Gewehr schußfertig hob . Aber er setzte es wieder ab , noch ehe der Anruf aus seinem Munde kam ; das lange helle Gewand unter dem Mantel hatte ihn in der am Rande des Gebüsches auftauchenden Gestalt eine Frau errathen lassen , und als sie jetzt in ' s Mondlicht hinaustrat und auf ihn zukam , erkannte er Miß Forest . Friedrichs früherer Argwohn begann sich wieder mächtig zu regen ; er hielt noch immer hartnäckig an der Idee fest , daß die Fremden eigentlich Spione seien , und die „ amerikanische Miß “ galt ihm dabei als die gefährlichste von allen Dreien . Daß sie eine Dame war , kam dabei wenig in Betracht ; sie nahm es an Klugheit mit jedem Manne auf , und diese einsame und seltsame Begegnung gab dem Verdachte Friedrichs nur neue Nahrung . „ Was machen Sie denn hier im Parke , Miß ? " fragte er mißtrauisch . „ Sie sollten sich in Acht nehmen ! Wäre Ihr Kleid nicht gewesen und hätten Sie mir vielleicht nicht die richtige Antwort geben können , ich hätte auf Sie geschossen . “ Jane beachtete die Drohung nicht , sie kam noch näher und blieb dicht vor ihm stehen . „ Sie sind es , Friedrich ? Gott sei Dank , daß ich wenigstens Sie finde ! “ Friedrich zeigte sich wenig geneigt , in dies „ Gott sei Dank ! “ einzustimmen ; er hätte sie in seinem Diensteifer wahrscheinlich sehr rauh angelassen , aber die Erinnerung an die Worte seines Herrn band ihm die Zunge und machte jeden herben Ton unmöglich . „ Gehen Sie zurück , Miß ! “ sagte er nur . „ Sie dürfen nicht hier bleiben , und ich darf es nicht leiden , daß Sie so herumstreifen . “ Jane schien sich an das Verbot so wenig zu kehren wie vorhin an die Drohung . „ Sie haben den Park durchsucht ? “ fragte sie hastig . „ Sind Sie Mr. Alison nicht begegnet ? “ Friedrichs Argwohn wuchs . Mr. Alison ! Nun sollte der auch hier sein ! Trieb sich denn die ganze amerikanische Sippschaft hier draußen umher ? Dem lag sicher etwas Besonderes zu Grunde . „ Mr.Alison ist nicht hier ! “ sagte er mit großer Entschiedenheit . „ Wir haben die Runde durch den Park gemacht , und wenn er da wäre , so müßten wir ihn gesehen haben . Er wird wohl anderswo sein . “ Ein jähes Entsetzen malte sich in Jane ' s Zügen , „ Allmächtiger Gott , ich kam zu spät ! Er muß bereits einen Weg gefunden haben ! “ murmelte sie verzweiflungsvoll , aber es war jetzt keine Zeit , sich der Verzweiflung hinzugeben , und die Begegnung mit Friedrich rief bereits einen neuen Hoffnungsstrahl in ihr wach . „ Wissen Sie , wohin Ihr Herr gegangen ist ? “ fragte sie entschlossen . „ Nein , das weiß ich nicht ! “ versetzte Friedrich störrisch , „ aber ich sage Ihnen jetzt im vollen Ernste , Miß – “ „ Er ist im Gebirge ! “ unterbrach ihn Jane , ohne auf seine weitere Rede zu achten . „ Ich muß gleichfalls dorthin , ich muß ihm folgen . " Friedrich starrte sie im vollen Entsetzen an . „ Gott steh ' mir bei , Miß , aber ich glaube , Sie haben den Verstand verloren ! In ' s Gebirge wollen Sie ? Unter die Franctireurs wohl gar ? Geben Sie sich nur zufrieden , dahin kommen Sie gewiß nicht , dafür sind unsere Posten da . “ „ Ich weiß es ! " sagte Jane fest , „ und doch muß ich hin . Man wird mich zurückweisen , aber Sie , Friedrich , kennen jedenfalls die Losung , Sie müssen mir durch die Posten helfen . “ Friedrich hätte im Uebermaß des Entsetzens beinahe sein Gewehr fallen lassen , dann aber richtete er sich stramm empor und blickte mit dem Ausdruck eines unendlichen Mitteides und Selbstgefühls auf die junge Dame nieder . „ Nun , Miß , man sieht es , daß Sie aus dem wilden und gottlosen Amerika kommen ! “ sagte er mit großem Nachdruck . „ Einem deutschen Christenmenschen fiele eine solche Sünde gar nicht bei ! Ich soll Ihnen durch die Posten helfen ? durch unsere Posten ? soll Ihnen am Ende gar die Losung sagen ? Sie haben wohl gar keinen Begriff davon , was ein Krieg und was ein Soldat eigentlich ist ? “ Jane trat ihm noch einen Schritt näher , ihre Stimme sank jetzt herab bis zum Flüstern . „ Es gilt das Leben Ihres Herrn ! Hören Sie , Friedrich , Ihres Herrn ! Es droht ihm eine Gefahr , die nicht vom Feinde kommt , von der er keine Ahnung hat und die ich nur allein kenne . Er ist verloren , wenn es mir nicht gelingt , ihn zu warnen ! Begreifen Sie nun , daß ich um jeden Preis ihm nach muß ? “ Eine schmerzliche Bewegung zuckte in dem breiten , treuherzigen Gesicht des Burschen . „ Dacht ’ ich ’ s doch ! “ rief er kläglich . „ Ich wußte es gleich , es giebt ein Unglück heute Nacht ! “ „ Es giebt keins , “ sagte Jane entschlossen , „ wenn ich ihn rechtzeitig erreiche , und ich erreiche ihn sicher , sobald mir nur die Möglichkeit gegeben ist , ihm zu folgen . Sie wissen jetzt , um was es sich handelt , Friedrich , Sie werden mir helfen , nicht wahr ? “ Friedrich schüttelte statt aller Antwort den Kopf . „ Ich darf nicht ! “ sagte er endlich dumpf . Jane faßte in verzweiflungsvollem Flehen seine beiden Hände . „ Aber ich sage Ihnen ja , es gilt das Leben Ihres Herren , ich sage Ihnen , er ist verloren ohne meine Warnung ! Wollen Sie ihn denn sterben lassen , wo ein einziges Wort ihn retten kann ? Friedrich , Gott im Himmel , Sie müssen es ja doch sehen , daß es hier keinen Verrath , keine Täuschung gilt , daß nur die Todesangst mich treibt um seinetwillen . Bei der Liebe zu Ihrem Herrn beschwöre ich Sie , helfen Sie mir durch die Posten ! “ Friedrich blickte schweigend auf sie nieder , er sah und fühlte die Wahrheit ihrer Worte , das war wirklich Todesangst , die aus ihrem Antlitz redete , von ihren Lippen flehte , und diese Angst galt seinem Herrn , galt allein dessen Rettung – ein paar große , schwere Thränen rollten langsam aus den Augen des armen Burschen über seine Wangen herab , aber er faßte sein Gewehr nur fester . „ Ich darf nicht , Miß ! Ich kann nicht fort von meinem Dienst hier , könnte ich ’ s aber auch , durch unsere Posten kommen Sie nicht und wenn – und wenn es meinem Herrn das Leben kostet . Sehen Sie mich nicht so an , bitten Sie nicht ! Beim Herrgott oben , ich kann nicht anders ! “ Jane wich zurück und ließ seinen Arm fahren , damit sank die letzte Hoffnung , das Gebot der Pflicht war für Friedrich stärker , als selbst die leidenschaftliche Liebe zu seinem Herrn – Atkins hatte Recht , sie waren furchtbar diese Deutschen , mit ihrem eisernen Pflichtgefühl . „ Also Walther ist verloren ! " sagte sie matt . Friedrich machte eine heftige Bewegung . „ Versuchen Sie mich nicht weiter , Miß ! Friedrich Erdmann ist kein Verräther ! " Jane zuckte zusammen bei dem Worte , ihre Augen öffneten sich weit und schreckensvoll . „ Was ist das für ein Name ? Wie heißen Sie ? “ „ Erdmann ! Wußten Sie das nicht , Miß ? Freilich , Sie haben mich nur immer Friedrich rufen hören . “ Jane stützte sich auf das Postament der Statue , ihre Brust hob und senkte sich stürmisch , ihr Auge hing an dem vor ihr Stehenden mit einem Ausdruck , der nicht zu enträthseln war , Schmerz , Angst , Entsetzen , das alles stammte darin , und durch dies alles hindurch etwas wie die Ahnung eines unendlichen Glückes . „ Kennen Sie – kennen Sie einen jungen Handwerker , Franz Erdmann , aus M. , der später nach Frankreich auswanderte , zuletzt in R. war , und jetzt im preußischen Heere dient ? “ „ Was werde ich den nicht kennen ! “ sagte Friedrich betroffen , noch mehr durch den seltsamen Ton der Frage , als durch den Blick . „ Es ist ja mein Bruder , das heißt , mein Pflegebruder , wie man das gewöhnlich so nennt . “ „ Also “ – Jane ' s Stimme erstickte fast in der furchtbarsten Erregung , „ also Sie waren jener Knabe , den die Eltern Erdmanns von Hamburg mitbrachten ? der mit ihm in M. aufwuchs und nach dem Tode der Eltern von dem Pfarrer Hartwig aufgenommen wurde ? Sprechen Sie um Gotteswillen , ja oder nein ! “ „ Freilich war ich es ! “ bestätigte Friedrich , beunruhigt durch das seltsame Verhör gerade in diesem Augenblicke . „ Aber , Miß , woher in aller Welt können Sie das wissen ? “ Jane blieb ihm die Antwort schuldig , sie raffte alle ihre Kräfte zusammen , an der nächsten Frage hing für sie Tod und Leben . „ Und Mr. Fernow ? Auch er wurde beim Pfarrer Hartwig erzogen , wie kam er dorthin ? " „ Nun , ganz einfach , der Herr Pastor nahm uns Beide in einem und demselben Jahre in ’ s Haus . Mich zuerst aus Gnade und Barmherzigkeit , weil mich sonst Niemand wollte , und ein paar Monate später meinen Herrn , seinen Schwestersohn , weil ihm Vater und Mutter plötzlich gestorben waren und er sonst keine Anverwandten hatte . Ich war doch nun einmal da , er konnte mich nicht gut wieder fortschicken und so behielt er uns Beide . Gern that er es gerade nicht , und das Brod , was er uns gab , haben wir redlich abarbeiten müssen , ich im Hause , bis ich kein Glied mehr rühren konnte , und mein Herr am Schreibtisch , bis ihm die Feder aus der Hand fiel , er sollte mit Gewalt ein Gelehrter werden und im Anfange machte er doch weit lieber Verse . Nun , das hörte bald auf , der Herr Pastor verstand es , uns scharf zu halten . Gott habe ihn selig ! Mir ist es erst gut gegangen , als er wirklich selig war , und als mein Herr , der sein Erbe wurde , mich bei sich behielt . Wir sind nun bald an die zwanzig Jahre zusammen gewesen . " Jane hatte regungslos zugehört , die Hände gegen die Brust gepreßt , es war ihr , als müsse diese zerspringen , und doch war eine Felsenlast von ihr gesunken . Der Aufschrei des Glückes , der aus ihrem tiefsten Innern hervorbrach , galt er dem endlich gefundenen Bruder oder dem jetzt verlorenen , den sie so lange dafür gehalten – sie wußte es nicht , aber selbst der Gedanke an Walther ’ s Gefahr trat in den Hintergrund für diesen Augenblick , sie wußte nur Eins : der furchtbare Widerstreit in ihrer Seele war gelöst , der entsetzliche Kampf geendet . Was nun auch kommen mochte – die Liebe zu ihm war kein Verbrechen mehr ! „ Friedrich ! " Sie legte die Hand auf seinen Arm , Friedrich aber wendete sich plötzlich von ihr ab und blickte gespannt nach der entgegengesetzten Richtung . „ Was giebt es da ? Lassen Sie mich los , Miß ! In der Grotte drüben ist es nicht geheuer . Wer da ? Gebt Antwort ! “ Es kam keine Antwort , aber Friedrich bedurfte auch ihrer nicht mehr , er wußte bereits genug . Der Mondstrahl , der schräg in den Eingang fiel , hatte es ihm verrathen , er hatte dunkle Gestalten gesehen und blitzende Flintenläufe . Die geistigen Fähigkeiten des Burschen waren im Moment der Gefahr nicht so untergeordnet , als im gewöhnlichen Leben . Was ihm an Intelligenz abging , das ersetzte er durch Instinct , und dieser leitete ihn stets richtig . Er berechnete nicht , daß seine beiden Cameraden , die nicht wie er , aufgehalten waren , bereits viel näher am Schlosse sein mußten und die Meldung schneller dorthin tragen konnten , als er , daß es dort vor Allem darauf ankam , die Richtung zu wissen , aber er handelte genau so , wie es das Resultat einer solchen Berechnung gewesen wäre , und nahm alle Kraft seiner mächtigen Lunge zusammen . „ Verrath ! “ donnerte seine Stimme laut durch den Park . „ Ueberfall ! Sie sind da ! Sie kommen von der Grotte her ! Achtung ! “ ( Fortsetzung folgt . ) Heft 25 Zugleich schoß Friedrich sein Gewehr in jener Richtung ab und Jane ’ s Arm ergreifend riß er sie mit sich fort . Die Warnung hätte das Ohr der Cameraden erreicht , durch die stille Nacht wurde der Ruf deutlich wiederholt und dieser zweite Ruf mußte im Schlosse gehört werden . Aber auch der Feind blieb jetzt nicht länger unthätig , er sah , daß ferneres Verbergen nutzlos war , und ließ es den kecken Warner entgelten , ein halbes Duzend Schüsse krachten zu gleicher Zeit , Friedrich achtete nicht darauf , aber Jane sank mit einem leisen Schmerzenslaut in die Kniee . “ Vorwärts , Miß ! Vorwärts in die Gebüsche ! ” Er riß sie empor , Jane versuchte zu folgen , aber der verwundete Fuß versagte selbst der äußersten Willenskraft den Dienst , sie brach von Neuem zusammen . „ Fliehen Sie ! ” stieß sie athemlos hervor . “ Rette Dich ! Ich muß zurückbleiben ! ” Friedrich sah auf sie nieder , aber er sah jetzt nicht das bleiche schöne Antlitz , das jeden Anderen mächtig zur Retting angespornt hätte , er dachte gar nicht daran , daß es in hilfloses und verwundetes Weib sei , das er preisgeben mußte , wenn er sich selbst retten wollte ; vor seiner Seele stand mit Blitzesklarheit nur eine einzige Erinnerung . „ Sage ihm , Miß Forest sei mir das liebste gewesen auf der ganzen Welt ! Er soll sie schützen – wenn es sein muß , mit seinem Leben ! ” Wie ein Kind hob der riesige Mann sie vom Boden empor und trat mit der Last auf den Armen den Rückweg an ; Entschluß und Ausführung war nur das Werk eines Augenblicks . Der Feind folgte den Beiden nicht , er wollte augenscheinlich die sichere Deckung nicht verlassen und glaubte , da er den Park bewacht sah , die Hülfe wohl dicht in der Nähe . Aber der ihn verrathen , sollte nicht ungestraft davonkommen . Von Neuem krachten die Schüsse aus der Grotte her und noch immer waren die Flüchtigen auf diesem endlosen Rasen dem hellsten Mondlicht und den kugeln als Zielpunkt preisgegeben . Friedrich brauchte jetzt die dreifache Zeit zu dem Wege , den er in wenig Secunden zurückgelegt hätte . Jane hatte die Arme um seinen Hals geschlungen , ihre Entschlossenheit verließ sie auch in dieser Lage nicht , sie wußte , daß jede Bewegung ihrerseits seinen Lauf hemmte , daß nur ihre völlige Unbeweglichkeit ihm die Bürde erleichtern konnte , deshalb verharrte sie regungslos . Um sie Beide zischten die Kugeln , aber sie schossen schlecht dort drüben , es traf nicht eine – -- da auf einmal zuckte Friedrich zusammen und blieb stehen , ein dumpfer Schmerzenslaut brach von seinen Lippen . „ Um Gotteswillen , Sie sind getroffen ! ” Jane wollte sich herabwerfen , aber er verhinderte es , mit eiserner Gewalt umschlossen sie seine Arme und hielten sie fest . Er ging von Neuem vorwärts , nur schwerer , langsamer als vorhin . Jane hörte seine Brust schwer und angstvoll keuchen und fühlte es feucht und heiß uber ihre jetzt herabhängende Hand niederieseln , aber vorwärts ging es dennoch . Jane blickte angstvoll in sein vom Monde hell beschienenes Antlitz und es wandelte sie unwillkürlich ein Grauen an , es war ihr , als schaue sie in das Antlitz des todten Vaters . Die plumpen geistlosen Auge Friedrichs zeigten in diesem Moment eine wahrhaft erschreckende Aehnlichkeit mit den ihren , mit jenen anderen , die längst das Grab deckte . Der Ausdruck war es , der Friedrichs Züge auf einmal adelte und verwandelte , und diese Aehnlichkeit war es denn auch , die seine Abstammung deutlicher verrieth , als alle anderen Beweise , es war die düstere Energie , die finstere harte Unbeugsamkeit der Forests , es war ihr starrer Trotz selbst gegen das Unmögliche . Und er erzwang es in der That , dies Unmögliche , er trug sie weg über den Rasen und noch eine Strecke hinein in die Allee , bis in den sichern Schutz der Bäume , und ließ sie dann erst aus seinen Armen gleiten . In der Richtung des Schlosses war es inzwischen lebendig geworden , Stimmen ertönten , Kommandorufe wurden laut , mit Blitzesschnelle weitergegeben erscholl das Alarmsignal bereits vom Dorfe her , an der Spitze der mit im Schlosse befindlichen Soldaten stürmte der junge Lieutenant Witte als der Erste die Allee herauf . „ Bei der Grotte sind sie ? ” rief er , die Uniform erkennend , Friedrich zu . “ Schließ Dich uns an ! Vorwärts ! ” Er stürmte weiter , die Uebrigen ihm nach , aber Friedrich schloß sich ihnen nicht an und ging auch nicht vorwärts . Er stand noch einen Augenblick aufrecht und stürzte dann schwer zu Boden . Mit einem Schrei der Angst sank Jane an seiner Seite nieder , über das Lederzeug quoll es jetzt dunkelroth – der Bruder hatte mit seinem Lebensblute die Schwester gerettet ! Eine Stunde war vergangen , der Kampf war unbedeutender und kürzer gewesen , als man es anfangs geglaubt . Die Feinde , die sich vom Walde her in einer nur kleinen Anzahl in der Grotte gesammelt , hatten jedenfalls die Absicht gehabt , das Schloß , in dem , wie man wußte , die Officiere einquartiert waren , möglichst geräuschlos zu überlassen , um die im Dorfe liegenden Mannschaften führerlos dem Angriffe der Hauptmacht preiszugeben der allen Anzeichen nach von der andern Seite her beabsichtigt war . Der zu früh ausgebrochene Alarm hatte jenen Plan vereitelt , der Angriff erfolgte nicht , und das Handgemenge an der Grotte konnte daher auch nur ein kurzes sein . Einige Franctireurs waren gefallen , ein halbes Dutzend gefangen , die anderen stoben in wilder Flucht in den Wald zurück . Bei dieser Gelegenheit ward auch der geheime Ausgang dorthin entdeckt und besetzt ; auch von den Deutschen waren Einige mehr oder weniger schwer verwundet , tödtlich keiner , Friedrich war das einzige Opfer . Man hatte ihn in Jane ' s Zimmer getragen und auf das dort befindliche Bett niedergelegt . Sie saß an seiner Seite , ihre eigene Verwundung hatte sich als ein unbedeutender Streifschuß herausgestellt , der sie allerdings am Auftreten hinderte und ihr die Flucht unmöglich gemacht hätte , sonst aber gefahrlos war . Doctor Behrend verzichtete , nachdem er den Verband angelegt , auf jede weitere Maßregel , er sah , daß sie jetzt nicht in der Stimmung war , eine solche Wunde zu beachten . Am Fenster des Gemaches stand Atkins und betrachtete schweigend die Gruppe . Jane hatte ihn in steigender Hast von dem Vorgefallenen unterrichtet , und aus den Zügen des Amerikaners waren der Spott und Sarkasmus verschwunden , ein tiefer Ernst war jetzt allein darin sichtbar . Da lag der so lange und schmerzlich Gesuchte , für dessen Auffinden die Eltern Reichtümer geopfert hätten , dem die Schwester gefolgt war über ' s Meer , durch die ganze Heimath bis hierher . Er war ihnen so nahe gewesen wochenlang , und sie hatten Beide so vornehm auf ihn herabgeblickt , hatten den armen Burschen mit Hochmuth und Hohn gekränkt und hatten ihn verspottet , wo sie nur gewußt und gekonnt . Freilich , ihm war nichts von allen jenen reichen Schätzen des Wissens und der Bildung zu Theil geworden , welche die Jugend seiner Schwester überströmt hatten . Arm und unwissend , in elender Dienstbarkeit war der Erbe einer Million aufgewachsen und herumgestoßen worden im Leben , bis er endlich einen gütigen Herrn fand , und die Stunde , welche zuletzt die Wahrheit enthüllte , welche ihn dem Reichtum , der Zukunft zurückgab , sie war auch seine Todesstunde . Doctor Behrend , den einige Worte Atkins ' von dem Zusammenhange unterrichtet hatten , vermochte keine Hoffnung zu geben . Die Wunde war unbedingt tödtlich , vielleicht wäre sie es nicht gewesen , hätte Friedrich , als er die Kugel empfing , sich sofort und allein in ' s Gebüsch gerettet , aber die furchtbare Anstrengung , mit der er Jane noch die ganze Strecke getragen , wurde verhängnißvoll , es war eine innere Verblutung eingetreten , er hatte nur noch kurze Zeit zu leben . Der Verwundete hatte bisher in tiefer Ohnmacht gelegen , jetzt regte er sich und schlug die Augen auf , sie hafteten zunächst auf dem Arzt , der am Fußende des Bettes stand . „ Es geht wohl zu Ende mit mir , Herr Doctor ? “ fragte er matt . Doctor Behrend trat zu ihm , er wechselte einen Blick mit Jane , ihr Auge verbot ihm die Antwort . „ Das nicht , Friedrich , aber Sie sind schwer verwundet . " Friedrich war bei vollster Besinnung , er hatte sehr wohl den Blick gesehen . „ Sie können es mir immer sagen , ich habe keine Furcht davor , Mein Herr “ – er wandte das Auge fragend zu Jane , „ sagten Sie nicht , Miß , mein Herr wäre verloren ? “ Jane verbarg das Gesicht in den Händen , sie litt eine doppelte Folter , die Bewachung verdoppelt , sie selbst unfähig , einen Schritt vorwärts zu thun , vor ihr der sterbende Bruder , und vielleicht fiel in diesem Augenblick auch Walther , sie vermochte nichts mehr dagegen , sie wich dem Unmöglichen . Friedrich verstand die stumme Antwort . „ Dann mag ich auch nicht mehr leben ! “ sagte er ruhig , aber mit vollster Entschiedenheit . „ Ich habe es gewußt , als er Abschied von mir nahm , und ich hätte es ohne ihn doch nicht ausgehalten ! " Er schloß wieder die Augen und lag bewegungslos wie vorhin , der Arzt trat zu Jane und beugte sich flüsternd zu ihr nieder . „ Ich kann Ihnen den Trost geben , daß das Unvermeidliche sich ruhig und fast schmerzlos vollziehen wird . Wenn Sie ihm aber noch etwas mitzutheilen haben – eilen Sie . “ Er verließ das Zimmer , um nach den übrigen Verwundeten zu sehen , auf ein leises Wort Jane ' s zog sich auch Atkins in das anstoßende Gemach zurück . Bruder und Schwester waren jetzt allein . Sie beugte sich über ihn , sein Gesicht hatte wieder ganz den gewöhnlichen Ausdruck , nur daß es jetzt matt und todtenbleich erschien ; er schien in der That kaum zu leiden , jener erst in der Todesgefahr aufflammende Zug war verschwunden und die Aehnlichkeit mit ihm . Sie fühlte , daß sie vorsichtig zu Werke gehen müsse , sollte der schwache Lebensfaden nicht allzu jäh zerrissen und ihm ein letzter Schmerz statt einer letzten Freude bereitet werden . Sie hatte die Kraft dazu . Es gab nur ein Wesen auf der ganzen Welt , das im Stande war , Jane die Selbstbeherrschung zu rauben . Auch am Sterbebett des Bruders behauptete sie ihr Recht , aber ihr Entschluß war gefaßt , er sollte nicht scheiden ohne den letzten Kuß der Schwester . „ Fritz ! “ Er öffnete wieder die Augen , betroffen durch die seltsame Anrede , aber es schien eine wehmüthig freundliche Erinnerung zu sein , die der Name in ihm erweckte , dieser Name , den Jane so sehr gezittert , von Walther ' s Lippen zu hören , sie beugte sich nieder und nahm sanft die Hände des Verwundeten in die ihrigen . „ Sie haben mir vorhin von Ihrer Jugend gesprochen . Erinnern Sie sich gar nicht mehr der Eltern ? der wirklichen , meine ich ! “ Friedrich schüttelte den Kopf . „ Nur wenig ! Ich weiß noch von dem großen Schiffe , auf das wir gehen wollten , und wie der Vater mich losließ und der Mutter nachschickte , wie dann auf einmal Vater und Mutter fort waren , und ich allein stand , in einer engen Gasse , unter vielen Menschen . Ich mag wohl arg geschrieen und geweint haben , denn ich wurde erst ruhig , als mich der alte Erdmann auf den Arm nahm und zu seiner Frau brachte ; das ist Alles , was ich weiß . “ „ Und haben Sie niemals wieder von den Eltern gehört ? “ „ Nie ! Sie werden wohl gestorben sein drüben in Amerika , oder sie haben mich vergessen . Nach mir hat Niemand gefragt mein Lebelang – außer meinem Herrn . " Jane faßte seine Hand fester . „ Die Eltern haben Sie nicht vergessen , Fritz , sie haben nach Ihnen gefragt und sich schmerzlich genug um Sie gekümmert , jahrelang , sie hätten gern allen Reichtum und alles Glück hingegeben , um nur ihr Kind wieder zu haben , aber es blieb verschwunden . “ In Friedrichs Zügen zeigte sich eine tiefe Unruhe , er machte einen Versuch , sich aufzurichten . „ Kannten Sie denn meine Eltern , Miß ? Sind Sie ihnen begegnet drüben in Amerika ? " „ Sie sind todt ! “ sagte Jane schwer . Friedrichs Haupt sank matt auf das Kissen zurück . „ Ich dachte es mir ! “ Sie beugte sich noch tiefer auf ihn nieder , ihr Atem streifte seine Wange , und ihre Stimme sank zum Flüstern herab . „ Als die Mutter zum Schiffe ging , da war sie nicht allein , sie trug ein Kind auf dem Arme . Erinnern Sie sich noch dessen ? “ Ein schwaches , aber freundliches Lächeln zuckle um seine Lippen . „ Ja meine kleine Schwester , unser Hannchen ! Sie muß noch sehr klein gewesen sein damals , erst wenige Wochen alt , aber ich hatte sie doch schon lieb . “ „ Und diese Schwester “ – Jane mußte innehalten , die Stimme versagte ihr , „ würde es Dir Freude machen sie zu sehen ? Soll ich sie Dir zeigen ? “ Friedrich blickte sie an in ahnender Erwartung , ihr Auge , ihr Ton verriet ihm bereits die Wahrheit . „ Miß – Sie – ? “ „ Mein Fritz ! Mein Bruder ! " brach Jane jetzt leidenschaftlich auf und sank am Bett auf die Kniee nieder , ohne den Schmerz ihrer Wunde zu achten , sie fühlte ihn nicht in diesem Augenblick . Aber der Eindruck dieser Entdeckung war anders , als sie gedacht . Die leidenschaftliche Erregung , die sie trotz alledem gefürchtet , kam nicht , Friedrich lag ruhig wie vorhin und blickte sie an , aber es lag etwas wie Aengstlichkeit , wie Scheu in diesem Blick , und jetzt zog er leise seine Hand aus der ihrigen und wandte den Kopf zur Seite . „ Fritz ! “ Jane ' s Stimme klang befremdet und erschreckt . „ Willst Du Deine Schwester nicht ansehen ? Zweifelst Du an meinen Worten ? “ Eine eigentümliche , halb schmerzliche und halb bittere Bewegung zuckte über sein Antlitz . “ Nein ! Ich denke nur , wie gut es doch ist , daß ich jetzt sterbe . – “ Sie hätten sich sonst gewiß meiner geschämt ! ” Jane zuckte zusammen , der Vorwurf war gerecht . Hätte sie , als sie zuerst an den Rhein kam , den Diener Fernows als Bruder umarmen müssen , sie hätte sich bitter seiner geschämt . Welch eine Reihe von Kämpfen und Leiden , welch letztes furchtbares Opfer war nothwendig gewesen , um den Hochmuth aus ihren Herzen zu reißen , und dort Raum zu schaffen für das Gefühl , das jetzt nur allein darin noch herrschte für die mächtig sich regende Stimme der Natur ! Sie wußte jetzt nicht blos , sie fühlte es , daß es ihr Bruder war , der da vor ihr lag , der Einzige ihres Blutes und Namens , der Einzige , der ihr angehörte durch die heiligen Bande der Familie , und alles , was sie je mit ihrem herrischen Stolz an ihm und anderen gesündigt und verletzt , es ward zehnfach gestraft in diesem Augenblicke . Der Bruder hatte selbst im Moment des Wiedersehens nur die Erinnerung daran behalten – er bebte scheu zurück von ihrer Umarmung . Friedrich deutete ihr Schweigen falsch , und er mißverstand auch den Ausdruck ihres Gesichtes . “ Es wird schon so sein ! ” sagte er ruhig , aber ohne alle Bitterkeit . „ Sie sind nie freundlich zu mir gewesen , und gleich das erste Mal , als ich Sie sah , — ich hatte mir solche Mühe gegeben mit all den Kränzen und Blumen – Sie wollten nicht eine einzige davon , und doch hat mir nie in meinem ganzen Leben etwas so wehe gethan , als wie Sie damals an mir vorbei gingen . ” Er schwieg , aber was all die Kämpfe und Qualen , all die Verzweiflung Jane nicht abzuzwingen vermochte , das vollbrachten diese einfachen Worte mit ihrem ergreifenden Wehe , dessen sich Friedrich wohl nicht einmal recht bewußt war