jeden Abend wie ihr leiblicher Sohn aus und findet Melanie nur bei der Harder , da dann freilich immer schön , immer reizend , immer liebenswürdig . Lasally ist abgefunden . Schlurck , der Vater , der , wie mir Werdeck nach einem Geschäftsbesuche bei ihm sagte , sehr altern und in seinen Finanzen zurückkommen soll - besonders seitdem sein Faktotum Bartusch fortwährend kränkelt und Geister sieht - Schlurck kann sich mit Egon nicht aussöhnen trotz der Tochter . Es liegt in Egon ' s puritanischer , mit Sinnlichkeit verbundener Strenge eine unbesiegbare Antipathie gegen Schlurck ' s Genußtheorie und unverbesserlichen Indifferentismus . Grade was ihm an Melanie so bequem ist , ist ihm am Vater verhaßt . Auch ist die Frage seiner Finanzen zu wichtig , als daß er nicht in Ackermann das unbedingteste Vertrauen setzen sollte , zumal da Louis Armand über ihn Wunderdinge berichtet hat . Sodann schrieb noch Dankmar , der Bruder möchte Erkundigungen einziehen über den wahren Zusammenhang einer sonderbaren Begebenheit , die sich mit Louis , dem blinden Schmied Zeck , der tollen Ursula Marzahn und einem alten Gauner , Namens Murray , im Walde bei Plessen zugetragen hätte . Louis hätte davon nur dunkel gesprochen und doch hätte er von diesem Vorfall Sonderbares vernommen . Endlich schloß der Brief mit den kurzen lakonischen Worten : » Hast du nichts aus Rom gehört ? Und warum so einsylbig über Selma ? « Von Rom hörte Siegbert genug durch die Fürstin Wäsämskoi , die eine unermüdliche Correspondenz führte . Selma sah er zu flüchtig und besorgte fast , daß der Bruder voraussetze , Selma wäre ihm selbst nicht gleichgültig . Es wäre dies derselbe Irrthum gewesen , in den auch Frau von Sänger verfiel , die natürlich über Siegbert ' s längeres Verweilen in der Gegend sehr glücklich war . Anfangs mußte Siegbert gestehen , daß sie eher betroffen schien über sein Bleiben als erfreut . Er äußerte dies gegen Oleander , der ihn längst mit dieser Frau neckte und ihn mit Scherzen , die eigentlich nicht in seiner Natur lagen , aufzuheitern suchte . Oleander erwiderte darauf , daß er fast glauben möchte , jeder ganz ausgekostete Schmerz hinterlasse eine so volle süße Sättigung des Gemüthes , daß man nicht gern vernehme , der Schmerz wäre umsonst gewesen . Diese junge schöne Frau , sagte er , die nicht ganz so oberflächlich ist , wie sie mir alle neben Selma erscheinen - auch das kleine Fränzchen hat etwas Sinniges und ein innerlich beschauliches Leben - diese einschmeichelnde Frau von Sänger hat sicher heftig darunter gelitten , als Sie von ihr schieden ... Und nun komm ' ich wieder , ergänzte Siegbert mit einiger Bitterkeit , entdecke sie drüben bei Zeisel ' s , sie fällt aus den Wolken . Sie noch hier ? In Trauer ? Was fehlt Ihnen ? Ihre Mutter starb ! Sie Unglücklicher ! Sie Armer ! Aber Sie bleiben bei uns ! Sieh ! Sieh ! Wie lange ? O Das ist schön ! Und warum ihr Schreck ? Das liebesieche Herz hat schon einen der jungen Krieger gewählt , die bei Freiherrn von Sengebusch im Quartier liegen . O , o ! sagte Oleander erschreckend . Sie verleumden ! Geben Sie Acht , wenn wir morgen beim Grafen Bensheim zu Tisch sein werden ! Ich bin ein Träumer , wie Sie , aber meine Kunst zwingt mich doch , die Physiognomieen zu studiren . In der That mußte Oleander Siegbert Recht darin geben , daß Frau von Sänger schon wieder mit einem der Offiziere intriguirt war , die die Cirkel der Umgegend seit der ungesetzlichen Selbsthülfe der Landbewohner belebten . Er fand sie verlegen , erröthend über Siegbert ' s Eintreten , erröthend , wenn dieser mit ihr sprach , er fand den Offizier gegen Siegbert , in dem er ohnehin den Demokraten voraussetzte , ganz besonders gereizt und von der täglichen Gewohnheit , mit Waffen umzugehen , einen sehr unedlen Gebrauch machend . Oleander konnte nicht widersprechen , als Siegbert in Bezug auf einige nahe an Herausforderung streifende Äußerungen zu ihm sagte : Erkennen Sie daraus eines der Motive , das freie Gemüther treiben kann , den ganzen Ton dieser privilegirten Klassen widerlich zu finden ? Was kann aus solchen brutalen Gesinnungen entstehen ? Die höher gestellten Offiziere verbergen freilich , daß sie diese Art und Weise billigen , allein im Stillen haben sie fast alle ihre Freude daran . Die Zahl derjenigen Offiziere , die ich mir denke wie Max von Schenkendorf , wie Theodor Körner , wie Scharnhorst , ist sehr gering . Können Sie den Demokraten verdenken , daß man diesem Corpsgeiste grade eine Niederlage , wie einer andern Armee einst bei Jena , gönnt ! Und ich weiß nicht , ob ich mich täusche . Ich glaube in der That , daß diese Gesinnung , vor den Feind geführt , vor einen nationalen , von Hochgefühl durchdrungenen Feind , sich nicht lange über die ersten Vorpostengefechte hinaus bewährt und daß im Kriege nur die Armee unüberwindlich ist , die auch im Frieden von ernster und bescheidner Männlichkeit durchdrungen wird . Siegbert war so erfüllt von der Trauer um seine Mutter , so sanft auch im Geiste hinübergezogen in die Ferne , wo unter schönerem Himmelsstriche Olga lebte , daß ihm jede weitere Beachtung durch Frau von Sänger lästig gewesen wäre . Und dennoch erlebte er , daß die leichtsinnige junge Frau ihm einen Zettel in die Hand drückte , worin sie bat : » Morgen Nachmittag um drei Uhr ; ich beschwöre Sie . Henriette . « Siegbert sagte Oleandern nichts von dieser Aufforderung , nichts von diesem Rückfall in die alte Gesinnung . Er hatte im ersten Augenblicke einen förmlichen Widerwillen gegen die unbesonnene Frau . Dann stand es wenigstens fest bei ihm , daß er nicht nach Randhartingen fuhr , nicht der Aufforderung Folge leistete . Am andern Tage kam aber die Dankmar ' sche Wahrheit von den » verdammten Anstandszärtlichkeiten « ! Er fuhr doch nach Randhartingen und fand Henriete von Sänger in Thränen . Sie war allein . Ihr Mann in Geschäften über Land . Sie erzählte ihr ganzes Leben , wie sie wegen Armuth diese unglückliche Heirath hätte schließen müssen und nun ihr Dasein , ihre Jugend , ihr Glück rein an Nichts hinauswürfe . Sie gestand ein , daß sich jener junge Krieger um ihre Gunst bewürbe , sie zu einer Scheidung veranlassen , entführen wolle und ähnliche excentrische Dinge , die Siegbert um so mehr erkälteten , als er hören konnte , sie würde ihren Himmel nur in ihm , in seinen reinen blauen Augen , finden . Die Thränen , die dabei flossen , waren schwerlich ganz unecht . Sie kamen aus dem wirklichsten Bedürfniß dieser Frau , die sich durch das Geständniß ihrer Schwäche erleichtert fühlte und vollends gestärkt durch Siegbert ' s Zuspruch , da er das Meiste von Dem , was sie äußerte , ernst nahm und ihr viel Gutes und Mildes sagte . Unstreitig hatte sie das Bedürfniß der Scenen . Sie wollte von Siegbert wenigstens das Zugeständniß ihrer verfehlten Bestimmung , eines höheren , bedeutenderen Berufes und war zuletzt vollkommen befriedigt , als Siegbert , doch rücksichtsvoll und weich geworden , tröstend von ihr schied . Es war weder von einer Flucht mit ihm oder dem Offizier oder einer Scheidung oder sonst einer gewaltsamen Unternehmung noch die Rede . Sie blieb ruhig die Frau Hauptmann und Rentmeister von Sänger , lebte aber in diesen kleinen ungeduldigen Wirbeln und Strudeln der Leidenschaft und Selbstaufregung so lange fort , bis die junge Generation auch sie überholen wird und auch sie im Arzte oder Geistlichen ihre letzten Tröster findet . Mit dem Beginn des Dezembers wollte denn Siegbert endlich aufbrechen und in die Residenz zurückkehren . Einige Arbeiten , die er begonnen , waren vollendet , auch an äußerem Erträgniß war dieser Landaufenthalt nicht unergiebig gewesen . Das Wetter hatte sich gemildert . Dem Frost war Regen gefolgt . Die Wege waren zwar vollends jetzt nicht einladend , aber die mildere Luft that wohl . Am achten Dezember wollte er nun ganz bestimmt reisen ... Es war am sechsten , am Nikolaustage , als Abends Siegbert und Oleander in der Wohnstube der Pfarrerin saßen und sich mit den Kindern unterhielten . Hedwig und Waldemar zeichneten Figuren mit Siegbert ; das Kleinste spielte , das Vierte war im Ullagrunde ... Oleander saß verstimmt und in sich versunken da . Ein Buch war vor ihm aufgeschlagen . Er las zuweilen , lehnte sich dann wieder zurück , schlug die Arme übereinander oder stützte das Haupt auf ... Siegbert verstand seinen Kummer . Oleander lebte nur seiner Dichtung , seinem Amte und dem Schmerz , daß ihm nicht gelingen konnte , von Selma Ackermann irgend ein Zeichen der Gunst zu gewinnen . Siegbert war nicht wieder im Ullagrunde gewesen . Er hatte inzwischen versucht , dem Vikar eine größre Aufmerksamkeit auf sein Äußeres beizubringen . Er selbst , gewohnt , den Leib für einen Tempel der Seele zu halten , trug sich , ohne auf Eleganz Anspruch zu machen , geschmackvoll . Oleander gewann nun schon etwas von dieser gewissenhaften Sorgfalt der körperlichen Pflege . Auch wurden seine desfallsigen Bemühungen , wie er selbst erzählte , scherzend im Ullagrunde anerkannt . Eine günstigere Wendung seiner Hoffnungen gestaltete sich aber darum noch immer nicht . Die Gleichgültigkeit Selma ' s war so auffallend , daß , wenn sie wirklich ein andres Bild im Herzen trug , Siegbert wol Recht hatte , sich nach einer letzten flüchtigen Begegnung in Plessen , wo wieder des Bruders nicht gedacht wurde , zu sagen : Wie lieblich ist die Treue eines unschuldigen Herzens ! Wie scheint an Selma Alles spröde , so gewidmet und aufbewahrt nur für den Einen , dem ihr ganzes Leben gehört ! Wie fern , wie abwesend dieser Blick des Auges ! Wie erschrickt sie , wenn man sie anredet und sie nicht sogleich die an sie gerichteten Worte versteht , weil sie zerstreut war ! Das ist die fromme Andacht der Liebe , die ihrem Heiligsten jeden Gedanken , jeden unbewachten Augenblick des Selbstgespräches der Seele widmet ! Ob wol Olga so lieben könnte , ob sie wol so liebt oder , aufgewühlt in ihrer kindlichen Frühreife , erschreckt , beunruhigt , wildgehetzt von fremden Leidenschaften , schon außer sich lebt , statt sinnig in sich zurückgezogen ! Oleander las in einer Schrift der neuen philosophischen Schule , der kritischen oder chemischen , wie er sie nannte . Chemisch deshalb , sagte er zu Siegbert , weil diese Philosophen des absoluten Nichts die Liebigs der unsichtbaren Welt sind . Wie die chemische Retorte Urstoff auf Urstoff entdeckt und diesen immer wieder auf ' s Neue zerlegt , so hat der philosophische , gemüthlose Verstand der neuesten Schule Alles durch die Kritik bis zum vollkommensten Nichts aufgelöst und ich staune hier eben über den Dünkel , mit welchem in diesem Buche alle Beweise für die Unsterblichkeit der Seele widerlegt werden und der Verfasser nun auch glaubt , die Unsterblichkeit der Seele selbst widerlegt zu haben . Siegbert schwieg . Er kannte diese Schriften . Leidenfrost liebte sie und empfahl sie mit Eifer und doch widerstanden sie auch ihm , obgleich er Oleandern in seiner Entrüstung nicht Recht geben mochte . Warum müssen wir nur , fuhr Oleander , während Siegbert den Kindern , die schwiegen , vorzeichnete , aber ernst zuhörte , warum müssen wir nur an so viel Renommisterei im Geistigen leiden , an so viel gemüthloser , affektirter Prahlerei ! Wie diese Philosophie sich berufen dünkt ! Wie sie aufräumt ! Wie sie durch den Erfolg ihrer kritischen Operationen immer übermüthiger wird und sich doch dieser Freude über das absolute Nichts schämen sollte ! Diese Menschen lachen über den Unsterblichkeitsglauben , sie bemitleiden den vulgären Wahn unsrer romantischen Physiologie ! Wenn sie noch die Achseln zuckten und sagten : Die Materie bedingt den Geist und mit dem Zusammenfallen der Materie hört dies Denken und Bewußtsein leider auf ! Nein , sie fühlen sich so froh , so stolz , so gehoben durch die Thatsache des künftigen Nichts , daß ich vor einer Zukunft schaudere , wo diese Lehre in den jungen Gemüthern aller Orten Raum gefunden hat ! Denn die Jugend läuft Dem nach , der den Säbel auf der Straße klappern läßt und die Mütze recht verachtungsvoll über einem Ohre trägt . Siegbert äußerte ein Wort , das er auf eine ähnliche Erwiderung von ihm selbst einst von Leidenfrost gehört hatte . Nun wohl ! sagte er . Ist denn aber dieser Stolz so verächtlich ? Man hat die Unsterblichkeit der Seele deshalb gelehrt , weil sie zur Tugend nöthig wäre . Ist es denn aber kein Fortschritt , wenn die Tugend um ihrer selbstwillen geübt und an künftige Belohnung nicht mehr gedacht wird ? O , rief Oleander , wenn sie nur tugendhaft wären ! Wenn sie nur wirklich die Bescheidenheit verklärte ! Wenn sie nur aus der Erkenntniß ihrer eignen leersten Zwecklosigkeit und der mit dem letzten Athemzuge eintretenden Vernichtung die Aufforderung zur Demuth schöpften ! Nein , ich kenne von Tübingen , von Halle , Berlin , Wien her eine Menge dieser neuen Philosophen der Kritik und des Chemismus ! Diese jungen Ärzte der neuen Schule , wie verächtlich und frivol sprechen sie von dem Körper ! Er ist ihnen eine Uhr . Wo wir früher göttliche Immanenz sahen , wo wir ein Geheimniß in den Nerven ahnten , sehen sie nur den Mechanismus des Blutumlaufes und seiner Störungen . Das Mikroskop hat sie übermüthig gemacht , wie Laplace übermüthig durch das Teleskop wurde . Dieser Franzos behauptete alle Sterne gesehen zu haben , aber nirgends auf ihnen Gott . Dieser Bemitleidenswerthe erhob sein Teleskop zum Gott und die neue Naturphilosophie macht aus dem Mikroskop den Schöpfer . Es ist der Dünkel der Gelehrsamkeit , der Herzlosigkeit , des eingebildeten Studiums . Und darin erkenn ' ich Gottes Finger ! Unsre Welt wird immer elender und erbärmlicher , unsre Schaffenskraft in geistigen Dingen immer geringer und gemeiner werden . Ein solcher Atomismus , der nicht an die jenseitige Bestimmung des Menschengeschlechts glaubt , kann auch für das diesseitige Leben nichts schaffen . Warum erleben wir , daß diese Hände , wo sie Staat , Kirche , Gesellschaft berühren , nichts hervorzubringen vermögen ? Warum sind sie von der Poesie verlassen und müssen auch deren ewige Berechtigung läugnen ? Warum haben sie noch nichts gefertigt , als kritische Analysen und da , wo sie schaffen wollten , hohle Phraseologie ! Siegbert fühlte sein Herz vielen dieser Ausrufungen vertraut und doch erschreckte ihn , daß Oleander solche Thatsachen nur benutzte , um sich dahin zurückzuziehen , wo der unbedingte Glaube waltete . Er sagte : Lieber , ich folge Ihnen gern , wenn Sie sagen , daß die neue Schule etwas Brüskes , Herzloses und Unschöpferisches hat . Ich habe sogar einen Freund , Namens Leidenfrost , der in der absoluten Verneinung jeder Zukunftshoffnung seine Menschenwürde findet und grade durch sie für die Tugend , für die Todesverachtung ein erhebendes Prinzip zu haben behauptet . Aber ich kann mit dieser Meinung nicht gehen . Ich denke , wie es hundert verschiedene Sittengesetze gegeben hat , die alle die Probe der Kritik nicht bestanden und der innere kategorische Imperativ des Herzens : Übe die Tugend ! doch unläugbar ist , so ist auch trotz der Unwissenschaftlichkeit aller Beweise für das Dasein Gottes oder die Unsterblichkeit der Seele der kategorische Demonstrativ , wie ich ihn nennen möchte , dieser Thatsachen in unsrer Brust nicht auszurotten . Ich glaube nicht daran , daß diese Erde mit ihren Menschenbewohnern nur eine Stufenfolge der Schöpfung ist , die in sich selbst abstirbt und daß wir nur der Dünger immer neuer Schöpfungen sind . Welches die Form unsrer Verklärung sein wird , das weiß ich nicht . Ich denke , Gott wird schon eine Wesenkette neuen Lebens wissen , in der wir , wenn auch in Substanzen , die wir nicht ahnen können , uns als Fortsetzung unsres hiesigen Lebens erkennen . Wer kennt die Geisterringe , die das All umschließen ! Aber , mein Freund , mit diesem Zugeständniß ist Gefahr verbunden . Ich kann mit Denen nicht gehen , die sich nun gleich rechts wenden und dann sagen : So bleibt uns nur der Glaube ! Ich gehe mit Denen nicht , die links das absolute Nichts wollen . Wo gibt es also einen Mittelweg ? Es gibt keinen Mittelweg ! sagte Oleander und fügte scherzend hinzu : Gott oder Satan ! Sie lächeln selbst , Oleander ! fiel Siegbert ein . Und doch sind Sie auf dieser äußersten Alternative . Ich glaube an den Mittelweg . Ich glaube an die Möglichkeit , daß wir das Alte kritisch überwinden und für den Geist , der uns diese Überwindung lehrte , doch auch eine Symbolik erfinden , auch eine Religion stiften . Ich will Gebundenheit des Gefühls und auch ein Maaß des Gedankens . Ich will , daß man sich im Staate und in der Religion gebunden fühlt , gebunden durch die ewige Schranke , die wir nicht überspringen können . Aber diese Gebundenheit muß keine traditionellen Formen mehr haben , in der Religion nicht die christliche Theologie mehr , in der Politik nicht mehr das feudale Staatsrecht . O mein Freund , ich weiß wohl , daß die Weltwirkung Christi kein Genius mehr heraufzubeschwören vermag , kein Wettkampf eines Märtyrers vermag noch mit Christus in die Schranken zu treten , es fehlt uns Symbol , Religion , Form , Kirche und Staat für Das , was unsre Meinung ist ; aber hoffen wir doch , verzagen wir nicht ; auch die neue Religion , die neue Politik wird ihre Formen finden . Nicht umsonst ist uns von Christus die künftige Herrschaft des Geistes verheißen worden . Oleander schwieg und wollte in seinem Buche weiterlesen , als man einen Wagen rollen hörte . Er fuhr rasch von der Gegend des Amtshauses herunter und die Frau Pfarrerin , die mit weiblichen Arbeiten beschäftigt am Tische saß , behauptete , es müßte Herr Ackermann sein . Der Wagen hielt vor dem Pfarrhause . Die Kinder sprangen hinaus . Es war Ackermann , Selma , Fränzchen und die kleine Clara Stromer , die mit einem Korbe in ' s Haus traten . Guten Abend , ihr Kinder . Guten Abend , Herr Oleander ! Guten Abend , Herr Wildungen ! So still hier ? Kein Jubel ? Keine blechernen Trompeten ? Keine Trommeln ? Und schon hatte Selma den Korb , den Fränzchen trug , aufgedeckt und trommelte auf einem kleinen Tambourin , und Clara , die in das Geheimniß eingeweiht war , zog Hedwig und Waldemar heran , um ihnen die übrigen Herrlichkeiten zu zeigen . Es ist St.-Niklastag , sagte Oleander , glücklich durch den unerwarteten Besuch . Siegbert besann sich auf diesen Tag , an dem er in seiner Kindheit immer schon eine Vorfreude der Weihnacht genossen und erinnerte sich seines guten Vaters , der in einem nach außen gekehrten rauhen Pelzschlafrocke und verhüllten Kopfe den Niklas spielte . Zu Denen , die solche alte Sitten und Unsitten aus zärtlicher Schonung der » lieben Kleinen « verwarfen , gehörte er nicht . Siegbert gedachte wehmüthig der Angst , die die Mutter hatte , wenn sie beteten und sich nicht recht klar werden konnten , ob sie sich wirklich zu fürchten oder nur so zu stellen hätten ; denn der Vater war ja wol sogleich erkannt . Selma erzählte den staunenden und über die kleinen Geschenke jubelnden Kindern , sie hätte alle diese Sachen vom heiligen Nikolaus bekommen und fragte dann : War er denn noch nicht da ? Er sagte doch , er wollte heute alle Kinder besuchen und sehen , ob sie geschickt wären und beten könnten ? Auch den großen Kindern da , Herrn Siegbert und Oleander , drohte er mit der Ruthe ! Gott sei Dank , er kommt wol nicht . Indem pochte es aber draußen an der Hausthür donnernd . Die Kinder horchten erschrocken auf ... Als Ackermann , der mit väterlicher Freundlichkeit auf den Scherz einging , bemerkte , ob Das wol der Niklas wäre , und das Pochen sich wiederholte , wollten sie sich verstecken . Wer geht hinaus und öffnet ? Die Frau Pfarrerin hatte keinen Muth ; der räthselhafte Ankömmling klopfte so stark , daß sie zitterte . Oleander , der gespannt war , was da kommen sollte , ging und öffnete . Sogleich hörte man auf dem Vorplatz eine gewaltige Klingel schellen und eine hohle rauhe Stimme rufen : Sind hier Kinder ? Wie die Kinder dies bezügliche Wort hörten , wollten sie sich hinter der Mutter verstecken . Oleander erschrak selbst über den mit Ackermanns einverstandenen , ihm aber nicht erkennbaren Besuch . Die Thür ging auf und eine tief in Pelzwerk gehüllte und wol mit einem gebrannten Korke schwarzbemalte Figur trat herein . Der Kopf war von Damenshawls wie mit einem Turban überwunden . In der Hand trug der Wilde eine große Ruthe aus Besenreisern und in der andern einen Sack . Die lange Stange hatte er draußen stehen lassen . Ernst blickte sich der unheimliche Gast im Zimmer um . Selma , um seinen Scherz zu unterstützen , schrie und lief sich zu verstecken . Du schon wieder da ? sagte der Niklas und rannte ihr mit der Ruthe nach , um ihr auf die Finger zu klopfen . Die Kinder wagten kaum hinter der Mutter hervorzukriechen . Nur Waldemar war etwas kecker und wollte den Niklas am Pelze zupfen . Da hatt ' er einen Schlag auf die Finger weg . Zugleich warf aber der schlimme Heilige doch aus seinem Sacke Nüsse , Äpfel , Lebkuchen in Fülle . Das lockte die Kinder , aber so wie sie etwas erhaschen wollten , setzten sie sich der großen drohenden Ruthe aus ... Der Kleinste , Oskar , weinte . Hedwig nahm sich seiner an und suchte den Zorn des Niklas durch ein Gebet zu beschwichtigen , das sie rasch herstammelte . Da sagte der Niklas mit einer rauhen , Siegbert und Oleander und der Frau Pfarrerin völlig unbekannten Stimme : Seid ruhig , ihr Kleinen ! Ich weiß , daß ihr beten könnt und geschickt seid ! Auf die großen Kinder ist es abgesehen . Hier ! Da versteckt sich ein rechtes altes Kind , das sich in der Welt herumtummelt , die Schule und das Elternhaus schwänzt ... Wart ' , Gesell ! Sag ' deine Lection her ! Damit hatte der Niklas Siegberten so eingeschlossen , daß dieser in der That vor der Ruthe sich nicht bergen konnte . Siegberten war es , als sollt ' er trotz der Verstellung die Stimme kennen . In der Eile rieth er hin und her . Aber der Niklas ließ ihm nicht Zeit zu fragen , sondern verlangte einen Spruch . Siegbert warf den ersten besten Schulvers hin . Der Niklas sagte : Siehst du , trivialer Schulschwänzer , Besseres kannst du nicht ? Treibst dich herum , jagst Nebelbildern nach und vernachlässigst die Ölfarbe ! Schäme dich , Portraitklexer ! Jetzt gewann Siegbert einen Paß , dem seltsamen Niklas zu entwischen , der nun Oleandern vornahm . Oleander unterstützte die Vermuthung der Frau Pfarrerin und der Kinder , daß dies wol gar der Vater wäre , Guido Stromer selbst , der die Seinigen zur Weihnachtszeit überraschen wollte . Ach wie schlug der verlassenen Frau das Herz ! Sollte er ' s sein ? Guido ? Aber seine Stimme ist nicht so rauh ! Dieser Humor nicht im Mindesten von seiner Art ! Aber vielleicht hat sich sein Wesen in der Stadt geändert ? Er ist fröhlicher geworden ? Kinder , seid artig , betet , es ist der Vater ! Der Niklas verfolgte Oleandern , dessen lange Figur sich beim Entschlüpfen komisch genug ausnahm und wirklich von Selma nicht ohne Spott belacht wurde . Siegbert selbst mußte lachen , wie der lange lyrische Vikar sich duckte und zur Freude der Kinder seine Angst übertrieb , während er doch wirklich beklommen war . Du Stellvertreter des Stellvertreters des Herrn , sagte der Niklas , was kannst du sagen ? Liest du auch Alles aus Büchern ab , wie deine Kollegen ? Bist du auch so ein Hasenfuß , der die Privat-Seelsorge der Weiblein Nachmittags mit ihnen beim Kaffee pflegt und lieber Whist spielt , als im heiligen Augustinus liest ? Oleander schwang sich hinter Siegbert her und schützte diesen vor , um sich vor der Ruthe zu retten . Mit einer Anspielung auf Siegbert ' s Trauer sagte er nun rasch : Nicht allzu große Lust im Glücke ! Nicht allzu großen Schmerz im Leide ! Dann lacht nach jeglichem Geschicke Der Hoffnung wieder grün die Weide ! Das geht allenfalls ! sagte der Niklas . Etwas sentimental zwar ! Etwas Freude mit schwarzem Krepp ! Aber es sind ländliche Anschauungen ! Die grüne Weide ist die Hauptsache ! Oder du denkst wol , Niklas wäre ein Bauer oder ein Viehzüchter ? Wart ' ! Wart ' ! Aus Schonung für die Waise da - er zeigte auf Siegbert - will ich deinen Spruch gelten lassen ; da hast du einen Lebkuchen , einen Reiter zu Pferde und noch einen , ein Wickelkind ! Laß dir ' s recht viel Kindtaufen bedeuten ! Der Niklas jagte nun noch Ackermann , Selma , Fränzchen - mit denen er jedoch im Einverständnisse war - auch die Frau Pfarrerin , die nur immer dabei blieb : Das ist Herr von Zeisel - nein ! Das ist - der Doktor Reinick ! Nein ! Das ist - Himmel , wer ist ' s nur ? Die sonst so stille Frau war ganz alarmirt . Ihre wahren Gedanken , die sie mit den Kindern theilte , daß es der Vater wäre , wagte sie der Täuschung wegen nicht auszusprechen . Zu Ackermann sagte der Vermummte : Über ' s Jahr komm ' ich wieder und wehe dir , Taschenspieler , wenn du mir nicht aus diesem Apfel , der sechs Körner enthält , sechshundert Äpfel gewonnen hast ! Zu Selma : Wart ' , daß ich dich nicht mitnehme auf mein Pferd und dich in Höschen Pagendienste verrichten lasse bei der Königin Saba von Arabien . Und zu Fränzchen : Louise Eisold läßt dich grüßen und um ein neues Lied nach der Melodie : » Des Volkes Tochter , arme Bettlerin « bitten . Aber ich werde Euch anstreichen , so zu lügen , ihr verdammten schönen Proletarierinnen ihr ! Singen vom Elend und naschen am liebsten Lebkuchen ! Siegbert konnte nicht errathen , wer der Vermummte war ; denn die Stimme blieb verstellt und sein Spiel wurde fast künstlerisch behandelt . Als Niklas noch der Pfarrerin und den Kindern einige leichte Ruthenstreiche versetzt , dabei immer geklingelt und mit seinem Sack gerasselt hatte , faßte er zuletzt das unterste Ende desselben , schüttete die ganze Bescheerung auf den Fußboden und während Jung und Alt danach haschte , sich drängte , stieß , war er verschwunden . Jetzt erst war das Gelächter und die Freude groß . Siegbert sollte rathen und besann sich nicht . Sein Bruder konnte es nicht gewesen sein . Er würde die Stimme erkannt haben ... Indem brachte ein Hausknecht aus der Krone die Botschaft , ein fremder Herr wäre angekommen , der ihn zu sprechen wünschte ; er zeigte auf einen Zettel , auf dem » Leidenfrost « geschrieben stand . Jetzt hatte Siegbert die Aufklärung . Hat er den Weg als Heiliger gefunden , der uns prügelte , sagte er lachend , so kann er es jetzt auch als reuiger Sünder , um uns abzubitten . Der Tolle soll nur zu uns kommen . Ich komme nicht zu ihm und wenn er in hundert Kronen wohnte . Leidenfrost war es wirklich , der dann in einem abgetragenen Sammetkittel kam . Er grüßte wie ein völlig Fremder und führte seine Rolle des Nichtwissens , des Erstaunens , der vollkommensten Nichtbetheiligung eben so gut durch wie vorhin seinen Niklas , den er durchaus nicht wahrhaben wollte . Ich ein Niklas ? sagte er befremdet mit einer völlig andern Stimme . Ich so frech , Sie hier Alle mit Ruthen zu peitschen ? Wie könnt ' ich daran denken ! Ich habe das Glück , Ihre werthe Bekanntschaft zu machen , Herr Oleander und Frau Pfarrerin , in Folge des angenehmen Auftrags , in dieser unangenehmen Jahreszeit die von Herrn Ackermann bestellten Maschinen durch Dick und Dünn hierher zu begleiten . Gewisse innere Stimmen sagen zwar , ich hätte diesen Auftrag mit besondrer Vorliebe für den Flüchtling Siegbert Wildungen übernommen , den wieder zu sehen mein Herz labt und der trotzdem , daß er eine Mutter verloren hat , doch schon wieder , wenn nicht lachen , doch lächeln kann . O lächelte die Sonne so durch Wolken und trocknete die Wege ! Vergeben Sie meine Fußbekleidung ! Ich versichre Sie , daß diese Stiefeln wirklich von Leder sind . Die Pfarrerin bot Thee oder jedes ihr sonst in der Eile mögliche Nachtessen an , aber man schlug die Einladung aus und wollte in den Ullagrund zurück . Leidenfrost begleitete die Rückfahrenden , versprach aber morgen nach erster Auseinandersetzung der bereits in den Wirthschaftshäusern Ackermann ' s untergebrachten Maschinen , sich in Plessen sehen zu lassen . Ackermann kehrte diese Anordnung um und lud die Pfarrerin , die Kinder , Oleander und Siegbert liebevollst und herzlichst für morgen zu Tisch . Nun wohl - sagte Leidenfrost ; dann sorgen Sie nur für ein kleines Kämmerchen zum Rauchen und zu stillem Zwiegespräch mit dem neugierigen Siegbert . Wir haben Viel und nichts Geringes zu berichten . Wie lange bleiben Sie , Leidenfrost ? fragte Siegbert . Bis übermorgen ! Dann reisen wir zusammen zurück . Wenn Sie keinen Anstand nehmen