Geist muß regieren , sagten sie und setzten alle Könige ab . Das thaten sie . Einen Thron bauten sie von Gedanken und behingen ihn mit Spinneweben und unsichtbaren Staubfädchen . Die Armeen schafften sie ab und wollten nur noch Schilderhäuser , die nicht größer wären , als hohle Krebs- oder Nußschaalen . Polizei dürfe es gar nicht mehr geben , weil die Diebe nicht zu stehlen brauchten , da Allen Alles gehörte - Das ist Kommunismus , sagte Pax , der sich über diese wichtige Zeitfrage zur Noth durch kleine konfiscirte Schriftchen orientirt hatte . Und Schmelzing sperrte staunend den Mund auf , froh , daß Hackert die Verantwortlichkeit dieses Dienstversehens nun allein trug . Fahren Sie fort ! sagte Pax . Sie machten Alles gemeinschaftlich , diese fünf , zuletzt , ich versichre Sie ' s , zuletzt auch die Rechnung . Niemand bezahlte für sich , sondern die verschiedenen Geschmäcke wurden in einen zusammengezogen , dann mit fünf dividirt und auf jeden kam , einschließlich mehrerer Beefsteaks , ein Thaler und fünf und zwanzig Silbergroschen . Pax stampfte mit dem Fuß auf und schleuderte Hakkert ' s Brieftasche von sich . Aber ich versichere Sie , Herr Oberkommissär , die Parole hieß : Geist ! Hier - Hackert griff in seine Brieftasche - hier steht ' s ja . Der Eine sagte : Geist ist der Herrscher des Weltalls und der Meister des Teufels und die Dampfkraft in der Lokomotive : Mensch genannt . Erst greift der Mensch als Wickel- , Windel- , Fallhutkind um sich und begreift , was er faßt , begreift seine Beulen und versteht , was ihm ansteht , als Eßgegenstand . Aneignung durch den Mund ist die erste Kritik der reiferen Vernunft . Dann ... Hackert improvisirte so fort ... dann trennt das Kind Eins vom Andern , das Naschbare vom Unnaschbaren und theilt es und urtheilt . Über das Urtheilen machte man Wortwitze , wie ich sie bei Schlurck hörte , wenn Universitäts-Professoren gebeten waren und an einer Gänseleberpastete durch die Zunge die Urbestandtheile herausschmecken wollten . Ein berühmter Professor , den Schlurck auf Händen trug , weil er immer sagte : Alles was ist , ist vernünftig , der alte Herr nahm einmal von diesen Ur-Theilen so viel auf einmal in sich auf , daß er am folgenden Morgen an einer Indigestion verstorben war , worüber Schlurck sagte : Das erste Ist , das doch unvernünftig war ! Dann hieß es unter dem mittleren Kreuz : Es gäbe einen wahren Geist und einen falschen , echte Moral und falsche und das innere Gesetz , darin fand ich Gefährliches , das innere Gesetz stünde über dem äußern . Man bezeichnete grade nicht die Polizei als die Gegnerin des inneren Gesetzes , allein sie sagten , sie wollten einen Liebesbund schließen , wo Alle sich mit geistigen Waffen schlagen sollten und in Harnisch gerathen nicht mehr aus persönlichem Interesse , nicht mehr aus persönlicher Leidenschaft , sondern nur aus Überzeugung und um des innern Denkens willen . Ich rufe Schmelzing zum Zeugen . Diese fünf Menschen waren mit der ganzen Welt zerfallen und wußten nichts zu loben , nichts , gar nichts , als höchstens des Rathskellermeisters Weinkarte . Pax durchflog , während Hackert in dieser Weise flunkerte , das Pergament Schmelzing ' s und dessen Abschrift . Er fand hier in der That reellere Dinge , wirkliche Namen , Zustände , Beziehungen ... Kommen Sie zum Präsidenten , sagte er endlich . Ich sehe doch , es sind wichtige Namen da genannt worden und so gewagt es sein kann , hochstehende , bei Hofe verehrte Männer , wie den General Voland von der Hahnenfeder und den Propst Gelbsattel in ihren geheimen Äußerungen zu belauschen , so weiß man doch nicht , welches Ende unsre Ministerkrisis nimmt . Der General hat es abgelehnt , mit dem Fürsten von Hohenberg ein Ministerium zu bilden . Professor Rafflard ist uns längst schon verdächtig . Der Präsident wird zornig sein , daß wir über Werdeck nichts Genaueres fischten , nichts über diesen gefährlichen Leidenfrost ; ich hoffe aber , diese Notizen machen es gut . Ich nehme sie mit . Kommen Sie um zehn Uhr zum Präsidenten , Schmelzing , damit Sie Alles dechiffriren ! Schmelzing war glückselig . Er hatte unfehlbar einen Sieg über Hackert errungen , Diesem die verfehlte Expedition zugeschoben , Brauchbares durch Zufall entdeckt . Doch nahm Pax auch von Hackert , seinem jüngstgeworbenen geheimen Agenten , mit Schonung und sichtlichem Wohlwollen Abschied . Er bot beiden Schreibern Geld an , das sie nahmen . Er forderte sie streng auf , jede nähere Beziehung zur Polizei noch für einige Zeit zu verbergen , es würde bald die Zeit kommen , wo sie vorwärts rücken könnten und , wenn sie wollten , Dienstabzeichen tragen dürften . Noch diktirte er ihnen einige Namen zu den Listen verdächtiger Personen , die sie schon bei sich führten ; es befand sich der eines Engländers Namens Murray darunter . Schließlich gab er ihnen verschiedene Eintrittskarten an öffentliche Orte , besonders in Ausstellungen , in Museen , Konzerte , auch eine immerwährende Gastkarte in die großen und kleinen Versammlungen des Reubundes , weniger um verdächtige , dort nicht fallende Äußerungen zu überwachen , als sich in derjenigen Gesinnung zu stärken , die allein der Stachel und Sporn wäre , ihrem Berufe mit Eifer und Hingebung zu folgen und besonders eine innere Scheu des Angebens überwinden zu lernen . Fax verließ sie . Schmelzing war froh , so gut davongekommen zu sein und konnte nicht begreifen , wie Hakkert , der doch auch gefehlt hatte , losbrach : Die ewige Angeberei ! Hol ' die der Teufel ! Ich hatte geglaubt , Pax würde uns da anstellen , wo man erfährt , wo heimlich gespielt , wo der beste Punsch gebraut wird und die hübschesten Mädchen ohne Erlaubniß zu lieben wagen . Das Departement der öffentlichen Tugend , dacht ' ich , würde Ihnen , Schmelzing , anvertraut werden , daß auf dem Trottoir uns die elegantesten Damen im Vorübergehen zuflüsterten : Guten Tag , Schmelzing ! Kennen Sie mich um Gotteswillen hier nicht , Schmelzing ! Himmlischer , süßer Schmelzing , unter dessen Kontrole ich stehe , der bei mir aus-und eingehen darf , bei Tag und bei Nacht - Süßer , himmlischer Schmelzing mit der weißen Halsbinde - Schmelzing lachte hellauf vor Wonne über diese zuletzt in die ihnen geläufige Fingersprache übergehenden Tollheiten . Er hatte seinen Hut genommen , drängte Hackerten zur Thür hinaus , schloß seinen Käfig zu und bat nur , unaufhörlich kichernd , ihn mit dem » andern Geschlecht « nicht zu furchtbar aufzuregen . Er müsse zum Präsidenten , sich sammeln ... Unten auf der Straße trennten sie sich . Hackert war unfläthig genug , ihm fast ... die Zunge nachzustrecken . Er schob die Hände in die Beinkleidertaschen , rannte die nächste rauchende Person mit einem Pardon ! an , bat um Feuer ! und schlenderte , wie ein Tagedieb , den lebhafteren Gassen zu . Er wollte erst Siegbert besuchen , um ihn zu warnen , führte aber diese gute Regung nicht aus , da sie ihm jetzt unnöthig schien . Nun wollt ' er zu dem alten grauen Hause , das Schlurck bewohnte , wollte sich erkundigen , wie es um Bartusch stünde , wollte einmal den Versuch machen , Schlurck selbst zu begrüßen , dem er seit seiner Untersuchung in Sachen des Bildes der Fürstin Amanda von Hohenberg imponirte . Er war voll Übermuth und Trotz . Als er nun wirklich vor dem alten , mit dem Kreuze bezeichneten Hause stand , blickte er schielend zu den Fenstern auf , hinter denen Melanie wohnte . Wie rannen da alle seine chaotischen , nicht guten , nicht völlig bösen Empfindungen in dem einen starken mächtigen Strom zusammen : Vergangenheit ! Seit jener Nacht , wo ihm Melanie im Wagen versprochen hatte , Lasally von einer Untersuchung abzubringen , mit der der ergrimmte Freier ihn bedrohte , hatte er seinerseits das Versprechen geben müssen , auch nun für ewig von ihr zu lassen und ihre Bahnen nicht mehr mit seinen schreckhaften Erinnerungen an Kinderglück zu durchkreuzen . Hackert , hatte ihm Melanie damals gesagt , du weißt sehr wohl , daß ich über meine Zukunft eine ernste Betrachtung anzustellen habe und mich nicht blindlings an den ersten besten der Vielen , die mir huldigen , verschenken kann . Und Hackert schwur damals , was Melanie begehrte . Berauscht von Liebkosungen , die er ungroßmüthig ertrotzte , war er nach Hause geschwankt , hatte die Brüder Wildungen , Louise Eisold , Bartusch im frechsten Übermuthe verhöhnt , war auf den Fortunaball gerast , hatte seiner ganzen verlornen Natur den Zügel schießen lassen , bis ihn der Fluch seines Daseins , wie er sein Traumwandeln nannte , im Augenblicke der Erschöpfung strafte und ihn zum jammervollen Spott der Menschen auf ' s Neue mitten im Glückstaumel niederwarf . Um zu vergessen , war er den Anerbietungen des Oberkommissärs gefolgt . Die feige Verzweiflung , die ihn zuweilen erfassen konnte , hatte ihm den Muth gegeben , bis dahin Alles zu thun , was man von ihm verlangte . Nun kamen wohl schon lichtere Augenblicke über ihn . Mitten in der wüsten Lebensart , die er nun , wo er doppelt Geld hatte , am wenigsten ließ , überkam ihn wohl ein Gefühl verzweifelnder Wehmuth . Da setzte er sich in Trinkstuben hin , warf einen Papierschein auf den Tisch , nahm das Geld nicht auf , das er wieder heraus bekam : er hasse das schmuzige Metall , sagte er , es mache ihm Krämpfe in den Fingern . Er trank , kam durch die Aufregung , die der Wein mehrte , in einen Zustand verbissener Wuth , verletzte Jeden , der sich ihm nahen wollte und hatte doch meist die Kraft nicht , die Folgen , die seine entfesselte Wildheit nach sich zog , auszukämpfen . Man warf ihn da , wo er wie ein König eingetreten war , wie einen Bettler zur Thür hinaus . Und es sprang ihm Niemand bei . Es schloß sich ihm Niemand an . Niemand faßte zu seinem Wesen Vertrauen . Er konnte dann stundenlang sitzen , das Haupt aufgestemmt und ergrimmte Glossen hin-und herschleudernd . Man kannte ihn schon und belustigte sich an ihm . Seine Grundanschauung war die , Jeden für irgendwie schlecht zu halten . Wenn er ganz mit sich in Verfall gerieth , ging er vor die Thore , setzte sich an die Spielplätze der Kinder , sah deren Treiben zu und wollte sich auch schon aus Dem die Eitelkeit , die Gewaltthat , den Eigennutz früh herausmärzen . Wie Timon dann Alle verwünschend , Alle hassend , rannte er in die Felder , in die Vorstadtgassen und endete gewöhnlich damit , daß er sich zuletzt zu den Verworfensten ihres Geschlechtes flüchtete , mit diesen tobte , fluchte , philosophirte , grade als wenn er aus dem Schlamm erst heraus nach Licht und Poesie rang . In dieser Sphäre hielt man ihn für verrückt . Dem Schlurck ' schen Hause lag ein Café gegenüber . In diesem saß er schon seit seinem Bruch mit der Familie oft Tage lang und belästigte des Justizraths Fenster durch freche Blicke . Auch heute wollte er schon in aller Frühe in das Café eintreten und den unerquicklichen Dunst und Staub , den eine Herberge am frühen Morgen darbietet , einathmen , als er Jeannetten aus dem Schlurck ' schen Hause treten sah . Sie hatte einen der herbstlichen Jahreszeit entsprechenden Mantel um und sah fast ergrimmt , fast bissig , jedenfalls sehr finster aus . Trotz dieser Witterung , die er gleich spürte , wagte sich Hackert an seine Feindin , grüßte sie und stellte , die Cigarre halb aus dem Munde nehmend , mit dem Hut auf einem Ohr , sich ihr dicht in den Weg . Zwei Menschen Das , die Gott nur zu Rädern für fremden Willen geschaffen zu haben scheint , zu ohnmächtigen Werkzeugen fremder Kraft , und grade die wollen erst recht selber im Leben regieren , wollen grade im Dienen herrschen und herrschen wirklich ! Nachtvogel ! war Hackert ' s Gruß und Tagedieb ! Jeannetten ' s Antwort . Blas ' er seinen Qualm nicht ehrlichen Leuten in ' s Gesicht ! Mamsell hat Angst um ihre glatte Haut ! Herbst wird ' s ? Tragen Sie doch einen Schleier ! Ihr Teint springt auf trotz Gold-Cream , der Ihnen da von der Nacht noch an der Nase glänzt ! Jeannette besann sich , ob sie so fortfahren sollte . Eine Stimme sagte ihr : Die Feinde deiner Feinde sollten deine Freunde sein ! Und so begann sie : Hackert , die Zeiten , wo Sie im Hause waren , sind nicht mehr . Hackert war nicht sentimental . Am wenigsten liebte er die gefühlvollen Kammerzofen . Sie weinen ja ? sagte er . Thränen wie Zwetschen so dick , Thränen , wie Roßäpfel von Ihrem himmlischen Herrn Lasally ! Lumpenvolk ! Denken Sie doch nicht mehr an den Abend in der Fortuna , Hackert , lenkte die Kammerzofe ein . Neumann hat ' s bitter empfunden . Sie hatten mich durch Ihre schändliche Plauderei wegen dem falschen Prinzen um meinen Platz gebracht . Sie hätten den Zorn sehen sollen , wie Melanie nach Hause kam von Frau von Harder - gleich mir aufgesagt - Und wir wissen doch , Hackert - wir wissen doch - Schnurr du und noch ein Spinnrad ! äffte Hackert das rasche Plaudern der Zofe nach . Bist ja im Haus geblieben , edles Wesen ! Der süße Bartusch und die Wassernixe , die Frau Justizräthin , warfen dich ja nicht zum Tempel hinaus , ließen dich ja bei Neumann , seinen Ohrringen und seinem Backenbart ! Schlurck kann ja auch nicht den Geruch von jedem Frauenzimmer um ihn her vertragen -So sind Sie geblieben . Was stört denn nun jetzt da drinnen die schöne Landschaft ? Jeannette zog Hackerten vorwärts in eine minder belebte kleine Seitengasse . Hier begann sie eine Mittheilung über Schlurck ' s neuerdings erlebte Unglücksfälle . Die Verwaltung der Hohenbergischen Güter wäre ihm genommen , die Administration der städtischen Häuser wäre vom Magistrat neu untersucht worden und es hieße , sie käme auch aus Schlurck ' s Händen . Schlurck lasse die Flügel schrecklich hängen und gestehe ein ... denken Sie sich , Hackert ! ... daß er alt würde ! Die Justizräthin wäre wasserscheu ... das wollte viel sagen ... Und Bartusch ... Nun ? Heut ' Morgen in aller Frühe klingelt ' s und in einem Fiaker bringen sie den Alten auch todtkrank und elend ... Wer weiß , welche Gosse über ihn ausgeschüttet wurde ! Hackert forschte ... Es mußte zu Drommeldey geschickt werden , der gleich beim Eintreten sagte : Bartusch , Sie schauen ja aus , als hätten Sie Geister gesehen ! Kurz und gut ... Ich sage Ihnen Hackert , wo ist die schöne Zeit hin , als wir in Hohenberg waren ! Die Lust ! Die Seligkeit damals in dem Schloß ! So ? Ich schlief auf der Wiese unter den Fröschen ... Wer freilich bei Ihnen ... Hackert ! ... Ich sage Ihnen , Melanie ist nicht mehr zum Erkennen - Wie so ? Sie hat ja nun doch den rechten Prinzen Egon ! Sie wissen ' s also auch ? Alle Leute sagen ' s. Ich mag sie nicht fragen - sie ist mir nicht wieder grün geworden . Von Hohenberg will sie nichts wissen ... immer ernst - immer nachdenklich - immer Musik jetzt und Lektüre und melancholisch ... Und nun begannen diese Menschen eine Kritik der Verhältnisse Schlurck ' s , des Prinzen , der bekannten Armuth des Letzteren , bis Hackert mit den Worten einfiel : Ich sehe unsern Alten noch mit der Prise in der Hand in Lasally ' s Cirkus die Honneurs machen und mit ein paar alten steifen Mähren das Gnadenbrot um die Wette essen . Wie geht ' s denn Sr. getauften Lordschaft ? Jeannette sprach in gemessensten Ausdrücken von Lasally , seinem ehrenwerthen vielverkannten Charakter , worüber sie fast den Faden ihrer Mittheilung verlor . Dazu das Drängen in der engen Gasse , die Aufregung der Menschen , das Gewühl eines naheliegenden Frühmarktes . An einer Straßenecke lasen die Leute angeschlagen , daß Fürst Egon von Hohenberg Minister geworden . Hackert griff diese Nachricht auf . Hören Sie doch ! Prinz Egon Minister ! Jeannette verwunderte sich , hielt eine solche Beförderung für eine Degradation , einen wirklichen Beweis der Armuth des Prinzen ... O weh ! sagte sie . Und heute , heute muß der Justizrath zehntausend Thaler an Lasally zahlen ... Das Alles an einem Tage ! Hackert erstaunte über die Zahlung an Lasally . Er kannte Schlurck ' s Geldverhältnisse besser als selbst die Justizräthin . Was für zehntausend Thaler ? fragte er . Jeannette berichtete von einer schrecklichen Scene , wo Lasally sich und Allen den Tod gewünscht hätte . Er wäre ruinirt , er hätte auf diese Heirath gehofft , er hätte sich lächerlich gemacht durch seine Langmuth ; er hätte den letzten Beweis seiner Geduld in der Sache gegen Hackert gegeben ... Ja , Fritz , sagte Jeannette , er will Sie doch noch an den Galgen bringen . Neumann sagt , Sie wären ' s auch werth ... man müßte Sie eigentlich auf ein wildes Pferd binden und dann ... Doch wol das Pferd peitschen und nicht mich wieder ? fiel Hackert grimmig ein . Ich rath ' Euch Gutes ! Ich hab ' eine Wuth auf Pferde und Lasally ' s rath ' ich die Hufeisen verkehrt anzunageln , daß ich nicht weiß , wohin er mit ihnen ausreitet - Lasally ' s mein ' ich . Jeannette schauderte vor dem jungen Mann , den sie jetzt bös , doch tückisch nannte . Seine Augen zuckten . Seine Gesichtsmuskeln bewegten sich krampfhaft . Jeannette sagte ihm rasch , daß Schlurck keinen Kutscher mehr halten könne und ihr selbst gerathen hätte , zu Lasally zu gehen , bei dem für Neumann zu sprechen . Lasally würde sich jetzt sehr großartig einrichten , würde Leute brauchen . Eben ginge sie zu ihm , um ihm die Dienste ihres Verlobten anzubieten ... Sie wisse zwar ... Damit unterbrach sie sich selbst , denn Hackert ging fast taumelnd , fast abwesend neben ihr her . Sie sprach schon nichts mehr , er schwieg . So durchschritten sie fast die ganze Stadt , zum Schrecken der Zofe , die sich in der einsamen Thorgegend vor Hackert ' s plötzlicher Träumerei , wahrscheinlich der Erinnerung an seinen Lasally zugefügten Frevel , fürchtete . Zuletzt standen Beide vor dem Eingang in die Reitbahn Lasally ' s. Hackert erschrak , als er aufblickte . Jeannette hatte längst gefürchtet , daß sich Hackert einer gefährlichen Gegend nahte . Aber er sammelte sich und murmelte zum Abschied so hin , sie würde Lasally in einer türkischen Kleidung finden , eine gelbe Meerschaumspitze im Munde , einen türkischen Fez auf dem Kopf , rothe Hosen an , gelbe Stiefeln , Schlafrock von Sammet mit Schnüren . Wie ein Pascha würde er sie empfangen und sie würde ihm die gelben Stiefeln küssen dürfen , seine Hände , seine Ohrzipfel und todt und kalt würde der Pascha sagen : Dein künftiger Mann ist ein Schafskopf , doch soll er die Stelle haben , setzen Sie sich , Fräulein ! Parlez vous français ? Jeannette lachte , huschte davon . Scheu entfernte sich Hackert von einem Ort , der ihn an ein Verbrechen erinnerte . Er floh fast . Als er sich in Sicherheit glaubte , sah er um sich . Er war erschöpft . Da stand ein Brunnen , der hier in der Vorstadt in ländlicher Weise mit einem Wassertroge für die Ausspannungen , die vorüberziehenden Viehheerden versehen war . Die Bäume hier und dort auf dem großen Vorstadtplatze waren entlaubt , die Luft schnitt kalt und fröstelnd genug . Herbstlich sah ' s auch in Hackert ' s Innern aus . Fehler , Irrthümer , begangene Frevel vergibt sich die Jugend sehr bald . Aber um so gewaltsamer , je weniger sie davon merkt , nagt an ihr die zu frühe Erkenntniß . Daß diese Person , diese Jeannette , nun zu einem Don Juan ging und für ihren Bräutigam um eine Anstellung bat , durchschaute er zu offen mit allen Folgen . Die verbitterte Auffassung der Menschen überzieht das ganze Leben mit aschgrauen Farben und worin anders wurzelt die verzweifelte Freudlosigkeit des verdorbenen Großstädters , seine Wuth nach Änderung seiner Lage , seine in der Gefahr dann doch wieder elende Gesinnungslosigkeit , als in diesem zeitigen Erkennen aller Endlichkeit unsrer Natur , in dem höhnischen Schlechtnehmen und Schlechtdeuten jeder fremden menschlichen Regung und Unternehmung ? Hackert sah Alles vergiftet von Selbstsucht . Die Kinder auf der Straße schienen ihm schlecht , die Thiere , die Hühner , die Gänse um ihn her , die nach dem Futter aus den Kornwägen , den Resten der Pferdemahlzeiten haschten , schienen ihm bewußt erbärmlich ; ja selbst dem Wasser in dem Trog , auf dessen Rande er saß die Beine baumelnd , sah er mit mistrauischer Bitterkeit nach , als wär ' es das ewige Symbol der treulosesten , dahin rinnenden Flüchtigkeit . So zog er die Liste der Verdächtigen aus seiner Brusttasche und sammelte sich erst in dem Bewußtsein , in diesem Chaos doch nun auch etwas , wenigstens ein Polizeiagent zu sein . Aus dieser gewiß wenig tröstlichen Betrachtung weckte ihn plötzlich ein lautes Wagenrasseln . Er blickte auf . Ein Lärmen , Rufen , Johlen , Peitschenknallen . Er sah einen Reisewagen , der langsam von der Gegend des Thores daherrollte und von vier Postpferden im Schritt gezogen wurde . Der Postillon blies und klatschte , wenn er absetzte , lustig mit der Peitsche . Mancher Hieb fiel auf die allzunah herandrängenden neugierigen , lachenden Menschen , die sich mehrten , je näher der Wagen in die belebten Gassen kam . Hackert stand auf , um die Ursache dieses Auflaufs kennen zu lernen . Das Blasen des Postillons , das langsame Fahren eines großen vierspännigen Reisewagens konnte allein nicht die Veranlassung dieses Lärms , dieses Drängens und Spottens sein . Er bemerkte auch bald die seltsamste Unterbrechung der gewöhnlichen langweiligen Straßenerscheinungen . Der Postillon ritt , selbst lachend , auf dem Sattelpferde , auf dem Bock saß an einer Kette ein als Kutscher gekleideter Affe , der aus einem Korbe Äpfel und Nüsse unter die Menge warf . Hinten auf dem Bocke standen zwei Mohren in rothen goldbetreßten Livréen . Im Wagenschlage waren zwei Papageyen und einige kleine Makis und Meerkatzen , die an Kettchen zum offnen Schlagfenster hinaus und hinein schlüpften , so weit sie Freiheit hatten . Ein kleiner Herr in mittleren Jahren , schwarzem Barte , hochgeröthetem Antlitz , in einem reichbesetzten Schnurrock und einem rothen Sammtbarett saß ganz allein in dem Fond des Wagens . Er schien sich theils an den Capriolen der Thiere , die ihn umgaben , zu belustigen , theils an der Neugier der Menschen , die er dadurch reizte , daß er ganz neue kleine Silberstücke zum Kutschenschlage hinauswarf . Einige zierliche Windhunde bellten gleichfalls aus dem Wagenfenster und wollten sogar nachspringen . Der sonderbare kleine Reisende hielt sie an einer grünen Leine fest und überließ das Apportiren dem Straßenvolk , dem natürlich nicht einfiel , ihm die Silbermünzen zurückzugeben . Diese tolle Karavane hielt , als sie dicht bei Hackert in der Nähe vieler Marktwagen und Wirthshausschilder stand , still . Der kleine possenhafte Herr lehnte sich aus dem Wagenschlage und fragte mit heller , schriller Stimme hinaus : Welches denn jetzt der beste Gasthof in der Residenz wäre ? Diese Vorstädter wußten wohl Antwort zu geben , aber sie nannten ein Dutzend Könige und Länder durcheinander . Hackert sah auf dem Kutschenschlage in der Ferne ein adliges Wappen und die Buchstaben O.v.D. Der Wirrwarr der Thiere , die Mohren und die jubelnde Straßenjugend zogen ihn an , er trat näher und fragte nach des Herrn Begehr . Welches ist jetzt das erste Hotel der Stadt ? sagte mit sonderbarem fremden Accent der kleine breitschultrige Cavalier . Die Stadt London ! antwortete Hackert mit mehr Ehrerbietung , als ihm sonst eigen war . Also wie vor funfzehn Jahren ! Und der zweitbeste ? Doch nicht die goldne Eule ? Jetzt die Stadt Rom ! sagte Hackert . C ' est la même chose ! Also ist Stadt Rom das beste Hotel ; denn , mein Herr , das eine ist wirklich gut und das andre bemüht sich nur , den guten Ruf aufrecht zu erhalten . Alte Wände , neue Tapeten . Ich ziehe die goldne Eule vor . Ich danke Ihnen ! Schwager , also in die Stadt Rom ! Damit fuhr der Wagen des sonderbaren Dialektikers vorüber und jetzt so schnell , so im verhängten Galopp , daß die Menschenmenge nicht mehr folgen und ihm nur ein lautes Halloh nachschreien konnte . Man zeigte sich lachend die Äpfel , die Nüsse , die kleinen Silbermünzen , die man erobert hatte und zerstreute sich in der Voraus setzung , man würde an den Straßenecken bald die Ankündigung eines angekommenen berühmten Taschenspielers oder einer Menagerie oder einer Kunstreitergesellschaft lesen . Lieber O.v.D. ! sagte sich Hackert , als er allein zur innern Stadt zurückschlenderte , du bist bei allem Witz ein Narr und deine Thiere , die wie Menschen gekleidet sind , haben so viel Verwandtschaft mit dir selbst , daß ich auch ein Narr wäre , wenn ich mich noch länger hier an Lasally ' s Reitbahn um drei todte Pferde ängstigen wollte . Die Tollheit eines Andern hatte Hackert ' s Grübelei geheilt . Und es war die höchste Zeit , daß er sich auf dem Profoßamte sehen ließ . Im Vorübergehen an der Stadt London fragte er , ob nicht ein Reisender mit Mohren und Affen eben angekommen wäre ? Er fragte grade deshalb dort , weil er sich sagte , die Menschen wären ja alle inconsequent und führten in jeder folgenden Minute grade Das aus , was sie sich in der vorhergegangenen widerrathen hätten . Um so mehr war er überrascht , daß in der Stadt London Niemand etwas von einem solchen Fremden wußte , in der Stadt Rom ihm aber unter Lachen und Verwundern wirklich gesagt werden konnte , der angekommene vornehme Sonderling hieße ganz einfach : Baron Otto von Dystra , kurländischer Gutsbesitzer . Doch einmal Einer , der Consequenz hat ! sagte sich Hackert erstaunt und verwünschte die dumme neugierige Stadtjugend , die an dem Portal der Stadt Rom sich anhäufte , um die Affen , die Papageyen , die Windspiele und die beiden Mohren zu sehen , die schon unter der Kellnerschaft hin und her liefen und von der Lebendigkeit ihres Herrn selbst Trepp auf Trepp ab eskamotirt schienen . Aber Koketterie konnte Hackert dem neuen Ankömmling doch anhängen . Er will Aufsehen machen , der Hanswurst ! sagte er sich und behielt als unverbesserlicher Misanthrop Recht . Mit schlottrigem Gang , einen Gassenhauer pfeifend , wandte er sich dann dem Profoßhause zu . Drittes Capitel Ein Rundblick Vierzehn Tage etwa lebte Hackert in dieser dämmernden Stimmung so fort , ohne ein besonderes Ereigniß . Die große Politik , die bewegt genug war , kümmerte ihn nicht . Die kleinen Aufträge , die ihm Pax ertheilte , führte er mit der ihm eignen lässigen Gedankenlosigkeit aus oder hatte seine Freude daran , andrer Leute Pläne zu durchkreuzen , mit seiner Menschenverachtung andern Unternehmungen in die Zügel zu fallen . Pax schenkte ihm , da er unendlich anschlägiger und scharfsinniger wie Schmelzing war , alles Vertrauen und veranlaßte ihn auch , da er zufällig nach außen hin einen Auftrag zu besorgen hatte , sich öfters auf der Polizei und in den Gerichtshäusern sehen zu lassen , als ihm sonst lieb war . Eines Abends geschah es , daß Hackert auch die Ankunft jenes von zwei Landjägern und zwei Polizeidienern geleiteten Murray auf dem Profoßamte beobachten konnte . Er erinnerte sich , den Namen auf seiner Liste zu haben . Der Untersuchungsrichter Müller , derselbe , für den einst Hackert den Prinzen Egon gehalten hatte , als er in der Blouse neben ihm und Dankmar im sommerlichen Walde schritt , empfing den gebückten alten Mann mit der schwarzen Binde im vertraulichsten Tone , den Murray durch Nicken erwiderte . Es ist so gebräuchlich in den Kriminalgefängnissen , daß sich eine schadenfrohe Cordialität zwischen Inquisiten und Richter festsetzt , wo weder der Hohn für die Gerechtigkeit würdig , noch die Vertraulichkeit für die Besserung herzlich wirken kann , sondern jener nur erbittert , diese im Schlimmen bestärkt . Bald wiedergesehen ! Angenehme Reise gemacht ! God dam ! In No.4 Mullrich ! Mylord Murray werden sich bald zurechtfinden . Mullrich und Kümmerlein schauten nicht wenig stolz um sich und wußten Wunderdinge von ihrer heldenmüthigen Fahrt zu erzählen . Sie bedauerten nur , daß Pax nicht anwesend war und ihnen sogleich die Diäten anwies , die sie redlich verdient hatten . Müller nahm das Protokoll über die Ereignisse in Hohenberg und dem Forsthause auf und bemerkte : So sind wir doch nicht vergebens veranlaßt worden , ein Auge auf diesen versteckten , zweideutigen Menschen zu haben . Hackert hörte die Erzählung der Gerichtsdiener und dachte sich lebhaft in die Gegend hinüber , die er seit dem Sommer so wohl kannte . Er erfuhr den Tod jenes Schmieds , an dessen Werkstätte er zuweilen vorbeigestreift war , ohne seinen Namen zu erfahren , er sah das Forsthaus wieder , dem gegenüber er unter dem Ebereschenbaume im Grase geschlafen hatte . Den Namen Zeck hörte er in dieser Verbindung zum ersten Male und war erstaunt , in ihm den Namen wiederzufinden ,