fuhr Leidenfrost fort , daß auch noch andre Gegenstände dabei zur Verloosung kämen und sich eine Einnahme beschaffen ließe , groß genug , um ein Kanonenboot für die deutsche Flotte zu kaufen . Sie ist von der Landesfarbe zu der des gemeinsamen Vaterlandes übergegangen und trägt schwarz , roth , gold . Dies hat einen Bruch mit Fräulein Wilhelmine von Flottwitz veranlaßt . Ihre Farben , ihre Gesinnungen harmoniren nicht mehr , zur großen Freude der meisten Gesellschaften , die dadurch vor gewissen makkabäischen Duetten bewahrt bleiben . Die Flottwitz , die leider täglich blonder wird , setzt ihre Bekehrungsversuche mit Ihrem Bruder Dankmar fort , der jedoch bei seinen Studien über römisches und germanisches Erbrecht zu wenig Zeit hat , sich in die Separatgeschichte der einzelnen Truppentheile unsrer Armeen und die tiefe Bedeutung der Achselklappen und der Patrontaschen zu verlieren . Der Reubund hat sich in zwei Fraktionen gespalten . Die eine mit der Bundeskasse , die andre ohne Bundeskasse . Äußerlich heißt es : Der Eine will die neue Verfassung beschwören , weil es der König und das Vaterland verlangten , der Andre will aber dem König noch eine größre Reue zeigen und den Schwur auf dieses » Blatt Papier « als unverbindlich darstellen , worüber natürlich in den » kleinen Cirkeln « viel Thränen der Rührung und Verlegenheit vergossen werden , zumal da sich so viele Gelehrte , fromme Offiziere und mystische Beamte bereit erklärt haben , zu beweisen , daß Eide für die Fürsten doch immer nur unter Umständen heilig sind ; aber wie gesagt , die Spaltung beruht auf Kassendefizits und einer , wie wenigstens Freund Werdeck versichert , tief eingerissenen Differenz über die zweckmäßigere Einrichtung einer Brautpaar-Aussteuerkasse verbunden mit einem stillschweigenden Heirathsbureau . Der Bruch wurde unheilbar , als die eine Frau Meisterin vom Stuhl für ein neues gelbseidnes , die andre für ein violettes die Aufmerksamkeit der Loge ausschließlich in Anspruch nahm . Seitdem hat man neben dem alten einfachen Reubund nun noch einen Bund der doppelt Bereuenden . Vom Propst Gelbsattel , lieber Wildungen , soll ich Sie grüßen . Er ist entzückt , daß Sie die Schönauer so entzückt haben . Er verfällt immer mehr mit dem Staate der Gegenwart , auch mit dem Staate des Fürsten Egon . Die Unabhängigkeit der Kirche vom Staate und die Abhängigkeit der Schule von der Kirche ist in dem Grade jetzt sein Steckenpferd , daß es eine ganz harmlos hingeworfene und unschuldige Phrase geworden ist , von ihm zu sagen , er hielte es mit den Jesuiten . Der General Voland von der Hahnenfeder , der im Stillen doch die wahre äußere und innere Politik unsres Staates leitet , und wie Viele behaupten , vom Papste die Mission hätte , ihn durch Überanstrengung seiner Kräfte zu ruiniren , wofür man ihm , da er ohnehin dunklen Ursprungs ist , einen Platz unter den Heiligen des Kalenders zugesichert hat , ist sehr mit Gelbsattel intim , doch sollen sie in dem Verhältnisse zu einander stehen , wie Hegel zu seinem besten Schüler . Gelbsattel , hat General Voland gesagt , Gelbsattel ist der Einzige , der mich verstanden hat , aber auch Gelbsattel hat mich misverstanden ... Otto von Dystra , bei dem ich die Ehre hatte , den gelehrten General kennen zu lernen ... Otto von Dystra ? horchte Ackermann auf . Ein amerikanischer Republikaner , der über Sibirien zur Freiheit kam , bemerkte Leidenfrost . Ganz recht , sagte Ackermann , Republikaner , Monarchist , je nachdem er geschlafen hat ... Eine sonderbare Charakteristik ! bemerkte Siegbert , Olga ' s gedenkend und mit Spannung ... Otto von Dystra , fuhr Leidenfrost zu Siegbert gewandt fort , ist sehr begierig , Ihre Bekanntschaft zu machen ... Meine Bekanntschaft ? fragte Siegbert . Woher kennen Sie ihn denn ? Ich ihn ? Er mich ? sagte Leidenfrost , sich komisch verwundert stellend . Wissen Sie nicht , daß Otto von Dystra Alles aufsucht , was berühmt ist ? Bin ich nicht der berühmte Leidenfrost ? Der Techniker ? Der Mathematiker ? Der Maler ? Der Michel Angelo in Taschenformat ? Oder vergessen Sie , Freund , daß ich einst seine Kleider und Schuhe putzte und ihn in phrenologischen Studien unterstützte ? Ackermann erinnerte sich der Gespräche in jener Nacht auf der Willing ' schen Maschinenfabrik ... Er suchte ja auch Sie sogleich auf , fuhr Leidenfrost zu Siegbert gewandt fort , und nicht etwa weil die Fürstin Wäsämskoi von Ihnen an den Rand des Grabes gebracht wird - Leidenfrost ! drohte Siegbert empfindlich . Selma blickte erstaunt zur Seite und hatte unwillkürlich das Gefühl , als müßte sie von Siegbert abrücken . Sie konnte es , da die etwas plumpe Bedienung der Mägde mit den Saucen nicht besonders vorsichtig umging . Nein , deswegen nicht , fuhr Leidenfrost einlenkend fort , sondern aus Interesse für den Maler des Jakob Molay - Ackermann bemerkte , daß er Otto von Dystra als einen Freund jedes Talentes kenne und erzählte Manches von seinen seltsamen Neigungen , um von der Höhe seines Reichthums und seiner exclusiven Stellung zur wahren Menschlichkeit herabzusteigen . Er führte auch an , daß er ihn bei einer Fußwanderung am Missouri , in Begleitung eines talentvollen Kupferstechers , Namens Morton , hätte kennen lernen . Wie sehr er Siegbert Wildungen schätzt , ergänzte Leidenfrost mit einem eigenthümlichen sarkastischen Ausdrucke , beweist , daß er Ihnen hier durch mich schon einige Zeilen übersendet ... Leidenfrost zog einen Brief aus der Brusttasche und überreichte ihn Siegbert , der fassungslos vor Erstaunen den Brief betrachtete , die französische Aufschrift las und ihn erbrechen wollte . Bitte , sagte Leidenfrost hastig , lesen Sie ihn für sich ! Er ist zu lang ! Es liegt eine dicke Schreibübung aus Rom darin ! Wenigstens sagte mir Otto von Dystra , daß Ihnen Olga Wäsämskoi wahrscheinlich zeigen wolle , welche Fortschritte sie zu Rom in der Kalligraphie mache ... Siegbert saß auf glühenden Kohlen . Ein Brief aus Rom ! Ein Brief von Olga ! Übersandt durch ihren gezwungenen Verlobten , den seltsamgeschilderten Baron von Dystra ! Er steckte den Brief uneröffnet ein , trug aber durch die gewaltige Aufregung , die sich in seinen Mienen aussprach , viel dazu bei , die ängstliche Beklemmung , die Selma vor einem so fortwährend mit Frauen in zweideutiger Verbindung genannten Manne empfand , noch zu vermehren . Es liegt einmal in reinen und stolzen Mädchenseelen die Abneigung vor Männern , die ihr Geschlecht zu tief erkannt haben , begründet . Sie wußte nicht , wie unrecht sie dem guten Siegbert that , der im Grunde wenig dafür konnte , daß er , wie Dankmar sagte , eine Art Meister Frauenlob war . Leidenfrost blieb im Zuge seiner Mittheilungen ... Heinrichson , sagte er , ist in Rom und malt Grotten und Nymphen . Reichmeyer portraitirt und spekulirte auf ein Tableau unsrer Deputirtenkammer , kurz ehe sie aufgelöst wurde . Der Zorn darüber hat ihn fast demokratisch gemacht . Sein Onkel , der Banquier , hofft durch Egon zu einer Staatsanleihe befördert zu werden . Frau von Reichmeyer , Reichmeyer ' s Schwester ( in diesen Familien heirathet sich immer die Verwandtschaft überzwerg ) hat sich deshalb auch entschlossen , mit einer philanthropischen Idee dem Hofe zu Gefallen zu leben und die innere Mission zu befördern , so wenig es ihrem Patschoulicharakter zusagt , sich an die Betten der Aussätzigen zu begeben und in die fünften Etagen zu den Armen steigen zu müssen . Doch hat sie nun einmal damit angefangen und sich vorläufig die Branche der Kindergärten erwählt , die sie protegirt . Ich sah Frau von Reichmeyer bereits durch die Thürritze eines solchen Kindergartens ( im Zimmer ) die kleinen Kinder spielen lehren . Beneiden Sie mich um diesen idyllischen Anblick , Wildungen ! Die Blasirtheit jetzt unter Kinderwindeln ! Sie wissen gar nicht , was Ihnen Alles seither entgangen ist . Die Frau Pfarrerin wagte sich mit einigen Vertheidigungsworten der Kindergärten hervor , wollte aber eigentlich die Rede nur auf ihren Mann bringen , den sie auch für ihre gute Meinung von den Kindergärten als Autorität anführte . Es lebe Jean Paul ! sagte Leidenfrost einsilbig . Was soll Jean Paul ? fragte man erstaunt . Ich denke mir , meinte Oleander , daß Herr Leidenfrost sagen will , Jean Paul wäre die Veranlassung einer zu großen Verhimmelung der Kinderseelen ? Wäre dies der Fall , dann hätte Jean Paul auch zuviel für die Blumen gethan . Für die Redeblumen gewiß ! bestätigte Leidenfrost und gab die Beziehung auf Guido Stromer zu erkennen . Herrlicher , göttlicher Jean Paul ! Du durftest aus deinem Füllhorn die Blumen frühlingsweise werfen , du wußtest sie zu binden und zu ordnen und was daneben fiel , als überflüssig , du hattest es doch selbst gezogen , was du schenktest ! Aber was soll uns die wuchernde Überfülle des Geistes , die nur der Form , nicht dem Inhalte der Wahrheit dient ! Seht diese Geistreichen ! Wie sie sich recken und dehnen , um wunderbare Figuren zu Stande zu bringen und der grade , schlanke Wuchs der Überzeugung fehlt ! Diese Menschen sind unser Unglück . All ' ihr Geist befruchtet nichts , schafft nichts , gestaltet nichts . Nicht einmal ein Gedicht kommt zu Stande mit ihren an Alles und Jedes sich anpinselnden Wahrnehmungen . Nein , ich lobe mir die Einfältigen eher , die wissen , was sie wollen , als die Geistreichen , die im Grunde nur afterreden und wenn ' s hoch kommt , der Lüge dienend jede Meinung vertheidigen , wie zuletzt Burke , Gentz und Friedrich Schlegel thaten . Die Frau Pfarrerin konnte natürlich nicht ahnen , daß dieser Angriff ihrem Manne galt , der , wie Leidenfrost flüsterte , den Titel als Hofrath zu erhaschen strebte ; Ackermann , Oleander und Siegbert verstanden ihn sehr wohl und Siegbert winkte Leidenfrost , sich zu mäßigen . Warum ? sagte dieser . Von den Einfältigen zu reden , wissen Sie denn , Wildungen , was aus Sr. Excellenz dem Herrn Geheimrath von Harder geworden ist ? Ich las es in den Zeitungen mit Erstaunen , bemerkte Siegbert . Intendant des königlichen Theaters ! Nicht wahr , mein Freund ! sagte Leidenfrost scharf betonend . Auch ein Ritter vom Geiste ! Und die Ritter vom Geiste müssen ohne Zweifel ihre Don Quixotes haben ! Ackermann fragte mit forschender Miene : Welcher Herr von Harder ist das ? Der weiland Intendant der königlichen Gärten , Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein . Er verlor die königliche Gnade , sintemalen er allzu dienstbeflissen das Mobiliar der Fürstin Amanda von Hohenberg zu Staatszwecken verwandte , um , wie man nun allgemein weiß , gewisse Denkwürdigkeiten der Fürstin , die sich in ihm vorfanden , zu unterdrücken , zu vernichten , zu ecrasiren , zu annulliren , was weiß ich - Weiß man Das ? fragte Siegbert erstaunt . Welche Denkwürdigkeiten ? bemerkte Ackermann aufhorchend . Dieselben Denkwürdigkeiten , sagte Leidenfrost , die die eigenthümliche Wirkung gehabt haben sollen , den Fürsten Egon mit der schlimmsten Feindin seiner Mutter , Pauline von Harder , zu ewigem Trutz und Schutz auszusöhnen . Ackermann hörte mit einem Interesse zu , das nur bei der heitren Stimmung , in die Leidenfrosten ' s weitre Erzählung die Gesellschaft versetzte , unbemerkt bleiben konnte . Dieser übertriebene Diensteifer , sagte der humoristische Berichterstatter , verjagte den Geheimenrath aus dem Paradiese der königlichen Gärten und nicht eher ruhte das Flammenschwert des Erzengels der Etikette und Courtoisie , bis der Geheimrath sich hinter eine vom Prinzen Ottokar protegirte Tänzerin flüchtete , auf dem Theater ihr ein Armband überreichen wollte , dabei in eine Versenkung fiel und - für das Armband - als bestallter Mäcen der dramatischen Kunst und Literatur wieder herausgezogen wurde . Frau von Harder , die mit Egon und Melanie Schlurck Politik im großen Style treibt , dankt Apoll und den neun Musen , daß ihr Gemahl eine so angemessene Beschäftigung gefunden hat und nun nur noch die Künste und die Literatur verwüstet . Die Schauspieler und Sänger jubeln wohl , denn sie haben einen Chef , der nichts von ihrem Berufe versteht und wie unsre Kunstzustände sind , ist den Hofkomödianten dieses Regiment grade das allerwillkommenste . Die Dichter verzweifeln wohl , allein die freien Entrées sind so zweckmäßig an einige kritische Tonangeber vertheilt , daß auch die Literatur in den Jubel der Kunst mit einstimmt und vor einigen Wochen die neue Ära der Bühne unter den Ausspizien des Herrn von Harder begonnen hat . Und wissen Sie denn , Wildungen , daß ich an diesem Aufschwunge betheiligt bin ? Man horchte auf . Se . Excellenz haben mich , auf Rath der Maler , die sonst die Salons seiner Frau besuchten , auf Rath der Frau von Werdeck sogar - sie bat mich später unter Thränen um Verzeihung wegen dieser Erinnerung - auf Berichte über das Wäsämskoische Feuerwerk als malereigewandten Mechaniker und Techniker sogleich beschieden , mit ihm über eine neue Struktur der Versenkungen zu philosophiren und ich gestehe Ihnen , Wildungen , daß ich bereits einen solchen Schatz von Anekdoten über die dramaturgischen Kenntnisse Sr. Excellenz des Herrn von Harder gesammelt habe , daß ich im Stande bin , jede stille Pause unsrer künftigen Lebenslaufbahn mit ihnen zu würzen . Aber nun schweig ' ich , meine Herrschaften ! Ein fortgesetztes Rechthaben verspottet sich selbst . Ich fühle , daß ich zu sehr den Schein bekomme , mehr Vernunft haben zu wollen als Andre und ich weiß , daß man dann erst recht ein Narr ist , wenn man die Weisheit felbst sein will . Leidenfrost wollte nun aufhören . Aber Alle drängten um Anekdoten über Herrn von Harder . Leidenfrost verweigerte sie und erklärte jetzt zu schweigen . Ackermann fand ein Interesse daran , wenigstens bei Melanie zu verweilen , grade als sollte Selma hören , wie wenig Egon ihre Liebe verdiene ... Wirklich ? knüpfte er an , hat die Tochter des Justizraths so glänzende Hoffnungen , die Liebe eines Fürsten zu besitzen ? Leidenfrost zuckte die Achseln und sagte nur : Ich weiß nichts . Man erzählt zwei Äußerungen , die jedoch nicht stenographisch niedergeschrieben und durch körperliche Eide nicht bewiesen sind . Egon soll gesagt haben : Fahrt wohl , ihr Melusinen ! Ich habe die Frauen erkannt , die erst Göttinnen schienen und zuletzt nur Fische sind ! Die zweite ... Leidenfrost stockte . Er war zartfühlend genug , zu beobachten , daß der Einblick in die große Welt und ihre wilde , tolle , zügellose Philosophie hierher nicht gehörte . Allein Ackermann schien fast beflissen , diesen Gegenstand , in dem er selbst tiefbewandert war , nicht fallen zu lassen und bemerkte mit Schärfe : Nur heraus ! Jene erste Äußerung kam wahrscheinlich damals vom Fürsten , als er hörte , daß Helene d ' Azimont in Rom sich bald durch Vergnügungen und neue Wildheiten getröstet hat ... Wissen Sie ? Man hört dergleichen . Hab ' ich nicht Recht ? In der That äußerte sich der Fürst mit diesen Worten , als er die Verleumdung vernahm , Helene d ' Azimont hätte in dem Maler Heinrichson für ihn Ersatz gefunden - Ja ! sagte Siegbert . Die Welt lügt ! Das ist Verleumdung ! Ganz recht , antwortete Leidenfrost , ich glaube es selbst nicht ; denn Andre behaupten : Olga Wäsämskoi liebe Heinrichson ... Siegbert wollte aufspringen . Das Messer zitterte in seiner Hand . Er ließ es fallen , er konnte sich selbst nicht halten . So gab er das Zeichen zum Aufbruch und erlöste Selma , deren Herz wallte und wogte , wie ein dem Sturme naher See , von der peinlichen Dunkelheit aller dieser persönlichen Anspielungen . Ohne daß irgend Jemand Anderes als der Vater ihre Unruhe bemerkte , stellte sie die Stühle zurück wie in einem Zustande völliger Besinnungslosigkeit . Aber der Vater , der ihre Neigung ersticken wollte , ließ nicht nach ... Die zweite Äußerung ! drängte er , als es zum Kaffee ging und man sich die Hände reichte . Ist die der schönen Melanie , bemerkte Leidenfrost mehr zu Siegbert hingewandt . Sie sagte zu Ihrem Bruder Dankmar , als sie ihm in einer Gesellschaft begegnete : Was Sie auch von mir hören werden , Dankmar Wildungen , beurtheilen Sie mich nicht früher , ehe ich nicht wenigstens einen einzigen Augenblick mit Ihnen hatte , wie sonst Stunden ! O das sagt ja Alles ! fiel Ackermann lachend ein . Da müssen wir uns tummeln , des Fürsten Vertrauen zu verdienen und die Felder und Gärten zum Frühling und zur Hochzeit schmücken . Warum auch nicht ? Diese Welt der Adligen , wie bunt geht sie durcheinander ! Wo ist da viel Sitte , viel Gesetz ? Dann und wann eine Ausnahme , dann und wann ein treues Leben . Aber im Übrigen ein Chaos von gebrochenen Herzen , gebrochenen Schwüren , wilden Leidenschaften ! Da werden Frauen verkauft , Gattinnen erkauft , Scheidungen kommen und gehen , Kinder aus dreierlei Verhältnissen nennen sich Geschwister , jede Grille wird durch den Besitz ausgeführt , Verschwendung , Leidenschaft - o ich sage Ihnen , wer einmal in diese Sphäre gerieth und von ihren Schwingungen selbst hinund hergeschleudert wurde , den erfüllt ein solcher Zorn über dies Gewühl , daß er wie Simson die Säulen dieser Paläste fassen und sich sammt den Tänzern und Musikanten unter den Trümmern begraben möchte ! Selma verließ das Zimmer . Oleander fragte Leidenfrost nach des Propstes Familie , die er aber zu wenig kannte . Ackermann bestellte bei Fränzchen mit aufgeregten Worten den Kaffee und bot den Maschinenarbeitern , mit denen er sich , wol um sich zu dämpfen , in technologische Unterhaltung einließ , Cigarren an . Siegbert aber suchte einen einsamen Winkel zu gewinnen , eröffnete Otto von Dystra ' s Brief und las mit Erstaunen : » Geehrter Herr ! Ein unbekannter Verehrer erlaubt sich , Ihnen den einliegenden , aus Rom an Jemanden gerichteten Brief mit-zutheilen , mit der Bitte , ihn zu prüfen und bei Ihrer Rückkehr das desfalls Nothwendige genauer zu berathen . Ich bemerke vorläufig nur , daß ich zu den Menschen gehöre , die das Herz für einen leicht zerbrechlichen Krystall , nicht für einen Gummiball halten . Mit Hochachtung Otto von Dystra . « Erstaunt über diese Zuschrift fand Siegbert dann den Brief von Olga , der nicht an ihn , sondern an Rudhard gerichtet war . Etwas abgekühlt von seinem heißen Drang steckte er ihn wieder ein , wenn auch die Spannung und Neugier dieselbe blieb . Selma kehrte zurück und mußte , da sie der Vater heute mit Gewalt tyrannisirte , Musik machen . Leidenfrost flüsterte Siegbert zu , daß er morgen hier noch zu thun hätte , aber schon den Abend kommen wollte , um sich über Vieles , was sie näher beträfe , zu unterhalten . Übermorgen früh wollten sie dann die Reise gemeinschaftlich mit den Arbeitern zurück antreten . Siegbert war einverstanden und versprach mit ihnen zu gehen . Die Frau Pfarrerin beeilte die Rückfahrt ihrer Kinder wegen . Diesmal blieb wieder Hedwig zurück . Das Jüngste hatte sie nicht mitgenommen . Siegbert und Oleander mußten sich zur Trennung entschließen . Ackermann versprach , noch morgen mit Selma Leidenfrost und die Arbeiter bis Plessen zu begleiten , wodurch denn der Abschied von Siegbert verschoben wurde . Als Leidenfrost Diesen an den Wagen begleitete , flüsterte er auf den Vikar deutend : Auf Den werden Sie doch nicht für unser vierblättriges Kleeblatt rechnen ? Doch ! sagte Siegbert ernst und fest . Es sähe gefahrvoll aus um die Ritterschaft des Geistes , wenn solche Gesinnungen nicht gewonnen würden ! Leidenfrost , Sie waren heute ein Kaktus ! Lassen Sie auch die Sinnpflanze gelten . Und wirkt denn mein Bruder ? fragte Siegbert dann noch beim Einsteigen . Vieles und Großes ! antwortete Leidenfrost . Fast erschreckend war diese Antwort . Siegbert erkannte eine Gefahr . Es war ihm , als schlüge plötzlich ein elektrischer Strahl aus den Wolken . Er brannte vor Verlangen , daß der nächste Tag vorüber , zwei Nächte vergangen wären und sie Alle auf den ernsteren Schauplatz ihrer Lebensprüfungen zurückkehrten . Zwei Tage darauf verließen Siegbert und Leidenfrost mit den beiden Arbeitern die Gegend . Man gab ihnen noch das Geleite bis zum Gelben Hirsch und schied dort voll Herzlichkeit und Hoffnung auf eine sie Alle wieder vereinende Zukunft . Fünfzehntes Capitel Des Sohnes Locke Diese strebsamen jungen Männer ! Wie geistesfrisch ! Wie beneidenswerth in ihrer Jugend und Sorglosigkeit ! sagte Ackermann , als er mit Selma allein von Plessen nach dem Ullagrunde zurückfuhr . Selma schwieg und blickte durch die trüben Fenster des kleinen Wagens in die öde von Nebeln verschleierte Gegend . Noch vor einigen Stunden waren sie zu Fünf diese Straße rasch dahin gerasselt . Nun waren sie allein . Der Eine , fuhr Ackermann fort , ist fast zu scharf und läuft Gefahr mit Hinneigung zu den Arbeitenden auch deren Art und Sitte anzunehmen . Dem Siegbert Wildungen wünscht ' ich , die vornehmen Stände rückten etwas aus seiner Nähe und überließen ihn jener Ursprünglichkeit und Kernnatur , die mir in dem viel zu wenig von ihnen erwähnten und doch sie alle zu beherrschen scheinenden jüngern Bruder Dankmar zu liegen scheint . Wie dem auch sei , es ist wahr ; Oleander ist Denen gegenüber nur ein halber Mann . Selma war in der Stimmung , Oleander zu vertheidigen . Er wirkt doch wohlthuend , sagte sie . Es ist doch Liebe und Herz in ihm ! Jener Leidenfrost , magst du seine Kenntnisse noch so rühmen , stößt ab und Siegbert ist flatterhaft , eitel , verwöhnt , versteckt , ganz und gar nicht anziehend . Welche Beschuldigung ! Wie bald hatte er den Kummer um seine Mutter vergessen ! Mein gutes Kind ! Das , was dem Leben des Mannes abgeblüht ist , mag es noch am Aste hängen oder schon abfallen - ein kurzer Schmerz und die Wunde ist geheilt . Wir sterben nicht Alle so , wie uns deine Mutter starb , in dem vollen Bedürfniß , daß sie noch lebe . Was ist diesen jungen Männern die in Angerode einsam lebende Mutter gewesen ! Du sprichst wärmer von ihr , als dieser Sohn , der mir kaum das schöne Erinnerungsblatt zu verdienen schien , das ihm Oleander noch aufgeschrieben ... Wie ungerecht ! Wie streng ! Nein , nein , Selma ! Lies mir jene Worte vor , die du dir entlehnt hast ! Du hast Oleander glücklich gemacht durch diese Theilnahme , diesen Vorzug , den du ihm schenktest . Selma zog ein Papier aus ihrem Kleide , entfaltete es und las , soweit die Bewegungen des Gefährtes es erlaubten , mit sichrer Stimme : O Mensch ! Das Wiederseh ' n ! Ein hehres Wort ! Was lauschest du nicht seinem Wunderklange Und horchst der heil ' gen Stille um dich her ? Und redest du und klingt dein Mund voll Wohllaut , Warum nur frägst du nicht : Was spricht aus dir ? Was hauchte dir Musik in deine Kehle Und lehrt dich reden , jauchzen , singen ? - Thränen Und Klänge sind es , die in ' s Jenseits führen ; Denn was sind Thränen und was ist Musik ! Ach ! Hemme deinen Fuß und horche nur Dem stillen Gottesfrieden der Natur ! Wie feierlich beredtsam dieser Plan , Der zu den blauen Bergen grün sich zieht , Erst Wiesengrün , dann dunkler Tannengrün , Dem Aug ' ein wie erquickendes Gemisch ! Doch führt des Ohres Pforte mehr zur Seele ; Das Echo spricht mit ihr , des Waldhorns Klang , Der in den tiefen Tannengrund getragen , Zurück uns zwiefach , dreifach grüßt , vom Wald , Vom Fels , von Wem wol weiß ich noch ! ... Natur , Ach , du dir selber plaudernde ! Geschwätz ' ge , Im Zwiegespräch belauschte Einsamkeit ! Die Ruh ' hört Ruhe ! Nur das Herz darf schlagen , Ein Vögelchen aus fernem Walde rufen , Die kleine Quelle murmelnd dich umplaudern ... Dann hörst du sie , die stillen Geisterzungen , Die zu dir flüstern : Mensch ! du bist unsterblich , Siehst Die ja wieder , die du scheiden sah ' st ! Willst immer zweifeln ? Immer nur gedenken Der Schauer , da ein liebend Auge brach , Der Schrecken , als ein theurer Athem stockte , Fühlst ewig nur des Todes kalte Hand ? Von Gräbern bann ' hinweg den Zweifelblick ! Such ' dir dein künftig ' Wiedersehn , die Hoffnung , Bei Athmenden und Lebenden ! Und spricht Die Quelle dir , der Vogel nicht vernehmbar , Kannst du den Tag , die Sonne nicht versteh ' n , So laß die Sterne reden , schlage dir Die Blätter des gestirnten Himmels auf , Das große Buch mit gold ' nen Riesenlettern ! Da strahlt ein Licht , das selbst die dunkle Nacht Dem Zweifel und dem Schmerze angefacht ! Ein weihevolles Herz , sagte Ackermann gerührt , eine gewisse Mystik der Naturanschauung , die über das Räthselhafte sich doch nie zum Dunkeln und Unklaren verliert ! Ich nehme meinen Tadel zurück ... Siegbert verdient nicht , sagte Selma , daß ihm Oleander seine Poesie widmete . Wohl , fuhr Ackermann mit geschärftem Blicke auf Selma fort , ich höre dich gern so reden . Warum bezeugst du aber dem sinnigen Dichter nicht größere Theilnahme ? Er ist mit ganzer Seele dein Lehrer : Seit Siegbert ' s Freundschaft hat er an Äußerlichkeit gewonnen : Das Übrige kann eine treue weibliche Hand noch vollenden . Warum zeigst du ihm so oft , Selma , daß dich seine Liebe verletzt ? Selma erglühte . Es war das erste mal , daß der Vater zu ihr ein solches Wort sprach : Liebe ! Sie zitterte fast , erstarrte und legte das Blatt mit eiskalt ersterbender Hand auf die Brust . Da sie keine Antwort auch nur zu denken , geschweige zu sprechen wußte , so sah sie den Vater mit einem bittenden Blicke an , der wohl so viel heißen konnte , als : Vater , warum thust du mir Das und wirfst mich mit dem Wort in solche Schrecken ? Selma , sprach der Vater , ich muß diese Saite , die Gott auch auf deine Seele zur Harmonie gezogen hat , berühren ; denn seit einiger Zeit fühl ' ich , daß zwischen uns ein Geheimniß waltet ... Selma blickte nieder und drückte sich in die Wagenecke , um ihre innere Glut zu verbergen ... Ich will dich nicht tadeln , fuhr der Vater ihre Hand ergreifend fort , daß du bei einer Natur , wie der des Vikars , unterscheidest , was an ihm allgemein menschlich liebens-werth und was es persönlich ist . Es ist nun einmal auch Dies ein Zug des Geistes , daß wir in den Stufenfolgen unsrer Verehrung gewissenhaft unterscheiden . Oleander kann dir heilig und theuer wie ein Bruder sein und doch vermöchtest du ihn nicht so zu lieben , wie ein Mädchen liebt . Aber , Selma , wenn es auch in der Natur des Weibes begründet sein mag , Das , was am Manne liebenswerth erscheint , aus Allem eher als nur und einzig aus seiner sittlichen Gediegenheit herzuleiten , so hüte dich doch , einem gefährlichen Irrthume , von dem ich weiß oder schmerzlich ahne , daß er dich beschlichen hat , zu sehr nachzugeben - Vater , sagte Selma vor Schmerz auffahrend . Was verwundet dich ? Daß ich von deinem Irrthum spreche ? Nein , daß du von Etwas nur redest , was ich aus deinem Munde eher hören soll , ehe ich mir selbst davon gesprochen ! Es ist meine Pflicht , Kind , deine Gefühle zu regeln . Ich verehre und liebe diese heilige Scheu des Mädchens , zum ersten male das geweihte Zauberwort der Liebe zu vernehmen oder wohl gar es auszusprechen . Allein , da du ohne Mutter , ohne dir bekannte Verwandte bist und nur deinen Vater als einzigen erprobten Freund deines Herzens kennst - Ach , rief Selma und warf sich an die Brust des bewegten Mannes , der sie mit seinen Armen sanft an sich zog - Mein Kind , sagte Ackermann strenger . Ich sehe , daß sich dir eine Gestalt , ein Jüngling mit unwiderstehlicher Gewalt eingeprägt hat . Der , den du zuerst hier im Grase an dem Thurme dort liegen sahst , der , der aus den Blumen aufsprang uns freundlich zu grüßen , der , der uns theilnehmend nachblickte , als wir zum Schlosse hinaufwanderten ; der , den du am Morgen bei der Schmiede wiedersahst , der , der mit dir scherzte , dich vor dem bellenden Hunde schützte , mit dir über Amerika plauderte , dann uns begleitete in den kühlen Wald , wo du nicht ertragen mochtest , daß er sich an dem Eichbaum von uns trennte ... Du liebst ja Egon , einen Fürsten . Selma zuckte vor Schmerz auf . Es war ihr , als durchbohrte sie ein Messer und es thäte ihr wohl , zu sterben . Doch hauchte sie das Wort , wie zur Entschuldigung : Nenn ' es nicht Liebe ! Es ist Liebe ! Du unglückliches , unsrer Verhältnisse unkundiges Kind ! Er war unbekannt , in guter Absicht auf seinem väterlichen Erbe , als wir ihn damals sahen . Du fandest ein kindliches Wohlgefallen an ihm , er an dir . Später sah ich , wie der Gruß , den er vom Pferde herab dir auf dem Gelben Hirsch zuwarf , als die große Gesellschaft eben abfuhr , wie sein Gruß und Blick dich durchbohrten . Deine Hast , ihn auf dem Heidekrug wiederzusehen ! Seine Krankheit in der Residenz , sein