Spott ... Ein andrer Pilger war bereits dreißig Jahre auf dem Wege nach Jerusalem und immer - bei Montefiascone kehrte er um , da , wo der gute Wein wächst - Est ! Est ! sagte der deutsche Pilger . Sie , Pater Sebastus , wußten gleich ein deutsches Lied darauf , das der andre auch gekannt . Widrige Winde machten nach Jerusalem die Schiffahrt gefährlich ! sagte der dicke Pilger nach Montefiascone seit dreißig Jahren . Der Schelm lebte von Hühnern und Gänsen - die man dem ewigen Kreuzfahrer nach dem heiligen Est ! Est ! nicht freiwillig gab ... Was zu schwer zum Forttragen war , half ihm ein dritter frommer Bruder verzehren , der eine Kette an den Füßen durch Spanien , Frankreich und Italien schleppte ... Nicht daß er von den Galeren kam - wenigstens sagte er ' s nicht - er kam aus Marokko , wo er der Sklaverei entronnen sein wollte , und das Stück Kette trug er jetzt ordentlich wie seinen - Orden ... Heiland , das Italien ist buntes Land ! Haben die Leute nicht falsche Briefe mit großen Siegeln , wie nur echte Siegel aussehen können ! Und wußten sie nicht alle Gebete , die den Seelen der frommen Stifter von Pilgerasylen im Himmel zugute kommen ! ... Dort drüben also auch ? ... Wird ' s besser da hergehen ? ... Der heilige Philippus hat glücklicherweise das Gebet solcher verdächtigen Kreuzfahrer und erlösten Christensklaven nicht nöthig ... Manchmal muß ich dem deutschen Ketzer in seinen Zweifeln an allem von Herzen Recht geben ... Wo mag der Alte im Bart wol hingekommen sein ? ... Ich ziehe in die Katakomben ! sagte er immer ... Es klang wie Kyrie Eleyson ... Der » heilige Mynheer « , wie Hubertus zuweilen von Sebastus genannt wurde , setzte beim Pater Vincente eine zu große Vollkommenheit in der Sprache voraus , die er ohnehin selbst nur mit vielen Freiheiten sprach ... Sein ganzer Ausfall auf die Wohlthätigkeitsanstalten der Kirche , die in den Schriften so vieler von Rom Verzauberten prunkend verzeichnet stehen , auf die mangelhafte Polizeiverwaltung , auf das ungeregelte Paßwesen bei Vagabunden - die ehrlichen Leute werden genug damit geplagt - erntete aus dem Munde des der Hochzeit Olympia ' s wehmüthig gedenkend dahinschreitenden Priesters nur die einzige Erwiderung : Si ! Si ! Si ! ... Quest ' un ' theatro antico ... Il theatro di Marcello ! ... Selbst die Erwähnung Castellungo ' s schien der Pater Vincente überhört und von dem Pilger nichts verstanden zu haben ... Und doch war es wol nur Frà Federigo , sein Lehrer , ein Deutscher , jener Mächtige , vor dessen Lehren er einst geflohen war und der fast schon den Bruder Hubertus zu seinen Anschauungen hinübergezogen zu haben schien ... Sebastus hörte nichts von alledem ... Der starrte nur den im Schatten liegenden antiken Trümmerbau an ... Hier aber war es lebhafter geworden ... Einzelne vergoldete Kutschen mit prächtigen Livreen jagten vorüber , die Pferde aufgeputzt mit hängenden rothen Troddeln am Ohr und mit bunten Geschirren ... An die Rennbahn der Alten ließ sich denken ... Sebastus dachte , da er vom Marcellustheater hörte - an die alten Tage von Göttingen - Seltsame Ideenverbindung ! An den auch von Doctor Püttmeyer verherrlichten » Quincunx « - das Schenkenzeichen ! ... Denn die » Goethe-Kneipe « mußte ja hier in der Nähe liegen , Goethe ' s Campanella , jetzt nur noch berühmt durch ihr Fremdenbuch und ihren schlechten Wein ... Die Trümmer des Marcellustheaters waren in Hütten und Paläste verbaut ... Dicht in der Nähe lag der Palast der Beatrice Cenci ... Auf alles das besann sich Klingsohr aus seiner alten » klassischen Zeit « ... Aber auch die » romantische « wirkte mächtig ... Schon begegnete man im sich mehrenden Straßenleben andern Mönchen , die mit Körben und Säcken gleichfalls zur Porta Laterana liefen ... Kapuzinern in langen Bärten , Franciscanern aller Grade , Augustinern , Karmelitern ; selbst die vornehmen Dominicaner erinnerten sich , daß sie das Gelübde der Armuth abgelegt hatten ; auch sie schickten ihre » Brüder « auf die Hochzeit der Nichte des Cardinals ... Kein Trupp stand dem andern Rede ... Kein Lächeln hatten sie oder nur eines , das nicht im mindesten die phantastischen Gestalten als in einer tollen Mummerei begriffen und sich ( Augur augurem ! ) erkennend darstellte ... Nur der Gewinnsucht galt es und dem Vorsprung , den ein Kloster vor dem andern suchte ... Die beiden Deutschen sahen ihre Mitstreiter im römischen Lager ... Welche Welt ! ... Und hier nun doch noch so spät ein Leben und Bewegen ? ... Da noch wird gekocht und geschmort auf offener Straße ? ... Da noch werden Melonen ausgeschrieen ? ... Noch Citronenwasser ? ... Frische Kirschen ? ... Klingen nicht sogar Geigentöne ? ... Lacht nicht ein Policinell im Kasten ? ... Das alles heute in der Hochzeitnacht Olympiens ! ... Roms Saturnalien ! ... Noch haftete Sebastus ' Phantasie , wie das in Rom so geht , bald an Goethe , bald an Winckelmann , bald an Ovid , bald an Horaz , die den Marcellus besungen haben , den Neffen des Kaisers Augustus , dem dies Theater da gewidmet ... Da erscholl plötzlich ein fernes Klagegeheul und ein hundertstimmiges Miserere ... Es kam , wie Pater Vincente erläuterte , von der » Bruderschaft des Todes « , den Begleitern der Leichen , die in Rom bei Nacht begraben werden ... In wilder Hast , als wenn der Todte die Pest verbreitete oder als wenn Christen einen eben gerichteten Märtyrer in die vor den Thoren gelegenen heimlichen Begräbnißstätten flüchteten , trugen Männer in langen , schwarzen oder weißen , über den Kopf gezogenen Kutten , die nur den Augen zwei kleine Lücken ließen , wie Gespenster einen Sarg dahin ... Andere dazu schwangen Fackeln ... Neben den Fackeln liefen Bursche und sammelten in Schalen das tröpfelnde Wachs , das sich wieder brauchen ließ ... Schnuphase hätte sich niedergeworfen wie alle - er schon vor solcher heiligen Sparsamkeit ... Mönche und Bruderschaften , einen Priester mit seinem Akoluthen und Meßknaben umringend , sangen : Miserere ! in nicht endender Litanei ... Vor dem klingelbegleiteten Sanctissimum , das der Priester hoch in den Fackelqualm emporhielt , warf sich alles nieder ... Aber immer weiter , weiter , wie auf rasender Flucht , ging der Zug dahin ... Pater Vincente sagte - um die Leiche in eine Kirche jenseits der Tiber zu stellen , von wo sie erst der gewöhnliche Leichenwagen abholt ... Der Todtenkopf des » Bruder Abtödter « war Leben gegen die Vorstellung , daß unter allen diesen weißen und schwarzen Kutten und Kapuzen Skelette wandeln müßten ... Aus den kleinen Oeffnungen vor den Augen dieser Männer glühte es wie leuchtende Kohlen ... Nehmen wir den Weg über das Capitol ! sagte Pater Vincente , als sich die Mönche mit den andern wieder erhoben hatten und der wilde Zug vorüber war ... Ihn schien er nicht erschüttert , nicht so zur Eile gedrängt zu haben , wie den Pater Sebastns ... Zur Eile ! ... Musterte eben die » Braut von Rom « , wie ein Schmeichler die junge Fürstin heute besungen , oder der Cardinal oder die Herzogin von Amarillas die Reihen der Mendicanten , die an der Pforte der Villa Rucca standen - er war ja dessen gewiß , daß San-Pietro in Montorio vor allen andern Klöstern bedacht werden würde ... Olympia zeichnete reuevoll sein Kloster aus ... Ihn bedrohte , das sagte man seit einiger Zeit , in der That der Hut des Cardinalats ... Bei Klingsohr - wie war da nun freilich die Erinnerung dahin - an Goethe ' s Campanella - ! ... Dieser schreckhafte Leichenzug - und jene Römerin , auf deren Rücken der Dichter des Faust hier einst Hexameter getrommelt zu haben vorgab , die Goethe , Klingsohr wußte es , erst in Weimar auf dem Rücken der » Dame Vulpius « trommelte , paßten nicht zusammen ... Memento mori ! ... Auch Goethe hat es erfahren ! sagte sich Klingsohr sinnend zum Capitol aufsteigend ... Hier , wo er den Becher der Lebenslust , kurz vor dem Scheiden der männlichen Kraft , in seinen vierziger Jahren noch einmal wie ein Sohn der Griechen getrunken hat , hier mußte er ja dem einzigen Sohn , dem Sohn jener in römische Reminiscenzen maskirten Thüringerin , an der Pyramide des Cästius , dem Begräbnißplatz der Protestanten , eine wahrere Grabesinschrift setzen ... Hier starb Goethe ' s einziger Sohn ... Flüchtig zog und fast schon von ihm in Rhythmen gebracht der Gedanke durch seine Seele : Wo nur find ' ich den Wirth zur Campanella ! Der Schenke , Wo ich Falerner gesucht - » Lacrymä Christi « nun fand ! Firnen aus Golgatha ! Nicht aus den Trauben der Schlacke , Die der Vesuv uns schenkt , Leidenschaft , wenn sie verglüht ! Deutscher Apoll ! Hier war ' s , hier hast du Verse getrommelt - Auf der Römerin Leib - schwelgtest in seliger Lust - Und erfuhrst nur dein Maaß ! Die Pyramide des Cästius Blieb das Ende vom Lied ! Blieb der Morgen der Nacht - ! Wahrheit und Lüge ! O wohl , so mürrisch strafen die Götter ! Wandle gen Rom , o Mensch ! Rom ist der Mensch und die Welt ! Ein tiefes , tiefes Schweigen folgte nun ... Glocken hallten von den Thürmen ... Man erstieg einen Calvarienberg - das sind die Stufen zum Capitol ... Zur Linken wohnt - der heimatliche Gesandte , auf dessen Autorität vor drei Vierteljahren drei Gensdarmen am Ponte Molle auf die deutschen Flüchtlinge gewartet hatten ! ... Zur Rechten - der tarpejische Felsen , der jetzt derselben Krone gehört ... Wie schüttelte Sebastus all diesen » Staub « von seinen Füßen ! ... Wie hatte er für ewig dieser » ghibellinischen « Welt entsagt ! ... Das Capitol ! rief er und über seinen Sandalen schmerzte ihm der Fuß , so trotzig stampfte er vor dem Wappen seines Landesherrn auf ... Da lag ein mittelalterlich Haus vor ihm , die Stätte des gebrochenen Capitols ... Einige Brunnenstatuen vor ihm und ein kleiner Platz , auf dem , vom Mond beleuchtet , Marc Aurel zu Pferde sitzt - Ein Gelehrter , der über dem Studium der Philosophie seine alten Schlachten vergaß ! sagte Klingsohr mit Hindeutung auf die ihm nicht kriegerisch erscheinende Haltung des Reiters und auf - » Euern Friedrich , den sogenannten Großen - ! « Jetzt schlug es elf ... Bergab ging es auf die Trümmerstätte des alten Forums ... Ein Leichenfeld ! sprach Pater Vincente ... In seinen Erläuterungen ging er nicht über Petrus und Paulus hinaus ... Die Gracchen - Cicero ! ... Das mußte sich Klingsohr selber sprechen ... Sein Blick starrte dem Untergang der Erhabenheit ... Hubertus kannte von den alten Zeiten nur so viel , als nöthig war um zu begreifen , daß hier die begrabene Macht eines alten Volkes lag , das einst die Welt beherrschte ... Zertrümmerte Portale , einsame Säulen , Triumphbögen mit zerbrochenen Statuen ... Am Tag ein wüst erschütternder Anblick , den jetzt das Zauberlicht des Monds verklärte ... Dort oben auf dem Palatin wohnten die weltgebietenden Cäsaren ... Ein magisches Goldnetz hält die grünen Hügel und die Steine umwoben ... Wären diese vom Corso herüberrasselnden Wagen , diese lachenden Menschen nicht gewesen , die zu spät zu kommen fürchteten zu der auf Mitternacht angesetzten Hochzeits-Girandola , die durch die Fenster eines am milchblauen Himmel auftauchenden dunklen Gebäudes schon zu beginnen schien , wenn ein Knabe rief : Eine Leuchtkugel ! - Der Knabe meinte einen Stern , der so plötzlich durch die Oeffnungen des Coliseums blinkte ... Das Coliseum ! ... Sebastus hätte wünschen mögen , Niemand hier zu sehen und zu hören und nur allein zu wandeln ... Allein mit Livius und Niebuhr ... Da ein Tempel , dort eine Basilika ... Wie mag es hier einst gesummt haben , als die Comitien des Volks versammelt waren und die Consuln Roms gewählt wurden ! ... Wohin entläßt uns dies Thor ? flüsterte er ... Ist es nicht der Triumphbogen des Titus , als er Jerusalem zerstört hatte ? ... Sein » Credat Judaeus Apella « fiel ihm ein ... Doch der » Virtuose im Glauben « - hier hatte er keinen Zweifel zu hegen nöthig . Da an der Wand des Thors sah er den siebenarmigen Leuchter , den Tisch , die Schaubrote , die Jubeljahrposaunen , die Bundeslade ... Die erhabene Stelle war ' s , wo sich Jupiter und Jehova so nahe berührten ! ... Aber - kein Jude geht gern unter diesem Bogen hinweg , kein Jude blickt gern auf jenes Riesengebäude , das dreißigtausend gefangene Juden gebaut haben sollen ... Was Vincente so und ähnlich erläuterte , wußte Klingsohr alles ... Aber kaum gedachte er Löb Seligmann ' s , dessen physische Kraft zum Streichen der Ziegel für diesen Riesenbau in keinem Verhältniß gestanden haben würde - als er Veilchens gedenken mußte ... Veilchens , die ihm einst bei seinen Besuchen in der Rumpelgasse gesagt hatte : » Sie sind ein Mensch der Selbstqual , der Reue , des Gewissens - ewig wird ' s Ihnen gehen , wie ' s dem Kaiser Titus ging , als er Jerusalem zerstört hatte ! Da ist Titus zu Wasser gegangen mit seiner siegreichen Armee und ein Sturm zog herauf und die gefangenen Juden triumphirten , weil sie dachten , Gott hätte seine Rache auf das Meer aufgespart . Und Titus bekam Angst , spottete und sprach : Zu Land ist Adonai schwach , aber zu Wasser - da kommt er , scheint es doch , dem Neptunus gleich ! Wahrlich , spottete er , Adonai hat die Sündflut befohlen , er hat die Aegypter im Rothen Meer ersäuft , er hat den Sissera am Strom Kischon geschlagen , er wird auch für Jerusalem seine Rache nehmen auf dem Mittelländischen Meer ! ... Da aber ist gekommen eine Stimme aus dem Himmel und hat dem Spötter gerufen : Titus , Titus ich habe Jerusalem untergehen lassen wegen seiner Gottlosigkeit ! Weil du aber meiner Langmuth spottest , so sollst auch du meine Macht kennen lernen , aber - zu Lande ! Das Meer ward da stille und Titus betrat unter dem Jauchzen des Volks das feste Land . Wie er recht von Herzen über den Judengott lachte , flog ihm in die Nase eine Mücke , wie sie nur auf dem Lande vorkommt , und bohrte sich tief in sein Gehirn . Sieben Jahre hat Titus davon die schrecklichsten Schmerzen im Kopf gehabt , denn die Mücke starb nicht , sondern sie wurde immer größer und sie summte bei Tag und bei Nacht . Einst ging er bei einem Schmied vorüber . Bei den Amboßschlägen hörte die Mücke zu summen auf . Da stellte sich Titus dreißig Tage an den Amboß und die Mücke schwieg . Am einunddreißigsten aber fing sie wieder zu summen an ; sie hatte sich an den Hammerschlag gewöhnt und Titus mußte sterben . Als sie sein Gehirn aufmachten , kam ein Thier zum Vorschein , so groß wie ein Vogel . Der Mund war von Kupfer und die Füße waren von Eisen - - « Nun schloß die Spinozistin : » Daß Sie sind katholisch und ein Mönch geworden , Herr Pater , das ist bei Ihnen die Schmiede gewesen und die Mücke ist nun auch vielleicht dreißig Tage still ... Aber ich will nicht wünschen , daß sie am einunddreißigsten wieder lebendig wird ! « ... Wie wurde sie aber schon so oft so lebendig ! ... Schon damals wurde sie ' s beim Schweigen , das der Kirchenfürst dem Pater als Buße auferlegt hatte , beim Begegnen Lucindens in der Kathedrale ... Nun all dies Große und Majestätische Roms ! ... Und wenn auch Klingsohr damals zu Veilchen sagte : » Jehova rächte sich allerdings an den Römern zu Wasser - durch die Taufe ! « - wie summte ihm doch die Mücke jetzt und wisperte : Ist Golgatha die Welt ? Haben die alten Götter keine Rechte mehr ? ... Klingsohr schritt dahin , fast wie einst in Göttingen , wenn er die Titel der hundert Bücher auf den Lippen führte , » die er schreiben wollte « ... Pater Vincente , in dessen Seele es still und ruhig schien , lenkte zum Coliseum ein ... Er betrat es , den fremden armen Gefangenen zu Liebe ... Wäre die Nacht nicht so hell und belebt gewesen , so würde dies mächtige Rund den Eindruck eines Schlupfwinkels für Räuber gemacht haben ... Es liegt so einsam - umwuchert von wildwachsenden Büschen , die oben aus den Fenstern herausbrechen ; die Vegetation hat seit tausend Jahren in allen Stockwerken bis zur obersten Galerie Platz gegriffen ... Die Bogengewölbe , die geborstenen Säulen , die zertrümmerten Rundmauern waren im Mondlicht wie die Erscheinung eines Traums ... Von Luft und Licht gewoben schien dies Bild eine märchenhafte Täuschung ... Aber sicher , fest und natürlich widerhallte Schritt und Gespräch unter der Bogenwölbung des Eingangs ; nur zu deutlich sah man drinnen die Sitze , von denen herab Tausende auf Menschenkämpfe einst blickten mit jenen Thieren der Wüste , die hinter den eisernen Gittern da geborgen und durch Hunger zur Wuth gereizt wurden ... In der Mitte steht zur Entsühnung solcher Erinnerungen an den tiefsten Verfall der Menschheit ein kleines Kreuz ... Rundum ziehen sich die Bilder eines Stationswegs ... Eine Heiligung , die edler gedacht als ausgeführt ist ! ... Das sagte selbst Pater Vincente , der niederkniete und einen mit einem Kreuz bezeichneten Stein küßte , auf dem Hubertus mühsam las : » Wer - dies Kreuz - küßt , hat auf ein Jahr und 40 Tage - Ablaß . « ... Hubertus folgte dem Beispiel des frommen Paters ... Natürlich mußte es auch der Mönch Sebastus thun , so wenig die Hoffnung , vierhundert Tage im Fegfeuer Linderung zu gewinnen , in diesem Augenblick seiner Stimmung entsprach ... Die Mücke des Titus schwieg nicht mehr . Er stand nicht mehr an seiner Schmiede ... Es ergriffen ihn die Schauer der Vergangenheit ... Wenn er auch nur des heiligen Augustin gedachte , der seinen Freund Alypius von seiner Leidenschaft für Gladiatorenkämpfe hier im Coliseum durch einen plötzlichen Schauer vorm strömenden Blut der sich Mordenden geheilt sah , so mußten ihm wol seine hohlen großen Augen rollen und Gedanken kommen , wie der , den er aussprach : Hier dies kleine armselige Kreuz ! Hier hätte Miche Angelo einen seiner Giganten herstellen sollen ! So groß , so hoch , wie der Koloß von Rhodus ! Bis an die obersten Sitze hätte der Blick eines Daniel reichen müssen , zu dessen Füßen die besänftigten Löwen sich schmiegten ! Niederbohren mußte der Prophet mit dem Busch seiner Augenbrauen die wilden Thiere auf dem blutigen Sande um sich her und - die Thiere in den Herzen dieser Zuschauer ! ... Marcus der Evangelist , der die Bibel emporhält , hätte wie ein Geisterbeschwörer stehen müssen , sein aufhorchender Löwe neben ihm , auch gebändigt , auch in die Falten seines Gewandes scheu sich schmiegend ! Was soll dies kleine Kreuz ! ... Hier möcht ' ich im Chor singen ! sagte Hubertus ... Er übte seine Stimme so laut , daß es weit dahinschallte ... Pater Vincente verstand sein deutsch gesprochenes Wort , nickte und entgegnete , das geschähe hier alle Freitage - von den Kapuzinern ... Zeigte er dabei auf die Fenster hinauf mit dem vom Nachtwind leise bewegten wildwuchernden Gebüsch , auf den Mond , der hinter den Oeffnungen bald hervorblitzte , bald sich versteckte - und dann sie selbst in der Mitte des riesigen Baues beleuchtete , wovon sie Schatten warfen wie - » kleine bucklige Gnomen « , so war dieser Vergleich aus Sebastus ' Munde die von ihrem Führer wol kaum verstandene - ironische Antwort ... Die Wanderer wandten sich der Eingangswölbung zu ... Klingsohr fand sich allmählich zurück in seine Gegenwart ; sie näherten sich heiligen Stätten ... Sie bestiegen einen aufwärts gehenden Weg und kamen in eine Art Vorstadt , an deren äußerstem Ende einer der drei Paläste der Stellvertreter Christi liegt , der Lateran . In alten Zeiten als Burg der dreifachen Krone hervorragend vor Quirinal und Vatican , erhält sich der Lateran jetzt nur noch in seiner Autorität durch die Gerechtsame , die nebenan auf der ältesten Pfarrkirche Roms , Sanct-Johannes , ruhen , auf dem Heiligthum des größten der von Thiebold de Jonge einst so kritisch beurtheilten Kreuzessplitter , auf der Platte , auf der einst das Abendmahl eingesetzt wurde , auf dem Heiligthum jener hier aufgestellten » Heiligen Treppe « , an deren Fuß Petrus den Herrn verleugnete ... Sonst ist hier alles am Tag so still und öde , wie ein Sonntagsnachmittag in einer kleinen Stadt - in dieser Nacht rauschte ein buntes , bewegtes Leben ... Alles drängte dem Thor zu , vorüber am Obelisken des Constantin und zur Straße , die hinaus nach Albano führt ... Militär sprengte dahin , um die Ordnung zu erhalten ... Wagen in grotesker Vergoldung , mit Bedienten , die hier dem neuesten englischen Geschmack , dort der Rococozeit angehörten , folgten sich einander - jetzt schon in langsamerer Fahrt ... Auf den Trottoirs und die langen Mauern der Vorstadtgärten entlang drängten die Bürger in ihren kurzen Jacken und Manchesterhosen , die kurzen Mäntel übergeworfen , weiße Hüte oder bunte Mützen auf den unrasirten braunen Köpfen ... Die Frauen selten noch in der Tracht der alten Zeit ... Englands Baumwolle hat die bunten Nationaltrachten schon aus Sicilien und Griechenland verjagt ; die gelben Mädchen der Hindus gehen in Kattunröcken unsres Schnitts ... Nur der Kopf bleibt noch zuweilen national ; hier war das dunkelschwarze Haar der Römerinnen schön geflochten , geziert vom bunten Kamm , vom silbernen Pfeil ; selbst der Matrone wirres und weißes Haar blieb nicht ohne Schmuck ... Würde und Selbstbewußtsein liegt im festen Gang aller dieser dicken Krämer und Wurststopfer ... Von den ausgelassenen Späßen , mit denen sich bei solchem Anlaß jenseits der Berge die Volksmassen geneckt haben würden , fand sich wenig Spur ... Kein Anschluß ; Jeder für sich ... Die Erwartung galt der » Girandola « , dem Anblick der geputzten Herrschaften , den ausgeworfenen Zuckerspenden und Schaumünzen ... Höflich bog man dem schwarzen Rock des Augustiners aus , der braunen Kapuzinerkutte , der weißen Schnur des Franciscaners , dem grauen Rock des Karmeliters , dem weißen des Dominicaners ... Alle diese kamen mit Körben und Säcken , mit riesigen Kannen sogar , ohne die mindeste Rücksicht auf lächerliche Störung ihres malerischen Effects ... Italien hat seine eigne Aesthetik ... Es besitzt Raphael - aber ein Offizier mit einem Regenschirm - ein Dorfpfarrer auf einem Esel - und zwei Reiter zugleich auf Einem Pferde erscheinen ihm nicht im mindesten lächerlich ... Die herrlichen Gärten dann ... Leider nur mit hohen Mauern verschlossen , wie überall in Italien ... Hängen die Jasminkronen auch nicht herüber , so erfüllen sie mit ihrem Duft die Straßen um so ahnungerweckender ... Da und dort zeigt sich denn auch wol in den neidischen Mauern ein kleiner eiserner Ausbruch , durchzogen von blühenden Rosenranken oder purpurrothen Asklepiadeen ... Jenseits des Thors schweift der freie ungehinderte Blick auf die im blauen Licht schimmernde Campagna , auf die Gebirge ; nun zur Rechten liegen Villen und Gärten , die sich an die des Lateran anlehnen ... Die fünfte oder sechste darunter ist die heut an einer bunten Illumination weithin schon kenntliche , vom Volk umwogte Villa Rucca ... Vier mit blauen , rothen , gelben , violetten Lampen geschmückte Obelisken bilden die Eckpfeiler am heute geöffneten Eingangsgitter ... Die hohe Gartenmauer ist mit einer flimmernden Guirlande von Hunderten kleiner Flammen geziert ... Im Garten vor der beleuchteten Villa brennt eine riesige Sonne , rings umgeben von den kostbarsten Südpflanzen ... Perspectivisch berechnet , am Ende einer schimmernden Ahornallee glänzt ein sichelförmig niedergleitender Wasserfall , hinter dessen krystallnen durchsichtigen Fluten geschäftige Hände die Künste der Sanct-Peterskuppel-Beleuchtung nachahmen , die beweglichen Lampenständer auf- und niederschwenkend ... Musik hallt aus den beleuchteten Sälen der illuminirten Villa ... Dann und wann schießt in die magisch blaue , unendlich weiche , milde Luft schon eine Leuchtkugel , ein mit dem Mondlicht wetteifernder Vorbote des Feuerwerks ... Das ihm aufjauchzende Volk drängt bis an die große Sonne ... Von da ab werden nur noch die Mönche und die Träger von privilegirten Büchsen hindurchgelassen ... Todtenbrüder in ihren unheimlichen Hemden fehlen nicht ... Man hatte ausgesprengt , der Cardinal Ceccone spendete heute Gaben im Werth von dreitausend Scudi und die Aeltern des Prinzen Rucca die nämliche Summe ... Das Gerücht schien sich annähernd zu bestätigen ... Ein Harlekin ergötzte das Volk über das Gitter hinweg durch Würfe von Münzen ... Diese waren freilich nur noch von gebackenem Zucker , aber eine Tombola war im Gange , bei der einige silberne Uhren ausgespielt werden sollten , ohne daß man den Einsatz bezahlte - die Loose wurden über die Häupter hinweggeworfen ... Nächst Madonna Maria ist Fortuna die größte Heilige in Rom ... Pater Vincente , Pater Sebastus , Bruder Hubertus wurden durch die Chaine gelassen , die die Soldaten und Gensdarmen zogen ... Man wies sie an ein Seitengebäude , wo vor einer noch geschlossnen Pforte eine förmliche Kirchenversammlung gehalten wurde ... Am heiligen Grab in Jerusalem mag es zur Osterzeit so aussehen , wenn sich die Mönche aller Orden der Christenheit zusammenfinden und je nach Umständen beten , Tauschhandel treiben oder - sich prügeln ... Die Türken sollen den christlichen » Caricaturen des Heiligsten « mit stillem Lächeln zusehen und abwechselnd bald zum Pfeifenrohr , bald zur Peitsche greifen ... Klingsohr fühlte heute ähnliche Anwandelungen aus Goethe ' s » west-östlichem Divan « ... Er drängte vorwärts und staunte der Wiederkehr seiner alten göttinger Burschenkraft ... Hubertus warf schon hier einen Kapuziner , dort einen Karmeliter aus dem Wege ... Als die übrigen Franciscaner den heiligen Pater Vincente sahen , fielen sie ehrfurchtsvoll in den Ruf einiger Stimmen ein : Platz dem Sack von San-Pietro in Montorio ! ... 3. Contessina Olympia Maldachini hatte zwar immer die Villa Rucca nach dem runden und geschweiften Rococostyl ihrer Bauart eine » altbackene Brezel « genannt und damit die empfindlichste Seite der Ruccas , ihren - von einem Bäcker herstammenden Ursprung berührt ... Aber die geöffneten Räume der altmodischen marmornen Kommode , das große Oval des Saales mit den kleinen Seitenpavillons und den nach hinten hinausgehenden Terrassen , die fast noch eine Ausdehnung des Saales schienen , boten doch darum einen glänzenden Anblick ... Ein solches Fest , wo das Auge unter Lichtern , Blumen , Statuen nicht mehr herausfindet , ob der Fuß innerhalb oder außerhalb eines Saales , in geschlossenen Räumen oder auf Veranden und Altanen verweilt , kann man nur im Süden feiern ... Die Gunst des Himmels muß eine sichere sein ; kein Wölkchen darf das Vertrauen auf die Mitwirkung der Natur zur Lust der Menschen stören ... In dem Saal , in den Nebenzimmern , auf den mit blendend weißen , silber- und krystallstarrenden Tafeln geschmückten Terrassen wogten einige Hundert der vornehmsten Gäste mit glänzender Dienerschaft ... Männer und Frauen in den reichsten Toiletten ... Die Römerinnen der hohen Aristokratie hie und da imposant ; aber bei weitem die Mehrzahl doch nur zierliche , kleine , ja nicht selten verkommenere Gestalten , als die majestätischen , die unsre Phantasie in Römerinnen erwartet ... Auch die Männer sind nicht das , was wir von den Nachkommen der Scipionen erwarten ... Der junge Principe Rucca , in seiner rothen , goldgestickten päpstlichen Kämmerlingsuniform , der glückliche Bräutigam , der wirklich , wie ein Pasquill sie nannte , die » Katze Olympia « leidenschaftlich liebte , braucht dabei nicht mitzuzählen ; noch weniger sein Vater , der immer wie ein alter schäbiger , heute einmal ordentlich gewaschener und lächerlich bunt ausgeputzter Bewohner des Ghetto aussieht ... Aber selbst Principe Massimo , der Nachkomme des Quintus Fabius Maximus Cunctator , der auf Napoleon ' s ironische Frage : Stammen Sie wirklich von diesem glücklichen Gegner des Hannibal her ? stolz erwiderte : Das weiß ich nicht , Sire , aber man glaubt es von unserm Geschlecht bereits seit eintausendzweihundert Jahren ! ( eine Antwort , die nach Klingsohr ' s Auffassung der » Heiligen Treppe « , vor der alles Volk im Vorübergehen knixte , Rom und der römische Glaube auf alle Zweifel an seine Reliquien geben darf - » Sind diese Knochen nicht echt « , schrieb Klingsohr schon zur Zeit des Kirchenstreites , » so ist doch durch sein hohes Alter der Glaube an ihre Echtheit ehrwürdig « ) - - Principe Massimo ist ein kleiner , feiner diplomatischer Herr , der mehr der Sphäre der Abbés , als der Imperatoren anzugehören scheint ... Da wandeln die Borghese , die Aldobrandini ... Gegen frühere Geltung sind es herabgekommene Namen , wenn auch immer noch so stolze , daß sie hier vielleicht nicht anwesend wären , schwebte nicht der Alter Ego des Stellvertreters Christi , Cardinal Don Tiburzio Ceccone , wie ein Apoll von sechzig Jahren durch die Reihen , lächelte bald hier , bald dort , stellte , als wäre er der Wirth , neue Mitglieder des diplomatischen Corps den Damen vor , begrüßte junge Prälaten , die sich eben erst in die Carrière mit einigen Tausend Scudi eingekauft haben , neckte die Damen ... Diamanten und Bonmots blitzen ... Die seidenen Gewänder streifen sich und die Galanterieen ... Das die Gemahlin des Fürsten Doria , eine Engländerin , hoch und stolz , sogar mit einem Orden geschmückt ... Dort die Fürstin Chigi , deren Urahnen unter dem wilden Papst Julius II. ihren Gästen bei solchen Gelegenheiten Ragouts von Papagaienzungen vorsetzten und die