fehlte ihr der Muth , die Macht geltend zu machen , der sich Ulrich vorhin gebeugt . Sie ahnte , daß jene Macht ihre Wirkung versagen würde , so lange er sie an der Seite ihres Mannes sah . „ Hundert sind immer Herr gegen Einen ! “ sagte Arthur kalt . „ Wenn es sich nämlich um ein Niederschlagen handelt , aber das meinten Sie doch wohl nicht , Hartmann ? Oder würden Sie sich nicht sicher fühlen , wenn Sie jetzt zufällig allein unter meine Beamten geriethen ? Ich denke , ich bin es hier , so gut wie in meinem Hause . “ Ulrich gab keine Antwort ; er blickte finster empor zu dem jungen Manne , der mit so vollkommener Ruhe vor ihm hielt und ihn mit den klaren braunen Augen so fest anschaute wie damals , als der Streit zuerst ausbrach . Freilich damals hatte er in seinem Conferenzzimmer gestanden , umgeben und geschützt von seinen Beamten ; jetzt befand er sich allein , inmitten einer aufgeregten Menge , die nur auf das Signal wartete , um mit Beleidigungen , vielleicht mit Gewaltthätigkeiten loszubrechen , und doch zuckte keine Muskel dieses Gesichtes , und doch war die Haltung so stolz und sicher , der Blick so furchtlos , als wisse und fühle er sich selbst hier als Herr . Diese Ruhe und Sicherheit verfehlte nicht ihren Eindruck auf die an ’ s Gehorchen gewöhnte Menge . Es kam nur darauf an , wem sie diesmal gehorchte . Zum zweiten Male wendeten sich die Blicke fragend auf Ulrich , der noch immer stumm dastand . Er sah wieder empor , dann seitwärts auf das bleiche Antlitz Eugeniens . Auf einmal trat er zurück . „ Macht Platz , daß die Pferde durch können ! Dort nach links hin ! “ Dem Befehle wurde sofort Folge geleistet , mit einer Eile , daß es den Eindruck machte , als gehorchten die Leute nicht ungern . In weniger als einer Minute war eine breite Gasse geöffnet , durch die Berkow und seine Gattin ungehindert davonritten . Sie bogen jenseits der Chaussee wieder in den Waldweg ein und verschwanden gleich darauf zwischen den Bäumen . „ Höre , Ulrich ! “ – Lorenz trat mit einer Art von gutmüthigem Vorwurf an seinen Cameraden heran – „ vorhin hast Du mich angefahren , weil ich oben auf den Hütten zur Ruhe sprach – was hast Du denn jetzt gethan ? “ Der Angeredete starrte noch immer nach den Bäumen hinüber ; jetzt , wo die Persönlichkeit des jungen Chefs nicht mehr wirkte , schien er seine großmüthige Aufwallung schon wieder zu bereuen . „ ‚ Hundert gegen Einen ! ‘ “ murmelte er bitter , „ und ‚ Ich bin sicher in Eurer Mitte ! ‘ Ja wohl , an schönen Redensarten fehlt ’ s ihnen nie , wenn sie sich fürchten , und Unsereiner beißt auch immer wieder auf den alten Köder . “ „ Der sah nicht aus , als ob er sich fürchtete ! “ sagte Lorenz bestimmt . „ Er ist überhaupt nicht wie sein Vater . Ulrich , wir sollten doch – “ „ Was sollten wir ? “ unterbrach ihn Ulrich heftig . „ Nachgeben , nicht wahr ? Damit Ihr nur wieder Ruhe und Frieden habt , und er es nachher ärger treibt , als es der Vater je getrieben , wenn er erst merkt , daß ihm Alles glückt . Wenn ich ihn heute fortließ , so war es , weil er nicht allein war , weil er seine Frau bei sich hatte und weil – “ er brach plötzlich ab . Der stolze verschlossene Mann hätte sich eher die Zunge abgebissen , als seinen Cameraden gegenüber bekannt , welche Macht ihn hier allein zur Schonung gezwungen . Arthur und Eugenie waren inzwischen schweigend weiter geritten . Ob die gemeinsam überstandene Gefahr sie näher aneinandergekettet , sie ließen , obgleich der nunmehr breitere Weg hinreichenden Raum gewährte , die Pferde noch immer Seite an Seite gehen und noch immer hielt Arthur Afra ’ s Zügel in der Hand , obwohl jetzt nichts mehr zu fürchten und die weitere Sorgfalt bei einer so kühnen Reiterin gänzlich überflüssig war . „ Begreifst Du jetzt die Gefahr Deines heutigen Ausfluges ? “ fragte er endlich . „ Ja ! Aber auch die Gefahr Deiner Lage . “ „ Ich muß sie tragen . Du hast selbst gesehen , welchen blinden Gehorsam sich dieser Hartmann zu erzwingen weiß . Ein Wort von ihm , und man ließ uns ungehindert vorüberreiten ; auch nicht ein Einziger wagte zu murren , und doch warteten sie allesammt nur auf sein Zeichen , um sich gegen uns zu wenden . “ [ 189 ] „ Aber er gab dieses Zeichen nicht ! “ sagte Eugenie , das letzte Wort schwer betonend . Arthur richtete wieder den seltsam langen und düstern Blick auf sie . „ Nein ! Heute nicht ! Er wird wohl am besten wissen , was ihn zurückhält . Aber er kann es morgen , übermorgen thun , wenn wir wieder einander begegnen ; ich bin vollkommen gefaßt darauf . “ Beim Ausgange des Waldes , der jetzt vor ihnen lag , setzten sie die Pferde in schnelleren Trab und hielten eine Viertelstunde später auf der Terrasse des Landhauses . Arthur schwang sich aus dem Sattel – wie leicht und elastisch im Vergleich mit seinen ehemaligen trägen Bewegungen ! Er streckte die Hand aus , um auch seiner Gattin herabzuhelfen ; aber auf dem Antlitze der jungen Frau lag noch immer eine tiefe Blässe ; sie bebte leise zusammen , als er den Arm um sie legte , und das Beben wurde noch heftiger , als dieser Arm sie eine Secunde länger hielt als sonst , wenn er ihr diesen Dienst leistete . „ Hast Du Dich geängstigt ? “ fragte er leise , während er ihren Arm nahm , um sie in ’ s Haus zu führen . Eugenie gab keine Antwort . Ja wohl , sie hatte Todesangst ausgestanden bei jener Scene ; aber sie wollte es eher ertragen , von ihm für feig gehalten zu werden , als ihn ahnen lassen , daß sie um seinetwillen gezittert , und doch schien eine Ahnung davon in ihm aufzudämmern . „ Hast Du Dich geängstigt , Eugenie ? “ wiederholte er . Seine Stimme klang so weich , so verschleiert , und dabei zog er ihren Arm fest und fester an seine Brust . Sie hob das Auge zu ihm empor ; da war es wieder , das tiefe mächtige Aufleuchten in dem seinigen , aber heißer , verrätherischer , als sie es je gesehen , und er beugte sich tief herab zu ihr , wie um keinen Laut ihrer Antwort zu verlieren . „ Arthur , ich – “ „ Der Herr Baron Windeg und der älteste Herr Sohn sind vor einer halben Stunde angekommen ! “ rapportirte ein eilig herantretender Diener , und die Meldung war kaum ausgesprochen , als auch schon der junge Baron , der wahrscheinlich vom Fenster aus die Ankommenden gesehen hatte , erschien und mit dem ganzen Feuer seiner achtzehn Jahre die Treppe herabstürzte , um die Schwester zu begrüßen , die er seit ihrer Vermählung noch nicht wieder gesehen hatte . „ Ah , Curt , Du bist es ! “ Die junge Frau fühlte fast einen schmerzenden Stich bei dieser sonst so heiß ersehnten Ankunft des Vaters und Bruders . Arthur hatte ihre Hand in dem Moment fallen lassen , wo der Name Windeg genannt wurde . Sie sah , wie es sich eiskalt über seine Züge legte , und hörte , wie es eiskalt aus seiner Stimme klang , als er jetzt höflich fremd den jungen Schwager begrüßte . „ Du begleitest uns nicht hinauf ? “ fragte sie , als er am Fuße der Treppe stehen blieb . „ Entschuldige , wenn ich Dich bitte , Deinen Vater vorläufig allein zu empfangen . Ich hatte etwas – vergessen und bin soeben daran erinnert worden . Ich werde möglichst bald dem Herrn Baron meine Aufwartung machen . “ Er trat zurück , während Eugenie und ihr Bruder allein die Stufen hinaufstiegen . Der Letztere schien etwas befremdet zu sein ; aber ein Blick auf die bleichen Wangen seiner Schwester hieß ihn die Frage unterdrücken , die ihm bereits auf den Lippen schwebte . Freilich , er wußte ja , wie hier die Dinge standen . Hatte dieser „ Parvenu “ sich vielleicht auf dem Spazierritte neue Kränkungen gegen seine Gemahlin erlaubt ? Der junge Baron schickte einen drohenden Blick hinunter und wandte sich dann mit aufflammender Zärtlichkeit zu seiner Schwester . „ Eugenie , ich freue mich so sehr , Dich wiederzusehen , und Du – ? “ Die junge Frau zwang sich zu einem Lächeln . „ Ich freue mich ja auch , Curt , unendlich freue ich mich ! “ Sie blickte gleichfalls hinunter in ’ s Vestibul , aber es war leer . Arthur mußte es bereits verlassen haben . Im beleidigten Stolze richtete sie sich plötzlich hoch auf . „ Laß uns zum Vater gehen ! Er wartet ! “ Unter allen Bewohnern der Berkow ’ schen Besitzungen befand sich vielleicht nur ein Einziger , der den so jäh und heftig entbrannten Streit zwischen dem Chef und seinen Untergebenen noch von einer andern als der bedrohlichen Seite nahm , und dieser Eine war Herr Wilberg . In dem blonden Kopfe des jungen Beamten steckte so viel überspannte und unklare Romantik , daß er nicht umhin konnte , das Gefährliche der Situation und die dumpfe Gährung , die jeden Augenblick in eine Katastrophe ausbrechen konnte , höchst interessant zu finden . Freilich war seine Bewunderung von Ulrich Hartmann völlig auf den jungen Chef übergesprungen , seit dieser so plötzlich an die Spitze der Verwaltung getreten war und die Zügel mit einer Festigkeit ergriffen hatte , die Niemand dieser schwachen verweichlichten Hand zugetraut ; aber die angestrengte Thätigkeit , mit der Arthur es versuchte , sich auf dem ihm fremden Felde heimisch zu machen und sich gegen die von allen Seiten herandrohenden Verluste und Gefahren zu stemmen , forderte höchstens die Theilnahme und Unterstützung der Oberbeamten ; die jüngeren Herren des Personals genossen jetzt , wo ihre Functionen größtentheils ruhten , einer unfreiwilligen Muße , und Herr Wilberg seinerseits benutzte diese , um möglichst tief in seine sogenannte Leidenschaft für die gnädige Frau unterzutauchen und sich möglichst unglücklich darin zu fühlen . Die Wahrheit zu sagen , wurde ihm letzteres etwas schwer , denn er befand sich im Grunde ganz behaglich bei der hoffnungslosen Leidenschaft ; um ihm poetisch zu erscheinen , mußte eine Liebe nothgedrungen unglücklich sein ; mit einer glücklichen hätte er wirklich nichts anzufangen gewußt . Diese Anbetung aus der Ferne genügte ihm vollkommen , und er fand hinreichende Gelegenheit , sich ihr hinzugeben , da er dem Gegenstande derselben jetzt nur selten oder niemals nahe kam . Seit jenem Tage , wo er die gnädige Frau durch den Park zurückbegleitete , hatte er sie nur ein einziges Mal gesprochen . Eugenie hatte bei einer zufälligen Begegnung von ihm Näheres über die Bedeutung des ausgebrochenen Strikes zu erfahren gesucht . Nun aber war von Seiten Berkow ’ s die strenge Weisung an sämmtliche Beamte ergangen , seine Gemahlin in keiner Art zu beunruhigen , und Wilberg kam dieser Weisung auch insofern nach , als er Alles verschwieg , was auf die augenblickliche Lage und die Verhältnisse Bezug hatte dagegen konnte er nicht umhin , der jungen Frau die Scene , die im Conferenzzimmer zwischen ihrem Gemahl und Hartmann gespielt , möglichst getreu zu schildern , und da er nun einmal Alles in ’ s Romantische hinaufschrauben mußte , so nahm diese Scene in seinem Munde ein so dramatisches Gepräge an , und der junge Chef mit seiner plötzlich aufflammenden Energie wuchs zu einer solchen Heldenhaftigkeit empor , daß es unbegreiflich war , wie die Schilderung so ganz ihre Wirkung verfehlte . Eugenie hatte zwar mit sichtbarer Spannung zugehört , aber sie war auffallend bleich und ungewöhnlich still dabei geworden , und der Erzähler wartete am Schluß vergebens auf irgend eine Aeußerung von ihren Lippen . Sie hatte ihm , ohne die Sache auch nur mit einen Worte weiter zu berühren , höflich kühl gedankt und ihn dann höflich kühl entlassen , und der junge Mann war davon gegangen , höchst befremdet und etwas beleidigt über diesen Mangel an Theilnahme . Also auch die gnädige Frau hatte kein Verständniß für die Poesie solcher Situationen ! Oder hatte sie dieselbe vielleicht nur deshalb nicht , weil ihr Mann der Held derselben war ? Ein Anderer würde wahrscheinlich triumphirt haben bei dem Gedanken , aber Wilberg ’ s Dichterphantasie zeichnete sich gewöhnlich dadurch aus , daß sie natürliche Empfindungen geradezu auf den Kopf stellte . Er fand sich gekränkt , daß der begeisterte Vortrag , sein Vortrag , so ganz die Wirkung verfehlt hatte ; er fühlte überhaupt in der Nähe Eugeniens stets etwas von der „ Gletscheratmosphäre “ , die sie nach der Behauptung des Oberingenieurs umwehte . Sie war stets so fern , so hoch und unerreichbar und war es gerade dann am meisten , wenn sie sich voll Güte herabließ . Es blieb dieser Herablassung gegenüber wirklich keine andere Wahl , als entweder unbedingt anzubeten oder sich schrecklich unbedeutend und nichtig vorzukommen , und Herr Wilberg , dem Letzteres in keinem Falle passiren konnte , zog natürlich das Erstere vor . In diese und ähnliche Gedanken versenkt , war er bis in die Nähe der Wohnung des Schichtmeisters gekommen , und da er wie gewöhnlich weder rechts noch links sah , traf er auf der Brücke so dicht mit einer jungen Dame zusammen , die eben von drüben herkam , daß diese sich mit einem leisen Schrei und einem Sprunge seitwärts vor dem stürmischen Anprall in Sicherheit brachte . Wilberg sah jetzt erst auf und stotterte eine verlegene Entschuldigung . [ 190 ] „ Verzeihen Sie , Fräulein Melanie ! Ich sah Sie nicht . Ich war so in Gedanken versunken , daß ich gar nicht auf den Weg achtete . Fräulein Melanie war die Tochter des Oberingenieurs , dessen Haus der junge Beamte zuweilen besuchte , aber seine Ideen nahmen bekanntlich einen so hohen Flug , daß er wenig auf ein sechszehnjähriges Mädchen achtete , das allerdings eine zierliche Gestalt , ein allerliebstes Gesicht und ein Paar schelmische Augen , sonst aber gar nichts Romantisches besaß . Dergleichen war ihm lange nicht poetisch genug , und die junge Dame ihrerseits hatte sich bisher auch nicht viel um den blonden Herrn Wilberg bekümmert , der ihr ziemlich langweilig vorkam , der es jetzt aber doch für nothwendig hielt , seine unfreiwillige Unart durch einige höfliche Worte wieder gut zu machen . „ Sie kommen jedenfalls von einem Spaziergange zurück , Fräulein Melanie ? Waren Sie weit hinaus ? “ „ Ach nein , gar nicht weit . Papa hat mir alle größeren Spaziergänge verboten und sieht es überhaupt nicht gern , wenn ich jetzt allein ausgehe . Sagen Sie , Herr Wilberg , ist es denn wirklich so gefährlich mit unseren Bergleuten ? “ „ Gefährlich ? Wie meinen Sie das ? fragte Wilberg diplomatisch . „ Nun , ich weiß nicht , aber Papa ist bisweilen so ernst , daß mir angst und bange wird ; er hat auch schon davon gesprochen , die Mama und mich zum Besuch in die Stadt zu schicken . “ Der junge Mann legte sein Gesicht in melancholische Falten . „ Die Zeiten sind ernst , Fräulein Melanie , furchtbar ernst ! Ich kann es Ihrem Herrn Vater nicht verargen , wenn er Gattin und Tochter in Sicherheit wissen will , wo wir Männer stehen und kämpfen müssen bis auf den letzten Mann . “ „ Bis auf den letzten Mann ? “ schrie die junge Dame entsetzt auf . „ Um Gotteswillen ! Mein armer Papa ! “ „ Nun , ich meinte das nur bildlich ! “ beruhigte sie Wilberg . „ Von einer persönlichen Gefahr ist keine Rede , und sollte es dennoch dazu kommen , so schließen den Herrn Oberingenieur ja seine Jahre , seine Pflichten als Gatte und Vater davon aus . Dann treten wir Jüngeren in die Bresche ! “ „ Sie auch ? “ fragte Melanie mit einem etwas mißtrauischen Blick . „ Gewiß , Fräulein Melanie , ich zuerst ! “ Herr Wilberg , der , um der Betheuerung noch mehr Nachdruck zu geben , die Hand feierlich auf die Brust gelegt hatte , machte urplötzlich einen Satz rückwärts und retirirte dann eiligst nach der anderen Seite hinüber , wohin ihm Melanie mit gleicher Schnelligkeit folgte . Dicht hinter ihnen stand die riesige Gestalt Hartmann ’ s , der unbemerkt über die Brücke gekommen war , und dessen Gesicht jetzt ein verächtliches Lächeln überflog , als er den sichtbaren Schreck der beiden jungen Leute gewahrte . „ Sie brauchen sich nicht so zu fürchten , Herr Wilberg ! “ sagte er ruhig . „ Ich thue Ihnen nichts zu Leide . “ Der junge Beamte schien doch die Lächerlichkeit seines Zurückweichens zu fühlen und einzusehen , daß er als Begleiter und Beschützer einer jungen Dame nothgedrungen ein anderes Benehmen zeigen müsse . Er raffte deshalb seinen Muth zusammen , stellte sich dicht vor die nicht minder ängstliche Melanie und entgegnete mit ziemlicher Festigkeit : „ Ich traue es Ihnen auch nicht zu , Hartmann , daß Sie uns hier auf offener Straße anfallen werden . “ „ Die Herren Beamten scheinen doch so etwas zu glauben ! “ spottete Ulrich . „ Sie laufen allesammt davon , sobald ich mich nur blicken lasse , als wäre ich ein Straßenräuber . Nur Herr Berkow macht es anders , “ in Hartmann ’ s Stimme grollte es wieder , als könne er den gehaßten Namen nicht ruhig aussprechen . „ Der bietet mir allein die Spitze , und wenn ich die ganze Knappschaft hinter mir habe ! “ „ Herr Berkow und die gnädige Frau sind auch die Einzigen auf den ganzen Werken , die nichts ahnen – – “ sagte Wilberg unvorsichtig . „ Die was nicht ahnen ? “ fragte Ulrich , finster und langsam das Auge auf ihn richtend . Ob der junge Beamte gereizt war durch den schonungslosen Spott über sich und seine Collegen , ob er es für nothwendig hielt , Melanie gegenüber den Helden zu spielen , genug , er bekam plötzlich einen Anfall von Wuth , wie er furchtsame Naturen nicht selten in ’ s Extrem treibt , und erwiderte rasch : „ Wir laufen nicht vor Ihnen , Hartmann , weil Sie uns die Leute aufwiegeln und jede Verständigung mit ihnen unmöglich machen , deshalb nicht ! Aber wir gehen Ihnen aus dem Wege , weil , “ hier senkte er die Stimme , so daß das junge Mädchen seine Worte nicht verstehen konnte , „ weil die Stricke gerissen sind , als Sie damals mit Herrn Berkow anfuhren – wenn Sie es denn doch wissen wollen , warum Ihnen Alles so scheu ausweicht . “ Die Worte waren sehr unbesonnen , sehr keck , zumal für einen Mann wie Wilberg , und er hatte auch in der That keine Ahnung von ihrer Wirkung gehabt . Ulrich zuckte auf , mit einem unterdrückten Wuthschrei , der Alles fürchten ließ , aber in demselben Moment wurde sein Gesicht leichenblaß . Die drohend geballte Faust sank nieder und umklammerte krampfhaft das Eisengitter der Brücke . Mit furchtbar arbeitender Brust , mit zusammengebissen Zähnen stand er da , und sein Blick flammte auf den vor ihm Stehenden nieder , als wolle er ihn zerschmettern . Das war eine zu harte Probe für den Muth der beiden jungen Leute . Wer eigentlich zuerst davon gelaufen war und wer den Anderen mit sich fortgerissen hatte , das wußten sie nicht , aber sie liefen Beide in möglichster Eile , und erst als mehrere Häuser zwischen ihnen und dem Gefürchteten lagen und sie sich überzeugten , daß er ihnen nicht folge , mäßigten sie aufathmend ihre Schritte . „ Um Gotteswillen , was war das , Herr Wilberg ? “ fragte Melanie angstvoll . „ Was haben Sie denn dem schrecklichen Menschen , dem Hartmann , gesagt , daß er so auffuhr ? Welche Verwegenheit , ihn noch zu reizen ! “ Der junge Mann lächelte , wenn auch mit bleichen Lippen . Es war das erste Mal in seinem Leben , daß ihm der Vorwurf der Verwegenheit gemacht wurde , und er war sich bewußt , ihn im vollsten Maße verdient zu haben . Jetzt erst sah er die ganze Größe seines Wagnisses ein . „ Der beleidigte Stolz ! “ sagte er noch etwas athemlos . „ Die Pflicht , Sie zu schützen , Fräulein – Sie sehen , er wagte sich trotzdem nicht an uns . “ „ Nein , wir liefen noch zu rechter Zeit davon ! “ meinte Melanie ganz naiv . „ Und es war ein Glück , daß wir es thaten , es wäre uns sonst am Ende an ’ s Leben gegangen . “ „ Ich lief nur um Ihretwillen ! “ erklärte Wilberg empfindlich . „ Ich allein hätte ihm jedenfalls stand gehalten und hätte es selbst mein Leben gegolten . “ „ Das wäre aber doch traurig gewesen ! “ bemerkte die junge Dame . „ Sie machen so schöne Gedichte . “ Wilberg erröthete in angenehmster Ueberraschung . „ Sie kennen meine Gedichte ? Ich glaubte nicht , daß in Ihrem Hause – der Herr Oberingenieur ist etwas eingenommen gegen meine poetische Richtung . “ „ Papa sprach neulich mit dem Director darüber ! “ sagte Fräulein Melanie und stockte dann plötzlich . Sie konnte dem Dichter unmöglich sagen , daß ihr Vater die Verse , die ihrem sechszehnjährigen Geschmack so rührend erschienen , mit beißendem Spott und den allermalitiösesten Commentaren seinem Collegen vorgelesen und das Blatt endlich auf den Tisch geworfen hatte mit den Worten : „ Und mit solchem Unsinn bringt der Mensch jetzt seine Zeit hin ! “ Das war ihr schon damals höchst ungerecht und grausam gegen den jungen Mann erschienen , der ihr gar nicht mehr langweilig vorkam , seit er eine unglückliche Liebe hatte , wie sich ja sonnenklar aus seinen Gedichten ergab . Das erklärte und entschuldigte alle Absonderlichkeiten seines Wesens . Sie beeilte sich , ihm zu versichern , daß sie ihrerseits seine Verse sehr schön finde , und fing in aufrichtiger Theilnahme an , ihn , wenn auch noch etwas schüchtern , über sein vermeintliches Unglück zu trösten . Herr Wilberg ließ sich trösten ; er fand es so über alle Beschreibung wohlthuend , endlich ein Wesen anzutreffen , das ihn verstand , und noch weit wohlthuender , sich von diesem Wesen bemitleiden zu lassen . Es war ein rechtes Unglück , daß sie bereits die Wohnung des Oberingenieurs erreicht hatten und daß dieser Herr in höchsteigener Person am Fenster stand , mit verwunderten und etwas kritischen Blicken das junge Paar betrachtend ; Wilberg hatte keine Lust , die unvermeidlichen Spottreden seines Vorgesetzten auszuhalten , wenn Melanie sich etwa beikommen ließ , die Begegnung mit Hartmann und ihren beiderseitigen Wettlauf zu erzählen . Er verabschiedete sich daher von der jungen Dame mit der Versicherung , daß sie Balsam in sein Herz geträufelt [ 191 ] habe , und Fräulein Melanie stieg die Treppe hinauf indem sie sich den Kopf darüber zerbrach , wer denn eigentlich der Gegenstand dieser höchst interessanten unglücklichen Leidenschaft des jungen Beamten sei . – In der Wohnung des Schichtmeisters Hartmann saß dieser am Tische , den Kopf in die Hand gestützt . Nicht weit von ihm am Fenster standen Lorenz und Martha , als Ulrich die Thür der Wohnstube öffnete . Das Gespräch der Drei verstummte bei seinem Eintritte so jäh und plötzlich , daß der junge Bergmann ohne große Mühe errathen konnte , es sei von ihm die Rede gewesen ; indeß er schien nicht darauf zu achten , sondern schloß die Thür hinter sich , schleuderte seinen Hut auf den Tisch und warf sich ohne ein Wort oder einen Gruß in den großen Lehnstuhl am Ofen . [ 203 ] „ Glück auf ! “ sagte der Schichtmeister , sich langsam nach ihm umwendend . „ Hältst Du es nicht einmal mehr der Mühe werth , uns einen Gruß zu sagen ? Ich dächte , das wenigstens könntest Du doch beibehalten ! “ „ Quäle mich nicht , Vater ! “ stieß Ulrich ungeduldig hervor , indem er den Kopf noch weiter zurückwarf und die Hand gegen die Stirn preßte . Der Schichtmeister zuckte die Achseln und wandte sich ab ; Martha verließ ihren Platz am Fenster und setzte sich neben den Oheim , um die Arbeit wieder aufzunehmen , die sie vorhin beim Gespräch mit Lorenz hatte liegen lassen . Einige Minuten lang herrschte ein drückendes Schweigen in der Stube ; endlich trat der junge Bergmann zu seinem Freunde . „ Steiger Wilms war vorhin da , um Dich zu sprechen , Ulrich ; er wird in einer Stunde wiederkommen . Er ist überall herum gewesen auf den Werken der Nachbarschaft . “ Ulrich fuhr sich mit der Hand über die Stirn , als wolle er einen quälenden Traum wegscheuchen . „ Nun , wie ist ’ s ? “ fragte er , aber die Frage klang theilnahmlos , halb mechanisch , als müsse er sich erst besinnen , wovon eigentlich die Rede sei . „ Sie schließen sich uns an ! “ berichtete Lorenz . „ Unser Vorgehen scheint ihnen Muth gemacht zu haben . Es bricht jetzt überall los . Die Eisenhütten oben fangen an ; dann folgen die übrigen Werke , wenn ihnen nicht sofort Alles bewilligt wird – und daran ist nicht zu denken . So feiern in acht Tagen die sämmtlichen Gruben und Hütten im ganzen Bezirk . “ „ Endlich ! “ Ulrich fuhr wie elektrisirt in die Höhe . Fort waren auf einmal Theilnahmlosigkeit und Träumerei . Die ganze Spannkraft des Mannes war zurückgekehrt . „ Endlich ! “ wiederholte er tief aufathmend . „ Es war auch Zeit ; sie haben uns lange genug allein gelassen ! “ „ Weil wir allein vorgingen . “ „ Mag sein ! Aber wir konnten nicht warten . Die Sache lag hier anders als auf den übrigen Werken . Jeder Tag Arbeit brachte die Berkows einen Schritt vorwärts und uns einen zurück . Ist Wilms hinüber nach den Dörfern ? Er muß es sofort den Cameraden mittheilen . Das wird ihnen Muth geben ! “ „ Thut auch Noth ! “ sagte der Schichtmeister ruhig . „ Es sieht nicht mehr allzufrisch aus mit dem Muthe . Seit vierzehn Tagen wird kein Fäustelschlag mehr gethan . Ihr wartet und wartet auf eine Bitte , auf eine Verhandlung wenigstens , die Eurer Meinung nach kommen muß , und drüben rührt sich nichts . Die Beamten gehen Euch aus dem Wege , und der Herr sieht wahrhaftig nicht aus , als wollte er Euch auch nur einen Daumen breit nachgeben . Ich sage Dir , Ulrich , es war hohe Zeit , daß Du Unterstützung bekamst . “ „ Warum nicht gar , Vater ! “ fuhr der junge Mann auf . „ Wir feiern kaum zwei Wochen , und ich hab ’ es ihnen vorhergesagt , daß sie sich zur Noth auf zwei Monate gefaßt machen müssen , wenn wir siegen wollen , und siegen müssen wir ! “ Der Alte schüttelte den Kopf . „ Zwei Monate ! Das hältst Du aus , und ich und der Lorenz halten es aus , aber nicht die , welche Frau und Kinder haben . “ „ Sie müssen ! “ sagte Ulrich kalt . „ Ich habe auch gedacht , daß wir leichter und schneller durchkommen würden . Ich habe mich eben geirrt . Wenn sie es drüben nun einmal bis zum Aeußersten treiben wollen , so wollen wir ihnen dieses Aeußerste auch bis auf den letzten Tropfen zu kosten geben . “ „ Oder sie uns ! “ warf Lorenz ein . „ Wenn der Herr wirklich – “ Ulrich stampfte wüthend mit dem Fuße . „ ‚ Der Herr ‘ ! Und immer nur ‚ der Herr ‘ ! Habt Ihr denn gar keine andere Bezeichnung für diesen Berkow ? Ihr habt ihn ja doch früher nicht so genannt , aber seit er ’ s Euch in ’ s Gesicht gesagt hat , was er ist und sein will , da kennt Ihr gar nichts Anderes . Ich sage Euch , wenn wir durchdringen , sind wir die Herren ; dann hat er nur den Namen noch und wir haben die Macht ! Er weiß recht gut , daß es darauf hinausläuft . Darum sträubt er sich eben so , und darum eben müssen die ganzen Forderungen durchgesetzt werden – um jeden Preis ! “ „ Versuch ’ s ! “ sagte der Schichtmeister kurz . „ Sieh ’ zu , ob Du allein die Welt auf den Kopf stellst ! Ich rede schon lange kein Wort mehr darein . “ Lorenz nahm seinen Hut vom Fensterriegel und schickte sich zum Gehen an . „ Du mußt am besten wissen , wie weit wir damit kommen . Du bist ja unser Führer . “ Ulrich ’ s Gesicht verfinsterte sich . „ Ja , ich bin ’ s , aber ich habe es mir leichter gedacht , Euch zusammenzuhalten . Ihr macht mir das Ding schwer genug ! “ Der junge Bergmann fuhr gekränkt auf . „ Wir ? Du kannst doch gewiß nicht über uns klagen ; es gehorcht Dir ja Alles auf ’ s Wort . “ „ Gehorchen ! “ Ulrich streifte mit einem düster forschenden Blick das Gesicht seines Freundes . „