einem alten Kreishauptmann im sächsischen Kurkreise , Herrn Christian Wilhelm von Thümen , dessen Porträt von zwei Engeln gehalten wurde . Weiter unterwärts erblickten wir eine sich in den Schwanz beißende Schlange , mit dem inschriftlichen Zusatze , » daß seine Ehe mit Sabine Hedwig von Schlieben durch achtzehn Kinder gesegnet worden sei . « Wenn uns nun hier ein an Erzvater Jakob erinnernder Segen entgegentrat , so gemahnten dafür andre sich vorfindende Denkmäler : ein Grabstein und eine Schilderei , mehr an Abraham und Sarah . Auf dem Grabsteine lasen wir freilich nur die Worte : » daß Anna von Schlabrendorf , Kuno von Thümens ehelich Gemahl in Kindesgeburt gottselig entschlafen sei « , das Bildnis aber vervollständigte diese kurze Mitteilung in einem ihm angefügten Reimspruche : Hier liegt begraben ohne Qual Kuno von Thümens ehelich Gemahl , Die tugendsame Frau Anna gut v. Schlabrendorf das edle Blut , Welche gegeben war von Gott Dem Kuno von Thümen bis an den Tod . Als ihm eine Tochter sie gebar , Zählte sie siebenundsechzig Jahr . Am ersten Jännertag es war . Sei ihr gnädig Herr und Gott Und helf auch uns aus aller Not . So wenig befriedigend diese Reime sein mögen , so trefflich ist das Bild , unter dem sie stehen . Es ist gute Lucas Cranachsche Schule . Nach Sitte der Zeit Sündenfall , Gesetzgebung , eherne Schlange , Kreuzigung und Auferstehung , alles dicht nebeneinander stellend , gibt es auf engem Raume den Hauptinhalt der christlichen Heilslehre . Dies Bild , zum Gedächtnis Anna von Schlabrendorfs gemalt , ist , wie das künstlerisch beste , so auch das interessanteste , was die Kirche bietet . Keineswegs aber ist die Reihe der Sehenswürdigkeiten und Erinnerungsstücke damit abgeschlossen . In einer Ecke , beinah unmittelbar über dem vorerwähnten Grabstein , hängen Schwert und Sporen 57 eines längst heimgegangenen von Thümen , und in der Höhe des neuerbauten Turmes befinden sich die durch den ganzen Thümenschen Winkel hin bei jung und alt bekannten » Glocken von Blankensee « , daran allerlei Sagen anknüpfen , wie an den Kapellenberg . Es war um die vierte Stunde fast , als wir aus dem Kirchhofstor wieder in die Dorfgasse hinaustraten . Hier hatte sich inzwischen das Bild verändert : die Stille des Sonntagvormittags war hin und die Heiterkeit des Nachmittags hatte begonnen . Um die Dorflinde drehte sich das junge Volk im Ringelreihen und die Dirnen – wie immer tanzlustiger als das männliche Element – deckten jedes Defizit durch Anleihen bei sich selbst . Wir sahen auf das fröhliche Treiben und hätt ' uns jemand die Ehre angetan , wir hätten ' s wohl auf jede Gefahr hin selber noch gewagt . Aber die Versuchung blieb aus und unser Wagen fuhr vor . Und nun mahlten wir wieder durch den Sand . Eine Weile noch , wenn wir uns umsahen , sahen wir die springende Bewegung und die roten Tücher . Dann aber kam eine Biegung des Weges , alles was Bild gewesen , war hin und nur die Posaunen markierten noch den Takt und erzählten uns von dem lustigen Volk in Blankensee , » der Residenz des Thümenschen Winkels « . Trebbin Wilhelm Hensel Wilhelm Hensel Wenn zwei Lose vor uns legt , ein Beschluß der Zeit , Schwer ist ' s , wirklichem Ruf folgen und falschen fliehn ! ... * Sieh , dich lockten indes heimische Triebe bald Fernhin ( wo in des Nords Winter ein edler Fürst Aussät ein Athen des Geistes ) An die skytische , kalte Spree . Platen Wilhelm Hensel wurde den 6. Juli 1794 zu Trebbin geboren , wo sein Vater an der dortigen Marienkirche Geistlicher war . Schon einige Monate später übersiedelte man von Trebbin nach Linum , in dessen Pfarrhause wir denn auch unsern Wilhelm Hensel während seiner Knabenjahre zu suchen haben . Allen erforderlichen Unterricht gab ihm der Vater und bracht ' ihn , gut vorbereitet , auf die Bergakademie . Das war 1809 . Dem schon damals geäußerten Wunsche des Sohnes , sich der Kunst widmen zu dürfen , hatte der Vater nicht nachgeben wollen . Das Talent W. Hensels war aber zu ausgesprochen , als daß die Laufbahn , auf die seine Natur ihn anwies , ihm dauernd hätte verschlossen bleiben können . Seine eigenen Vorgesetzten ermunterten ihn , in seiner Beschäftigung mit den Künsten auszuharren , und als er bei bestimmter Gelegenheit ein Blatt in Wasserfarben ausführte , das innerhalb weniger Stunden eine ganze tropische Landschaft vor aller Augen hinzauberte , drang der Direktor des Instituts in ihn , das Bergfach aufzugeben und Maler zu werden . 58 Den Widerstand des Vaters , der auch jetzt noch fortdauerte , brach endlich der Tod . Pastor Hensel starb 1811 und unser Wilhelm Hensel war nun Maler . Er studierte Anatomie und Perspektive , zeichnete nach der Antike und dem lebenden Modell und bewährte sich als so tüchtig , daß er schon 1812 die Kunstausstellung ( die erste , die in Berlin überhaupt stattfand ) beschicken konnte . Der Frühling 1813 unterbrach die kaum begonnene Laufbahn . Von Jugend auf voll patriotischen Eifers , folgte er dem » Aufruf « und trat in das eben errichtete Garde-Kosaken-Regiment ein . Ein kleines Gouachebild , im Besitz der Familie , stellt ihn blondlockig unter einem schwarzen Barett in dieser phantastischen Uniform dar . Er machte in dem genannten Truppenteile , der sehr bald in Namen und Erscheinung sich borussifizierte , die Schlachten bei Lützen und Bautzen mit , trat dann zu den freiwilligen Jägern über , nahm teil an den Kämpfen des Yorkschen Korps und war unter denen , die zweimal in Paris einzogen . 1815 als Offizier . Hier war es auch , wo er in den Bildersälen des Louvre die Bekanntschaft des Grafen Blankensee machte und den Grund zu einem Freundschaftsverhältnis legte , das bis zum Tode fortbestand . Nach dem Friedensschlusse kehrte W. Hensel zu seiner Kunst zurück , freilich auch zu seinen Bedrängnissen . Seit dem Tode des Vaters war es ihm eine Ehrenpflicht gewesen , für Mutter und Geschwister zu schaffen und zu sorgen ; in diese Pflicht trat er jetzt wieder ein . Er malte Bildnisse , radierte Blätter , fertigte Zeichnungen für Almanache und Kalender , und sah sich durch Arbeiten dieser und ähnlicher Art in seinem Studium allerdings gehemmt ; sein Fleiß indes und sein Vertrauen halfen über alles hinweg . So vergingen Jahre , bis der Winter 1821 plötzlich Wandel schaffte . Um die genannte Zeit ( Januar 1821 ) war das russische Thronfolgerpaar , der spätere Kaiser Nikolaus und seine Gemahlin , zum Besuch in Berlin eingetroffen . Ein großes Fest sollte die Gegenwart beider feiern und man beschloß den eigentlichen Festesinhalt dem eben damals erschienenen und von aller Welt bewunderten Gedichte Thomas Moores : » Lalla Rookh « zu entnehmen . Es war eine gute Wahl : der Gegenstand neu , die Situationen fesselnd , die Kostüme voll orientalischer Pracht . Und so schritt man sofort zur Ausführung . Bei dem großen Interesse , das der Gegenstand damals erregte , mag es gestattet sein , bei dieser Lalla-Rookh-Feier rückblickend einen Augenblick zu verweilen . Was zunächst die Dichtung selbst angeht , die bereits wieder vom Schauplatz abgetreten ist ( jede Zeit hat ihre Lieblinge ) , so ist der Rahmen derselben der folgende : Abdallah , König der kleinen Bucharei , kommt auf einer Pilgerreise , die er nach dem Grabe des Propheten unternimmt , auch nach Delhi in Indien . Hier nimmt ihn Aurengzeb , Beherrscher von Delhi , mit großer Gastfreundschaft auf . Die Vermählung ihrer ältesten Kinder : des bucharischen Prinzen Aliris und der indischen Prinzessin Lalla Rookh wird beschlossen , und soll demnächst in Kaschmir , wo Prinz Aliris zurückgeblieben ist , vollzogen werden . Lalla Rookh verläßt deshalb Delhi und begibt sich mit großem Gefolge nach Kaschmir . Unterwegs wird sie durch die poetischen Erzählungen eines jungen Dichters Namens Feramors unterhalten , der sich unter den Personen befindet , die Prinz Aliris , von Kaschmir aus , zu ihrem Empfang ihr entgegengesandt hat . Vier Erzählungen sind es nun , die ganz besonders die Teilnahme der Prinzessin wecken : » Der verschleierte Prophet von Khorasan « ; » Paradies und Peri « ; die Geschichte » von den Ghebern « und » Nurmahal und Dschehangir « . Zuletzt fällt die Maske und Feramors erweist sich als Prinz Aliris selbst . So der Rahmen . Es ist bekannt , daß die vier poetischen Erzählungen , die wir eben nannten , den eigentlichen Inhalt der Dichtung bilden . Es wurde nun beschlossen , die Aufführung dahin zu regeln , daß das Erscheinen Abdallahs am Hofe Aurengzebs durch einen großen , aus Bucharen und Indern bestehenden Festzug , der Inhalt der vier Erzählungen aber durch lebende Bilder , unter Vortrag eines angepaßten musikalischen Textes dargestellt werden solle . Und so geschah es . Unter den Klängen eines eigens für diese Feier komponierten Marsches setzte sich der aus 168 Personen bestehende Festzug in Bewegung , durchschritt die bekannten Paradekammern des Schlosses , trat in den weißen Saal ein und nahm hier vor der errichteten Bühne Platz . Nun ging der Vorhang auf und in rascher Reihenfolge folgte Bild auf Bild , im ganzen zwölf . Der Erfolg war der glänzendste , wie bei den Kräften , die mitgewirkt hatten , nicht anders zu erwarten stand . Die Dekorationen waren das Werk Schinkels , die Musikstücke waren von Spontini komponiert ; bei Feststellung der Kostüme waren die großen Werke von Forbes und Elphinstone benutzt worden . Alles , was Berlin an glänzenden Namen und bekannten Persönlichkeiten aufzuweisen hatte , war geladen . Viertausend Gäste nahmen am Feste teil . 59 Wir kehren nun zu unserm W. Hensel zurück . Ihm war die Aufgabe zugefallen , die lebenden Bilder zu stellen , und das Geschick , das er dabei an den Tag legte , die Virtuosität vor allem , mit der er jeden Hauptmoment , über die Lauer des Festes hinaus , in Aquarellbildern festzuhalten wußte , verschafften ihm so viel Huld und Wohlwollen , daß man , von jenem Lalla-Rookh-Feste an , einen Wendepunkt in seinem äußern Leben datieren muß . Der König , in Betätigung seines Dankes , gab ihm die Möglichkeit , eine mehrjährige Reise nach Italien unternehmen zu können ; was aber mehr als alles andere bedeutsam und entscheidend für ihn wurde , war , daß Fanny Mendelssohn im Kreise der Ihrigen der Aufführung des Festes beigewohnt und dadurch unserem Hensel Gelegenheit zu näherer Bekanntschaft mit dem Mendelssohnschen Hause geboten hatte . Hensel , alsbald eingeführt und mit dem Bruder ( Felix ) befreundet , glaubte schon im Sommer 1822 um die Hand Fanny M. ' s anhalten zu dürfen ; die Familie jedoch , mit Rücksicht auf die bereits feststehende Reise Hensels nach Italien , hielt es für besser , beide Teile vorläufig nicht zu binden und vertagte die Entscheidung . Die Neigung des Paares überdauerte die Trennung . 1828 kehrte Hensel nach fünfjähriger Abwesenheit zurück und das Jahr darauf vermählte er sich mit seiner von ihm gefeierten Fanny . Die nun folgenden achtzehn Jahre seiner Ehe , einschließlich der ihnen voraufgegangenen fünf Jahre in Rom , wie es die Tage seines Glückes waren , so auch die seiner künstlerischen Produktion . Alles Vorhergehende war Vorbereitung , alles Folgende Nachklang , halb virtuoses , halb geselliges Spiel . Alle seine größeren Arbeiten gehören der eben erwähnten Epoche seines Lebens an . Es sind die folgenden : Transfiguration . Kopie nach Raphael . In Rom 1824 – 28 gemalt . Befindet sich im Raphaelsaal in Sanssouci . Christus und die Samariterin . Rom , 1827 . Ehemals im Besitze Fr . W. ' s IV. Wahrscheinlich in Schloß Bellevue . Vittoria von Albano . Berlin , 1829 – 30. Die Genzaneserin . Berlin , 1829 – 30. Christus vor Pilatus . Berlin , 1832 – 38. Altarbild in der Berliner Garnisonkirche . Mirjam . Berlin , 1836 . Im Besitz der Königin Viktoria von England . Christus in der Wüste . Berlin , 1837 – 38. Im Besitze König Fr . W. ' s IV. Der Herzog von Braunschweig auf dem Balle in Brüssel ( vor dem Treffen bei Quatrebas ) . Berlin . Im Besitze des Lord Egerton . Hirtin im Lande Gosen , Motiv einer Figur aus der Mirjam . Berlin , 1839 . Im Besitze der Herzogin von Sutherland . Lebensgroßes Porträt des Prinzen von Wales . 1843 . Zweimal gemalt . Das eine im Besitze König Fr . W. ' s IV. , das andere im Besitze der Königin Viktoria . König Wenzel . Berlin , 1844 . Befindet sich im Kaisersaale des Römer , Frankfurt a. M. Römische Frauen am Brunnen . Rom , 1845 . Für den Berliner Kunstverein gemalt . Betende Römerinnen . Rom , 1845 . Im Besitze von Paul Mendelssohn-Bartholdy . Felix Mendelssohn . Berlin , 1845 . Lebensgroßes Kniestück . Im Besitze von Sebastian Hensel . Öfter kopiert . Biwak des Herzogs von Braunschweig auf seinem berühmten Zuge nach der Nordsee , vor dem von den Franzosen besetzten Braunschweig . Die Bürger huldigen ihm . – Kolossalbild , für den Thronsaal in Braunschweig bestimmt gewesen . Unvollendet . Des Näheren auf diese Bilder einzugehen , müssen wir uns versagen . Nur wenige Worte . » Christus vor Pilatus « pflegt als seine beste Arbeit angesehen zu werden und wird in der Tat , in Stil und Komposition , von keinem andern seiner Bilder übertroffen ; wir dürften indessen kaum fehlgreifen , wenn wir , unter voller Würdigung eines großen , ihm gewordenen Aneignungstalentes ( dies Wort im besten Sinne genommen ) , dennoch der Ansicht sind , daß seine vorzügliche Begabung nach einer andern Seite hin lag . In eine spätere Zeit gestellt , die , wenigstens in vielen ihrer besten Schöpfungen , idealisierend an das reale Leben herantrat , würde er ein geeigneteres Feld für seine Tätigkeit gefunden haben . Wir kommen weiterhin auf diesen Punkt zurück . Den 14. Mai 1847 starb ihm die geliebte Frau , an der er vom ersten Tag ihrer Bekanntschaft an in schwärmerischer , immer wachsender Neigung gehangen hatte . Hiermit war ein neuer Wendepunkt in seinem Leben gegeben . Er nahm Abschied von jenem heiteren Reiche der Kunst , in das die Lalla-Rookh-Tage ihn eingeführt , in welchem die römischen Tage ihn befestigt und die dreißiger Jahre ihn zu Ruhm und Ansehn erhoben hatten ; er nahm Abschied von diesem heiteren Reiche , sag ' ich , wobei nur einzufügen bleibt , daß dieses Scheiden ein allmählich vorbereitetes Ereignis war . Cornelius ' Erscheinen in Berlin , die gewaltige Tätigkeit desselben und vor allem die großartigen Entwürfe zum Campo Santo , die gerade damals entstanden , hatten ihn bereits um die Mitte der vierziger Jahre fühlen lassen , daß es vergeblich sei , neben diesem Riesen zu ringen . Ein andres Gebiet sich untertan zu machen , dazu war es zu spät . Den Zeichenstift behielt er in der Hand , aber die Palette tat er bei seite . Die bald eintretenden achtundvierziger Vorgänge , schmerzlich wie sie für sein loyales , ganz an dem alten Preußen hängendes Herz waren , erleichterten ihm andrerseits in der Aufregung , die sie schufen , den Übergang aus einem Lebensabschnitt in den andern : aus seinem künstlerischen Schaffen in ein künstlerisches far niente . Die Märztage sahen ihn in Waffen , der alte Jägeroffizier lebte wieder auf , und als Kommandierender stand er an der Spitze des » Berliner Künstler-Korps . « Keiner war dazu berufener als er . Royalist und alter Militär auf der einen Seite , kannt ' er doch andererseits auch die Künstlernatur genau genug , um mit diesem Faktor zu rechnen . So gelang es ihm , dem ganzen Korps , das sich aus disparaten und zum Teil auch wohl desperaten Elementen zusammensetzte , einen preußisch-loyalen Charakter zu geben , und eine Truppe heranzubilden , die wenigstens so zuverlässig war , wie ' s ein solches Freikorps überhaupt zu sein vermag . Die politische Erregung Hensels überdauerte den Sommer 48 , ja sie steigerte sich während des Reaktionsfiebers und schwand erst , als auch dieses geschwunden war . Es kehrten ihm nun ruhigere Tage zurück und an dieselbe Wand , an der die Büchse des freiwilligen Jägers und die Palette des Malers bereits hingen , hing er nun auch das Rüstzeug des Parteikämpfers : die politische Broschüre , den Aufruf und das Wahlprogramm . Er war jetzt über sechzig und die Zeit war da , wo man nicht mehr vorwärts und kaum noch um sich , sondern nur noch rückwärts blickt . Nur in einem blieb er ganz und gar der alte : in seinen geselligen Beziehungen . Nicht mehr die Kämpfe der großen Stadt , auch nicht eigentlich ihre Bestrebungen bewegten ihn , aber dem Leben und Geplauder der mannigfachsten ihm befreundeten Kreise blieb er mit Vorliebe zugewandt . Er war nun ganz das geworden , was man eine » Figur « nennt . Jeder kannte ihn , jeder wußte dies und das von ihm zu erzählen : Guttaten und Schwänke , Bonmots und Impromptus . Er war in gewissem Grade » der alte Wrangel in Zivil « . Dies Gefühl der Zugehörigkeit zu Berlin , in dem er ein volles halbes Jahrhundert gelebt hatte , überkam ihn mit immer steigender Gewalt und nahm schließlich fast die Form einer Krankheit an . Der Aufenthalt bei den liebsten Personen , wenn diese nicht dem hauptstädtischen Verbande zugehörten , begann ihm nach wenig Tagen schon ängstlich und bedrücklich zu werden , und durch all seine Heiterkeit hindurch erkannte man dann eine Unruhe , die nichts anderes war als Heimweh . Ein Gefühl , das manchem ein Lächeln abnötigen wird . Aber es war so . Der Gedanke , von einem Provinzialarzt behandelt oder wohl gar auf einem ostpreußischen Dorfkirchhofe begraben zu werden , barg etwas Trostloses für ihn und sein alter , unerkünstelter Frohsinn kam ihm erst wieder , wenn er die beiden Gensdarmentürme und die Schloßkuppel am Horizont auftauchen sah . So erschien der Spätherbst 1861 . Hensel sollt ' ihn nicht überdauern . Schön , wie er gelebt , so starb er . Eine menschenfreundliche Handlung wurde die mittelbare Ursache seines Todes . Ein Kind aufraffend , das in Gefahr war von einem Omnibus überfahren zu werden , verletzte er sich selbst am Knie . Von da ab lag er darnieder . Am 26. November schloß sich sein Auge . Sein Tod weckte Trauer bei vielen , Teilnahme bei allen . So viel über den Gang seines Lebens . Wir werfen noch einen Blick auf seinen Charakter , seine Begabung , seine Arbeiten , immer nur bei dem Bemerkenswertesten verweilend . Wilhelm Hensel gehörte ganz zu jener Gruppe märkischer Männer , an deren Spitze , als ausgeprägteste Type , der alte Schadow stand . Naturen , die man als doppellebig , als eine Verquickung von Derbheit und Schönheit , von Gamaschentum und Faltenwurf , von preußischem Militarismus und klassischem Idealismus ansehen kann . Die Seele griechisch , der Geist altenfritzisch , der Charakter märkisch . Dem Charakter entsprach dann meist auch die äußere Erscheinung . Das Eigentümliche dieser mehr und mehr aussterbenden Schadowtypen war , daß sich die Züge und Gegensätze ihres Charakters nebeneinander in Gleichkraft erhielten , während beispielsweise bei Schinkel und Winckelmann das Griechische über das Märkische beinah vollständig siegte . Bei Hensel blieb alles in Balance ; keines dieser heterogenen Elemente drückte oder beherrschte das andere und die Neuuniformierung eines Garderegiments oder ein Witzwort des Professor Gans interessierten ihn ebenso lebhaft wie der Ankauf eines Raphael . Seine Begabung , wie schon hervorgehoben , war eine eminent gesellschaftliche . Das bewies sein Leben bis zuletzt . Er exzellierte am Festtisch , war ein immer gerngesehener Gast , heiter , gesprächig , jedem Scherze zugeneigt , und zugleich doch voll jenes feinen Ehrgefühls , das , während es selber die Grenzlinie wahrt , die Linie des Schicklichen stillschweigend auch von andern gewahrt zu wissen verlangt . So schrieb er , als er bei bestimmter Gelegenheit sich verletzt glaubte , folgendes an Graf B. : » Gesellschaftliche Demütigungen sind das verletzendste , was es gibt ! Du weißt , daß ich Standesunterschiede ehre und liebe , ihnen auch gern die äußere Anerkennung zolle ; allein der Höhere , der mich durch Annäherung ehrt , muß auch die Überzeugung fühlen , daß ich meine eigene unantastbare Ehre habe . Nur diesem festen Gange meines Lebens , nie andringend , aber auch nie schmiegsam zurückweichend , hab ich wohl das reiche Maß von Huld und Güte zu danken , welches mir bisher geworden ist . Und wie ich war , werd ' ich bleiben . « Er war heiter und gesprächig , so sagt ' ich . Die Anekdote , der Toast , der Versebrief , das Gelegenheitsgedicht , – alles war ihm untertan . Seine eigentliche Meisterschaft aber , zugleich seine vollste Eigenart , zeigte er auf dem Gebiete des Impromptu . Hier feierte er seine größten und entschiedensten Triumphe . » Bin Onkel Bonbonkel ... « » Da kommt Abeken im Trabeken « – in solchen plötzlich aufschießenden Reimen war er groß und das geschickte Operieren mit einem epigrammatisch zugespitzten Calembourg verstand er besser als einer . Er war kein Dichter , aber man hätte ihn » Wilhelm den Reimer « nennen können . Eine Sammlung dieser » geflügelten Worte « , wenn es möglich wär ' eine solche noch nachträglich zu veranstalten , würd ' ein Witz- und Anekdotenbuch und zugleich eine Personen- und Charakterschilderung aus dem zweiten Viertel dieses Jahrhunderts sein . Von gesellschaftlicher Bedeutung war auch seine Kunstweise , zumal wenn wir von der Zeit absehen , wo er noch unmittelbar unter dem Einfluß Italiens und der großen Meister stand . Was er in der Gesellschaft und für die Gesellschaft schuf , das wird unter allem , was er künstlerisch geleistet , das Dauerndste sein . Es sind dies seine während eines Zeitraums von vierzig Jahren entstandenen Porträts , die , soweit meine Kenntnis reicht , eine in ihrer Art einzig dastehende Sammlung bilden . Diese Sammlung , in Händen seines Sohnes Sebastian H. befindlich , besteht aus siebenundvierzig Jahresmappen , die in einem alten Schildpatt- oder Bouleschranke aufbewahrt werden und die ganze obere Hälfte desselben füllen . Schon die bloßen Mappendeckel bilden eine Sehenswürdigkeit . Bekanntlich gab es in früheren Jahrhunderten auch eine Buchbindekunst , und einer solchen halbuntergegangenen Kunstepoche scheinen diese Mappen anzugehören . Sie sind alle verschieden in Farbe wie Stoff ; Samt , Seide , Maroquin wechseln ab ; das Vergilbte und Verschossene kleidet ihnen gut ; die Goldverzierungen sind schön erhalten ; einzelne tragen auf dem oberen Deckel ein Mosaikbild oder eine Gemme . Darunter ein geschnittener Onyx von der Größe einer Damenuhr , die Entführung der Europa darstellend . Ebenso schön wie wertvoll . Diese siebenundvierzig Mappen nun , die von 1815 bis 1861 reichen und je nach der Jahresausbeute dünn oder voluminös sind , enthalten nicht weniger als 1027 Porträtköpfe . Man darf sagen , alles oder doch fast alles , was in diesem langen Zeitabschnitt in ganz Mitteleuropa zu Ruhm und Ansehen gelangte , das gibt sich hier ein Rendezvous . Gruppieren wir den Gesamtinhalt nach den Nationalitäten , so finden wir , außer ungezählten Deutschen , 52 Engländer , 43 Italiener , 31 Franzosen , 17 Russen und Polen , und in Einzelexemplaren gesellen sich ihnen zu : Griechen , Fanarioten , Rumänier , Montenegriner , selbst ein indischer Fürst und ein Mexikaner . Lassen wir die Scheidung nach Nationalitäten fallen und gruppieren statt dessen nach Beruf und Lebensstellung , so geben die Mappen , unter Ausschluß der Fürstlichkeiten , die das stärkste Kontingent stellen , folgendes an Ausbeute : Dichter , Gelehrte , Schriftsteller 89 ; Architekten , Maler , Bildhauer , Komponisten 62 ; Staatsmänner und Generale 41 ; Schauspieler und Sänger 21. Aus der Gruppe der Dichter , Gelehrten und Schriftsteller stehe hier etwa die Hälfte der Namen . Es sind : Bettina von Arnim ; Maxe , Armgard , Gisela von Arnim ; Boeckh ; Clemens Brentano ; Geh . Rat Bunsen ; Michael Beer ; Dr. Carl Blum ; Professor Droysen ; Ehrenberg ; La Motte Fouqué ; Professor Gans ; Goethe ; Jakob Grimm ; Paul Heyse ; Henriette Herz ; E. T. A. Hoffmann ; Alexander von Humboldt ; Klingemann ; Th . Körner ; Adam Müller ; Wilhelm Müller ; Müllner ; Frau von Paalzow ; Fürst Pückler ; Leopold von Ranke ; Oskar von Redwitz ; Ernst Schulze ( Dichter der bezauberten Rose ) ; Steffens ; Tieck ; Tiedge ; Varnhagen und die Rahel . Wer unser Berliner Leben seit fünfzig Jahren verfolgt hat , wird hier so ziemlich jeden Namen wiederfinden , der , auf schönwissenschaftlichem Gebiet , auf längere oder kürzere Zeit in den Vordergrund getreten ist . Man beachte : Fouqué , Müllner , Hoffmann , Pückler , Dr. Carl Blum , Frau von Paalzow , Redwitz , Paul Heyse . 60 Noch einige kurze Bemerkungen . Hensel hatte keine Feinde , aber er hatte , gerade was diese Porträts anging , Zweifler . Diese haben durch Schelmereien und übermütige Witzworte ( der alte Humboldt sei für den schönen Karlowa gehalten worden ) die Bedeutung dieser Sammlung hinwegspötteln wollen . Aber sehr mit Unrecht . Alle diese Porträtköpfe sind nicht Phantasieschöpfungen , laufen auch nicht auf ein bequemes » corriger la nature « hinaus ; sie verraten vielmehr , abgesehen von einer meisterhaften , unserem Hensel ganz eigentümlichen Technik , vor allem auch eine eminente Begabung für das Charakteristische . Sonderbarerweise haben wir uns neuerdings daran gewöhnt , das Charakteristische vorwiegend im Häßlichen zu suchen , anstatt uns zuzugestehen , daß das Übertreiben nach der einen Seite hin , also das Karikieren und Transponieren en laid , doch mindestens ebenso verwerflich ist , als ein Zuviel en beau . Richtig geübt ist dies eben nichts anderes als der ideale Zug in der Kunst , der doch immer der siegreiche bleiben wird . Die neueste Kunst- und Weltepoche , die » lichtbildnerische « , ist dem Ruhme der Henselschen siebenundvierzig Mappen allerdings nicht allzu günstig geworden . Aber wie immer dem sein möge , der größte Teil dieser Sammlung gibt doch Aufschluß über eine vor-lichtbildliche Zeit und wird über kurz oder lang einen Wert repräsentieren , ähnlich den Initialenbüchern des Mittelalters , aus denen oft Städte , Stände , Persönlichkeiten allein noch zu uns sprechen . Die Mappen Wilhelm Hensels werden dann ein Bibliothekenschatz sein trotz einem , eine Quelle voll historischer Bedeutung , und der Name des Predigersohns aus Trebbin wird zu neuen Ehren erblühen . Am 26. November 1861 war W. Hensel gestorben und am 30. trugen ihn seine Freunde hinaus . Auf dem alten Dreifaltigkeitskirchhof , unmittelbar links vom Halleschen Tore , bereitete man ihm an der Seite Fanny Mendelssohns , deren Andenken er fast einen Kultus gewidmet hatte , die letzte Ruhestätte . Sein Grab zu besuchen , zugleich auch über die Daten seiner Geburt und seines Todes volle Gewißheit zu erlangen , bog ich , in diesen letzten Maitagen , in den dunklen , kastanienüberschatteten Gang ein , der bis an das Tor des alten Kirchhofes führt . » Ist hier der Mendelssohnsche Begräbnisplatz ? « fragte ich . Ein zwölfjähriges , klug aussehendes Kind , an das ich die Frage gerichtet , nickte mir freundlich zu , setzte dann , als ob sich ' s von selbst verstünde , das ihrer Hut anvertraute Schwesterchen ins Gras nieder und sagte : » Kommen Sie nur . Es ist schwer zu finden . « Dabei lief sie vor mir her , ein Gewirr von Gängen und Steigen passierend , und nur von Zeit zu Zeit sich umsehend , ob ich auch folge . Wirklich es war schwer zu finden , schwerer noch als ich gedacht hatte , denn drei , vier Kirchhöfe schoben sich hier mit ihren auslaufenden Spitzen so dicht und eng ineinander ein , wie die Finger zweier gefalteten Hände . Schließlich hielten wir vor einer umgitterten Stelle von mäßiger Größe . » Hier das Mittelgrab ist das Grab von Felix Mendelssohn-Bartholdy . « Sie gab ihm seinen vollen Namen . Daß ich Wilhelm Hensels wegen gekommen sein könne , dieser Gedanke lag ihr fern . Und danach knicksend und meinem Danke sich entziehend , lief sie wieder im Zickzack bis zu der Stelle zurück , wo ich sie gefunden hatte . Die Mendelssohnsche Begräbnisstätte bildet einen Staat im Staat , einen Kirchhof auf dem Kirchhof . Es sind fünf Gräber , alle gleichmäßig von Efeu überwachsen . Darunter ruhen , neben andern Mitgliedern der Familie , Felix Mendelssohn , Fanny Mendelssohn ( die Gattin Wilhelm Hensels ) und endlich Wilhelm Hensel selbst . Dem Hause , dem er im Leben anhing , ist er auch im Tode treu geblieben . Alle Arten von Immergrün fassen das Gitter ein : Efeu , Buchsbaum , Taxus , Lebensbaum und eine hohe Zypresse überragt das Ganze . Die Gräber haben Marmorkreuze ; nur zu Häupten Fanny Hensels steht ein zugeschrägter , schön polierter Granit , der außer Namen und Daten , die Worte trägt : Gedanken gehn und Lieder Fort bis ins Himmelreich Fort bis ins Himmelreich . Auch die Noten der Liedeskomposition sind in Goldschrift beigefügt , was einen sehr eigentümlichen Eindruck macht . Worin übrigens kein Tadel liegen soll . Im Gegenteil . Ich sehe nicht ein , warum nur Fahnen und Kanonen das Vorrecht genießen sollen , als Denkmal- oder Grabstein-berechtigt zu gelten . Je häufiger und konsequenter diese langweilige Tradition durchbrochen wird , desto besser . W. H. ' s Grabschrift lautet : Wilhelm Hensel , Professor und Hofmaler ; geb . zu Linum den 6. Juli 1794 , gest . zu Berlin den 26. November 1861 . Geboren zu Linum . Also doch