der glühende Sonnenball ins Meer , und aus der Lichtflut , die sich über die Wellen ausgoß , stieg sie wieder auf , die alte Wunderstadt der Sage , umwoben von Märchenduft und Zauberglanz ; das Wunderreich that sich wieder auf mit seinen unermeßlichen Schätzen , und aus der Tiefe klangen die Glocken Vinetas , immer voller , immer mächtiger , wie sie geklungen hatten in jener Stunde auf dem Buchenholm . Sie hatte nicht Wort gehalten , die Märchenstunde , wenigstens den beiden nicht , die sie damals miteinander erlebten . Fremd und feindselig hatten sie sich getrennt ; fremd und feindselig waren sie wieder einander begegnet , und so standen sie sich noch gegenüber . Der Jüngling war zum Manne geworden , der kalt und einsam durch das Leben ging ; das Kind war zu einem Weibe voll Schönheit und Glück herangereift , aber was jene Stunde ihnen gegeben , das hatten sie beide doch nie wieder empfunden ; erst an diesem düsteren Herbstabend wurde es wieder lebendig . Und als die Erinnerung jetzt zu ihnen herüberwehte , da versanken die Jahre , die dazwischen lagen , versanken Haß , Streit und Erbitterung , und nichts blieb zurück als das tiefe unaussprechliche Sehnen nach einem ungekannten Glück , das zum erstenmal aufgewacht war unter den Geisterklängen Vinetas – nichts als der Traum beim Sonnenuntergang . Waldemar war der erste , der sich daraus emporriß ; er fuhr heftig mit der Hand über die Stirn , als müsse er sich gewaltsam losreißen von all den Bildern und Gedanken . » Wir thun wohl besser , nach der Försterei zurückzukehren und die Jagd dort zu erwarten , « sagte er hastig . » Es fängt an zu dämmern und – man kann ja nicht atmen in diesem Nebelmeere . « Wanda stimmte ihm sofort bei ; auch sie wollte nicht länger sehen , was dieses Nebelmeer ihr zeigte , wollte diesem Zusammensein ein Ende machen um jeden Preis . Sie nahm die Schleppe ihres Reitkleides auf und machte sich zum Gehen bereit . Waldemar warf die Flinte über die Schulter , plötzlich aber hielt er inne . » Ich habe Sie vorhin beleidigt mit meinem Verdachte ; vielleicht war ich ungerecht . Aber – seien Sie aufrichtig gegen mich ! – galt die halbe Abbitte , zu der Sie sich herabließen , wirklich Waldemar Nordeck ? Oder galt sie nicht vielmehr dem Herrn von Wilicza , mit dem man eine Versöhnung sucht , damit er zuläßt oder doch wenigstens übersieht , was auf seinen Gütern geschieht ? « » Sie wissen also – – ? « fiel Wanda betreten ein . » Genug , um Ihnen jede Besorgnis darüber zu nehmen , daß Sie vorhin unvorsichtig gewesen sind . Hat man mich wirklich für so beschränkt gehalten , daß ich allein nicht sehen sollte , was man sich sogar schon in L. erzählt , daß Wilicza der Sitz eines Parteigetriebes ist , dessen Seele und Mittelpunkt meine Mutter bildet ? Sie dürfen mir ohne jede Gefahr zugeben , was bereits die ganze Umgegend weiß , – ich wußte es , ehe ich hieher kam . « Wanda schwieg ; sie versuchte in seinen Zügen zu lesen , wieviel er bereits wisse , aber in Waldemars Gesicht ließ sich nun einmal nicht lesen . Es war und blieb verschlossen . » Doch davon ist ja jetzt nicht die Rede , « hob er wieder an , » Ich bat um Antwort auf meine Frage . War der Akt der Selbstüberwindung vorhin ein freiwilliger oder wurde nur ein – Auftrag vollzogen ? O , fahren Sie doch nicht so entrüstet auf ! Ich frage ja nur , und Sie müssen mir es schon verzeihen , Wanda , wenn ich mißtrauisch bin gegen eine Freundlichkeit von Ihrer Seite , « Die junge Gräfin hätte diese Worte wahrscheinlich als eine erneute Beleidigung angesehen und demgemäß geantwortet , hätte nicht etwas darin gelegen , das sie wider ihren Willen entwaffnete . Waldemars Haltung war eine andre geworden , seit er in den Nebel dort geblickt hatte ; es fehlte das Eisige , Feindselige darin , auch seine Stimme klang anders als vorhin , weicher , halb verschleiert , und Wanda bebte leise zusammen , als er zum erstenmal wieder nach Jahren ihren Namen aussprach . » Wenn meine Tante mich einst unbewußt zum Werkzeug ihrer Pläne benutzte , so rechten Sie mit ihr darüber , und nicht mit mir ! « entgegnete sie leise , und es war , als ob eine unsichtbare Macht den Stachel aus ihren Worten genommen . » Ich ahnte nichts davon ; ich war ein Kind , das nur den Eingebungen seiner Laune folgte . Jetzt aber « – sie hob mit ihrem ganzen Stolze das Haupt – » jetzt stehe ich selber ein für mein Thun und Lassen , und was ich vorhin that , geschah auf meine alleinige Verantwortung . Sie haben recht , es galt nicht Waldemar Nordeck ; er hat mir seit unserm Wiedersehen keine Veranlassung gegeben , eine Versöhnung mit ihm zu suchen oder auch nur zu wünschen ; ich wollte den Herrn von Wilicza zwingen , endlich einmal das geschlossene Visier zu öffnen . Es bedarf dessen nicht mehr . Seit der heutigen Unterredung weiß ich , was ich bisher nur ahnte , daß wir in Ihnen einen erbitterten , erbarmungslosen Gegner haben , der seine Macht im entscheidenden Augenblick brauchen wird , und müßte er auch alle Bande der Familie und der Natur mit Füßen treten . « » Und an wen sollen mich denn diese Bande ketten ? « fragte Waldemar finster . » An meine Mutter vielleicht ? Wir wissen es beide , wie wir miteinander stehen , und sie vergibt es mir jetzt weniger als je , daß ich der Erbe des Nordeckschen Reichtums geworden bin und nicht ihr Jüngstgeborener . An Leo ? Es ist möglich , daß so etwas wie Bruderliebe zwischen uns existiert , aber ich glaube nicht , daß sie standhalten wird , wenn unsre Wege sich kreuzen , wenigstens von seiner Seite nicht . « » Leo wäre Ihnen gern als Bruder entgegengekommen , wenn Sie es ihm nicht unmöglich gemacht hätten , « fiel Wanda ein . » Unzugänglich waren Sie immer , auch für ihn , aber es gab doch früher Augenblicke , wo er Ihnen näher treten konnte , wo man eine Ahnung davon erhielt , daß Sie Brüder seien , jetzt dagegen hieße es seinem Stolze zu viel zumuten , wenn er noch länger versuchen wollte , die eisige Abwehr zu durchbrechen , mit welcher Sie ihm und allem gegenüberstehen , was Sie hier umgibt . Es wäre ganz vergebens , wenn Mutter und Bruder Ihnen Liebe entgegentragen wollten ; sie würde zerschellen an einer Härte , die nichts nach ihnen und nichts nach irgend jemand in der Welt fragt . « Sie hielt inne , denn Waldemar stand dicht neben ihr , und sein Auge traf unmittelbar das ihrige . » Sie urteilen sehr richtig und sehr schonungslos , « sagte er langsam , » Haben Sie sich denn schon einmal gefragt , was mich hart gemacht hat ? Es gab doch eine Zeit , wo ich es nicht gewesen bin , wenigstens gegen Sie nicht , wo ein Wort , ein Blick mich lenken konnte , wo ich mich geduldig selbst jeder Laune beugte . Sie hatten damals viel aus mir machen können , Wanda , vielleicht alles . Daß Sie es nicht wollten , daß mein schöner ritterlicher Bruder schon damals bei Ihnen den Preis davontrug , war am Ende nur natürlich , was hatten Sie denn auch mit mir anfangen sollen ! Aber Sie begreifen doch wohl , daß das ein Wendepunkt in meinem Leben gewesen ist , und wer da kein Talent hat zum Unglücklichsein , wie ich zum Beispiel , der wird hart und argwöhnisch . Jetzt freilich halte ich es für ein Glück , daß die Jugendschwärmerei so jäh zerrissen wurde , meine Mutter wäre sonst sicher auf den Gedanken gekommen , uns das Drama wiederholen zu lassen , das vor einigen zwanzig Jahren hier spielte , als ein Nordeck eine Morynska heimführte . Sie hätten sich als sechzehnjähriges Mädchen vielleicht auch dem Familienwillen unterworfen und ich – das Schicksal meines Vaters geteilt . Davor sind wir beide bewahrt geblieben , und jetzt ist das ja alles längst versunken und vergessen . Ich wollte Sie nur daran erinnern , daß Sie kein Recht haben , mir Härte vorzuwerfen , oder mich anzuklagen , wenn diese Härte sich gegen Sie und die Ihrigen wendet . – Darf ich Sie jetzt nach der Försterei begleiten ? « Wanda fügte sich schweigend seiner Aufforderung ; so gereizt und kampfbereit sie ihm auch im Anfange gegenüberstand , die Wendung , die das Gespräch schließlich nahm , hatte ihr die Waffen aus der Hand gewunden . Sie schieden auch heute als Feinde , aber sie fühlten beide , daß der Kampf zwischen ihnen von dieser Stunde an ein andrer geworden war – vielleicht war er darum nicht leichter geworden . Nebel atmend wie vorhin lag die Wiese , dichter und dichter umsponnen von den trüben Schatten der Dämmerung . Ueber dem See schwebte noch die weiße Wolke , aber jetzt war sie nur noch ein formlos zerfließender Nebel ; das Traumbild , das ihr entstieg , war wieder versunken , ob auch vergessen – das konnten nur die beiden wissen , die jetzt so wortlos nebeneinander hinschritten . Hier in den herbstlich öden Wäldern , in der unheimlichen Dämmerstunde hatte sie der Hauch der alten Meeressage aus dem fernen Norden umweht und ihnen wieder ihre Prophezeiung zugeflüstert : » Wer Vineta nur einmal geschaut hat , den läßt die Sehnsucht danach nicht wieder ruhen sein Leben lang , und müßte sie ihn auch hinabziehen in die Tiefe . « Die beiden Zimmer , welche Doktor Fabian im Schlosse beiwohnte , lagen nach dem Park hinaus , etwas abgeschlossen von den übrigen , und es hatte damit seine eigene Bewandtnis . Als die Fürstin die bisher unbewohnten Zimmer ihres ersten Gemahls für dessen Sohn in Bereitschaft setzen ließ , war natürlich auch Rücksicht auf den ehemaligen Erzieher genommen , der ihn begleitete , und ein anstoßendes Gemach für diesen bestimmt worden . Es war freilich etwas klein und sehr unruhig , da es unmittelbar neben der großen Haupttreppe lag , aber nach Ansicht der Dame vollkommen geeignet für den Doktor , von dem sie ja wußte , daß in Altenhof nicht viel Umstände mit ihm gemacht wurden , am wenigsten von seiten seines früheren Zöglings . Das mußte sich aber wohl bedeutend geändert haben , denn Waldemar hatte sofort nach seiner Ankunft jenes Gemach als völlig unzureichend verworfen , sich die auf der andern Seite gelegenen Fremdenzimmer aufschließen lassen und ohne weiteres zwei derselben für seinen Lehrer mit Beschlag belegt . Nun war aber gerade diese Wohnung eigens für den Grafen Morynski und seine Tochter eingerichtet worden , die oft Tage und Wochen in Wilicza verweilten , was der junge Gutsherr freilich nicht wissen konnte . Als jedoch Pawlick , der jetzt die Rolle eines Haushofmeisters im Schlosse spielte , den Mund zu einer Erwiderung öffnete , trat Waldemar ihm mit der kurzen Frage entgegen , ob die betreffenden Zimmer etwa zu den Wohnräumen der Fürstin oder des Fürsten Leo gehörten , und erklärte auf die verneinende Antwort bestimmt : » Dann wird Herr Doktor Fabian sie von heute an bewohnen . « Noch an demselben Tage war der in unmittelbarer Nähe befindliche Korridor , den die Dienerschaft häufig zu benutzen pflegte , abgeschlossen und der Befehl erteilt worden , künftig den Umweg über die Treppe zu nehmen , damit das fortwährende Hin- und Herlaufen den Doktor nicht störe , und dabei war es geblieben . Die Fürstin sagte kein Wort , als man ihr diese Vorgänge meldete ; sie hatte es sich nun einmal zum Gesetz gemacht , ihrem Sohne in Kleinigkeiten niemals zu widersprechen . Sie ließ sofort andre Zimmer für ihren Bruder und ihre Nichte in Bereitschaft setzen , so unangenehm ihr der » Mißgriff « Waldemars auch sein mochte , aber es war am Ende natürlich , daß sie die unschuldige Ursache desselben , den armen Fabian , nicht gerade mit freundlichen Augen ansah . Freilich zeigte sie ihm das nicht , denn sie und das ganze Schloß machten bald genug die Erfahrung , daß Waldemar in Bezug auf seinen Lehrer jetzt äußerst empfindlich war und , so wenig Rücksicht er auch für sich selbst beanspruchte , jeden Mangel derselben dem Doktor gegenüber auf das schärfste rügte . Es war dies fast die einzige Gelegenheit , wo er sein Gebieterrecht geltend machte . Hier geschah es aber auch mit einem solchen Nachdruck , daß alles , von der Fürstin an bis herab zu der Dienerschaft , Doktor Fabian mit der größten Aufmerksamkeit behandelte . Das war nun freilich keine schwere Aufgabe dem stillen , immer bescheidenen und höflichen Manne gegenüber , der niemand im Wege stand , fast gar keine Bedienung beanspruchte und sich für jede kleine Aufmerksamkeit dankbar bezeigte . Man sah ihn nicht viel , denn er erschien nur bei Tische , brachte den ganzen Tag bei den Büchern zu und war abends meist bei seinem ehemaligen Zögling , mit dem er sehr vertraut zu sein schien . » Es ist der einzige Mensch , auf den Waldemar überhaupt Rücksicht nimmt , « sagte die Fürstin zu ihrem Bruder , als sie ihn von dem Umtausch der Zimmer benachrichtigte . » Wir werden diese Laune wohl respektieren müssen , wenn ich auch nicht begreife , was er an diesem langweiligen Erzieher hat , den er früher so vollständig beiseite setzte und den er jetzt förmlich auf Händen trägt . « Wie dem nun auch sein mochte , die vollständige Aenderung des früheren Verhältnisses hatte einen unverkennbaren Einfluß auf Doktor Fabian ausgeübt . Seine Schüchternheit und Bescheidenheit waren ihm zwar geblieben ; sie lagen zu tief in seiner Natur begründet , aber das Gedrückte , Aengstliche , das ihm sonst anhaftete , hatte sich zugleich mit der gedrückten Stellung verloren . Sein Aussehen war um vieles kräftiger und frischer als ehemals ; der mehrjährige Aufenthalt in der Universitätsstadt , die Reisen mochten das ihrige dazu beigetragen haben , aus dem kränklichen , scheuen und zurückgesetzten Hauslehrer einen Mann zu machen , der mit seinem immer noch blassen , aber angenehmen Gesicht , seiner leisen , aber wohllautenden Stimme einen durchaus günstigen Eindruck machte und dessen eigene Schuld es war , wenn seine Schüchternheit ihm nicht erlaubte , sich irgendwie zur Geltung zu bringen . Der Doktor hatte Besuch , ein bei ihm seltenes Ereignis . Neben ihm auf dem Sofa saß niemand andres als der Herr Regierungsassessor Hubert aus L. , diesmal aber augenscheinlich in der friedfertigsten Absicht und ohne jede Verhaftungsideen . Jener fatale Irrtum war es ja gerade , der die Bekanntschaft einleitete . Doktor Fabian hatte sich als einziger Freund und Tröster gezeigt in dem Mißgeschick , das über den Assessor hereinbrach , als die Sache bekannt wurde , und das geschah nur zu bald . Gretchen war » herzlos genug gewesen « , wie Hubert sich ausdrückte , sie mit allen Einzelheiten ihren Bekannten in L. preiszugeben . Die Geschichte von der beabsichtigten Verhaftung des jungen Gutsherrn von Wilicza machte die Runde durch die ganze Stadt , und wenn dem Herrn Präsidenten auch nicht amtlich darüber Vortrag gehalten wurde , so erfuhren Seine Excellenz sie doch , und der allzueifrige Beamte mußte eine scharfe Mahnung hinnehmen , künftig vorsichtiger zu sein und , wenn er wieder verdächtige polnische Emissäre suche , nicht an die deutschen Großgrundbesitzer der Provinz zu geraten , deren Haltung gerade jetzt von entscheidender Wichtigkeit sei . Auch in Wilicza war die Sache bekannt geworden . Waldemar selbst hatte sie der Fürstin erzählt ; die ganze Umgegend wußte davon , und wo sich der arme Assessor nur blicken ließ , mußte er versteckte Anspielungen oder offenen Spott hinnehmen . Er hatte gleich am nächsten Tage Herrn Nordeck einen Entschuldigungsbesuch machen wollen , ihn aber nicht angetroffen , und da war es denn der Doktor gewesen , der , obwohl der Mitbeleidigte , sich doch großmütig zeigte . Er empfing den ganz zerknirschten Hubert , tröstete ihn nach Kräften und übernahm es , die Entschuldigung zu vermitteln . Nun war aber die Zerknirschung des Assessors weder von allzugroßer Tiefe noch von allzulanger Dauer ; er besaß eine viel zu große Dosis Selbstbewußtsein , um zur Selbsterkenntnis zu gelangen , und schnellte wie eine Stahlfeder , die man gebogen , sofort wieder in seine frühere Haltung zurück , wenn der Druck nachließ . Der allgemeine Spott ärgerte und kränkte ihn , aber sein Vertrauen zu sich selber war nicht im mindesten erschüttert . Jeder andre hätte sich nach einem solchen Vorfalle möglichst ruhig verhalten , um die Sache erst in Vergessenheit zu bringen , und sich vorläufig nicht zu ähnlichen Aufträgen gedrängt , aber gerade das that Hubert mit einem wahrhaft fieberhaften Eifer . Es hatte sich bei ihm die fixe Idee festgesetzt , er müsse die Sache um jeden Preis wieder gut machen und den Kollegen , dem Präsidenten und ganz L. zeigen , daß seine Klugheit trotz alledem über jeden Zweifel erhaben sei . Jetzt mußte er notgedrungen ein paar Verschwörer aufgreifen oder eine Verschwörung entdecken , gleichviel wo oder wie – das wurde zu einer Art Lebensfrage für ihn , und er war fortwährend auf der Jagd nach diesen beiden . Wilicza blieb dabei nach wie vor sein Hauptaugenmerk , dieses Wilicza , dessen Gefährlichkeit man in L. sehr gut kannte und dem man doch niemals beikommen konnte , jetzt weniger als je , seit es sich zeigte , daß man so gar keine Hoffnungen auf die Anwesenheit des jungen Gutsherrn setzen durfte . Er war , obwohl ein Deutscher , doch gänzlich in den Händen seiner polnischen Verwandten und entweder mit ihrem Thun und Treiben einverstanden oder er kümmerte sich nicht darum , wie er sich denn überhaupt um nichts kümmerte , was auf seinen Gütern geschah . Dieses Benehmen , das in L. sehr hart beurteilt wurde , fand gerade an dem Assessor seinen strengsten Richter . Hubert hätte in einer solchen Stellung natürlich weit energischer gehandelt und all die geheimen Umtriebe sofort niedergeschlagen und vernichtet ; er wäre der ganzen Provinz einleuchtendes Beispiel gewesen , hätte sich den Staat zum Danke verpflichtet und überhaupt alle Welt in Erstaunen gesetzt . Da er aber leider nicht Herr von Wilicza , ja nicht einmal Regierungsrat war , so blieb ihm nichts übrig , als die zweifellos vorhandene Verschwörung vorläufig erst zu entdecken , und darauf richtete sich denn auch sein ganzes Sinnen und Trachten . Von all diesen Dingen war freilich nicht die Rede in dem Gespräche der beiden Herren . Man durfte es dem gutmütigen Doktor Fabian doch nicht merken lassen , daß der Besuch bei ihm eigentlich nur dem brennenden Wunsche entsprang , endlich einmal Eingang in das Schloß zu finden , und so mußte denn ein Vorwand herhalten , der allerdings für den Assessor von Interesse war , den er aber füglich bei dem Administrator hätte zur Sprache bringen können , wo er und Fabian bisweilen zusammentrafen . » Ich habe eine Bitte an Sie , Herr Doktor , « begann er nach den ersten Einleitungs- und Begrüßungsreden , » einen kleinen Anspruch an Ihre Gefälligkeit , Es handelt sich dabei allerdings nicht um mich , sondern um die Franksche Familie , deren Haus Sie ja öfter besuchen . Sie sind als ehemaliger Lehrer des Herrn Nordeck jedenfalls des Französischen mächtig ? « » Ich spreche es allerdings , « antwortete der Doktor , » bin aber in den letzten Jahren etwas aus der Uebung gekommen . Herr , Nordeck liebt die Sprache nicht , und hier in Wilicza erweist man ihm und mir die Rücksicht , ausschließlich deutsch mit uns zu reden , « » Ja , ja , die Uebung ! « siel der Assessor ein , » die ist es eben , die dem Fräulein Margarete fehlt . Sie sprach ganz allerliebst französisch , als sie vor einigen Jahren aus der Pension zurückkam , aber hier auf dem Lande mangelt ihr jede Gelegenheit dazu . Da wollte ich Sie denn ersuchen , bisweilen mit der jungen Dame französisch zu lesen oder zu sprechen ; es fehlt Ihnen ja nicht an Zeit , und mich würden Sie dadurch ganz außerordentlich verbinden . « » Sie , Herr Assessor ? « fragte Fabian betreten , » Ich muß gestehen , es befremdet mich einigermaßen , daß ein solcher Vorschlag von Ihnen ausgeht , und nicht von Herrn Frank oder dem Fräulein selbst . « » Das hat seine Gründe , « sagte Hubert in würdevollem Tone . » Sie werden vielleicht schon bemerkt haben – und ich mache ja auch durchaus kein Geheimnis daraus – , daß ich gewisse Wünsche und Absichten hege , die sich in nicht allzuferner Zeit verwirklichen dürften . Mit einem Worte – ich betrachte das Fräulein als meine künftige Braut . « Der Doktor bückte sich schnell nieder , um ein Blatt Papier aufzuheben , das am Boden lag , und das er angelegentlich betrachtete , obwohl es unbeschrieben war . » Ich gratuliere Ihnen , « entgegnete er einsilbig . » O , das muß ich vorläufig noch ablehnen , « lächelte der Assessor mit unbeschreiblicher Selbstzufriedenheit . » Wir haben uns gegenseitig noch nicht ausgesprochen , wenn ich auch sicher auf ein Ja rechnen darf . Offen gestanden , ich möchte erst als Regierungsrat , der ich baldigst zu werden hoffe , mit meiner Werbung hervortreten ; eine solche Stellung macht doch immer größeren Eindruck , und Sie müssen wissen , Fräulein Frank ist eine sehr gute Partie . « » Wirklich ? « » Eine ausgezeichnete Partie ! Der Administrator ist ohne Zweifel ein reicher Mann , Was hat er in den zwanzig Jahren hier allein an Gehalt und Tantieme bezogen ! Es ist ja auch ausgemacht , daß er seine Stellung nur verläßt , um selbst Gutsherr zu werden , und ich weiß , daß er zu diesem Zweck ganz bedeutende Kapitalien flüssig macht . Fräulein Margarete und ihr Bruder , der gegenwärtig auf der landwirtschaftlichen Akademie studiert , sind die einzigen Kinder ; ich kann auf eine hübsche Mitgift und dereinst auf ein gar nicht unbedeutendes Erbteil rechnen . Nebenbei ist die junge Dame ja auch ein reizendes , liebenswürdiges Mädchen , das ich anbete . « » Nebenbei ! « sagte der Doktor ganz leise , aber mit einer bei ihm ungewöhnlichen Bitterkeit . Dem Assessor entging der Ausruf ; er fuhr mit großer Wichtigkeit fort : » Frank hat bei der Erziehung seiner Kinder nichts gespart ; seine Tochter ist lange Zeit in einem der ersten Institute P.s gewesen und hat dort alles mögliche gelernt , zu meiner großen Befriedigung , denn Sie werden wohl begreifen , Herr Doktor , daß mir in meiner künftigen Stellung die höhere Bildung meiner Frau unerläßlich ist . Man muß doch repräsentieren , und da halte ich mich verpflichtet , schon jetzt dafür zu sorgen , daß die gesellschaftlichen Erfordernisse , wie Klavierspiel und Französisch , nicht in Vergessenheit geraten . Wenn Sie also in Bezug auf das letztere die Güte haben wollten – « » Mit Vergnügen , wenn Herr Frank und seine Tochter es wünschen , « sagte Fabian in gepreßtem Tone . » Gewiß wünschen sie es , aber eigentlich war ich es , der darin auf Ihre Gefälligkeit rechnete , « erklärte Hubert , der offenbar sehr stolz auf seine kluge Idee war . » Als Fräulein Margarete neulich klagte , daß sie nahe daran sei , ihr Französisch ganz zu verlernen , geriet der Administrator auf den Gedanken , ihr bisweilen den Sprachlehrer aus der Stadt kommen zu lassen . Ich bitte Sie ! einen jungen Franzosen , der gleich in der ersten Lehrstunde seiner Schülerin die Cour machen würde . Frank hat immer nur seine Landwirtschaft im Kopfe und kümmert sich nicht um dergleichen , aber ich war vorsichtiger . Ich wollte um keinen Preis den galanten Franzosen so oft bei dem jungen Mädchen wissen , ein älterer Herr wie Sie dagegen – « » Ich bin siebenunddreißig Jahre alt , « unterbrach ihn der Doktor . » O bitte , das hat gar nichts zu sagen , « lächelte Hubert , » bei Ihnen hege ich durchaus keine Besorgnisse , aber ich hätte Sie wirklich für älter gehalten . Ja , das kommt von der Stubenluft und den Büchern . Sagen Sie , Herr Doktor , wozu haben Sie denn eigentlich diese Menge von Büchern mitgebracht , die hier überall herumstehen , und was studieren Sie denn ? Pädagogik vermutlich , darf man einmal zusehen ? « Er stand auf und wollte sich dem Schreibtisch nähern , aber Doktor Fabian war schneller als er . Mit einer beinahe angstvollen Bewegung warf er ein Zeitungsblatt über einige broschierte Bände , die auf dem Tische lagen , und stellte sich davor . » Es ist nur Liebhaberei , « versicherte er , während ihm eine helle Röte in das Gesicht stieg , » historische Studien . « » Ah , historische Studien ! « wiederholte der Assessor . » Da mochte ich Sie doch fragen , ob Sie nicht die große Autorität auf diesem Gebiete , den Professor Schwarz , kennen – er ist mein Onkel . Doch Sie kennen ihn jedenfalls ; er ist ja an der Universität zu I. thätig , wo Herr Nordeck studiert hat . « » Ich habe das Vergnügen , « sagte Fabian kleinlaut , mit einem scheuen Blick auf das Zeitungsblatt . » Wie sollten Sie auch nicht ! « rief der Assessor . » Mein Onkel ist ja eine Berühmtheit allerersten Ranges ; wir haben allen Grund stolz zu sein auf die Verwandtschaft , wenn auch unsre Familie sonst manchen Namen von gutem Klange aufweist . Nun , ich denke ihr auch keine Schande zu machen . « Der Doktor stand noch immer ängstlich behütend vor seinem Schreibtische , als müsse er ihn gegen ein Attentat von seiten des Assessors sichern , doch dieser hatte sich viel zu sehr vertieft in die Bedeutung seiner Familie im allgemeinen und die seines berühmten Onkels im besonderen , um den Schreibereien eines simplen Hauslehrers jetzt noch Beachtung zu schenken ; gleichwohl fühlte er sich veranlaßt , diesem eine Artigkeit zu sagen . » Es ist aber doch sehr anerkennenswert , wenn auch Laien sich für solche Studien interessieren , « meinte er herablassend . » Ich fürchte nur , Sie haben hier nicht die nötige Muße dazu . Es ist wohl sehr unruhig im Schlosse ? Ein fortwährendes Kommen und Gehen von den verschiedensten Persönlichkeiten , nicht wahr ? « » Das mag wohl sein , « versetzte Fabian arglos und ohne jede Ahnung des Manövers , das sein Besuch sich erlaubte , » aber ich merke nichts davon , Waldemar hat die Güte gehabt , die einsamsten und ruhigsten Zimmer für mich auszusuchen , weil er meine Neigung kennt . « » Natürlich , natürlich ! « Hubert stand jetzt am Fenster und versuchte von hier aus einen Überblick zu gewinnen . » Aber ich sollte doch meinen , solch ein jahrhundertealtes Gebäude wie dieses Wilicza mit seinen historischen Erinnerungen müßte auch für Sie von Interesse sein . All diese Säle , Treppen und Gänge ! Und was für mächtige Kellergewölbe muß das Schloß haben ! Waren Sie schon in den Kellern ? « » In den Kellern ? « fragte der Doktor aufs äußerste betroffen . » Nein , Herr Assessor , was sollte ich denn dort thun ? « » Ich würde hineingehen , « sagte der Assessor . » Ich habe eine Vorliebe für solche alte Gewölbe , wie überhaupt für alle Merkwürdigkeiten . – Dabei fällt mir ein , ist denn die große Waffensammlung des seligen Herrn Nordeck noch vollständig ? Er soll eine höchst kostspielige Liebhaberei in dieser Hinsicht besessen und Hunderte der schönsten Büchsen und Gewehre aufgehäuft haben ; ob sie wohl noch vorhanden sind ? « » Danach müssen Sie seinen Sohn fragen ! « Doktor Fabian zuckte die Achseln . » Ich gestehe , daß ich noch nicht im Waffensaale gewesen bin . « » Er wird auf der andern Seite liegen , « meinte Hubert , sich mit seinem berühmten Polizeiblicke orientierend . » Nach der Beschreibung Franks ist es ein düsteres , unheimliches Ding , wie überhaupt das ganze Wilicza . – Haben Sie denn noch nicht davon gehört , daß es hier umgehen soll ? Haben Sie auch des Nachts nie etwas Ungewöhnliches , Außerordentliches bemerkt ? « » Des Nachts schlafe ich , « erklärte der Doktor ruhig , aber mit leisem Lächeln über den Gespensterglauben seines Besuches . Der Assessor sandte einen anklagenden Blick zum Himmel . Dieser Mensch , den ein Zufall mitten in das Schloß hineingesetzt hatte , sah und hörte nicht , was um ihn her vorging . Er kannte die Keller nicht ; er war noch nicht einmal im Waffensaale gewesen , und des Nachts schlief er sogar . Aus diesem harmlosen Bücherwurme war nichts herauszubringen – das sah Hubert ein , und so verabschiedete er sich denn nach einigen Höflichkeiten und verließ das Gemach . Langsam schritt er den Korridor entlang . Bei der Ankunft hatte ihn ein Diener in Empfang genommen und nach dem Zimmer des Doktors geführt ; jetzt auf dem Rückwege war er allein , allein in dem » Verschwörungsneste « , das freilich am hellen Vormittage mit seinen teppichbelegten Gängen und Treppen so ruhig , so vornehm und ungefährlich aussah , wie das loyalste Schloß des loyalsten Gutsherrn . Aber der Assessor ließ sich durch diesen Anschein nicht täuschen ; er