die grünen Zweige der Bäume stehlen ... Ein Olivenwald vollends ist an sich schon zauberisch ... Seine Schatten sind so licht , das Laub ist so seltsam graugrün blitzend ... Und wenn seine Stämme hundertjährig sind , so sind die Gestalten der Zweige und über dem Boden herausragenden Wurzeln so phantastisch , daß sie sich im purpurnen Dämmerlicht der Sonne zu bewegen scheinen wie die Bäume in den » Metamorphosen « Ovid ' s ... Ein magischer Sommernachttraum gaukelt durch einen solchen uralten Olivenhain ... Sieben , acht Stämme sind zu Einem zusammengewunden ... Wie Polypen von Holz sind sie aufgeschnitten , das Mark ist heraus und nur die Rinde noch zurückgeblieben , aber die trägt die graugrünen Blätterkronen mit den blauen kleinen Pflaumen der Frucht ganz so , als wäre Herz und Seele noch drinnen ... Diese groteske Welt , voll Fratzen , als hätte sie Höllen-Breughel geschaffen , schwimmt nun im Lichte und wird zu purem Golde ; die untergegangene Sonne läßt am Horizont einen riesigen Baldachin der glänzendsten Stickerei zurück ... Flimmernde Goldfranzen hängen in Himmelsbreite an violetten und rosa Wölkchen ... Während nach der östlichen Seite hin schon die Nacht urschnell und tiefblau , mit sofort sichtbaren Sternen aufleuchtet , steht noch im Westen diese Phantasmagorie der Farbenmischungen eine wunderbare Weile ... Endlich wird auch sie röther und röther ; die goldnen Franzen , die Stickereien von Millionen von Goldperlen erbleichen ; dann wird der westliche Himmel dunkelblauroth ... Nun schwimmt der Olivenwald wie in einem Meer von aufgelöstem Ultramarin ... Die Nacht im Osten ist schon tiefschwarz ... Alles das lehrt - Ewigkeit des Schönen ... In seiner dunkeln Zelle hatte Hubertus heute eine zinnerne Oellampe ... Sie war an sich armselig , aber sie konnte doch in Pompeji gestanden haben ... Der Docht brennt in der Mitte gleichsam eines Tulpenkelches aus vier Oeffnungen ... Er las jenen Brief , den er mit Pater Sebastus verabredet , um durch Bonaventura ' s Vermittelung vielleicht für sie beide ein besseres Loos zu erzielen , als das ihrer durch den Spruch aus Santa-Maria da unten harrte und selbst für den Fall harrte , daß sie sich diesem römischen oder sonst einem Kloster der Alcantariner einreihen durften ... Der Brief mußte so geschrieben sein , daß er im äußersten Fall auch in die Hand des Generals gerathen und sie nicht aufs neue compromittiren , nicht zur Fortsetzung ihrer Leiden Anlaß geben durfte ... So hatte denn Dr. Heinrich Klingsohr , weiland göttinger Privatdocent , ganz im gebührenden Ton , wie etwa Pater Vincente gethan haben würde , wörtlich an Bonaventura geschrieben1 : » Vivat Jesus ! Vivat Maria ! Halleluja ! Friede sei mit Ihnen , hochwürdigster Herr und hochgnädigster Herr Bischof ! Hat unser Ohr recht gehört , so ist ein Wunder geschehen ! Hochgeehrtester Herr , Sie verweilen nicht mehr auf deutscher Erde , wo das Salz dumm geworden ist , Sie führen den apostolischen Stab im Lande der Verheißung ! ... Hochgnädigster Herr und Bischof ! Wir sind die beiden Flüchtlinge aus dem Kloster Himmelpfort , die wir schon einmal Schutz gefunden durch Ihre gnädigste Frau Mutter , als wir lieber unter den Thieren des Waldes und in einer Hütte von Baumzweigen wohnen wollten , als länger in der üppigen Völlerei der entarteten Minderbrüder des heiligen Franciscus . Lieblosigkeit , Zank , Mangel an gottseliger Gesinnung haben uns von einer Stätte getrieben , wo unser allerheiligster Herr Jesus von seinen eigenen Jüngern täglich noch gekreuzigt wird ! In dem großen Feldzug , den die Kirche gegen den Belial der Aufklärung gerade in unserm Vaterland zu bestehen hat , sind diese Klöster , in denen sich nichts als der Schein der alten Regeln erhalten hat , nur zu Verschanzungen des bösen Feindes nütze . Provinzial Maurus hat an unsern General eine Liste unserer Verbrechen geschickt und so müssen wir denn , da man uns ohne Richterspruch verurtheilte , unser sehnsüchtiges Verlangen nach der reformirten Regel der Minderbrüder durch eine Gefangenschaft büßen , die hier auf San-Pietro in Montorio bereits drei Vierteljahre dauert ; freilich schmachten wir in der Nähe des Kerkers , den der selige Bartolomäus von Saluzzo zehn Jahre lang innehatte ... Aber die Krone des Himmels zu gewinnen wird , ach ! zu mühselig für die schwache Kraft unsrer Sterblichkeit ... Hochgnädigster Herr Bischof ! Wir schöpfen wol Muth aus dem Vorbild der Märtyrer und heiligsten Apostel , aber unsere Kräfte schwinden , unsere Hoffnungen auf die Macht der Wahrheit erlöschen , zu schwer für menschliche Schultern ist , was wir seither erlitten ! ... Von dem unterzeichneten Pater Sebastus , hochgnädigster Herr Bischof , wissen Sie aus einer denkwürdigen Stunde mit dem gefangenen Kirchenfürsten , daß er die Rettung seiner Seele dem Bruder Abtödter verdankt , der im Gegentheil im Lebendigmachen sich auch hier schon mannichfach bewährt hat . O daß ich in einem einfachen , schlichten Menschen mehr fand , als in meinen weiland Genossen , Hochgebildeten , die mich durch die sophistische Moral der heidnischen glänzenden Laster zum Tödten eines Mitmenschen , Ihres Verwandten , reizen konnten ! Hubertus hat mich oft meilenweit Nachts auf seinen Greisesarmen getragen , wenn wir auf unserer Flucht mit nackten Füßen den Häschern zu entrinnen suchten . Vom Düsternbrook , von der verhängnißvollen blitzzerschlagenen Eiche an bis zu den trauernden Cypressen dieses heiligen Sanct-Peter-Kreuzes-Hügels verfolgte uns das Concil von Trident , nach dem ein entsprungener Mönch seinem Kloster zurückzuführen ist ... Wir lebten von Wurzeln und Beeren , suchten die einsamsten Straßen des Rhöngebirges , des Schwarzwaldes und der Alpen auf ... Nie legten wir unser hären Gewand ab , unsers heiligsten Franciscus Ehrenkleid , das ich einst , Sie wissen es , im schnöden Rückfall um jene Lucinde verleugnen konnte ... Nie gönnten wir uns eine andere Erquickung , als unsern blutenden Füßen die kühlende Welle des Waldbachs ... Auf der Schweizergrenze ergriffen uns die durch Steckbriefe aufgewiegelten Häscher ... Nur der Kraft des Bruders Hubertus , die er indessen seinem Gebet zuzuschreiben bittet , gelang es , daß wir aus einer Polizeiwache auf dem Transport entsprangen und uns drei Tage und drei Nächte , dem Verhungern nahe , unter dem Heu einer Scheune verbargen ... Zu unserm Uebergang über die Alpen wählten wir die einsamste Straße , die des Großen St.-Bernhard ... So verschmachtet und verkommen waren wir , daß wir den Gerippen glichen , die dort von verschütteten Wegwanderern aufbewahrt werden « ... ( Sebastus ahnte nicht , wie gerade diese Worte auf Bonaventura wirken mußten , wenn er den Brief empfing ! ) ... » Nur die Hoffnung auf Rom belebte uns ... Rom ! Rom ! rief es in unsern Herzen und gestärkt erhoben wir uns , wie verschmachtete Kreuzfahrer einst mit dem Feldruf : Jerusalem ! ... Aber auch in diesen heißersehnten Gefilden verfolgte uns die Hand des Paters Maurus . Jedes Kloster unsers Ordens drohte zum Gefängniß für uns zu werden . In den Reisfeldern Pavias , wo wir uns in giftigen Sümpfen verstecken mußten , ergriff mich das Fieber . In der Nähe jener prachtvollen Certosa , einer architektonischen Wunderblume deutscher Baukunst in einer Oede voll Trauer , trauriger als die Fieberkrankheit , glaubte ich zu sterben . Mein zweiter Vater rettete mich und der innere Stern des Morgenlandes schimmerte wieder am Wege ... Rom ! rief es von unsichtbaren Geistern , in die zuletzt wirkliche Stimmen , die Stimmen der Pilger einfielen , denen wir uns anschlossen ... Alle meine Gräber öffneten sich in meiner öden Tannhäuserbrust ... Leiche auf Leiche erhob sich ... Die Wissenschaft , die Kunst , die Philosophie , die seraphische Liebe - alles wachte auf in dieser Sehnsucht nach Rom ! ... Ich fühlte unendliches Leben in meinen Adern ... Wir kamen ein kahl Gebirge , die Apeninnen , hinauf und sahen das Meer - Zum zweiten male sah ich ' s und mein Führer kannte es von Indien ... Was blieb da noch die Ostsee ! Nußschaale gegen einen Bethesdateich ! - Dort , dort lagen Afrika , Asien - Hannibal stieg mit uns nieder , Scipio kam von Karthago - Hinan ! Hinan ! ... So wanden wir uns drei Wochen durch Etrurien hindurch nach dem Sanctum-Patrimonium ... Mit den Pilgern , mit manchen Verbrechern , mit denen uns die Nachtwanderung vereinigte , hofften wir : Rom ist die Stadt der Gnade ! ... Ein Pilger rief : Rom ist mit Ablässen gepflastert ! Ich verzieh einem Mund , der dem natürlichen Jubel des frommen Entzückens erwiderte : Noch mehr , denk ' ich , dein eigen Herz ! - Diese Denkerphrase - deutsch gesprochen ! Ich verzieh dem Sprecher , weil er ein Greis war « ... Hubertus hielt hier einen Augenblick inne ... Dieses greisen deutschen Pilgers hatte er oft gedacht ... Auch ihm und Klingsohr war er streng gewesen ; aber eine verklärte und wieder andere verklärende Natur bei alledem ... Wo mochte wol dieser Reisegefährte weilen ! ... Dann fuhr Hubertus zu lesen fort : » Wir mußten mit den andern oft in den Felsen schlafen , vermieden die großen Städte , deren Zinnen und Domthürme ich nur fernher aufragen sah , wie die Märchenerinnerungen meiner Jugend ... Parma ! Florenz ! Siena ! Welche Klänge ! ... Aber in Höhlen , oft zu Räubern , mußten wir flüchten , bis wir endlich in diesem öden Kesselthal ankamen , das Euch die wüste Campagna heißt - Die wüste ! Ihr leipziger Nationalökonomen , ein Hirtenland mußt ' es ja sein , wo wieder die Krippe des Heiles steht ! Hier darfst du ja , verlorene Welt , nur Schafhürden und Ställe suchen ! Hier sollst du ja nur der Hirten Lobgesang hören wollen , der dich doch in Correggio ' s Nacht entzückt , warum nicht in Wirklichkeit ? ... Endlich eines Morgens ging die Sonne auf und wir sahen - die Stadt der Städte ! Im Kern einer großen Muschel liegt , nächst Jerusalem , die köstlichste Perle ! ... Das Auge unterschied die Peterskuppel ... Schon hörte das Ohr die Glocken der versunkenen Kirche , die in meiner Brust schon seit dreißig Jahren Rom läuten ; ich hörte sie - nun von sichtbaren Thürmen niederhallen - Hosiannah ! rief alles um uns her ... La capitale du pardon ! jauchzte ein Franzose ... Da umringen uns wieder die Häscher des Paters Maurus . Die in der Knabenlectüre vielbelachten - Sbirren - häßliche Dreimaster von Wachsleinen auf dem Kopf - ... Sie wissen , wer wir sind . Sie wissen , woher wir kommen ... Sie führen uns über die Tiber zurück , die wir schon hinter uns hatten ! ... In der Abenddämmerung geleiten sie uns einen jener riesigen Aquäducte entlang , die man nicht sehen kann ohne an Roms ewige Größe , an die fruchtlosen Belagerungen durch Attila , die Hohenstaufen und Beelzebub zu denken , führen uns durch ein entlegen Thor auf einen hohen Berg und hier in ein Gefängniß , das wir seit dieser Stunde nur zuweilen im Umkreis einiger hundert Schritte verlassen haben ! ... Vor unserm Kloster stürzen sich die Wasser jenes Aquäductes , dem wir folgten , in ein Becken und gleiten nach Rom hinunter , das , sagt man , vom Geriesel der Brunnen und Cascaden wie ein einziger Quell des Lebens rauschen soll ! - - Wir hier oben aber verschmachten ! Wir müssen uns der Gewalt des Pater Maurus , die bis hieher reicht , ergeben ! - ... Wohlan , die Ordnung herrsche in der Welt , selbst in den Händen unwürdiger Gotteswerkzeuge ! Wir wollen unser Joch-Jahr dulden . Aber die Zukunft ! Soll sie denn nur , nur den Tod bergen ? ... Wenn Ihre große Güte , hochgnädigster Bischof , es übernähme , ein Wort des Zeugnisses für uns beim General zu sprechen ! Wenn Sie Ihren Nachbar , den Erzbischof von Coni , Cardinal Fefelotti , der , wie man sagt , die Stelle des Großpönitentiars der Christenheit erhalten wird , für uns gewännen ! Das Elend meines Lebens kennen Sie ! Sie wissen , was ich dem Kreuz des Erlösers schon alles von Menschenschuld aufgebürdet habe ! Sie kennen Klingsohr ' s Sünden - auch seine verwelkten Rosen - Sie wissen , welche Hand den Lebensfrühling mir zerriß ... Ueber Trümmern aber ist das Kreuz erstanden ! Ich will meine Fahne nicht mehr lassen , die Fahne des geopferten Lammes ! Lassen Sie mich nicht streiten unter sinnlosen Führern ! Das ist das Schrecklichste , unter Mitknechten stehen , die nicht wissen , wessen Harnisch sie angethan haben ! Müßten wir nach Deutschland zurück , zurück nach Witoborns öden Gassen , zu den dumpfen Wänden Himmelpforts , so würde der letzte Funke unsers Lebenslichtes erloschen sein ! Lieber das Grab in Rom , als ein Leben im Leichentuch Deutschlands ! Sie , Sie sind glücklich ! Sie dürfen reden , hochwürdigster Herr und Bischof ! Legen Sie Zeugniß für uns ab ! Ein Wort von Ihnen zu unserm General , ein Wort zu Cardinal Fefelotti , und man wirft uns nicht mehr mit denen zusammen , die wie der Tag kommen und gehen . Auch mein guter Führer und Lehrer stürbe so gern in der Stadt der Katakomben . Er hat noch auf dem Amt in Witoborn eine Summe Geldes liegen , ungerecht Gut , das er der Sache der Gerechtigkeit schenken möchte . Er hoffte in Rom einen Erben zu finden , einen Krieger im Heer Seiner Heiligkeit , den zu erkundschaften ihm noch keine Muße geboten ward . Fände er diesen nicht , so würde er das Vermögen dem General seines Ordens anweisen ... Laßt ihn eine Weile suchen ! Laßt uns doch noch irgend eine schaffende Thätigkeit ! Der Trieb zu helfen ist Gradmesser noch vorhandener Lebenslust . Mit dieser neuen schönen Sonne , die wir Gefangenen nur zu spärlich sahen , ist er in uns zurückgekehrt . Ich jage nicht mehr dem Spuk der nordischen Phantome nach . Dieser blaue Himmel , diese göttliche Luft , diese immer gleiche Stimmung der Natur selbst im Blättergrün , das im Winter nicht entschwindet , ach ! sie gießen einen so vollen Glanz der Schönheit selbst über unsre bescheidensten Wünsche , daß ich mir vorkomme , als hätte meine seitherige Vergangenheit nur unter meiner unrichtigen Geburt im Norden gelitten . Meine Zweifel schwinden . In einem römischen Sonnenuntergang glaub ' ich an das Labarum des Constantin , das ihm in den Wolken erschien ! Ich sehe das Tabernakel des Hochamts in jeder bunten Wolke dieses italienischen Himmels ! Halleluja ! Die Kreuzesfahne voran ! In diesem Zeichen Sieg und Hoffnung ! Retten Sie uns ! Retten Sie uns ! Heinrich Klingsohr , genannt Pater Sebastus a Cruce . San-Pietro in Montorio , im Mai 18 * * . « Zu diesem Namen schrieb Bruder Hubertus : » Eines hochgnädigsten Herrn und Bischofs gehorsamster Kreuzesträger und apostolischer Pilger Frater Hubertus . « Diesen Brief ganz flüssig zu lesen und dann zu unterschreiben kostete dem » Todtenkopf « einige Mühe ... Seine knöcherne Hand kritzelte lange an den wenigen Worten ... An der Stelle , wo von seinem Geld die Rede war , hielt er besorgt inne ... Er gedachte mismuthig jenes Wenzel von Terschka auf Westerhof , von dem er schon lange ahnte , daß er dessen Versicherungen , er wäre nicht jener Soldat , der einst im römischen Heer gestanden , zu leichtgläubig hingenommen , von dessen Verbleiben aber , Ursprung , späterer Flucht , Uebertritt , gegenwärtigem Aufenthalt in London die Eremiten im winterlichen Walde , die Flüchtlinge durch Deutschland und Italien , die Gefangenen von Rom nichts erfahren hatten . Klingsohr kannte diesen Terschka nicht einmal dem Namen nach ... War die Erwähnung seines Geldes praktisch ? ... Wie würde diese Stelle auf den General wirken , wenn er sie läse ? ... Vielleicht ganz förderlich ! dachte endlich Hubertus mit einiger Pfiffigkeit ... Gegen zehn Uhr erhob er sich von seinem Maisstroh ... Aufgeschreckter denn je ... Dachte er an Terschka , Picard , sein Geld , so erschienen ihm Eulen und Fledermäuse und Brigitte von Gülpen rang unter ihnen die Hände und Hammaker ' s blutigen Kopf sah er und Picard hing am brennenden Dachbalken und den Pater Fulgentius , den er » richtete « , indem er ihn ruhig sich selber tödten ließ , sah er am Seile schweben ... Der Riegel seines Kerkers wurde klirrend zurückgeschoben ... Der fieberkranke Laienbruder war es selbst , der , sich schüttelnd , den mächtigen Sack brachte ... Er geleitete Hubertus an Sebastus ' Zelle ... Auch hier fiel die eiserne Klammer ... Sebastus stand in erregter Spannung ... Rom und die langen Leiden hatten seinem sonst so vornehm verächtlich , so hochmüthig geringschätzend in die Welt und auf andere Menschen blickenden Wesen seit einiger Zeit eine vortheilhafte Veränderung gegeben ... Er ergriff den heimlich dargereichten Brief , siegelte ihn , während Hubertus dem Laienbruder , um diesen zu zerstreuen , seine Pillen rühmte und zu größerer Deutlichkeit das Verschwinden des Fiebers mit der Leere des mächtigen Sackes verglich ... Dann steckte Sebastus unter der braunen Kutte den Brief zu sich und folgte dem Laienbruder , der beide auf die Terrasse zu den rauschenden Wassern führte ... Hier harrte ihrer Pater Vincente ... Benedictus Jesus Christus ! ... In aeternum , Amen ! ... Die drei Mönche schritten den Hügel San-Pietro nieder in jene kleinen gespenstischen Schatten der Bäume und Häuser , die ein helles Mondlicht wirft ... Alle drei schritten sie nach Rom hinunter in den gleichen Kutten ... Die Kapuze über den Kopf gezogen , um den Leib des heiligen Franz von Assisi fliegende weißwollene Schnur ... Die beiden Deutschen noch nach ihrer alten Regel in Sandalen ... Pater Vincente mit entblößten Füßen . Fußnoten 1 Vielen dieser Einzelzüge liegen Actenstücke zu Grunde . 2. Pater Vincente war wol schon dreißig Jahre alt ; doch hatte er noch alles von der weichen Jünglingsschönheit des Antinous ... Seine Augen waren sanft braun ... Die Farbe seines Antlitzes , und nicht ganz vom Widerschein der Strahlen des orangegelb über dem Albanergebirge herausgetretenen Mondes , war fast gelblich ... Das kurzgeschnittene und die so schöngeformten kleinen Ohren grell freilassende Haar dunkelschwarz ... Der braune , jetzt von der Kapuze bedeckte Nacken schweifte sich sanftgebogen ... Sein Mund war etwas aufgeworfen und wie zum Genuß des Lebens bestimmt ... Die hohle Wange stand in Verbindung mit sanften Erhöhungen an den Winkeln und Lippen ... Seine Gestalt hatte etwas Aetherisches ; sie schien , wie dies einst dem heiligen Franciscus in Wirklichkeit geschehen sein soll , in den Lüften zu schweben ... Viele , die ihn kannten , prophezeiten auf sein Haupt - noch einst die dreifache Krone - wie man in der katholischen Christenheit jedem Leviten thut , der sich durch gottseligen Sinn auszeichnet ... Die beiden Deutschen gingen hinter dem Italiener , wie seine Diener ... Doch wollte dieser nur ihr Führer sein ... Hubertus ließ sich auch nichts von seinem bestimmten , festen , muntern Naturell nehmen ... Was ihm durch den Sinn kam , plauderte er aus ... Die Bäume am Wege nannte er alte Bekannte aus Indien ; die Düfte , die von den botanischen Gärten herüberkamen , analysirte er nach den Pflanzen , denen sie angehörten ... Den schmetternden Nachtigallen paßte er stillstehend auf ; dem Mond drohte er , ihn , wenn er noch größer und ganz wie in Java würde , vor Freude in den Sack zu stecken ... Alles das , sagte er , ist darum so prächtig hier , weil es ohne die Schlangen und die Tiger ist ! ... Die Heiterkeit des wunderlichen Alten hatte seinen Leidensgefährten schon seit Jahren aufgerichtet ... Sebastus nannte ihn schon im Kloster Himmelpfort den zweiten Philippus Neri ... Philippus Neri war jener » kurzangebundene , humoristische « , römische Heilige , von dem Goethe in seiner italienischen Reise erzählt ... Könnte ich Ihnen den Schamanen und indischen Gaukler austreiben , sagte Sebastus schon oft , Ihre Wunderkraft und Heiligsprechung wäre verbürgt ! Philippus Neri legte sich auf das Studium , den Menschen manchmal so unausstehlich zu werden wie möglich . So auch Sie ! Es gelang freilich Ihrem heiligen Vorbilde nicht immer so ganz , wie Ihnen ! Je mehr Philippus verletzte , desto mehr liebte man ihn . Ja sogar die Thiere liefen ihm nach . Hunde zu tragen - war sonst eine Strafe der Verbrecher ; Philippus trug sich immer mit Hunden und duldete den Spott der römischen Jugend . In die Kirchen ging er und unterbrach die römischen Fénélons und Bourdaloues seiner Zeit gerade an ihren blumenreichsten Stellen . Da wollte er ihre Demuth prüfen , ob auch wol die geistreichen Rhetoriker nun ebenso gelassen blieben , wie sie ihren Zuhörern anempfahlen . Erschien ihm die allerseligste Jungfrau , so spie er sie an , und siehe da ! es war eine Teufelslarve . Er sagte : Ihm müßte dergleichen viel herrlicher erscheinen ! ... Die » Vernunft « in unserer Heiligengeschichte ist noch gar nicht genug geschildert worden ... So sprach Klingsohr in Himmelpfort - Fast hätte er sich auch in Rom veranlaßt fühlen dürfen , wieder an diese alten Vergleichungen zu erinnern ... Hubertus sprach den ganzen Weg bis zum Ponte Sisto , der die Wanderer über die Tiber führte , vor Aufregung alles bunt über Eck durcheinander ... Ja er wagte sich an den Pater Vincente mit der italienischen Frage , nicht etwa wo das Capitol oder das Coliseum oder die übrigen Klöster des heiligen Franciscus lägen , sondern wo er die päpstliche Reiterkaserne finden könnte ... Pater Vincente zeigte weit weg über die Tiber zur Peterskuppel hin und sprach von einer dort befindlichen Porta Cavallaggieri ... Nun ereiferte sich Hubertus über den Mangel an Briefkästen ... Und daß auch die Hauptpost nicht einmal des Nachts einen Briefkasten offen hielt , wie ihm Pater Vincente versicherte , rügte er ebenso , wie der heilige Philippus Neri mit den Institutionen von fünfzehn Päpsten , die er erlebt hatte , in stetem demokratischen Hader lag und noch wenige Jahre vor seinem Tode und schon im Geruch der Heiligkeit nahe daran war , statt als » heiliger Diogenes in der Tonne « in allerlei römischen Winkeln zu leben , als Staatsgefangener auf die Engelsburg zu ziehen ... Als Hubertus die Unmöglichkeit , den Brief abzugeben , in deutscher Sprache beklagte , mußte er erleben , daß Pater Vincente sich umwandte und mit gebrochenem Deutsch einfiel : Wisset Ihr denn nicht , daß Ihr keinen Briefwechsel führen dürft ? Laßt mich doch nicht zum Beschützer einer unerlaubten Handlung werden ! ... Die betroffenen Mönche erfuhren zum ersten mal , daß Pater Vincente soviel Kenntnisse in den Sprachen besaß ... Sie mußten ihren Unterhaltungen einen Dämpfer auflegen ... Hubertus murmelte , verdrießlich über soviel Loyalität : Sind wir wirklich im Lande der Mörder und Räuber ? ... So kam er in die andächtig und feierlich gehobene Stimmung Klingsohr ' s , um den jetzt nur noch bald die Volksstürme der Gracchen rauschten , bald die ersten feierlichen Gesänge der Katakombenkirchen ... Die Wanderer hatten die innere Stadt betreten , die in ihren lebhaftesten Theilen jeder andern südlichen gleicht und außer den an den Häusern zahlreich angebrachten Balconen nichts Auffallendes hat . Die » ewige Stadt « zeichnet sich auch sonst am Tage durch ihre Schweigsamkeit aus , die gar nicht mit der lärmenden Weise Südeuropas stimmt . Die Herrschaft der Priester bedingt den Ton der Ehrfurcht und Zurückhaltung . Beim ersten Betreten macht Rom einen Eindruck , wie Venedig auf den Lagunen - lautlos gleiten die Gondeln über die dunkle Flut ... Jetzt war nun noch die Nacht hereingebrochen und vollends still lagen die hier so engen , den erwerbenden Klassen angehörenden Straßen und kleinen Plätze . Dunkle Schatten hüllten die verschlossenen Häuser ein . Nur da und dort brach der goldene Strahl des Mondes hervor und gab den schmutzigen Eckgiebeln , den verschwärzten Balconen , hochragenden Schornsteinen eine verklärende Beleuchtung . Die vielen Fontainen Roms belebten die Stille . Fiel der Mond auf die Strahlen und die Bassins , in die jene niederglitten , so glaubte man Büschel von Gold- und Silberperlen zu sehen . Oeffnete sich ein größerer Platz und zeigte eines der hohen Staatsgebäude , eine der Kirchen oder einen der in dieser Gegend seltenern Paläste , so sah man die Giebel , Thürme und Kuppeln in um so magischerem Lichte , als die Dunkelheit der Schatten daneben den Glanz derselben erhöhte . Dazwischen durfte das Auge dann und wann glauben , Schneeflocken auf den Höhen zu sehen . Das war dann weißer Marmor , ahnungerweckend aufblitzend ... Klingsohr sah wie zum zweiten mal geboren um sich ... Die Erinnerungen umkrallten ihn riesig , als Pater Vincente , der sein hartes Wort wieder gut machen zu wollen schien , Erläuterungen zu geben begann ... Da sagte der sanfte Führer auch unter anderm auf ein wüstes Gewirr von Häusern zur Linken zeigend : Der Ghetto der Juden ! ... Die » Rumpelgasse « Roms ! ... Ob auch hier , wo eine Nachtigall so mächtig schlug , wo die Fontana Tartarughe so traulich plätscherte , wo am Mauerwerk wie verstohlen eine schwarze Cypresse hervorlugte , ein Veilchen Igelsheimer leben mochte ? ... Ob auch hier die nächtliche Vertauschung einer Mönchskutte möglich war gegen einen Ueberrock , mit dem ein toller Mönch in die Theater Roms lief ? ... Lucinde huschte für Klingsohr schon lange , lange am Wege ... Da gab es schon so manchen schönen Kopf mit aufgelöstem Haar an einem Fenster , ein Mädchen , das eben schelmisch noch einmal den Mond anguckte und dann erst zu Bett gehen wollte ... Da tönte eine Guitarre ... Da scholl aus einer Schenke ein Jauchzen - das Schreien beim Morraspiel ... Jesus , mein Feldherr ! mußte schon der ewige Fahnenflüchtling rufen ... Lucindens Gestalt begleitete den so tief Verkommenen in jeder schönen Situation , ihn , den wie der Brief zeigte , den er in seiner Kutte trug , die trübste Lebenserfahrung schon so tief gedemüthigt , ja zu der ihm sonst nicht eigenen Verstellung gebracht hatte ... Wie oft hatte nicht Lucinde , wenn Jérôme von Wittekind sie im Latein unterrichtete , von Rom gesprochen und ihm was sie gelernt wiedererzählt bei ihren Stelldicheins hinterm Pavillon unter den alten Ulmen auf Schloß Neuhof und noch in Kiel ... Im Profeßhause der Jesuiten hatte sie dem Gefangenen Bilder einer größern Wirksamkeit vorgegaukelt , deren Fernsichten bis nach Rom gingen ... Wo mochte sie wol jetzt weilen , sie , die in ihren auch im Kloster Himmelpfort später bekannt gewordenen , von der Regierung veröffentlichten Briefen an Beda Hunnius ihr Lebenssymbol nicht selten wiederholt hatte : An der Schwelle der Peterskirche möcht ' ich sterben ! ... Was alles mit ihr Hubertus in Witoborn vorgehabt , hatte Sebastus von diesem nicht ganz erfahren können ... Pater Vincente blieb freundlich und milde ... Ging doch auch er mit der mächtigsten , gewiß auch ihm aufwachenden Poesie im Herzen dahin ... Klingsohr hatte das Erlebniß von dem Kuß in der Beichte gehört ... Er selbst kannte diese Schemen , die den heiligen Antonius peinigten , nur zu gut ... Und diese Luftspiegelung der erregten Sinne , für die der schöne Jüngling und Mann dort hatte fünf Jahre büßen wollen , vermählte sich heute ! ... Er bettelte nun an ihrer Thür ! ... Da war ja die Welt Heinrich Heine ' s , die ihn einst so umfangen gehalten ... Das kommt , weil man » Madame « tituliret Mein süßes Liebchen - Jesus hilf ! rief es in Klingsohr ' s Seele ... Pater Vincente deutete auf eine rechts sich noch einmal öffnende Durchsicht über die Tiber und auf einen jenseits in den blauen Lüften schwebenden fernen Punkt und sprach : Das da ist das Asyl der Pilger ! Eine fromme Stiftung des heiligen Philippus Neri ! ... Hubertus lachte und drückte spähend seine schwarzen funkelnden Augen zu und hob die Kapuze in die Höhe und sah die so achtbaren Erinnerungen an einen Mann , mit dem er Aehnlichkeit haben sollte ... Und ganz im Neri ' schen Geist sprach er in seinem holländischen Deutsch durcheinander , rasch , als wenn Pater Vincente folgen könnte : Das Haus sieht groß genug aus , um den Seckel der Wirthe zu füllen ! Ja - wer Gott liebt , dem müssen alle Dinge zum Besten dienen - namentlich die Wohlthaten , die er spendet ! Pater , wo wir in Italien auch hingehört haben , bringen die Bettler , die Armen , die Pilger , die Wallfahrer den Stiftern erst recht das Geld ein . Wie so ? Wir sind mit Wallern gezogen , klopften an alle Pilgerasyle und bekamen ein Essen , so schlecht - um sich davon abzuwenden ! Aber wir sahen die Oberalmoseniere und Spitalprioren in Kutschen an uns vorüberfahren . Im Walde gab es besseres Laub zum Schlafen , als in solchen Pilgerbetten ... In Turin und in Parma flohen die Wallfahrer vor allen heiligen Asylen , weil sie , eben todtmüde angekommen , erst eine Procession durch die Stadt machen sollen , ehe sie zu essen kriegen ... Herrgott , wer vollends , wie wir , die Sehnsucht hat , ' nmal eine hübsche Stadt näher zu betrachten , eine Stadt , die man endlich mit müden Füßen erreicht hat , dem schließen sie die Pforte vor der Nase , wenn er sich auch nur fünf Minuten an einem gnadenreichen Altar verspätete - Campirt draußen ! heißt ' s ... Da lernten wir den deutschen Pilger kennen - Woher kam er doch ? Von Castellungo ! Der alte Naseweis und Ketzer , aber ein redlicher Mann ... Der sagte uns : Es steht geschrieben : Nächst dem Gebet eines Heiligen ist nichts vor Gott wirksamer , als das Gebet eines Wallfahrers ... Freilich , das war