aber noch hing es feucht und regenschwer in der Luft . Die nassen Weinranken , vom Sturm zerwühlt und zerrissen , flatterten noch immer auf und nieder , und von dem Heiligenbilde in der nur schlecht geschützten Mauerblende rannen die Tropfen herab . Unten brauste das noch immer wild empörte Meer ; der sonst so ruhige azurblaue Spiegel war nur ein wüstes Chaos von schwarzgrauen Fluthen und weißschäumenden Wellenhäuptern , die sich zischend und tosend am Strande brachen . Aber der Nebel , der bisher die ganze Umgebung in einen undurchdringlichen Schleier hüllte , begann endlich zu weichen , schon traten einige Ortschaften deutlich daraus hervor , nur um die [ 526 ] Höhenzüge wogte und qualmte es noch , während im Westen bereits ein hellerer Lichtschein mit dem niedergehenden Gewölk kämpfte . „ Woher kannten Sie denn meinen kleinen Reinhold ? “ fragte Ella plötzlich in ganz verändertem Tone . „ Sie sahen ihn ja nicht bei Ihrem letzten Besuche , und als Sie H. verließen , hatte er kaum das erste Lebensjahr zurückgelegt . “ Hugo beugte sich zu dem Kinde nieder und hob dessen Köpfchen empor . „ Woran ich ihn erkannte ? “ versetzte er lächend . „ An seinen Augen . Er hat ja die Ihrigen , Ella , und die verkennt man nicht so leicht , auch wenn sie einmal aus einem anderen Antlitz blicken . Ich finde sie heraus unter Hunderten . “ Sein Ton hatte eine beinahe leidenschaftliche Wärme . Die junge Frau wich leise ein wenig seitwärts . „ Seit wann machen Sie mir Complimente , Hugo ? “ „ Sind Ihnen Complimente jetzt so ungewohnt ? “ „ In Ihrem Munde allerdings . “ „ Ja freilich , ich darf bei Ihnen nicht wagen , was jedem Anderen erlaubt ist , “ sagte der Capitain mit einem Anfluge von Bitterkeit . „ Der Versuch dazu hat mir schon einmal den ‚ Abenteurer ‘ eingetragen . “ „ Es scheint , Sie können das Wort noch immer nicht vergessen , “ bemerkte Ella mit einem halben Lächeln . Er warf mit einer trotzigen Bewegung den Kopf zurück . „ Nein , ich kann es auch nicht , denn es hat mir wehe gethan , und darum verwinde ich es nicht , bis auf diesen Augenblick . “ „ Wehe gethan ? “ wiederholte Ella . „ Kann Ihnen denn überhaupt etwas wehe thun , Hugo ? “ „ Das heißt mit anderen Worten : ‚ Haben Sie denn überhaupt ein Herz , Hugo ? ‘ O nein , ich besitze ganz und gar nichts von diesem Artikel , ich bin zu kurz gekommen bei der Austheilung desselben , das müssen Sie ja nachgerade herausgefunden haben . “ „ So meinte ich es nicht , “ lenkte die junge Frau ein . „ Ich traue Ihnen gewiß die volle Wärme der Empfindung zu . “ „ Aber keinen Ernst und keine Tiefe ? “ „ Nein . “ Der Capitain sah sie einige Secunden lang schweigend an , endlich sagte er leise : „ War es nöthig , Ella , mir eine so herbe Lehre zu geben , weil ich neulich einen Handkuß wagte , der Ihnen vielleicht mißfallen hat ? Ich weiß , was dieses ‚ Nein ‘ bedeutet . Sie sehen , ich verstehe auch Winke und werde den heutigen nützen . Fürchten Sie nichts ! “ Ueber die Züge der jungen Frau flog ein leichtes Roth , als sie sich verstanden sah . „ Ich wollte Sie nicht kränken , gewiß nicht ! “ versicherte sie lebhaft und streckte ihm herzlich die Hand hin , aber Hugo stand trotzig abgewendet und schien das nicht zu bemerken . „ Sind Sie mir böse ? “ fragte sie halblaut ; es war ein süß bittender Ton , und er verfehlte auch seine Wirkung nicht , der Capitain wandte sich plötzlich um und ergriff die dargebotene Hand , aber in seiner Antwort kämpfte eine mühsam niedergehaltene Erregung schon wieder mit der alten Spottlust , als er entgegnete : „ Wenn der selige Onkel und die Tante uns jetzt sehen könnten , sie würden mit unendlichem Wohlgefallen bemerken , wie ihre Tochter den ‚ unverbesserlichen Hugo ‘ im Zügel hat , der sonst keinem Zügel gehorchen wollte , wie sie ihn auch nicht einen Schritt hinausläßt über die Grenze , die sie zu ziehen für gut findet . Nein , ich bin Ihnen nicht böse , Ella , kann es nicht sein , aber – Sie müssen mir das Gehorchen auch nicht so schwer machen . “ Die Beiden waren noch in lebhaftem Gespräche begriffen , als Marchese Tortoni und Lord Elton von der Gallerie her gleichfalls in die Veranda traten . „ Sieh da , “ sagte der Erstere überrascht zu seinem Begleiter , „ darum also zog sich die Wetterbeobachtung unseres Capitano so endlos in die Länge , daß wir ihn schließlich aufsuchen mußten . Es ist doch eine unverwüstliche Natur . Vor einer Stunde erst hat er unser Boot durch Sturm und Wogen gezwungen und jetzt spielt er schon wieder den Liebenswürdigen bei einer jungen Signora . “ „ Yes , ein ausgezeichneter Mensch , “ bestätigte der Lord , der bereits eine so blinde Vorliebe für Hugo gefaßt hatte , daß er an diesem schlechterdings alles vortrefflich fand . Die unerträglich schwüle Luft in den dunstigen Zimmern schien die ganze Gesellschaft auf die Veranda getrieben zu haben , denn unmittelbar hinter den beiden Herren erschienen auch Beatrice und Reinhold . Wenn seine Gattin auf dieses Zusammentreffen vorbereitet war , so war er es jedenfalls nicht , denn er wurde todtenbleich und machte eine Bewegung wie zur Umkehr , aber in demselben Augenblicke tauchte der blonde Lockenkopf des Knaben hinter der jungen Frau auf und wie gebannt blieb der Vater stehen . Das Auge unverwandt auf das Kind gerichtet , schien er alles Andere um sich her vergessen zu haben . „ Welch ein schönes Kind ! “ rief Beatrice bewundernd , indem sie unbefangen die Arme ausstreckte , jetzt aber zuckte Ella empor ; mit einer einzigen Bewegung hatte sie den Knaben der beabsichtigten Liebkosung entzogen und preßte ihn fest an sich . „ Verzeihung , Signora , “ sagte sie kalt . „ Das Kind ist scheu gegen Fremde , und nicht an solche Liebkosungen gewöhnt . “ Beatrice schien etwas beleidigt durch die Zurückweisung , indessen sah sie darin nichts , als die übertriebene Aengstlichkeit einer Mutter . Sie zuckte unmerklich die Achseln , und ein spöttischer Seitenblick fiel auf die Fremde , aber er blieb bald genug gefesselt an der Erscheinung derselben haften , wenn das Wiedererkennen auch nur auf einer Seite stattfand . Vor Ella ’ s Gedächtniß stand noch in vollster Klarheit jener Abend , wo sie allein , ohne Wissen der Ihrigen , den Schleier dicht über das Gesicht gezogen , in das Theater eilte , um diejenige kennen zu lernen , die ihr den Gatten so völlig entfremdet hatte . Sie hatte sie gesehen , im vollen Glanze ihrer Schönheit und ihres Talentes , umrauscht von dem Jubel und den Huldigungen des Publicums , und sie nahm den Eindruck unauslöschlich mit sich fort . Beatrice hatte gleichfalls nur ein einziges Mal die Gattin Reinhold ’ s erblickt , damals , als sie erst anfing , sich für den jungen Künstler zu interessiren , und Ella noch nichts von ihrem unheilvollen Einfluß ahnte . Der Italienerin genügte eine flüchtige Begegnung von wenigen Minuten , um zu erkennen , daß dieses stille blasse Wesen mit den niedergeschlagenen Augen und dem lächerlich matronenhaften Anzuge nicht einen solchen Mann zu fesseln vermochte , und diese Erkenntniß war hinreichend für sie , um ferner keine Notiz mehr von der jungen Frau zu nehmen . Jedenfalls war es ihr unmöglich , das verblaßte , halb lächerliche und halb mitleidswerthe Bild , das sie in der Erinnerung trug , auch nur entfernt mit jener Erscheinung in Berührung zu bringen , die so unnahbar stolz dort stand , die das blonde Haupt so hoch und frei aufgerichtet trug , und deren große blaue Augen sie mit einem Ausdrucke anblickten , den Beatrice sich nicht zu enträthseln vermochte . Sie sah nur , daß die Fremde sehr hochmüthig , nebenbei aber auch sehr schön war . Letzteres schienen auch die beiden Herren zu finden , die artig grüßend näher getreten waren , denn der Lord schaute Ella mit offenbarer Bewunderung an , und der Marchese , dem Hugo so oft eine sträfliche Gleichgültigkeit gegen Damenbekanntschaften vorgeworfen hatte , sagte mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit zu ihm : „ Sie scheinen Signora zu kennen . Dürfen wir nicht auf das Vergnügen rechnen , ihr vorgestellt zu werden ? “ Der Capitain hatte sich wie zum Schutze an die Seite der jungen Frau gestellt . Zwischen seinen Augenbrauen lag eine Falte , die selten auf dieser heiteren Stirn erschien , und sie wurde noch tiefer bei dieser directen Aufforderung , die sich unmöglich ablehnen ließ . Er stellte daher die beiden Herren vor , und nannte ihnen seine Landsmännin , Frau Erlau . Er wußte , daß Ella , um unliebsamen Nachforschungen vorzubeugen , zu denen der Name Almbach leicht hätte Veranlassung geben können , den ihres Pflegevaters trug , so lange sie in Italien weilte . Beatricens Augen sprühten auf in beleidigtem Stolze . Sie war es nicht gewohnt , daß sie und Reinhold bei solchen Gelegenheiten zuletzt genannt wurden , und hier wurden sie überhaupt gar nicht genannt . Der Capitain ignorirte sie vollständig und schien dies sogar absichtlich zu thun , denn der Zornesblick , den sie ihm zuschleuderte , ward mit empörender Kälte aufgefangen , aber auch Cesario war betroffen über die Tactlosigkeit [ 527 ] seines sonst so liebenswürdigen Gastes . Während er der fremden Dame einige Höflichkeiten sagte , wartete er vergebens auf die Fortsetzung der Vorstellung , und als diese nicht erfolgte , übernahm er es , die vermeintliche Unart des Capitains wieder gut zu machen . „ Sie haben das Wichtigste vergessen , Signor , “ sagte er , die Sache rasch zum Scherze wendend . „ Signora Erlau würde Ihnen schwerlich dankbar sein , wenn Sie ihr gerade die beiden Namen nicht nennen , die sie ohne Zweifel am meisten interessiren , und die ihr keinesfalls unbekannt sind . Signora Biancona – Signor Rinaldo . “ Beatrice , noch entrüstet über die ihr widerfahrene Beleidigung , grüßte nur mit einer [ Ξ ] kurzen Neigung des Hauptes , die ebenso erwidert wurde , plötzlich aber ward sie aufmerksam . Sie fühlte , wie Reinhold ’ s Arm zuckte , wie er den ihrigen fallen ließ und einen Schritt von ihr wegtrat , als er sich verneigte . Sie kannte ihn allzu genau , um nicht zu wissen , daß er in diesem Momente , trotz seiner scheinbaren Ruhe , furchtbar erregt war . Diese fahle Blässe , dieses nervöse Zucken der Lippen waren das sichere Zeichen , daß er irgend eine leidenschaftliche Aufwallung mit Gewalt unterdrückte , und was sollte dieser Blick , der freilich nur einige Secunden lang dem der Fremden begegnete , aber er flammte in unverkennbarem Trotze und schmolz doch wieder in vollster Weichheit , als er auf das Kind an ihrer Seite fiel . Sie selbst freilich stand ihm völlig unbewegt gegenüber , auch nicht ein Zug regte sich in dem marmorkalten Antlitze , aber auch dies Antlitz war auffallend bleich und die Arme umschlangen den Knaben so krampfhaft fest , als sollte er ihnen entrissen werden . Dennoch erwiderte sie mit vollkommen beherrschter Stimme : „ Ich bin Ihnen sehr dankbar , Signor . Ich hatte in der That noch nicht das Vergnügen , Italiens erste Sängerin und Italiens berühmten Tondichter zu kennen . “ Reinhold ’ s Blut wallte siedend heiß auf , als ihm von Neuem , und diesmal vor Fremden , die unendliche Kluft gezeigt wurde , die ihn von der einstigen Gattin schied . Jetzt war sie es , welche ihm die Stellung anwies , die er ihr gegenüber einzunehmen hatte , und daß sie dies mit einer solchen Ruhe und Gelassenheit vermochte , brachte ihn auf ’ s Aeußerste . „ Italiens ? “ wiederholte er mit scharfer Betonung . „ Sie vergessen , Signora , daß ich von Geburt ein Deutscher bin . “ „ Wirklich ? “ entgegnete Ella in dem gleichen Tone wie vorhin . „ In der That , das wußte ich bisher noch nicht . “ „ Man scheint in der Heimath sehr schnell vergessen zu werden , “ warf Reinhold mit einer Art wilder Bitterkeit hin . „ Doch wohl nur , wenn man sich ihr selbst entfremdet . In diesem Falle ist das freilich begreiflich . Sie , Signor , haben ja ein zweites Vaterland gefunden , und wem Italien so viel gegeben hat , der kann die Heimath und ihre Erinnerungen wohl leicht entbehren . “ Sie wandte sich zu den übrigen Herren , wechselte einige gleichgültige Worte mit ihnen und reichte dann ruhig und offen Hugo die Hand zum Abschiede . „ Sie verzeihen , ich muß zu meinem Oheim . Reinhold , sage dem Herrn Capitain Lebewohl ! “ Es war nur zu wahr , Ella besaß eine furchtbare Waffe in dem Kinde und verstand sie schonungslos zu gebrauchen , das empfand Reinhold wieder in diesem Augenblicke . Ihm versagte sie den Anblick und die Nähe seines Knaben unerbittlich , trotzdem sie wußte , mit welcher Leidenschaftlichkeit er sich danach sehnte , und jetzt ließ sie es ihm sehen , wie dieser Knabe seinem Bruder die Aermchen entgegenstreckte und ihm den Mund zum Kusse bot , ließ es ihm sehen in Gegenwart der Frau , um deren willen er sie Beide verlassen hatte , und deren Nähe ihm verbot , auch nur eines seiner Vaterrechte geltend zu machen – die Rache traf bis in ’ s innerste Herz hinein . Beatrice hatte ganz gegen ihre Gewohnheit sich mit keiner Silbe an dem Gespräche betheiligt , aber ihr dunkelglühender Blick wich nicht von den Beiden , zwischen denen sie eine geheime Wechselbeziehung ahnte , wenn auch ihre Gedanken von der Wahrheit selbst unendlich weit entfernt waren . Für jetzt jedoch machte Ella jeder weiteren Beobachtung ein Ende ; sie nahm den kleinen Reinhold bei der Hand , und nach einer kurzen stolzen Verbeugung , die der ganzen Gesellschaft galt , verließ sie mit dem Kinde die Veranda . „ Sie scheinen uns da irgend ein Incognito vorgeführt zu haben , Signor Capitano , “ sagte Beatrice mit schneidendem Spotte . „ Vielleicht haben Sie jetzt die Güte , uns zu erklären , welche Fürstin es denn eigentlich war , die soeben geruhte uns zu verlassen . “ „ Ja beim Himmel , sehr stolz , aber auch sehr schön ! “ rief der Marchese in ausbrechender Bewunderung , während Hugo kühl erwiderte : [ 528 ] „ Sie sind im Irrthume , Signora . Ich nannte Ihnen ja den Namen der deutschen Dame . “ Der junge Italiener trat zu seinem Freunde und legte die Hand auf dessen Schulter . „ Signora ’ s Irrthum ist erklärlich . Meinen Sie nicht auch , Rinaldo ? – Mein Gott , was haben Sie denn – was ist Ihnen ? “ [ 539 ] „ Nichts ! “ sagte Reinhold , sich gewaltsam fassend . „ Mir ist nicht wohl ; die stürmische Fahrt hat mich angegriffen . Es ist nichts , Cesario . “ „ Ich glaube , wir thun am besten , jetzt an die Rückkehr zu denken , “ fiel Hugo ein , der für nöthig fand , die Aufmerksamkeit von seinem Bruder abzulenken , da er sah , daß dieser nicht mehr Herr seiner Aufregung war . „ Eine Wiederholung des Unwetters steht nicht zu befürchten , und da der Padrone versprochen hat , einen Wagen herbeizuschaffen , so können wir noch heute Abend in S. sein , wenn wir baldigst aufbrechen . “ Es war das erste Mal , daß Beatrice einem Vorschlage , den der Capitain machte , mit vollster Lebhaftigkeit beistimmte . Marchese Tortoni dagegen fand die große Eile sehr unnöthig und erhob verschiedene Einwendungen . Für ihn schien die einsame Locanda auf einmal besondere Anziehungskraft gewonnen zu haben . Als er aber mit seiner Ansicht nicht durchdrang – denn auch Reinhold bestand auf der sofortigen Rückkehr – schloß er sich dem Capitain an , welcher ging , um nach dem Wagen zu sehen . „ Ich fürchte , Sie haben Ihrem Bruder und mir ein Märchen aufgetischt , als Sie behaupteten , eine gewisse Villa sei Ihnen unzugänglich geblieben , “ sagte er neckend . „ Es war mir schon damals verdächtig , daß Sie den Rückzug so offen eingestanden und so ruhig unseren Spott über sich ergehen ließen . Ich wollte darauf schwören , daß ich diese reizende Gestalt und diese blonde Flechtenpracht schon einmal erblickt habe , als ich an der Villa Fiorina vorüberritt . Ich begreife es freilich , daß Sie uns nicht zu Vertrauten Ihres Abenteuers machten , allein – “ „ Sie irren , “ unterbrach ihn Hugo mit einer Entschiedenheit , die keinen Zweifel an seinen Worten möglich machte . „ Es ist hier von keinem Abenteuer die Rede , Signor Marchese ; ich gebe Ihnen mein Wort darauf . “ „ Ah , dann verzeihen Sie ! “ sagte Cesario ernst . „ Ich glaube , Ihre anscheinend nähere Bekanntschaft mit der Dame – “ „ Stammt aus einer früheren Bekanntschaft in Deutschland her , “ ergänzte der Capitain . „ Ich hatte allerdings keine Ahnung von diesem Zusammentreffen , als ich eine völlig Fremde in der Villa Fiorina aufzusuchen glaubte , aber ich wiederhole es Ihnen , daß das Wort ‚ Abenteuer ‘ auch nicht entfernt mit jener Dame in Berührung gebracht werden darf , und daß ich die vollste und unbedingteste Achtung eines Jeden für sie in Anspruch nehme . “ Der sehr bestimmte Ton dieser Erklärung hätte einen anderen Zuhörer vielleicht gereizt , der junge Marchese dagegen schien eine unverkennbare Genugthuung dabei zu empfinden . „ Ich zweifle nicht im Geringsten daran , daß Sie mit dieser Forderung in Ihrem Rechte sind , “ erwiderte er mit großer Wärme . „ Das ganze Wesen der schönen Frau spricht dafür . Welch ein imponirender Anstand und welche vollendete Lieblichkeit der Erscheinung ! Ich habe noch nie eine Frau gesehen , die beides so zu vereinigen weiß . “ „ Wirklich ? “ In Hugo ’ s Stimme verrieth sich eine keineswegs angenehme Ueberraschung , als er seinen Begleiter ansah , dessen Wangen lebhaft geröthet waren und dessen Augen blitzten . Der Capitain sagte kein Wort weiter , aber seine Miene sprach deutlich genug aus , was er dachte . „ Ich glaube , dieser Idealmensch fängt jetzt auch an , sich um etwas Anderes zu kümmern , als um Arien und Recitative – das ist aber ganz und gar überflüssig . “ Droben in der Veranda stand Beatrice allein ; sie war Reinhold und dem Lord nicht gefolgt , die gleichfalls hinabstiegen . Ihre Hand vergrub sich mechanisch in das nasse Weinlaub , während die dunklen Augen starr auf die See gerichtet waren , und doch schien sie nichts von der ganzen Umgebung zu sehen . In düsteres Sinnen verloren , hing sie nur dem einen Gedanken nach , den die Lippen jetzt aussprachen , als sie halb drohend , halb angstvoll flüsterte : „ Was war das zwischen den Beiden ? “ Der Herbst war gekommen und hatte Fremde und Einheimische vom Meeresstrande und aus den Gebirgen wieder zurückgeführt in den großen , ewig steten und ewig bewegten Mittelpunkt Italiens . Freilich war es kein Herbst , wie er im Norden die Natur zu Grabe geleitet , mit düsteren Regentagen , rauhen Sturmnächten , wogenden Nebeln , Reif und Nachtfrösten . Hier lag er mild in goldiger Klarheit und unbeschreiblicher Schönheit über der weiten Ebene , von der endlich die Sommergluth gewichen war , über dem Gebirge , das sonst Tag für Tag von heißem Dunst umzogen , von weißen Wolken umlagert , jetzt wieder seine blauen Linien unverhüllt zeigte , und über der Stadt , wo die große Woge des Lebens , die einige Monden lang träger gerollt war , nun mit neuer Macht emporfluthete . Auch Signora Biancona war bereits zurückgekehrt . Ihr Aufenthalt in S. hatte ein ebenso unerwartet schnelles Ende genommen , wie der Reinhold ’ s in Mirando . Diesen schien es [ 540 ] auf einmal nicht länger zu dulden an dem sonstigen Lieblingsorte . Fast unmittelbar nach jener stürmischen Seefahrt bestand er mit Entschiedenheit darauf , daß der ursprüngliche Plan wieder aufgenommen und die längst beschlossene Villeggiatur im Gebirge angetreten werde . Die Einwendungen , ja selbst die offen gezeigte Empfindlichkeit des Marchese , der auf eine längere Anwesenheit seiner Gäste gerechnet hatte , waren umsonst ; denn auch Beatrice schloß sich mit einer Art von Hast dem Plane Rinaldo ’ s an , und so blieb Cesario denn allein in Mirando zurück , während die Uebrigen in das Gebirge gingen , von wo sie soeben zurückgekehrt waren . – Es war in den Vormittagsstunden In ihrem Boudoir saß Signora Biancona , den Kopf auf den Arm gestützt und die Hand in den dunklen Locken vergraben , in der Stellung einer eifrig Zuhörenden . Ihr gegenüber hatte der Capellmeister Gianelli Platz genommen . Was auch seine wahre Gesinnung gegen den vielbeneideten Rinaldo sein mochte , er war doch allzuklug , um dem in der Künstlerwelt wie in der Gesellschaft Allmächtigen nicht äußerlich all die nöthige Rücksicht und Unterordnung zu zeigen , und der schönen Primadonna gegenüber war er nun vollends ganz Ergebenheit und Aufmerksamkeit ; das zeigte sich in Ton und Haltung , als er , das vorhin begonnene Gespräch fortsetzend , sagte : „ Sie hatten befohlen , Signora , und das war genug für mich , um sofort alle Hebel in Bewegung zu setzen . Ich bin so glücklich , Ihren Wunsch erfüllen und Ihnen die genauesten Mittheilungen über den bewußten Gegenstand machen zu können . “ Beatrice hob in lebhafter Spannung den Kopf . „ Nun ? “ „ Dieser Signor Erlau , “ fuhr der Maestro fort , „ ist in der That , wie Sie vermuthen , ein Kaufmann aus H. Er muß wohl zu den Reichsten seines Standes gehören ; denn er tritt hier überall als Millionär auf . In der Nähe von S. hatte er die ganze Villa Fiorina für sich und seine Familie gemiethet , und auch hier hat er eine der theuersten Wohnungen inne . Der Haushalt ist sehr vornehm eingerichtet , die Dienerschaft zum Theil aus Deutschland mitgebracht . Auch besitzt er bedeutende Empfehlungen an seine Gesandtschaft , von denen er jedoch noch keinen Gebrauch gemacht hat , da sein leidender Zustand ihn zur Zurückgezogenheit nöthigt . Die Uebersiedelung bewerkstelligte er überhaupt nur , um sich der Behandlung eines unserer berühmtesten Aerzte zu unterwerfen – “ „ Das Alles weiß ich bereits , “ unterbrach ihn Beatrice ungeduldig . „ Als ich den Namen hörte , zweifelte ich nicht daran , daß es sich um jenen Consul handelte , in dessen Hause auch ich während meines Aufenthaltes in H. verkehrte . Aber die Dame , welche sich in seiner Begleitung befindet , die junge Signora ? “ „ Ist – seine Nichte , “ erklärte Gianelli , der nach dem ersten Worte eine absichtliche Pause machte . Die Sängerin schien nachzusinnen . „ Sie wurde mir allerdings als Signora Erlau genannt . Eine Anverwandte also . Ich habe sie damals nicht gesehen . Sie wäre mir sicher aufgefallen ; solch eine Gestalt übersieht man nicht so leicht . “ Der Maestro lächelte mit boshaftem Ausdrucke . „ Sie soll allerdings den gleichen Namen wie ihr Pflegevater führen ; sie soll Wittwe sein , soll ihren Gatten schon vor Jahren verloren haben – wenigstens wünscht man , daß es hier in Italien so heiße , und die Diener haben strenge Weisung , etwaige Anfragen in diesem Sinne zu beantworten . “ Beatrice horchte bei dieser zweideutigen Erklärung auf . „ Soll ? Aber es ist nicht so ? Ich ahnte es , daß sich ein Geheimniß dahinter berge . Sie haben es entdeckt ? “ „ Bediente schweigen nie , wenn man es versteht , in der rechten Weise anzuklopfen , “ bemerkte Gianelli spöttisch . „ Ich fürchte nur – es ist ein äußerst zarter Punkt – und da er Signor Rinaldo betrifft – “ „ Rinaldo ? “ fuhr Beatrice auf . „ Wie so ? Was hat Rinaldo damit zu thun ? Sagten Sie nicht , daß es Rinaldo betreffe ? “ Der Maestro neigte das Haupt und sagte in seinem sanftesten Tone : „ Ich war wohl im Irrthume , Signora , wenn ich voraussetzte , daß die Veranlassung zu Ihrem Wunsche , etwas Näheres über die Erlau ’ sche Familie zu erfahren , von Signor Rinaldo ausging . “ Die Sängerin biß sich auf die Lippen . Sie . hätte es freilich vorher sehen können , daß bei dem Auftrage , den sie ihm gab , den beobachtenden Augen eines Gianelli nicht die Regung entgehen konnte , die diesen Auftrag dictirte . „ Lassen wir jetzt Rinaldo bei Seite ! “ sagte sie mit einer Anstrengung , ruhig zu erscheinen . „ Sie wollten von Signor Erlau sprechen . “ „ Das möchte wohl schwer von einander zu trennen sein , “ warf Gianelli hin . „ Ich fürchte nur – Signor Rinaldo ist mir leider schon ungünstig gestimmt , gewiß ohne mein Verschulden – ich fürchte , seinen höchsten Unwillen zu erregen , wenn er erfährt , daß ich es war , der eine solche Mittheilung gerade Ihnen – “ er stockte und zeichnete in gut gespielter Verlegenheit mit seinem Spazierstöckchen Figuren auf den Boden . „ Gerade mir ? “ wiederholte Beatrice heftig . „ Also ist diese Mittheilung nicht für mich bestimmt ? Sie werden sprechen , Signor Gianelli ! Sie werden mir auch nicht ein Wort , nicht eine Silbe verschweigen ! Ich verlange , ich fordere es von Ihnen . “ „ Nun denn , “ – er schien wirklich einen Anlauf zur Erklärung nehmen zu wollen , aber das Spiel war doch zu interessant , um es jetzt schon aufzugeben , und der Maestro hatte selbst zu oft unter den Launen der schönen Primadonna gelitten , als daß er sich die Genugthuung hätte versagen sollen , sie noch länger auf die Folter zu spannen . „ Nun denn – Sie kennen jedenfalls die früheren Bande Signor Rinaldo ’ s. Man weiß hier in Italien wenig oder nichts davon , daß er bereits vermählt war ; ich selbst erfuhr es erst bei dieser Gelegenheit . Ihnen ist die Thatsache jedenfalls bekannt . “ „ Ich weiß es , “ entgegnete Beatrice gepreßt . „ Aber wie gehört das hierher ? “ „ Doch wohl einigermaßen . Sie kennen die Gemahlin Rinaldo ’ s nicht , Signora ? “ „ Nein . Doch ja , ich sah sie einmal flüchtig . Eine höchst unbedeutende Erscheinung . “ „ Das scheint man hier durchaus nicht zu finden , “ bemerkte Gianelli wieder in seinem sanften Tone . „ Die schöne blonde Deutsche fängt trotz ihrer Zurückgezogenheit bereits an , Aufsehen zu erregen . “ „ Wer ? “ Beatrice erhob sich so jäh und ungestüm , daß der Maestro es für gut fand , um einige Schritte zurückzuweichen . „ Von wem sprechen Sie ? “ „ Von Signora Eleonore Almbach , die allerdings hier den Namen ihres Pflegevaters Erlau führt , wohl um neugierigen Nachforschungen auszuweichen . “ „ Das ist unmöglich , “ brach die Sängerin jetzt mit vollster Heftigkeit aus . „ Das kann nicht sein . Sie täuschen mich , oder Sie sind selbst getäuscht worden . “ „ Bitte , “ vertheidigte sich Gianelli , „ meine Quelle ist die sicherste . Ich stehe für deren Richtigkeit ein , und Signor Rinaldo selbst wird sie mir bestätigen müssen . “ „ Unmöglich ! “ wiederholte Beatrice noch immer fassungslos . „ Seine Frau diese Erscheinung ! Ich habe sie ja damals gesehen , wenn auch nur auf Minuten Bin ich denn blind gewesen ? “ „ Oder war er es ? “ ergänzte Gianelli im Stillen bei sich , laut aber sagte er : „ Ich bin untröstlich , Sie in solche Aufregung versetzt zu haben , Signora . Sie werden mir das Zeugniß geben , daß ich nicht sprechen wollte , daß Sie mir diese Mittheilungen förmlich abgezwungen haben . Ich beklage dies ganz außerordentlich . “ Seine Worte gaben Beatrice wenigstens einigermaßen die Besinnung zurück . Sie fühlte wohl , was sie von dem Mitleid des Mannes zu erwarten hatte , der in ihrem Auftrage den Spion spielte . „ Nicht doch ! “ erwiderte sie mit einem hastigen , aber vergeblichen Versuch , ihre Selbstbeherrschung zurückzugewinnen . „ Ich – ich danke Ihnen , Signor . Ich bin nur überrascht , weiter nichts . “ Der Maestro sah , daß er am besten that , sich zu entfernen , aber während er Anstalt machte , zu gehen , legte er betheuernd die Hand auf das Herz : „ Sie wissen , Signora , daß ich ganz zu Ihren Befehlen bin , und wenn Sie es für nöthig halten sollten , in dieser Angelegenheit über mein unbedingtes Schweigen zu verfügen , so bedarf es wohl keiner Versicherung , daß Ihnen auch dies zu Diensten steht . Ganz , wie Sie befehlen . “ [ 541 ] Er verließ mit einer tiefen Verneigung das Gemach , und es war ihm Ernst mit den letzten Worten . Gianelli war ein zu guter Rechner , um Etwas , das sich vielleicht früher oder später doch einmal gegen den gehaßten Rinaldo verwenden ließ ,