Rücken . Die Kirche war völlig leer , die Andächtigen hatten sie bereits sämmtlich verlassen und soeben trat auch der Priester aus der Sacristei , wo er die gottesdienstlichen Gewänder abgelegt hatte , hinter ihm kam der Meßner , der mit einem verwunderten Blick die Fremden maß und dann an ihnen vorüberging , um die Kirche zu verlassen und sich in seine dicht daneben gelegene Wohnung zu begeben ; Benedict , der noch einige Minuten in der Nähe des Altars verweilte , wendete sich jetzt ebenfalls dem Ausgange zu . Als sei der Blitz vor ihm niedergefahren und habe ihm für Minuten Sprache und Bewegung geraubt , so regungslos stand er da beim Anblick der Beiden , die er wohl unter Allen auf Erden hier am wenigsten vermuthet . In dem Moment , wo er Lucie erblickte , sah er auch den Grafen an ihrer Seite , und Alles , was dies Wiedersehen sonst vielleicht wach gerufen , erstarrte in einer tiefen tödtlichen Bitterkeit , aber die Hand ballte sich krampfhaft unter dem dunklen faltigen Gewande Das also hatte seine Warnung gewirkt ! Ottfried war nicht minder peinlich berührt durch das unerwartete Zusammentreffen . Der Zufall schien sich heute ganz und gar gegen ihn verschworen zu haben , aber er war gewohnt sich in ähnlichen Lagen rasch zu fassen und fühlte , daß er seine Niederlage hier um keinen Preis verrathen dürfe . Auf Luciens eigene ihm wohlbekannte Scheu vor dem düsteren Mönche bauend , grüßte er nachlässig und sagte scheinbar mit vollkommener Ruhe : „ Entschuldigen Sie , Hochwürden ! Fräulein Günther wünschte auf einige Minuten hier einzutreten , Sie gestatten uns doch die Besichtigung Ihrer Kirche ? “ Lucie erbleichte , diese kecke Unverschämtheit raubte ihr für den Augenblick nicht allein die Fassung , sondern auch die Kraft , sich dagegen zu erheben . Noch bleicher als sie aber war der junge Priester geworden , der Blick , der sie jetzt traf , war voll eisiger niederschmetternder Verachtung und doch barg sich tief dahinter etwas wie verzweifeltes Weh . Ohne auch nur ein einziges Wort an sie zu richten , wandte er sich dem Grafen zu . Unser einfaches Gotteshaus bietet keine Merkwürdigkeiten ! Mir scheint , Herr Graf , Sie hätten draußen hinreichende und für Sie passende Unterhaltung genug gefunden , um die Kirche entbehren zu können ! “ Was der Blick begonnen , das vollendete der schneidende Ton dieser Worte , sie gaben Lucie die Besinnung und die Sprache zurück , sie fühlte dunkel , daß sie Alles ertragen könne , nur nicht die Verachtung auf diesem Antlitz . „ Graf Rhaneck spricht die Unwahrheit ! “ erklärte sie entschlossen , aber mit bebender Stimme , und es war nicht Ottfried ’ s Nähe , die sie jetzt erbeben machte . „ Ich habe mich hierher flüchten müssen vor seiner Zudringlichkeit . Ich hoffte , die Kirche würde mir Schutz gewähren – Graf Rhaneck ist mir dennoch gefolgt ! “ Ein Aufflammen brach glühend und leidenschaftlich hervor [ 171 ] aus den Zügen , die eben noch wie zu Stein erstarrt schienen , in der nächsten Secunde stand Benedict bereits neben dem jungen Mädchen und legte schützend die Hand auf ihren Arm . „ Mein Fräulein ! “ rief Ottfried , schwankend zwischen Zorn und Verlegenheit , „ Sie geben meinen harmlosen Galanterien eine eigenthümliche Auslegung . Hätte ich ahnen können , daß Sie einen Scherz – “ „ Genug ! “ unterbrach ihn Benedict mit dumpfer , noch mühsam beherrschter Stimme . „ Das Fräulein steht unter meinem Schutze . Verlassen Sie die Kirche , Graf Rhaneck ! “ Ottfried wurde blaß vor Wut bei diesen im Tone eines Befehls ihm zugeschleuderten Worten . „ Herr Pater Benedict , “ Sie haben das seltene Glück , stets unangreifbar zu sein , und pochen darauf , wie es scheint . Früher schützte Sie das Gewand , jetzt der Ort , wo wir stehen . Hüten Sie sich , auch meine Geduld könnte ein Ende erreichen . “ Benedict trat dicht an ihn heran . „ Sie werden dies Gewand und diesen Ort ehren , wenn Sie auch die Nähe einer Frau nicht zu ehren wußten . Noch bin ich Priester und ich weise Sie als solcher von der Schwelle meiner Kirche , sie dient nicht Ihrem Zeitvertreib . “ „ Noch sind Sie es ! “ Ottfried nahm seine Zuflucht zum Hohne , denn er wußte aus Erfahrung , daß diese Waffe den Gegner am schärfsten traf . „ Ueben Sie nur ja noch heute Ihre Priestergewalt , es möchte das letzte Mal sein , daß man Ihnen erlaubt , im Namen der Kirche zu sprechen , die Sie in Ihren Predigten so unverantwortlich preisgaben , und die mein Oheim hoffentlich vor Angriffen zu schützen wissen wird . “ Die Lippen des jungen Priesters zuckten verächtlich . „ Das Strafgericht des Prälaten kommt Ihnen wohl sehr gelegen , Graf Rhaneck ? Lassen Sie den Hohn ! Wir stehen hier auf geweihtem Boden , sonst – “ er vollendete nicht , aber der Blick , der die Worte ergänzte , machte Lucie zusammenschauern , das war wieder jenes furchtbare Auflodern , das sie einst im Tanze von der Seite des Grafen emporgeschreckt und von dem Ottfried spottend behauptet , „ der Fanatiker wolle ihn damit in die fernste Tiefe schleudern . “ Jetzt flammte jener Blick wieder in dem dunklen Auge und die Tiefe – war nicht weit ! Ottfried mochte wohl fühlen , daß er in diesem Streite den Kürzeren ziehen werde , und zog es deshalb vor , ihn zu endigen . Er erklärte kurz und hochmüthig : „ Wir sprechen uns noch , Herr Pater Benedict ! “ und verließ dann wirklich die Kirche , erst draußen ließ er seinem Grimm die Zügel schießen . Der Wind hatte sich inzwischen gelegt , aber das Gebirge begann sich zu umschleiern . Tief und tiefer senkten sich die Wolken in ’ s Thal herab , während die höher gelegenen Berge schon in einer dichten Nebelschicht verschwanden . Der Graf blickte den Weg hinunter , es fehlte nur , daß jetzt auch noch dieser Günther erschien , um ihn zur Rede zu stellen ! Wenn Ottfried ein solches Zusammentreffen auch nicht gerade fürchtete – als er Lucie hinabbegleitete , stand es ja jeden Augenblick zu erwarten – so wünschte er es doch jetzt noch viel weniger . Was blieb denn am Ende diesem Menschen gegenüber übrig , wenn er sich mündlich Unarten erlaubte , wie er es bereits schriftlich gethan ! Fordern konnte man ihn doch nicht . Graf Rhaneck und der Sohn eines Unterförsters ! Also that man am besten , die etwaige Begegnung zu vermeiden , besonders nach dem , was jetzt geschehen war . Mit einem erbitterten Blick nach der Kirche zurück wandte sich der junge Graf an den Meßner , der vor seinem Hause stand und nach dem Wetter sah . „ Giebt es keinen Weg nach N. zurück , als diesen hier ? “ Der alte Mann kam näher . „ Gewiß , Euer Gnaden ! Der Fußweg da bringt Sie in der halben Zeit nach dem Dorfe . “ Der Gebirgsbewohner dachte natürlich nicht daran , daß der Weg , den er stets mit solcher Gemüthsruhe ging , für die verwöhnten Füße eines Städters bedenklich sein könnte . Ottfried war aber nicht in der Stimmung , viel danach zu fragen , ob der Pfad bequem oder unbequem sei , er winkte dem Meßner mit der Hand einen vornehm nachlässigen Dank zu und verschwand zwischen den Felsen , in der angewiesenen Richtung . Benedict war an der Seite des jungen Mädchens in der Kirche zurückgeblieben . Er hatte Recht , es war nur ein einfaches kleines Gotteshaus , gleichwohl hatte es die Andacht der armen Gebirgsbewohner mit Allem geschmückt , was ihren dürftigen Mitteln nur zu Gebote stand . Noch schwebte der Weihrauchsduft durch den dämmernden Raum , das trübe Tageslicht draußen fiel gedämpft durch die schmalen , längst erblindeten Kirchenfenster und hüllte Altar und Seitenpfeiler in ein mystisches Halbdunkel , während die Wölbung oben schon im tiefen Schatten verschwamm . Verblaßte Bilder , halbverwischte Inschriften ringsum an den Wänden , dazwischen Todtenkränze , reich mit Bändern und Flittergold aufgeputzt , und statt der Blumen , die der rauhe Herbst hier oben nicht mehr zu geben vermochte , frisches Immergrün zu den Füßen des Madonnenbildes . Ueber dem Hochaltar aber schwankte dunkelroth die Ampel mit dem ewigen Lichte , die Ketten , welche sie trugen , verschwanden im Dunkel der Wölbung , es sah aus , als schwebe ein großes glühendes Auge da oben , das unverwandt auf die Beiden niederblicke . Der junge Priester hatte nicht gefragt , wie Lucie hierhergekommen und welcher Zufall sie allein mit dem Grafen zusammengeführt , ihm genügte es , daß dies Beisammensein ein erzwungenes war , und daß sie sich davor in seinen Schutz geflüchtet . Dies Wiedersehen riß ja ohnedies die letzte Hülle von der Wahrheit , die mit jeder Stunde , mit jedem Tage hier oben sich deutlicher vor ihm erhob , daß es umsonst gewesen war , all dies Fliehen und Kämpfen , daß er hier in der Ferne und Einsamkeit noch tiefer im Banne der Leidenschaft lag , als drunten im Stifte . Dies junge Wesen , das so gar nicht fähig schien , die Tiefen seines Innern zu verstehen oder auch nur zu ahnen , das mit seinen blauen Kinderaugen nur in eine Welt voll Sonnenschein und Freudenglanz blickte , dessen blumiger Weg so weit ab lag von der Bahn , die der finstere einsame Mönch von jeher gegangen , es hatte gleichwohl eine Gewalt über ihn errungen , vor der jede andere Empfindung machtlos zusammensank , vor der jede Willenskraft sich ohnmächtig beugte . Lucie stand scheu und ängstlich neben ihm , sie ahnte freilich nichts von dem Sturme , der sich unter dieser kalten Verschlossenheit barg , aber sie hatte freier geathmet in der Gegenwart Ottfried ’ s , selbst da , wo sein Wesen sich ihr in seiner ganzen Widerwärtigkeit enthüllte . Die Empörung darüber rief ihren ganzen Trotz und Stolz wach , gezittert hatte sie vor ihm auch in jenem Augenblicke nicht , aber hier , in dem sichern Schutz des blassen strengen Priesters , da zitterte sie . Es gab nur ein Auge , das im Stande war , ihr Furcht zu machen , und das Auge war jetzt wieder auf sie gerichtet , und sie wieder in dem alten Bann . Das leise Beben des jungen Mädchens entging Benedict nicht . „ Fürchten Sie nichts , mein Fräulein ! “ sagte er fest . „ Ich bleibe an Ihrer Seite , bis ich Sie in sicherer Obhut weiß . Der Graf wird Sie nicht weiter behelligen ! “ Lucie hob unwillkürlich das Auge empor , es war etwas in seiner Stimme , was ihr Angst einflößte , und in seiner Miene fand sie denselben Ausdruck wieder , der sie in den Worten erschreckt hatte ; stand doch eine tiefe drohende Falte auf seiner Stirn , die sie niemals dort gesehen . „ Es thut mir leid , daß Sie dem Grafen meinetwegen so feindlich gegenübertraten , “ sagte sie leise . „ Er wird es Ihnen schwerlich verzeihen . “ Benedict lächelte verächtlich . „ Beruhigen Sie sich ! Die Feindschaft zwischen Graf Rhaneck und mir datirt nicht erst von heute . Er hat mich von jeher mit seinem Hasse beehrt ! “ „ Aber “ – Lucie stockte und sie konnte doch die Frage nicht zurückhalten – „ was meinte er mit seinen räthselhaften Worten , es sei zu Ende mit Ihrer Priestergewalt ? Wollen Sie nicht mehr Priester bleiben ? “ Ein Ausdruck tiefster Bitterkeit überflog seine Züge . „ Ob ich will ? Meine Gelübde sind unauflöslich ! Unsere Kirche giebt ihre Geweihten niemals frei , es ist nur die Frage , ob ich mich noch ferner zu ihnen zählen darf ! “ Erschreckt und fragend richteten sich die Augen des jungen Mädchens auf ihn , er schüttelte finster das Haupt . „ Meinen Sie etwa , ich hätte eine Todsünde begangen ? Ich habe gepredigt , wie es mich die Begeisterung des Augenblicks und ein warmes Herz für meine unterdrückten Brüder lehrte , nicht wie Roms Kirche es vorschreibt . Das fordert Sühne , man hat im Stifte bereits über mich zu Gericht gesessen , ich weiß es ! Ich habe nur noch mein Urtheil zu empfangen . “ „ Und was kann man Ihnen denn anthun ? “ „ Alles ! “ Lucie machte eine unwillkürliche Bewegung des Schreckens . [ 172 ] „ Mein Bruder sagt , “ begann sie schüchtern , „ es sei gefährlich , die Herren im Stifte zu reizen . Wenn Sie sie gereizt haben – o mein Gott , so kehren Sie doch nicht zu ihnen zurück ! Bleiben Sie hier oder fliehen Sie ! es kann Sie ja in ’ s Verderben bringen . “ Sie hatte keine Ahnung davon , daß die unbewußte Angst , welche sie auf einmal mit dem Gedanken seiner Gefahr überkam , sich auch in ihrer Stimme verrieth , daß sie dabei die Hand wie flehend auf seinen Arm gelegt ; erst als die seinige diese Hand plötzlich umschloß , wollte sie zurückweichen , aber er gab sie nicht mehr frei . „ Schon zwei Mal habe ich heute die gleiche Warnung erhalten , die dritte und letzte kommt aus Ihrem Munde . Ich kann auch dieser letzten nicht folgen , ich kann nicht , Lucie ! Aber – ich danke Ihnen ! “ Das junge Mädchen schauerte leise zusammen unter diesen weichen bebenden Lauten , unter dem Klange ihres Namens , den sie zum ersten Male von diesen gefürchteten Lippen vernahm , sie hatte nicht den Muth , ihm die Hand zu entziehen . „ Herr Pater Benedict – “ Sie vollendete nicht , denn sie fühlte , wie seine Hand zuckte und die ihrige plötzlich fallen ließ . „ Pater Benedict ! “ wiederholte er langsam . „ Sie haben Recht , mein Fräulein , mich daran zu erinnern , wer ich bin . Ich stand im Begriff , es zu vergessen ! “ „ Heißen Sie denn nicht so ? “ fragte Lucie betreten . „ Im Kloster , im Mönchsgewande – ja ! Man läßt uns ja nicht einmal den Namen , der uns an die Zeit der Freiheit erinnern könnte ! Auch ich habe den weltlichen Namen ‚ Bruno ‘ mit dem heiligen ‚ Benedictus ‘ vertauschen müssen , gesegnet ist dieser Tausch für mich nicht gewesen ! “ Er schwieg plötzlich , auch Lucie wagte keine Erwiderung . Draußen jagten düstere Wolkenschatten vorüber und die Nebel legten sich dicht und dichter um das kleine Gotteshaus . Durch eines der offenen Kirchenfenster wehte der Luftzug herein und flüsterte leise in den welken Blättern der Todtenkränze , dunkler glühte das ewige Licht in der zunehmenden Dämmerung und warf seinen rothen Schein auf die Stufen des Altars , an dem die Beiden standen . „ Sie lieben das Kloster nicht ? “ fragte Lucie endlich leise . „ Ich hasse es ! “ Das junge Mädchen hob mit einem Anfluge von ihrem früheren Trotze das Haupt . „ Und warum sagen Sie sich denn nicht los davon ? “ Die dunkeln Augen des jungen Priesters hefteten sich fest auf ihr Antlitz , noch ahnte sie nicht , was diesen Blick so seltsam aufglühen machte . „ Würden Sie sich so leicht von einem Bande lossagen , an das ein Schwur Sie fesselt , oder einem Manne vertrauen , der es gethan ? Würden Sie zum Beispiel diesem Manne hier am Altare Ihre Hand reichen für das Leben ? “ Lucie schwieg , betroffen durch die seltsame Frage und mehr noch durch den Ton derselben . Es klang etwas daraus wie Todesangst , wie das athemlose Forschen eines Verurtheilten , der in einem einzigen Worte Begnadigung oder Verdammniß erwartet . „ Ich weiß nicht ! “ stammelte sie endlich . „ Ich – “ „ Sie würden es nicht thun ! “ ergänzte er , aber die Stimme war auf einmal matt und klanglos geworden . „ Ich wußte es ! Schrecken Sie doch nicht so vor mir zurück ! “ fuhr er mit ausbrechender Heftigkeit fort , als sie in der That , erschreckt durch sein räthselhaftes Wesen , einen Schritt zurückwich . „ Ich will ja diese Hand nicht an mich reißen ! Dem Priester Roms ist ja ewig versagt , was den Dienern Ihrer Kirche gewährt wird . Der Altar , an dem sie frei und offen vor aller Welt ihr Weib empfangen , er steht auf ewig zwischen uns und jedem Lebensglück . Uns ist nur die Wahl gestellt zwischen Entsagung oder Verbrechen , und wenn man nicht entsagen kann und das Geliebte nicht entweihen will , dann bleibt nur Eines übrig – der Untergang ! “ Regungslos stand Lucie vor ihm , entsetzt , betäubt von der Ahnung , die jetzt endlich in ihr aufdämmerte . Allmächtiger Gott , was war das ? Sollten diese Worte ihr gelten ? Sie blieb nicht lange im Zweifel , der Strom hatte seine Ufer einmal gebrochen , und nun zwang ihn auch nichts mehr zurück in die alten Grenzen , aber selbst in diesem jähen Hervorbrechen eines mondenlang streng behüteten Geheimnisses war noch etwas von dem Zügel , den die Nähe des Altars und die Gewohnheit steter Beherrschung dem Priester auferlegte . Wie fest gewurzelt stand er auf feinem Platze , drei Schritte von ihr entfernt , und machte auch nicht den leisesten Versuch , sich ihr zu nähern . „ Ich habe Sie geliebt , Lucie , von dem ersten Moment an , wo Sie ahnungslos , wie ein jauchzendes Kind , an mir vorüberflogen . Was es war , das mich wie mit Naturgewalt gerade zu Ihnen zog , deren ganzes Sein und Wesen so fernab liegt von dem meinen , ich weiß es nicht , aber diese Liebe ist mir zum Verhängniß geworden . Ich habe dagegen gekämpft mit der ganzen Willenskraft des Mannes , mit der ganzen Gewissensangst des Priesters , ich bin davor geflohen bis in die fernste Einsamkeit , es war alles umsonst ! wie ein Dämon hing sich diese Leidenschaft an jeden meiner Gedanken , stahl sie sich in jeden meiner Träume und wühlte jede Faser meines Innern auf , wenn ich scheinbar kalt und verschlossen meiner Umgebung gegenüberstand . Was ein Mensch nur ringen und streiten kann , das habe ich gethan , aber es giebt eine Grenze auch für die menschliche Willenskraft , und die meinige hat jetzt ihr Ende erreicht ! Ich unterliege ! “ Er wartete vergebens auf eine Antwort . Lucie hatte beide Hände vor das Gesicht geschlagen , die blendende Helle , welche auf einmal niederfloß , traf sie mit der ganzen schmerzenden Gewalt wie der erste Lichtstrahl den blind Gewesenen . Geliebt von diesem Manne ! Ihr galten die Regungen dieser dämonischen Tiefe , die sich so jäh ihr und nur ihr allein entschleierte ! Es war das zweite Mal in ihrem Leben , daß man es wagte , dem jungen Mädchen von Liebe zu sprechen . Einst hatte Graf Ottfried vor ihr auf den Knieen gelegen und um Erhörung gefleht , und während seine Schmeichelworte ihr Ohr betäubten und ihre kindische Eitelkeit in dem Triumphe schwelgte , tönte die rauschende Musik aus dem hell erleuchteten Ballsaal herüber , wo die Paare vorüberschwebten . Hier – rauschte nur der Wind in den Todtenkränzen und das ewige Licht glühte nieder auf die Beiden , die eben jener Ort für ewig trennte , der sonst zwei Menschen eint für das ganze Leben . Hier kniete Niemand vor ihr , aufrecht stand jene hohe Gestalt ihr gegenüber , und die dunkelglühende Leidenschaft , welche ihr entgegenfluthete , hatte nichts gemein mit den Tändeleien des Grafen . Schien es doch fast , als sei sie dem Hasse verwandt , als sei jedes dieser Worte , die dumpf und gepreßt von seinen Lippen kamen , nur dem innern Widerstreben abgerungen , das sich noch immer empörte gegen die „ Naturgewalt “ , die ihn zu ihr zog . Und doch wühlte es ihre ganze Seele auf bis in die tiefsten Tiefen . Ihr war , als sänke die ganze Vergangenheit hinab auf Nimmerwiederkehr und mit ihr auch das Kind , das bisher spielend Alles hingenommen , Alles weggelacht und weggescherzt hatte , als sei das ganze Leben nur eine sonnige Wiese , über die man hinwegtanzen könne , und was sich statt dessen vor ihr erhob , so ernst , so geheimnißvoll und feierlich , das war nicht jene Liebe , die sie sich geträumt , aber es nahm mit räthselhafter Gewalt ihr ganzes Wesen gefangen . Der Schatten , den jene dunkle Gestalt von jeher auf ihren Weg geworfen , gewann jetzt Form und Leben , sie wußte jetzt auch , weshalb sie diese Augen geflohen hatte und daß die Flucht umsonst gewesen war . – Es war todtenstill in dem düstern Raume , langsam verließ Benedict seinen Platz und trat an ihre Seite . „ Sie schweigen ? “ sagte er ruhiger , aber tonlos . „ Ich wußte es , daß mein Bekenntniß Ihnen nur Schrecken und Abscheu einflößen konnte , aber einmal mußte die Last herunter von der Brust ! Vielleicht gehe ich nun leichter in die Entscheidung , die meiner wartet , und dem Verurteilten ist ja noch ein letztes freies Wort erlaubt . Ich habe Ihren Frieden gestört , aber glauben Sie mir , Lucie : was ich ertragen habe , ehe es so weit kam , ist wohl die paar Thränen werth , welche Ihnen diese Stunde kostet , die vielleicht schon morgen vergessen ist . Leben Sie wohl ! “ Es schien , als wolle sich beim Abschied die frühere Weichheit noch einmal Bahn brechen , aber das Lebewohl überfluthete schon wieder die ganze Bitterkeit des Mannes , der sich unverstanden wähnte . Er wandte sich stürmisch ab und ließ sie allein . Aber mit seiner Entfernung löste sich auch der Bann , der das junge Mädchen regungslos gefesselt hielt , sie fuhr auf und machte eine Bewegung , ihm nachzueilen . „ Bruno ! “ [ 185 ] Es war ein Laut flehender , unaussprechlicher Angst , mit welchem Bruno ’ s Name an die Wände schlug , ein Ton , wie er noch niemals aus diesem Kindesmunde gekommen ; aber es war zu spät , der junge Priester befand sich bereits draußen im Freien . Sie sah sich allein in der dämmernden Kirche , stärker schwankte die Ampel über dem Hochaltar , stärker wehte der Luftzug herein und wie von Geisterhand berührt löste sich einer der Todtenkränze von der Wand und fiel schwer zu Boden – Lucie schauerte zusammen . – Eine fremde Gestalt erschien nunmehr in der Kirchenthür und in der nächsten Minute stand ein kleiner alter Mann an der Seite des jungen Mädchens . „ Wenn es dem Fräulein jetzt gefällig wäre , ich stehe zu Diensten , “ begann er höflich . Lucie sah ihn verstört an . „ Wer sind Sie ? “ „ Ich bin der Meßner ! Hochwürden der Herr Caplan hat mir befohlen , bei dem jungen Fräulein zu bleiben und es sicher zurückzubringen nach – ? “ „ Nach N. ! “ war die leise halb erstickte Antwort . „ Nach N. ? “ wiederholte der Alte verwundert . „ Dahin geht der Herr Caplan ja eben auch , da hätte er das selbst thun können ! Nun , er meint vielleicht , der Weg über die wilde Klamm ist nicht für solche Füßchen , wie die Ihrigen ; wir gehen natürlich die Fahrstraße . “ Lucie erwiderte nichts , mechanisch folgte sie dem Manne , in dessen Schutz sie Benedict gegeben , aber sie ging wie im Traume befangen an seiner Seite und hörte kein Wort von allem , was ihr der redselige Alte über das Gebirge und den Herbst und Winter hier oben erzählte – Er kehrte also auch nach N. zurück ! – Benedict hatte in der That den Felspfad eingeschlagen , den vor ihm auch Ottfried gegangen war . Er freilich kam auf diesem Wege schneller vorwärts , als die verwöhnten und unsicheren Füße des jungen Grafen es vermochten , schon nach wenigen Minuten lag die Wallfahrtskirche hinter ihm . – – Die hohen Gebirgshäupter haben sich längst wieder in ihr Nebelgewand gehüllt , nur bisweilen schimmern die weißen Schneegipfel hindurch , um sich gleich darauf wieder zu verschleiern . Aus den Schluchten heben sich die Wolken empor , und ziehen hin und her , und lagern sich auf den Pfad des Wanderers , als wollten sie ihn zurückscheuchen . … Ueber der „ wilden Klamm “ zieht es sich drohend zusammen , und das düstere Sturmgewölk , das langsam am Horizonte emporsteigt , hüllt die schon dämmernde Schlucht in noch tiefere Schatten . Als wolle der ganze Himmel herabstürzen in jenen Schlund , so schwer und düster hängt es über jenen Klippen , und unten in der Tiefe kocht und zischt das Gewässer und rauscht triumphirend auf – das ersehnte Opfer ist ihm ja nun endlich geworden ! Zerbrochen hängen die Trümmer des Geländers herab von der Brücke und die Wellen schäumen hinweg über ein jugendliches Haupt , das blutig , zerschmettert im Sturze , in ihrem kalten Schooße sein Grab gefunden ! Die Nachricht von dem jähen und schrecklichen Tode des jungen Grafen Rhaneck machte ungeheueres Aufsehen in der ganzen Umgegend . Der einzige Sohn ! der Majoratserbe ! der letzte Sproß des alten berühmten Geschlechts , auf dem die ganze Hoffnung der Familie ruhte ! Was dem Hause Rhaneck nur irgendwie nahe stand , wurde mitbetroffen von dem furchtbaren Geschick , das so unerwartet die beiden Eltern heimgesucht hatte . Die Gräfin , so unbedeutend und unempfindlich für alles Tiefere sie auch sonst sein mochte , hier war sie nur Mutter , und der Verlust des einzigen Kindes raubte ihr fast die Besinnung , der Graf war unmittelbar nach Empfang der Unglücksbotschaft in ’ s Gebirge zurückgereist und die Verstörung , die im ganzen Schlosse herrschte , steigerte sich womöglich noch am folgenden Tage , wo er mit der Leiche seines Sohnes wieder eintraf . Selbst die Dienerschaft , obgleich sie sonst gerade nicht mit besonderer Liebe an dem jungen Herrn hing , dessen hochmüthiges , verletzendes Wesen sie so oft hatte empfinden müssen , trug mit an dem Schmerze der Herrschaft . Der jähe Tod hatte all die Fehler des Lebenden verwischt und ausgelöscht , man vernahm nur Stimmen des Entsetzens und des Mitleids . „ Ich hab ’ s ja gesagt ! “ jammerte Florian , der alte Reitknecht . „ Ich hab ’ s gewußt , daß es ein Unglück geben würde , schon damals , als wir im Frühjahr hierherkamen und der junge Herr den ersten Ritt in die Berge machte , bei dem der Almansor ihn abwarf . Almansor scheut sonst nie und gehorcht auf ’ s Wort , aber auf der Brücke stand er mit einem Male wie festgemauert und zitterte am ganzen Leibe , während der Schweiß ihm nur so niederfloß , und kein Sporn und keine Peitsche brachte ihn auch [ 186 ] nur einen Schritt vorwärts . Solch ein Thier sieht und weiß oft mehr als Unsereiner ! Er scheute immer nur vor der Schlucht drüben , als wenn er den Herrn damals gesehen hätte , so wie sie ihn heute brachten ! “ „ Der Gräfin wird die Geschichte noch das Leben kosten ! “ meinte einer der Lakaien . „ Die Aerzte und Kammerfrauen wissen nicht mehr , was sie anfangen sollen , sie fällt von einer Ohnmacht in die andere . “ Der gleichfalls schon bejahrte Kammerdiener des Grafen schüttelte ernst den Kopf ! „ Ich will denn doch lieber die Krämpfe und Ohnmachten der Gnädigen mit ansehen , als das Gesicht unseres Grafen , wie der Pfarrer von N. , der die Nachricht brachte , aus seiner Thür trat . Und vollends heute , als er aus dem Gebirge zurückkam – Jesus Maria ! Wie sah der Herr aus ! Als hätte er einen Blick in die leibhaftige Hölle gethan . Ich wagte nicht , ihm nahe zu kommen . “ „ Bei unserem Prälaten ist die Sache auch tiefer gegangen , als wir ’ s alle für möglich hielten , “ mischte sich jetzt ein Diener des Abtes ein , der seinen Herrn nach Rhaneck begleitet hatte , und nun des Befehls zur Abfahrt harrte . „ Der Hochwürdigste hat sonst ein Gesicht wie aus Eisen gegossen . Man sollte meinen , es könnte sich überhaupt nichts darin rühren , und es rührte sich auch wirklich nichts , selbst als der Pfarrer Clemens zu ihm kam – er saß grade mit den übrigen Herren Paters bei Tische – und gleich beim Eintritt meldete , er brächte eine Unglücksbotschaft . Aber als es nun hieß ‚ Graf Ottfried ‘ , da fuhr er doch vom Stuhle auf , weiß wie die Wand , und schrie dem Pfarrer zu : ‚ Sie lügen ! Das ist nicht möglich ! Das kann nicht sein ! ‘ Heiliger Benedict ! In meinem ganzen Leben vergesse ich den Ton nicht . “ Während die Dienerschaft so ihrer Theilnahme Luft machte , herrschte in den oberen Räumen des Schlosses eine unheimliche Stille . Die Gräfin war in ihren Gemächern , von all der äußeren Hülfe umgeben , die ihr Zustand nothwendig machte , der Graf befand sich in seinem Wohnzimmer allein mit dem Bruder , der sofort an seine Seite geeilt war . Auch der Prälat schien von dem furchtbaren Ereigniß härter getroffen , als man es bei seinem stählernen Charakter hätte voraussetzen sollen , er raffte offenbar all seine Kraft