irrte um die Freyung , wo sich ihm ein so schnell gefundener Freund so schnell wieder entzogen hatte ... Er irrte in die Nähe der dunkel gelegenen Kirche , wo die Gedächtnißmetten für Angiolinen gehalten wurden ... Er irrte einem Platze zu , wo sich die stolzen Gebäude des Kriegsministeriums erheben , bei dem er sein Abschiedsgesuch zurückzunehmen gedachte ... So kam er zu den sogenannten » Obern Jesuiten « , zum Haus des heiligen Stanislaus ... Eine Weile stand er trauernd in der dunkeln Gasse ... Da hörte er einen getragenen Gesang aus einem hintern Hofe her mit einfacher Klavierbegleitung ... Therese Kuchelmeister machte mit den Professoren Dalschefski und Biancchi das nicht zugelassene , in schneller Begeisterung gemeinschaftlich aus alten Studien zusammengestellte Requiem ... Bei einem sanften Minore , in dem die Worte : Dona eis pacem ! erklangen , ließ Therese mit den Worten : Jesus , der Graf ! die Noten fallen . 12. Einmal , eh ' sie scheiden , Färben sich die Blätter roth , Einmal noch in Freuden Singt der Schwan vor seinem Tod - Und an edeln Bäumen , Wenn der Winter vor dem Thor , Bricht in irrem Träumen Wol ein Frühlingsreis hervor - Stirbt der Lampe Schimmer In des Dochts verkohltem Lauf , Zuckt mit hellem Flimmer Einmal noch die Flamme auf - Einmal wird gelingen , Eh ' mein Stundensand verrollt , Mir von guten Dingen Eines noch , was ich gewollt - Eins wird sich erfüllen , Eine Freude wird , wie Wein , Schäumen - überquillen - ! Mag es dann geschieden sein . So fühlte Bonaventura in einem Winter , wo die Novembertage noch fast sommerliche Sonnenstrahlen entsendeten und die Mandelbäume zum zweiten male zu blühen , die Hecken neue Sprossen zu treiben begannen ... Die Vorlagen waren fertig , die Bonaventura , überdrüssig der wieder aufs neue begonnenen Anfeindungen - - jetzt infolge seiner Predigt - sich in der That erboten hatte , dem Cardinal-Legaten in Wien zu überbringen ... Benno hatte überraschend schon aus Rom geschrieben und welchen Inhalt barg sein der Sicherheit wegen durch reisende Geistliche überbrachter Brief ! ... Wie erschütternd , wie befruchtend für ein ganzes Leben ! ... » Komm ' auch Du herüber « , hieß es nach der Erzählung alles dessen , was Benno in so wenigen Tagen erlebt hatte ; » ich weiß einen Bischofssitz in Italien , der nur allein Dir gebührt und der Dir angetragen wird , sobald Du in Wien angekommen bist und an einem gewissen Altar zu Maria Schnee dreimal celebrirt hast « ... Er hatte den Sitz , um Aufregung wegen Paula zu vermeiden , nicht genannt ... Und vom Onkel Levinus war in der That die feierliche Aufforderung gekommen , seine Ermunterung zu Paula ' s Ehe zu wiederholen , aber nur erst dann , wenn er den Grafen Hugo persönlich gesehen , gesprochen und seine Würdigkeit geprüft hätte ... Im ersten Schmerz nach dem Empfang dieses Briefes sagte Bonaventura : Das ist das erste strafende und herbe Wort , das ich aus Paula ' s Munde vernommen ! ... Eine auferlegte Buße ! Eine Strafe ! ... Sie will , daß ich den Kelch , den ich ihr so kalt reichte , selbst leeren helfe ! ... Jedes Glöcklein in der Mette , jeder Orgelton sprach ihm jetzt : Sustine et tolle ! Halte aus und trage ... So wollte er denn reisen und länger fortbleiben ... Er wollte nach Italien , nach Rom ... Er nahm Urlaub auf ein Jahr ... O du Kreuz , du Holz der Sühne , Wahres Heil der Welt , o grüne , Grüne , blühe , sprosse fort - ! war der Text seiner Abschiedspredigt ... O crux , lignum triumphale , Mundi vera salus , vale , Fronde , flore , germine - Worte des Hugo von Aurelia , die ihm Gelegenheit gaben , auch von der » Schönheit der Leiden « zu sprechen ... Bonaventura stand wieder unter doppelter Anfeindung ... Ebensowol von der Regierungs- wie von der kirchlichen Seite ... Zwar hatte er die Genugthuung erhalten , daß gegen Cajetan Rother eine Untersuchung eingeleitet wurde , die der junge Enckefuß mit Erbitterung führte ... Bonaventura hatte in Betreff der jetzigen Madame Piter Kattendyk richtig geahnt , daß der ungetreue Hirt den religiösen Hang und Treudchens Trauer ebenso gemisbraucht hatte wie ihre geringen Geisteskräfte ... Er hatte sie zur Heiligen - methodisch erziehen wollen ... Der Kampf der Curie , um eine solche Offenbarung bestialischer Verwilderung nur innerhalb der geistlichen Gerichtsbarkeit zu bestrafen , ging aufs äußerste ... Die Kirche ist gegen die Verbrechen ihrer Kleriker strenger , als irgend ein weltliches Gesetz ; nur will sie dann allein strafen und dem Staat den Einblick versagen ... Bonaventura mußte Zeugenaussagen vor Gericht geben - Auch das mehrte sein Unbehagen . Er sehnte sich für immer fort ... Er hatte die Ahnung , nicht wiederzukommen ... Je vollständiger die Rüstung Bonaventura ' s zu seiner Reise sich abschloß , je mehr sie den Charakter annahm , den nur allein Renate nicht bemerkte , daß er vielleicht in ein ganz nur der Gelehrsamkeit gewidmetes Benedictinerkloster an der Donau oder in der Schweiz trat , desto banger wurde ihm die Erinnerung - - an Lucinde ... Wird sie , sie dich so ziehen lassen ? sagte er ... Er erfuhr von Thiebold , daß sie zwar aus dem Kattendyk ' schen Hause zur Frau Oberprocurator Nück gekommen wäre , aber nur auf acht Tage , und daß sie plötzlich dort verschwunden war ... Thiebold erröthete , als er gestand , daß Nück in seiner Verzweiflung auch zu ihm gekommen war und ihn gebeten hatte , beim Domkapitular anzufragen , ob dieser keine Auskunft über sie wisse ... Bonaventura nahm acht Tage vor seiner Reise keine Beichte mehr ab ... Er erschrak theils über die Voraussetzung seiner nähern Bekanntschaft mit Lucindens Verhältnissen , theils in Vorahnung , daß mit dieser Nachricht vielleicht wieder seine Reise in Zusammenhang gebracht werden mußte ... Die Abschiedsscene vor seiner Reise nach Witoborn , die Erinnerung an die damals gegen ihn ausgestoßenen Drohungen stand schreckhaft vor seiner Phantasie ... Noch vor acht Tagen begegnete ich ihr in der Kathedrale , sagte er ... Sonst seh ' ich sie ja schon lange nicht mehr , da sie meinen Beichtstuhl nicht - besucht ... » Besuchen darf ! « - hallte es in Thiebold wieder ... Es wußte dies die halbe Stadt ... Nachdem Thiebold mit tausend Segenswünschen , mit guten Rathschlägen , mit Grüßen an Benno , mit Verwünschungen der großen Demosthenes-Rolle seines Vaters bei den Landständen gegangen war , fiel erst recht der Schrecken der Mittheilung über Lucindens spurloses Verschwinden auf Bonaventura ' s Brust ... Es war am Abend vor der Abreise ... Sieben Uhr ... Draußen schon lange alles finster - Sein Gepäck geordnet ... Dann und wann blickte er auf die matterhellten öden Gänge des Kapitelhauses ... Es war ihm , als müßte es plötzlich pochen und als würde ihm wieder eine äußerste Erregung kommen ... Konnte er sich verbergen , daß er Tag und Nacht an Lucinde dachte ! ... Furcht vor ihren Drohungen zwang ihn dazu ... Jeder irgendwie bedeutendere Vorfall in seinem Leben weckte die Erinnerung an die ihn betreffenden Verhältnisse , die sie in ihrer ewigen Obhut zu haben erklärt hatte ... Diese Drohung , daß sie jeden Segen , den er zu verbreiten hoffte , in Fluch verwandeln könnte , vergaß er nicht und nahm sie , immer und immer wieder gedenkend , nicht so leicht , wie der Onkel ihm gerathen hatte ... An diesem Abend vor seiner Abreise kam ihm wieder die trübe Vorstellung mit ganzer Macht ... In sich steigernder Angst hatte er seine Thür verriegelt ... Er hatte sich allen Abschieden entzogen ... Die Briefschaften an den Cardinal Ceccone , in denen die Curie um die Nachgiebigkeit Roms flehte , lagen in einem geheimen Fach eines seiner mehrern Koffer ... Er rechnete an seiner Baarschaft , siegelte die Briefe nach Witoborn und Kocher am Fall und wollte zeitig zur Ruhe ... Das Dampfschiff brach schon in erster Frühe auf ... Er hatte die Karte vor sich ausgebreitet ... Sein Auge schweifte bald auf die nächsten , bald die entferntesten Gegenden ... Auf Kocher am Fall , wo ihn ein Bangen ergriff : Den theuern Onkel siehst du nicht wieder - ! ... Auf Westerhof und Witoborn , wo so viele Herzen gerade jetzt mit gleichen Empfindungen an ihn denken mochten ... Paula ! ... Ein verklungener Glockenhall ... Jene » letzte Freude « seines Liedes vielleicht - » aufschäumend « vor dem Tode ... Die eigene Mutter - die ihre Theorie vom Nichtwissen , das dem Menschen bei mislichen Dingen besser wäre , als Wissen , auch auf die Verhältnisse mit Benno übertrug und dem Sohn noch vor kurzem geschrieben hatte : » Wittekind ist so gewissenhaft ; rege ihn nicht auf mit Benno ' s Mittheilungen aus Wien ! Allein schon die Nachricht über den Tod Angiolinens raubte ihm die Ruhe der Nächte « ... Auf die Donau sah er dann , auf Wien und seine Umgebungen , wo er den Grafen Hugo prüfen sollte - ! Prüfen , glaubte er , ohne daß es Graf Hugo wußte - Ach , es war wieder jene Welt der Beichtgeheimnisse , in denen er lebte , jene Welt , wo der Sohn vom Vater , die Tochter von der Mutter , der Schüler vom Lehrer , Gesinde von der Herrschaft spricht ... Schon hatte er jene katholischen Priesteraugen , die so irrend umgehen ... Wird es dir in Rom , auf das er blickte , gehen wie dem Augustinermönch Luther ? ... Wirst du Castellungo berühren dürfen und deine Mutter - wirklich als in Bigamie lebend erkennen ? ... Wirst du dich nur bei Nacht zu Frâ Federigo stehlen dürfen , wie Nikodemus zum Herrn ? ... Wirst du so fortleben in deinem Beruf ? Halb in Haß , halb in unerklärter Liebe zu ihm ? ... Wo ist Versöhnung ? ... Und siehst du Benno und die beiden flüchtigen Alcantariner ? ... Siehst du das Schreckbild unsers Glaubens Klingsohr ? ... Siehst du den » Abtödter « , der - vielleicht am Brand in Westerhof betheiligt ist ? ... Sinnend fiel sein Blick auf die Karte dahin und dorthin ... Mit den Alpen brach sie ab ... Da lag noch der St.-Bernhard ... Da lag St.-Remy , wo sein Vater begraben sein sollte ... Da Aosta ... Dann dachte er wieder , grade diese Gegend müsse er meiden , eben des Vaters selbst wegen , der todt sein wollte ... Zuletzt ging es auf der Karte bergab gen Süden mit hundert kleinen Gebirgswässern , die wie Fäden eines Nervengeflechts dahinschossen , durchschnitten vom Längenmaß der Karte ... Castellungo , Cuneo und Robillante lagen tiefer abwärts , am Fuß der Meeralpen , jenseit Turins ... So in das geheimniß- und verhängnißvoll Leere blickend , erschrak er vor einem plötzlichen Pochen ... Er glaubte sich geirrt zu haben ... Das Pochen war leise und wiederholte sich nicht ... Das große Gebäude war in seinem Haupteingang verschlossen ... Eines Ueberfalls verdächtiger Personen konnte er nicht gewärtig sein ... Das Pochen erfolgte nach einer Weile zum zweiten mal und Bonaventura glaubte nun schon nicht anders , als Lucinde stünde draußen ... Der erste Strom , der sich von seinem erregten Gemüth über alle seine Nerven ergoß , war Todschrecken ... Seine Hand langte nach dem Klingelzug und klingelte ... ... Es währte lange , bis seine trauernde Renate kam und die verweinten Augen barg ... Sehen Sie doch , wer draußen ist ! sagte er bebend ... Ist es - die Ihnen - bekannte - Person , so bin ich nicht zu sprechen ... Mit diesen Worten ging er in das Nebenzimmer und horchte an der Thür , wer sich meldete ... Renate hatte geöffnet ... Die Stimme mußte nur leise sprechen ... Bonaventura konnte nichts vernehmen ... Renate kam zurück und berichtete : Es ist eine kleine gebrechliche Person ... Eine Jüdin , wie sie sagte ... Den Namen hab ' ich nicht behalten ... Eine Jüdin konnte zu Bonaventura nur kommen , um über die Taufe zu sprechen ... Der Fall war ihm neu ... Lucinde war es jedenfalls nicht ... Diesem Besuch konnte er sich nicht entziehen ... Ich esse nur wenig zu Nacht , sagte er milder zu Renaten , und gehe dann zeitig zur Ruhe ... Renate seufzte und ließ ihren » Sohn « allein ... Er betrat sein Zimmer ... Die bescheidene Jüdin war auf dem Corridor geblieben ... Treten Sie doch näher ! sagte er und leuchtete mit der Studirlampe an die wieder von ihm geöffnete Thür ... Eine kleine Person , in einen schön glänzenden schwarzen Atlasmantel gehüllt , der beim Verbeugen aufschlug und die rechte Schulter etwas höher zeigte , als die linke , in einem warm gefütterten großen Hut , aus dem zwei lange schwarze Locken und im Grund nur eine Nase heraussahen , trat einen Schritt näher und bat für die späte Störung um Entschuldigung ... Womit kann ich dienen ? fragte Bonaventura und stellte die kleine grünlackirte Studirlampe auf den Tisch , dem befangenen Besuch einen Sessel darbietend ... Ich würde nicht gewagt haben - begann die kleine Gestalt - Herr Priester - Hochwürden - in so später Stunde - aber da ich - Verwandte - die von Ihrer Güte , lieber Herr - ich meine Herrn Seligmann in Kocher am Fall - ... Herr Löb Seligmann ! unterbrach Bonaventura die nur hustend , athemlos und räuspernd hervorgebrachten Worte mit der ihm eigenen Herzlichkeit ... Ist der Treffliche ein Verwandter von Ihnen ? ... Nicht zu nah und nicht zu fern ! Gerade wie bei Verwandtschaften am besten ... lautete die schon dreistere Antwort Veilchen ' s , die jetzt ihren Namen Igelsheimer wiederholte und sich setzte , indem sie , als Bonaventura ihren Namen fragend nachsprach , sogleich fortplauderte : Für unsere Namen können wir Juden nicht ... Die hat uns die Polizei gegeben ... Wenn auf die Aemter zu viel Moses und Isaaks und Abrahams kamen und die Schreiber nicht wußten , welches der Abraham Moses und welches der Moses Abraham war , so nahmen die Herren Actuare voll Zorn ganze Gemeinden her und sagten : Dem wollen wir bald ein Ende machen ! ... Und da die Juden ohnehin die Vorstellung von Thieren auf der Jagd wecken , so kamen die schönen Namen Bär , Hirsch , Löwe , Wolf , Adler , auch Hausthiere : Ochs , Kuh , Rindskopf , Rindsmaul - Nur den Esel gaben sie keinem , weil Dummheit auf keinen von unsern Leuten passen wollte ! Andere Namen sind nach den Orten gewählt , wo die Leute her sind , Fuld , Worms , Oppenheim - Ich weiß nicht , wo auf Ihrer Landkarte da mein Stammsitz Igelsheim liegen mag ... Durch diese überraschend dreiste , aber anspruchslos vorgetragene Rede war Bonaventura gewonnen ... Er stützte den Arm auf seine Landkarte und rückte die Lampe näher , um , wie er sagte , vielleicht einen Familienzug mit der braven Frau Lippschütz zu entdecken , die in Kocher am Fall zu seinen speciellen Gönnerinnen gehört hätte ... Ich bin aus der Art geschlagen ! sagte Veilchen . Die Seligmanns sind sich untereinander nicht ähnlich . Der , bei dem ich wohne , Nathan ist er geheißen , in der Rumpelgasse , gleicht zu seinem Bruder , wie ein Holzapfel einem Paradiesapfel ... Bonaventura hörte kaum den Namen der » Rumpelgasse « , als er sich auf Lucindens letzte Beichte , auf Klingsohr ' s Beziehung zu dem Trödler Seligmann und die dabei erwähnte Hülfe einer Jüdin besinnen mußte ... Schon betroffen fragte er nochmals , womit er dienen könnte ... Veilchen machte eine Pause und sprach , ihre zurückkehrende Verlegenheit durch das Lüften ihres Mantels verbergend : Herr Priester ! Ich möchte mir die Frage erlauben : Was halten Sie - von - der menschlichen Consequenz ? ... Bonaventura glaubte nun doch , daß von einem Religionsübertritt die Rede sein sollte und antwortete : Sie kann eine große Untugend sein , wenn sie mehr ist , als Treue gegen uns und andere ... Mit Erlaubniß ... Treue gegen andere kann nicht Consequenz sein , entgegnete Veilchen ... Was die andern Liebe und Treue nennen , die man ihnen gewähren soll , führt den Menschen immer im Kreise rundum ... Die Liebe ist ja das eigensinnigste Ding von der Welt und Gegenliebe kann nicht consequent sein ... Bonaventura fand in diesen Worten keinen Uebergang zum Bedürfniß der Taufe ... Ich sagte schon , sprach er , daß ich die gerade Linie in unsern Handlungen nicht liebe , wenn sie zum todten Gesetz wird ... Aber keine wahre Liebe wird Untreue gegen uns selbst verlangen ... Herr Priester , die Liebe will den Löwen zum Hasen , den König zum Bettler , den Philosophen zum Narren machen - Können Sie bleiben , was Sie sind , so hört die Liebe auf ... Frauenliebe gewiß ... Eine Frau verlangt , daß der Mann um ihretwillen seinen Glauben abschwört ... Sie verlangt ' s nicht immer und nicht im ganzen Jahr und nicht bei feierlicher Gelegenheit ; aber wenn sie gerade schlecht geschlafen hat , sagt sie : Das hilft gegen Kopfweh ! und es muß dann sein ... Wohl jedem , der von einer solchen Liebe verschont wird ! entgegnete Bonaventura lächelnd ... Aber alle Liebe ist so ! meinte Veilchen ... Die Liebe will im andern untergehen , um in sich selbst - - desto schöner wieder aufzustehen ... So lieben wir einen Mann , so die Natur , so Gott ... Was ist Religion , Herr Priester ? ... Gefühl von Kraft oder Schwäche ? ... Bei den meisten wol nur von Schwäche ... Gott soll uns lieben , weil wir ihn lieben ... Er soll uns das ewige Leben dafür auswechseln ... So sind wir auch meist uns selbst getreu , d.h. » consequent « , weil uns Inconsequenz ein heroisches Opfer kosten würde ... Wo sollen diese Sophismen hinaus ? dachte sich Bonaventura ... Sie werden ungeduldig ! sprach Veilchen , blickte nieder , schwieg eine Weile und begann ihren Hut etwas aufzubinden ... Die Verlegenheit machte ihr heiß ... Bonaventura nahm ihr ganz den Hut ab und legte ihn auf den Tisch ... Danke ! sagte sie , indem sie sich die langen Locken strich ... Ich bin eitel ... Sie könnten glauben , mein Gesicht wäre blos Nase ... Sie ist freilich mein stärkstes Organ geworden ... Alle Menschen haben in ihrem Alter einen Theil des Körpers , der die Oberhand gewinnt ... Beim einen ist ' s der Magen , beim andern die Galle , beim dritten die Leber - bei mir die Nase ! ... Ein feines Organ ! ... Der Sitz der Phantasie ! ... Die Phantasie hab ' ich in meiner dunkeln Rumpelgasse nöthig ! ... Ich gehe des Jahrs nicht zehnmal an die Luft ... Ich will nicht ! ... Was sag ' ich - » will nicht ! « ... Mein Wille stellt sich an den Kleiderschrank und wird verdrießlich , wenn er kein Kleid findet , das ihm zum Ausgehen paßt ... Consequenz ! Wille ! ... Ich kenne z.B. ein schönes junges Mädchen - ... Veilchen hielt inne ... Ihr Auge blitzte forschend auf ... Bonaventura athmete hörbar ... Dem schönen Mädchen hab ' ich oft gesagt : Deine Liebe , Kind , ist ein Irrthum ; ist blos eine Lüge gegen dich selbst ! Dich verzehren Eifersucht , Stolz ! Deine Liebe gegen den gewissen Mann ist sogar blos Rache ! Willst ihn nur quälen , immer an dich erinnern - sagst darum : Ohne ihn sterb ' ich ! ... Das Mädchen gibt ' s zu . Gibt zu , daß ich ihr sage : Du bedarfst dieser Einbildung , um Kraft zu haben , nicht gegen andere schwach zu sein ! Möchtest sündigen - wenn die Natur sündigt - aber aus Berechnung klammerst du dich an deinen Wahn - nennst den Treue ! ... Schüttelt sie den Kopf ! ... Wahr ist ' s , das Mädchen ist geflohen vor einem schlechten Mann und wohnt versteckt in meinem Schlafstübchen und ist krank - aus » Liebe ! « ... Bonaventura hatte sich bei diesen Worten , die mit einem prüfenden , fast listigen Forschen der von unten her zu ihm aufblickenden Augen vorgetragen wurden , schon erhoben ... Zwei Empfindungen kämpften in seiner Brust ... Ein Gefühl der Entrüstung über die dreiste Absicht dieses Besuchs und die Verzweiflung um Lucindens nicht endendes Wühlen ... Daß er eine Botin Lucindens vor sich hatte , sah er jetzt ... Veilchen erschrak vor seinem Aufstehen und sagte einlenkend : Bitte , mein Herr ! Was ein römischer Priester gelobt hat , ich weiß es sehr gut und hab ' es einst selbst erfahren ... ... Sie haben gewiß , setzte sie mit sich ermuthigendem , schärfern Ton hinzu , von jenem Leo Perl gehört - den Ihr Herr Oheim einst verführte - zu - einem gewissen Betruge ... Dies Wort kam ganz muthvoll ... Bonaventura starrte die kühne Sprecherin an , die über einen so mächtigen Blick dann doch den ihrigen wieder niederschlug ... Bitte , Herr Priester ! flüsterte sie ... Vergebung ... Aber wahr ist ' s doch ... Herr Leo Perl hatte mir die Ehe gelobt ... Ich weiß nicht , ob ich zum Lachen bin , wenn ich mit dieser Gestalt sage , daß ich nach Witoborn reiste mit unserer Base , Henriette Lippschütz , und mit ihrem Mann - und daß wir ein Fenster mietheten dem geistlichen Seminar gegenüber ... Ich war nicht schön , aber ich hatte noch Wangen um diese große Nase ... Ich hatte einen Mund noch mit Lippen ... Kein Bild war ich , aber weiße - unechte Perlen standen mir gut im schwarzen Haar ... Der arme Narr , der ein Heiliger werden wollte , weil er Jesum von Nazareth glaubte bei der falschen Hochzeit beleidigt zu haben - ... Bonaventura konnte keine Worte für sein Erstaunen finden ... Vom Kronsyndikus von Wittekind mein ' ich die Hochzeit mit der Italienerin ! ... Veilchen , die einzige Vertraute Löb Seligmann ' s , sprach fest und bestimmt ... Während Bonaventura vor Entsetzen sprachlos starrte , kehrte Veilchen auf die Erscheinung , die sie am Fenster abgegeben haben mochte , zurück und sagte : Jedes Auge ist schön , wenn Thränen darin stehen ... So erregte auch mein bittender Gruß , mein verzweifelnder Blick in das geistliche Seminar hinüber , wo ich den gelehrten Mann hinter Eisenstäben erblickte , seine Verzweiflung ... Er wollte umkehren ... Ich erfuhr es ... Aber es war zu spät ... Um der Thränen willen , die ich Ihrem Oheim verdanke , Herr Priester , verzeihen Sie mir , daß ich Ihnen in so später Nacht aufs Zimmer komme und Sie bitte : Hören Sie dem Fräulein Lucinde , ehe Sie reisen , und wenn in diesem Augenblick , noch einmal - einmal - die Beichte ... Bonaventura war über die Bekanntschaft einer dritten Person mit diesen tiefsten Geheimnissen seiner Familie außer sich ... Er stand nur , unbekümmert um Lucindens jetzt vorauszusetzende unmittelbare Nähe , unbekümmert um die durch einen solchen Nachtbesuch ihm drohende Beschädigung seines Rufes , und starrte die Sprecherin mit vor Schreck geöffneten Augen an ... Fürchten Sie aber nichts , Herr Priester ! sagte Veilchen ... Das schönste Wissen einer Frau ist das , das sie in ihr Herz einschließt ... Und was ich Ihnen sage , weiß ich auch nur von einem , der , wie unsere ganze Familie , vor dem Dechanten in Sanct-Zeno viel zu viel Verehrung und Liebe hat , um je davon einen Misbrauch zu machen ... Der Mann wird Sie sehen , Sie mögen ihn fragen , woher er diese Dinge in Kenntniß genommen hat und er wird Ihnen ausweichen und Sie blos fragen - nach Bröder ' s lateinischer Grammatik ... Löb - Seligmann ? ! ... sagte Bonaventura mit tonloser Stimme ... Von ihm weiß ich , fuhr Veilchen fort , daß Leo Perl mich nicht aus Untreue verließ , sondern gezwungen durch Umstände , die ihren Grund auch in seinem ungläubigen Aberglauben , seiner geistreichen Narrheit gehabt haben mögen ... Ich weiß aus hundert Briefen , daß er den menschlichen Willen bestritt und nichts gelten ließ , als den Zufall ... Er liebte Ihren Oheim so , daß ich darauf eifersüchtig wurde ... Er nannte überhaupt die Leichtsinnigen erst die wahren Menschen ... Bonaventura hatte nun die äußerste Furcht um Benno ' s Geheimniß , um Lucindens neue Mitwissenschaft so gefahrvoller Verwickelungen ... Diese Furcht äußerte er zunächst ... Werd ' ich , sagte die Jüdin , da ich schon die Liebe des Mädchens zu Ihnen eine Rache genannt habe , noch neue Kohlen darauf schütten ! ... Dann bat sie , daß im Gegentheil der Herr Domapitular den gezwungenen Lauscher auf Schloß Neuhof schonen möchte ... Sie erzählte dessen Abenteuer ... Sie fügte hinzu , daß er zwar die Charaden gehört hätte , aber nicht ihre Auflösung ... Sie verlor sich in die Erinnerung an Leo Perl und schloß : Er fand den Hochmuth der Sängerin Maldachini gewiß nur lächerlich , weil er sagte : Was ist denn Eure Tugend ? ... Die Bequemlichkeit der Umstände ! ... Und seinem Freund , dem damaligen Kaplan von Asselyn , konnte er nichts abschlagen ... Seine Angst und die Scham kam erst , als er die Priesterkleider schon anhatte und die betrogene Frau vor ihm stand ... Da weiß ich , daß er gern hinausgestürzt wäre in den hellen Mondscheinwald und hätte , schon um zu büßen - denn büßen , das ist grade unser Jüdisches - die Kleider nicht wieder abziehen mögen ... Auch daß er zur Sühne an dem Betrug einen andern schönen Park , den in Kocher am Fall , aufgab , den Park , wo ich von ihm Spinoza und Liebe - ohne Leidenschaft kennen lernte , auch das ist diese Kasteiung , die die Christen blos uns Juden verdanken ... Das Christenthum ist die größte Schmeichelei an uns Juden ... Ein Lächeln begleitete diesen Scherz ... Doch es erstarb schnell , da sie Bonaventura ' s Erregung sah ... Sie fuhr fort : Vor seinem Tode gab Perl einem Mönch Namens Hubertus , er ist jetzt in Rom , eine lateinische Schrift , die dieser einem hohen Geistlichen in Witoborn übergeben sollte , aber erst dann , wenn er ohne ein Aergerniß begraben worden wäre ... Seltsam , daß ich diese Schrift gesehen habe ... Ich sah sie in der Hand des Fräulein Lucinde ... Es war in diesem Jänner ... Kurz vor Ihrer Abreise nach Witoborn ... Das Fräulein brachte die Schrift von einer gefährlichen Unternehmung mit , von der Sie ja wissen - als sie den Pater Sebastus aus dem Profeßhause befreien wollte ... Bonaventura stand voll bebender Combinationen : Leo Perl - Seine Reue über den Uebertritt - der Zwang des Kronsyndikus - Seine Pfarre in Borkenhagen - Seine eigne Taufe durch Perl - die Schrift - Lucindens Drohung - ... Veilchen fuhr fort : Es war ein Brief , den ich nicht lesen konnte - in Latein - Aber vielleicht war es derselbe an den Bischof von Witoborn , von dem Löb Seligmann gehört hat , daß er leicht in die Hände Ihres seligen Herrn Vaters hätte kommen können , da dieser gleich nach dem Tode des Bischofs Konrad , der unmittelbar nach dem Tod des Leo Perl erfolgte - die geistlichen Archive - ordnete ... Bonaventura hörte nur - ... Aber er hörte , wie der Verbrecher in Vorahnung eines über ihn gefällten Todesurtheils den Anfang seiner Sentenz lesen hört ... Er wollte nicht verrathen , was in ihm vorging ... Er wollte seinem Antlitz den Ausdruck der Ruhe und Fassung geben ... Umsonst ... Ein eisiger Frost durchschüttelte seine Glieder ... Seine Zähne fingen an zu zittern ... Er ahnte einen tiefen , tiefen , ewigen Verdruß seines Lebens ... Er that einige Schritte vorwärts und sank auf einen Sessel ... Mein Gott im Himmel - ! rief die Jüdin , erschreckend ebensowol über Bonaventura ' s Anblick , wie über ihr Unvermögen , einem ohnmächtig werdenden Manne helfen zu sollen ... Was ist Ihnen ? ... Bonaventura ' s Gedanken konnten nicht anders lauten , als : Lucinde sagte , mit dem Inhalt jenes Briefes könnte sie dich ewig in ihren Händen halten ? Deinen Segen könnte sie in Fluch verwandeln ? Selbst wenn du die dreifache Krone trügest , könnte sie alle deine Handlungen ungeschehen machen ? ... Was gibt ihr diese Kraft ? ... Was gibt dir - diese Unkraft ? ... Bist du - kein Christ - ? ... Bist du nicht getauft - ? ... Bist du nicht - richtig getauft - ? ... Nun schossen seine fiebernden Gedanken weiter : Du bist von Leo Perl in den Tagen getauft , wo sein Gemüth von Reue über seinen Schritt , von Wuth über den Kronsyndikus , der ihn zwang , Priester zu bleiben , ergriffen war ... Diese Stimmung behielt er vielleicht lebenslang ... Seine ganze Stellung war die der Zerfallenheit mit sich , die der Reue über sein übereiltes Christwerden , der Rache für den Zwang , der ihm zuletzt auferlegt wurde , der jahrelangen Verstellung ... In dieser Schrift bekannte er sich schuldig , alle seine kirchlichen Functionen ohne Absicht und Direction des Willens vollzogen , dich und andere » ohne Intention « getauft zu haben ... Der Bischof starb schnell hinter Leo Perl ... Sein Vater nahm die Urkunde an sich und unterdrückte sie ... Leo Perl war todt , das Verbrechen war geschehen , nicht anders