, mich zu hassen und sich an mir zu rächen , wenn das überhaupt in seinen Kräften stehen sollte . “ „ Er wird niemals etwas thun , was unedel oder niedrig ist , “ fiel Gabriele ein . Der Freiherr lächelte verächtlich . „ Ich kann Dir versichern , daß ich aus den Haß und die Feindschaft des Herrn Assessor Winterfeld sehr wenig Gewicht lege . Ich habe wohl bedeutendere Gegner gehabt als ihn und bin mit ihnen fertig geworden . – Wenn übrigens jene Andeutungen nicht aus der Residenz gekommen sind , so kann ich nur annehmen , daß die albernen Gerüchte , welche ganz R. durchschwirren , auch ihren Weg nach dem Wilten ’ schen Landsitze gefunden haben . Es fehlt ihnen aber jeder thatsächliche Anhalt . Ich zweifle durchaus nicht daran , daß man etwas gegen mich unternehmen möchte , man wird sich aber hüten , den Gedanken zur That zu machen , denn man kennt mich hinreichend und weiß , daß ich etwaigen Angriffen gewachsen bin . Wäre die Lage wirklich so drohend , so würde ich Dich und Deine Mutter nicht zurückkommen lassen . Ihr werdet allerdings in den nächsten Tagen die Ausfahrten unterlassen müssen , aber das dauert hoffentlich nicht lange , und jedenfalls seid Ihr im Regierungsgebäude und in der Wohnung des Gouverneurs sicher vor etwaigen Pöbelexcessen . “ „ Aber Du bist es nicht , “ rief Gabriele in ausbrechender Angst . „ Der Oberst behauptet , Du setztest Dich rücksichtslos jeder Gefahr ab und hörtest niemals auf irgend eine Warnung . “ Raven wandte langsam und finster das Auge auf sie . „ Nun , das geht doch wohl nur mich allein an , oder – ängstigst Du Dich um meinetwillen ? “ Sie wagte nicht zu antworten , aber die Antwort lag in ihrem Auge , das bittend , flehend dem seinigen begegnete . Der Freiherr beugte sich zu ihr nieder , und jetzt klang es wie athemlose Erwartung in seiner Stimme , als er wiederholte : „ Sprich , Gabriele – ängstigst Du Dich um meinetwillen ? “ „ Ja ! “ kam es bebend von ihren Lippen . Es war nur ein einziges Wort , aber es übte eine verhängnißvolle Wirkung . Gabriele sah wieder den Flammenblitz aufleuchten der sie schon einmal getroffen . Dieser Blick voll lodernder Gluth brach den Eispanzer , mit dem der stolze , starre Mann sich umgeben hatte . Ein einziger Augenblick vernichtete , was eine wochenlange Selbstbeherrschung so mühsam geschaffen hatte , der Traum war nicht zu Ende – das verrieth dieses jähe Auflodern . Neben ihnen brauste der Fluß , und drüben in den herbstlichen Wäldern rauschte es stärker . Die Wolkenwand , die sich immer drohender im Westen erhob , zerriß , und die Sonne zeigte noch einmal voll und klar ihr glühendes Antlitz . Einige Minuten lang standen Gebirge , Wald und Strom in purpurnem Lichte ; wie ein Verklärungsschein floß es über die Erde hin , und das ganze weite Thal erglühte in überirdischer Pracht – aber es waren nur Minuten . Dann verschwand das leuchtende Gestirn ; der verklärende Schimmer erlosch , und es blieb nur die abendliche Herbstlandschaft mit ihrem Sturmgewölk und fern am Horizont das letzte Abendroth . Es ging ein halb wehmüthiger , halb unheimlicher Zug durch die ganze Natur , wie Todesahnen . „ Du hast mich in diesen letzten Wochen wohl auch für einen Tyrannen gehalten ? “ sagte Raven in gedämpftem Tone , aber jedes Wort verrieth seine innere Erregung . „ Vielleicht dankst Du es mir noch einst , daß ich Dich vor einer Uebereilung bewahrte . Du kanntest Dich selbst und Dein eigenes Herz noch nicht und wolltest Dich schon für das ganze Leben binden . Winterfeld war der Erste , der Dir entgegentrat , als Du aufhörtest Kind zu sein , der Erste , der Dir überhaupt von Liebe sprach , und Du träumtest Dich in eine Neigung hinein , die nie bestanden hat . Es war ein Kindertraum , nichts weiter . “ „ Nein , nein ! “ wehrte Gabriele ab und versuchte ihre Hand frei zu machen , aber vergebens – der Freiherr hielt sie mit eisernem Drucke fest , während er fortfuhr : „ Du fühlst die Wahrheit dessen , was ich sage , sträube Dich nicht dagegen ! Ein Versprechen kann gelöst , ein Wort zurückgegeben werden – “ „ Niemals ! “ stieß das junge Mädchen leidenschaftlich heraus . „ Ich liebe Georg , ihn allein und keinen Andern . Ich werde sein Weib werden . “ Raven ließ plötzlich ihre Hand fahren ; der Strahl in seinem Auge erlosch , und der alte eisige Ausdruck legte sich wieder über seine Züge . Seine Stimme hatte eine grenzenlose Härte und Bitterkeit , als er erwiderte : „ So laß auch künftig die Angst und Sorge um mich – ich will sie nicht . “ Sie fuhren weiter , ohne daß ferner zwischen ihnen ein Wort gewechselt wurde . Die Schatten des Abends senkten sich allmählich herab ; das Gebirge umschleierte sich vollständig , und der Nebel , der über den Feldern lagerte , begann dichter zu werden . Es dämmerte schon , als man endlich R. erreichte , war aber noch so hell , daß man selbst in einiger Entfernung die Gegenstände unterscheiden konnte . Der Wagen hatte bereits die Vorstadt passirt und bog jetzt in die breite Straße ein , die nach dem Schloßberge führte . Am entgegengesetzten Ende derselben lag einer der größeren Plätze der Stadt , wo es sehr unruhig herzugehen schien , denn von dort scholl wüstes Lärmen und Toben herüber , und man unterschied trotz der Dämmerung deutlich wogende Menschenmassen , die den ganzen Platz bedeckten . Der Freiherr stutzte , als die ersten Töne des Lärmes an sein Ohr [ 341 ] schlugen ; er beugte sich weit aus dem Wagen und sah scharf nach jener Richtung ; dann warf er einen schnellen , unruhigen Blick auf seine Begleiterin . „ Das kommt ungelegen , “ sagte er halblaut . „ Ich hätte besser gethan , Dich bei Deiner Mutter zu lassen . “ „ Was giebt es dort ? Eine Gefahr ? “ fragte Gabriele erbleichend ; sie erinnerte sich der Aeußerungen des Oberst Wilten über die Rücksichtslosigkeit , mit welcher der Gouverneur sich und seine Sicherheit bei solchen Gelegenheiten auf ’ s Spiel zu setzen pflegte . Raven sah ihr Erschrecken , schrieb es aber nur ihrer eigenen Angst zu . „ Es scheint Lärm vor dem Stadtgefängnisse zu geben , “ erwiderte er . „ Ich setzte allen Anzeichen nach voraus , daß es heute ruhig bleiben werde , sonst wäre ich nicht fortgefahren , aber sei unbesorgt , Du sollst nicht in Gefahr kommen . Ich muß Dich freilich verlassen – “ „ Um Gotteswillen nicht ! “ rief Gabriele . „ Wohin willst Du ? “ „ Wohin meine Pflicht mich ruft – nach dem Schauplatze der Unruhen . “ „ Und ich ? “ „ Du kehrst allein noch Hause zurück . Dich wird Niemand behelligen . Halt an , Joseph ! “ Der Kutscher gehorchte ; er zog die Zügel an , und der Freiherr erhob sich von seinem Sitze . „ Joseph , Du fährst Fräulein von Harder sofort und so schnell wie möglich nach dem Schlosse . Es hat keine Gefahr ; die Schloßstraße ist vollkommen sicher . “ Er öffnete den Wagenschlag , aber das junge Mädchen hielt wie in Todesangst seinen Arm umklammert . „ Laß mich nicht allein ! Nimm mich wenigstens mit Dir . “ „ Thorheit ! “ sagte Raven , mit Entschiedenheit seinen Arm frei machend . „ Du fährst nach dem Schlosse . Ich komme nach , sobald der Lärm vorüber ist . “ Er war ausgestiegen und wollte die Wagenthür schließen , aber in dem gleichen Augenblick sprang Gabriele mit einer raschen Bewegung hinaus und stand an seiner Seite . „ Gabriele ! “ rief der Freiherr – es war ein Ausruf halb des Schreckens und halb des Unwillens ; doch das junge Mädchen schmiegte sich nur fester an seine Seite . „ Ich lasse Dich nicht allein in der Gefahr , und ich fürchte nichts , gar nichts , wenn Du bei mir bist . Laß uns zusammen gehen ! “ Raven ’ s Auge flammte auf , wie vorhin im Wagen , aber diesmal war es ein Blitz des Entzückens , des leidenschaftlichen Triumphes . „ Du kannst mich nicht begleiten , “ sagte er ; es war wieder jener seltsam verschleierte Ton , den Gabriele nur einmal von seinen Lippen gehört hatte – damals am Nixenbrunnen . „ Du begreifst es doch , daß ich Dich nicht mitnehmen kann in jenes wüste Toben , wo mir jede Möglichkeit fehlt , Dich zu schützen . Es ist ja nicht das erste Mal , daß ich solchen Scenen entgegentrete ; ich weiß , wie man die Menge zügelt , aber mir würde die gewohnte Energie versagen , wüßte ich Dich nicht in voller Sicherheit . Versprich mir , ruhig nach Hause zurückzukehren und mich dort zu erwarten ! Ich bitte Dich , Gabriele – Du wirst mir meine Pflicht nicht schwer machen wollen . “ Er umfaßte sie und hob sie wieder in den Wagen ; Gabriele ließ es widerstandslos geschehen ; sie wußte ja selbst , daß sich eine Frau nicht in jenes rohe Gewühl wagen konnte und durfte . Es war nur die Todesangst , die ihr den Gedanken eingegeben hatte , und diese Angst sprach jetzt so deutlich aus ihren Zügen , daß auch Raven ’ s Festigkeit wankte . Er fühlte , daß er sich eilig losreißen müsse , wollte er nicht der stummen Bitte dieser Augen erliegen . „ Ich muß fort , “ sagte er hastig . „ Leb ’ wohl , auf Wiedersehen ! “ Er warf den Schlag zu und gab dem Kutscher ein Zeichen zum Weiterfahren . Gabriele sah noch , wie die hohe Gestalt sich umwandte und mit raschen , festen Schritten die Richtung nach dem Platze einschlug . Dann zogen die Pferde an , und der Wagen flog mit verdoppelter Eile dem Schlosse zu . Mehr als eine Stunde war vergangen , und noch immer war der Gouverneur nicht zurückgekehrt . Man fing im Schlosse an , wegen seines Ausbleibens besorgt zu werden , denn der Kutscher , der allein mit Baroneß Harder zurückgekehrt war , hatte berichtet , daß sein Herr sich auf dem Schauplatz der Unruhen befinde . Man wußte allerdings im Regierungsgebäude von den letzteren , hatte aber noch keine näheren Nachrichten darüber , denn die Dienerschaft hatte ein für alle Mal Befehl , das Schloß bei solchen Gelegenheiten nicht zu verlassen , und von den Beamten , die dort wohnten , wagte sich Niemand in den immerhin gefährlichen Tumult . Nur Hofrath Moser , der sich zufällig in der Stadt befand , schien dort festgehalten zu werden . Auch er war noch nicht zurückgekehrt und wartete wahrscheinlich auf die Wiederherstellung der Ruhe , um die Straßen ungefährdet zu passiren . Das Arbeitszimmer des Freiherrn war bereits erleuchtet . Die von der Decke herabhängende Lampe goß ihr helles Licht über das ganze Gemach aus , das selbst jetzt seinen ernsten , düsteren Charakter nicht verlor . Nur die tiefe Nische des Bogenfensters lag im vollen Schatten , und dort , halb verborgen hinter den schweren Vorhängen , stand Gabriele . Es litt sie heute nicht in der Wohnung ihrer Mutter , die nach der andern Seite hinauslag ; sie hatte das Arbeitszimmer ihres Vormundes aufgesucht , das sie sonst nie ohne besondere Veranlassung betrat , denn es bot den vollen Ueberblick über die Stadt . Die hereinbrechende Dunkelheit setzte freilich bald jeder Beobachtung ein Ziel ; das Schloß lag überhaupt viel zu weit vom Mittelpunkte der Stabt entfernt , als daß man irgend etwas , was dort vorging , hier hätte bemerken können , aber man übersah vom Fenster aus doch wenigstens den erleuchteten Weg , der auf den Schloßberg führte ; man gewahrte jeden Kommenden schon in der Entfernung , und darum wich das junge Mädchen nicht von diesem Platze . Es war freilich nicht mehr die frühere Gabriele Harder , die da so stumm und bleich mit krampfhaft verschlungenen Händen am Fenster lehnte und hinausblickte , als könne und müsse ihr Auge die Dunkelheit durchdringen . Dieses angst- und verzweiflungsvolle Harren vollendete , was die letzten Wochen begonnen hatten , das Erwachen aus dem Kindestraume , mit dem das junge Mädchen so lange sich und Andere getäuscht hatte . In ihr und um sie her war ja Alles Sonnenschein gewesen bis zu dem Momente , wo ein einziger Blick ihr die Tiefe einer bis dahin ungeahnten Leidenschaft enthüllte . Da war der erste Schatten auf ihren Weg gefallen , der nicht wieder weichen wollte . Die „ Schmetterlingsnatur “ , die einst spielend an Allem vorüberflatterte , was Leib und Kummer hieß , verschwand , als der Sonnenschein aus ihrem Leben wich , und was sich unter dem Bann jenes Blickes emporrang , das war ein heiß und leidenschaftlich empfindendes junges Wesen , dem sein Antheil am Kampf und Schmerz auch nicht erspart blieb . Jetzt , wo Gabriele zum ersten Male um ein Leben zitterte , das sie bedroht wußte , fühlte sie auch , was dieses Leben ihr war . Es war umsonst , sich noch länger darüber zu täuschen . Auch die zweite Stunde war schon zur Hälfte verflossen , und noch immer traf weder der Gouverneur selbst , noch irgend eine Nachricht von ihm ein . Gabriele hatte das Fester geöffnet , in der Hoffnung , den Wagen zu hören , der den Erwarteten bringen mußte , aber der Weg lag einsam und öde da , und die Flamme der Laternen flackerten in dem immer heftiger werdenden Winde unruhig auf und nieder . Da endlich ließ sich der ersehnte Laut vernehmen , zwar kein Rädergerassel , aber Stimmen und Fußtritte mehrerer Personen , die jetzt auch aus der Dunkelheit auftauchten . Sie kamen näher , die Stimmen wurden deutlicher , und ein halb unterdrückter Aufschrei der Freude entrang sich Gabrielens Lippen ; sie hatte die Gestalt Raven ’ s erkannt , der in Begleitung mehrerer Herren zu Fuß den Weg heraufkam und wenige Minuten später in den hellen Lichtkreis des Portals trat . „ Ich danke Ihnen , meine Herren , “ sagte er , stehen bleibend . „ Sie sehen , es war unnöthig , daß Sie mir Ihre Begleitung aufdrangen ; wir sind aus dem ganzen Rückwege nicht belästigt worden . Ich sagte es Ihnen ja , der Tumult ist vollständig vorüber – für heute . “ „ Ja , Excellenz allein haben ihn durch Ihr rechtzeitiges Erscheinen [ 342 ] zersprengt , “ tönte die Stimme des Hofrath Moser , der neben seinem Chef stand . „ Man war am Begriff , das Stadtgefängniß zu stürmen und die Verhafteten zu befreien , als Sie so unerwartet eintrafen . Ich habe mit Bewunderung gesehen , wie Excellenz durch die bloße Autorität Ihrer Persönlichkeit die rebellische Menge bezähmten und zur Ordnung brachten , nachdem der Herr Polizeidirector mit seinem ganzen Beamtenpersonal es vergebens versucht hatte . “ Der Polizeidirector , der sich gleichfalls in der Begleitung des Gouverneurs befand , schien die Bemerkung übel zu nehmen , denn er entgegnete mit unverkennbarer Bosheit : „ Sie konnten das allerdings vom Fenster aus am besten beurtheilen , Herr Hofrath , und hatten überdies noch das angenehme Gefühl , in vollster Sicherheit zu sein , während Freiherr von Raven und ich uns mitten im ärgsten Tumult befanden . “ „ Ich sah die Unmöglichkeit ein , zu meinem Chef zu gelangen , “ erklärte der Hofrath , „ sonst hätte ich sicher versucht – “ „ Nicht doch ! “ fiel ihm der Freiherr in ’ s Wort . „ Von Ihrer Seite wäre es ein ganz unnöthiges Wagniß gewesen , während es für mich und den Polizeidirector Pflicht war . – Es bleibt also bei den besprochenen Maßregeln , “ wandte er sich an den Letzteren . „ Ich hoffe , sie werden für die Nacht ausreichen . Morgen kommt Oberst Wilten zurück , und ich werde sofort Rücksprache mit ihm nehmen damit der Wiederholung solcher Scenen ein für alle Mal vorgebeugt wird . Für den Augenblick ist alles Nothwendige geschehen . Sollten sich die Excesse wider Erwarten an irgend einem Punkte der Stadt wiederholen , so benachrichtigen Sie mich ! – Guten Abend , meine Herren ! “ Er verabschiedete sich mit kurzem Gruße von seinen Begleitern und trat in das Portal . Gabriele schloß leise das Fenster ; sie wollte das Zimmer verlassen ; der Freiherr sollte sie nicht hier finden , aber es war zu spät . Er mußte in stürmischer Eile die Treppe erstiegen haben , denn sie hörte bereits seinen Schritt in einem der Nebengemächer und hörte ihn auch zugleich fragen : „ Wie ? Baroneß Harder ist nicht in ihrer Wohnung ? “ „ Das gnädige Fräulein ist im Arbeitszimmer Eurer Excellenz , “ erwiderte die Stimme des Dieners , „ und wartet dort schon seit länger als einer Stunde . “ Es erfolgte keine Antwort , aber der Schritt kam mit verdoppelter Eile näher ; die Thür wurde aufgerissen und Raven trat ein . Sein erster Blick fiel auf Gabriele , welche die Fensternische verlassen hatte und jetzt , bebend an allen Gliedern , dastand . Er errieth , weshalb sie gerade hier auf ihn gewartet , und war im nächsten Augenblicke an ihrer Seite . „ Ich wollte Dich drüben in Deinen Zimmern aufsuchen und hörte , daß Du hier seiest , “ sagte er – seine Stimme klang athemlos , gepreßt . „ Es war mir nicht möglich , Dir eine beruhigende Nachricht zu senden , der Tumult ist erst jetzt bezwungen worden . Für den Augeublick ist Alles ruhig . Ich bin sofort hierher geeilt . “ Gabriele wollte antworten , aber die Stimme versagte ihr ; sie brachte keinen Laut über die Lippen . Raven sah in das holde , blasse Antlitz , aus dem die Qual dieser letzten Stunden noch deutlich genug zu lesen war . Er machte eine Bewegung , als wolle er das junge Mädchen an seine Brust reißen , aber noch siegte die gewohnte Selbstbeherrschung . Er ließ den Arm wieder sinken , nur ein tiefer Athemzug entrang sich seiner Brust . „ Und nun , Gabriele , “ sagte er , wiederhole mir die Worte , „ mit denen Du mich vorhin im Wagen von Dir stießest ! “ „ Welche Worte ? “ fragte Gabriele beklommen . „ Die Unwahrheit , mit der Du Dich und mich zu täuschen versuchtest ! Wiederhole es mir jetzt , Auge in Auge , daß Du Winterfeld liebst , ihn allein , daß Du ihm angehören willst ! Wenn Du das kannst , so sollst Du kein Wort , keine Bitte weiter von mir hören , aber – sprich es noch einmal aus ! “ Das junge Mädchen wich zurück . „ Laß mich ! Ich – laß mich , um Gotteswillen ! “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 22 , S. 355 – 358 Fortsetzungsroman – Teil 14 [ 355 ] „ Nein , ich lasse Dich nicht , Gabriele ! “ brach Raven mit vollster Leidenschaft aus . „ Einmal muß es ja doch ausgesprochen werden , was Du längst weißt und was ich wußte , von dem Tage an , wo ich zum ersten Male in diese sonnigen Kinderaugen blickte . Aber ich hörte ja aus Deinem eigenen Munde , daß Du einen Andern liebtest . Der dreißig Jahre ältere Mann , mit ergrauendem Haar und den unerwiderten heißen Gefühlen wäre dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen , wenn er Dir die Wahrheit eingestanden hätte , und ich , beim Himmel , ich wollte nicht lächerlich sein . Aber heut sah ich , wie Du zittertest um meinetwillen wie Du Dich mitten in die Gefahr werfen wolltest , die mich bedrohte , um mir zur Seite zu bleiben , und jetzt wagst Du es nicht , jene Worte zu wiederholen , weil Du fühlst , daß es eine Lüge ist , die wir Beide mit unserem Glücke bezahlen . Jetzt endlich muß es klar werden zwischen uns . Ich liebe Dich , Gabriele , und habe gegen diese Liebe gekämpft mit dem ganzen Aufgebot meiner Kraft und meines Stolzes . Der Traum sollte zu Ende sein ! – Das vermessene Wort hat sich schwer genug an mir gerächt . In dem Augenblicke , wo ich sie niederzwingen wollte , erhob sich die Leidenschaft in ihrer ganzen Riesengewalt und lehrte mich ihre Macht kennen . Ich hüllte mich in Schroffheit und Eiskälte Dir gegenüber . Ich suchte Rettung in der Trennung , in der Arbeit , im Kampfe mit den feindlichen Elementen , die sich jetzt von allen Seiten gegen mich erheben – es war vergebens . Von Dir hatte ich mich losgerissen , und Dein Bild stand vor mir im Wachen wie im Traume ; es drängte sich in die einsamste Arbeitsstunde hier und in die wildbewegteste Thätigkeit draußen , und wenn ich im Kampfe meinen Gegnern die Stirn bot , dann brach es wie Sonnenschein durch das Sturmgewölk , das mich umgab , und riß all mein Denken und Fühlen zu Dir zurück , zu Dir allein . Du mußt mein werden oder ich muß Dich von mir lassen auf ewig ; jedes Dritte würde uns Beiden nur Verderben bringen . Antworte , Gabriele , wen liebst Du ? Wem galt die Angst und Zärtlichkeit , die ich in Deinen Blicken las ? Ich warte auf die Entscheidung . “ Er stand vor ihr , als erwarte er wirklich eine Entscheidung über Tod und Leben . Gabriele hörte halb betäubt dem Ausbruch einer Leidenschaft zu , die ein nur zu lautes Echo in ihrer eigenen Brust fand . Was Raven aussprach , das war ja nur der Wiederhall ihrer eigenen Gefühle . Auch sie hatte gekämpft und gerungen mit ihrer Liebe ; auch sie hatte versucht , einer Macht zu entfliehen , aus deren Bereich es kein Entfliehen gab . Vor dieser Flammengluth , die mit elementarer Gewalt aus dem Innern des sonst so kalten , ernsten Mannes hervorbrach , sank Alles zusammen , was dem jungen Mädchen bisher Leben und Lieben geschienen , auch der Jugendtraum , der einst das ganze Leben auszufüllen versprach . Es war eben nur ein Traum gewesen , mit traumhaft dunklen Regungen und Ahnungen , die erst jetzt Form und Gestalt gewannen . Gabriele war erwacht ; sie schaute der echten vollen Leidenschaft in ’ s Antlitz , und wenn sie auch fühlte , daß jene vulcanische Natur mit ihren düsteren Tiefen und ihrem lodernden Feuer weit eher vernichten als beglücken konnte , sie bebte nicht mehr davor . Was sie bisher Glück genannt , verbläßte und verschwand wie ein matter Schemen vor dem Flammensturme , der ihr hier entgegenwogte . Das junge Mädchen machte noch einen letzten Versuch , sich an die Vergangenheit zu klammern . „ Georg – er liebt mich und vertraut mir – er wird namenlos unglücklich , wenn ich ihn verlasse . “ „ Nenne den Namen nicht ! “ fuhr Raven auf ; sein Auge sprühte im wildesten Hasse . „ Erinnere mich nicht immer wieder daran , daß dieser Mann allein es ist , der zwischen mir und meinem Glücke steht ! Es könnte verhängnißvoll für ihn werden . Wehe ihm , wenn er es versuchen sollte , Dich bei Deinem übereilten Worte zu halten ! Ich werde Dich davon lösen , sei es mit Güte oder Gewalt . Was bist Du diesem Winterfeld , was kannst Du ihm sein ? Er mag Dich lieben in seiner Weise , aber er wird Dich hinabziehen in das Alltagsleben und Dir nur die Alltagsliebe geben , nichts weiter . Wenn er Dich verliert , so wird er es verschmerzen und in seiner Zukunft , seinem Berufe , in einer anderen Neigung Ersatz dafür finden . Solche leidenschaftslose Naturen wissen ja nicht , was Verzweiflung ist ; die schleudert nichts aus ihrer Bahn ; die gehen ruhig und pflichtgemäß ihren Weg weiter . Ich , “ hier sank die Stimme des Freiherrn ; der Haß verschwand aus seinen Zügen und der herbe Ton milderte sich mehr und mehr , bis er endlich zur vollsten Weichheit überging , „ ich habe nie geliebt , habe nie gewußt , was Schwärmen und Träumen ist . In dem rastlosen Jagen nach Macht und Ehre ist mir die Sehnsucht nach dem Glücke verloren gegangen , die nun so spät noch in mir erwacht . Jetzt , im Herbste meines Lebens , zerreißt der Schleier und zeigt mir , was ich verlor , ohne es je besessen zu haben . Soll ich es wirklich auf immer verlieren ? Fürchtest Du die Kluft der Jahre , die zwischen uns liegt ? Ich kann Dir keine Jugend mehr entgegenbringen ; sie ist dahin , aber [ 356 ] was aus der Seele des Mannes Dir entgegenflammt , das ist weit heißer , mächtiger , als alle Jünglingsschwärmereien , das erlischt erst mit dem Leben . – Sage , daß Du mir angehören willst , und ich will Dich mit Allem umgeben , was die Liebe , die Vergötterung nur zu schaffen vermag . Ich will jeden Kampf für Dich bestehen , jeden Schmerz von Deinem Haupte abwenden , und wenn wirklich ein Sturm uns droht , Dich soll er nicht berühren ; meine Arme sind stark genug , ein geliebtes Wesen zu schützen . Du sollst nur der Sonnenstrahl meines Lebens sein , sollst nur leuchten und beglücken . Was ich bisher auch erstrebte und errang , der Strahl hat mir gefehlt , und nun er mir einmal geleuchtet hat , kann ich das Auge nicht wieder davor verschließen . Gabriele , sei mein Weib , mein Glück – mein Alles ! “ Es wehte eine grenzenlose Zärtlichkeit aus diesen Worten . Die stürmische Gluth verlor sich in weichen bebenden Lauten , wie sie wohl noch nie von den Lippen Arno Raven ’ s gekommen waren , und dabei umschlang sein Arm fest und fester die zarte Gestalt und zog sie leise und unwiderstehlich an sich . Gabriele ließ es geschehen . Es umspann sie wieder süß und beängstigend , wie einst beim Rauschen des Quells , und wie damals , ließ sie sich widerstandslos fortziehen aus dem hellen Sonnenlicht , in dem sie bisher geathmet , in unbekannte Tiefen . Ihr war , als müsse sie versinken darin , und als sei es eine Seligkeit zu versinken und zu vergehen , von diesem Arme umschlungen . – Ein Klopfen an der Thür schreckte Gabriele und den Freiherrn empor . Es mochte sich wohl schon einige Male wiederholt haben , ohne gehört worden zu sein , denn es tönte ungewöhnlich laut und scharf und drängte sich wie ein schneidender Mißton in das kurze Glück dieser Stunde . „ Was giebt es ? “ rief Raven auffahrend . „ Ich will nicht gestört sein . “ „ Excellenz verzeihen , “ ließ sich die Stimme des Dieners draußen vernehmen . „ Soeben ist ein Courier aus der Residenz angelangt . Er hat Befehl , seine Depeschen nur Euer Excellenz persönlich zu übergeben , und verlangt augenblicklich vorgelassen zu werden . “ Der Freiherr ließ langsam das junge Mädchen aus seinen Armen . „ So werde ich aus meinen Liebesträumen geweckt , “ sagte er bitter . „ Nicht einmal diese wenigen Minuten sind mir vergönnt . Es scheint , als dürfte ich überhaupt nicht träumen und lieben . – Der Courier soll einige Minuten warten , “ fügte er dann laut hinzu . „ Ich werde ihn rufen lassen . “ Der Diener entfernte sich . Raven wandte sich wieder zu Gabriele , aber er sah sie betroffen an . „ Was hast Du denn ? Du bist ja auf einmal todtenbleich geworden . Es ist irgend eine wichtige Botschaft aus der Residenz , die mich allein angeht , eine Amtssache , nichts weiter . Sie hätte freilich zu einer andern Zeit eintreffen können . “ Gabriele war in der That sehr bleich geworden . Jenes Klopfen , gerade in dem Momente , wo das entscheidende Ja auf ihren Lippen schwebte , durchzuckte sie wie die Ahnung irgend eines Unheils . Sie wußte selbst nicht , warum sie bei der Meldung gerade an Georg und seine Abschiedsworte denken mußte . Er war ja jetzt in der Residenz , und dort war etwas gegen den Freiherrn im Werke . „ Ich werde gehen , “ sagte sie hastig . „ Du mußt den Courier empfangen . Laß mich fort ! “ Raven umfaßte sie von Neuem . „ Und Du willst ohne Antwort von mir gehen ? Soll ich noch länger zweifeln und fürchten , daß jener Andere wieder zwischen uns tritt ? Geh , aber laß mir Dein Ja zurück . Es ist ja in einer einzigen Secunde ausgesprochen . Nur dieses eine Wort – dann halte ich Dich nicht länger . “ „ Laß mir Zeit bis morgen ! “ die Stimme des jungen Mädchens klang in bangem , rührendem Flehen . „ Fordere jetzt keine Entscheidung von mir , erzwinge sie nicht ! Arno , ich bitte Dich . “ Ein Aufleuchten des Glückes flog über das Antlitz des Freiherrn , als er zum ersten Mal aus ihrem Munde seinen Namen hörte , ohne jedes andere Wort , das dem Verwandten , dem Vormunde galt . Er drückte rasch und heftig seine Lippen auf ihre Stirn . „ Es sei ,