Schlittens . Das Gefährt gehörte wieder Ackermann . Man kannte schon das Glöckchen . Man kannte die Art des Knechtes , mit der Peitsche zu knallen . Die Hunde schon verriethen , daß es Martin war , der zurückkam . Ist Oleander in Schönau geblieben ? Ist er nach Randhartingen zu Wildungen ? So vermuthete man durcheinander , bis die Botschaft kam , Martin wäre es wirklich . Oleander und Siegbert stiegen vor dem Hause aus , warfen ihre Hüllen ab und traten in das warme , trauliche Zimmer . Das sonst so behagliche Gefühl , eine Familie des Abends spät im Winter zu überraschen , wo schöne Töchter im Hauskleide bei weiblichen Arbeiten sich einfach und gemüthlich dem Blicke darbieten , konnte diesmal in Siegbert nicht aufkommen . Oleander erzählte sogleich , da Siegbert schwieg , was sie herbrächte , was sie bekümmerte ... Großer Gott , sagte Ackermann , hätt ' ich Das ahnen können ! Damit öffnete er ein Schreibepult und gab Siegberten den Brief , den er durch Einlage von Leidenfrost empfangen hatte . Ihre Mutter , Wildungen , wäre todt ? Karoline ? ... Ich weiß , daß sie Karoline heißt ! Siegbert bemerkte nichts um sich her . Er riß den Brief auf , begann einige Zeilen zu lesen und ließ ihn sogleich fallen , weil ein Thränenstrom aus seinen Augen stürzte . Er sank auf einen Sessel und legte den Kopf auf die Arme , die er über den Tisch kreuzte . Ackermann trat an ' s Fenster , schlug die Gardinen zurück und sah in die Schneenacht , die keine Sterne glänzen ließ . Selma weinte . Fränzchen zog sie an sich , um sie zu trösten ; doch war sie zu ergriffen . Sie schluchzte , wie Siegbert , sie verließ das Zimmer . Oleander stand ruhig und faltete die Hände . Ackermann wandte sich dann und sagte mit bewegter Stimme zu seinem Neffen , dem er sich noch nicht enthüllen mochte : Muß Sie Das zu mir führen ? Sammeln Sie sich , junger Freund ! Sehen Sie diese Winternatur ! Die Erde ist ein einziger Grabeshügel . Entbehren , Scheiden , Verlieren ist unser Loos . Nehmen Sie ' s wie etwas Erwartetes , Gewußtes ! Es mußte so sein . Siegbert gab ihm die Hand , ohne daß er zu ihm aufblicken konnte . Die einzigen Worte , die er sprach , waren : Mein armer Bruder ! Ackermann fand diesen Gedanken an den Bruder wahr und natürlich . Lieben Sie den Bruder so , sagte er , daß Sie seiner gedenken , wie er hat leiden müssen , dieses Todes Zeuge zu sein ? Und dennoch ist es ein Trost , daß Ihre Mutter einen ihrer Söhne um sich hatte ... als sie dem Gatten folgte ... Ackermann konnte nicht weiter sprechen . Er mußte sich wieder zum Fenster wenden . Oleander erbot sich , um sogleich den ganzen Kelch zu schlürfen , Dankmar ' s Brief zu lesen . Siegbert gab dazu die stumme Erlaubniß . » Mein guter Siegbert « , schrieb Dankmar , » wenn ich so lange schwieg , that ich es aus brüderlicher Liebe ! Ich sagte dir , daß die Mutter krank ist . Ich schilderte ihre Leiden geringer und mache mir jetzt Vorwürfe darüber . Fasse dein Herz zusammen , Siegbert : Unsre Mutter ist nicht mehr . Diese Nacht entschlief sie sanft nach heftigen Leiden , die mir das Herz zerrissen . Wie ich nach Angerode kam , fand ich sie schon auf ihrem letzten Lager . Sie hatte uns nicht betrüben , nicht in unserm Lebensgange stören wollen ! Du kennst ihr starkes Herz , das wir oft anklagten , weil es nicht so weich zu schlagen schien wie das des Vaters . Ihr starker Sinn war nur die Kraft des hochherzigsten Charakters . Wie ich kam und sie auf dem Lager sah , wollt ' ich dich rufen . Sie erhob sich und wollt ' es nicht . Mein Siegbert , sagte sie , steht vor mir ... so lehnte sie sich zurück und ich wagte nicht , ihrem befehlenden Worte zu widersprechen . O Bruder , nun brachen zehn jammervolle Tage an . Jeden begrüßt ' ich mit der Hoffnung , ein Lichtstrahl würde in diese Nacht des Elends und der Leiden fallen . Vergebens , kein Wort des Arztes lautete tröstend . Ich wachte an ihrem Lager . Sie verbot es , wenn sie mich erkannte und Tag von Nacht noch unterscheiden konnte . An den Ort wollte sie getragen sein , wo der Vater starb . Da lag sie , ein Bild des Jammers ! Keine Nahrung , keinen Schlaf mehr , der sie erquickte . Die Brust hob sich von ihren schweren Athemzügen , oft erhob sie sich wie eine Hülferufende , da ihr der Athem stockte . In meinen Armen erholte sie sich und sprach mit der langsamen , feierlichen Rede einer Fieberkranken : Ich sehe meines Siegbert ' s Augen ! Du standest vor ihr , als wenn sie dich mit Händen fassen konnte . Das Fieber verwirrte ihre Begriffe - die innere Glut , von der sie unaufhörlich sprach , theilte sich ihrem Hirne mit . Ein Licht ! Ein Licht ! rief sie in einer Nacht und sah , als man ihr eine Kerze entgegenhielt - Nachbarinnen , Freundinnen , Ärzte unterstützten mich - so unverwandt sah sie in die Flamme , daß ich den Gedanken faßte , wenn sie genesen sollte - ich hoffte noch immer - müßte sie erblinden . Aber mit der Heftigkeit , deren sie in jüngern Jahren fähig war , rief sie : Nein ! und immer blickte sie in das Licht , ganz dicht mit den Augen fast in die Flamme hinein , als kühlten sich die heißen Wimpern sogar an der Flamme , als wäre Licht für ihr Auge Thau . Oft auch rief sie : Heinrich ! worunter sie ihren Bruder , den Oheim Rodewald , den Verschollenen verstand . Dann sank sie zurück und zog die Decken so über sich , daß die Füße entblößt waren . Wollte man sie bedecken , so geriethen die abwehrenden Hände in ein grauenhaftes Nervenzucken ... ach , Bruder , ich habe an der Schwelle der Mysterien unsres Daseins gestanden . In deinen Armen starb der Vater , in meinen die Mutter ... So hingehen ! So in Schmerzen aus der zusammenbrechenden Hülle des Körpers scheiden ! ... Und der innere Vorwurf , der mich nagte , daß ich der Mutter den Witwensitz in dem Tempelhause mit Gewalt erhalten wollte ! Sind wir denn nicht alle wie Mörder aneinander ? Einer dem Andern die Schuld seiner Leiden , ja seines Todes ? O diese nagenden Gedanken , als ich an dem Krankenlager saß und sie mir , die treue , aufopferungsfreudige Mutter , zuweilen sagte , als wollte sie sich entschuldigen : Dankmar , es währt so lange ! Mein Körper ist so fest ! Er bricht so schwer zusammen ! Ach , Siegbert ... nun mußt ' ich niederknieen und die Hand der Guten küssen ! Wie bat ich um Verzeihung für so vielen Kummer , ja für unsre Unkindlichkeit , die am weichen Vater mehr hing als an der starken , gesinnungsvollen Mutter ! Auch von dem Archiv sprach sie , von dem Kreuze und unsern Hoffnungen ! Mit dem Auge einer Seherin sagte sie von diesen : Ihr werdet den Segen ernten , aber hütet ihn ! Dann sprach sie oft stundenlang nicht und versank in ein dumpfes Brüten . Ihr Geist schien dabei nicht zu schlummern . Sie blickte in ' s Jenseits voraus . So kam es mir vor , wenn sie regungslos nur stöhnte und nachher , als sie ausgerungen hatte , als sie mit dem letzten Reste ihrer Kraft sich zum Sterben fast zurechtlegte , da dacht ' ich doch , sie schlummre nur . Sie schlummerte halb von dem Opium des Arztes , halb starb sie . Immer drei Athemzüge des Schlafes und dann ein fehlender des Todes , ein stockender , der ausblieb . Ich glaubte nicht , daß Das der Hingang von dieser Erde war . Ich hatte keinen Abschied genommen , ich hatte nichts mehr gehört von ihrem letzten Willen und nun sagte der Arzt , sie entschlummre ! Sollt ' ich sie wecken ? Sollt ' ich sie aus diesem sanften Entschweben wachrufen ? Ich konnte nicht . Ich faltete nur die Hände und sah auf das verklärte Antlitz mit dem Glauben an eine geheimnißvolle Verbindung zwischen Hier und Dort . In der Nacht brach das Auge noch einmal auf . Es war nur die galvanische Zuckung des Stoßes zum Herzen . Es war kein Blick des Lebens und Bewußtseins mehr . Sie war hinüber .... Und nun , Bruder , wenn du diese Zeilen empfängst , ruht sie in der winterlichen Erde . Laß dich von nichts aufschrecken , was dich jetzt gebunden hält ! Dieser Tod war unvermeidlich . Diese Liebe konnte uns nicht bleiben . Laß uns gefaßt auf unserm Pfade weiter schreiten und denken : Ein unsichtbarer Genius mehr , der uns beschützt ! Schreibe mir , komme nicht selbst ! Sei gefaßt ! Ich reise nach drei Tagen zurück und will denken : Das Leben ist Pflicht ! Inniger und treuer verbunden denn je dein Dankmar . « Oleander hatte diesen Brief mit deutlicher und starker Stimme vorgetragen und hatte sich nicht von dem Weinen Siegbert ' s , nicht von Ackermann ' s abgewandtem Schmerze , von Selma nicht unterbrechen lassen , die während des Vorlesens zurückkam und den männlichen und gefühlvollen Worten des Briefschreibers noch lauschen konnte . Man staunte , als Siegbert erklärte , er bäte , ein andres Pferd anspannen zu lassen . Er wollte noch mit Oleander nach Plessen zurück . Man erwartete , daß Beide blieben . Oleander entschuldigte sich , daß er morgen ganz in der Frühe eine Schulrevision hätte . Siegbert ' s Wunsch , mit ihm allein zu sein , schien natürlich ... Ackermann bestellte einen Andern seiner Leute , ein andres Pferd und entließ den innerlich aufgelösten , wie zerschmetterten Siegbert mit wiederholtem freundlichen Zuspruch und einer Umarmung , die Siegberten aufrichtete . Selma gab ihm zitternd eine Hand , deren Kälte verrieth , wie gewaltsam ihr Blut zum Herzen strömte . Auch Fränzchen gab Siegbert die Hand und leuchtete Beiden zum Schlitten . Als Siegbert mit Oleander allein war , ließ er seinen Gefühlen freien Lauf . Im Ackermann ' schen Hause , bei aller Liebe und Theilnahme , würde er sich gehemmt gefühlt haben ... Es war elf Uhr , als sie in Plessen ankamen und Siegbert in das einstweilen zugerichtete Bett stieg . Oleander las ihm noch einige Gedichte vor , die er über den Verlust seines Freundes , des Komponisten , den er Wilhelm genannt , vor einigen Jahren gedichtet hatte . Ackermann aber entließ seine bewegten Mädchen mit dem Geständniß , daß ihn dieser Vorfall auf das Heftigste erschüttert hätte . Als er allein war , entschlüpften ihm diese Worte : So viel edle , gute Menschen - so viel , so viel - und Egon ! Egon ! Seine Stirn verfinsterte sich . Er nahm sein Portefeuille , schlug es auf , sah ein Papier an , in welchem eine braune Locke eingeschlagen war ... Es war die Locke , die er einst von Dankmar ' s Stirne schnitt ... In dem Glauben , es wäre eine Locke von Egon , betrachtete er sie , schüttelte sein Haupt , verbarg sie wieder und löschte das Licht , um sich mit den schmerzlich wiederholten Worten : Egon ! Egon ! trauernd und tiefgebeugt zur Ruhe zu begeben ... Zwölftes Capitel Sankt Nikolaus Eines der Gedichte , das Oleander Siegbert zu tröstender Erhebung vorgelesen , hatte gelautet : Die Sommernacht Lebe ! Lebe ! spricht die Sonne . Aber wenn sich nächt ' ge Schatten Senken auf die Wiesenmatten , Fühl ' ich : Auch im Tod ist Wonne . Wenn die Sterne niederfunkeln , Sieh die müden Augen schließen , Nebel durch die Thäler fließen , Und die Erde schläft im Dunkeln - Wenn der Thau den Plan befeuchtet , Murmelnd alle Quellen gehen , Und die Blätter leiser wehen , Das Johanniswürmchen leuchtet - Wenn aus tiefem Thalesgrunde Eine Uhr mit fernen Schlägen Unserm wachen Ohr entgegen Ruft die mitternächt ' ge Stunde - O dann kommt uns doch ein Träumen , Weht ein Lauschen , spricht ein Rauschen , Und wir fühlen , Geister tauschen Nun mit uns in diesen Räumen ! Fühlen , wie die Theuren , Süßen , Die uns ruh ' n im Schooß der Erden , Wieder scheinen wach zu werden , Wie sie kommen , wie sie grüßen ! Wie sie lächeln ! Sie erscheinen , Leicht von Silberflor getragen ! Und ihr Grüßen will uns sagen : Armer Freund , du sollst nicht weinen ! Trau der Nacht , denn nur ein falbes , Nur ein Zwielicht gibt die Sonne . Höher ist der Schöpfung Wonne Und dies Leben nur ein halbes ! Siegbert schrieb dem Bruder ... Nachdem er seine schmerzlichsten Empfindungen ausgesprochen hatte , verblieb er , Dankmar ' s Zureden folgend , noch einige Zeit in dem Plessener Pfarrhause , auf dem Zimmer des ihm geistig und gemüthlich verwandten Oleander ... Dankmar schien vielbeschäftigt . Er schrieb ihm herzlich , aber kurz . Die Anfrage wegen Selma ' s und Ackermann ' s , die Aufforderung , sich ihnen recht zu widmen , war unterstrichen , aber karg an sich . Doch kam Siegbert nicht so oft nach dem Ullagrunde , weil er wiederum auch nach der jüngst ihm bewiesenen Theilnahme für sein persönliches Leid bemerken mußte , daß Ackermann gegen ihn zurückhaltend war . Selma empfing ihn freudiger und inniger , der Vater mit Befangenheit ... An der Ausführung seines ersten Gedankens , unverweilt zum Bruder zu reisen , hinderten ihn Oleander , Zeisel ' s und manche durch die Jagd dem entlegenen Plessen näher geführte Umwohner , von denen wir nur den Grafen Bensheim und den Freiherrn von Sengebusch nennen wollen . Diese veranlaßten kleine künstlerische Aufträge für die bevorstehende Weihnachtszeit , sodaß sich Goethe ' s Wort bestätigte , wie bald ein bedeutender , seinem Lebenszweck mit Ernst entsprechender Mensch einem Kreise nützlich , ja nothwendig werden und mit ihm verwachsen kann . Siegbert fand auch hier sowol auf dem Schlosse Bensheim wie bei Herrn von Sengebusch , der hinter Randhartingen wohnte , Frauen , strebsame , ansprechende und der Beobachtung vollkommen würdige . Doch stieß ihn leider fast immer die politische Atmosphäre dieser Beziehungen ab . Er hörte nur engherzige , furchtsame , zornige Äußerungen über öffentliche Dinge und nicht etwa zwischendurch gestreut , sondern als das tägliche geistige Brot dieser Menschen . Wenn die Herren von Zeisel , von Sänger , Graf Bensheim , Herr von Sengebusch zusammen waren , äußerte sich ein Fanatismus , dem Siegbert nicht zu widersprechen wagte , da alle ruhige Erörterung unmöglich war . Da wurden die Zeiten und die Menschen verurtheilt , die jüngsten Staatsmänner Räuber genannt , Landverderber , die Demokraten verlangte man für vogelfrei zu erklären und oft sagte Graf Bensheim : Todtschießen müßte man sie alle wie die tollen Hunde ! Das Peinlichste war für Siegbert , daß auch die Frauen diesen Grimm theilten , ja schürten . Ihnen war der Verlust des Adels , mit dem man in dem ersten Stadium der Revolution gedroht hatte , ebenso verletzend wie die Besteuerungsfrage des Grundeigenthums in ihren täglichen Haushalt eingreifend und sie in einen nicht zu beruhigenden Zorn versetzend . Die Offiziere der » fliegenden Kolonnen « und der kleinen hie und dahin versetzten Garnisonen waren ihnen die willkommensten Gäste . Siegbert konnte bei seinem jeweiligen Zusammentreffen aller dieser reaktionären Elemente die Gefahr ermessen , der bei uns die bessere Begründung der Zukunft noch zu lange ausgesetzt ist . Betrübend war für ihn , daß Oleander keines politischen Urtheils fähig war und wenn er einmal eine Stimmung über die Zeitereignisse zu erkennen gab , vollkommen mit diesen ultraconservativen Gesinnungen übereinzustimmen schien . Als ihm Siegbert darüber sein Erstaunen ausdrückte , war seinerseits Oleander noch viel mehr verwundert , wie Siegbert , ein Künstler , dem kunstfeindlichen , pietätlosen Geiste der Zeit zu huldigen vermochte ! Siegbert verschwieg nicht , daß er der mächtigen Einwirkung und überzeugenden Beredtsamkeit seines Bruders Dankmar vorzugsweise die Berichtigung seiner Urtheile verdankte , daß er durch Louis Armand und Max Leidenfrost mit den Arbeitern , ja durch Egon selbst mit einer edleren Theorie über die Gesellschaft , als diese Adligen lehrten , bekannt geworden wäre und misbilligte den Eigendünkel derjenigen schaffenden Talente , die nicht ertragen konnten , daß sich der Lauf der Dinge nach den nächsten Interessen ihres Berufes nicht richtete . Überhaupt , sagte er , wäre ihm das Herleiten einer Meinung aus seinem persönlichen Vortheil gradezu ein Gräuel und diese Frauen , die die Freiheit haßten , weil ihre Männer in die Lage kommen könnten , pensionirt oder in ihren Pensionen besteuert oder in ihren Abgaben an den Staat gesteigert zu werden , diese wären ihm gradezu dem Geiste nach Megären und böse Unholde , möchten sie auch äußerlich noch so reizend und im Übrigen sanft und gefällig sein . Sie übersehen , sagte Oleander , der über die Glut , die in Siegbert ' s Wangen fuhr , erstaunte , sich aber doch freute , daß es ein Thema gab , worüber der Freund seinen Kummer auf Augenblicke vergaß , Sie übersehen , daß dem zarten Sinne der Frauen doch auch wol das rohe und unheimliche Auftreten der Demokratie , besonders in der communistischen Gestalt , als eine tiefe Verletzung der Sitte erscheinen muß . Wenn Sie sagen , der beschränkte , nur physische Lebenstrieb der Frauen verrathe sich in der conservativen Gesinnung vorzugsweise als Egoismus , so möcht ' ich grade an diesem Instinkte doch auch den feinen Takt anerkannt wünschen , daß er die Frauen sehr bald erkennen , woher den tobsüchtigen Neuerern ihr Bedürfniß des Tobens kommt . Wenn man immer Demokraten sähe wie Sie ! Woher kommt es aber , daß diese Lehre grade so viel Gesindel entfesselt hat , grade Die , welche weder für die Kirche noch den Staat , noch die Schule , noch die Gesellschaft ein Interesse haben ? In allen diesen hier auf sechs oder acht Meilen in der Runde liegenden kleinen Ortschaften sollen , wie man mich durch Beispiele versichert , grade die den Ton der Auflehnung angegeben haben , die in zerrütteten Verhältnissen lebten und von einem Umschwunge der Eigenthumsfrage zu gewinnen hoffen durften . Denken Sie sich diese tiefe Verletzung des Frauensinnes durch die Eigenthumsfrage ! Es ist nicht die Furcht vor dem materiellen Verluste allein , der die der zeitlichen Güter sich vorzugsweise annehmenden Hausfrauen so bedenklich bedrohte ; es ist noch weit mehr des Weibes stille Ahnung , daß mit der Verwirrung der Eigenthumsfrage seine eigne sittliche Existenz in Frage gestellt ist . Die Gemeinschaft der Güter würde alle Bande des sittlichen Herkommens auch in gesellschaftlicher Hinsicht sprengen . Sie wissen , daß Goethe sagte , den Frauen müsse vor Allen an einem honetten Hergang aller Fragen in der Gesellschaft gelegen sein . Siegbert hatte an diesen Äußerungen wenigstens die Freude , daß der Vikar nicht blindlings dem konservativen Dünkel der Vornehmen nachsprach , denen er seither hier begegnet war . Er fand doch , daß er nach einem tieferen Prinzipe für die Meinung trachtete , die bei Jenen so nackt und baar zu Tage lag . Dennoch widersprach er auf das Lebhafteste . Ich kann , sagte er , nicht zugeben , daß diese Bewegung immer und überall auf den Kommunismus hinaus läuft . Warum nennen Sie das Äußerste ? Müssen auch Sie nicht darunter leiden , daß man Ihre Auffassung der Religion sogleich Pietismus , ja bei Manchem Jesuitismus nennt , und doch sind Sie und die Ihnen Gleichgesinnten von diesem Extrem hoffentlich weit entfernt ! Die kommunistische Regung wird überall bald unterdrückt sein , wo sich kräftige Hände finden , die die Zügel der Bewegung in die Hand nehmen und nicht dulden , daß diese Zügel , wie bei einem durchgehenden Pferde , auf der Straße nachschleppen . Oft scheint es mir , als wollte man recht mit Gewalt der Bewegung die fatale Physiognomie aufprägen , als ginge sie nur von den Lumpen aus . Man schuf Bürgergarden und um sie lächerlich zu machen , uniformirte man sie nicht . Niemand dachte daran , sie zu schmücken . Aber unsre Soldaten , wenn sie im Bauernkittel als Rekruten vom Lande kommen , sehen sie vertrauenerweckender aus als die Freischärler ? Wer soll das Wort ergreifen , wenn die Würdigen hinter ' m Berge halten und sich zu vornehm dünken , mit dem Pöbel zu verkehren ? Da kommen denn meist Die hervor , die ohnehin schon in einer steten Unruhe leben , einer geistigen Unruhe , einer gesellschaftlichen Verlegenheit . Die Bankeruttirer sind nicht alle verschuldete Schuldner . Mancher von ihnen verlor nur deshalb , weil sein Geist reger ist als der des Philisters , der nichts wagt und deshalb immer gewinnt . Kurz die Bewegung geht nur dadurch in den Sumpf , weil man ihr Irrlichter voran tanzen läßt , nicht helle Kerzen , nicht die Lampen der klugen Jungfrauen aus dem Evangelium . In Dem , was Oleander hierauf erwiderte , zeigte sich , daß er tief in den alten romantischen Anschauungen steckte , die bei ihm eine religiöse Färbung gewonnen hatten . Gegen Ackermann ' s amerikanische Theorie verhielt er sich wie gegen etwas ihm völlig Antipathisches . Gegen Siegbert ' s Lehre von einer kräftigen Theilnahme am Staate wandte er Alles ein , was man nur von der Aristokratie des Geistes darüber zu hören bekommen hat . Siegbert , der schon so weit für die Ideen seines Bruders gewonnen war , daß er die gegenwärtige Art Politik zu treiben allerdings als unfruchtbar und gefahrbringend erkannt hatte , Siegbert hoffte , Oleander würde ihm auf halbem Wege in der Bundestheorie Dankmar ' s entgegenkommen , aber er irrte sich . Oleander wich dem großen Heereszug der Massen und dem Getümmel der großen Landstraßen gänzlich aus und blieb wenigstens für Deutschland dabei , daß wir ein Familienvolk wären und bei einer gewaltsamen übereilten Störung unsrer überlieferten Ordnung nur Gefahr liefen , unser Bestes , unsre geistigen alten Errungenschaften zu verlieren . Nun , flammte Siegbert auf , dann frag ' ich nur , Oleander , ob Sie diese Gesinnung , die ich an Ihnen ehren- und anerkennen will , in dem conservativen Glaubensbekenntnisse dieser Gräfin Bensheim und ihrer Nichten , in dem Zorne des Herrn von Sengebusch , in dem Ingrimm der Lieutenants wiederfinden , die hier die fliegenden Kolonnen befehligen ? Leihen Sie da nicht vielmehr Ihre schöne Idealität einem ganz stumpfsinnigen , rohen , egoistischen Dünkel und dem materiellsten Hochmuthe ? Ist Das Politik , was Herr von Sänger spricht ? Ist Das nicht die reinste Gedankenlosigkeit ? Oleander räumte dies ein , nannte aber den Royalismus eine politische Religion . Wie in der Religion der Eine sich mehr an das Symbol , der Andre mehr an die innere geoffenbarte Wahrheit halte , so wär ' es auch in der Politik . Der Glaube , hier und da , wäre die Grenze des uns Möglichen und geistig Erreichbaren ... O mein Freund , sagte er ruhig , prüfen Sie doch ! Was ist das Unglück aller unsrer Staaten ? Kein andres , als daß sie keine politische Religion mehr haben . Verstehen Sie mich recht ! Ich meine hier nichts , was etwa mit Staatsreligion oder Religion überhaupt zusammenhängt . Ich preise nur die Zeiten glücklich , wo die mangelhaften Verfassungen und die unvermeidlichen Ausbrüche verwirrender Leidenschaften gemildert , erträglich gemacht wurden durch jene politische Religiosität , die in unbedingtem Royalismus bestand . Soweit ich den Fürsten Egon zu verstehen glaube , so will er für den bei Seite geworfenen alten Royalismus eine neue politische Religion , d.h. eine moralische Bindekraft des Staates , ein heiliges Joch der Selbstbeherrschung künstlich schaffen . Aber wie alle Vernunft , wenn sie noch so geistreich und weise ist , die Symbolreligionen nicht ersetzen kann , so gibt es auch für die geoffenbarte politische Religion des Royalismus , die ihre weiseren und ihre einfältigeren Bekenner hat , keinen künstlichen Ersatz ; denn die Pflichtenlehre , die der Fürst aufstellt , ist eine Chimäre , an der er scheitern wird . Die Pflichtenlehre , ohne Symbolik , kann wol eine philosophische Sekte zusammenbringen , Auserwählte , Gleichgesinnte , aber nicht die dem Zufall preisgegebenen großen Massen , die der Natur , der pflichtwiderstrebenden Natur , folgen . Statt des Royalismus kann höchstens die Nationalität eine bindende politische Volksreligion werden , wie in Amerika , vielleicht sogar , wenn es besser regiert würde , in Frankreich . Und Deutschland ? unterbrach Siegbert . Nun wohl ! sagte Oleander . Geben Sie uns nur ein Deutschland ! Entfernen Sie mit einem Schlage alle Fürsten ! Schaffen Sie aus Deutschland eine Republik . Vielleicht , daß dann Thuiskon der Heilige des Volkes würde und vom Tempel des Wodan unsre Offenbarungen kämen ... ich habe im Politischen nichts dagegen ; allein schaffen Sie uns durch einen Zauberschlag diese friedlich geordnete , glückliche auf Vaterlandsliebe und nur auf Vaterlandsliebe begründete Republik ! Mit diesem Freiherrn von Sengebusch und den Lieutenants der fliegenden Kolonnen ? sagte Siegbert . Mit der Proletarierpolitik , mit den Kommunisten , den konstitutionellen Taschenspielern , den Portefeuille-jagenden Advokaten ? parodirte Oleander und Beide brachen ab , weil sie in der That noch nicht einmal über das nächste Prinzip einig waren . Wie Siegbert verlangte , für die edlere Demokratie sollte man ihre Auswüchse dulden , so verlangte Oleander , für die edlere Monarchie sollte man auch den vulgären Royalismus der Beamten , Soldaten und Adligen dulden . Die Wahlen schürten diesen Streit immer auf ' s Neue an . Die Agitation war trotz der Jahreszeit , die die Verbindungen erschwerte , überall sichtbar . Die Demokratie blieb im entschiedensten Übergewicht und versprach eine Kammer , noch radikaler als die aufgelöste . Selbst Gemäßigte wie Justus hatten Mühe , gewählt zu werden . Drossel , der Wirth zum Gelben Hirsch , lief ihm fast den Vorrang ab in dem Distrikte , wo er selber wohnte ; doch hatte Justus über drei Wahlkreise zu gebieten und mußte sich begnügen , diesmal nur zweimal gewählt zu werden . Dem Ministerium aber trat er seine zweite Wahl nicht wieder ab ; lieber noch Drosseln , wenn er diesen nicht für die Aufsicht über seine Besitzungen gebraucht hätte . Egon mußte Befehl geben , ihn , den Minister , anderswo durchzubringen . Er hatte in seinem » Jahrhundert « die konstitutionellen Neunweisen , wie es dort hieß , lächerlich machen lassen und deutlich auf jene eingebildeten Biedermänner hingewiesen , die so glücklich wären , die objektive Wahrheit auch immer da zu finden , wo sie mit der Befriedigung ihrer subjektiven Eitelkeit zusammenträfe . Die ministerielle Presse wurde mit Geist geleitet . Siegbert verstand , was ihm Dankmar , der natürlich Egon nicht mehr sah , über dessen rastlosen Eifer schrieb . Er widmet sich ganz seiner thörichten Aufgabe , schrieb Dankmar , er opfert ihr Tage und Nächte , redigirt Noten und Artikel und will das Recht haben , Feinde und Freunde zu brüskiren . Von uns , als Freunden , sprech ' ich nicht . Ich suchte keine Beziehung mehr zu ihm . Louis ist so gut wie aus seinem Umgange verbannt . Aber von jenen Freunden sprech ' ich , denen er doch dient . Bei Hofe wird er noch angebetet . Die Prinzen müssen sich aber schon gefallen lassen , daß er ihre Urtheile ignorirt . Die Lieblinge des Hofes verletzt er schonungslos . Von dem General Voland von der Hahnenfeder , dessen Einfluß beim Könige weltbekannt ist , hat er geäußert : Er besäße die Beweise in der Hand , daß er es mit der Hierarchie halte . Verdächtige Persönlichkeiten , z.B. jener Franzose Rafflard , wurden ausgewiesen . Besonders scharf bewacht er die Clubs und die Gesellschaften , auch die aristokratischen , und manche heftige Scene ist schon vorgekommen , wenn er zuweilen die sogenannten kleinen Cirkel überrascht und sich Nachrichten über die auswärtige Politik erbittet : er höre , die » kleinen Cirkel « hätten eine Depesche bekommen , die bei ihm ausbliebe . Allein bei alledem erkennt man in ihm den Retter der Monarchie und ist gefaßt darauf , die nächste Kammer wieder zu entlassen und nach Egon ' s Theorie ein Zweikammersystem zu oktroyiren , eine Kammer der Interessen der Arbeitenden und eine Kammer der Interessen der Arbeitgebenden . Man versichert , daß Egon dabei alt wird und sehr hinfällig aussieht . Allgemein heißt es , er hätte die Absicht , Melanie Schlurck zur Fürstin von Hohenberg zu erheben . Es würde dies die merkwürdigste Folge sein , die nur einem konsequenten Streben geboten werden könnte . Melanie hielt mich einst für den Fürsten Egon und verliebte sich in mein Incognito . Als sie enttäuscht wurde , behielt sie das Wappen im Auge und wird es erobern . Man sagt , Pauline von Harder , die jetzt Alles in Allem ist und um zehn Jahre jünger geworden sein soll , bediene sich der schönen Melanie , um mit Egon in desto festerer Verbindung zu bleiben ; sie verhindere , sagt man , das ehrgeizige schöne Mädchen , sich ihm unbedingt zu widmen und lehre sie die Koketterie , die sie früher in ihrem eignen Leben selbst nicht beobachtet hat . Egon , ermüdet vom Tageslärm , erschöpft von der Arbeit , ruht bei Pauline von Harder , der Feindin seiner Mutter , der Vernichterin ihrer Memoiren , seit ihrer wunderbaren Aussöhnung ,