die religiösen Empfindungen und Vorstellungen verloren nur mehr und mehr die Macht , sie zu beeinflussen . Sie wandte sich mit einem stillen Widerwillen von ihnen ab . Ein Durst nach Verstehen dessen , was um sie her vorging , war an ihre Stelle getreten . Agathe wurde immer lebhafter in ihrem Wesen , sie sprach und lachte so viel wie niemals zuvor . Ihr Augen verloren den tiefen , schwärmerischen Ausdruck und richteten sich bestimmt auf Dinge und Menschen . Mit Eifer und Vergnügen begann sie Romane zu lesen — solche , die man jungen Mädchen nicht erlaubt , und die sie verbarg , sobald jemand kam . Zu ihrem Erstaunen bemerkte sie , daß ihre Mutter die Bücher auch gern las , obgleich sie darüber schalt und nicht begriff , wie Menschen so unsinniges Zeug zusammenschreiben konnten . War in Gesellschaft von einem der Bücher die Rede , und wurde Agathe gefragt , ob sie es gelesen , so antwortete sie , ohne zu erröten : “ Nein , ich denke , das kann man nicht . ” Die Herren ihrer Bekanntschaft setzten ihr dann auseinander , daß mancher der Dichtungen ein gewisser Wert nicht abzusprechen sei . Aber sollten sie sich vorstellen , daß sie mit einer jungen Dame verkehren müßten , die dergleichen gelesen hätte — nein , das würde ihnen außerordentlich peinlich sein . Zuweilen dachte Agathe : wenn sie noch heiratete , so könne es nun nimmermehr eine ideale Ehe für sie werden . So vieles , was ihr schon durch den Kopf gegangen , durfte sie keinem Manne je gestehen . Und eine wahre Ehe war nicht möglich ohne völliges , gegenseitiges Vertrauen . Also bemühte sie sich kaum noch um des Zieles willen , sondern nur , weil eine innere Unruhe sie antrieb , immerfort nach Liebe und Bewunderung zu suchen . Nur einmal geküßt werden , das war eine fixe Idee . Mußte es denn eine regelrechte Verlobung sein ? Es waren doch auch andere Küsse denkbar ? Ja — denkbar schon . . . denkbar ! Aber die Gewohnheit eines ganzen Lebens deckte Agathe mit einem festen Schilde . Sie träumte die leidenschaftlichsten Abenteuer . . . . und blieb doch nach außen das vornehme , zurückhaltende Mädchen . Nicht aus Heuchelei . Sie konnte nicht anders — wenn sie auch wollte . Sie spielte mit der Gefahr , nach der sie sich sehnte , bis sie vor der leisesten physischen Annäherung eines Mannes instinktiv zurückschauerte . Nicht in keuscher Unschuld — denn sie war kein Kind mehr — sie war erwacht , ein reifes , temperamentvolles Weib . Ihr Phantasie- und Gefühlsleben war nicht mehr unschuldig . Es war nur ein fortwährender Streit zwischen ihrer individuellen Natur und dem Wesen , zu dem sie sich in liebendem Eifer nach einem ehrwürdigen , jahrtausende alten Ideal gemodelt hatte . Und es war wilder , scheuer Hochmut in ihr : Sich selbst — diese gehütete Kostbarkeit , einem Manne geben , der nur Talmi verlangte ? Und der sie , Agathe Heidling , dann sein Leben lang für Talmi halten durfte ? Die Eltern freuten sich , daß Agathe sich die Enttäuschung so wenig zu Herzen nahm . Sie tanzte im nächsten Winter , so viel es ging , lockte mehrere junge Leute auch an , bei Heidlings Besuch zu machen . Man sagte ihr Schmeicheleien , wie sie sich konserviere — bei Abend könne man sie gut noch für ein ganzes junges Mädchen halten . Nur liebenswürdiger sei sie als früher . Dürnheim besann sich zwei Winter hindurch , ob er nicht vielleicht anhalten sollte — sein Vetter Raikendorf hatte ihn zwar gewarnt . . . . schließlich feierte er dann doch seine Hochzeit mit der kleinen Romme . Sie bekam dreißigtausend Thaler bar mit in die Ehe , wußte Onkel Gustav . Zwei Winter hatte Agathe mit erlahmenden Kräften gekämpft — nicht gerade um Dürnheim allein — um jede neue Männererscheinung — um einen Blick — um ein Lächeln . Und die heimlichen Niederlagen , von denen nur sie selbst wußte ! Die Reue — die Scham — die Langeweile — zuletzt mehr und mehr ein Gefühl , als habe sie sich selbst verloren und schwanke — eine welkende Form ohne Inhalt , ohne Seele — durch der Erscheinungen Flucht . Heidlings feierten ein schönes Fest . Der alten Küchendorte wurde der Preis für fünfundzwanzigjährige treue Dienstleistung bei einer Herrschaft und für tadellosen sittlichen Wandel verliehen . Alle Mitglieder der Familie hatten sich versammelt , die treue Magd zu ehren . Sie bildeten einen Kreis um Dorte , als der Regierungsrat ihr im Allerhöchsten Auftrage die Bibel und das silberne Kreuz , das die Kaiserin zu diesem Zwecke gestiftet hatte , überreichte . Er verlas mit lauter , feierlicher Stimme das amtliche Begleitschreiben . Frau Heidling und Agathe trockneten sich die Augen — wenigen Herrschaften konnte man heutzutage nachsagen , daß ein Dienstbote so lange bei ihnen ausgehalten habe . Die übrigen Mädchen des Hauses , die sich bescheiden und neugierig in der Thüröffnung drängten , sollten sich ein Beispiel an der Jubilarin nehmen . Der Regierungsrat ergriff die Gelegenheit , einige warme Worte von dem Segen , der die Pflichterfüllung kröne und tiefere innere Befriedigung gewähre , als die heutzutage überhand nehmende Genußsucht , in die Feier zu verflechten . Die Mädchen weinten vor Rührung : der Herr Regierungsrat redete auch zu schön ! Dann wurde Dorte an den Geschenktisch geführt . Ihre in unzähligen Fältchen fast versteckten Maulwurfsaugen blinzelten , geblendet vom Funkeln der fünfundzwanzig Lichter , die eine in der Mitte prangende Torte umgaben . Mit undeutlichem Brummen , das ihre Zufriedenheit ausdrücken sollte , betastete Dorte das von der Rätin gestiftete Cachemirkleid — ein Portemonnaie mit Goldstücken gefüllt — hundert Mark ! und die Gaben , die Fräulein Agathe , die jungen Heidlings und Onkel Gustav beigesteuert hatten . Der kleine Wolf , ein stämmiges Bürschchen , hielt in seinen dicken Pfötchen einen Karton mit einem weißseidenen Tuch . Er sollte es der Jubilarin überreichen . Aber weil das bunte Bild auf dem Deckel ihm gefiel , wollte er es nicht hergeben , rannte damit fort und brüllte fürchterlich , als seine Mutter ihn einfing und es ihm abnahm . So wurde die feierliche Stimmung gestört . Doch war es die einzige Gelegenheit , bei der ein Lächeln , wie ein blasser Wintersonnenstrahl durch graues , trockenes Baumgezweig , sich mühsam durch die Runzeln von Dortes verdrießlichem alten Gesicht arbeitete . “ Ne aber ! Das Wölfchen ! ” sagte sie voll andächtiger Bewunderung , bröckelte ein Stückchen von der selbstgebackenen Festtorte und schob es in das weitgeöffnete Mäulchen , das sich , mitten im vollen Schreien , getröstet über der Süßigkeit schloß . “ Dorte — Du sollst doch nicht . . . ! ” mahnte Frau Eugenie . “ Heute darf Dorte alles , was sie will — sogar unserm Jungen den Magen verderben ! ” rief Lieutenant Heidling gut gelaunt , und die Hausmädchen kicherten . Sie mußten sich auch die Geschenke ansehen — Line von Kommerzienrats und Rike von Professors oben und Lieutenants Sophie — vielleicht hatte es doch einen guten Einfluß auf die leichtsinnige , wanderlustige , faule Bande , dachte die Rätin . Das pommersche Dorfkind Wiesing war schon längst nicht mehr bei Heidlings . Mitten im Vierteljahr hatte man sie fortschicken und sich mit einer diebischen Aufwartefrau behelfen müssen . Und das Mädchen machte anfangs einen so netten Eindruck . Mittags aß Dorte am Tische ihrer Herrschaft . Das graue Zöpfchen zu winzigem Knötchen gedreht , ein bescheidenes Filettuch über den spärlichen Scheiteln , im schwarzen Abendmahlskleide , auf der Brust das silberne Ehrenkreuz — so saß sie still und steif auf ihrem bekränzten Stuhl . Eine fremdartige Gestalt in dem Kreise der vornehmen Bürgerfamilie , der sie ein Vierteljahrhundert gedient hatte — ihr die Nahrung bereitend — in Winterskälte und Sommersglut am Herde , wenn sie noch schliefen , und mit dem Geschirr klappernd , wenn sie schon die Ruhe suchten — einen Tag wie alle Tage — fünfundzwanzig Jahre lang . War es ihr nun eine hohe Ehre , daß sie einmal — nur einmal an dem Tische sitzen durfte , für den sie so lange gesorgt hatte ? Wer von der Familie , die ein Vierteljahrhundert mit ihr in demselben Hause gewohnt , unter demselben Dache geschlafen , hatte eine bestimmte und klare Vorstellung , was hinter diesen kleinen , trüben , rotgeränderten Augen für Gedanken und Gefühle wohnten ? Sie klopften ihr die Schulter , sie drückten ihr die von Gichtknoten gekrümmte Hand , sie sagten ihr freundliche Worte der Anerkennung — eine Fremde war und blieb die alte Küchendorte ihnen doch . Und das Gespräch stockte , weil man durch ihre ungewohnte Anwesenheit am Tische sich geniert fühlte . Als man auf ihr Wohl mit den Weingläsern angestoßen und sie ein Stück Torte auf ihrem Teller in Empfang genommen hatte , stand sie auf und begab sich trotz aller Proteste in ihre Küche zurück . Dort fand Agathe sie später , das amtliche Schreiben vor sich ausgebreitet , die Brille auf der Nase , mühselig Wort für Wort des verschnörkelten Kanzleistiles entziffernd . Dafür hatte sie nun gelebt . Das Abendmahlskleid war bereits wieder abgelegt , das Kreuz zu dem Gesangbuch in die Truhe versenkt , und Dorte streifte sich die Ärmel von den braunen Knochenarmen und goß kochendes Wasser in die Schüsseln , um abzuwaschen . “ Aber Dorte , laß das heute doch dem Hausmädchen ! ” “ Die wird gerade fertig , ” knurrte die Alte . “ Alle Minuten vor der Thür und aufpassen , ob ihr Mannsbild nicht dasteht . Gehn Sie man rein , Fräulein . ” Agathe hätte ihr gern etwas gesagt von Hochachtung oder Bewunderung . Aber es wollte ihr nichts über die Lippen . Eine Ahnung , als habe man das verschrumpfte alte Geschöpf mit diesem Amtsschreiben , der Bibel , dem Ehrenkreuz auf irgend eine Weise , die ihr doch nicht klar war , um des Daseins besten Teil betrogen , hinderte sie zu reden , wie sie es gewünscht hätte . Aus Agathes Tagebuch . — — Nur einmal in sich selbst hineinschauen . . . Da stürzen gleich die Wasser der Trübsal , die an den schwachen Stellen meines Herzens lecken und wühlen , über alle vom Verstand aufgeschütteten Dämme . Hilfloses Ringen — die Angst eines Ertrinkenden . Und dabei Gardinenkanten häkeln und Deckchen sticken . Wieviel Deckchen habe ich eigentlich schon in meinem Leben gestickt ? — — Kein großes Leiden , das erhebt und läutert . . . Ich weiß schon — fleischlich . Qualvoll , qualvoll — aber gemein — niedrig . — Langsames Verhungern einer Königin , die nicht zu betteln gelernt hat ! Ja — das klingt schön . . . . Aber — — Warum stehlt ihr nicht , wenn ihr hungert , armes Pack ? Man besingt die Sieger , nicht die Besiegten ! . . . . Man besingt Messalinen . . . . . Ein dunkelblauer See . . . hoch , hoch in den Alpen . Ganz einsam . Kahles , graues Gestein — und Schneegipfel . Und Abend müßte es sein — Rosen auf das tiefe Blau gestreut — Rosen der niedergehenden Sonne . Leise — langsam — allmählich . . . Wie das Wasser , von den Lichtstrahlen des Tages durchwärmt , an den Gliedern emporquillt — bis zum Herzen — und die Augen schließen . . . Der Boden schwindet . . . Wenn die Fische leicht und stumm ihre Flossen über meine Stirn streifen werden . . . . Wenn lange schleimige Wasserpflanzen aus meinen Augenhöhlen wachsen . . . wenn das Feuchte dort unten tief im Dunkeln mein Fleisch durchsickert und zerstört — ob ich dann immer noch Schmerz fühlen werde ? Eine alte Frau war zur Hintertreppe heraufgekommen und hatte verlangt , das gnädige Fräulein Heidling selbst zu sprechen . Als Agathe in die Küche trat , gab sie ihr ein fleckiges , nur flüchtig zusammengefaltetes Papier . Ein Bettelbrief . Große , steife Buchstaben von einer ungeübten Kinderhand mit Bleistift niedergekritzelt — für Agathe nur schwer zu entziffern . “ Hochgeährdestes Frölen Heidling ! Entschuldigen Sie , wenn ich mich an Ihnen wende , mit meiner kroßen Not , hochgeährdestes Frölen mein Kleines is mich gestorben und wollen sies auf die Anadomie schicken bei die Studenten und ich bin zu liegen kommen wer soll den Sarg Bezahlen ? hogeährdestes Frölen wenn doch die krosse Güdde hädden und eine Gabe für das , es is mich zu hart das mein Kleines nich soll auf den Friedhof liegen hochgeährdestes Frölen bitte Ihnen inständigst um Verzeihung wohne bei Witwe Krämern . Untertänigst Luise Groterjahn . ” “ Luise Groterjahn . . . ” wiederholte Agathe , vor ihre Erinnerung trat die freundliche Gestalt des kleinen , rundlichen , flachsköpfigen Hausmädchens . “ Luise hat ja hier im Hause gedient , und sie wäre mit dem gnädigen Freilein zum heiligen Nachtmahl gegangen , sagt sie , ” erklärte die Alte mit großer Zungenfertigkeit , und ihre schielenden Blicke liefen an Agathe auf und nieder . “ Da sagt ich bei sie : Luise , sag ich , wende Dich doch an das gnädige Fräulein . Die Miete is se ja schon zwei Monat schuldig , aber man is ja ein Christenmensch , un auf die Straße werf ' ich kenen , ne Freilein , da soll mich Gott vor bewahren , un man thut ja auch gern den Weg un läuft vor so ' n armes Mächen , und erst konnt ' ich die Nummer nich finden . . . . ” “ Woran ist das Kind gestorben ? ” fragte Agathe ungeduldig . Die Alte hob die Augen wehleidig zum Himmel . “ So ' n Engelchen , ” jammerte sie mit einer unangenehmen Sentimentalität , “ ich hab ' s immer gesagt , Luise , hab ich bei sie gesagt , der Wurm verhungert Dir noch . Freilein — unsereens — weeß Gott , mer hat selber seine liebe Not . Nu liegt se mit ' n Bluthusten schon an de vier Monat — keen Verdienst un nischt nich — da is so ' n Kleenes balde hin . — Ne , großer Gott , daß mir so was passieren muß in meinem Hause . ” “ Ich will kommen , ” murmelte Agathe . “ Heut noch . Was muß man thun , damit das Kind nicht . . . . Mein Gott , ich ahnte nicht , daß so etwas geschehen könnte ! ” “ Ach Freilein — ” sagte Dorte grimmig , “ — die armen Leute — da fragt keiner nach , ob die sich die Seele aus ' n Leibe heulen . ” Die Alte erbot sich , mit dem Totengräber zu reden und alles Nötige zu besorgen . Kriechende Demut wechselte mit listiger Schlauheit im Ausdruck ihres Gesichtes . Vertrauenerweckend schien sie nicht , doch mußte man sich wohl ihrer Hilfe bedienen . “ Dorte , ” sagte Agathe bedrückt , “ wir wollen Mama nichts von den Sachen sagen . Ich will erst sehen , wie alles steht . ” Die alte Köchin murrte etwas Unverständliches . Vier Jahre lagen zwischen heut und dem Abend , als Wiesing mit ihrer Lade und dem Dienstbuch , dem Vierteljahrslohn und den bunten Bilderchen aus ihrer Kammer schluchzend abzog . Viele Herrschaften beurteilten ja die Liebschaften ihrer Mädchen nicht so streng . Das war der Rätin unbegreiflich . Wutrows hatten eine Köchin schon zweimal wieder in Dienst genommen . So ein Frauenzimmer um sich zu haben — ein greulicher Gedanke ! Sie kochte allerdings vorzüglich . Nun — Frau Wutrow . . . man war verwandt durch die Kinder und kam in Höflichkeit und Frieden miteinander aus , aber deswegen mit allem einverstanden zu sein , was Frau Wutrow that , das konnte niemand verlangen . Die Wutrow drückte oft ein Auge zu , wo der materielle Vorteil ins Spiel kam . Agathe hatte kein Wort für Wiesing eingelegt . Das Mädchen war ihr unangenehm durch die Erfahrung , die sich an ihre Person knüpfte . Agathe ging langsam die einförmige , von hohen schmutzigen Häusern besetzte Straße hinab , die nach der Stadtgrenze führte , wo die große Infanteriekaserne lag . Hier waren die Schaufenster nicht mehr elegant und glänzend , sondern mit geschmacklosem Plunder vollgestopft . Restauration drängte sich an Kneipe und wieder diese an Wurstkeller und armselige Obsthökereien , wo die Marssöhne sich ihr Frühstück holten . Die Kinder auf den Fußsteigen spielten Soldaten , Trupps von Militär zogen aus und ein . Agathe fand nach einigem Suchen das Haus , wo die Krämern wohnen sollte . Auf der Schwelle hockte ein blasses Kind mit einem Säugling auf dem Arm , es starrte Agathe neugierig an . Im Flur führte rechts eine Glasthür mit ein paar Stufen zu einer Destille . Der Hausflur war wie ein finsterer , übelriechender Schlund . Agathe tappte sich zu der steilen Treppe und begann hinaufzusteigen . Sie las mühsam in der spärlichen Beleuchtung die Schilder an den Thüren . Steiler und gefährlicher , schlüpfrig von feuchtem Schmutz wurde die Treppe . In traurigen Gedanken hatte Agathe nicht darauf geachtet , wie hoch sie gestiegen , und wußte nun nicht , an welcher der vielen Thüren sie klingeln oder klopfen sollte , denn hier gab es keine Schilder mehr . Da sah sie , daß das Kind von der Thürschwelle ihr nachgekommen war . Es hinkte und schleppte doch den schweren Säugling . “ Kannst Du mir sagen , ob hier Frau Krämern wohnt ? ” Es antwortete nicht . Agathe klopfte endlich aufs Geratewohl . Ein Mann in einem wollenen Hemd öffnete . “ Frau Krämern ? ” fragte Agathe schüchtern , “ oder Luise Groterjahn ? ” “ Die ? Zu der wollen Se ? ” Eine höhnische Verachtung drückte sich in seinem Ton aus . “ Da drüben . ” Er starrte ihr nach , bis sie hinter der bezeichneten Thür verschwunden war . Das hinkende Kind drängte sich mit Agathe hinein . “ De Krämern is nich da , ” sagte das Kind nun . “ Aber ich möchte Luise Groterjahn sprechen . ” Das kleine Mädchen wies schweigend auf eine innere Thür . Agathe trat in eine schräge Dachkammer . Sie enthielt weiter nichts als ein Bett und einen Holzschemel . Das Licht fiel aus einer Luke in der Decke gerade über die Kranke auf dem Strohsack . Sie lag regungslos , Agathe glaubte , sie schlafe , weil sie den Kopf nicht wendete , als sie eintrat . Doch ihre Augen standen offen und blickten auf die graue Wand am Fußboden des Bettes — wenn man dieses gleichgültige Starren einen Blick nennen konnte . Erst als Agathe dicht neben dem Bett stand und ihre Hand leise und weich auf die des kranken Mädchens legte , als sie herzlich sagte : “ Wiesing , armes Wiesing , ” wandten sich die glanzlosen Augen ihr zu . Agathe hatte sich eingebildet , Wiesing würde sich freuen , sie zu sehen . Aber die Kranke lächelte nicht . Sie weinte auch nicht . Ihre Züge blieben ganz unbewegt . Agathe dachte an ihr rundes Kindergesicht , das gesund und fröhlich in die Welt geblickt hatte . Die Gesundheit war davongewischt — es trug eine leichenhafte Farbe mit grüngelben Schatten um den Mund und um die Augen , und es war sehr abgemagert . Aber das war es nicht , wodurch Agathe so tief erschüttert wurde . Es war die unermeßliche tote Gleichgültigkeit , die darauf ruhte . Sie verwunderte sich , daß dieses Wesen überhaupt noch um Hilfe gerufen hatte . Die Thränen stürzten Agathe vor Weh aus den Augen . Sie beugte sich und küßte das Mädchen auf die Stirn . Dann setzte sie sich zu ihr auf den Bettrand , nahm ihre Hand und liebkoste sie leise . Wiesing ließ alles schweigend mit sich geschehen . “ Dank auch , daß Sie gekommen sind , ” murmelte sie nach einer langen Weile . “ Wiesing — warum hast Du nicht eher geschickt ? ” “ Die Frau Rätin waren so böse . ” “ Ach , das ist ja lange her — das ist ja längst vergessen . ” Agathe wußte , daß sie log . Ihre Mutter war immer noch böse . “ Wiesing — warum bist Du denn nicht wieder in Dienst gegangen ? ” “ Ich war immer schwächlich — das Kleine kam so schwer . Und dann war es immer krank . — — Wir wollten auch heiraten — wenn er mit zwei Jahren loskäme . ” Wiesing schwieg und starrte wieder auf die graue , verschabte , mit Namen und widerlichen Kritzeleien beschmierte Wand . “ Ist er nicht losgekommen ? ” Ein leises Schütteln des Kopfes . Agathe versuchte noch einmal , die Geschichte dieses Lebens zu erforschen . Dann ließ sie davon ab . Es war nutzlose Grausamkeit . Die blassen , von einer trockenen Borke bedeckten Lippen der Kranken blieben fest geschlossen , wie über einem schweren Geheimnis . “ Ist denn die Krämern gut zu Dir ? ” Wiesing entzog Agathe ihre Hand und wandte den Kopf nach der Mauer . Beide Mädchen schwiegen . Draußen schlürfte ein Schritt , die Thür wurde aufgeklinkt , die Krämern drängte sich hastig herein , mit ihr das hinkende Kind mit dem schmutzigen Säugling . “ Ne aber , das gnädige Lämmchen haben sich herbemüht ! Ne aber , Luise , so ' ne Ehre ! Allens habe ich nu besorgt , en ' Sarg für das Engelchen , und der Herr Pastor will dazu beten — es liegt schon auf ' n Leichenhause . — Hier , alles is ufgeschrieben — kein Pfennig zu viel . Morgen soll Dein Kleenes in die Erde kommen . Ach — so ' n Elend . Ne , ich sage jo . ” Sie schneuzte sich in die blaue Schürze . Ein leises Wimmern drang von dem Strohsack her . “ Soll ich Dir einen schönen Kranz bringen für Dein Kindchen ? ” flüsterte Agathe sich zu dem kranken Mädchen niederbeugend . Wiesing öffnete die geschlossenen Lider . “ Ach , Frölen ! ” “ Ja , morgen bringe ich ihn . Verlaß Dich darauf . ” Sie gab der Alten Geld zu Suppe und Wein . Auf dem Rückwege holte sie Blumen . Heimlich in ihrer Stube flocht sie den Kranz . Sie hatte ein schweres , gemartertes Gewissen . Am Nachmittag des folgenden Tages , als sie eben gehen wollte , kam Besuch . Sie wurde bis um fünf Uhr aufgehalten und mußte eine Menge Vorwände suchen , um nur fortzukommen . Eilig schritt sie durch die von einem harten scharfen Ostwind durchblasenen Straßen . Wie früh es schon dunkel wurde . Als sie an der Kneipe im Erdgeschoß des Hauses vorüber wollte , erschienen ein paar Männerköpfe in der Thür . “ Fräulein , kommen Sie rein ! ” schrie man ihr zu . Atemlos lief sie die Treppen hinauf . Oben nahm sie den Kranz aus der Tasche und legte ihn vor Wiesing aufs Bett . Die Kranke sagte nichts , leise tasteten ihre Finger über die bunten Blumen . In den starren blassen Augen sammelte sich ein feuchter Glanz , langsam liefen zwei Tropfen über die grauen Wangen . Die Krämern kam , sobald sie Agathe hörte . Und gleich nachher polterte auch das hinkende Kind herein . Mit einem alten , neidischen Lachen stellte es sich vor Agathe hin und sagte : “ En schenen Gruß von die Herren unten , und das Freilein sollte mal runter kommen und Gänsebraten essen . ” Agathe verstand das Mädchen zuerst gar nicht . Die Krämern mußte das Anerbieten erklären . “ Ne Freilein , sag ' ich ' s nich ! Jede gute That bringt doch gleich ihren Lohn ! Dafür , daß Sie die Luise besuchen , schenkt der liebe Gott Ihnen nu ooch gleich den Gänsebraten ! ” Agathe stand erstarrt vor dieser naiven Gemeinheit . Hier hatte Wiesing gelebt — diese vier Jahre hindurch — — Wie sollte sie unten an der schauerlichen Thür vorübergelangen ? Ihr Vater hatte doch recht , ihr die Armenbesuche auf eigene Hand zu verbieten . Furcht und Hoffnungslosigkeit senkte sich wie ein Nebel über ihr Denken . “ Soll ich nicht an Deine Mutter schreiben , daß sie Dich nach Haus holt ? ” fragte sie unschlüssig . Wiesing schüttelte ganz wenig den Kopf . Sie begann zu husten , versuchte vergebens , sich aufzurichten , um Luft zu bekommen . Agathe faßte sie und hielt sie — so hatte auch sie selbst einmal geröchelt und gerungen . . . . Was war alles für sie geschehen ! “ Wiesing — ich will Dir einen Doktor schicken . . . . ” O — der entsetzliche Geruch in der Kammer ! Und die Eiskälte . . . . . Wie schmutzig das Bett war . “ Kein Doktor ! ” stammelte die Kranke , und ihre Hände schlugen fieberisch unruhig durch die Luft . Agathe wollte doch ihren Hausarzt bitten , nach dem Mädchen zu sehen . Die Krämern versuchte diensteifrig , sie hinunterzubegleiten , aber Agathe wies sie steif und hochmütig ab . Auf der Treppe fiel ihr der Mann mit dem Gänsebraten wieder ein . Er stand wartend an der Glasthür und lachte laut , als er sie sah . Agathe wurde schwindelig vor Schrecken . “ Nicht so eilig ! ” brüllte er und faßte nach ihrem Arm . Sie riß sich los und stürzte auf die Straße . Ein dröhnendes Gelächter scholl ihr nach . Sie lief mehr , als sie ging — nur fort — fort aus dieser Gegend . Mit betäubenden Kopfschmerzen kam sie nach Haus . Mehrere Tage lang konnte sie sich nicht entschließen , Wiesing wieder zu besuchen . Sie war krank und elend . Sie konnte ihr ja auch nicht helfen . Mit einer schauerlichen Klarheit zeigte ihr die Gänsebraten-Geschichte plötzlich die Bilder aus dem Leben der schmutzigen Tiefe , in die das unglückliche Mädchen gestürzt war . Sie wagte nicht mehr , ihrem Hausarzt Mitteilung zu machen — als habe sie nur allein Kenntnis von der grausigen Welt dort erhalten und dürfe niemand — niemand davon sagen . Aber es ließ ihr keine Ruhe . Sie mußte das Mädchen aus der Umgebung retten — sie mußte wenigstens dafür sorgen , daß sie zu essen bekam . Ging sie des Morgens früh , so saßen wohl auch keine Männer in der Kneipe , von denen sie belästigt werden konnte . Diesmal trat ihr aus der Thür , die der Wohnung der Krämern gegenüberlag , eine Frau entgegen . Sie sah sauber aus , wie eine ordentliche Arbeiterfrau , deshalb blieb Agathe höflich stehen , als sie sie anredete . “ Fräulein — wollen Sie denn wieder zu der da ? ” fragte sie . “ Ja . Kennen Sie Luise ? Sie scheint mir sehr krank . ” “ Gestern haben sie sie fortgeschafft . ” “ Fort — ? Wohin ? ” fragte Agathe . “ Na — ins Leichenhaus . ” Agathe schwieg bestürzt . “ Mein Mann sagt , das Fräulein weiß gewiß nicht , was das für eine war ? ” Agathe seufzte . “ Ach , liebe Frau , sie hat doch so viel Kummer gehabt . ” “ Das will ich ja nich gesagt haben — nu wenn die Krämern so ' n Mädel in die Hände kriegt . . . . . ” “ Meinen Sie , daß die Krämern nicht gut zu ihr war ? ” “ Die — ? Das alte Vieh ? Fräulein . . . die löffelte Ihnen die Suppe hier draußen — na — und den Wein , den soff sie gleich unten in der Destille . Ne — davon hat das Mädchen nich ' n Droppen geschluckt . Ja — wenn die reichen Leute man wüßten , wem sie ihr Geld zuwenden . Ich und mein Mann , wir bitten keinen um ' ne milde Gabe — wir schlagen uns durch — wir arbeiten — ja — aber so ' n Pack — die verstehen ' s ! ” “ Ach — sie ist doch nun tot , ” sagte Agathe traurig . “ Na ja — gegen das Mädchen will ich ja nichts sagen — das geht denn so — die Krämern hat die gehörig ausgenutzt . Was sollte sie machen ? Der kleine Wurm wollte doch leben . Ne — mein Mann sagt — wir zieh ' n auch — die Polizei kommt nicht aus ' n Hause — so ' ne Wirtschaft ! ” Agathe wandte sich um und ging die Treppe wieder hinunter . Vielleicht trieb nur der Neid die Frau an , so zu reden . Wer doch je die Wahrheit erfahren könnte ! Wäre Mama damals nicht so empört gewesen und hätte Wiesing nicht so schonungslos fortgejagt — und sie selbst hatte sich ja auch voll Abscheu von ihr abgewandt , — hätte man sich um sie gekümmert in ihrer schweren Stunde und dafür gesorgt , daß das Kind zu ordentlichen Leuten gethan wäre , und vielleicht den Lohn des Mädchens erhöht , damit sie ein gutes Kostgeld für das Würmchen zahlen konnte — wäre sie dann in die Hände dieser Krämern gefallen und hätte ihr junges Leben so geendet , mit dem stumpfen Blick auf die graue , schmutzige , zerkratzte , von hundert Namen und widerlichen Bildern bedeckte Wand ? Aber das wäre unmoralisch gewesen , und darum durfte es eben nicht geschehen . Freilich — furchtbar leichtsinnig mußte ein Mädchen schon sein , um sich so weit zu vergessen . —