Wohlwollen , als er uns sogleich die Pachtübernahme gestattete , alles Das fesselte dich ... was läßt sich gegen einen magnetischen Einfluß thun , den du selbst auf die Locke , die ich ihm im Scherze raubte , übertrugst ... Hast du ihn nicht selbst verehrt wie keinen andern fremden Menschen der Erde ? sagte Selma . Hätt ' ich Das ? Wer betrachtete die Locke , dies Kleinod , dies Angedenken an den damals so Lieben , so Theuren , so Guten , zärtlicher ? Wir hatten einen Wettkampf unsrer Liebe und du bist ermattet , du bist enttäuscht , du bist hoffnungsloser als ich ... Selma ! Ich rede ernstlich mit dem Kinde der Fremde . Vertheidige ihn nicht gegen mich und nicht gegen dich ! Es ist ein Fürst ! Uns weit , weit entfremdet ! Und willst du das Leben eines frivolen jungen Weltmannes entschuldigen , der mit liebenswürdigen Formen und großen Fähigkeiten des Geistes eine unläugbare Verderbtheit des Herzens verbindet ? Schaudert dich nicht vor den Untiefen der Laster , in die du leider schon hast einblicken dürfen ? Selma wandte sich ab und weinte . Wenn es wahr ist , sagte Ackermann , daß Egon eine einfache Bürgerliche , wie Melanie Schlurck , heirathen könnte , so entstand in dir vielleicht der Gedanke : Er ist nicht stolz , ohne Vorurtheile , er ist edel , er könnte auch dich lieben ! Aber ich beschwöre dich , Kind , gib diese Träumereien auf ! Vertheidige ihn nicht ! Laß ihn hinfahren in seiner regellosen Kometenbahn ! Reine Naturen würden sich nur in seiner Nähe versengen . Und wär ' es ein Engel und die Tugend selbst , Selma , höre ein Wort deines Vaters , ein ernstes , du darfst ihn nicht lieben ! Selma richtete das traurige Auge fragend und erstaunt zum Vater . Ich darf ihn nicht lieben ? Nie ! Nie ! wiederholte dieser . Du darfst ihn nicht lieben ! Und nun genug ! Selma war von Ackermann erzogen , wie man Kinder erziehen soll . Er verlangte Gehorsam . Keine Furcht , aber Gehorsam . Und doch folgte sie nur da , wo sie überzeugt war . Ihr kluges , fragendes Aufblicken bei diesem unbedingten : Nie ! Nie ! des Vaters durfte diesen nicht befremden ; doch wider seine Gewohnheit blieb er ihr die Gründe seines unbedingten Wortes schuldig , wiederholte es noch einmal und warf Selma in einen Zustand der Zerrissenheit , der sie um so unglücklicher machte , als sie sah , daß auch der Vater litt und in jene melancholische Stimmung verfiel , die sie sonst sogleich bemüht war , an ihm zu verscheuchen . Heute zum ersten Male stand ihr kein Scherz zu Gebote . Sie lehnte sich in die Ecke und weinte - der Vater sah auf die durchnäßten , öden , traurigen Felder - der Wagen fuhr so hin - mit diesem Winter starb Selma Alles ; denn warum sollte sie nicht lieben , auch ohne Hoffnung , jemals zu besitzen ? Die Weihnachtszeit kam heran und brachte kleine Weihnachtsfreuden . Ein Tannenbaum flimmerte den Pfar-rerskindern ; aber die Hoffnung , der Vater käme selbst , erfüllte sich nicht . Neujahr brachte wieder Frost . Es war Winter und blieb Winter , auch in den Gemüthern . Ackermann las und schrieb viel . Selma nahm ihren Unterricht fort . Oleander dichtete , duldete , hoffte . Fränzchen erfuhr selten etwas von Louis . Heinrich Sandrart hatte zu Weihnachten nicht kommen können , da der politischen drohenden Stürme wegen keine Beurlaubungen gegeben wurden . Er schrieb öfters an Heunisch , der im Frühjahr sicher die Auflösung der immer kranken Ursula erwartete und von dem weitern Verlauf der sonderbaren Vorfälle , die in seinem Hause stattgefunden hatten , nichts mehr erfuhr . Der junge Zeck quälte sich , das Geschäft seines Vaters fortzuführen . Es gelang ihm nur mit Mühe . In ' s Amthaus , nach dem Ullagrunde und Randhartingen brachte Oleander zuweilen Briefe von Siegbert und Louis mit , Briefe , die immer inhaltreich , immer anregend waren , doch auch viel Trübes und Besorgliches für die allgemeinen Zustände enthielten . Frau von Sänger tröstete sich , daß die » fliegenden Kolonnen « eher nun verstärkt wurden , als aufhören sollten . Graf Bensheim , Herr von Sengebusch erwarteten bevorstehende große Ereignisse . Herr von Zeisel beobachtete im Stillen Ackermann ' s großartige Zurüstungen zum erwachenden Frühjahr . Sie sahen sich selten , da seine Frau ihre Abneigung gegen Menschen , die ihren Einfluß und den Justizrath Schlurck verdrängt hatten , nicht bemeistern konnte . Und in der That lebt man im Winter nirgends abgeschlossener als auf dem Lande . Die Bewohner zweier Dörfer , die sich ganz in der Nähe liegen , berühren sich monatelang nicht . Erst der Frühling führt Alles wieder zusammen und wie nach einer langen Entfernung begrüßen sich dann die naheliegenden Nachbarn und wünschen sich gegenseitig Glück zum überstandenen Winter und freuen sich , einander wieder wohlbehalten und leidlich unverändert anzutreffen . Die öffentlichen Verhältnisse hatten sich bis zum Unglaublichen umgeworfen . Die große Flut einer ziellosen Bewegung , die alle Dämme , alle Ufer gebrochen hatte , war zwar in ihrer verheerenden Wirkung gehemmt , aber nicht zurückgelenkt in ein felsenstarkes Bett oder einen mit Klugheit gebauten Kanal . Diese großen , trübe aufgewühlten Gewässer stauten . Ein kleiner Abzugsweg und aufs Neue mußten sie mit verheerender Gewalt fortstürzen . Fürst Egon von Hohenberg hatte , ein neuer Perseus , die Chimära der Revolution bändigen wollen . Anfangs glaubte er es durch ein vernichtendes Zauberwort zu können , durch eine ideelle Lösung des geheimnißvollen Sphinxräthsels ; allein bald hatte er , wie alle übrigen Gegner der Zeit , zu Feuer und Schwert greifen müssen . Aus der Doktrin , die seine Unternehmungen anfangs höchst ehrenwerth erscheinen ließ , mußte er bald hinausrücken auf das Feld der gewöhnlichen Praxis ; denn nur die Ideen , die eine Zeit lang im Volke schon herrschten , können sich unangegriffen auch von obenher behaupten . Egon brachte etwas Neues und wurde sogleich misverstanden . Die Handlanger , die ihn unterstützten , wurden für den Meister verantwortlich . Ihnen zu Liebe , um nicht isolirt zu stehen , mußte Egon den Riß seines Gebäudes ändern , nachgiebig sich zeigen nach allen Richtungen hin , in der üblichen , überlieferten Sprache reden und , von den gemeinsamen Gegnern gezwungen , Strebungen zu befreundeten machen , die ihm sonst nicht wären genehm gewesen . Die Erschöpfung der öffentlichen Meinung , die allgemeine Sehnsucht nach Ruhe und Verständigung kam seiner Stellung zu Hülfe . Leider war er verblendet genug , den ausbleibenden Widerstand für einen Sieg zu halten . Er entließ auch diese vor Weihnachten gewählte neue Kammer und gab aus der königlichen Machtvollkommenheit im Februar ein neues Wahlgesetz . Im Allgemeinen lagen diesem seine Ideen von der Anerkennung der positiven Interessen zum Grunde . Im Besondern aber hatte die Gewöhnung der Macht , die Bundesgenossenschaft mit dem Royalismus , dem Adel , der Bureaukratie ihn gezwungen , eine Menge anderweitiger Modalitäten in seine Wahlberechtigungen aufzunehmen . Hätte er die Gewalt nicht schon lieb gewonnen , er hätte vor dieser , unter der Hand ihm eskamotirten Veränderung seiner liebsten Vorsätze erschrecken und diese Region fliehen müssen , wo man mit dem Scheine des Herrschens der größte Sklave ist . Allein , es ging ihm wie Allen auf einem solchen oder ähnlichen Platze . Er nahm allmälig den Glauben an , daß er unentbehrlich , nie zu ersetzen wäre . Er fragte oft : Wer nach ihm kommen könnte ? Er glaubte dem Staate eine Verlegenheit zu ersparen , indem er an einer Stelle blieb , deren Rücksichten ihn selbst gänzlich ummodelten . Erfüllte ihn zuweilen der Unmuth über das Mislingende auch zu bitter , so durft ' er dem Gedanken an ein Zurückziehen schon um Derentwillen nicht nachgeben , die sich darin gefielen , mit ihm die Macht zu theilen , ihm schmeichelten und sich dafür wieder von den Andern schmeicheln ließen . Denn kleine Erhöhungen werden meist immer durch tiefe Erniedrigungen erkauft . Fürst Egon war wie alle Staatsmänner von einer mit der Zeit immer mehr sich einwurzelnden überreizten Empfindlichkeit . Er sah viel altes Schlimmes , von dem er mit reinstem Bewußtsein sagen konnte : Du hast ihm jetzt abgeholfen ! Die Erfolge , die er täglich im Kleinen erlebte , übertrug er auf das Ganze und Große und war ein Fanatiker in dem Glauben an seine Unfehlbarkeit . Die neuen Kammern waren , gegen seine ursprüngliche Absicht , nichts als Vertreter der Geld- und Vermögensinteressen geworden . Sie gehorchten ihm in allen Hauptfragen , während ihr Widerspruch in kleinen ihnen nur den Schein gab , als besäßen sie das freieste Urtheil auch für die großen und als wäre ihr Gehorsam Überzeugung . Schon redete Egon nicht mehr in seiner alten Sprache . Schon hatte er den gewöhnlichen Styl des von ihm vertretenen Staates angenommen und setzte als das erste Anfangsgesetz desselben : Es muß Alles geschehen um der Monarchie als solcher Willen ! Das Volksinteresse war ein Annex des fürstlichen . Was in diese Anschauung nicht paßte , wurde entfernt , unterdrückt , verfolgt , bestraft . Selbst diejenigen gemäßigten Liberalen , die der Monarchie die aufrichtigste Nothwendigkeit einräumten , aber ihr nicht mehr überlassen wollten , als zur Stärkung eines Begriffes nothwendig war , selbst diese wurden von ihm als » Doktrinäre « abgelehnt , von jenem Tiersparti zu geschweigen , dem bürgerlich-materiellen , an dessen Spitze Justus stand . Diesem gab er die ganze Schärfe seiner Satyre zu fühlen und nannte sein innerstes Princip die Eitelkeit . » Geht in Eure Comtoirstuben und rechnet , sagte er einst in einem Artikel des » Jahrhunderts « , der von ihm inspirirt sein sollte , geht an Euren Pflug und ackert , nehmt die Elle in die Hand und messet Leinwand , was drängt Ihr Euch in die Hallen der Rathhäuser und an die Stufen des Capitols ? Wahrlich , Ihr müßt den Staatszweck platt treten bis zum Gemeinen , nur damit Ihr auf ihm lustwandeln , gerade Ihr in ihm behaglich wohnen könnt ! « Am entschiedensten aber trat Fürst Egon der Demokratie , den republikanischen und sozialen » Irrlehren « entgegen . Er hatte sie an der Quelle kennen gelernt und besaß nun die vollkommenste Fertigkeit , sie auf ihre oft komischen Ursprünge zurück zu verfolgen . Er erklärte sie für die Folge zweier Veranlassungen , einmal der Trägheit und sodann des überwuchernden merkantilen Princips . Ackermann las einst mit großem , wenn auch getheiltem Interesse die Worte , die er in der Kammer sprach : » Ein Fluch der modernen Gesellschaft ist die gewaltige Verehrung , die der Gott Merkur gefunden hat . Merkur beschützt die Handelnden und die Diebe . Ich habe alle Ehrfurcht vor der großen und respektablen Zunft der Kaufleute , ich finde aber , daß sie viel zu tolerant ist und viel zu viel Gaunerei neben sich duldet . Die Krämerei ist eine Gaunerei . Meine Herren , ich fordre Sie auf , mit mir durch die Straßen der Städte zu gehen . Sehen Sie , Haus für Haus ein Laden ! Laden für Laden , träge , auf Kundschaft wartende Verkäufer , die die Sonne angaffen und träumen ! Meine Herren , der kleine Zwischenhandel steht zur Consumtion in keinem Verhältnisse . Wo Alles handeln will , wird Niemand mehr arbeiten wollen , und ich fordre Sie auf , geben Sie Gesetze gegen den Kleinhandel ! Er vertheuert die Lebensmittel , die der Arbeiter braucht , er schlägt das Procent der Trägheit auf das kleine Kapital der Arbeit , dem es entzogen wird ; er erschafft die Phantasieen des Kommunismus , der aus Zorn über den Kleinhandel von einem Großhandel träumt , den die Gesellschaft , der Staat selbst übernehmen müsse ; er erzeugt endlich eine Menge lungernder , träger Schwätzer , die man die Lazzaronis der Boutiken nennen muß « . Solche scharfe Lichter , die Egon aus seiner Kenntniß des Volkslebens auf die Debatte fallen lassen konnte , hoben oft wochenlang seine Erscheinung auch in den Augen Derer , die sich nicht verschweigen konnten , daß Egon vom Hofe verzogen wurde und wol längst ein Ultra-Aristokrat war . Egon bestritt , daß wir im Zeitalter der nothwendigen Revolution leben und nach einer unbekannten , neuen , Alle beglückenden Weltidee steuern müßten . Er bestritt die politischen Märtyrerschaften . Er nannte sie Plagiate , unerlaubten Nachdruck der großen ruhmvollen Zeitalter . Er sagte : » Die Märtyrer in vergangenen Jahrhunderten waren bewunderungswürdig , weil sie die vergangne Geschichte nicht kannten und nur für ihre eigne Rechnung , ihre eigne Erleuchtung starben . Die neuen Märtyrer aber haben alle vom Glanz der alten gehört und bilden sich ein , eine Zeit würde kommen , die auch ihnen Anerkennung brächte . Sie ahmen die Huß und Galiläi nach , ohne mit ihnen irgend etwas gemein zu haben als die Leiden , die Jene fanden und die Diese nur tollkühn und eitel suchen « . Unter solchen Umständen konnte es nicht befremden , daß man von Verschwörungen und neuen drohenden Unruhen sprach . Egon erfreute sich einer guten Polizei und fügsamer Richter . Er verfolgte , kerkerte ein , verbannte , ganz wie jeder andre Politiker auch , der den Widerspruch unbequem findet und für jede Eingebung seines unduldsamen Zornes sogleich das Motiv des gefährdeten Gemeinwohls zur Hand hat . Ackermann nahm , trotzdem , daß er Selma ' s wegen nicht mehr laut über Egon sprach , doch im Stillen an allen diesen Verwickelungen großen Antheil und verrieth selbst in der tiefen Abneigung , die er gegen Egon zu fassen schien , das fast persönliche Interesse , das er für ihn hegte . Mit dem beginnenden Frühjahr setzte er nun vollends alle inzwischen gesammelten Kräfte für Egon ' s äußere Wohlfahrt in Thätigkeit . Seine Pflug-und Säemaschinen erregten den Neid und das Staunen der Umgebung . Er hatte trotz der Maschinen eine große Anzahl auch von Feldarbeitern gedungen und sein Pachthof war so lebendig geworden , daß er schon wie eine kleine Kolonie auszusehen anfing . Der Winter war streng gewesen und die Wonne des Frühlings von den Menschen endlich wohlverdient . Er kam mit dem März auf den feuchten Schwingen milder Südwestwinde . Der Schnee schmolz , die Ränder der kleinen Bäche verloren die Spuren des Eises , das sie noch vor Kurzem ganz gefesselt hielt . Die kaltdurchnäßte Erde erwärmte die Sonne und die gewaltigen Furchen , die der Pflug schnitt , öffneten die Poren der Eisrinde , daß es war , als wenn das Centralfeuer von unten herauf nachhalf und den Sonnenstrahlen die unterirdische Flammenhand bot . Dieser frische Frühlingserdgeruch ! Diese Kraft des Bodens , die den Menschen selber stärkt und die Fabel vom Antäus verstehen lehrt ! Im Walde brach das Eis der kleinen Seen , in deren Röhricht bald die Störche nach dem zum Leben erwachenden kleinen Gethier suchen sollten . Das ganz braun und schwarz gewordene Laub vom vorigen Herbst vermengte sich schon mit der Erde und düngte zu neuem kräftigeren Wuchse . Das Gras wucherte , Schlüsselblumen , Schaafgarbe , Distelkraut erfreuten das Auge des nach jedem Fortschritt der Vegetation sehnsüchtig lugenden Wanderers . Von Tag zu Tag nahm ein gewisses Lüstre der Buchen- und Eichenwaldung zu und wurde grüner und immer grüner . Die Weiden , die längs der Ulla standen , schlugen mit jugendlicher Triebkraft aus . Zwar köpfte man sie , der frischen Gerten wegen , die man gewinnen wollte , aber auch von diesen kam eine dankenswerthe Belebung in den erwachten Frühling . Die Bauernknaben schnitten aus der Schaale der jungen Weidenruthen Pfeifen und ein Ton weckte mehrere , die Pfeife die Stimme und die Menschenstimme die Stimmen des Feldes und Waldes . Schon jodelte ein ungeduldiger Hirtenknabe um die Wette mit der Lerche , die aus ihrem räthselhaften Winterverstecke plötzlich wie ein Wunder da war und sich mit ihrem Gesang in die reine Bläue des Himmels so stolz und froh emporwirbelte . Lange Züge von Kranichen und Schneegänsen flogen vom Süden weiter hinauf nach Norden . Glückliche Reise , ihr flüchtigen Gäste ! Grüßet das Meer , grüßet die Klippen Islands , wenn ihr sie erreicht und die dänischen Jäger auf den Inseln jenseits der Eider euch passiren lassen ! Zieht ihr denn Alle vorüber ? Nein , die Störche bleiben bei uns und suchen sich die alten Giebel , suchen sich die alten Nester auf und klappern den Kindern von neuen Brüderchen und Schwesterchen die heimlichen Märchen zu . Selma hatte einen gedrückten , ernsten Winter durchlebt und nur in Fränzchen ' s heitrer Laune einen Trost gefunden . Dies junge Kind widmete sich ihr mit zärtlichster Verehrung und fühlte sich durch den veredelnden Umgang selbst so gehoben , daß sie sich von keiner Entbehrung beengt , durch keinen langen einsamen Winterabend in ihrem Lebensgenuß verkürzt fühlte . Wie theilte sie aber auch Selma ' s Freude , als der Frühling kam ! Selma hatte nur die Erinnerungen , wie das Alles wird und wächst in dem fernen Welttheile . Sie erstaunte nun , Alles hier so wiederzufinden , wie es auch dort ist und dennoch schien Alles anders , eigenthümlicher und ihr , wie sie sich im Stillen gestand , werthvoller . Fränzchen erklärte ihr , was sie , die Städterin , die arme Stubensitzerin , nur irgend von der Natur wußte . Selma fand aber bald , daß sie keiner Führerin durch den deutschen Frühling bedurfte . Sie verstand ihn wie einen alten Bekannten und was sie nicht benennen konnte , dafür gab die Worte der Vater , der mit dem Erwachen der Natur selbst wie neubelebt erschien und sich in seiner großartigen Ökonomie still und ruhig wie ein Gärtner bewegte . Selma sah das Entstehen einer großen Gemüse- und Blumenanlage hinter dem Wohnhause . Da sproßten Veilchen , Krokus , Schneeglöckchen . Da wuchs Schnittlauch , Kerbel , Salat . Da gackerten die Hühner , denen recht der Kamm gewachsen war und legten Eier hier und dorthin . Es war eine lustige Jagd für Selma und Franziska , immer zu suchen , wo die Hennen ein stilles Plätzchen gefunden hatten . Und dabei schmückte sich der Fliederbaum um das Wohnhaus , die Laube bezog sich mit grünen Knospenaugen , die Sträucher im Garten schienen hörbar zu wachsen ... der Ullagrund so lauschig abwärts geneigt , die Ulla so munter und geschwätzig , der Wald , die Höhe , der Blick nach Plessen , das Schloß von Hohenberg , Alles so verzaubert , so belebt , so neu , - wo war der Winter geblieben ? War Das nicht Alles fast wieder so , wie Selma und der Vater es im Sommer fanden und er ihr gesagt hatte , als sie am Kirchhofe die Inschrift auf dem Grabe der Fürstin Amanda gelesen hatten : Kind , wir wollen hier bleiben , wollen hier unsre Hütten bauen ! Auch der April mit seinen kleinen Launen und winterlichen Rückfällen war fast vorüber , als Ackermann eines Tages durch den Justizdirektor von Zeisel mit der Nachricht überrascht wurde , Fürst Egon wollte , um sich von den Anstrengungen des Winters zu erholen , einige Tage auf seinem väterlichen Schlosse zubringen . Mit dieser Mittheilung gerieth der sonst so ruhige , sich selbst beherrschende Mann in namenlose Aufregung . Sie wuchs , als er sah , wie die Nachricht auf Selma wirkte . Ohne auf das Thema , das im December bei der Heimkehr von Plessen zum ersten und letzten Male berührt worden war , zurückzukommen , konnte er doch nicht umhin , bei Tisch darüber zu sagen : Ich habe die Ahnung , daß diese Begegnung mit dem Fürsten keine gute Wendung nimmt . Das freundliche Bild des Mannes , der einst mit uns nach dem Forsthause wanderte , ist verwischt . Welche Entwickelung einer gewaltsamen , eingebildeten Natur ! Diese Verfolgungen , von denen die Zeitungen das Unglaublichste melden ! Dieser Terrorismus ! Ich kann Adlige gelten lassen , die innerhalb ihrer Vorurtheile willkürlich und anmaßend regieren , Beamte , Militairs , Hofmänner sind mir erklärlich ; aber mit Geist , mit Bewußtsein , mit Theorie so die gewonnenen Resultate der Zeit mit Füßen treten und den alten feudalen Staat wieder anzubahnen - doch Ihr versteht das nicht , Kinder ! Deutlicher wird es Euch sein , wenn ich Euch sage : Alle Vereine hat der Fürst aufgehoben , alle geschlossenen Gesellschaften hat er aufgelöst , die beiden braven Arbeiter , die die Maschinen hierher begleiteten , ich las es eben in der Zeitung , sind festgesetzt , Leidenfrost ist in eine Untersuchung verwickelt und neue Verhaftungen , neue Ausweisungen stehen bevor ... Franziska erschrak , da sie sich der Sphäre , in der diese Verfolgungen stattfanden , näher fühlte als Selma , die für Leidenfrost wenig Theimahme empfinden konnte und nur die beiden guten , bescheidenen Arbeiter bedauerte . Gläubigen weiblichen Naturen sind satyrische Erscheinungen wie Leidenfrost antipathisch . Alle beklagen die beiden jungen Arbeiter ... Ich finde , fuhr Ackermann fort , daß viel von fremden Agenten gesprochen wird . Wenn wir erlebten , daß selbst Louis Armand ... Selma winkte dem Vater . Sie wußte , daß Fränzchen den freundlichen und gefälligen Freund trotz seiner spärlichen Briefe liebte . Ackermann ahnte es und schwieg nun lieber . Zwei Tage darauf aber fand er Fränzchen weinend . Als er sie um die Ursache ihrer Thränen fragte , suchte sie auszuweichen und überließ Selma die Antwort . Louis Armand hatte , durch Einschluß an Oleander , an Franziska deutsch geschrieben oder so schreiben lassen : » Liebe Freundin ! Ein düstres Ungewitter zieht über mich und meine Freunde zusammen . Was vorauszusehen war , Trennung unsrer Wege von denen des Fürsten , traf schon gleich nach meiner Rückkehr von Hohenberg ein . Wir sahen uns selten , zuletzt vermieden wir uns . Was aber nicht vorauszusehen war , ein offener Bruch , offene Feindschaft zwischen Menschen , die sich liebten , zu lieben vorgaben , auch Das ist eingetroffen und irgend ein gewaltsamer Zusammenstoß scheint so unvermeidlich , daß ich Ihnen schreibe und Sie bitte : Liebe Franziska , Sie kennen die innige herzliche Verehrung , die ich für Sie hege und die nur mit meinem Leben erlöschen wird . Was mir auch geschehen möge , was Sie auch von mir hören dürften , rechnen Sie auf meine treue Anhänglichkeit ! Ach , ich fühle nun wohl , was mich gehindert hat , Ihnen Alles zu sagen , was in meinem Herzen für Sie schlummerte und was erst jetzt , wo ich so großen Gefahren ausgesetzt bin , ganz erwacht ist ! Jetzt , an der Grenze meiner Freiheit , sag ' ich Ihnen , geliebte Franziska , daß ich in Ihnen so viel Güte und Reinheit der Seele gefunden habe , wie nur in meiner vergessenen , von Egon gemordeten Schwester . Ist Das nicht grausam , jetzt so zu sprechen ! Jetzt , geliebte Franziska , wo ich Denen , die mich lieben , nur Kummer bereiten kann ? Vergeben Sie mir ! Werden Sie wirklich die Gattin des guten , Ihrer Liebe würdigen , reichen Heinrich Sandrart , dann vergessen Sie meiner . Ich gedenke Ihrer ewig und werde nie zürnen , wenn Ihr Herz seinen höhern Pflichten folgt . Ich schreibe das Alles aus meiner innersten Seele , die Feder führt Siegbert Wildungen , der Treueste , der mich nicht verlassen hat , wie Egon . Egon handelt entsetzlich an uns . Er behauptet , der Freundschaft genügt zu haben . Er behauptet , daß er in Warnungen sich erschöpft hätte . Egon droht uns ! Egon droht seinen Freunden ! Der Fürst ist Fürst und ich bin ein Bettler . Aber ich glaube jetzt Rechte gefunden zu haben auf den deutschen Boden . Ich fühle die Verwandtschaft mit Oleander , ja sogar mit einer Heldenseele , Jagellona von Werdeck , ich bin kein Fremdling mehr in diesen Landen . Doch , was unterhalt ' ich , quäl ' ich Sie mit Dingen , theure Franziska , die diesen Winter mich außer Athem und Besinnung brachten ! Ich kann nur einen kurzen Gruß - vielleicht einen ewigen Abschied - senden . Die Zeit , die Stimmung , die Ruhe fehlen , um meiner minder gewandten Feder Raum zu lassen , in meiner unsichern Muttersprache dasselbe zu sagen . Die deutsche Sprache ist jetzt fast meine Muttersprache . Vergessen Sie mich , wenn es sein muß ! In großer Bedrängniß Ihr Louis Armand « . Ackermann sah mit tiefstem Antheil Franziska ' s Verzweiflung . Was ist ihm geschehen ? Was kann ihm drohen ? rief sie . Selma , die selbst weinte , suchte zu trösten . Aber Heunisch , der Jäger , der eben dazu kam , störte allen Trost . Er rief Franziska bei Seite und sagte : Ursula Marzahn stirbt diese Nacht . Sie geht hin ... aber hab ' ich mich vor ihr im Leben nicht gefürchtet , im Tod ist sie mir wie ein Gespenst . Sie sagt Dinge am letzten Sonntag als die Glocken läuteten ... Franziska , habe deinen alten Onkel lieb ! Komm ' mit auf drei Tage , bis sie zur Ruhe ist ! Ackermann bedauerte das bevorstehende Leid , mußte aber gestehen , daß der Onkel etwas Billiges verlangte . Er redete Franziska zu , zu gehen . Heunisch nahm sie sogleich und führte sie , indem er ein Bündelchen trug und ihre Thränen für Antheil an seinem Verluste hielt , jenen Fußpfad an der Sägemühle und dem schwarzen Kreuz vorüber , von dem er sagte : Seit die Ursula fast wie vernünftig gesprochen , fürcht ' ich mich vor dem Kreuz da ! Selma mußte wenig Stunden nach Franziska ' s Entfernung sagen : Es ist gut , daß sie einige Tage entfernt ist ! Sie zeigte dem Vater das neueste Zeitungsblatt ... Es enthielt die Nachricht , daß ein Apostel der kommunistischen Irrlehren , der diesen Winter über , aller Warnungen ungeachtet , besonders im Kreise der Willing ' schen Maschinenarbeiter für seine staatsgefährlichen Theorieen gewirkt hätte , ein Franzose , Namens Louis Armand , vermittelst Zwangspaß aus den diesseitigen Staaten entfernt worden wäre . O bitt ' re Welt ! rief Ackermann . O gold ' ne Jugend , an die sich der Rost des Lebens setzt ! Traum des Glückes , warum löst dich der Tod nicht ab , warum das Erwachen zu dem jammervollen Geständnisse : Wir Alle sind Menschen ! Und dann erläuterte er Selma den Begriff eines Zwangspasses . Entfernt ? sagte er . Louis Armand ! Der Freund Egon ' s ! Verbunden mit ihm durch einen Grabeshügel ! Trennt so die Welt ? Wirft sie immer wieder die Hölle zwischen die Seelen ? Ist Wahrheit des Geistes da , wo Lüge der Herzen ? Armer , kindlicher Fremdling ! Wie ehrtest du dein Volk durch ihm sonst fremde Bescheidenheit , Treue und deinen sittlichen Werth ! Selma ! Erkennst du jetzt , warum ich die Natur so liebe und in ihrem Leben mich ausruhe von meinem Leben ? Selma aber sah , hörte nicht . Ihr Auge stierte auf eine andre Stelle derselben Zeitung . Vater , lies ! rief sie mit fieberhafter Erregung ... Ackermann nahm und las das Blatt . Die Stelle lautete : » Bekanntmachung . Der wegen politischer Umtriebe verfolgte Referendar Dankmar Wildungen hat sich der ihm bevorstehenden Untersuchung durch die Flucht entzogen . Alle Sicherheitsbehörden des In- und Auslandes werden aufgefordert , zu seiner Verhaftnahme behülflich zu sein . Es folgt das Signalement . « Es ist Siegbert ' s Bruder ! sagte Ackermann . Die guten Geister sind von Egon gewichen . Ackermann verfiel in tiefste Traurigkeit . Er schien unfähig , heute noch in seinem sonst so freudig ergriffenen Berufe zu wirken . Selma ehrte seinen Schmerz . Siegbert ' s Gestalt trat ihr durch den ihr unbekannten , wenig besprochenen Bruder verklärter entgegen . Oleander , der zum Unterrichte kam , war selbst so erschüttert , daß er sich nicht sammeln konnte . Er ging bewegt und ließ die vor Kummer Schweigenden ohne Abschied zurück . Er hätte so gern dem reinsten Genusse des Frühlings gelebt ! Liebe und Freundschaft waren seine ewigen Sterne und nun schienen sie düster umschleiert . So traurig hatten ihm die Lerchen nie gesungen . Der Abend kommt . Die große rothe Feuerglut des Himmels erlischt . Dunkelblaue Wolken ziehen nächtlich herauf . Der Tag so linde . Am Abend weht ein kühlerer Lufthauch . Die Arbeiter feiern , ziehen heim , hier und dorthin , auf Dörfer , Gehöfte . Im Hofe wird ' s still . Nur fern beim alten Sandrart hört man noch ein Rollen von Tausenden von Erdäpfeln , die man aus den Wintergruben ausgräbt und aufschüttet . Man hat sich verspätet , man schüttet sie auf Breter , die sie abschüssig in den Bauernhof rollen lassen , noch spät Abends . Es wird ganz dunkel . Auch diese Arbeit ist gethan . Alles nun still . Ackermann ruht auf dem Sopha . Selma spricht zuweilen ein Wort der Theilnahme für Franziska , die bei einer Sterbenden , die sie nicht liebte , im Hause wachen müsse . Eine Uhr pickt . Alles leise , Alles still und traurig ... Da bellt ein Hund lauter als sonst , bald bellen noch mehr ; zuletzt alle . Es wird lebendig draußen ... Wer kommt noch so spät ? Herr Ackermann zu Hause ? sagte eine Stimme draußen . Als die Magd antwortet , heißt es : Braucht man auf dem Hofe hier nicht noch Arbeiter ? Ich höre , man hat viel Arbeiter gesucht . Braucht Herr Ackermann noch ein paar gesunde Hände ? Welche Stimme ! rief Selma ...