demnach seinem Beichtkinde , für sie ein wahrer Hohn , den die » Kirche « dem Stolz dieser Familie sprach ... Sie sah hier nichts als die Veranstaltung der Jesuiten ... Sie sah das fortgesetzte Wirken des Ordens , dem Terschka sich entzogen hatte ... Sie sah die Feindseligkeit des Erzbischofs von Cuneo , des Cardinals Fefelotti , der bereits gewaltsam in die Rechte der Waldenser eingegriffen hatte ... Als Bonaventura von seiner ersten Begegnung mit der Gräfin mit dem Entschluß , lieber doch dieser Lockung des Ehrgeizes , dieser Lockung seiner Liebe zur Geliebten und zum Vater mit äußerster Kraft zu widerstreben , nach Hause kam , regnete es in Strömen ... Schon war es spät ... Er konnte nicht sogleich auf der Freyung die Pforte finden , die die seinige war ... Eine Weile dauerte es , bis er sich zurecht fand ... Wie er geklingelt hatte , schlug unter den vielen Regenschirmen , die um ihn her sich fast den Platz benahmen , einer , ein dunkelblauseidener , auf ... Indem er in sein Wohnhaus trat , erkannte er die langsam an ihm vorübergehende Gestalt im braunen Mantel und mit den schwarzen Handschuhen ... Das Blau des Schirmes , das Gaslicht der Laterne , die gerade neben der Hauptpforte befestigt war , der mit Schnee untermischte Regen gaben dem Antlitz des jungen Mannes den Ausdruck des Todes ... Kein Wort , nicht einmal ein zweiter Blick , nur ein Lächeln , wie : Siehst du nun ? - und das Bild war vorüber ... Bonaventura suchte wie vor einem Gespenst sein einsames Zimmer ... Er floh , als wenn Lucinde hinter ihm her huschte und höhnte : Heide ! Heide ! und dann doch sagte : Aber sei ohne Furcht ! Ich sag ' es nur dir ! ... Sie ist es , rief er ... Sie ist es ... Was kann sie noch wollen ? ... Am folgenden Tage sah er endlich die Herzogin von Amarillas ... Olympia ruhte nicht eher ... Principe Rucca suchte ihn fast gewaltsam in den Palatinus zu führen ... Ceccone war zugegen ... Es war äußerlich ein heiterer Abend ... Unter den Scherzen zitterte das tiefste Leid ... Angiolina wurde nicht erwähnt ... Benno ' s Mutter fand er , wie sie dieser geschildert ... Unter dem Schein äußerster , ja abstoßender Kälte eine leidenschaftliche und dann doch wieder plötzlich kalt verständige Seele ... Er und sie benahmen sich so , als wüßten sie nichts vom Tiefverborgenen ... Olympia überhäufte ihn mit Schmeicheleien und Liebkosungen - um Benno ' s willen , den sie für seine Flucht einen Maledetto nannte , den sie nun bald in Rom strafen würde ... Principe Rucca nannte den Baron von Asselyn schon den allerbesten Freund , den er in dieser Welt besäße ... In einigen Wochen hofften alle in Rom zu sein ... Es schienen Menschen , hergekommen aus jener alten Welt der Imperatoren , wo die Frauen in ihren Ohrgehängen den Werth eines Königreichs trugen ... Sie fanden ganz in der Ordnung , daß der Bischof von Robillante sein Bisthum vom Kapitel verwalten ließ und den Carneval in Rom verbrachte ... Wie bewunderten sie Bonaventura ' s italienische Aussprache ... Die Herzogin war bei all diesen wilden und leichtsinnigen Exclamationen - - die Duenna Olympia ' s - jene Arme , die sich von Kirche zu Kirche fortbetete , weil sie keine Kutsche bezahlen konnte ... Sie stand tief befangen und mit Zittern lauschend ... Die noch zum Leben verurtheilte - Niobe , wie sie Bonaventura ' s von ihr seltsam gefesseltem Auge erschien ... Die Schwierigkeit der von Paula gestellten Aufgabe lähmte Bonaventura ' s Entschließungen ... Wie sollte er dem Grafen sich nähern ? Wie ihn nur annähernd ergründen ? ... Selbst Erkundigungen nur über seinen Ruf einzuziehen , widerstrebte ihm ... Auch kannte jedermann und niemand mehr , als Bonaventura , sein Verhältniß zu Angiolinen ... Er wußte durch Benno , daß der Graf ehrenwerth war , ja edel von Paula sprach ... Er konnte nur nach Westerhof schreiben : Er ist vollkommen würdig ! ... Dennoch - ihn sehen , eine Weile mit ihm leben , war unerläßlich ... Die Mutter des Grafen betrachtete ihn indessen mit prüfenderen Augen , als er auf ihren Sohn gerichtet haben würde ... Als der Graf hörte , Bonaventura sollte Bischof von Robillante werden , kam er noch weniger von Schloß Salem herein , von dessen Versteigerung man schon sprach ... Bonaventura erfuhr letzteres von Angelika Müller ... Diese , endlich einmal wieder in katholischen Berührungen recht sich ausschwelgend , sagte : Gräfin Erdmuthe fährt hin und her , schickt Boten über Boten an die Zickeles ... Die Katastrophe ist reif ... An die Stelle des Adels tritt in dieser Welt die Börse ... In diesen Zustand der Unentschlossenheit , die durch Lucindens verlorene Spur gemehrt wurde , hinein drängten sich die Vorbereitungen zur wirklichen Vollziehung seiner Bischofswahl , noch ehe er ganz entschieden zugesagt hatte ... Das Kapitel von Robillante hatte seiner eigenen Wahl sich begeben und der römischen Curie die Besetzung mit einer ihr genehmen Persönlichkeit überlassen ... Bonaventura stand der Gräfin und dem Grafen gegenüber in einem Licht , das das ungünstigste von der Welt sein mußte ... Was sollte Paula denken ! Was ganz Westerhof ! ... Da , zur Mehrung des falschen Scheins , mußte es geschehen , daß der unwiderstehliche Zug des Herzens , der Bonaventura nach den Eichen von Castellungo zog , eine Entscheidung erhielt , die ihn bestimmte , in der That die Mitra und den Krummstab anzunehmen , es mochte kommen , was da wollte - - ... Er war bei Gräfin Erdmuthe gewesen , hoffte wieder vergebens , bei ihr den Grafen Hugo zu begrüßen ... Die Gräfin empfing ihn mit äußerster Kälte , heute mit einer Aufregung des Zorns ... Ihre Augen glühten , ihre Hände zitterten ... Ha , brach sie nach den ersten Begrüßungen aus , da seh ' ich die neuen Kämpfe , die mir beschieden sind ! ... » Haltet Recht und Gerechtigkeit und errettet den Beraubten von des Frevlers Hand ! « spricht der Prophet ... Ich muß nach Italien ... Fefelotti zertritt die Früchte meiner Anstrengungen ... Hab ' ich darum mit soviel Kronen und Cabinetten unterhandelt ! ... Bonaventura erfuhr eine Schreckenskunde - auch für ihn ... Die nach Witoborn zu Hedemann ' s Hochzeit reisende Mutter Porzia Biancchi ' s , die bei den Seidenwürmern zurückgebliebene Giuseppina Biancchi , Gattin des frankfurter Napoleone , Schwägerin des Professors Biancchi , der - ein echter Italiener - vor seiner Verwandtin plötzlich » verreist « war , hatte diese Nachricht eben mitgebracht ... Der Eremit von Castellungo , Frâ Federigo , war spurlos verschwunden ... Im Mund des Volkes ging nur Eine Stimme ... Der neue Erzbischof von Cuneo hatte ihn in die Kerker der Inquisition geworfen ... Als Bonaventura diese Mittheilung hörte - als er den Strom von Anklagen und Verwünschungen , in denen sich die Greisin erging , auch nicht mit einem einzigen Wort unterbrach , sondern nur , wie die Wand so weiß geworden , den Bericht vernahm und sich ihn von der hereingerufenen alten Italienerin bestätigen ließ - wie er selbst dem kleinsten Zug der Mittheilung eine fieberhafte Aufmerksamkeit schenkte , hätte eine mit geringerem Selbstvertrauen begabte und nicht ganz nur in sich selbst lebende Persönlichkeit , wie die der Gräfin , wohl erkennen müssen , welche Umwälzungen im Innern Bonaventura ' s vor sich gingen ... Sie sah in dem Zucken seiner Nerven , in seinen auf den Lippen ersterbenden Fragen und Antworten nur die Beschämung eines römischen Priesters ... Jetzt bricht es aus , was die » Rotte Korah « , die Väter der Gesellschaft Jesu , über unser Haus verhängt haben ! rief sie leidenschaftlich aus ... Dieser redlichste Freund der Armen , dieser wahre Priester Gottes , dieser Rathgeber , Tröster , Lehrer der Unglücklichen und Unwissenden , ein heimatloser Pilger , den ich seit Jahren schützte , ein Deutscher nach allem , was ich von ihm entdecken konnte , so oft ich seine einsame Hütte besuchte und eine Vergangenheit zu ergründen strebte , die er vielleicht notgedrungen verhüllt - schmachtet jetzt in den unterirdischen Kerkern des Kapitels von St.-Ignazio - ist vielleicht schon den Ketzerrichtern , den Dominicanern der Trinitâ zu San-Onofrio übergeben ! ... Und kein Beistand von der Regierung , fuhr sie fort ... Diese Regierung ganz in den Händen der Jesuiten ... Kein Beistand bei den benachbarten Geistlichen ... Nicht bei mir ? ! rief Bonaventura mit mächtig hallender Stimme ... Seine Augen leuchteten ... Er stand aufrecht , erhoben , wie mit einem Blitzstrahl in seinen krampfhaft ausgestreckten Händen ... Die Gräfin betrachtete die seltsame Bewegung , hörte das Wort des Beistands mit Theilnahme - aber , da nächst dem Glauben ihr der Sohn ihr Alles war , so sah sie jetzt nur die wirkliche Bestätigung des Gerüchts über Bonaventura ' s Bischofssitz - in der Nähe der lutherischen Salem-Camphausens - in der Nähe Paula ' s , ihrer - allenfallsigen Schwiegertochter ... Die Entfremdung blieb die alte ... Eine Annäherung an den Grafen war aufs neue gestört ... Eine bloße Formalität , die Bonaventura zur Beruhigung Paula ' s und der Verwandten schnell zu beenden glaubte , wurde immer unmöglicher ... Er rannte dahin - wie von Rossen gezogen ... Er hatte sich noch von der Gräfin und von der alten Italienerin über seinen vermeintlichen Vater erzählen lassen ... Jeder Zug bestätigte seine Ahnung ... Sein Vater lag nicht in dem Schnee der Alpen begraben , nicht in Sanct-Remy - er lebte - war seiner Freiheit beraubt ... Beraubt durch Fefelotti , dem er berechtigt sein konnte , gegenüberzutreten ... Es gab jetzt keine Wahl mehr für ihn ... Er mußte Bischof von Robillante werden ... Paula gegenüber das zu bleiben , was er bisher war , ein Entsagender - diese Kraft für ein ganzes Leben sich zuzutrauen , entmuthigte ihn ja nichts ... Wie aber jetzt die Vereinigung aller Interessen ! ... Er hätte dem Grafen sich so gern ganz vertrauen , ihn in seine Seele blicken lassen mögen ... Die Heirath Paula ' s mußte stattfinden ... Aber auch von seinem Bischofsstabe konnte er nicht lassen ... Sollte er sich dem Chorherrn anvertrauen ? ... Dem Cardinal Ceccone selbst ? Sollte er dem Grafen an die Brust sinken ? Gerade da sich ausweinen ? ... Wäre Benno ' s Vermittelung möglich gewesen ! ... Fast war es ihm ein Trost , den Doppelgänger Lucindens oder sie selbst zu sehen ... Er konnte annehmen , daß sie noch nicht alles , alles kannte , was seine Seele belastete ... Daheim erwartete ihn Leo Zickeles , der älteste der Söhne des großen Handlungshauses , und beklagte aufs bitterste , daß der Gang der Geschäfte mit dem Grafen eine so üble Wendung zu nehmen drohte ... Alle Hoffnungen schienen zerstört , die Aussichten auf die Heirath schienen gescheitert ... Die Gräfin , hörte er , hätte neue Verbindungen mit Geldleuten eingeleitet ... Sogar an Herrn von Pötzl wäre eine Annäherung erfolgt ... Zweideutige Agenten riefe sie in ihr Palais ... Der » ungerechte Mammon « brachte die liebende Mutter um alle Haltung ... Leo Zickeles sah in dem seufzenden Schweigen des jungen vornehmen Geistlichen nur - die Verstocktheit der Kirche gegen eine gemischte Ehe , äußerte sich aber darüber mit der seiner Stellung geziemenden Zurückhaltung ... Am Abend durfte Bonaventura nicht beim Cardinal Ceccone fehlen ... Er ließ sich getrost als » Bischof von Robillante « begrüßen , komme was da wolle - und doch sagte er sich : Treulos handelst du an den Verwandten Paula ' s - an dem Grafen Hugo ! ... Er war mit seinem ganzen Dasein zerfallen ... Den folgenden Morgen hatte er verzweifelnde Briefe an den Onkel , an Benno geschrieben ... Aber er war willens , in die Kirche » Maria Schnee « zu gehen , die alle geistlichen Functionen , Messe , Beichtstuhl , Predigt ihm schon gestattete ... Dann wollte er nach Schloß Salem fahren und den Grafen dort begrüßen - oder nicht eher weichen , bis er ihn gesprochen , ihm - er hoffte es - Vertrauen abgewonnen hätte ... Um halb zehn Uhr erhielt er einen Brief vom Grafen selbst ... Er war datirt aus der Stadt und vom frühesten Morgen ... Man hatte den Brief zurückbehalten , bis Bonaventura sein Zimmer öffnete ... » Hochwürdigster Herr Domkapitular ! « lautete er . » Noch immer ist es mir nicht möglich gewesen , in der Stadt Ihren Besuch zu empfangen und zu erwidern , da ich durch vielfache Geschäfte an meinen Landaufenthalt gebunden bin . Gestern Abend bin ich von Schloß Salem hereingekommen und zwar auf Grund eines Briefes , den ich von Herrn von Terschka aus London erhielt . Er wiederholt die Behauptung , daß die Urkunde , die unsere Linie um Hoffnungen betrog , die Jahrhunderte alt sind , eine gefälschte ist . Er verwies mich ausdrücklich auf eine gewisse Lucinde Schwarz , mit der ich mich über diese Angelegenheit verständigen sollte . Sie wäre , wie er gehört hätte , jetzt in Wien und stünde zum Herrn Oberprocurator Dr. Nück in Beziehungen der größten Intimität . Die Ehre und der Bestand meines Hauses stehen auf dem Spiele . Ich erkundigte mich noch gestern Abend nach dieser Dame und fand sie in der That hier anwesend . Ich sprach sie . Ich will jedes Aufsehen meiden , aber ich muß die Dame durch meine Mittheilungen für sichtlich in Verlegenheit gesetzt erklären . Wenn ich nicht sofort gegen sie einschreite , so ist es , weil mich eine außerordentliche Aehnlichkeit derselben mit einem Wesen rührt , das mir unendlich theuer war . Auf mein wiederholtes Androhen , daß ich nichts unterlassen würde , um eine Frevelthat aufzudecken , an der , wie ich weiß , meine Verwandte unbetheiligt sind , erklärte sie mir , sie würde nur eine Antwort zukommen lassen durch Eure Hochwürden - nach einer in der Beichte genommenen Rücksprache - - Somit ersuche ich Sie in aller Ergebenheit , haben Sie die Güte , von ihr in der Kirche der Italiener , wo Ihnen Kanzel und Beichtstuhl eingeräumt wurden , die Beichte entgegenzunehmen - und zwar heute in der Frühe , zehn Uhr . Ist diese mit Ihnen genommene Rücksprache vorüber , so bitt ' ich mir die Stunde bestimmen zu wollen , wo ich die Ehre haben kann , Ihnen meine Aufwartung zu machen . Um meine gute Mutter nicht aufzuregen , bitt ' ich dringend um die Adresse : Professor Dalschefski , beim St.-Stanislaushause auf der Currentgasse . Mit aller Hochachtung Hugo , Graf von Salem-Camphausen . « ... Bonaventura ' s Athem stockte ... Er sah auf die Uhr ... Es war schon dreiviertel auf zehn ... Nach einigen Minuten Besinnung begab er sich , geführt vom Chorherrn , in die Kirche » Maria zum Schnee « .... Bald standen sie auf einem kleinen Platz , wo ihn der freundliche Führer weiter wies ... Die Sakristei liegt ein wenig abseits von der uralt ehrwürdigen Kirche ... Wie er sich zitternd in geistliche Kleidung warf , starrten ihm durchs Fenster von einem Kreuzgang her alte Grabmäler und Statuen wie der Tod entgegen ... Er betrat das Innere des gothischen , hellen , nur zu sehr modernisirten Gottestempels ... Es war ihm , als träte er ein - in die Welt des Südens ... Doch auch wie ein heißer Sirocco wehte es zugleich ihn an ... An einem der hohen Pfeiler ragte die Kanzel , wo er am nächsten Sonntag predigen sollte ... Er verbeugte sich dem Hochaltar und schritt an dem Standbild Metastasio ' s vorüber - ... Der Meßner führte ihn in einen Beichtstuhl , dicht an einem kleinen Nebenaltar mit brennender Lampe ... Ein Bild des Gekreuzigten , zu dessen Füßen zwei Frauengestalten , alte Holzschnittwerke , beteten , zur Rechten - zur Linken das hohe Eingangsportal ... In dem engen braunen Häuschen sank er zusammen , wie das Vorbild all seines Duldens - als diesem auf seinem Todesgang Simon von Cyrene zu Hülfe kam ... Es schlug zehn Uhr ... Wenig Secunden - und eine Gestalt - in weiblicher Kleidung - kniete neben ihm ... Es war Lucinde . Ende des sechsten Buchs . Achter Band Siebentes Buch 1. Jenseits der Tiber , hoch auf dem Janiculus , liegt in Rom das Kloster San-Pietro in Montorio ... Eine der schönsten Aussichten über die Siebenhügelstadt genießt man dort auf dem Platz vor einer Kirche , deren erste Anlage zu den urältesten gehört . In ihrer spätern Erneuerung verräth sie nicht ganz jenen mehr prächtigen , als schönen Geschmack , in welchem fast alle Kirchen Roms gebaut sind ... Pinien und Cypressen bezeichnen die Stätte , von wo das Auge die im Abendroth verschwimmenden violetten Contouren des Horizonts bis zu den Sabiner- und Albanergebirgen verfolgen kann . In nächster Nähe schwimmt , von Abendnebeln durchzogen , das unermeßliche Häusermeer , durchschnitten von den Krümmungen der Tiber . Zahllose Kirchen ragen auf , zahllose Paläste , das Capitol mit seinen Trümmern aus der eisernen Römerzeit , die Engelsburg mit ihrem sein Schwert senkenden Sanct-Michael auf der Zinne ... Ein Bild , groß und herrlich wie die Vision einer Verheißung ... Der erste Gedanke jedes Pilgers , der in Rom ankommt , ist die welthistorische Macht der christlichen Idee ... Die Schauer der Erinnerung an die blutige Märtyrerzeit begleiten ihn schon vom Fuß der Alpen ... In Rom angekommen , sieht er die Triumphe des Kreuzes ... Kein Tiber , kein Nero , kein Domitian beherrschen mehr das Universum ... Die Vexillen und blutigen Fasces der Imperatoren , unter denen der christliche Bekenner verspottet , gefoltert , den wilden Thieren vorgeworfen wurde , sind zerrissen und zerbrochen ... Der capitolinische Jupiter stürzte selbst vom tarpejischen Felsen ; den Rand seines zurückgebliebenen Sessels ziert das Kreuz ... Das Kreuz triumphirt über Cicero , Cato , August , Seneca ... Es triumphirt ohne Rache ... Sanct-Michael auf der Engelsburg hält sein Schwert nicht drohend empor , sondern senkt es versöhnt zur Erde ... So kann man fühlen , wenn Hunderte von Glocken nach San-Pietro in Montorio hinauf das Angelus tragen ... Der nächste Gruß kommt links aus San-Onofrio , von Tasso ' s Eiche herüber ; zur Rechten von Santa-Cecilia über die botanischen Gärten aus Trastevere ... Hier oben bei den reformirten Franciscanern wird es später Nacht , als im Thal da unten , wo schon Hunderte von Lichtern aufblitzen ... Die Mönche sitzen soeben im Refectorium - essen Polenta - köstlichen jungen Salat aus ihrem eignen Garten ... Salz und Pfeffer , nicht Asche darauf gestreut , wie Petrus von Alcantara , der Stifter dieser - » Reformation « - mit seinem Salat es zu halten pflegte ... Der fromme Pater Vincente , für den Bonaventura jetzt in Robillante Bischof ist , fehlt heute unter den Brüdern der braunen Kutte ... Er liegt in seiner Zelle und erbittet sich von Gott Kraft und Sammlung zu dem harten Weg , für den gerade ihn heute ein Loos getroffen ... Alle Klöster der von Almosen lebenden Orden sind eingeladen , heute in der Nacht auf Villa Rucca zu erscheinen , um dort die Gaben des jungen , heute vermählten fürstlichen Paars , die Abfälle der köstlichen Tafel zu empfangen ... Der alte Fürst Rucca , Generalpächter der Steuern an der Nordküste des Kirchenstaats , will zeigen , daß das Sprüchwort falsch ist : » Unrecht Gut gedeiht nicht ! « - Was kann gedeihlicher sein , als Almosen an Klöster und Bettler ... Guardian und Brüder wußten , daß Pater Vincente einst um einen » Kuß in der Beichte « , den sein Gewissen und seine Phantasie ihm nur vorgespiegelt hatten , hier oben Jahre lang hatte büßen wollen ... Büßen zu dem Stachelgürtel , den Barfüßen und den aus drei Brettern bestehenden Betten , die hier Regel sind , noch hinzu ! ... Ein Trost der Brüder war , daß doch noch nicht ganz gelebt werden mußte , wie der Freund der heiligen Therese , der Beichtvater des Einsiedlers von Sanct-Just ( Karl V. ) , Petrus von Alcantara lebte , in einer Zelle , die kürzer war , als seine Leibeslänge ! Ging man über den Hof hinweg , so fand man von Bramante eine Kapelle just über der Stätte erbaut , wo der Apostel Petrus einst mit dem Kopf nach unten gekreuzigt werden wollte - Sanct-Peter wollte nicht die Ehre haben , zu sterben , wie sein Herr und Meister ... Der Janiculus ist das zweite Golgatha . Was sagten , solchen Leiden gegenüber , drüben die dunklen Zellen mit eisernen Gittern , in deren einer der selige Bartolomäus von Saluzzo zehn Jahre hinbrachte , ein Priester , der die Dreistigkeit hatte , schon dem Rom seiner Zeit , Päpsten und Cardinälen , zu sagen : Nicht einer unter euch ist ein wahrer Priester ! ... Pater Vincente schien kein so wilder Feuerkopf . Ein Schwärmer aus dem Thal von Castellungo , gehörte er ohne Zweifel zu jener dritten Art der Heiligen , den Geschlechtlosen , von denen damals der Onkel Dechant gesprochen ... Im Süden sind vollkommen schöne Jungfrauen nicht so häufig , wie diese rein vegetativen , willenlosen , zuweilen bildschönen Jünglinge ... Ein Mönch lebte gefangen auf San-Pietro in Montorio , der den Pater Vincente nur einmal sah und sich sagte : » Nun begreif ' ich Horaz und Alcibiades , Plato und - Platen - « ... Wer konnte wol hier oben in Rom vom deutschen Dichter Platen sprechen ? - - ... Pater Vincente hatte das Loos gezogen , der Hochzeit seines bösen Beichtkindes beizuwohnen ... Er sollte die Speisen in Empfang nehmen , die man ihm in seinen Quersack schütten würde , den jedoch ein stärkerer Laienbruder tragen sollte ... Dieser Laienbruder war krank ... Das Fieber springt in Rom von einem Berg zum andern ... Im Monat Mai hockt der unheimliche Dämon auf dem Janiculus ... So hatte man beschlossen , einen der beiden deutschen Gefangenen , die hier in Rom auf der Höhe des freien Vogelflugs in strenger Haft saßen , ihm zur Begleitung mitzugeben ... Der eine , den die Mönche » den Todtenkopf « nannten , war so stark , daß er im ersten Anfall seiner Ungeduld die verrosteten Eisenstäbe seines Kerkers verbog und fast zerbrach ... Jetzt war Bruder Hubertus schon lange ruhiger geworden ... Er ließ nach dem letzten Vierteljahr , das er und Pater Sebastus noch für ihre Flucht aus dem Kloster Himmelpfort in Deutschland hier zu büßen hatten , ein nützliches Mitglied der Alcantarinergemeinde erwarten , falls Pater Campistrano , der General der Franciscaner , und der Cardinal-Großpönitentiar ihm und dem nur noch schattenhaft am Leben hängenden Doctor Klingsohr die Bestätigung gaben , daß ihre Absicht , zu den » Reformirten « ihres Ordens überzutreten , auf einem wirklichen Bedürfniß der Seele beruhte ... Als Pater Vincente gehört , er müßte auf das ganz Rom in Bewegung setzende Hochzeitsfest der Gräfin Olympia Maldachini mit dem Sohn des reichsten aller Römer nächst dem Fürsten Torlonia gehen und unter den hundert Bettlern auch für San-Pietro in Montorio seine zarte , weiche , frauenzimmerliche Hand offen halten , die einen Bischofsstab hätte tragen dürfen , wäre er nicht voll Demuth gewesen , war er in seine Zelle gegangen , fastete und betete ... Dem » Bruder Todtenkopf « hatte man den Vorschlag gemacht , den voraussichtlich heute überfüllten Zwerchsack zu tragen ... Bruder Hubertus sang seit einiger Zeit so viel heitere Lieder , daß man den Versuch glaubte wagen zu dürfen , ihn ins Freie zu lassen , hinaus in eine allerdings fieberschwangere Mainacht ... Hubertus hatte erwidert : Wohlan ! Laßt mir aber den Pater Sebastus mit ... Es ist zu grausam , in Rom angekommen zu sein und neun Monate lang nichts davon gesehen zu haben , als eine Zelle von zehn Fuß Länge und zehn Fuß Breite ... Beim Kreuz des heiligen Petrus drüben , laßt ihn ohne Furcht mit mir gehen ! ... Schon deshalb , weil er vielleicht ein Fieber mitbringt und ich dann Gelegenheit habe , euch zu zeigen , wie ich in Java das Fieber curiren lernte ... Der nimmt die Arznei , vor der ihr euch so fürchtet ... Die Mönche lachten über diese Worte aus zwei Ursachen ... Einmal weil sie aus einem Kauderwälsch von allerlei Sprachen bestanden ... Holländisch , Deutsch , etwas Meßlatein und so viel Italienisch , als man auf einer Wanderung durch Italien bis hieher und in dem beschränktesten Verkehr mit der Welt erlernen konnte ... Dann , als man zum Uebersetzen den Pater Sebastus herbeigerufen , lachte man wieder über die Methode des Fiebercurirens , die nach Hubertus hauptsächlich in einer sonst nicht normalen Anwendung von Theer und Kuhmist bestehen sollte ... Die Stimmung wurde dem Mitgehen des Paters Sebastus günstig ... Der Herbeigerufene trat in das Refectorium ein ... Er sah schon aus wie ein echter Nacheiferer des heiligen Petrus von Alcantara ... Hätte ihn sein General gesehen , er würde gesagt haben : Auch du , mein einst so wilder Kriegsmann , wirst mit der Zeit reif , die Wonne der heiligen Therese zu werden ! So mochte einst der edle Ritter Don Quixote de la Mancha ausgesehen haben ! So fleischlos hingen auch die Arme des Don Pedro von Alcantara , so voll Schwielen waren seine Kniee ! So sah er aus , als er in der schauerlichen Einöde zu Estremadura seinen furchtbaren Tractat über den » Seelenfrieden « schrieb ! ... Armes Jammerbild des Wahns ! ... Aber » doch noch ein Glück dabei ! « sagt der gute Bruder Lorenzo in » Romeo und Julia « ... Dinte und Papier hatte man dem Pater Sebastus gelassen . Man hatte ihm Bücher gegeben , um sich in der italienischen Sprache zu vervollkommnen . Man hatte gefunden , daß er besser Latein verstand , als der Pater Guardian , der seit diesem deutschen Pflegbefohlenen seine Sprachschnitzer nicht mehr so oft vom General unten im Kloster Santa-Maria corrigirt bekam ... Der Gefangene tilgte sie zuvor ... Pater Sebastus , fahl und bleich , mit übergebeugter , hohler Brust , hüstelnd , unsichern Ganges , flößte dem Guardian keine Besorgniß mehr ein , daß er entfliehen und sich dem wahrscheinlich doch nur noch kurzen Rest seiner Strafzeit entziehen könnte ... Der Guardian betrachtete seine Collegen , wie der heilige Vater im Consistorium die Cardinäle ... Quid vobis videtur ? Worauf ein einmüthiges Stillschweigen die jahrtausendalte Regel ist ... Zustimmung schien auch hier aus Jedes Auge zu leuchten ... Bei dem » Bruder Todtenkopf « versah man sich ja , daß er keinen Schinken , keinen Büffelkäse als zu viel ablehnen , sondern den Sack so vollstopfen würde wie nur möglich - eben um seine Kraft zu zeigen , über die er etwas ruhmredig und plauderhaft war , der alte Polterer ... Man beschloß , den Pater Sebastus mitgehen zu lassen und unterrichtete nur noch beide , wie sie es anstellen müßten , um von Koch , Kellner , Haushofmeister des Fürsten Rucca mehr , als alle andern Klöster , besonders die nicht blöden Kapuziner von Ara Coeli , zu bekommen ... Das Hauptmittel , begriff schon Hubertus , war auch hier die Faust ... Wenn um Mitternacht die große Tafel , die der alte Fürst Rucca seinem Sohn und der » Nichte « des Cardinals Ceccone ausrichtete , zu Ende war , begann die Austheilung ... Brachen die Mönche um die zehnte Stunde auf , so kamen sie gerade recht ... Wogte es dann schon die ganze Nacht in jenen Straßen , die zur Villa Rucca führten , so ging für sie der Weg durch entlegenere Gegenden , wo sich rascher dahinschreiten ließ ... Die Frate waren , in Hoffnung auf die große Beute , so nachsichtig , daß sie sogar in dem Verlangen des Pater Sebastus nach Siegelwachs heute nichts Sträfliches fanden und ihm die Mittel einer unerlaubten Correspondenz an die Hand gaben ; - es sollte alles , was die beiden deutschen Mönche auf die Post gaben , erst hinunter an den General kommen ... Heute ging in den Würsten , Schinken , Käsen , den feinern Tafelresten , die man erhoffte , ein Brief unbemerkt hin , den Pater Sebastus fast sichtbarlich seinem Leidensgefährten Hubertus zusteckte , daß er ihn vorher läse und mit unterschriebe ... Er wollte noch eine Weile sich ruhen , den Brief dann siegeln , mitnehmen und irgendwie suchen » der Post beizukommen « , - das flüsterte er auf deutsch dem Leidensgefährten ... Klingsohr hatte Rom , sein ewiges , hochheiliges Rom , bisher nur erst aus der Ferne gesehen ... Er kannte nur seit drei Vierteljahren diesen magischen Anblick zuweilen vom Fenster des Refectoriums ... Nun sollte er im Mondschein zum ersten mal den heiligen Boden betreten ... Die Sonne sank in ihrer goldensten Pracht ... Diesen Anblick hatte er zuweilen an Festtagen gehabt , durch die Olivenbäume des sich vom Fenster des Refectoriums abdachenden Bergabhangs hindurch ... Heute verweilte er länger bei ihm ... Sein dumpf gewordener Geist belebte sich ... Aus den matten Augen glitt ein Schimmer der Erwartung ... An den Bischof von Robillante hatte er geschrieben ... Robillante lag ja da , da , wo die Sonne ebenso schön unterging ... Er wußte , Bonaventura von Asselyn war jener Bischof dort geworden , der hier oben Pater Vincente hätte sein können , wenn er gewollt ... Vincente ' s Geschichte war das große Wunder , das man auf San-Pietro jedem erzählte , der etwas länger blieb , als nöthig , um die Bilder Sebastian ' s de Piombo in der Klosterkirche und die alten paolischen Wasserleitungen zu sehen ... Unbeschreiblich ist die Schönheit des letzten Blicks der scheidenden Sonne Italiens , wenn ihre Strahlen sich zuletzt nur noch leise durch