! Und so bat ich denn meinem Trebbiner Schützenmajor ab , über den großen Sohn seiner Stadt , der sich nun schließlich als ein Linumer Kind herausstellte , so schlecht unterrichtet gewesen zu sein . Aber auch diese reumütige Stimmung hatte keine Dauer und konnte sie nicht haben . Er war eben doch ein Trebbiner . Eine sich entspinnende Zeitungskontroverse ließ mir , nach Austausch einiger Pros und Kontras , endlich keine Zweifel darüber , daß sich auch dieser Grabstein , in Geltendmachung traditioneller Vorrechte , geirrt habe . Noch einmal also : W. Hensel geb . zu Trebbin . ! Schlußwort Schlußwort Mit diesem IV. Bande nehm ' ich – wenigstens in meiner Wanderereigenschaft – Abschied vom Leser , nicht weil der Stoff erschöpft wäre , wohl aber vielleicht die Geduld . Und ein Band zuviel ist wie ein Tag zuviel , der den guten Besuchseindruck wieder in Frage stellt . Über zwanzig Jahre sind vergangen , seit ich im Sommer 1859 mit diesen Wanderungen begann . Was den Anstoß dazu gab , darüber hab ' ich mich in dem Vorworte zu Band I ausführlicher ausgesprochen , und wiederhole hier nur in aller Kürze , daß es auf einer Tour in Schottland , angesichts eines im Levensee sich erhebenden alten Douglas-Schlosses war , wo mir zuerst der Gedanke kam , » je nun , so viel hat Mark Brandenburg auch . Geh ' hin und zeig ' es . « Auf eaner » Tour « sagt ' ich , war mir dieser erste Gedanke zu den Wanderungen gekommen und ausschließlich als » Tourist « gedacht ' ich daheim ihn auszuführen . Jede wissenschaftliche Prätention lag mir fern . Es drängte mich nur , das eingewurzelte Vorurteil von einer hierlandes auf alle Dinge sich erstreckenden Armut und Elendigkeit zu bekämpfen und durch Hinweis auf diesen oder jenen Schönheits- beziehungsweise Berühmtheitspunkt unsrem so gern in die Ferne schweifenden Märker zu Gemüt zu führen : » Sieh , das Gute liegt so nah . « Und so fuhr ich denn in meine spezielle Heimat , ins Ruppinsche hinein und begann in seinen Luch-und Bruchdörfern umherzuwandern , den Rhin und die Dosse hinauf und hinunter , und gleich das erste Kapitel , das ich schrieb , ergibt denn auch bis diese Stunde , wie lediglich touristenhaft ich meine Sache damals auffaßte . Dies erste Kapitel behandelte » Wustrau « , das am Ruppiner See gelegene Herrenhaus des alten Zieten . Es fiel mir nicht ein , unter dieser Überschrift irgend etwas auf historischem Gebiete Neues über den berühmten alten Husarenvater erzählen zu wollen , vielmehr lief in meinem Vorhaben alles auf etwa folgende Betrachtung und Ansprache hinaus : » Ihr kennt alle den alten Zieten , den Zieten aus dem Busch , der auf dem Wilhelmsplatze steht und zu dem der Alte Fritz sagte : › Zieten setz er sich . ‹ Und ist auch derselbe , der den Zietenritt ausführte , den unser Scherenberg in wahren Steeplechase-Versen besungen hat , und ist endlich auch der , der bei Torgau nicht locker ließ und die Schlacht gewann , die der König schon verloren glaubte ... Nun seht , dieser alte Zieten ist nicht so bloß spurlos aus dieser Zeitlichkeit geschwunden und sitzt auch nicht so bloß , wie ' s uns unser Chodowiecki glaub ' ich gezeichnet hat , oben im Himmel und regiert da mit Gott und dem Alten Fritz um die Wette , nein , nein , er ist auch noch diesseits zu finden und wenn ihr nur an den rechten Fleck Erde kommt , so wird sich euch noch allerhand auftun , kleines und großes , das an ihn erinnert . Und dieser Fleck Erde liegt am Ruppiner See . Da geht nur hin , und wenn ihr erst da seid , so werdet ihr daselbst nicht bloß das Herrenhaus sehen , das er gebaut , und den Park , den er angelegt hat , sondern zugleich auch seinen Grabstein an der äußeren Kirchenwand und sein stattliches Grabdenkmal im Innern der Kirche . Ja , wenn ihr Glück habt und es trefft , daß die Herrschaften oben ausgefahren oder wohl gar verreist sind , so könnt ihr am End ' auch den Säbel sehen , den der Alte nie zog ( ein einzig Mal abgerechnet , wo ' s ihm ans Leben ging ) und könnt auch vielleicht in den Husaren-Ahnensaal eintreten , in dem all die rotröckigen und schnauzbärtigen Zietenschen Offiziere hängen , die den Siebenjährigen Krieg mit durchgefochten haben . All das könnt ihr da sehen und nebenher auch noch dies und jenes hören , allerlei Schnurren und Anekdoten , die von Mund zu Mund gehn . Und wenn ihr dann weiterfahrt , dann werdet ihr ungefähr dasselbe denken , was ich seinerzeit gedacht habe : › Weit hinaus über alles Erwartete ! ‹ « Ja , vorfahren vor dem Krug und über die Kirchhofsmauer klettern , ein Storchennest bewundern oder einen Hagebuttenstrauch , einen Grabstein lesen oder sich einen Spinnstubengrusel erzählen lassen – so war die Sache geplant und so wurde sie begonnen . Und sehr wahrscheinlich auch , daß es dabei geblieben wäre , wenn es dabei hätte bleiben können . Allein dies verbot sich . Ein Vorgehen , wie das eben geschilderte , hatte doch immer ein bestimmtes Maß von Kenntnis und Interesse zur Voraussetzung und mußte von dem Augenblick an hinfällig werden , wo die Voraussetzung selbst es ward und mich im Stiche ließ . In dem Wustrau-Kapitel lagen die Dinge bequem , Wustrau war ein Idealstoff , aber solcher Stoffe gab es in ganz Mark Brandenburg eigentlich nur noch drei : Rheinsberg , Küstrin und Fehrbellin . Über diesen Kreis hinaus versagte sofort das Vorweginteresse , weil das Wissen zu versagen anfing , und schon bei Tamsel und Alt-Möglin , bei Friedersdorf und Friedland ergaben sich arge Verlegenheiten . In ihnen waren einerseits die Schönings und Barfuß ' und andererseits die Marwitz ' und die Lestwitz ' zu Hause . Wer aber waren die Schönings und Barfuß ' ? Und wer waren die Marwitz ' und die Lestwitz ' ? Und das Recht zu dieser Frage nur einen Augenblick zugestanden , war auch die Pflicht zugestanden , sie zu beantworten . Eine Folge davon war , daß ich aus dem ursprünglichen Plauderton des Touristen in eine historische Vortragsweise hineingeriet , und Band II ( Oderland ) ist denn auch mehr oder weniger ein Zeugnis und Beweis dafür geworden , indem er aus einer Anschauungs- und Arbeitsepoche stammt , in der mir diese veränderte Vortragsweise , will sagen das Vorherrschen des Historischen , als unerläßlich erschien . Aber nicht lange , so bemerkt ' ich den Irr- und Gefahrsweg , auf den ich geraten war , und bestrebte mich , mich in die frühere Weise zurückzufinden , ein Bestreben , das in den beiden Schlußbänden , so hoff ' ich , deutlich erkennbar zutage tritt . Auch sie noch weisen genug des Historischen auf , aber es verbirgt sich oder sucht sich wenigstens zu verbergen , und so haben denn Band III und IV auf dem Wege der Kritik und Reflexion etwa wieder die Form und Gestalt empfangen , die mir bei Niederschreibung der ersten Kapitel aus dem bekannten » dunklen Drange heraus « , als die richtigste , jedenfalls als die wünschenswerteste vorschwebte . Der Hinweis auf diese Dinge schien mir geboten und zwar in Abwehr gegen Bemängelungen , denen diese Reisefeuilletons ( so vielleicht darf ich sie nennen ) ausgesetzt gewesen sind . Irgendwo hieß es einmal : » Die nach mehr als einer Seite hin überschätzten › Wanderungen ‹ sind Arbeiten , an denen der Mann von Fach , also der Berufshistoriker , achselzuckend oder doch mindestens als an etwas für ihn Gleichgültigem vorübergeht . « Es mag in diesem Satze sehr viel Richtiges enthalten sein , aber insoweit irrt er und benachteiligt er mich , als er mir Absichten und Strebungen unterstellt , die mir , ein paar der von mir selber angedeuteten Ausnahmefälle zugegeben , absolut fern gelegen haben . Er stellt mich rein willkürlich , ohne meinen Wunsch und ohne mein Zutun , in die Prachtfront der großen Grenadiere , bloß um hinterher auf eine bequemste Weise meine Füsilierschaft , meine Zugehörigkeit zur letzten Rotte der 12. Kompanie vor aller Welt Augen beweisen zu können . Ich hab , aber nie mehr beansprucht als fünf Fuß fünf Strich altes Maß . Wer sein Buch einfach » Wanderungen « nennt und es zu größerer Hälfte mit landschaftlichen Beschreibungen und Genreszenen füllt , in denen abwechselnd Kutscher und Kossäten und dann wieder Krüger und Küster das große Wort führen , der hat wohl genugsam angedeutet , daß er freiwillig darauf verzichtet , unter die Würdenträger und Großkordons historischer Wissenschaft eingereiht zu werden . Ich habe » mein Stolz und Ehr ' « und zwar mit vollem Bewußtsein auf etwas anderes gesetzt , aufs bloße Plaudernkönnen , und erkläre mich auch heute noch für vollkommen zufriedengestellt , wenn mir dies als ein Erreichtes und Gelungenes zugestanden werden sollte . Freilich bleibt daneben bestehen , daß in eben diesen Kapiteln , und zwar unter Zutun und Hilfe meiner über die halbe Provinz hin zerstreuten Mitarbeiter , auch ein bestimmtes Quantum historischen Stoffes niedergelegt worden ist , das eben nur hier existiert 61 und an dem mißachtend vorübergehen zu wollen , ein Fehler wäre , den , so mein ' ich , niemand aus freien Stücken begehen wird , niemand , dem neben dem exakten Kontur auch das Kolorit in der Kunst etwas bedeutet . * Ich erwähnte meiner Mitarbeiter und möchte der hauptsächlichsten derselben etwas eingehender gedenken dürfen . Da sind vorerst die märkischen alten Familien : der Land- und Landesadel aus den Tagen der Putlitz , Quitzow und Rochow her . Die Gefühle für sie sind im Laufe von vierhundert Jahren ziemlich unverändert geblieben , ziemlich unverändert wie sie selbst . Und aus gleicher Ursach ' die gleiche Wirkung . Wirklich , es lebt in unserm Adel nach wie vor ein naives Überzeugtsein von seiner Herrscherfähigkeit und Herrscherberechtigung fort , ein Überzeugtsein , das zum Schaden ebensowohl des Ganzen wie der einzelnen Teile , noch auf lange hin das Zustandekommen einer auf Prinzipien und nicht bloß auf Vorurteil und Interesse basierten Torypartei verhindern muß . Eine solche bedarf eben durchaus des dritten Standes . Es wird aber nur wenige bürgerliche » Honoratiores « geben , die nicht – auch bei konservativster Schulung und Naturanlage – durch den Pseudokonservativismus unsres Adels , der schließlich nichts will als sich selbst und das was ihm dient , in peinlichste Verlegenheit und hellste Verzweiflung gebracht worden wären . Immer wieder bricht es durch , erweist eben noch gehegte Hoffnungen als ebenso viele Täuschungen und macht ein herzliches Zusammengehen auf die Dauer unmöglich . Indessen es gilt politisches und gesellschaftliches Auftreten zu scheiden , und was seinerzeit vom Engländer galt und eigentlich immer noch gilt : » in der Fremde bedrückend , aber zu Haus entzückend « eben dasselbe geflügelte Wort ist auch anwendbar auf unsern Adel . Und weshalb ? Einfach deshalb , weil er sich daheim , an seinem eignen Herd , in sein volles Gegenteil zu verkehren und aus der Starrheit seines non possumus in ein alle Welt sympathisch berührendes laisser passer überzulenken weiß . Er ist eben über Nacht ein andrer geworden . Nicht mehr in die Defensive gestellt , nicht mehr ein kreis- oder reichstäglich Belagerter , der sich , in strikter Befolgung alter Taktik , am besten durch Ausfälle zu schützen glaubt , entäußert er sich einer ihm schließlich selbst unbequem werdenden Stachelrüstung und kleidet sich in das Selbstgespinst seiner vorvorderlichen Tugenden . Und diese Tugenden heißen : ein gut Teil Gutmütigkeit , ein noch größeres von gesundem Menschenverstand und ein allergrößtes von Kritik . Und diese Kritik ist das beste . Mit einem seiner Zuhörerschaft sich alsbald mitteilenden Behagen beginnt er plötzlich alles unter die Lupe seiner ihm angebornen Skepsis zu nehmen und dabei Radikalismen laut werden zu lassen , Urteile von einer Fortgeschrittenheit , als flösse nicht die Nieplitz oder die Notte , sondern mindestens der Hudson oder Potomac an seinem alten Feldsteinturm vorüber . All das freilich nur als jeu d ' esprit , ohne die geringste Neigung , sich andern Tags in allernüchternster Morgenfrühe daran erinnern oder wohl gar beim Worte nehmen zu lassen , aber auch als bloßes Spiel schon erweist es sich als bemerkenswert und verrät uns zur Genüge , daß etwas Helles und Gewitztes , etwas esprit-forthaftes in ihm steckt , und daß die Wurzel jener Selbstsucht , die so vorzugsweis an ihm mißfällt , in allem Möglichen , nur nicht in der Enge seines Geistes zu suchen ist . Er ist vielmehr umgekehrt von einem scharfen und eindringenden , ja , soweit lediglich praktische Dinge mitsprechen , von einem umfassenden Blick , und führt einen Existenzkampf nicht deshalb so hart und erbittert , weil er des Gegners Recht verkennte , sondern gerade deshalb , weil er es erkennt . Er vermag nur nicht den einen letzten Schritt zu tun , den vom Erkennen zum Anerkennen . Alles in allem : sie sind doch anders als ihr Ruf , diese so viel verklagten » Junker « , anders und besser , und es ist nur Pflicht und Wahrheit , wenn ich an die ser Stelle versichere , daß ich einer langen Gesprächsreihe mit ihnen eine Zahl allerglücklichster Stunden verdanke , Stunden voller Anregung und Belehrung , in betreff deren es gleich war , ob das Gespräch in Haus oder Heide , vorm Kamin oder auf dem Pirschwagen geführt wurde . Zu welchem allem ich auch das noch hinzufügen möchte , daß sich mir diese liebenswürdige Verkehrsseite , diese Welt ansprechender und gefälliger Formen unter teilweis sehr erschwerenden Umständen erschloß und zwar zu Zeiten , als ich mich noch als ein absolut Fremder unter unsren ruppinisch-havelländischen und barnim-lebusischen Familien bewegte . Mit einer Dankbarkeit , in die sich etwas von Bewunderung mischt , muß ich jener ersten sechziger Jahre gedenken , wo meine Besuche vollkommen überfallartig stattfanden und ich , mal auf mal , auf gut Glück hin die herrschaftliche Rampe hinauffuhr , in der Tat um kein Haarbreit introduzierter oder empfohlener , als irgendein Feuer- oder Hagel-Assekuranz-Agent . Oft schlug mir das Herz , und mit nur zu gutem Grund , aber niemals hin ich einer Unfreundlichkeit oder Verspottung begegnet , zu der die Situation eigentlich ausnahmelos herausforderte . Vor Köckeritz und Lüderitz , Vor Krachten und vor Itzenplitz , Bewahr uns lieber Herre Gott – das mag politisch auch noch so weiterklingen ; gesellschaftlich und persönlich aber haben es die » Raubritter « von ehedem an nichts wirklich Ritterlichem jemals fehlen lassen 62 und alles Gegensatzes gegen den Inhalt des vorigen Jahrhunderts unerachtet , die Form und den Ton eben dieses Jahrhunderts ( dem des unsrigen so sehr überlegen ) immer zu wahren und immer zu treffen gewußt . Und nun ihr meine Geliebtesten , ihr meine Landpastoren und Vicars of Wakefield ! Ach , auch euch lacht nicht eigentlich die Sonne der Volksgunst , und wirklich , wer euch so zur Synode ziehen sieht , angetan mit jenem Frack und jenem Blick , die zu zeitigen unsrem norddeutschen Protestantismus innerhalb seiner andren Aufgaben vorbehalten war , und wer euch dann sprechen hört über den Zeitgeist , den ihr ändern möchtet und nicht ändern könnt , und über die Juden , die bekehrt werden sollen und doch am Ende nicht wollen – der betet auch wohl wieder » bewahr uns lieber Herre Gott . « Aber mit wie großem Unrecht ! Der in die Residenz verschlagene Landpastor ist eben ein sich selbst Entfremdeter , der morgens vor seinem Spiegelbild erschrickt , und erst von dem Augenblick an , wo die Wichtigkeit und die weiße Binde wieder von ihm abfällt und das schwarzsamtne Hauskäpselchen in sein Recht tritt , erst von diesem Augenblick an ist er wieder er selbst und kehrt zurück in den Urstand aller ihm eignenden guten Dinge . Der ex cathedra sprechende Pastor und der Lehn- und Sorgenstuhlpastor sind so grundverschieden wie roi Henri , wenn er in die Schlacht zieht und roi Henri , wenn der Dauphin auf ihm reitet . Der eine ganz Schwert und Rüstung , der andere ganz Idyll . Und nur den letztren hab ' ich kennengelernt . Kennen und lieben , was ein und dasselbe bedeutet . Denn auch hier wieder nahm ich das Gegenteil von dem wahr , was sich l ' opinion publique als das Kriterium eines Landgeistlichen herausgeklügelt hat , und wenn ich weiter oben sagen durfte , daß ich bei dem Adel auf dem Lande nie der ihm vorgeworfenen Enge der Anschauungen begegnet sei , so bei dem Pastor auf dem Lande nie der ihm vorgeworfenen Unduldsamkeit . Es wird Einzelfälle davon gegeben haben und noch geben , aber sie zu beobachten blieb mir erspart . Ich habe weder die Rationalisten über die Strenggläubigen , noch die Strenggläubigen über die Rationalisten in wirklich gehässigen Woren aburteilen hören , auch nicht in Zeiten brennendster Gegnerschaft , offenster Fehde , gleichviel nun ob Ära Mühler oder Ära Falk auf der Tagesordnung stand . Überall vielmehr bekundete sich ein bestimmter guter Wille , den Gegner auch in dem , was ihn zum Gegner machte , gelten zu lassen , und was abwich von dieser Regel , erwies sich schließlich immer nur als Schein , als ein Ausnahmefall , der lediglich im Temperament und nicht in der Gesinnung seine Wurzel hatte . Der Sanguiniker hielt nicht jederzeit mit seinem Witzwort und der Choleriker nicht jederzeit mit seinem Kraft- und Kernwort zurück , aber all das schuf nur Ausdrucks-und Disputationsformen , die hinter einer hervorblitzenden Kampfeslust eine letzte Friedensgeneigtheit nie vermissen ließen . Ein Zug allgemeinen Wohlwollens , entsprossen aus der richtigen Würdigung einer auf Versöhnung und Liebe gestellten Berufs- und Lebensaufgabe , bekundete sich in allem , in großem und kleinem , und rief mir die ganze Landpastoren-Schwärmerei meiner jungen Jahre wieder ins Leben zurück . Und aus ihren Reihen war es denn auch , daß mir meine recht eigentlichsten Mitarbeiter erwuchsen , solche , die sich ' s nicht bloß angelegen sein ließen , mir den Stoff , sondern eben diesen Stoff auch in der ihm zuständigen Form zu geben . Und dabei welch erstaunliches Wissen im Detail . Immer neue Seiten in Historie , Natur und Volksleben erschlossen sich mir und vergewisserten mich in der übrigens längstgehegten Überzeugung , daß der Glückliche , dem es dermaleinst beschieden sein sollte , die Gesamtheit dieses in hundert Einzelforschungen eruierten und extrahierten Materials in sich zu vereinigen , der Sanspareil sein wird auf dem Gebiete märkischer Spezialgeschichte . So viel über unsere Landpastoren . Und nun ahnt der Leser bereits , vor wem ich mich , als vor dem Dritten im Bunde , zu verneigen haben werde , natürlich vor dem Lehrer , der sich mir , unbekümmert darum , ob ich ihn bei seinen Schulstunden oder bei seinen Bienen- und Rosenstöcken störte , von einem immer gleichen Entgegenkommen erwies . Einen einzigen Ausnahmefall abgerechnet , über den ich in dem Kapitel Malchow des weiteren berichtet habe , hieß es allezeit und allewege : » Klopfet an , so wird euch aufgetan « , und selbst auf brieflich gestellte Fragen , aus denen sich mehr als einmal eine vollständige Korrespondenz entwickelte , bin ich zu keiner Zeit ohne den gewünschten und oft sehr eingängigen Bescheid geblieben . Und mit diesen Lehrern auf dem Lande wetteiferten die Lehrer in der Stadt , aus deren Reihen ich wenigstens eines hier unter Nennung seines Namens gedenken möchte : Garnisonschullehrer Wagener in Potsdam . Unter seinem im Anfange sowohl ihm wie mir unbewußt bleibenden Einflusse war es , daß ich mich aus der historischen Vortragsweise , wie schon eingangs hervorgehoben , in die genrehafte zurückfand und den ursprünglichen Plauderton in sein ihm zuständiges Recht wieder einsetzte . Die ganze Gruppe der Kapitel aus der Umgegend von Potsdam , also Bornstedt , Sakrow , Fahrland , Falkenrehde , Marquardt , Ütz und Paretz am Nordufer der Havel und ebenso Werder , Glindow , Petzow , Kaputh usw. am Südrande hin , entstand en unter seiner Führung , und was von ernsten und heitren Geschichten unter all diesen Kapitelüberschriften enthalten ist , entnahm ich zu sehr wesentlichem Teile seinem immer frischen und anschaulichen , weil überall aus der Erlebnisfülle schöpfenden Unterwegsgespräche . Mit einer wahren Herzensfreude denk ' ich an jene Sommernachmittage zurück , wo wir von den Dörfern und Ziegelöfen am Schwielowsee heimkehrend , auf einer vor ein paar ausgebauten Häusern von Alt-Geltow liegenden Graswalze zu rasten und unser sehr verspätetes Vesperbrot aus freier Hand einzunehmen pflegten , ohne daß der Redestrom auch nur einen Augenblick gestockt hätte . Da vergaßen wir denn der Flüchtigkeit der Stunde , bis die Mondsichel über den kleinen Giebelhäusern stand und uns erinnerte , daß es höchste Zeit sei , wenn wir , oder doch wenigstens ich , den Zug noch erpassen wollten . Und immer rascher und geängstigter ging es vorwärts , jetzt über die Gewehrfabrik und jetzt über den öden und sommerstaubigen Exerzierplatz hin , und nun hörten wir das erste Läuten . O wie das ins Ohr gellte , denn die vollgestopfte Brücke lag noch zwischen uns und unsrem Ziel . Also Trab , Trab ! Und ein ewiges und verzweifeltes » Pardon « auf der Lippe , das uns freilich vor dem üblen Nachruf aller Karambolierten nicht schützen konnte , ging es endlich zwischen den pickenden Sperlingen hin , entlang den Droschkenstand , entlang den Perron und nun hinauf die Treppe , bis ich keuchend und atemlos und mit eingebüßtem Taschentuch in das nächstoffenstehende Kupee hineinstürzte . » Gute Nacht « . Und fort rasselte der Zug . Es war wie Dauerlauf und Turnerfahrt aus alten Schul- und Ferientagen her , und gab einem auf Augenblicke das Gefühl einer ach auch damals schon auf lange hin zurückliegenden Jugend wieder . Und schon das war ein Glück . * Und von manch ' ähnlichen Tagen könnt ' ich noch berichten ! Aber die » Wanderungen « selbst erzählen davon , und so brech ' ich denn ab und schließe mit dem Wunsche , den ich schon einmal und zwar bei Beginn des Werkes aussprechen durfte , » daß das Lesen dieser Dinge dem Leser wenigstens einen Teil der Freude bereiten möge , den mir das Einsammeln seiner Zeit gewährte « . Berlin , 14. November 1881 Th . F. Fußnoten 1 Über Meerrettichproduktion und Meerrettichverkauf stehe hier noch das folgende . Der Herbst ist die Zeit der Lübbenauer Meerrettichmärkte . Jeden Sonnabend , solange das Wasser eisfrei bleibt , bringen die Spreewäldler , namentlich die von Burg , ihre Ware zu Markt , und es bedecken dann 200 bis 300 mit Meerrettich beladene Kähne den Ausladeplatz an der Spree . Groß- und Kleinhändler aus vielen Städten und Ländern erscheinen um diese Zeit , um ihren Einkauf zu machen . In der Regel werden in Lübbenau 20000 Zentner verkauft , was einer Einnahme von 600000 Mark gleichkommt . Ich gehe diese Zahlen ohne Gewähr , wie ich sie finde . 2 Nicht im Schlosse zu Köpenick , aber freilich nur eine halbe Meile davon entfernt , in unmittelbarer Nähe des reizend gelegenen Dörfchens Grünau , starb am 18. Juli 1608 der Enkel Joachims II. , Kurfürst Joachim Friedrich , derselbe , dem die Marken die Gründung des Joachimsthalschen Gymnasiums verdanken . Er kam von Storkow und war auf dem Wege nach Berlin , als ihn der Tod im Wagen überraschte . An der Stelle , wo er mutmaßlich gestorben ist , hat man jetzt ein einfaches , aber eigentümliches Denkmal errichtet . Es ist ein Steinbau , eine Art offener Grabkapelle , deren auf vier Pfeilern ruhendes Dach sich über einem Grabstein wölbt . Zu Häupten dieses Steins , in der einen Schmalwand der Kapelle ( die beiden Breitseiten sind offen und haben nur ein Gitter ) befindet sich ein gußeisernes Kreuz , das einen Kurhut und darunter die wenigen Worte trägt : » Hier starb den 18. Juli 1608 Joachim Friedrich , Kurfürst von Brandenburg . « Der Anblick des Denkmals , namentlich um die Sommerzeit , wenn man durch den offenen Rundbogen hindurch die jungen Eichen grünen sieht , die das Kapellchen umstehn , ist überaus reizend und malerisch . 3 Im Schlosse heißt es , daß der mit Bohlen gedeckte , zwischen Dach und Balustrade hinlaufende Gang im vorigen Jahrhundert als Kegelbahn gedient habe . Trifft dies zu , so darf man kühnlich behaupten , daß , wenigstens in den Marken , an keiner schöneren Stelle jemals Kegel gespielt worden ist . Der einen Kreis von fast vier Meilen umfassende Blick ist entzückend : Wald und Wasser soweit das Auge reicht und mitten im Bilde die Müggelberge . 4 Hofprediger St. Aubin erhielt von der Prinzessin die kleine reizende , dicht bei Köpenick gelegene Besitzung zum Geschenk , die den Namen » Bellevue « führt . Dies Bellevue ist ein Garten mitten im märkischen Sand , eine Oase in mehr als einer Beziehung . Mr. St. Aubin erbaute sich daselbst ein Herrenhaus , ein » Schlößchen « mit Speisehalle und Gartensaal , mit Bibliothek und Empfangszimmern . Es wechselte oft die Besitzer . Um 1850 besaß es Bernhard von Lepel , der hier , in poetischer Zurückgezogenheit , einige seiner besten Sachen dichtete , z.B. » die Zauberin Kirke « . 1852 war » Bellevue « der Sommeraufenthalt Franz Kuglers und Paul Heyses . Einige Jahre später ging es in den Besitz des Pastors Pabst über , der , Gesandtschaftsprediger in Rom , zu dem Bonmot Veranlassung gab » in Rom seien jetzt zwei Päbste « . Komfort , Kunst und Dichtung waren immer an dieser Stelle zu Haus und niemand gewann Hausrecht hier , der nicht zuvor in Rom gewesen war . Ich selbst habe die Zimmer des Schlößchen nie anders gesehen als im Schmuck italienischer Bilder , und oft lagen mehr Pinienäpfel auf den Schränken und Kommoden des Gartensaals umher , als Tannäpfel in den Steigen des Gartens draußen . 5 In Schloß Köpenick befanden sich damals die » Demagogen « in Untersuchungshaft . – Jetzt ist es Seminar . 6 Parallel mit diesem Wege , der sich durch die Heide zieht , läuft die Spree , hinter Bäumen verborgen . An einigen Stellen des Weges , und zwar in der Richtung auf den Fluß zu , hat man den Wald gelichtet und nur gerade noch Bäume genug am Ufer hin stehen lassen , um als grüner Schirm für die Spree zu dienen . Diese stehengebliebenen Bäume sind ziemlich hoch , aber die Masten der Spreekähne sind doch noch höher und so wachsen denn die Obersegel der vorüberkommenden Schiffe weit über die grünen Kronen hinaus . Was diesen Anblick doppelt schön macht , ist , daß die Kiefern am jenseitigen Ufer etwas höher stehen und nun wiederum ihrerseits einen dunklen Hintergrund für die Segel bilden . Wer im Zwielicht hier des Weges kommt , glaubt weiße Riesenvögel langsam und geräuschlos über und an den Wipfeln hinschweben zu sehen . 7 Joachim Ernst v. Grumbkow starb in der Nähe von Wesel ( im Reisewagen ) auf einer Reise des Hofes nach Cleve , am zweiten Weihnachtsfeiertage 1690 . Der Hofpoet Besser sprach in seinem an die Witwe gerichteten Trauergedicht » von dem zwar nicht seligen , aber doch sanften Tod « des Hingeschiedenen . Grumbkow hatte nämlich am Abend vorher zu viel getrunken . Pöllnitz in seinen Memoiren sagt von ihm : » Er liebte die großen Unternehmungen und war kühn in ihrer Ausführung . Man würde seinen Charakter großartig haben nennen können , wenn ihm die Beförderung seiner Familie weniger am Herzen gelegen hätte , für die er große Schätze mit Leichtigkeit zusammenhäufte . Man fand ihn eines Tages tot in seinem Wagen , als er von einem Fest in der Nähe von Wesel zurückkehrte , wo der Wein nicht gespart worden war . « – Wohin man seine Leiche schaffte , oder ob er in Wesel selbst beigesetzt wurde , hab ich nicht erfahren können . In dem intendierten Erbbegräbnis der Grumbkows zu Blankenfelde , anderthalb Meilen von Berlin , steht er nicht . In der Kirche letztgenannten Dorfes , die , wie eine lateinische Inschrift über der Kirchtür angibt , von v. Grumbkow erbaut wurde , befindet sich eine schon bei Lebzeiten desselben ausgemauerte Gruft und ein großer Grabstein darüber . Die Inschrift dieses Grabsteins lautet : » Erbbegräbnis des Wohlgebornen H. H. Joachim Ernst ' s v. Grumbkow , Sr. churfürstlichen Durchlaucht zu Brandenburg höchst ansehnlichen , wirklichen Geheimen Etats- und Kriegs-Raths , Oberhof-Marschalls , General-Kriegscommissarii und Schloßhauptmann , Erbherr auf Grumbkow , Runo , Cuno , Darlin , Nieder-Schönhausen , Blankenfelde und Charo . « Hiermit schließt die Inschrift . Der freigelassene Raum zeigt , daß die Daten von Geburt und Tod hier angegeben werden sollten . Dies geschah aber nicht , weil der Bewohner ausblieb . 8 In seinen Anfängen soll derselbe schon 15 Jahre früher vorhanden gewesen sein . – 1672 , was hier eine Stelle finden mag , gab es nur elf Parks in der Mark Brandenburg , die nach Beispiel und Vorbild des Großen Kurfürsten und vielleicht auch auf Wunsch desselben angelegt waren . Es waren die folgenden : 1. der Sparrsche zu Prenden , 2. der Dohnasche zu Schönhausen , 3. der Otto von Schwerinsche zu Alt-Landsberg , 4. der Löbensche zu Schenkendorf , 5. der Raban von Cansteinsche zu Lindenberg , 6. der B. von Pöllnitzsche zu Buch , 7. der Caspar von Blumenthalsche zu Stavenow ( Priegnitz ) , 8. der von Götzsche zu Rosenthal , 9. der von Borstellsche zu Hohen-Finow , 10. der Heydekampsche zu Rudow und 11. der Franz von Meinderssche zu Berlin , vor dem ( damaligen ) Stralauer Tore . 9 Diese » Prinzenallee « ist nicht mit der großen gradlinigen Allee zu verwechseln , die als Hauptverkehrsstraße von Berlin nach