» Aber sie schlug fehl – ich weiß es ! « » Sie schien wenigstens fehl zu schlagen . Ich sah es freilich voraus , daß ein Umschlag kommen werde , kommen mußte , denn der Krieg , der ihn brachte , lag schon in der Luft , aber Raimar warf vorzeitig die Flinte ins Korn und zog sich zurück . Er war überhaupt nicht angelegt für Wagnisse , und er mit seinem Vermögen konnte den Verlust auch überwinden . Ich war verloren , wenn ich die Differenzen nicht zahlen konnte , und es galt doch nur , über die nächsten Wochen wegzukommen . Ich war kaum dreißig Jahre , ich hatte große Zukunftspläne und fühlte die Kraft in mir – und da warf ich den Revolver fort und nahm die Rettung , wo ich sie fand . « » Und dann ? « fragte Edith , so leise , als fürchte sie sich vor dem Laut ihrer eigenen Stimme . » Dann kam die Entdeckung und damit die Katastrophe . Raimar , schon aufs äußerste erregt durch seine Verluste , durch die letzten Vorgänge , verlor den Kopf und that jenen Verzweiflungsschritt . Unmittelbar darauf trat der Umschlag ein , auf den ich gerechnet hatte , da wurde der Verlust zum Gewinn . Nur drei Wochen später , und man hätte alles in Ordnung gefunden , alles wäre ersetzt gewesen – es war ein Verhängnis ! « Er sprach in einem seltsam ausdruckslosen Tone , fast ohne Erregung , als erzähle er die Geschichte eines Fremden , und doch klang etwas darin , wie der Nachhall einer Verzweiflungsstunde , etwas , das verriet , der Mann war nicht ohne Kampf gefallen . Jetzt aber richtete er sich jäh empor , als sei es nun genug mit der Selbstfolter . » Und nun geh hin und denunziere mich ! Aber sage es ihnen auch , daß du meine Braut gewesen bist , daß du in meinen Armen gelegen , meine Küsse gefühlt hast – vergiß das nicht ! « Edith schauerte zusammen unter dem Hohne . » Ich werde nicht sprechen , das weißt du , « entgegnete sie . » Ich nicht – das ist deine Sache . « » Ich ? « fuhr Ronald auf . » Bist du von Sinnen ? « » Du hast einen schuldlosen Mann in den Tod gejagt , du hast seinem Sohne die Zukunft vernichtet , und jetzt stürzt dich dieser Sohn herab von deiner Höhe . Fühlst du denn nicht das Walten der Nemesis ? « » Nemesis ? « Er zuckte verächtlich die Achseln . » Ja so , du glaubst noch an dergleichen , ich bin längst darüber hinaus . Raimar hat eben einen Haupttrumpf ausgespielt , als er dich zur Vertrauten machte , und ich bin matt gesetzt von euch beiden . Aber sucht nicht etwa nach Beweisen , es existieren keine . « » Ich weiß – nur dein Geständnis kann es beweisen . « Ronald streifte sie mit einem langen , seltsamen Blick . » Traust du mir im Ernste eine solche romantische Tollheit zu ? Man kann zum Selbstmord greifen , wenn alles verloren ist , das kann man nicht . Und ich gebe mich noch nicht verloren ! Sturz – pah ! – Ich werde kämpfen bis aufs Blut , um das , was noch mein ist ; ein Verzweifelter wagt alles . « Er machte eine Bewegung , als wollte er gehen , hielt aber plötzlich inne . » Lebe wohl ! « Edith regte sich nicht . » Hörst du nicht , Edith ? Ich will noch ein Lebewohl von dir – und müßte ich es erzwingen ! « Sie verharrte in ihrem Schweigen , aber sie wich langsam noch weiter zurück . Ronald biß die Zähne zusammen , mit ein paar Schritten war er an ihrer Seite und faßte ihren Arm . » Ein Wort will ich hören ! Reize mich nicht oder – « Edith riß sich nicht los , aber ein Wort fiel von ihren Lippen , nur ein einziges . » Dieb ! « Ronald taumelte zurück , sein Gesicht wurde leichenfahl , es kam kein Laut mehr über seine Lippen , aber in dem letzten Blick , der auf seine einstige Braut siel , lag doch etwas , was sie erbeben machte . Das war nicht mehr Drohung , das war Todesqual ! Er war gegangen , ohne sich noch einmal umzuwenden , und jetzt , wo sie sich allein wußte , brach Edith zusammen mit einem Aufschrei , in dem sich die Verzweiflung einte mit dem Aufatmen der Erlösung : » Frei ! Frei ! Aber , o mein Gott , um welchen Preis ! « Der Anfang vom Ende ! So hatte Marlow die Gerichtsverhandlung genannt , aber das Ende kam viel schneller , als er und alle vermuteten . Zwar wurde das Aeußerste versucht , um zu retten , was noch zu retten war , Ronald hielt Wort , er kämpfte wie ein Verzweifelter gegen das nun von allen Seiten hereinbrechende Unheil . Alle Hilfsquellen , über die er verfügte , wurden aufgeboten , was er noch an Macht und Einfluß besaß , das wurde eingesetzt , und hätten die großen Werke der Industrie , die er in das Leben gerufen , eine Stütze in sich selbst gehabt , er hätte sie trotz alledem gerettet . Aber Raimar hatte nicht umsonst der Welt zugerufen : » Seht euch die anderen Schöpfungen des unheilvollen Mannes an , sie tragen alle den Zerfall in sich ! « Jetzt sah und urteilte man . Jene Unternehmen arbeiteten mit Hunderttausenden , mit Millionen , weil man ihnen ein unbeschränktes Vertrauen entgegenbrachte , weil ihnen immer neue Mittel zuströmten , sobald der Name Ronald an der Spitze stand . Jetzt , wo das Vertrauen vernichtet war , wo die Mittel versagten , zeigte es sich , daß jene riesigen Schöpfungen sämtlich auf thönernen Füßen standen , sie wankten alle . Steinfeld fiel zuerst , und nun gab es keinen Halt mehr . Eins riß das andere mit sich , und das Publikum sah mit einer Art von Grauen zu , wie das scheinbar so glänzende Gebäude dieses vielbewunderten und vielbeneideten Reichtums in sich selbst zerfiel . Noch war kein Jahr vergangen , da war das Ende da – über das Vermögen Felix Ronalds wurde der Konkurs eröffnet . Es war ein finsterer , stürmischer Abend im Spätherbste , mit dicht verschleiertem Himmel und kalten Regenschauern . Im Ronaldschen Hause war alles still und dunkel , nur im Erkerfenster im ersten Stock schimmerte noch Licht hinter dem herabgelassenen Vorhange . Ronald war allein in seinem Arbeitszimmer , morgen sollte er das Haus verlassen , dessen Herr er nicht mehr war , sollte als Bettler von den Trümmern seines einst so unermeßlichen Besitzes gehen . Er konnte ja freilich Europa verlassen und in einem anderen Weltteil wieder von vorn anfangen . Das hatte mancher gethan , der hier gescheitert war , und mancher war wieder emporgestiegen . Dort drüben , in Amerika oder Australien , brauchte man die Leute von rücksichtsloser Thatkraft , da stürzte man sie nicht mit einer » Krämermoral « . Aber es war etwas zerbrochen in dem Manne , der da so düster in dem Sessel vor seinem Schreibtische lehnte , schon damals als er das Marlowsche Haus verließ , um es nicht wieder zu betreten . Bisher hatte ihn das Fieber des Kampfes aufrecht erhalten , jetzt versagten Wille und Kraft . Er hatte Unmögliches versucht , um das Unmögliche zu erzwingen – umsonst ! Edith Marlow war gleich nach der Vermählung ihrer Cousine nach Italien gereist mit einer älteren Verwandten . Sie war noch nicht zurückgekehrt , auch hier wurde erst » das Ende « abgewartet . Ein bitteres Lächeln zuckte um Ronalds Lippen , sie hatte ja recht . Das konnte nicht verziehen und vergessen werden , das konnte nicht einmal ein liebendes Weib verzeihen , und sie hatte ihn ja nie geliebt . Jetzt stand er allein , er hatte Schmeichler und Anhänger besessen in Menge – Freunde nicht . Und sie hatten ihn alle verlassen , die einen mit brutaler Rücksichtslosigkeit , die anderen mit heuchlerischem Bedauern , gegangen waren sie alle . » Hexengold ! « Das unheilvolle Wort war an ihm zur Wahrheit geworden . Er hatte seine Seele dafür verkauft , und es war ihm ja auch zugeströmt in unerschöpflicher Fülle . Da wurde der Bann gebrochen , und da wurde es auch in seiner Hand zu Staub und Asche , er selbst war ihm verfallen , er wußte es . Und nun trat auch eine Gestalt heran , die er kannte , sein einstiger Chef , den er in den Tod gejagt hatte . Raimar hatte seinen ersten Beamten nicht beargwöhnt , er war wohl überhaupt nicht mehr fähig , klar zu urteilen und nachzuforschen , nachdem er jene furchtbare Entdeckung gemacht hatte : Er fühlte nur , daß seine Ehre rettungslos verloren war in den Augen der Welt , und das ertrug er nicht . Ronald sah ihn noch deutlich vor sich , wie er in sein Arbeitszimmer ging und sich auf der Schwelle noch einmal umwandte . » Gute Nacht , Ronald ! « dann schloß sich die Thür , und man hörte das leise Klirren des Schlüssels , der umgedreht wurde , und Felix Ronald stand draußen und wußte , was da drinnen geschah : Wohl trieb es ihn gewaltsam , sich gegen die Thüre zu stürzen , zu rufen und den Einlaß zu erzwingen , ehe das Entsetzliche geschah , aber da schoß es ihm durch den Kopf , daß dies Entsetzliche ja seine Rettung war . Wenn es geschah , dann hatte ein Schuldiger sich selbst gerichtet , denn es gab nur eine Erklärung , und man fragte und forschte nicht weiter . Dann war die Spur verwischt , die man sonst wohl entdeckt hätte . » Er oder ich ! « Das grausame Wort entschied – und dann fiel der Schuß da drinnen ! Jetzt stand sie wieder da , die Gestalt mit dem stillen bleichen Gesichte , und der finstere , einsame Mann wußte , was sie von ihm wollte , die geraubte Ehre und den reinen Namen für den Sohn , der den Vater jetzt gerächt hatte . Der Tote war oft wiedergekommen in den vergangenen Monaten , sehr oft . Heute kam er zum letztenmal , denn wenn er heute ging – dann ging er nicht allein ! Ronald sprang auf und begann ruhelos im Zimmer auf und ab zu wandern . Er hatte die » romantische Tollheit « der Selbstanklage verhöhnt , wie er den Gedanken an die Nemesis verhöhnt hatte , aber mitten im Kampf und Sturm des Lebens denkt man anders darüber als in der Todesstunde . Jetzt fühlte er , daß er unter einer dunklen , rächenden Gewalt stand . Freilich , was kümmerte es ihn , wenn man hinter ihm her zeterte , er war ohnehin beladen mit dem Fluch aller , die sich nicht rechtzeitig zurückgezogen und nun durch ihn ihre Habe verloren hatten . Er hatte die Menschen und ihr Urteil stets verachtet , und ein Jenseits gab es für ihn nicht . Wenn der dunkle Vorhang fiel , dann war es zu Ende . Langsam trat Ronald wieder zum Schreibtische und nahm aus einem der Fächer ein Bild , das dort monatelang verschlossen gewesen war . Er blickte lange nieder auf das schöne Antlitz , das immer so kalt gewesen war für ihn und doch in Glut und Wärme aufstrahlen konnte für einen anderen . Er haßte jetzt diesen anderen nicht mehr , auch das war vorbei , war erstorben , nur jene Leidenschaft starb erst mit ihm , sie war nun einmal sein Verhängnis gewesen . Als er Edith das letzte Mal sah , da traf ihn jenes furchtbare Wort aus ihrem Munde wie ein Peitschenschlag in das Gesicht , das war ihr Lebewohl gewesen ! So stand er in ihrer Erinnerung ! Eins freilich würde es auslöschen , in Thränen auslöschen , die sie ja wohl weinen würde , wenn er ihr dies Vermächtnis hinterließ . Warum sollte er sich diese Thränen nicht erkaufen ? Er setzte sich zum Schreiben nieder , es war bald gethan . Der Brief an Edith Marlow enthielt überhaupt nur drei Worte : » Lebe wohl ! – Felix . « – Der zweite , an Ernst Raimar gerichtet , war auch nur kurz , aber inhaltreich , er setzte mit fester Hand die Unterschrift darunter : » Felix Ronald . « Dann schloß er beide Briefe in ein größeres Couvert , versiegelte es und adressierte an Bankier Marlow . Nun war es geschehen , nun hatte er Ruhe – auch vor dem Toten ! Felix Ronald trat an den Kamin , wo noch die Glut leuchtete , und warf das Bild hinein . Die Flamme züngelte auf und erlosch nach einigen Minuten , es war vernichtet . Jetzt verschloß er die Thür – mit leisem Klirren drehte sich der Schlüssel um , wie damals – und dann waltete die Nemesis ihres Amtes ! Erwachen ! Das verheißungsvolle Wort auf dem alten , verwitterten Grabdenkmal des kleinen Waldfriedhofes war wieder einmal zur Wahrheit geworden für die Erde . Drei Jahre waren dahingegangen , und über vergessenen Menschenschicksalen erblühte die Welt aufs neue im Frühlingsleben . Die gute Stadt Heilsberg erfreute sich noch immer ihrer idyllischen Ruhe und Abgeschlossenheit . Hier hatte sich nichts verändert , nur der bisherige Notar war fortgezogen , und die Heilsberger Kanzlei hatte einen neuen Vertreter . Sonst war nichts passiert , aber die Stadt war und blieb » historisch « , und das genügte . In Steinfeld und Neustadt dagegen hatten sich tiefgreifende Aenderungen vollzogen , allerdings nicht zum Vorteil der beiden Orte . Die Steinfelder Werke , die anfangs für die Ronaldsche Konkursmasse verwaltet wurden , hatten wieder einen Herrn gefunden , der sie für einen verhältnismäßig sehr geringen Preis erstand , aber nicht daran dachte , den großen Betrieb aufrecht zu erhalten . Dieser ganze riesige Bestand von Arbeitermassen , Gebäuden und kostspieligen Einrichtungen war ja nur Blendwerk gewesen , das zeigte sich bei dem Zusammensturze . Ein wirklicher Ertrag war nur möglich , wenn man das alles auf ein ganz bescheidenes Maß zurückführte , und das geschah denn auch . Die Arbeiter wurden zum größten Teil entlassen , die überflüssigen Baulichkeiten verkauft oder an Pächter abgegeben und das Hüttenwerk selbst fortan so betrieben , wie die anderen Unternehmungen zweiten oder dritten Ranges . Neustadt , das seine Bedeutung ja nur den Steinfelder Werken verdankte , verlor sie naturgemäß mit ihnen . Die Arbeiterquartiere in der Vorstadt standen teilweise leer , der rege Verkehr mit den Kolonien , der der Stadt unberechenbare Vorteile gebracht hatte , wurde sehr eingeschränkt , und die Beziehungen , in denen die Werke durch ihren früheren Chef zu Berlin und zu dem Auslande standen , hörten völlig auf . Wenn auch nicht gerade das Gras in den Straßen Neustadts wuchs , wie die » Burgwarte « es prophezeit hatte , so war doch seine Blütezeit als Industrieort unwiederbringlich dahin . Ernst Raimar war nach Berlin übergesiedelt , allerdings zum großen Mißbehagen der Heilsberger . Die ganze Stadt sonnte sich in seiner Berühmtheit , und nun ging er auf und davon . Sein » Hexengold « , dieser kühne Angriff auf den damals noch allmächtigen Ronald , und seine glänzende Verteidigungsrede in jenem Prozeß hatten ihn mit einem Schlage dem Dunkel seines bisherigen Lebens entrissen und überall bekannt gemacht . Die Woge der Zustimmung und Begeisterung , die ihn emportrug , war noch nicht verrauscht , als ein anderes Ereignis ihn aufs neue in den Vordergrund stellte – die Selbstanklage Ronalds , der noch sterbend der Wahrheit die Ehre gegeben und sich als den Schuldigen bekannt hatte beim Diebstahl jener Depots . Es war selbst an der Schwelle des Grabes noch ein Akt der schwersten Selbstüberwindung , aber es nahm den Makel von dem Namen und der Ehre des verstorbenen Raimar und das » Verhängnis « aus dem Leben seines Sohnes . Jetzt konnte Ernst die so lange gebundenen Flügel regen , und er regte sie so mächtig , daß man nicht begreifen konnte und wollte , wie ein Mann von dieser Begabung so lange unbemerkt geblieben war . In Berlin fand er überall offene Thüren , und es war nur natürlich , daß alle , die den Vater gekannt und ihm unrecht gethan hatten , Bankier Marlow an der Spitze , nun dem Sohne eine Art von Abbitte leisteten , indem sie ihm das äußerste Entgegenkommen zeigten . Es war eigentlich merkwürdig , daß dabei immer nur von dem älteren Bruder die Rede war . Max erfreute sich doch auch noch des Daseins und galt auch für ein Talent , obgleich man noch immer nichts davon merkte . Er hatte zwar die Popularität seines Namens nach jener Enthüllung nach Kräften ausgenutzt und überall seine Studien ausgestellt , denn bis zu einem großen Bilde war er auch jetzt nicht gekommen . Seine Leistungen wurden auch freundlich bemerkt und besprochen , weil er eben Raimar hieß , aber dauernd war dieser Erfolg nicht in dem bewegten Treiben der Großstadt , wo ein Interesse das andere verdrängte . Ernst blieb im Vordergrunde , weil er eine bedeutende Persönlichkeit war und seinen Platz zu behaupten wußte ; Max trat wieder vollständig in den Hintergrund und hatte es trotz krampfhafter Anstrengungen noch immer nicht zu einer reichen Heirat gebracht , die bekanntlich der Zweck seines Lebens war . Er sehnte sich noch immer nach einer Lebensgefährtin mit der nötigen Vergoldung , die ein grausames Geschick ihm hartnäckig vorenthielt . Gernsbach wurde wie sonst von dem Pächter bewirtschaftet , das Herrenhaus lag meist still und verschlossen da , aber um so lauter und lustiger ging es dort zu , wenn Major Hartmut mit Frau Gemahlin und Fräulein Tochter einrückte . Er brachte stets seine Urlaubszeit auf dem Gute zu , aber während die junge Witwe sehr zurückgezogen gelebt hatte , war Gernsbach jetzt ein gastfreies Haus mit dem angenehmsten Verkehr , und die Heilsberger wußten das zu schätzen . Auf der Terrasse saßen Frau Major Hartmut und Herr Notar Treumann , der noch immer Vorstand des historischen Vereins und Mitarbeiter der » Burgwarte « war , aber die Polemik mit dem Neustädter Tageblatt hatte aufgehört . » Gegen den besiegten Feind muß man Großmut üben , und Neustadt ist gar nichts mehr ! « pflegte Treumann zu sagen . Diese Großmut wurde ihm um so leichter , als jener Redakteur mit der fossilen Beleidigung längst verduftet und das Tageblatt überhaupt sehr zahm geworden war , seit es nicht mehr die Ronaldschen Interessen vertrat . Der Besuch des alten Herrn war diesmal übrigens kein zufälliger . Man erwartete heute in Gernsbach seinen Neffen Ernst und » seine Nichte Edith , geborene Marlow « , wie er nie versäumte hinzuzusetzen , denn man kannte ja die Bedeutung dieses Namens in der Finanzwelt . Sie kamen von der Hochzeitsreise . Wilma Hartmut hatte sich nicht verändert , es war noch dieselbe zarte , anmutige Erscheinung , aber man sah es ihr an , daß sie jetzt eine glückliche Frau war . Da erschien drüben in der Allee der Major zu Pferde und neben ihm auf einem Pony Lisbeth . Sie gewahrten die beiden auf der Terrasse und bogen ab , das ging quer durch die Wiesen in vollem Trabe . Das Blondhaar der Kleinen flatterte im Winde , aber sie saß fest im Sattel und zügelte das kleine , lebhafte Tier mit Sicherheit . » Halt ! « kommandierte Hartmut , und der große Fuchs und der kleine Pony standen wie die Mauern . Der Major grüßte militärisch , was Lisbeth mit großer Sachkenntnis wiederholte , dann stiegen sie ab und übergaben die Pferde dem herbeikommenden Diener , und Arnold führte sein Fräulein Tochter im Triumphe dem Gaste vor . » Sehen Sie sich dies Mädel an ! « sagte er , » die reitet schon besser als ihre Mama . Furcht kennt sie nicht , das geht über Stock und Stein – meine Schule ! « » Ja , so reite ich immer mit dem Papa ! « rief die jetzt zwölfjährige Lisbeth , die auf dies Lob offenbar sehr stolz war . » Sah es nicht lustig aus ? « » Etwas halsbrechend sah es aus , « versetzte der Gefragte . Lisbeth lachte und stahl einige Stückchen Zucker vom Theetische , um die Pferde damit zu füttern , aber es fiel ihr nicht ein , die Steintreppe zu benutzen . Sie setzte sich quer auf die Brüstung und turnte dann mit einem kühnen Sprunge hinunter , was ihr ein tadelndes » Aber Lisbeth « der Mutter und ein lautes » Bravo ! « von seiten des Vaters eintrug . » Das hat Kraft und Leben ! « rief er , » Rede mir nicht darein , Wilma , Lisbeth ist ein Prachtmädel ! « » Aber viel zu wild für ein Mädchen , « warf Wilma ein . » Das ist deine Schuld , du machst einen vollständigen Jungen aus ihr mit deiner Erziehung . « » Nein , das ist deine Schuld , « widersprach Arnold . » Warum bist du mir die Jungen schuldig geblieben ? Jetzt muß ich mich an der Lisbeth schadlos halten . – Also nun sind wir versammelt zum Empfange ! Sehen Sie nicht so feierlich aus , Onkel Treumann , wir sind im Familienkreise . Bei der Hochzeit hatten Sie allerdings noch einen heillosen Respekt vor der Millionärin . « » Respekt ? « wiederholte Treumann halb beleidigt . » Ich konnte meiner Nichte doch nicht näher treten bei dem großen , glänzenden Feste . Ich habe von jeher für sie geschwärmt , das wissen Sie ja von der ersten Begegnung her auf dem Burgberge . « » Aber damals glaubten Sie im vollen Ernst , der dumme Junge , der Maxl , würde den Preis davontragen ! « rief der Major lachend . » Der erholt sich jetzt in Karlsbad von dem Schrecken . Gallenzustände ! so schrieb er wenigstens an Ernst , von dem er sich natürlich das Reisegeld geben ließ . « » Das hat mein Mann auf dem Gewissen , « sagte Wilma vorwurfsvoll zu dem Notar gewandt . » Wir waren ja gerade in Berlin , als Ernst sich verlobte , und begegneten Max auf der Straße . Da erzählte ihm Arnold die Neuigkeit mit einer Schonungslosigkeit – « » Bitte , mein Kind , das hast du mißverstanden , « unterbrach sie Hartmut . » Ich war im Gegenteil äußerst zart und schonend . – Siehst du , Maxl , so geht es ! sagte ich tröstend . Du hattest schon längst abgeschlossen mit der Zukunft deines Bruders damals in Heilsberg , als du um die Millionärin freitest , und nun bekommt er die Million und die schöne Frau ! Den Ernst liebt sie nun einmal , und dich konnte sie nicht ausstehen . Aber tröste dich , du bekommst schon noch irgend ein Ehegespons . – Da wurde er erst grün , dann gelb , murmelte von › Verrat ‹ und stürzte davon wie ein Besessener , und jetzt trinkt er Sprudel , um sich dies Farbenspiel wieder abzugewöhnen . Mich soll nun wundern , wie lange der Maxl noch hausieren geht mit seinem hübschen Gesicht und seiner Dummheit . Er wird doch endlich unter die Haube kommen ! « Treumann zuckte nur mit verächtlicher Miene die Achseln . Er liebte es nicht , wenn von » diesem Menschen « gesprochen wurde , den er nicht mehr als seinen Neffen betrachtete . Er hatte ihn in Acht und Bann gethan und blieb in diesem Punkte unbeugsam . Da kam Lisbeth die Treppe hinaufgestürmt und rief atemlos : » Sie kommen ! Sie kommen ! Ich sehe schon den Wagen ! « Man bemerkte allerdings , wenn auch noch in ziemlicher Entfernung , einen Wagen . Das konnten nur die Erwarteten sein , und der Herr Notar schlug sofort wieder in eine verklärte Stimmung um . » Ja , sie kommen ! « wiederholte er . » Unser Sankt Georg ! Das Wort habe ich übrigens erfunden , und dann wurde es zum Schlagwort für die ganze Presse in dem Ronaldschen Prozeß . O , er wird noch ganz andere Kämpfe bestehen , unser Ritter Georg , wenn er erst im Reichstage sitzt ! Sie wollen ihn ja als Kandidaten aufstellen bei der nächsten Wahl , ja , solche Redner lassen sie sich nicht entgehen im Parlamente ! Wenn Ernst gewählt wird , reise ich nach Berlin und wohne allen Sitzungen bei , keine einzige werde ich versäumen ! « und der alte Herr wippte vor Wonne auf und nieder auf seinem Stuhle , was Lisbeth zu der naseweisen Bemerkung veranlaßte : » Onkel Treumann , du machst es gerade wie die Maikäfer , wenn sie auffliegen wollen ! « Jetzt bog der Wagen in die Allee ein , schon von weitem mit Winken und Tücherwehen begrüßt , und wenige Minuten später wurden die Heimgekehrten in Empfang genommen . » Euch sieht man es an , daß ihr von der Hochzeitsreise kommt . Ihr seht beide noch ganz überirdisch aus ! « rief der Major lachend , während er seinem Freunde die Hand schüttelte . Edith hatte inzwischen ihre Cousine umarmt und wandte sich nun zu Lisbeth , die sich die Scheu vor der schönen , vornehmen Tante abgewöhnt zu haben schien . Freilich hatte sich die Tante auch ihrerseits die kühle Vornehmheit abgewöhnt , sie schloß herzlich den kleinen Wildfang in die Arme . Dann kam der Herr Notar an die Reihe , der in der That noch schwankte zwischen der Vertraulichkeit des Onkels und dem Respekt vor der Erbin , aber die Liebenswürdigkeit » seiner Nichte « beseitigte bald den Respekt . Sie versprach , morgen nach Heilsberg zu kommen und sich sein Haus anzusehen , Ernst habe ihr von dem interessanten alten Bau erzählt . Dann verlangte sie von dem » Onkel Treumann « , er solle sie Edith nennen , und bot ihm die Wange zum Russe . Das war zu viel für den alten Herrn , er küßte sie allerdings , aber er weinte dabei vor Rührung . Die junge Frau mit den strahlenden braunen Augen war freilich eine andere als die verwöhnte Erbin , die man nur für das Gesellschaftsleben erzogen hatte , und die es mit zwanzig Jahren schon so leer und inhaltslos fand . Jetzt hatte sie den Lebensinhalt gefunden , das sah man an dem Aufleuchten dieser Augen , wenn sie denen des Gatten begegneten . Edith Marlow war ein schönes , kaltes Mädchen gewesen , das es gar nicht der Mühe wert hielt , auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen , oder jemand näher zu treten . Edith Raimar besaß jene fesselnde Liebenswürdigkeit , die so leicht ist für eine schöne , gefeierte Frau . Sie hatte das ungemein schnell gelernt , seit sie lieben gelernt hatte . Ernst hatte ja eine ganze Reihe von Jahren voraus vor seiner jungen Gattin , aber das merkte man kaum bei dem Manne , der jetzt in der blühenden Vollkraft des Lebens stand , getragen und gehoben von seinen Erfolgen , von dem Bewußtsein des endlich errungenen Lebensglückes . Die zehnjährige » Verbannung « in Heilsberg war versunken und mit ihr der blasse , ernste Träumer von damals . Jetzt stand er mitten im Leben und Wirken und holte sich täglich neue Kraft daraus . Wilma geleitete jetzt die junge Frau nach dem Fremdenzimmer und war ihr dort beim Ablegen des Reisemantels behilflich . » Ich glaube , du bist noch schöner geworden , Edith ! « sagte sie mit aufrichtiger Bewunderung . » Arnold hat recht , ihr seht noch immer nicht aus wie gewöhnliche Menschen . « » Wir haben auch soeben erst ein Stückchen Eden durchwandert , äußerlich und innerlich , « erwiderte Edith heiter . » Es war das erste Mal , daß wir uns ganz allein angehören durften , und wie lange haben wir darauf geharrt ! « » Ja , aber warum denn eigentlich ? « fragte die Frau Major . » Wir merkten ja längst schon , wie es mit euch beiden stand , und ich glaube , ihr seid auch längst einig gewesen . Die äußeren Verhältnisse hinderten euch doch nicht , du bist ja reich genug . « Die junge Frau , die eben ihr Haar vor dem Spiegel geordnet hatte , wandte sich lächelnd um . » Da kennst du meinen Ernst und seinen Stolz nicht ! Er hätte um keinen Preis eine Abhängigkeit von meinem Vater ertragen , auch nicht einmal vorläufig . Er nahm mir das Versprechen ab , zu warten , bis er sich in Berlin eine Stellung geschaffen hatte und mir selbst etwas bieten konnte . Das geschah freilich viel schneller , als wir glaubten . Ich weiß es am besten , wie sehr er in Anspruch genommen wird . « » Das ist ja gerade dein Geschmack , « neckte Wilma . » Dein Gatte sollte ja durchaus mehr sein als all die anderen , er sollte dich und sich emportragen zu den Höhen des Lebens – nun , dein Ernst nimmt einen ganz hübschen Anlauf dazu . Jetzt wollen sie ihn gar in den Reichstag wählen ! « » Ja , man will ihm ein Mandat anbieten , « sagte Edith , deren Augen in freudigem Stolze leuchteten . » Ernst ist ja längst in das politische Leben eingetreten , ich hoffe , er spielt noch einmal eine Rolle darin . « » Und wir warten inzwischen ganz bescheiden auf den Oberst , « erklärte Wilma lachend . » Dein Herr Gemahl will höher hinaus , der reserviert sich zweifellos den Ministersessel