern , die vorzugsweise der Nobelgarde Sr. Heiligkeit angehören - schlanke hohe Gestalten , jüngere Söhne der Aristokratie ; nur ihrer achtzig ; aber Schooskinder der römischen Gesellschaft , Tonangeber aller offenen Freiheiten , die sich noch unter dem Priesterregiment gestatten lassen - der geheimen gibt es genug - die Begleiter Sr. Heiligkeit auf Reisen , die Anführer seiner öffentlichen Aufzüge - ein Graf Agostino Sarzana darunter - in goldstrotzender zinnoberrother Uniform mit blauem Kragen , weißen Beinkleidern , den schönen Römerhelm , mit schwarzen hängenden Roßhaaren und dem kleinen weißen Seitenbüschel daneben , schon in der Hand ... Das Souper war zu Ende ... Alles drängte dem Garten und dem Feuerwerk zu ... Graf Agostino Sarzana war es , der eine Dame verfolgte , die sich nach dem Ausspruch Sr. Eminenz des regierenden Cardinals heute ausnahm wie eine » Tochter der Luna « ... Die Dame verschwamm im blauen Aetherlicht wie ein Gedanke voll Ahnung ... Sie tauchte auf , da und dort - und verschwand wieder in den dunkelgrünen und blauen Schatten wie die Luft ... Ihre Toilette war der Anlaß dieser Vergleichung des Cardinals , der sie gleichfalls mit Feueraugen verfolgte , wenn er sie auch nicht vor den vielen andern anwesenden , die seinem Herzen und - Beutel theuer waren , allein auszeichnete ... Die Tochter der Luna , der Keuschen , deren heidnischen Ruf Ceccone als Priester der Christenheit nicht zu schonen brauchte , indem er ihr eine Tochter gab , trug ein blaßblaues Kleid von Donna-Maria-Gaze , einem durchsichtigen , damals neu erfundenen Seidenstoff , übersäet mit kleinen silbernen Sternchen ... Das Kleid war nicht ausgeschnitten ; es verhüllte , der keuschen Luna schon entsprechend , Formen , die sich dennoch verriethen ... Als einziger Schmuck blinkte im dunklen Haar ein einfaches Diadem von blankem Silber , in Gestalt eines Halbmonds ... Es war ein Kopf , der sich mit seinem glattliegenden Scheitel und dem kräftig gewundenen Knoten im Nacken wie eine lebendig gewordene Statue aus den ägyptischen Sälen des Vatican ausnahm ... Um die dunkeln Augen lag eine gewisse erhitzte Röthe , wie sie bei leidenschaftlichen Naturen vorkommt ... Die Stirn war schmal ; die Wange ebenso etwas zusammengehend , aber sanft zum spitzen Kinn niedergleitend ; die untere Lippe trat mit Muth und Trotz hervor ... Es gibt plastische Gesichtsformen , die nicht altern ... Das Schönste war die Länge der Gestalt ... Die Dame war pinienhaft schlank ... Graf Sarzana will unserer » Creolin « Unterricht im Italienischen geben ? scherzte der Cardinal so laut , daß es alle Umstehenden hörten ... Die » Creolin « war wieder ein neues Stichwort für die » Tochter der Luna « und diesmal kam es vom Monsignore Bischof Camuzzi , dem ersten Secretär des Cardinals , der als Missionar Westindien bereist hatte ... Eminenz , sagte Graf Sarzana , der schlanke junge Mann mit athletisch breiten Schultern , auf denen bei jeder seiner Bewegungen die goldenen Epaulettes hin-und herflogen , und strich sich den martialisch gezogenen Schnurrbart , Eminenz haben die Absicht , die ganze Welt zu reformiren ! Auch die Garde Sr. Heiligkeit ! Wenn ich noch länger in diesen Fesseln schmachte und nicht erhört werde , geh ' ich nach San-Pietro in Montorio , nach dem die Dame mich soeben gefragt hat ... Auf diese scharf betonte Lokalität und überhaupt auffallend grell gesprochenen Worte des Ritters Sr. Heiligkeit fistulirte ein Stimmchen nebenan : Ja , in der That ! Pater Vincente ist ja da ! ... Dies Stimmchen gehörte dem Bräutigam , der den Namen des bezeichneten Klosters gehört hatte und eben von der Pforte kam , wo er den seiner Person so schmeichelhaften Volksjubel und die Ausspielung der silbernen Uhren hatte controliren wollen ... Wir werden das meiner Frau sagen müssen ! fuhr er , vom Champagner erhitzt mit Lebhaftigkeit fort ... Erführe sie die Anwesenheit des Paters und dieser ginge , wie er gekommen , so wäre sie im Stande , mir die erste Gardinenscene zu machen ... Die Abbés und Prälaten lachten über die Wonne , mit der jeder junge Ehemann von zwölf Stunden fortwährend den Begriff : » Meine Frau « im Munde führt ... Inzwischen stiegen immer mehr Leuchtkugeln auf und das Feuerwerk schien seiner Entfaltung nahe zu sein ... Draußen riefen Tausende von Stimmen und klatschten bereits im voraus Beifall und die Musik fiel mit schmetterndem Tuschblasen ein ... Der alte Rucca und die Fürstin Rucca Mutter - die jedoch noch keineswegs Matrone sein wollte und ihren Cavaliere servente aufsuchte , um ihm eine Strafrede für Vernachlässigung zu halten - schossen hin und her , sahen nach der Ordnung , sahen nach dem Aufbewahren der Speisereste - » für die Armen « - Der Schwiegervater Olympiens war bis zum Exceß ökonomisch ... Der kleine Mann mit einer orientalischen Habichtnase und dem Band des Gregoriusordens über der Brust klagte allen Prälaten über seine Domäne , die Zölle der adriatischen Küste ... Man nannte ihn gewöhnlich den » Blutsauger « ... Dies war ein Titel , der ihm gerade vor andern , die ihn ebenso verdienten , keinen Vorzug gab ... Nie aber hätte sich allerdings gerade der alte Fürst Rucca auf der Küste von Comacchio bis Ferrara sehen lassen können , ohne Gefahr zu laufen , von den Schmugglern und seinen eigenen Zollbedienten todt geschlagen zu werden ... Aber auch dieser alte Herr horchte mit dem schalkhaftesten Lächeln seines Nußknackerkopfes sowol nach der Erwähnung des Pater Vincente wie nach dem Unterricht der » Creolin « hin - er wußte ja , daß es eine Deutsche war ... Seinem Sohn rief er gelegentlich ein heimliches : Asino ! nach dem andern ins Ohr , besonders wenn dieser die Monsignori vom Steuerwesen , den Finanzminister Roms , den Cardinal Camerlengo , nicht genug zu honoriren schien ... » Maulesel « nannte er ihn sogar , wenn er zu wild um Olympien her » trampelte « ... Klagte nun der junge Ehemann über die » schlimme Laune « seiner Frau , so schrieb der Alte das mit eigenthümlichem Meckern auf Rechnung aller Bräute am Hochzeitstag ... Dies Meckern machte , daß seine Nase und sein Kinn sich küßten und die Mundwinkel zurückgingen fast in die Ohren ... Der Cardinal Camerlengo , düster brütend wie Judas Ischarioth , der auch zuweilen nicht wissen mochte , wie er den Seckel für den ersten Kirchenstaat von dreizehn Personen füllen sollte , scherzte jetzt : Sie sind so guter Laune , Fürst ? Im nächsten Jahr verlang ' ich eine Million mehr ! Die Zeiten werden schlechter und schlechter ! Wir müssen aufschlagen , Hoheit Generalpächter ! ... Der alte Fürst drückte sein » Wie kommen Sie mir vor ? « mit einer charakteristischen Geberde aus , die zwar stumm war , aber das ganze anwesende geistliche Ober-Finanz-Personal des Kirchenstaates lachen machte ... Der Vielseitigkeit seines Geistes entsprach sein Sohn keineswegs ... Ercolano Rucca war von Wien beschränkter als je zurückgekommen ... Er konnte überhaupt immer nur Einen Gegenstand im Kopf haben ... War dieser erledigt , erst dann kam er auf den zweiten ... Oft aber dauert es bekanntlich Tage und Wochen , bis in dieser sublunaren Welt unter hundert Sachen Eine gründlich durchgesetzt ist ... Principe Ercolano sprach dann tage- und wochenlang nur von dieser Einen Sache , z.B. von der Kunst , Handschuhe zu verfertigen aus Rattenleder , was eine Idee war , die der Verwaltung des Steuerwesens Muth geben sollte , die nördliche Generalpacht im Hause der Rucca ' s erblich zu lassen ... Jetzt suchte er nur noch nach der Herzogin von Amarillas , die wegen Pater Vincente um Rath gefragt werden sollte ... Graf Sarzana hatte soeben noch mit der Herzogin gesprochen ... Auch die alte Fürstin suchte die Herzogin - wie deren Cavaliere servente , Herzog Pumpeo , versicherte - Dieser Herzog Pumpeo wollte in gerader Linie von Pompejus abstammen ; auch er war ein armer Nobelgardist , aber ein Crösus an guter Laune und für Se . Heiligkeit selbst ein Spaßmacher , wenn gerade an ihn der Dienst im Vorzimmer oder bei der kleinen Garçontafel des Stellvertreters Christi kam ... Se . Heiligkeit ließ übrigens damals den Cardinal Ceccone schalten und walten - und um nichts zu verschweigen , sagen wir es offen und aufrichtig : Der » Zauberer von Rom « war bitter krank ... Der » Träger der Himmelsschlüssel « , der » Patriarch der Welt « , der » Vater der Väter « , der » Erbe der Apostel « , der » Hirt der Heerde « , war ein armer Mensch ; er fürchtete den Gesichtskrebs zu bekommen1 ... Heda , Kamerad ! ruft bei alledem champagnerberauscht Herzog Pumpeo dem Grafen Sarzana zu . Ich sehe die blaue Eidechse da , wo die Schwärmer prasseln ! ... Hu , wie sie erschrickt ! ... Dort huscht sie zu den Mönchen hinüber , von denen sie einer vielleicht in seinen Sack steckt und nach Santa-Maria trägt ... Sie ist eine » Beate « ( Frömmlerin ) ... Alle Eure Mühe , sie zu bekehren , scheint mir vergebens , Bruder - oder soll ' s vielleicht heißen : Freut Euch , ihr Jungen ! Die Alten bezahlen ! Die Alten bezahlen , Nur müßt ihr nichts sehen - Nur müßt ihr nichts hören - Weiter kam diese Lästerung auf Ceccone nicht ... Nun war die » Tochter der Luna « und die » Creolin « auch die » blaue Eidechse « und sogar eine » Frömmlerin « ... Der Graf und der Herzog wandten sich armverschränkt beide dem linken Flügel der » Brezel « zu , wo erstens die Champagnerströme reichlicher flossen , zweitens die alte Fürstin Rucca , zornig mit den Augen runzelnd , auf Pumpeo , ihren Ritter , wartete und drittens eine wahre Batterie von Schwärmern losplatzte ... Das gab ein Angstgeschrei , bei dem die muthgebenden Soldaten nicht fehlen durften ... Der Bräutigam kam inzwischen mit einer Dame zurück , die heute nicht zu den freudestrahlenden gehörte ... Auch die Toilette der Herzogin von Amarillas verrieth ihre Trauer ... Die Veilchen sind eine Blume , vor der bekanntlich jede Römerin , obgleich an Blumenduft gewöhnt , eine bis zur Ohnmacht gehende Abneigung hat ; dennoch war das schwarzseidene Kleid der Herzogin ganz von blauen Veilchen durchwirkt ; schwarze Spitzen saßen am Leibchen und am Rock ... Auch die grauen Haare waren in schwarze Spitzen eingehüllt ... Und nur um den Cardinal nicht zu sehr zu einem jener Blicke zu reizen , die ihm zuweilen bis zum Tod verwundend zu Gebote standen - seit einiger Zeit war er in dieser Art gegen sie wie ein Skorpion - hatte sie dem Anlaß der Freude , die zur Schau getragen werden sollte , das Opfer gebracht , Hals und Arme mit dunkelrothen Korallen und die Spitzen , die das graue Haar verhüllten , mit frischen Granatenblüten zu schmücken ... Warum soll sie erfahren , sagte sie in ihrem bei alledem stolzen und festen Tone , daß Pater Vincente zugegen ist ? ... Sie ist so verdrießlich ... fiel der besorgte junge Ehegatte ein ... Wir müssen es ihr auf alle Fälle sagen ... Durchaus ... Die Herzogin erwiderte nicht minder mismuthig : Sie kennen die Bescheidenheit des heiligen Mannes ... Olympia wäre fähig , ihn in die Gesellschaft zu rufen und mit ihm - zu kokettiren ! ... Das letzte Wort unterdrückte sie freilich ... Sie will ihn zum Cardinal machen ... Ehe es Fefelotti ohnehin thut ... Wir müssen ihn aufsuchen ... Thun Sie das nicht ! sagte die Herzogin . Ich werde es ihr selbst sagen und dann hören , was sie etwa wünscht ... Die Ernennung zum » Cardinal « überraschte sie nicht ... Sie kannte die Maxime der ehrgeizigen Cardinäle , für die Papstwahl entweder sich selbst in Bereitschaft zu halten oder , falls sie unterliegen sollten , irgendeine unschädliche , ihnen verpflichtete Puppe ... Pater Vincente ' s Geschichte war dem Klerus ganz Italiens bekannt ... Das Feuerwerk entfaltete sich noch nicht in seinem vollen Glanze ... Die Bravis erschollen von nah und fern nur noch wie Ironie über die Verzögerung ... Das Gewühl des Volks wurde größer und größer ... Dabei gingen die abgetragenen Schüsseln bei den Mönchen und Repräsentanten der Spitäler und Bettlerherbergen um ... Schon begannen unter knallenden Champagnerkorken die Austheilungen ... Manche der devoten Frauen , der » Beaten « , betheiligten sich selbst an der Uebermittelung der Gaben ... Ihre goldbetreßten Diener standen dann zur Seite und überwachten die glänzenden Schmuckgegenstände , die sie trugen ... Olympia , die » Braut von Rom « , besaß entweder die Reizbarkeit aller kleinen Gestalten , im Gewirr vieler Menschen nicht mit den ihnen gebührenden Ansprüchen hervortreten zu können , oder ihre Stimmung war in der That voll äußersten Verdrusses ... Sie lief nach rechts und nach links , redete mit diesem und mit jenem und trug auf der Stirn den ersichtlichsten Ausdruck einer leidenschaftlichen Nichtbefriedigung ... Ganz so mürrisch , wie sie heute in der Frühe in der Kirche Apostoli den Ceremonien der Trauung beigewohnt hatte , sah sie jetzt das » Bouquet « des Festes , das Feuerwerk herannahen ... Schon mahnten die Schwiegerältern , daß es passend wäre , sie führe ganz in der Stille während des Feuerwerks mit ihrem Gatten in das Palais der Stadt , das sie in der Nähe des Pasquino bewohnten - jenes alten Steinbildes , an dessen Fuß seit urältesten Zeiten die Satiren Roms angeklebt werden und von dessen Sockel die Polizei seit einigen Tagen jeden Morgen in erster Frühe Spottverse abgerissen hatte , die den Cardinal ernstlich an die Zeiten mahnen ließen , wo Sixtus der Fünfte solchen Pasquinospöttern die Zunge ausreißen ließ ... Gerade vor diesem Augenblick der Abfahrt schien aber Olympia Furcht wie zum Entfliehenmüssen zu haben ... Sie stand niemand Rede ... Dem Gatten nicht ... Dem triumphirenden - » Onkel « nicht ... Ceccone weidete sich an seinem Liebling , dessen Bewegungen und Erscheinen sich wenigstens durch das Rauschen des schweren Seidentaffetkleides ankündigten , das sie unter ihrer Brautrobe von Spitzen trug ... Noch wehte ihr wie bei der Trauung und der ersten Messe , die das junge Paar anhören mußte , wie bei den conventionellen Andachten , die den Tag über an gewissen großen Altären und bei dem Besuch Sr. Heiligkeit , um den Segen des armen mit Tüchern umwundenen Mannes zu bekommen , gemacht werden mußten , der kostbare Spitzenschleier im Haar - statt der Myrte war er jetzt von einem Kranz von Orangenblüten umgeben ... Schon welkte dieser ; schon welkten die gleichen Bouquets , die auf dem Kleide in gewissen Zwischenräumen zur Seite saßen ; die Hitze des innern Saals , wo Olympia gesessen , war zu groß gewesen ; sie riß auch und zerrte an allem , was sie hinderte ... Den bronzenen Hals schmückte ein Collier von Diamanten ... » Sie ist schön , wenn sie liebt « - hatte im vorigen Jahre die Herzogin gesagt ... Olympia liebte heute nicht ... Ein kurzer Augenblick - hinter einer großen von Hortensien gefüllten Marmorvase - und Ceccone konnte Olympien an sich ziehen und sie voll väterlicher Bestürzung fragen : Aber was hast du denn nur , mein geliebtes Kind ? Was ist dir nur heute ? ... Jettatore anche voi ! zischte Olympia mit rauher Stimme , stampfte den Fuß auf und stieß die weichen Hände des Priesters zurück ... Alle Welt will , daß ich sterben soll ! setzte sie fast weinend hinzu ... Ein solches Wort - dem » Onkel « ! ... Olympia hatte gesagt , Ceccone wäre gleichfalls ein mit dem » bösen Blick « für sie Behafteter , ein Jettatore , » wie alle Welt ! « ... Das der Dank , daß er der öffentlichen Meinung trotzte und ungeachtet aller vom Pasquino abgerissenen Satiren auf die » Donna Holofernia « , auf die Vermählung derselben mit dem jungen » Judas Ischarioth Seckelträger junior « , und ähnlicher Anspielungen scheinbar heute so sorglos und unbefangen sein Haupt erhob ... Auch er hatte ja der Sorgen genug ! Aber ihm genügte im Augenblick vollkommen der lärmende Antheil der ewigen Stadt an seiner Person ; ihm genügte die unabsehbare Wagenreihe der hohen Aristokratie und Prälatur , die bis in die dunkelsten Schatten der Landstraße hin sichtbar blieb ... Und nun ein Ausbruch solcher Nichtgenüge bei dem geliebten Kinde , das sich zuweilen auch gegen ihn zu empören anfing ... ... Er flüsterte : Täubchen ! Liebchen ! ... Papagallo ! ... Fiore di luce ! ... Suche dir die » Tochter der Luna « ! ... erwiderte sie höhnisch und huschte fort ... Der Onkel lachte über die » Eifersucht « seiner Nichte ... Da wandte sie sich noch einmal ... Onkel , sagte sie zornig , lache nicht ! Ich möchte in diesem Augenblick sterben ! ... Ich wünschte , du hättest nur wegen meiner an Pasqualetto geschrieben - nach Porto d ' Ascoli - ... Jesu ! flüsterte der Cardinal , wurde kreidebleich und sah sich besorgt um ... Welchen Namen nennst du da ? ... Pasqualetto - St ! unterbrach er aufs strengste Olympiens Gegenrede ... Der alte Rucca ging eben vorüber , spitzte die Ohren , grinzte seltsam und sagte für sich : Eh ! Eh ! Eh ! ... Vieldeutige Laute ... Olympia hatte einen Namen genannt , den er gehört zu haben schien ... Er wandte sich halb und halb zum Zuhören und liebäugelte einer Schwiegertochter , deren Hochzeit - mit seinem verlängerten Pachtcontracte zusammenhing - ... Ceccone winkte ihm mit graziöser Handbewegung zu gehen ... Noch ist sie mein ! sprach er süß und vor allen näher herantretenden Zeugen ... Dann legte er die zarten weichen Hände auf das Haupt der kleinen Meduse , zog sie wieder an die Hortensienvase und flüsterte : Wie kannst du von Pasqualetto reden ? ... Was soll er ? ... Mich stehlen und in die Berge schleppen ! ... erwiderte Olympia ... Ich beschwöre dich , mein süßer Papagai ! fuhr der besorgte Vater fort und wollte Olympia noch weiter ins Dunkel mit sich ziehen , um sie herzinniger zu küssen , vielleicht sie an den Wagen zu führen , den der junge Gatte zu jeder Minute bereit zu halten versprochen hatte ... Schon rief er nach dem Mohren , der nach seiner Taufe den frommen Namen Chrysostomo führte ... Statt des Chrysostomo kam aber der ganze Schwarm der Gäste ... Die Leuchtkugeln erhellten gerade die Vase mit den Hortensien und wo die Braut war , mußten doch alle sein ... Niemand erzürnte gern die wilde Olympia ... Es klang ihr jetzt ganz zu Sinn , daß ihr Gatte verspottet wurde über die Verzögerung des Feuerwerks ... Die Raketen haben den Schnupfen ! hieß es ... In die Cascatellen ist Wasser gekommen ! ... Die » Feuerräder « haben die Achse gebrochen ! ... Man fürchtet , die » Frösche « werden hüpfen wie die Flöhe ! ... Flöhe ... Wer solche Italienerworte hätte in dieser Sphäre für unziemlich halten wollen , mußte eine deutsche oder französische Bildung haben ... Der Südländer kennt keine Scheu der offenen Namengebung dessen , was natürlich ist ... Die Herzogin von Amarillas machte inzwischen einen Versuch , sich Olympien zu nähern ... Aber Olympia entzog sich gerade ihr ... So beschloß denn die Herzogin , die Nachricht über den Pater Vincente für sich zu behalten ... Auch sie floh vor dem endlich beginnenden Feuerwerk ... All dies Knistern und Knattern , all diese Bravis und Ausrufungen waren der Mutter Julio Cäsares nicht zu Sinn ... Sie suchte den Garten , den Park , der zwar nicht unbelebt , aber dunkler war und an seiner äußersten Grenze Einsamkeit versprach ... In diesem Verlangen nach dem Pater Vincente , das die Braut ausgesprochen , lag für sie ein ihr wohlbekannter Ausdruck des Zorns über Benno ' s Nichtanwesenheit , über sein gänzliches Verschwundensein nach den beiden Märchenwonnentagen von Wien , lag der Ausdruck der Reue über die allzu schnelle Ernennung Bonaventura ' s zum Bischof von Robillante ... Benno hatte sich im vorigen Jahr nach Rom begeben und war dort nicht länger geblieben , als bis - die Mutter und Olympia ankamen ... Da war er nach dem Süden entflohen ... Er hatte sich aufs Meer begeben , war über Sicilien , Malta , Genua , Nizza nach Robillante gereist , wo er in diesem Augenblick bei Bonaventura verweilte ; er stand mit der Mutter im Briefwechsel , er schrieb ihr unter fremden Adressen - sie hatte die ganze Bürgschaft seiner Liebe und Zärtlichkeit für sich ; - aber vor einem Zusammenleben mit Olympien erfüllte ihn ein ahnungsvolles Grauen ... Aus dieser Misachtung der ihm so offen in Wien ausgesprochenen Liebe Olympiens war eine Gefahr für die Herzogin selbst , für Benno , für alle seine Beziehungen entstanden ... Die Theilnahme , die die Mutter für ihn nicht verleugnen konnte , wurde ihr von Olympien aufs heftigste verdacht ... Nun mußte auch noch die Herzogin in Wien ein junges Mädchen gefunden haben , das , der italienischen Sprache vollkommen mächtig , anfangs nur die Vermittelung mit den deutschen Verhältnissen erleichtern sollte ... Eine wohlberufene Convertitin , die von einer glühenden Sehnsucht nach Rom verzehrt wurde ... Die Herzogin hatte den Auftrag erhalten , die Würdigkeit dieser Empfehlung zu prüfen ... Sie sah sie , war von einer auffallenden Aehnlichkeit derselben mit ihrem Kinde Angiolina gerührt - es fehlte nur noch die Bekanntschaft dieses Mädchens mit Benno und Bonaventura , um sie nicht wieder freizulassen ... Es war nun aber Lucinde Schwarz selbst , die ihrer Stellung gefährlich zu werden drohte ... Lucinde liebte nicht , ungefragt von ihrer Vergangenheit zu sprechen . Sie war nie in der Stimmung , gern von Schloß Neuhof , vom Kronsyndikus , Jérôme von Wittekind zu berichten ... Aber die Erwähnung fand sich zufällig und da stand sie schon in Wien Rede ... Die Herzogin horchte voll Erstaunen ... Auf die Länge war sie von Lucinden seltsam abgestoßen und wieder angezogen ... Man nahm sie mit nach Italien ... Erst später zeigte sich die Gefahr dieser » Eroberung « , wie Ceccone , überrascht von Lucindens Geist , sie genannt . Lucinde gewann Einfluß über alle ihre neuen Umgebungen , über den jungen Principe , über Olympien , den Cardinal sogar ... Jetzt war sogar schon Olympia eifersüchtig auf » die Tochter der Luna « ... Rom hatte Lucinden verjüngt ... Das Boskett , das dicht an die zur Verlängerung des Speisesaals umgewandelte Terrasse stieß , bestand aus einer Pflanzung von Nuß- und Kastanienbäumen ... Aus seinem mäßigen Umfang heraus führten Gänge von beschnittenen Buchsbaum- und Cypressenwänden auf kleine Rotunden , in deren Mitte aus Farrenkräutern und Vergißmeinnicht Springbrunnen plätscherten oder Marmorstatuen glänzten , am Fuß von blühenden Cactus , von feurigen Schwertlilien umgeben ... Nun kamen die rechts zu den Gärten des Lateran sich ziehenden Beete ... Sie folgten sich in Abdachungen , die zu Cascatellen benutzt , von Grotten , von Muschel- , von Marmorverzierungen unterbrochen wurden ... Zur Linken , jenseits der großen Platanenallee und des flimmernden Wassersturzes führten riesige Taxuswände zu einer Altane , von welcher sich ein weites Feld von Weinstöcken wie ein einziges grünes Dach auf die Landstraße erstreckte ... Dorthinauf , wo sich unter wilden Lorberblättern ausruhen ließ , zog es die von den schmerzlichsten Ahnungen erfüllte Herzogin ... Eine Weile noch wurde sie auf ihrem Wege von einem Naturspiel aufgehalten ... Das Licht des Mondes und der Widerschein des Feuerwerks wurden in ihren magischen Wirkungen noch übertroffen von zahllosen Glühwürmern , die bald grün , bald roth aufblitzend die Luft durchschwammen , auf den Sträuchern und Blumen wie Edelsteine funkelten , unwillkürlich die Hand lockten , die Luft zu durchstreifen und nach eitel Funken und Licht zu haschen ... In diesem Augenblick glaubte die Herzogin die » Tochter der Luna « zu sehen , die am äußersten Ende eines der in den Ziergarten einmündenden Heckenwege - von zwei Mönchen verfolgt wurde ... Sie staunte des auffallenden Anblicks ... Sollten von den Bettlern an der Pforte zwei so verwegen gewesen sein , sich hierher zu wagen ? ... Oder konnte sich in falscher Verhüllung Räubervolk eingeschlichen haben ? ... Eben waren die Mönche und die fliehende Donna Lucinda verschwunden ... Oder hatte sie sich getäuscht ? ... Hatte das mondlichtfarbene Kleid der Gesellschafterin sie irre geführt ? ... ... Da hörte sie das Lachen des Herzogs Pumpeo ... Offiziere kamen und junge Prälaten , die der Champagnerrausch von den alten Damen zu den jungen vertrieb ... Einige der schönsten hüpften an ihrem Arm - gleichsam nur auf der Flucht vor den gefährlichen Feuerfröschen ... Die Herzogin blieb stehen ... Fast wurde sie umgerannt von dem aus einem andern der Gänge ihr eilend entgegentretenden Conte Sarzana ... Sahen Sie die beiden Mönche , Graf ? fragte die Herzogin ängstlich ... Die der Donna Lucinda folgten ? antwortete Sarzana mit Theilnahme ... Wo sind sie ? ... Ich habe ihre Spur verloren ... Beide durchkreuzten den Gang , den die übrige Gesellschaft herauskam , und eilten der dunklern Gegend jenseits der Platanenallee zu ... Der am Ende derselben funkelnde Wasserfall gab einen Schein von Belebung des Gartens , der sich indessen nicht bestätigte ... Alles blieb einsam und gefahrvoll ... Jetzt rief der Graf : Ich sehe sie ... Dort beim Aufgang auf die Altane ... Was wollen die Frechen ? ... Conte Agostino lief mit seinen hohen Reiterstiefeln die nothwendigen fünfzig Schritte voraus und rief schon auf halbem Wege dem nächsten der Mönche ein donnerndes : Que commande ? ... Als er näher gekommen , fand er Donna Lucinda mit geisterhafter Blässe im Gespräch mit den beiden Mönchen , die unausgesetzt wie Eindringlinge von ihm angerufen und für verkappte Gauner erklärt wurden ... Ging doch auch durch die Stadt das Gerücht , man hätte heute in einer Herberge am Tiberstrand den berüchtigten Räuber Pasquale Grizzifalcone aus der Mark Ancona gesehen , das Haupt aller Räuber- und Schmugglerbanden der adriatischen Meeresküste ... Es konnten seine Genossen sein ... Die lange schlanke Deutsche hielt einen Brief in der Hand und sagte mit zitternder Stimme und im besten Italienisch : Vergebung , Herr Graf ! Es sind - zwei Landsleute von mir ... Sie ersuchen mich , eine Bittschrift zu übernehmen ... Ich werde sie besorgen , ihr - frommen - Väter - ! Lassen Sie sie in Güte ziehen , Herr Graf ! ... Willkommen in Rom , Pater - Sebastus und Frater - Hubertus ! ... Wir sehen uns noch ... Gewiß ! Gewiß ! ... Felicissima notte ! ... Die beiden Mönche standen lichtgeblendet - wie Saulus am Wege von Damascus ... Sie konnten sich nicht trennen ... Inzwischen war die Herzogin näher gekommen ... Sie erschrak bei dem Anblick Lucindens , die tieferschüttert schien ... Noch mehr entsetzte sie sich vor dem Anblick eines dieser Mönche , der mit seinem kahlen und wie fleischlosen Kopf aus seiner niedergefallenen Kapuze geradezu ein Bote des Todes erschien ... Auch die Begleiter des Duca Pumpeo kamen , jetzt ohne die Damen , näher , nahmen die Mönche in die Mitte und geleiteten sie aus dem Garten ... Graf Agostino erhielt von Lucinden die Bitte und , als er darum noch immer nicht ging , fast den Befehl , sie zu verlassen ... Die Herzogin sah Lucinden noch wie betäubt an den Sockel einer Statue sich lehnen , von welcher aus man auf die Plateforme jener Altane schreiten konnte ... Es war hier ringsum dunkel ... Die dichtbelaubten Bäume warfen düstere Schatten ... Die Herzogin widerstand nicht , Lucinden zu folgen ... Diese drängte auf die Altane hinauf , als fürchtete sie hier unten zu ersticken oder den Mönchen aufs neue zu begegnen ... Sie sind ja auf den Tod entsetzt , mein Kind ! sprach sie theilnehmend ... Erholen Sie sich ... Diese zudringlichen Bettler in Rom ! ... Die Bittschrift war nur ein Vorwand ! ... Lucinde schlich nur langsam die Erhöhung hinauf ... Oben angekommen , sagte sie : Nein , nein ! ... Ich kannte sie beide ... Ich wußte längst , daß sie in Rom sind - ich hätte sie aber lieber , das ist wahr , vermieden ; ich - mag nichts mehr hören von Deutschland ... Die Bittschrift ist - an den Bischof -