Scharnhorsts im Hochsommer 1813 , als sich ' s um Veröffentlichung eines bloßen Nachrufs handelte , den Clausewitz und Gneisenau gemeinschaftlich abgefaßt hatten . Es mag gestattet sein , bei diesem Vorereignis einen Augenblick zu verweilen . Der Nachruf lautete : » Am 28. Juni starb zu Prag an den Folgen der bei Groß-Görschen erhaltenen Wunde der K. preußische Generalleutnant von Scharnhorst . Er war einer der ausgezeichnetsten Männer unserer Zeit . Das rastlose , stetige , planvolle Wirken nach einem Ziele , die Klarheit und Festigkeit des Verstandes , die umfassende Größe der Einsichten , die Freiheit von Vorurteilen des Herkommens , die stolze Gleichgültigkeit gegen äußere Auszeichnungen , der Mut in den unscheinbarsten Verhältnissen mit den schlichtesten Mitteln durch bloße Stärke des Geistes den größten Zwecken nachzustreben , jugendlicher Unternehmungsgeist , die höchste Besonnenheit , Mut und Ausdauer in der Gefahr , endlich die umfassendste Kenntnis des Kriegswesens machen ihn zu einem der merkwürdigsten Staatsmänner und Soldaten , auf welche Deutschland je stolz sein durfte . Billig und gerecht im Urteil , sanft und ruhig in allen Verhältnissen mit anderen , freundlich , herzlich im ganzen Lebensumgange , war er einer der liebenswürdigsten Menschen , die den Kreis des geselligen Lebens zieren . Was er dem Staate gewesen ist und dem Volke und der ganzen deutschen Nation , mögen viele oder wenige erkennen , aber es wäre unwürdig , wenn einer davon gleichgültig bliebe bei dem traurigen Todesfall . Es müßte keine Wahrheit und Tiefe mehr in der menschlichen Natur sein , wenn dieser Mann je von denen vergessen werden könnte , die ihm nahe gestanden , ihn verehrt und geliebt haben . « So der Nachruf , dessen staatlich-offizielle Veröffentlichung von seiten seiner Verfasser ( Gneisenau und Clausewitz ) im Hardenbergschen Kabinette gefordert wurde . Dort aber stieß diese Forderung auf Widerstand , weniger bei dem Staatskanzler selbst als bei seinen Räten J. und v. B. , und weil man nicht direkt ablehnen wollte , bemängelte man einzelnes und hob in einem an Gneisenau gerichteten Antwortschreiben hervor , » daß das zweitletzte , vorstehend gesperrt gedruckte Alinea dunkel und eine Änderung desselben wünschenswert sei ; Scharnhorsts Verdienste seien allgemein gefühlt und anerkannt « . Gneisenau jedoch war nicht umzustimmen und schrieb unterm 4. Juli von Patschkau aus : » In eine Abänderung der als › dunkel ‹ bezeichneten Stelle kann ich nicht willigen . Allgemein gefühlt und anerkannt ist Scharnhorsts Verdienst keineswegs . Und wenn es nicht allgemein anerkannt ist , warum dies nicht sagen ? Jeder große Mann hat seine Freunde und seine Verunglimpfer , und gerade darin , daß er es nicht darauf anlegte , jedermann zu gefallen , liegt seine Größe . So etwas muß daher bei einem solchen Tode gesagt werden . Und wenn die bezweifelte Stelle , ungeachtet dessen , was ich zu ihrer Rechtfertigung anführe , nicht gedruckt werden soll , so bitte ich den ganzen Aufsatz zu unterdrücken . von Gneisenau . « * Man mag sich zu dieser Kontroverse 53 stellen wie man will , eines erhellt daraus : ein Vorhandensein von Antagonismen und Gereiztheiten , über deren Ursachen ich mich an dieser Stelle nicht weiter verbreiten mag . Es war eben eine » Gegenströmung « da , das war unzweifelhaft , und diese dauerte fort , als einige Jahre später von seiten der Scharnhorst-Freunde der Plan angeregt wurde , seine irdischen Überreste von Prag her nach Berlin zu schaffen und ihm daselbst ein Denkmal zu setzen . » Anfangs , « so schreibt Minutoli , » flossen die Beiträge reichlich ; aber die Wahrheit erfordert , einzugestehen , daß sich beim Einsammeln auch Teilnahmlosigkeit , Engherzigkeit , ja sogar Mißgunst zu erkennen gab . « Im Sommer 1819 hatten diese Sammlungen begonnen , indessen erst fünfzehn Jahre später , am 2. Mai 1834 wurde das Grabmonument , an dessen Herstellung unsere besten künstlerischen Kräfte mitgewirkt haben , beendigt . Von Schinkel war der Entwurf , insonderheit auch der architektonische Aufbau des Ganzen ; Rauch hatte den berühmten schlafenden Löwen und Friedrich Tieck die den Sarkophag umziehenden Reliefbilder ausgeführt . Diese Reliefs sind die folgenden : a ) Graf v. d. Lippe entläßt den Zögling 1777. b ) Festung Menin ( Scharnhorst schlägt sich mit der hannoverschen Besatzung durch die französische Belagerungs-Truppe durch ) den 30. April 1794. c ) Preußens Heer empfängt ihn d. 1. Mai 1801. d ) Preußisch-Eylau d. 8. Februar 1807. e ) Bewaffnung zum Kampfe von 1813. f ) Groß-Görschen d. 2. Mai 1813 . Dazu gesellen sich , in den Deckstein des Sarkophags eingeschnitten , folgende Daten : Linke Breitseite : Gerhard David von Scharnhorst . K. preußischer General-Lieutenant – Seine Ueberreste wurden im Jahre 1826 von Prag hierher geführt um unter diesem seinem Andenken gestifteten Denkmale zu ruhn . Hintere Schmalseite : Geboren d. 12 November 1756 zu Haemelsee 54 in Hannover . Vordere Schmalseite . Bei Groß-Görschen verwundet . An dieser Wunde gestorben zu Prag d. 28. Junius 1813 . Rechte Breitseite . ( Widmung ) » Scharnhorst die Waffen Gefährten von 1813 . « * Um dies berühmte Denkmal her ruhen , wie schon eingangs hervorgehoben , die Kinder und Enkel des Generals , auch Graf Friedrich Dohna , sein Schwiegersohn , jeder unter einer mächtigen Platte von poliertem Granit , auf welche , neben den Namen und den Daten von Geburt und Tod , einfach ein Kreuz und ein Bibelspruch eingegraben ist . Zur Linken des Denkmals : Juliane von Scharnhorst Geb . den 28. Juli 1788. vermählt mit Graf Friedrich zu Dohna den 10. Nov . 1809 ; dem Herrn entschlafen den 20. Febr . 1827 . » So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung . « Epistel Pauli an die Römer . Cap . 13. Vers 10. Zur Rechten des Denkmals : August von Scharnhorst Geb . den 20. April 1795 ; dem Herrn entschlafen den 11. Oktober 1826 . » Ich will Euch wiedersehen und Euer Herz soll sich freuen und Eure Freude soll Niemand von Euch nehmen . « Ev . Johannes Cap . 16 Vers 22. Also je ein Stein zur Linken und Rechten des Denkmals . In Front desselben aber ruhen vier Tote . Friedrich Graf zu Dohna Generalfeldmarschall und Oberstkämmerer Sr. M. des Königs ; geb . den 4. März 1784 , gest . den 21 Februar 1859 . » Sei getreu bis in den Tod so will ich Dir die Krone des Lebens geben . « Offenb . 2. 10. Wilhelm von Scharnhorst 55 Geb . d. 16. Februar 1786. gest . am 13. Juni 1854 . » Das kein Auge gesehen und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen Herz gekommen ist , das Gott bereitet hat Denen die ihn lieben . « 1. Corinther 2. Vers 9. Gerhard von Scharnhorst K. Preuß . Premierlieutenant im 3. Husaren-Regiment ; geb . 18. Sept . 1819. gest . den 9. Febr . 1858 . » Barmherzig und gnädig ist der Herr . « Psalm 103 . Vers 8. August von Scharnhorst Platzmajor von Pillau . geb . 6. April 1821. gest . 11. Nov . 1875 . » Das Alte ist vergangen : siehe es ist alles neu geworden . « 2. Cor . 5. Vers 17. Die beiden zuletzt Genannten ( Enkel des 1813 gefallenen Generals ) haben einen gemeinschaftlichen Grabstein . Der enge Raum innerhalb des nur zwölf Schritt breiten und fünfzehn Schritt langen Eisengitters gebot dies . In den vier Ecken stehen Trauereschen ; aller weitere Schmuck ist vermieden , selbst Blumen fehlen . Mit diesen beiden 1858 und 1875 kinderlos verstorbenen und im Laufe dieses Jahres ( 1881 ) nach Berlin hin übergeführten Enkeln des Generals : dem Premierleutnant Gerhard von Scharnhorst , und dem Platzmajor August von Scharnhorst , erlosch , nach genau einhundertundzwanzigjährigem Bestehen – vom 12. November 1755 bis 11. November 1875 – das erst 1802 geadelte Haus von Scharnhorst . Von allen , die diesen berühmten Namen einst führten , lebt nur noch der ebengenannten Brüder , Gerhard und August , jüngere Schwester : Agnes von Scharnhorst ( Kusine Johannas von Scharnhorst ) seit 1855 vermählt mit Baron Karl von Münchhausen , Oberst z. D. und Schloßhauptmann in Erdmannsdorf . Ihrer vor keiner Mühe zurückschreckenden Anregung ist es zu danken , daß , seit dem Ablaufe dieses Sommers , ihr Ahnherr Gerhard David von Scharnhorst alle die Seinen an seiner Grabstatt um sich versammelt sieht . An der Nuthe Saarmund und die Nutheburgen Saarmund und die Nutheburgen Noch einmal hob er seinen Blick , dann sagt er dumpf : » Die Spiegelung ! Ein Blendwerk , ärger als der Smum , bösartiger Geister Zeitvertreib ; Er schwieg , das Meteor verschwand . « Freiligrath ( Mirage ) Saarmund , ein Zauchestädtchen , ist an dem Wiedervereinigungspunkte zweier Nuthearme gelegen , von denen der kleinere , nur auf eine kurze Strecke hin abgezweigte , den Namen der Saare führt . Daher denn also Saarmund . Die Nuthe selbst entspringt auf dem hohen Fläming bei Jüterbog in Nähe des historischen Dorfes Dennewitz , wendet sich nordwärts und fließt endlich bei Potsdam , unter Sumpf und Wiesen versteckt , in die Havel . Wer tagelang an Rhin oder Finow , an Stobber oder Löcknitz , an Nieplitz oder Notte herumgewandert ist , der blickt , wenn er eines Flusses , wie die Havel , wieder ansichtig wird , auf ihre blauen und seenreichen Flächen , als zöge die Wolga an ihm vorüber . Der Maßstab ist eben alles . Und zu diesen Kleinsten , denen die bescheidene Aufgabe zufällt , andre Kleine zu heben oder groß zu machen , gehört denn auch die Nuthe , die nur das eine vor ihresgleichen voraus hat , schon in weit zurückliegender Zeit ( ja damals mehr denn später ) ein Grenzfluß , eine Trennungslinie gewesen zu sein . Alles was die Nuthe trennte , hieß zwar nur Teltow und Zauche , wird mithin in den großen Büchern nicht verzeichnet stehn ; aber es traf sich nichtsdestoweniger , daß , auf ein ganzes Jahrhundert hin , diese zwei Namen zwei Welten bedeuteten und schieden . Die Zauche , durch Albrecht den Bären unterworfen , war christlich und deutsch , der Teltow , den alten Göttern treu verblieben , stak noch in Heiden- und Wendentum . Das war die Zeit , als die Nuthe ihre großen historischen Tage zählte ; das war das Jahrhundert der » Nutheburgen « . Ob diese letzteren Aggressiv- oder Defensivpunkte waren , ob sie die Deutschen bauten , um von der Zauche her den Teltow zu erobern , oder ob sie die Wenden bauten , um der vordringenden Eroberung einen Damm entgegenzusetzen , – diese Fragen werden nie mehr gelöst werden ; alle Aufzeichnungen fehlen und die Schlüsse , die man aus diesem und jenem gezogen hat , bleiben einfach Hypothese . Die Nutheburgen jener ersten christlichen Epoche sind tot , hingeschwunden für immer . Aber um eben deshalb vielleicht zählen sie zu den Lieblingen märkisch-archäologischer Forschung . Es ist wenig mehr als ihre Namen , was man kennt . An den Flügeln lagen : Potsdam und Trebbin , im Zentrum : Beuthen und Saarmund . * Saarmund , unter diesen vier Nutheburgen vielleicht die verschollenste , genoß dafür des Vorzugs eines poetischen Namens . Daß er an diesem Punkt überhaupt entstehen konnte , war das Resultat einer Nuthe-Großtat . Arm aber edel , und vielleicht auch all das Herrliche vorahnend , das hier einstens erblühen werde , zweigte die Nuthe selbstsuchtslos einen Wasserarm von sich ab und wohl zugleich auch aus eigner schmerzlicher Erfahrung wissend , was eines Namens Wohlklang bedeute , gab sie diesem abgezweigten Arme den Namen Saare mit auf den Lebensweg . Und siehe da , die Vorahnung hatte nicht getrogen . An ebender Stelle , wo ( wie schon erzählt ) ins alte Nuthebett die kaum geborene Saare wieder einmündet , erwuchs Saarmund . Im Rücken der Stadt aber , an den Südhängen der Zauchehügel , entstanden Weinberge über Weinberge , so daß Deutschland ein paar Jahrhunderte lang der Auszeichnung genoß , einen doppelten Saarwein zu produzieren : einen Kur-Trierschen bei Saarbrück und einen Kur-Märkischen bei Saarmund . Unbestrittener an Ruhm waren freilich die Saarkrebse , die die Chronisten nicht müde werden zu preisen , » insonderheit auch die großen Alande , die noch angenehmer sind als Zander . « Um Saarmund und seine Saare , so viel muß zugegeben werden , schwebt ein gefällig-romantischer Klang , aber die tiefere Poesie dieser Gegenden ist doch alte Nuthenpoesie . Die Nuthe herrscht hier , die Nuthe gibt den Charakter und breitet ihren Einsamkeitszauber über die sie begleitenden , endlosen Wiesengründe , gleichviel nun ob sie der Rotampfer sommerlang überblüht oder ob im November die Krähen mit naßschwerem Flügel drüberhin schweben . Hier , in den Kolken am Flusse hin , war bis vor kurzem noch der Biber zu Haus und der Fischadler tat reichen Fang . Sagenhafte Gestalten , groß und hager , und an Jahren weit über das Gedächtnis der ältesten Leute hinausragend , zogen mit ihrem Springstock über die tiefen Moore ; wie Schatten schritten sie im Nebel , der Regenvogel pfiff in langen Pausen und das dumpfe Gurgeln der Rohrdommel klang vom Flusse her . So war das Nuthetal und so ist es bis diesen Tag . Zwei , drei Brücken haben wir noch auf der Saarmunder Straße zu passieren . Von der ersten aus , deren hochgewölbte Balken uns einen Blick nach rechts und links hin gestatten , schweift unser Auge das Tal hinauf und hinunter . Tiefe Stille ; nur Wasser und Wiese ; kein Floß , kein Kahn ; nichts Lebendes , nichts als das weiße Gewölk , das , langsam ziehend , dem langsamen Zuge des Wassers folgt . Nichts Lebendes . Und woher auch Leben ? Wenn es wahr ist , daß man eine Großstadt auf Meilen hin in beinah rätselvoller Weise vorausfühlt , so muß die Wirkung , die Saarmund in die Ferne hin übt , eben die der Abgestorbenheit sein . Denn man kann nur mitteilen , was man hat . Und nichts Abgestorbneres und Stilleres als Saarmund . Über eine letzte Brücke hin rasselt unser Gefährt in die Stadt hinein ; beschnittene Linden vor den Türen , über die Hof- und Gartenzäune strecken Holunderbäume die weißen Dolden und wenn dann und wann eine Haustür sich öffnet und der eigentümliche Klapperton einer schadhaften Klingel über die Straße klingt , so horcht die ganze Stadt . Unser Wagen war ein Ereignis . Einer stürzte halbrasiert ans Fenster und der rückwärts gewandte Gruß , den ich ihm zuschickte , traf noch seine seifenschaumene Hälfte . Weiter . Endlich mündeten wir auf einen lindenumstellten Platz , der die » Freiheit « hieß . Wir nahmen es als selbstverständlich hin . Warum sollte hier nicht Freiheit sein ? Der Eindruck des Öden , den die ganze Stadt macht , an dieser Stelle steigert er sich , denn hier war einmal Leben . Unter den Fenstern des ersten Stockes hin ziehen sich lange Wirtshausschilder » Stadt Halle « , » Stadt Leipzig « , die sich fast wie Grabschriften lesen über einer Zeit , die nicht mehr ist . Hier führte vor fünfzig oder hundert Jahren die große Straße von Sachsen vorüber , hier war ein Hauptzollamt , und Saarmund hatte damals eine Bedeutung , etwa wie Wittenberge heut oder irgend sonst ein Platz , an dem der Koffer untersucht und die Sprache des deutschen Biedermannes in der Mauth- und Zollnuance gesprochen wird . Das ist nun alles dahin . Die geschlossenen Fenster zeigen nichts mehr als lange Rouleaus , deren in der Schräge schwebende Landschaften auf ein völlig gestörtes Roll- und Räderwerk deuten ; alle Krippen stehen leer , und müde vom Warten haben sie sich an die Wand gelehnt . Die Hühner picken drum herum . Wo sie ' s hernehmen , Gott weiß . Ein eignes Geschick ist um gewisse Städte , wie um gewisse Menschen her . Sie sind anmutig , alles scheint für sie zu sprechen und sie können es nichtsdestoweniger zu nichts bringen . So Saarmund . Einer der vielen Orte , die nicht leben und nicht sterben können und nur dazu da sind , im Herzen eines Vorüberfahrenden ein sentimentales Gefühl zu wecken . An einem der Prellsteine von » Stadt Leipzig « , wo der Weg nach rechts hin abbiegt , stand ein Mann in mittleren Jahren , mit einem guten , zuverlässigen Gesicht . Seine Kappe hatte den Schnitt einer alten Landwehrmütze , sein Rock aber einen Stehkragen von dunkler Farbe . Eine Art Nachtwächterblau . Mir lagen immer noch die » Nutheburgen « im Kopf , nach denen ich meine Suche nicht ohne weiteres aufgeben wollte . Das ist dein Mann , dacht ' ich , und ließ halten . » Sind Sie von hier ? « » Ja . « » Das ist schön . Da kennen Sie gewiß die Nutheburgen ? « Der Ausdruck seines Gesichts ließ keinen Zweifel darüber , daß dieses Wort mit dem balladesken Doppel-U zum ersten Male sein Ohr traf . In seiner Antwort geriet er vom Hundertsten ins Tausendste , stolperte zwischen allerhand Lokalbezeichnungen wie Burgwall und Nuthebrücke hin und her und erzählte mir Dinge , die , wie gewöhnlich , auf alles mögliche Rücksicht nahmen , nur nicht auf den Gegenstand meiner Sehnsucht . Ich sah bald , daß der älteren märkisch-wendischen Heimatskunde hier keine Quelle floß und war denn auch rasch entschlossen , durch eine Diversion jeder weiteren Verwirrung vorzubeugen . » Ist sonst nichts da , das sich verlohnte ? « » Nichts als der Galgenberg .... Da haben Sie die beste Aussicht ; das ganze Nuthetal . Links Potsdam und rechts Trebbin . Es soll auch ein Schatz ... « » Gut , gut . « Ich grüßte , gab dem Kutscher einen leisen Schlag , und im nächsten Moment ging es vom Straßendamm hinunter in den mahlenden Sand hinein . Eine kurze Strecke Weges , da stieg der Berg mit dem ominösen Namen vor uns auf . Es war ein heißer Tag und Mittagsstunde ; wir hielten deshalb und stiegen aus . Die Sonne fiel glühend auf den Abhang , den wir hinauf mußten . Vor uns weideten ein paar magere Schafe , die sich ihrer Magerkeit an dieser Stelle nicht zu schämen hatten ; nur halbverbranntes , moosartig kurzes Gras zog sich über den Sand hin und nichts grünte als die Wolfsmilch . Endlich oben . Es lohnte sich schon . Wie um dem Missetäter das Scheiden doppelt schwer zu machen , stellte das Mittelalter seinen Dreibaum immer auf die höchsten und schönsten Punkte . Und wieder stand ein Dreibaum dort oben vor uns , aber freilich das Kind einer andern Zeit : ein Vermessungsinstrument spreizte seine drei mageren Beine . Das helle Licht hinderte den Blick ; nur mitunter kam eine leise Trübung und das Auge konnte alsdann die Landschaft umfassen . Zu Füßen Saarmund mit seinen roten Dächern und rotem Turm ; dahinter die Wiesen und die Nuthe ; jenseits aber die stillen Dörfer des Teltow und diesseits die stilleren Berge der Zauche . Wer nach uns an diese Stelle tritt , der freue sich des Bildes und der allgemeinen Vorstellung : an diesem Wasserlauf entlang lagen also die Nutheburgen ! Und er nehme dies Bild und diese Vorstellung in Dankbarkeit mit heim . Aber er hüte sich auf weitere Forschungen und Entdeckungen ausziehen zu wollen . Die Nutheburgen necken ihn nur und sind wie die Fata Morgana dieser Zauchewüste . Wenn er sie zu haben glaubt , so hört er den Mittagsgeist lachen , das Bild zerrinnt und – die Nutheburgen sind ihm ferner denn zuvor . Blankensee Blankensee Da sagte die Mark : Eh bien , wohlan , Ich kann dasselbe wie Kanaan , Und will sich ' s seiner Sarah berühmen , So hab ' ich meine Frau von Thümen . Eine halbe Stunde südlich von Saarmund , immer am Ufer der Nuthe hin , fahren wir in einen schmalen , spitz auslaufenden Landesteil ein , den wir am besten als den » Thümenschen Winkel « bezeichnen . Dieser Thümensche Winkel , in Zeiten , die nicht allzufern zurückliegen , hatte eine gewisse politische Bedeutung , denn er war sächsisches Land , das sich an dieser Stelle weit ins Brandenburgische hineinschob , so weit , daß die Entfernung bis Potsdam nicht voll zwei Meilen betrug . Das war denn , wie sich denken läßt , in den Tagen Friedrich Wilhelms I. eine Sache von » Importance , « jeder Deserteur wußte davon , und so unbequem der Thümensche Winkel für den König lag , so bequem lag er für den Flüchtling . Von dieser » Importance « ist dem Thümenschen Winkel begreiflicherweise nichts geblieben und er muß sich jetzt wieder mit dem begnügen , was er sonst noch aufzuweisen hat , meist Dinge , die viel weiter in unsere Geschichte zurückgehen , als die » großen Blauen « von Potsdam . Die Residenz dieses Fleckchens Erde heißt Blankensee . Hier haben die Thümens ihr Herrenhaus , hier ihre Kirche , ihre Gruft . Auch an Sagen fehlt es nicht , in denen irgendein Vorbesitzer , aber immer ein Thümen , seine halb spukhafte Rolle spielt . Wir werden in der Folge noch davon zu erzählen haben . * Es war Mittagsstunde , als wir vor dem Gasthause hielten . Der Wagen fuhr in den breiten Schatten einer Linde , während wir uns rüsteten und mit den Augen überallhin umherfragten . Unser erstes war ein Gang durch das Dorf . Am schönsten gelegen ist das Herrenhaus . In Front ein Elsenbruch , an den Flügeln zwei breite Seespiegel , und zwischen Schloß und Park ein Wasserlauf , der diese beiden Seeflächen verbindet , – das ist in großen Zügen die Szenerie . Das Gesträuch des Parkes wuchs weit über das Wässerchen hin und schuf einen Laubengang , unter dem die Enten auf und ab fuhren und sich ' s wohl sein ließen . Inzwischen brannte die Sonne mehr und mehr und die Schatten des Parkes luden uns zum Verweilen ein . Aber es war doch schließlich ein anderes , was uns hierher geführt hatte , weshalb wir denn auch Park und Schloß aufgaben , um uns zunächst eines sagen- und landeskundigen Blankenseers zu versichern . Der Zufall wollt ' uns wohl und am Dorfrande wurden wir alsbald eines Mannes ansichtig , der , in einem offenen Torwege stehend , unserm unsichren Untersuchen schon seit einiger Zeit gefolgt zu sein schien . Als er uns auf sich zukommen sah , kam er uns seinerseits unter artigem Gruß entgegen . Es war ein großer , schöner Mann von militärischer Haltung , dabei zugleich von jener ruhigen Sicherheit , wie sie die bibelfesten Leute zu haben pflegen . Es entspann sich folgendes Gespräch . » Wir wollen auf den Kapellenberg . Können Sie uns den Weg zeigen ? « » Ich kenne ihn nicht . Aber nach dem , was ich gestern gehört , ist er nicht zu fehlen . « » So sind Sie nicht von Blankensee ? « » Nein . Ich bin erst seit acht Tagen hier . « » In der Schäferei ? « » Ja . « » Der Schafmeister ? « » Nein . Ich bin sein Knecht . « Mein Begleiter und ich sahen einander an und eine kleine Pause trat ein . Der unumwundenen Erklärung » ich bin dieses oder jenes Mannes Knecht « begegnet man in Städten niemals und auf dem Lande nicht allzuhäufig . Man sucht sich ausweichend zu helfen , so gut es geht . » Ick bin bi Schulz ' Borchardten sine Peerd « , so oder ähnlich wird das Wort umgangen . Was uns aber in dem vorliegenden Falle noch ganz besonders frappierte , war das korrekte Deutsch und der männliche und zugleich bescheidene Freimut , in dem die Antwort gegeben wurde . Diese so seltene Demut und Wahrheitsliebe verfehlte nicht eines Eindrucks auf uns und wir freuten uns , als unser neuer Bekannte darum bat , uns begleiten zu dürfen . Er war , wie sich bald ergab , aus der Provinz Sachsen , hatte in der Garde gedient und war dann sechs oder sieben Jahre lang der Diener in einem altlutherischen Hause und der Pfleger eines einzigen gichtbrüchigen Sohnes gewesen . So war denn vieles erklärlich . Was ihn aus der großen Stadt in dies abgelegene Dorf geführt , erfuhren wir nicht . Erst über ein breites Brachfeld hin und bald danach einen Waldweg hinauf , erreichten wir die Kuppe des unser nächstes Ziel bildenden Kapellenberges und betrachteten den alten Bau , der seinerzeit diesem Berge den Namen gegeben . Zwei Wände sind eingestürzt , zwei stehen noch , so daß es auch für den Laien ein leichtes ist , sich alles wieder in Vollständigkeit vorzustellen . Es war eine gotische Kapelle , zehn Schritt im Quadrat , nach allen vier Seiten hin offen , genau nach Art jener Baldachine , denen man in alten Domen so oft über dem Altar begegnet . Ob dieser Bau vordem ein Wallfahrtsort war , ist schwerlich noch mit Sicherheit festzustellen , aber das scheint mir gewiß , daß er kirchlichen Zwecken und nur solchen diente . Die Konsolnische , darauf das Muttergottesbild stand , ist noch wohl erhalten und so muß es denn einigermaßen überraschen , in selbst guten Büchern auf folgende Versicherungen zu stoßen : » Es verrät nichts hier , daß das Gebäude jemals kirchlichen Zwecken gedient haben könne . Der Zweck desselben war ein militärischer ; es war eine Burgwarte . Das Gemäuer zeugt von hohem Altertum , und es ist mindestens möglich , daß es , wenn nicht aus der Slawenzeit , so doch aus der Zeit der deutschen Eroberung stammt . Es diente wohl als Zwischenstation für die Burgen Trebbin und Saarmund . « So viele Zeilen , so viele Fehler . 56 Der ganze Bau war niemals etwas anderes , als eine rechtwinklige Zusammenstellung von vier offenstehenden Portalen , genau das Gegenteil von Festung , Warte , Burg . Es ist ein Kapellchen aus dem vierzehnten oder vielleicht auch erst aus dem fünfzehnten Jahrhundert , so daß hier mutmaßlich ein Rechenfehler von dreihundert Jahren zu verzeichnen bleibt . An diesen Kapellenberg knüpfen sich zahlreiche Sagen , die , wie verschieden auch in ihrer Einkleidung , doch sämtlich auf das alte , namentlich in unserer Mark beliebte Thema hinauslaufen » daß daselbst ein Schatz vergraben sei « . Noch in diesem Jahrhundert kam ein Herr von Thümen ventre à terre von Berlin geritten , ließ Bauern und Tagelöhner wecken und zog in langer Kolonne den Berg hinauf , um unter dem alten » Bocksdornstrauch « , der die linke Kapellenecke mit seinem Gezweige füllt , bohren und graben zu lassen . Denn unter dem Bocksdornstrauche liegt der Schatz . Aber der Schatz kam nicht und der tolle Herr von Thümen mußt ' es schließlich doch wieder aufgeben , gerade so wie es hundert Jahre früher ( noch in der sächsischen Zeit ) auch sein Ahnherr , der alte Kreisdirektor von Thümen , hatte aufgeben müssen , » obwohlen der schon ganz nahe daran gewesen « . Die Sage von diesem alten Kreisdirektor aber , die noch von Mund zu Munde geht , ist die folgende : Es war wohl schon den dritten Tag und sie gruben immer noch . Da kamen sie bis an eine eiserne Türe mit einem Schlüsselloch , und durch das Schlüsselloch konnten sie hineingucken und eine mit Geld aufgehäufte Braupfanne sehen . Und auf dem Gelde saß der Böse . Der alte Kreisdirektor aber hat trotz alledem nicht ablassen wollen und hat angefangen zu parlamentieren und an den Bösen zu schreiben . Vorerst hat sich keiner finden wollen , um die Briefe zu bestellen , zuletzt aber hat sich doch einer gefunden , der Ebel hieß , und hat alle Nacht einen Brief vom alten Kreisdirektor auf den Kapellenberg getragen . Und immer , wenn er an die rechte Stelle gekommen , um den Brief hinzulegen , hat schon ein Brief vom Bösen dagelegen und ein Münzgroschen dabei als Botenlohn . So haben sie sich geschrieben hin und her , der Böse und der Herr Kreisdirektor , und immer um die zwölfte Stunde war Ebel auf dem Kapellenberg . Und der Böse schrieb zuletzt : » Der Herr Kreisdirektor solle wahr und wahrhaftig alles haben : aber den Briefträger müss ' er ihm geben und den Arm vom See , der die › Lanke ‹ heißt , auch « . Das hat aber der Kreisdirektor nicht gewollt , weil es Ebeln sein Leben und wohl auch noch andere Menschenleben gekostet hätt ' . Denn wenn der Böse erst den Seearm gehabt hätt ' , so wäre mancher mit ' m Kahn verunglückt oder im Winter auf ' m Eis und hätt ' ertrinken müssen . Alle Jahr hätte wenigstens einer ' ran gemußt . Und so ist denn die Braupfanne voll Geld nicht gehoben worden und liegt heute noch . So die Sage . Wir unsrerseits aber , als wir uns an dem Bocksdornstrauche zu schaffen gemacht , erblicken unter seinem Gezweige nichts als einen Haufen allerfleißigster Ameisen . Ein Avis an alle müßigen Schatzgräber , den Schatz da zu suchen , wo er liegt . Als wir noch plauderten und nach einem Aussichtspunkte suchten , zogen einige von Blankensee kommende Kirchgänger über den Berg , ihrem Nachbardorfe zu . Der Gottesdienst war also aus und wir gingen nunmehro zurück , um auch unsrerseits unsern Besuch in der Kirche zu machen . Unser freundlicher Begleiter verabschiedete sich am Eingange , mutmaßlich um uns nicht länger zu behindern , vielleicht auch aus sektirerischem Geist . Im Innern bot sich uns anfänglich nichts , was sich über den Durchschnittsinhalt alter Dorfkirchen erhoben hätte ; bei nährer Betrachtung aber zeigte sich doch mancherlei : Grabsteine , Bilder und Schildereien . Ein Epitaphium galt