rückgängig zu machen , als durch neue Taufe ... Dein Vater , das Aufsehen einer solchen Handlung fürchtend , längst schon - ihrer Ehescheidungsverweigerung wegen - zerfallen mit der Kirche , behielt diese Urkunde , zerstörte sie jedoch nicht , sondern legte sie für künftige Enthüllungen zurück , band sie ohne Zweifel dem alten Mevissen auf die Seele ... Dieser nahm sie mit in sein Grab , wo sie lange Zeit unzerstört bleiben konnte , bis sie gefunden werden sollte , dann vielleicht - wenn es Frâ Federigo , vielleicht einst am Tag der Versammlung unter den Eichen von Castellungo , begehrte ... Picard fand dies Papier im Sarge und gab es Lucinden zur Uebergabe an mich ... Lucinde las es ... Sie , sie , die die ganze folgenschwere Wucht unserer Lehre von der Intention bei priesterlichen Handlungen kennt , die Lehre von der wirklichen Absicht , auch den äußern Ritus so zu meinen , wie man ihn vollzieht , sie , die schon höhnisch sagen konnte , Ulrich von Hülleshoven und Monika , die gleichfalls in jener Zeit von Leo Perl getraut worden , könnten in Rom bei der Behörde der Gnadenertheilung , der Sacra Dataria , ihre Ehe getrennt erhalten - Sie weiß es , daß du nach unsrer Lehre der von Rom ganz in die Priestermacht gegebenen Seele ein Ungetaufter bist , ein Nichttheilnehmer , noch weniger ein Förderer am Gottesreich ... Sie konnte dir drohen , daß alle deine Handlungen als Priester zurückgehen müßten , wenn sie , sie es wollte - Denn nach Roms Gesetzen bist du , ob auch getauft , ein Heide - ! ... Die Hände schlug Bonaventura vor die Augen ... Zwei Convertiten , Leo Perl und Lucinde , hielten das katholische Christentum an seinen Consequenzen fest ... Was Jedem Thorheit erschienen wäre , für die Welt , in der Bonaventura eingesponnen lebte , lag hier ein unermeßliches Aergerniß vor ... Er besann sich und that , als wollte er nur einen plötzlichen Anfall von Unwohlsein verbergen ... Es wird vorübergehen ! sprach er und hielt die Jüdin zurück , die , thatunkräftig wie sie war , zwar nach Wasser sich umblickte , nicht aber darnach gehen konnte ... Obgleich Glas und Flasche hinter eben demselben Epheu standen , den damals Lucinde zerpflückt hatte ... Das sah er , die Jüdin besaß nicht Lucindens ganzes Vertrauen ... Ihre Flucht vor Nück , ihre Liebe hatte sie ihm gestanden ... Die Jüdin hatte es vielleicht aus eignem Antrieb übernommen , den tugendstolzen Priester in seiner Abweisung menschlicher Schwäche wankend zu machen ... Das aber sah er : Sie wußte nichts vom Inhalt der Leo Perl ' schen Schrift , nichts von der Bedeutung der Intention in der katholischen Kirche ... Sagte sich Leo Perl bei der Taufe Bonaventura ' s : Ich habe nicht die Absicht , daß das , was ich eben thue , das ist , was die Kirche damit will ! so war und blieb Bonaventura - ein Heide ... Der Gefolterte , dem das Schicksal alle Prüfungen der Seele verhängt zu haben schien , hatte vom Stuhl , von dem er sich erhob , mühsam das Kanapee erreicht ... Da sank die lange schlanke Gestalt allmählich und langsam nieder ... Das blasse Haupt aufstützend rang er nach Fassung ... Seine Gedanken rollten ihm um wie die wirbelnden Kreise des Philosophen von Eschede ... Sie traten ihm wie ein buntes Flimmern vor die Augen ... Er wußte keine Vorstellung mehr festzuhalten ... Vorwürfe , Anklagen , mit denen sich das bedrängte menschliche Herz in solchen Lagen zu helfen pflegt , kamen ihm nicht natürlich und freiwillig ... Nur ein Chaos der schmerzlichsten Vorstellungen über die Thatsache und ihre Folgen war es ... Es rief ihm alles : Also auch das ist möglich ! Möglich unter Menschen , die sich auf diese Art glauben unter die Herrschaft des Geistes gestellt zu haben ! ... Das geschieht dir , dir mit deinem redlichen Willen , der dir befiehlt , nicht zu murren gegen dein halb schon bereutes Priesterjoch ! ... Das geschieht dir in dem Augenblick , wo du dein größtes Opfer bringen wolltest , dein eigenes Grab zu graben , das Grab deiner Liebe ! ... Nun noch dies ! Noch dies ! ... Und Lucinde die Zauberin dieses Spukes , der dich ein Leben lang wie Hexengruß im falben Mondlicht äffen wird ! ... Sollst du deine Würde niederlegen ? ... Sollst du dem Generalvicar dich anvertrauen und bekennen : Du bist kein Christ ? ! ... Sollen alle deine kirchlichen Handlungen , die deine ungetaufte Hand verrichtete , erst nachträglich von einem Spruch Roms die Kraft des Sakramentes erhalten ! ... Nein ! Nein ! Nein ! Ich trotze dem Geschick und lüge ! Ich muß , ich muß lügen ! ... Die Jüdin sah diese Seelenkämpfe , zitterte , fragte , bat und - hoffte ... Sie konnte seinem Gedankengang über den Inhalt des von Lucinden gefundenen Briefes nicht folgen ... Sie würde selbst aus dem Judenthum heraus , aus der Religion des Gesetzes , kaum begriffen haben , wie ein Gemüth , lebte es auch noch so sehr im steten Gewissenszwang , so doch über Sonnenstrahlen fallen , so über Spinnenfäden straucheln konnte ... Sie würde mit Christus gesagt haben : Ihr verschluckt Kameele und seigt Mücken ! ... » Das Christenthum ist die größte Schmeichelei an uns Juden « - und Bonaventura stand wie ein Verbrecher ... Dämonische Stimmen raunten ihm zu : Offenbare dich doch Lucinden ! Was trennst du diesen Schatten deines Daseins von dir selbst ? Lucindens Liebe , Verschwiegenheit , Frevelmuth ? ... Mit ihr vereint ist ja alles still - Mit ihr vereint erstirbt ja der Hohn , der um dich her aus tausend Larven rufen wird : Auch du wandelst den Weg der Lüge ! ... Schieben Sie Ihre Reise einen halben Tag auf ! sagte Veilchen ... Hören Sie die Beichte des armen Mädchens ... Sie will nichts , als Ihnen ein Bild ihres gegenwärtigen Innern geben , vieler Geheimnisse , die sie drücken , auch der Ursachen , warum sie so plötzlich das Haus des Oberprocurators verlassen hat ... Ich versichere Sie , es muß eine große Begebenheit gewesen sein , die sie zu mir getrieben - Zu mir , in die dunkle schmutzige Rumpelgasse , zu meinem unausstehlichen Nathan , den ich nun schon dreißig Jahre nehmen muß , wie er ist ... Ich möchte schwören , daß in Holland , wo sie den ganzen Tag putzen und scheuern , keine Stube so sauber und rein ist , wie meine Schlafstube im dritten Stock unseres Hauses , das wir glücklicherweise allein bewohnen , und doch thut mir das stolze Kind leid - im reinsten Glase Wasser sieht sie Judenthum ... Aber sie hat keinen Ort gewußt , wo sie sich verbergen sollte ... Ich dürfte nicht an Ihrer Stelle sein , Herr Priester ... Schon aus Neugier , was sie von der Marcebillenstraße verjagt hat ... Acht Tage ist sie bei mir ... Der Nathan sieht die Polizei jede Stunde kommen ... Ich hab ' ihm versprochen , die Strafe aus meiner Gage zu zahlen - 30 Thaler jährlich , Herr von Asselyn ! Ich bin der wohlfeilste Buchhalter an der deutschen Börse ... So hockt sie verzweifelnd auf meinem Kanapee , schreibt Briefe , zerreißt sie , hat nichts bei sich , als ein Bündel , mit dem sie aus dem Nück ' schen Hause entflohen ist ... Hat der Mann Ihre Ehre verletzt ? rief ich sie an ... Sie antwortete mir darauf nichts , sah aber aus , als käme sie vom Richtplatz und erst seit drei Tagen hör ' ich sie weinen - weinen wie im Brustkrampf ! ... Sie sagt : Mein Unglück ist , ich falle über mich selbst ! Ich bin nur für die Schlechten da ! Ich habe etwas in meiner Art , das selbst die , die mich lieben wollen , an einem einzigen Tage zu meinen Feinden macht ! ... Könnt ' ich ihm nur einmal noch alles sagen und beichten ! sprach sie dann ... Ich gestehe , Herr Priester ! Von dem Wort » Beichten « hab ' ich keinen Begriff ... Je mehr ich bei mir selbst behalte , desto fester und besser werden meine Gedanken ... Ja die mauern sich dann erst recht aus wie ein Schwalbennest , das ganz sauber werden kann aus lauter kleinem Schmutz ... Müßt ' ich alles , was ich denke und eben erlebte , so frisch und weich wieder von mir geben , würde ich wie ein leckes Faß ... Ich bin katholisch ! sagte sie mir darauf ... Mein Gott , da stritt ich nicht mehr und weil ich die Neigung ihres Herzens schon durch die Bekanntschaft mit dem Herrn Pater Sebastus wußte und wie die Gefahr , nicht an Ihr Ohr zu gelangen , zu groß wurde durch Ihre Abreise , da sagt ' ich : Wissen Sie - Ich will für Sie gehen , Fräulein , wie Eliezer ging auf die Werbung für Jakob ... Sie umarmte mich , begleitete mich bis hieher - Unten in der dunkeln Gasse da - sehen Sie , da steht sie und wartet ... Geben Sie der Armen den Trost , daß sie Ihnen noch einmal , nur als einem Priester versteht sich , ihr Herz ausschütten kann ... Bonaventura ' s Gedanken sammelten sich in der Vorstellung , was Lucinde so plötzlich aus dem Hause Nück ' s entfernt haben mochte ... Auch an den Brand und an die Urkunde dachte er ... Er stand sinnend und zögernd ... Die Jüdin blickte aus ihren klugen Augen mit jener List hervor , die auch das gutmüthigste Kind im Spiele hat , wenn es Freude an einem Sieg seiner Klugheit verräth , ohne damit Böses zu wollen ... Bonaventura hatte sich erhoben ... Er hielt sich vom Fenster fern ... Er überlegte und sah die Scene , die ihm mit Lucinden drohte ... Sie konnte jetzt nicht anders enden , als mit ganzer Vertraulichkeit über alles , was ihn drückte ... Ein gemeinschaftliches Geheimniß zu bewahren bindet die Seelen wider Willen ... Er hätte Lucinden nicht anblicken können ohne zu sagen : Den Brief des Geistlichen Leo Perl - gib mir zurück oder zerreißen wir ihn und laß ' ihn zwischen uns ein ewiges Geheimniß bleiben ! ... Sich einem Weib verpflichtet fühlen , raubt dem Mann seine Selbständigkeit und Dank ist schon an sich eine Pflicht , die eine edle Seele nie karg abträgt ... Bonaventura ging eine Weile auf und nieder ... Er kämpfte ... Endlich hatte er entschieden ... Er wollte , er konnte nicht nachgeben ... Er sah in die Zukunft - ahnte , daß sie ihn immer und immer in Lucindens Bahnen führen würde ... Jetzt aber , jetzt in dem letzten Opferdienst seiner Seele für Paula , wollte er sich rein erhalten ... Er schüttelte sein Haupt und sprach : Ein andermal ! ... Und für sich : Komme was komme ! ... Die Jüdin stand in der Nähe der Thür , schon ihren Hut in der Hand ... Es schlug neun ... Ich kann meine Reise nicht aufschieben , fuhr Benno fort ... Erklären Sie - Lucinden , ich käme - ja zurück - und dann - dann vielleicht ... Veilchen schüttelte ungläubig den Kopf ... Das bestreitet sie - sagte sie ... Sie behauptet , Sie kämen nie zurück ... Bonaventura ließ , wie ein Ueberwundener , nur die Arme sinken und schüttelte ablehnend sein leidendes Haupt ... Woraus schließt sie das ? fragte er , vor Ueberanstrengung seiner Seele völlig kraftlos - ... Veilchen erwiderte : Man würde Sie in Wien fesseln , sagte sie ... Schon wäre ein Verwandter von Ihnen gefesselt worden ... Man würde Sie nicht sehen können , ohne die nicht zu beneiden , denen Sie immer angehörten ... Ich wiederhole ihre Worte ... Sie nennt schon einen Bischofssitz , der für Sie bestimmt ist , Herr Priester ... Robillante in Italien oder einen ähnlichen Namen ... Im Thal von - Castellungo - Das ist der Name ... Ich habe ihn behalten ... Bonaventura faltete nur die zitternden Hände ... Die beiden Mönche , fuhr Veilchen fort , die dieses Frühjahr von Witoborn entflohen , haben aus Rom geschrieben , daß in ihrem Kloster ein Mönch lebt , der ein Bisthum ausgeschlagen hätte , das ein mächtiger Cardinal gelobt hätte , dem heiligsten Priester in der Christenheit zu geben ... Und in Wien sind - Sie , Sie , Herr Domkapitular , schon dafür genannt worden ... Das wurde hereingeschrieben ... Lucinde weiß alles ... Sie werden in Wien mit diesem Anerbieten empfangen werden ... Bonaventura hörte nur ... Eine Besinnung , eine Fassung lag nicht mehr in seiner Kraft ... So hörten Sie selbst das noch nicht ? fragte die Jüdin , immer hoffend , den Zweck ihres Besuchs zuletzt noch erreichen zu können ... Bonaventura hauchte : Sie - berichten - mir - Wunderdinge ... Er ließ sich die Namen noch einmal nennen ... Es waren und blieben die Namen Robillante und Castellungo ... Die Orte , wo Paula leben sollte - wo Frâ Federigo lebte ... Er sah Benno , Olympia , Ceccone betheiligt ... Das war das von Benno erwähnte Bisthum ... Gaben es ihm wol gar - die Jesuiten ? dachte er einen Moment ... Verlassen Sie sich ! fügte Veilchen hinzu ... Sie kommen nicht zurück ... Sie werden in Italien ein Bischof ... Ohne noch zu widerreden , faltete Bonaventura , überwunden von den Fügungen seines Geschicks , aufs neue die Hände ... Er sah , wie mit übergeistigtem Auge , Paula auf dem Schlosse , auf dem sie einst in ihrer Vision die Fahne mit den Dorste ' schen Farben erblickt hatte ... Seinen Vater sah er unter den Eichen von Castellungo ... Ein Glanz umfloß ihn wie die himmlische Morgenröthe ... Dennoch schüttelte er den Kopf auf die wiederholten Bitten der Jüdin ... Herr Priester ! ... Das ist grausam , wallte diese auf ... Solchen Worten zürnte er nicht mehr ... Gute Nacht , Liebe ! sprach er ... Dank für Ihre Verschwiegenheit - wegen dessen , was Herr Seligmann hörte , eine Verschwiegenheit , auf die ich bei unserm gemeinsamen Gott fest und heilig baue ... Sagen Sie aber Lucinden : Wer allwissend ist , ist auch allmächtig ! ... Was kommt sie zu mir - ! ... Herr Priester - ! bat Veilchen noch einmal inständigst ... Komm ' ich in der That nicht wieder , so wünsch ' ich ihr alles Glück und jeden Frieden des Gemüths ... Ich danke Ihnen , daß Sie ihr Bote wurden ... Sie sind treu , was Sie auch gegen die Treue sagen ... Doch gehen Sie , ohne mich noch wankend machen zu wollen ... Es gelingt nicht ... Drohungen , die Lucindens Charakter entsprechen , schrecken mich nicht ; ich kann , sagen Sie ihr ' s , alles ertragen ... Noch eins ! Ist sie hülflos , so schreibe sie offen und getrost - an meinen Oheim in der Dechanei ... Das ist nicht wahr , daß alle vor ihr fliehen ... Der Onkel verehrt sie wahrhaft ; er wird alles für sie thun ... Sagen Sie ihr das ! Mein Oheim ist ganz der Freund , den sie sucht ... Sagen Sie ihr auch - daß ich glücklich bin über ihre Trennung von Nück und daß ich nie in dem Verhältniß ein Arg gefunden ... Nicht aber mehr ... Ich kann nicht anders ... Die Kraft fehlt mir , all die Bürden zu tragen , die mir ihre Beichte noch auferlegen würde ... In Zukunft ! ... Ich reise morgen in erster Frühe ... Nun bleibt es dabei ... Damit half Bonaventura Veilchen schon den Mantel auf die Schultern legen ... Sie schüttelte den Kopf wie über die Thorheit der ganzen Welt ... Still befestigte sie ihren Mantel ... Bonaventura leuchtete ihr hinaus und begleitete sie über den Corridor bis an die nächste Treppe ... Diese war erleuchtet ... Veilchen wandte sich noch einmal , sah den Priester mit ihren geöffneten Augen wie einen bemitleidenswerthen Wahnbefangenen an und schlich die Treppenstufen nieder ... Bonaventura wartete , bis er hörte , daß sie das Hausthor gefunden ... Dir sind wol schon hundert wie mit unsichtbaren Ketten gebunden , die dir beichteten , sagte er sich , zurückkehrend in sein Zimmer , mit dem ganzen ausbrechenden Schmerz seiner Seele ; aber wie du gebunden , du umstrickt bist von deinen eigenen Lebensräthseln , das ist ein Verhängniß wie im Haus - der alten Labdakiden ! ... Und des so wohlthuenden Eindrucks der Jüdin gedenkend , rief er laut : Gott der Christen - Gott der Juden - Allah - ! ... Zeus ! ... Ja auch der Olymp herrscht noch ... Nicht alle Götter der Alten sind in nichts zerflossen ... Die Nemesis - die Tyche - die Keren haben ihr Amt behalten ... Der Gedanke , daß ein Bisthum neben dem Schlosse , wo Paula wohnen sollte , für ihn eine Unmöglichkeit wäre , stritt mit der Ungewißheit über den Eindruck , den ihm Graf Hugo machen würde und nach dem er doch der Wahrheit gemäß entscheiden sollte ... Sein Lager suchte er , um nur allein die müden Muskeln zu strecken ... Schlaf , wußte er , würde ihn fliehen ... Träumte er , so würde der Ungetaufte - vom Jordan träumen ... In der That erhob er sich vor Sonnenaufgang ohne Stärkung ... Es war ein nebeliger Morgen ... Er kleidete sich an ... Renate credenzte ihm den gewohnten Labetrunk ... Sie weinte ... Der gute und ernste Mann war ihr wie ein Sohn geworden und seit Monaten sah er krank und zerfallen aus und auf wie lange verreiste er ... Auch in Bonaventura ' s Auge standen Thränen ... Er ahnte , daß er die alte Frau nicht wiedersehen würde ... Rings blickte er auf seine Bücher , seine Bilder ... Es war ein Abschied auf ewige Zeit ... Die Huldigungen , die seiner ersten Abreise gebracht wurden , fehlten auch dieser zweiten nicht ... Für die von ihm etwa abgefallenen Seelen waren andere eingetreten und die Feierlichkeit der Begrüßung im Kapitelhofe war sogar noch größer , als früher durch Schnuphase ' s Rede ... Sie war geordneter ... Die Curie hatte an dem Erfolg dieser Reise das höchste Interesse ... Viele der alten Herren traten selbst an seinen Wagen ... Dies war ein ganz eleganter , den Bonaventura gar nicht bestellt hatte ... Den von Glückwünschen fast Erdrückten hob Thiebold , der gestern nur zum Schein Abschied genommen hatte , in seinen eigenen Wagen ... Er hatte alles so arrangirt ... Der gestrige Abschiedsbesuch maskirte die Absicht , den Hochverehrten nicht blos bis an das Dampfboot zu begleiten , sondern auch noch eine Strecke weiter hinaus ... Die Blumen wurden einem Altar der Kathedrale übersandt , an dem Bonaventura oft celebrirte ... Thiebold ließ sich nicht nehmen , bis zum Hüneneck mitzufahren ... Zwei Stunden lang » zerstreute « er die stille , der Sammlung bedürftige Seele des unglücklichen Priesters ... Erst am Hüneneck verzogen sich die Nebel ... Die Gegend , selbst im Winteranfang lieblich wie immer , entschleierte sich ... Thiebold konnte nicht allen Empfindungen Ausdruck geben , die ihm der Anblick Lindenwerths , der Blick nach Drusenheim und dem Geierfels hinüber machte , wenigstens nicht in Bonaventura ' s Gegenwart ... Am Gasthaus zum Roland landete der Dampfer ... Thiebold stieg hier aus und erneuerte den Abschied ... Als Bonaventura allein war und tiefbewegt Rundgänge , die denen in seinem eigenen Geisteslabyrinth glichen , auf dem Verdeck machte , das erst jetzt von seiner Reinigung und der Nebelnässe zu trocknen anfing , bemerkte er , gerade beim Hinblick auf die Maximinuskapelle und den Sanct-Wolfgangsberg , hinter dem sein altes stilles Glück lag , einen jungen Mann , der , mit dem Rücken an den Radkasten der Maschine gelehnt , ihn mit großen durchbohrenden Augen ansah ... Die Gestalt war nicht zu groß , zierlich und behend ... Die Kleidung elegant ... Ein Mantel von dunkelbraunem Tuch mit offenen Aermeln , am Kragen besetzt mit schwarzem Sammet , das Futter von einem langflockigen Zeuge und Schnurtroddeln geschmackvoll zum Zusammenhalten des Mantels - Darunter ein schwarzer enganliegender Oberrock ... Die Cravatte schwarz ; ebenso die Handschuhe ... Ein feiner ganz neuer Hut auf dem Kopf ... Die Haare kurzgeschnitten ... Ueber den starren Ausdruck des bräunlichen zierlichen Antlitzes flog ein Erröthen und ein verlegenes Lächeln , als Bonaventura ' s Blick länger auf dem jungen Mann verweilte ... Doch zerstreute ihn bald die theure , geliebte Gegend ... Es ging vorüber an der Maximinuskapelle , am » Weißen Roß « ... Bonaventura bemerkte den jungen Passagier nicht mehr ... Auch später bei gemeinsamer Tafel fehlte die Gestalt , die ihm den unheimlichen Eindruck einer Aehnlichkeit mit Lucinden machte ... Hafenruhe konnte erst spät gegen Abend um zehn Uhr geboten werden ... Der junge Passagier war verschwunden ... Die Fahrt ging zuletzt im Dunkeln und bedurfte der Vorsicht ... Aber so kalt es wurde , die Passagiere verbrachten die längste Zeit lieber auf dem Verdeck ... Bonaventura ging auf und nieder ... Ein Berg mit einem hochthronenden Schlosse führte ihm die Scene vor , die Benno mit dem Staatskanzler erlebt und geschildert hatte ... Es war schon bald bei Ankunft in der großen alten » goldenen « Stadt , wo die Rast für die Nacht stattfinden sollte , als Bonaventura wieder den jungen Mann erblickte , eingeschlagen in seinen weiten Mantel und nicht weit vom Steuerruder sitzend ... Er rückte und rührte sich nicht ... Ging aber Bonaventura an ihm vorüber , so war es ein einziger unter dem etwas breitrandigen schwarzen Hut und aus der Umhüllung des emporgezogenen Sammetkragens hervorzuckender Blitz der Augen - ein Funkeln , wie ein Käfer in der Nacht aufglüht , ein Funkeln , wie ein lauerndes Raubthier sich durch nichts , als seine Augen verräth ... Kein Laut , keine Bewegung , als ein Zurückziehen des lackirten zierlichen Stiefels , um dem Vorübergehenden Platz zu machen ... Die Situation , die Zeitdauer , alles bot dem Priester Muße , sich an die entsetzliche und doch fast beruhigende Vorstellung zu gewöhnen : Wenn das Lucinde wäre ! ... Beim Landen , beim Wohnen in einem » Rheinischen Hof « war die Spur des jungen Mannes verschwunden ... Nach zwei Tagen und einem Aufenthalt in Frankfurt befand sich Bonaventura in der Stadt , wo er im Seminar gewesen ... Es war dasselbe Seminar , von dem Serlo erzählte ... Er besuchte alle ihm denkwürdigen Plätze der Erinnerung ... Die Altarstelle , wo er zum Priester geweiht worden ... Das Zimmer , wo Paula in der orthopädischen Anstalt lag ... Den Bischof , bei dem Lucinde convertirte ... Den Mitgeweihten Niggl , einen noch immer zwischen dem Naiven und Excentrischen unpraktisch , brausend und schnaubend hin- und herfahrenden , gutmüthigen Phantasten ... Bonaventura sah und begrüßte alles wie zum letzten mal ... Auch das berühmte Hospital des alten Bischofs Julius sah er ... In dem botanisch gepflegten Garten schien die Jahreszeit noch nicht der November ... Die Genesenden saßen zwar nicht im wärmenden Sonnenstrahl , aber die Irren rannten hin und wieder , gesticulirten und sprachen aufs zufriedenste mit sich selbst ... Da wieder der Anblick des jungen Mannes vom Dampfboot ... Kaum schoß er an ihm und an Niggl , der ihn begleitete , vorüber , so sagte dieser : Wer war nur das ? Das Gesicht ist mir so bekannt ... Nach wenigen Augenblicken , wo der junge Mann verschwunden war , begann Niggl , von unbewußter Ideenassociation geleitet , von Lucinden als von einer Hocherleuchteten , von einer durch Nück und Hunnius und viele andere in alle Vorkommnisse des innern Kirchenlebens Eingeweihten ... Er scherzte über die ihm wohlbekannte Neigung derselben zu seinem Besuch ... Beda Hunnius hatte ihm darüber Mittheilungen gemacht ... Er wußte schon , daß sie von Nück sich entfernt hatte , und vermuthete , sie wäre nach Belgien , um Jesuitesse zu werden - » Redemptoristin « - nach dem äußern Ausdruck ... Das Gespräch kam von dem verfänglichen Gegenstand ab ... Bonaventura sah den jungen Mann nicht wieder , aber sein Herz bebte von den trübsten Ahnungen ... Die Donau kam ... Bonaventura bewunderte den regensburger Dom und bestieg die Höhe , auf der König Ludwig die Walhalla erbaut hat ... Ein Aufenthalt dort oben wie Athemzüge im Aetherreich ... Unten die Erde mit ihren Mühen , hier oben die Himmlischen ... Ausgerungen haben Kampf und Leidenschaft ... Hier sind die Pforten der Welt des Plato , die Eichen im Haine Odin ' s ... Walkyren stehen zwar noch , die unerbittlichen Parzen , in marmornen Gebilden an der Schwelle des Tempels ; aber sie scheinen Versöhnerinnen , nicht mehr Rächerinnen ... Bonaventura stieg die Riesentreppe nieder - tieferfüllt von dem empfangenen Eindruck ... Da blickt er auf neue Ankömmlinge ... Eine Gesellschaft , die eben mit einem Boot aus Regensburg angekommen sein mochte , steigt ihm von unten her entgegen ... In ihrer Mitte - sein Reiseschatten , der junge Mann im braunen Mantel ... Dicht streift er , tief niederblickend , an ihm vorüber ... Zwei Schiffe kreuzen sich so auf dem Meere ... Bonaventura konnte nicht stehen bleiben , nicht der spukhaften Erscheinung nachsehen ... Sie war schon wie seine Furcht , wie sein Gewissen geworden ... Beim jedesmaligen Begegnen fuhr ein schriller Ton durch die Luft : Du Ungetaufter ! ... Und ebenso sagte das Lächeln des jungen Mannes : Bleibe ruhig , ich bin dein Schutzgeist ! ... Die regensburger Geistlichen , von denen Bonaventura begleitet war , führten den Erblassenden , Schwankenden noch in einem Wagen nach einem Oertchen , Straubing gegenüber ... An der Stelle , wo Agnes Bernauer ihren Tod in den Wellen gefunden , bestieg er das Dampfboot ... Er glaubte annehmen zu dürfen , daß er nicht allein fuhr - daß der junge Mann - Lucinde - schon auf dem Dampfer war ... Er sah sie aber nicht ... Nicht die ganze Reise entlang , die zwei Tage dauerte ... Er glaubte nun doch an eine Täuschung in der Person ... So kam er nach Wien ... Er sah zum ersten mal eine so rauschende , volkreiche Stadt , wohnte bei dem Chorherrn , der ihn ganz erst so zuwartend und prüfend wie Benno empfing , theilte die Aufgaben , die seiner im Gewühl dieser großen Stadt harrten , gewissenhaft ein , überlegte : Wie näherst du dich dem Grafen ! ... Darüber vergingen einige Tage ... Die Gräfin Erdmuthe war zum Grafen Hugo auf Schloß Salem hinaus , um den grollenden Sohn hereinzuschmeicheln ... Bonaventura hatte beim Cardinal Ceccone seine Briefe persönlich abgegeben , war in der That von dem liebenswürdigsten und zuvorkommendsten Benehmen eines Priesters , der die Grazie als Milderung der List über sein ganzes Wesen ausgegossen trug , mit dem Anerbieten des Bischofssitzes von Robillante begrüßt worden ... Olympia , die Herzogin von Amarillas , Benno wurden als seine Protectoren genannt ... Alle seine Pulse flogen , als er , nach der von ihm um Bedenkzeit ausgesprochenen Bitte die Stufen des kleinen Palastes niederstieg ... Er wußte nicht , wie er auf die Straße kam ... Kaum blickte er auf , da rollte ein Fiaker vom Hause , der nur auf ihn gewartet zu haben schien ... Aus dem Schlag blickte ein Kopf - der junge Mann im braunen Mantel ... Pfeilgeschwind schoß der Wagen vorüber ... Er verlor die Besinnung und verirrte sich in den Straßen ... Wer Bonaventura sah , wer ihn nach einer Vorstellung anredete , wen er besuchte - jeder wußte , daß er Bischof werden sollte im Piemontesischen ... Jeder fragte nach seiner italienischen Predigt in » Maria Schnee « , die zugleich mit drei Messen bedungen war ... Man fand diese Erhebung so natürlich ... Man sagte , der Domkapitular wäre ein Gesinnungsgenosse des Kirchenfürsten und in seiner Heimat » unmöglich « geworden ... Dort schied er aus ... Auch seine Gesundheit rathe ihm den Aufenthalt im Süden ... Sofort in den Palatinus zu gehen vermochte er nicht ... Er zitterte , sich dort zu verrathen ... Aber es suchte ihn schon Fürst Rucca auf ... Olympia überhäufte ihn mit Geschenken und Zuvorkommenheiten , wie sie eben nur Priester anzunehmen gewohnt sind ... Er rüstete sich , noch unentschlossen , gedrängt vom Chorherrn - italienisch zu predigen ... An sich war es ihm ein Leichtes , da er die Sprache so gewandt , wie Benno , sprach ... Noch immer sah er die Herzogin nicht ... Der Boden unter ihm wurde heiß wie Feuer ... Glühende Lava rann neben ihm ... Was soll aus Alledem werden ! stöhnte er vor Schmerz über seine Lage ... Nun auch noch die fremden Leiden zu den eigenen ! ... Schon wußten auch die Zickeles , wohin ihn seine Creditbriefe führten , von seiner Ernennung und wünschten der Gräfin Erdmuthe Glück , ihn als einen Deutschen so in der Nähe zu haben ... Er mußte sich sagen : Das zerstört ja jede Möglichkeit der Ehe ihres Sohnes , wenn Graf Hugo die Absicht meiner Reise erfährt und - Paula ' s Empfindungen für mich kennt - ! In der That , die Gräfin empfing ihn mit der Kälte , die er erwartet hatte ... Haßte sie schon das römische Priesterthum an sich , war sie wie ihr Sohn tiefverletzt von der Bedingung , daß erst eines Beichtvaters Ja ! oder Nein ! über Paula ' s Willen entscheiden sollte , so war die Nachricht , dieser Beichtvater käme nun auch sogleich dicht in die Nähe Castellungo ' s , wo der Graf so gern ganz sich niedergelassen hätte , und folgte