, die man sich nicht verhohlen ins Ohr sagte , nein , von der die Täler dies- und jenseits der rätischen Alpen widerhallten . Aber das war das Geringste – Schlimmeres drohte – Bünden unterhandelte mit Spanien , behauptete Wertmüller . Und nicht etwa einzelne Parteigänger und Unruhestifter zettelten , sondern das gesamte Volk war in Gärung und Verschwörung gegen Frankreich begriffen und Jenatsch , der heillose Heuchler , hielt das ganze Spiel des Betrugs in der Hand . Der Herzog pflegte gemeiniglich leichthin zu erwidern , derartiges habe sich noch nie ereignet , es sei schlechterdings undenkbar , daß ein ganzes Volk sich wie eine geheime Gesellschaft verschwöre , unmöglich , daß nicht mindestens einer ihn warnte unter seinen vielen redlichen Anhängern im Lande . Im schlimmsten Falle würde ihn sein Gastfreund , der ruhige , wohlunterrichtete und keiner Partei pflichtige Doktor Sprecher , gegen dessen ehrenwerte Gesinnung selbst der Locotenent nichts werde einwenden können , vor solchen unerhörten verräterischen Anschlägen sicherstellen . Der unbekehrbare Zürcher ließ das nicht gelten . Was die Verschwörung eines ganzen Volkes betreffe , so wolle er gerne zugeben , sagte er , daß sie nirgends möglich wäre , als unter den Bündnern , die mit dem nordischen Phlegma die südliche Verschlagenheit in glücklicher Mischung vereinigten . Der erste beste dieses Volkes könne dem geriebensten Diplomaten zu raten geben . Die Staatskunst sei hier so allgemein verbreitet und landesüblich , daß das ganze Volk wie ein Mann rede oder schweige , wenn es sich um einen deutlichen Vorteil handle ; die Schwierigkeit sei also nur , den langsamen Köpfen die Rechnung klarzumachen und dafür werde der Volksredner Jenatsch ausgiebig gesorgt haben . Was den gelahrten Herrn Doktor angehe , so wolle er ihm nicht zu nahe treten , aber für mutig halte er ihn nicht , wenigstens nicht einer gewissen geheimen Ferne gegenüber , von der man munkle . Er könne hier seine Quellen nicht nennen ; aber er müsse glauben , es sei im Lande ein Geheimbund errichtet mit Statuten , die sie den Kletten- oder Kettenbrief nennen – wahrscheinlich um das feste Ineinandergreifen und Zusammenhalten der Bundesglieder zu bezeichnen . Auf Verrat stehe der Tod . Er wolle nun nicht behaupten , daß der Doktor ein Glied dieser Kette sei , er sei nicht das Eisen dazu , aber daß er sich vor diesen Banditen sträflich fürchte , das sei mehr als wahrscheinlich . Diese Verschwörung , deren Verräter dem Tode verfalle , behandelte der Herzog als eine vom Müßiggange erfundene und geglaubte Schauergeschichte . » Man hat Euch das aufgebunden , Wertmüller « , pflegte er zu scherzen , » um Euerm Argwohne gleich das stärkste Gewürz vorzusetzen ! Und gesteht nur , Ihr verdient etwas für Eure böse Zunge . « Am verdächtigsten war dem Locotenenten die Keckheit , mit der Jenatsch den Herzog über dessen eigene Stellung am französischen Hofe mit schmeichelnden Worten zu täuschen versuchte . Darüber mußte sich Heinrich Rohan doch selber im klaren sein . Was konnte den Bündner dazu bewegen , fragte sich Wertmüller , wenn nicht die teuflische Absicht , den guten Herzog von allen Seiten mit Netzen der Täuschung und dämoschen Irrsals zu umspinnen , um den Sichergewordenen um so gewisser zu verderben ? Und sein Haß gegen den Obersten steigerte sich ins Unglaubliche . Priolo war unverrichteter Dinge von Paris zurückgekommen – Wertmüller nahm an , er sei in das Zögerungssystem des Kardinals eingeweiht und von diesem gewonnen – und wurde mit neuen Briefen wieder weggesandt , welche die dringendsten Vorstellungen enthielten , doch ja die Unterzeichnung des für Frankreich verhältnismäßig günstigen Vertrags nicht länger zu verzögern , nicht die Bündner dadurch spanischen Anerbietungen zugänglich zu machen . Kaum war Priolo abgereist , so berichtete der tapfere Herr von Lecques , den Rohan an der Spitze seines Heeres im Veltlin zurückgelassen hatte , von drohenden Zeichen des Ungehorsams unter seinen Bündnertruppen , die auf eine allgemeine Gärung im Volke hindeuteten . Er würde , schrieb er , diesen einzelnen Vorfällen weiter keine Bedeutung beilegen , wenn nicht die Spanier in ansehnlichen Massen sich der Grenze näherten , wenn nicht der Herzog von seinem Heere getrennt wäre und sich in der Mitte eines , wie er fürchte , mit der Politik Frankreichs täglich unzufriedener werdenden Landes befände . Er schloß seinen Bericht damit , daß er den Herzog bat und beschwor , sich um jeden Preis mit seinem getreuen Heere im Veltlin zu vereinigen . Sei dies geschehen , habe er , Lecques , seiner peinigenden Verantwortung sich entledigt und den Befehl in die ruhmreichsten Hände niedergelegt , so freue er sich , an der Seite seines Feldherrn , den Degen in der Faust , der ganzen Welt zu trotzen . Wertmüller vernahm diesen rettenden Vorschlag mit Jubel- und fluchte wütend , als er nach dem nächsten Besuche des Obersten wahrnehmen mußte , daß es diesem gelungen war , den Herzog zu überzeugen , sein Aufenthalt in Chur sei völlig gefahrlos , für die französischen Interessen in Bünden vorteilhaft , bei der Verehrung , die seine Person im Lande genieße , zur Beruhigung der Gemüter sogar unumgänglich notwendig . Ein Augenblick des Zweifels kam auch für den edlen Herzog . Es war Wertmüller gelungen eine Spur aufzufinden , deren Verfolgung ihn in den Stand setzen konnte , auch das blindeste Vertrauen zu erschüttern . Er hatte in der Schenke zum staubigen Hüttlein die Bekanntschaft eines welschen Quacksalbers gemacht und zufällig erfahren , dieser gedenke jetzt in das Land des Lorbeers und der Myrte zurückzukehren . Das abenteuerliche Männchen , das sich in dem kalten Klima den Magen mit dem gefährlichen weißen Completer wärmte , rühmte sich in prahlerischer Weinlaune seiner hohen diplomatischen Beziehungen und Fähigkeiten ; in Wertmüller , der ihn bewundernd anhörte und ihm fleißig einschenkte , blitzte eine Erinnerung auf . Jüngst , als er spät in der Nacht den bischöflichen Palast verließ , hatte er dies unverkennbare Figürchen bei schwachem Mondscheine in einer Ecke des Hofes neben einer Holofernesgestalt und im eifrigsten Gespräche mit dieser erblickt – nur einen Moment , denn die beiden waren beim Klirren seines Schrittes unter einem Torwege verschwunden , aber genügend lang für sein scharfes Auge , um die auffallende Gestalt des Wunderdoktors deutlich gewahr zu werden und in der andern , von einem dunkeln Mantel umhüllten , den Obersten Jenatsch zu vermuten . Das genügte , um den unternehmenden und durch die Winterruhe gelangweilten Locotenenten zu einem lustigen Handstreiche anzufeuern . Er belauerte die Abreise des Italieners , nahm auf ein paar Tage Urlaub , ritt dem fahrenden Wunderdoktor nach und holte ihn auf seinem feurigen Fuchs gegen Abend des ersten Reisetages ein . Wie ein Wegelagerer überfiel er ihn an einer einsamen Stelle der Gebirgsstraße . Der erschrockene Quacksalber mußte zuerst seinen Apothekerkasten ausräumen und sich dann einer Durchsuchung seiner Person unterwerfen . Wie triumphierte Wertmüller , als er , dem Doktor freundschaftlich auf den Rücken klopfend , ein knisterndes Papier verspürte , das zwischen Tuch und Unterfutter eingenäht war , und dann mit der Pflasterschere des Unglücklichen aus dessen scharlachrotem Rocke unversehrt ein eigenhändiges Schreiben seines Feindes an einen Kapuzinerpater herausschnitt , worin Jenatsch diesem Aufträge an den Gubernatore Serbelloni in Malland gab . Der Wortlaut freilich war dunkel , aber die Tatsache selbst sprach um so klarer . Nachdem der Locotenent den schlotternden Zahnausreißer beruhigt und aus seiner Reiseflasche gestärkt hatte , jagte er in freudigem Galopp nach Chur zurück . Jetzt war der Verräter Jenatsch in seinen Händen . Er erreichte die Stadt in vorgerückter Nachtstunde und wurde kaum noch vorgelassen . Der Ungeduldige mußte sich damit begnügen , seinem Herrn den verräterischen Brief mit einer gedrängten Auseinandersetzung des Zusammenhangs zu überreichen . Als Wertmüller dann am nächsten Morgen nach einem glücklichen Schlafe sich dem Herzog vorstellte , fand er diesen in sehr getrübter Stimmung und nicht geneigt , auf eine Besprechung des ihm , wie er sagte , unerklärlichen und sehr schmerzlichen Vorfalles einzugehen . Er müsse auch von anderer Seite sich darüber Aufklärung verschaffen . Kurz vor der Stunde , zu welcher Jenatsch täglich dem Herzog aufzuwarten pflegte , wurde der Locotenent mit einem Tagesbefehl nach der Rheinschanze beordert , und , so scharf er auch ritt , er kam zu spät , um dem Obersten vor Herzog Heinrich Stirn gegen Stirn entgegenzutreten . Bei seiner Rückkehr traf er diesen in der heitersten Laune und wie von einer schweren Last befreit . » Besten Dank für Euern löblichen Diensteifer , braver Wertmüller ! « empfing er den Adjutanten . » Diesmal hat er Euch freilich trotz Eures mit Argusaugen blickenden Scharfsinns in eine grobe Falle gelockt . – Ungern tue ich Eurer Eitelkeit weh . – Jenatsch war hier und ich habe ihn mit aller Offenheit zur Rede gestellt . Er hat sich vollkommen gerechtfertigt . Der Brief ist falsch und die Handschrift auf merkwürdig geschickte Weise nachgeahmt . Der Oberst hat Feinde , in deren Interesse es liegt , ihm mein Vertrauen zu rauben . Sie ahnen nicht , daß sie es mit ihren Kabalen im Gegenteil immer mehr befestigen . Er hat deren namentlich am bischöflichen Hofe unter Euren geistlichen Genossen am Spieltische , Wertmüller . Sie kennen Euch und zählten auf Euern Argwohn und Eure Unternehmungslust . Da Ihr aus Euerm Widerwillen gegen den Oberst und , Euch zur Ehre sei ' s gesagt , aus Eurer Anhänglichkeit an meine Person kein Geheimnis macht , so war die Intrige der geistlichen Herrn bald eingefädelt . Der elende Dottore war ihr bestochenes Werkzeug . – Gesteht , er hat seine Rolle gut gespielt ! Wo wird sich ein Italiener den Anlaß zu einer Komödie jemals entgehen lassen ! – Was endlich jene nächtliche Unterredung zwischen Jenatsch und dem Quacksalber unfern der bischöflichen Residenz betrifft , die Euch zu denken gab , so hat es damit seine Richtigkeit – sie drehte sich um das Ausschneiden von Leichdornen . Erinnert Euch , daß Ihr über den Obersten gespottet habt , als er vor ein paar Tagen mit einem Pantoffel am linken Fuße einherschritt . « Wertmüllers herbes Gesicht verfinsterte sich unter dieser Rede dermaßen , daß der Herzog ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn freundlich mit den Worten verabschiedete : » Sprechen wir nicht mehr davon , mein Lieber , die Sache ist nicht von Wichtigkeit . « Fruchtlos brütend , wie er dem Obersten trotz alledem noch beikommen könne , verließ Wertmüller das herzogliche Gemach . In seinem Zustande verbissener Wut bemerkte er nicht , daß ein blondes Engelsköpfchen sich die Treppen heran ihm entgegenbewegte . Es war die goldlockige Tochter des Hauses , Fräulein Amantia Sprecher , die sich mit einem Strauße erster Märzglöckchen zu dem Herzog begab . Nicht nur übersah sie der Ungestüme , er raste in so weiten Sprüngen die Steinstufen hinunter , daß er sie fast niederrannte . Bestürzt hielt sie sich an dem reich verschlungenen Eisengeländer und sah ihm mit ihren unschuldigen blauen Augen sinnend und vorwurfsvoll nach . War das derselbe Wertmüller , der ihrer Lieblichkeit sonst in auffallender Weise huldigte , der den ganzen Winter einer ihrer bevorzugten Tänzer gewesen war ? Auch auf morgen hatte er sie ja wieder zum Balle , dem letzten und glänzendsten des Faschings , eingeladen . Welche Tarantel hatte ihn heute gestochen ? Wohl war er ihr auch sonst zuzeiten rücksichtslos erschienen , wenn er sich spöttisch und wegwerfend über bündnerische Zustände und Sitten äußerte . Wer oder was blieb überhaupt von seiner scharfen Zunge verschont ! Mit ihr hatte er doch bis jetzt immer eine Ausnahme gemacht und sie war dafür nicht unempfindlich geblieben . Ihre sanfte kindliche Schönheit und das Gleichgewicht ihrer durchaus friedfertigen Sinnesart wirkte anziehend und beruhigend auf den quecksilbernen Offizier . Die Sprecherin ihrerseits hatte sich in allen Züchten zuweilen mit dem Gedanken beschäftigt , wie sich dieser zürcherische Unband wohl als Eheherr ausnehmen würde , und hatte seine Tapferkeit , den unbestreitbaren Wert seiner Treue an dem edeln frommen Herzog und seine hochgehenden Lebensaussichten mit weisem Herzen in die Waage gelegt gegen seine Schroffheiten , sein absprechendes Wesen und seine Spöttereien über Geistlichkeit und Gottesdienst , die vielleicht doch im Grunde weniger schlimm gemeint waren , als sie übel klangen . Doch war sie – nach dieser rauhen Begegnung mußte sie sich ' s gestehen – noch keineswegs zu einem günstigen Ergebnis gekommen . So entschlug sie sich dieser Gedanken ohne daß es sie große Mühe kostete und wandelte , den silberhellen Blumenstrauß in ihrer Hand ordnend , langsam die letzten Stufen hinauf . Fräulein Amantia hegte für den edlen Gast ihres Vaters eine unbegrenzte Verehrung , welche die liebenswürdige Leutseligkeit des Herzogs von jeder Zutat beklommener Scheu befreit hatte . Sie pflegte alltäglich zu einer Stunde , wo er sich nicht ungern stören ließ , in seinem Empfangszimmer zu erscheinen und nach seinen Wünschen zu forschen . Er ermangelte dann nie , hatte er nicht dringende Geschäfte , das gute Kind zurückzuhalten und sich nach den Interessen ihres Tages zu erkundigen . Heute kam sie eben aus der Wochenpredigt , weniger erbaut als in Zweifel versenkt , denn der Pfarrer Saluz hatte über einen außer der Reihenfolge liegenden Text mit großer Heftigkeit gepredigt , und über welchen schauerlichen Text – den Verrat des Judas Ischariot , Matthäus am sechsundzwanzigsten ! Er hatte dadurch seine Zuhörer in große Aufregung versetzt , die sich ängstlich nach dem Zielpunkte dieser Anspielung umsahen , und sich , sagte Fräulein Amantia , fast wie seinerzeit die Jünger fragten : » Herr , wer ist es , der dich verrät ? « Achtes Kapitel Achtes Kapitel Wenige Tage später , den 19. März , eilte der gelehrte Ritter Fortunatus Sprecher die Treppe zu den Gemächern seines erlauchten Gastes herauf . Diese frühe Morgenstunde konnte unmöglich zur Fortsetzung der Biographie des Herzogs geeignet sein ; auch war das Antlitz des Ritters , der krampfhaft ein großes mit dem Bündnerwappen verziertes Druckblatt in der Hand hielt , wie solche zu öffentlichen Kundgebungen an die Mauer geschlagen werden , heute besonders schwer verdüstert . Oben angelangt , blieb er atemlos einen Augenblick stehen und sammelte sich . Doch ließ er dem Kammerdiener kaum Zeit ihn anzumelden und drang ohne die gewohnte Rücksicht und Höflichkeit in das Arbeitszimmer des Herzogs ein , wo dieser , seine Bibel lesend , im Erker saß und jetzt , über die Störung erstaunt , zu dem Eintretenden aufblickte . » Es sind unerhörte Ereignisse « , begann Herr Sprecher , » die mich zwingen , erlauchter Herr , Eure Morgenandacht zu stören . Es ist , kaum wage ich es auszusprechen , die Sorge um die Sicherheit Eurer edlen Person , die mich dazu treibt . Könnt ich Euch doch in mein Herz blicken lassen , damit Ihr darin meine aufrichtige und in jeder Probe stichhaltige Ergebenheit läset , überzeugender als mein Mund sie ausdrücken kann ! – In meine geschichtlichen Arbeiten vertieft und gewohnt auf die eiteln Geräusche des Tages wenig zu merken , habe ich leider die Bedeutung der wirren Stimmen unterschätzt , die allerdings in der letzten Zeit an mein Ohr schlugen . Ich wollte Euch nicht unnötig damit beunruhigen . « Der Herzog erhob sich rasch . » Kommt zur Sache , Herr ! « sagte er bestimmt und ruhig . » Was ist das für ein Blatt ? Gebt her . « Sprecher überreichte das verhängnisvolle Druckblatt und stöhnte mit sinkender Stimme : » Es ist der Aufstand gegen Frankreich und die Ernennung des Jürg Jenatsch zum Obergeneral der drei Bünde ! « – Rohan durchlief das Blatt und erblaßte . Es enthielt einen Aufruf an das Volk , der die Beschwerden der Bündner gegen die Krone Frankreich in kurzen , treffenden Worten zusammenfaßte und zum Vertrauen auf Spanien-Österreich aufforderte , das sich bereit erkläre , Bündens alte Grenzen und Freiheiten zu gewährleisten . Alle bündnerischen Waffen wurden unter den Befehl des Jürg Jenatsch gestellt . Die Schlußworte lauteten : » Ihr Gemeinden der drei Bünde , greift zum Schwert , erhebt euch zum Landsturm im Namen des Herrn . Sammelt euch bei Zizers nächst Chur am neunzehnten des Märzen . « Hier folgten die Unterschriften der drei Bundeshäupter , obenan diejenige des Amtsbürgermeisters Meyer von Chur . Der Herzog warf das Blatt empört auf den Tisch . Er rief nach seinen Dienern , befahl zu satteln und fragte nach Wertmüller Mit diesem wollte er nach der Rheinschanze reiten . Seine schnelle Geistesgegenwart und militärische Spannkraft verließ ihn nicht einen Augenblick . Während ihn sein Diener ankleidete , wagte der geängstigte Sprecher noch einige Beteuerungen , Andeutungen und Räte . » Die Unterschriebenen sind alle Mitglieder des Kettenbundes Gott weiß , ich hielt ihn für eine gemeinnützige Gesellschaft ohne gefährliche Nebenzwecke ! – Und dieser Bürgermeister Meyer , der sich immer so verächtlich über den charakterlosen Jenatsch und so feindselig gegen das papistische Spanien äußerte ! . . . Ich fürchte , erlauchter Herr , mein Hausrecht wird Euch hier nicht schützen können ! . . . Ihr kommt durch die nach Zizers strömenden Volksmassen nicht mehr in die Rheinschanze ... Horcht ! Mein Gott , nun läutet es auch in der Stadt von allen Türmen Sturm ... Vielleicht ließe sich nächtlicherweile ein Fluchtversuch nach Zürich wagen und von dort würdet Ihr auf Umwegen Euer Heer im Veltlin erreichen ! « – Während dieser Worte war der Galopp eines Pferdes auf dem Pflaster erklungen und schon stand der Adjutant Wertmüller in dienstlicher Haltung , aber mit zornblitzenden Augen vor dem Herzog . » Die Bündnerregimenter im Domleschg meutern und marschieren mit fliegenden Fahnen auf Chur , Erlaucht « , meldete er . » Ich wäre ihnen bei einem Morgenritte nach Reichenau fast in die Hände gefallen . Sie sind mir auf den Fersen . Hier in der Stadt liegt , wie der edle Herr weiß , nur die Freikompanie der Prätigauer Treue Leute ! Ich habe sie an das nördliche Tor beordert . Ihr Hauptmann Janett schwur mir zu , er sei mit Leib und Leben der Eurige und werde gegen alle Spaniolen und Meineidigen zu Euch stehen . Eure Pferde und Leute sind unten bereit . Noch ist es möglich , wenn die Prätigauer uns den Rücken decken , nach der Rheinschanze durchzudringen . Begegnet uns Volksgesindel , so reiten wir es nieder . « Herzog Heinrich hieß diesen mutigen Vorschlag , welcher seinen eigenen Entschluß aussprach , mit einer zustimmenden Kopfbewegung gut und schritt , Herrn Sprecher flüchtig grüßend , rasch dem Ausgange zu . Aber schon war er ein Gefangener . Als Wertmüller die Türe des Vorsaales aufriß , ertönte von unten her Gemurmel zahlreicher Stimmen und schleifendes Geräusch treppansteigender Füße . Man vernahm Sporengeklirr und gedämpften Wortwechsel . Der Herzog blieb stehen und legte die Hand an den Degen . Vor der Tür zauderten und drängten sich Gestalten , die einen in Waffen , die andern in Staatstracht . Keiner wagte es , sich voranzustellen . Jetzt wichen sie zur Seite und gaben Raum . Georg Jenatsch trat aus ihnen hervor und überschritt die Schwelle . Ihm folgten Guler , der Graf Travers und ein stattlicher Mann in bürgermeisterlichem Ornate und goldener Kette mit großgeschnittenem , fleischigen Gesicht und leicht schielenden Augen . Der Oberst Jenatsch , hinter dessen entschlossenen Schritten die andern nicht ungern zurückblieben , näherte sich barhaupt mit starren blassen Zügen dem Herzog , der stolz und fragend vor ihm stand . Seine Stimme klang ruhig und seltsam kalt , als er zu reden anhob : » Erlauchter Herr , Ihr seid in unserer Gewalt . Unser Aufstand ist Gegenwehr und gilt nicht Euch , sondern der Krone Frankreich . Was Euch dunkel blieb , ist uns klargeworden : Der Kardinal will den von Euch mit uns vereinbarten Vertrag nicht unterzeichnen . Er will uns festhalten und im Tauschhandel des in Aussicht stehenden allgemeinen Friedensschlusses als französische Ware verschachern . Das Pfand Eurer reinen Ehre , das er uns in die Hände gab , würde er leicht verscherzen . So hat uns der König von Frankreich und sein Kardinal dazu getrieben bei unserm Erbfeinde billigere Hilfe zu suchen , die uns auch gewährt wurde . Gott weiß , was es uns gekostet hat unsere Freiheit unter Spaniens Schild zu stellen . – Was wir von Euch verlangen und warum Ihr es uns gewähren werdet , das kann ich Euch mit wenigen Worten darlegen . Vor Eurer Rheinschanze strömt Bündens ganzer Landsturm zusammen . Die Regimenter rücken in Chur ein . Ich habe sie ihres Gehorsams gegen Euch entbunden und den Eid ihrer Treue den Häuptern unserer drei Bünde schwören lassen . Die Österreicher stehen am Luziensteig , die Spanier bei der Festung Fuentes , beide mit Übermacht . Auf ein Wort von mir überschreiten sie die Grenze . – Seht hier meine spanisch-österreichischen vom Kaiser selbst und vom Gubernatore Serbelloni unterzeichneten Vollmachten ! « – und er entfaltete zwei Papiere . » Lecques kann Euch nicht befreien , denn bei seiner ersten Bewegung gegen die Alpenpässe rücken die Spanier von Fuentes her ins Veltlin . – Ihr seht , Euer Heer ist von allen Seiten eingeklemmt ; nur Ihr könnt es Euerm Könige retten , und Ihr tut es , wenn Ihr dieses Übereinkommen unterzeichnet . « – Jenatsch nahm ein drittes Papier aus der Hand des Bürgermeisters von Chur und las : » › Die Rheinschanze und das Veltlin werden von den Franzosen geräumt . Sie verlassen Bünden als Freunde und in kürzester Frist . Der Herzog Heinrich Rohan , Pair von Frankreich und Generallieutenant der französischen Armee , bleibt als unser Bürge in Chur , bis zur Vollziehung dieses seines mit uns geschlossenen Übereinkommens . Und dies Übereinkommen verspricht der erlauchte Herzog bei seiner Ehre auch dann in Treuen zu vollziehen , wenn Gegenbefehl vom französischen Hofe einträfe . – ‹ So steht es . Wir haben nicht das Recht , erlauchter Herr , Eure Liebe zu Bünden anzurufen , denn wir haben uns ohne Euch und wider Euch geholfen . Aber bedenkt , daß Ihr , wenn Ihr den Vertrag nicht unterzeichnet , dieses Land , das gewohnt ist , Euch als seinen guten Engel zu verehren , durch Euren Widerstand in blutiges , unabsehbares Elend stürzt . « – Der Herzog nahm die Rolle nicht . Er wandte sich mit einer zornigen Träne ab , dann sagte er und seine Stimme bebte : » Ich habe schon vielen Undank erfahren – aber noch nie ist mir auf so bittere Weise mein Vertrauen mit Verrat und die von mir dem Rechte des Kleinen erwiesene Ehre mit Schlangenbissen und Schmach heimgezahlt worden . – Ich unterzeichne nicht . – So tief kann ich Frankreich und seinen Feldherrn unmöglich erniedrigen . « Die Stille , die jetzt entstand , wurde durch einen Tumult vor der offen gebliebenen Türe unterbrochen . Durch das die Treppen füllende Volk drängte sich ein breitschultriger , rothaariger Kriegsmann und man hörte ihn dringend nach dem General Jenatsch fragen . Unwirsch rief ihm dieser entgegen : » Ihr stört hier , Hauptmann Gallus ! Was gibt ' s ? « » Ich muß Eure Ordre haben « , rief die rohe Stimme . » Janetts Prätigauer wollen den neuen Eid nicht schwören . Sie meinen , Ihr verhandelt sie an die spanischen Pfaffen , und sagen , sie hätten Frankreich geschworen und gehorchten niemandem als dem Herzog . « Jenatsch war vor Wut totenbleich geworden . Er warf den Kopf nach dem Sprechenden herum und schrie ihn heiser an : » Mein Regiment gegen sie vorgeführt ! Erschießt sie alle ! « Dann wandte er sich wieder dem Herzog zu und drohte , wie außer sich , mit erstickter Stimme : » Ihr Blut über Euch , Herzog Rohan ! « Der Herzog zuckte und stand eine Weile in schmerzlichem innern Kampfe . Endlich ergriff er mit zitternder Hand die auf dem Tische liegende Rolle , wandte sich und schritt der Türe seines Arbeitszimmers zu , die der ihm folgende Wertmüller fest hinter ihm verschloß . Jenatsch kehrte sich , immer noch tief erblaßt , zu dem Bürgermeister . » Unsere Sache ist gewonnen « , sagte er . » Man muß dem Herzog Rohan Ruhe lassen . Entfernt die Leute . Ich stehe dafür , daß er unterschreibt . « Dann befahl er dem Hauptmann Gallus , der unschlüssig stehen geblieben war : » Sagt dem Janett , seine tapferen Prätigauer sollen des Eides wegen unbehelligt bleiben . Der Herzog sei mit der Regierung der drei Bünde einverstanden und werde die Kompanie in kurzem seinen Willen wissen lassen . « – – – Wenige Minuten waren verstrichen und die Gemächer des Herzogs hatten sich zu leeren angefangen , als die innere Türe sich öffnete und Wertmüller mit dem von Rohan unterschriebenen Vertrage in der Hand erschien . » Wer von den Herren hier hat gegenwärtig das Ding in Händen , das in Bünden mit dem unpassenden Namen › gesetzliche Gewalt ‹ bezeichnet wird ? « fragte er schneidend und streckte dem Bürgermeister von Chur , der mit ernster Amtsmiene vortrat , die Bündens Los entscheidende Rolle entgegen mit einem Ausdrucke von verächtlicher Schärfe , dessen nur sein Gesicht fähig war . Herr Fortunatus Sprecher , der gerade oben an der Treppe einige bündnerische Staatspersonen beglückwünschend wegkomplimentiert hatte , sah jetzt einen jungen Mann in Reisekleidern atemlos die Stufen hinaneilen , ergriff seine Hand und zog ihn beiseite , um ihm das Geschehene mit bedauernden Worten mitzuteilen Es war der längst erwartete und in diesem verhängnisvollen Augenblicke eben von Paris angelangte Priolo . » Um Gott « , rief Priolo , » haltet mich nicht auf , Herr Doktor . Vielleicht ist es noch Zeit . Ich muß zum Herzog – der Vertrag von Chiavenna ist unterschrieben – alles und mehr gewährt ! Nur schließt keinen Bund mit Spanien ! « Und er durcheilte das Vorgemach . Als ihn Jenatsch , der im Gespräche mit dem Bürgermeister stand , mit verstörtem Gesichte vorüberhasten sah , sagte er zu diesem mit bitterm Lächeln : » Der Kardinal glaubte sich des Schicksals bemächtigt zu haben , doch diesmal hat es ihn gefoppt . « Meyer antwortete nicht , aber er umfaßte die Schicksalsrolle mit gefalteten Händen . Eine Stunde später war es in den äußern Gemächern des Herzogs still und einsam geworden . Jenatsch allein schritt im Vorzimmer auf und nieder , die aus dem Geschehenen hervorbrechende Zukunft erwägend . Was ihn beunruhigte , war das Los seines Gefangenen , und er verweilte hier in der Hoffnung , das unlängst ihm so freundliche Antlitz noch einmal zu sehen . Daß Herzog Heinrich ein Sklave seines gegebenen Wortes sein werde , daran zweifelte der Verräter keinen Augenblick ; aber es war ebenso gewiß , daß der Kardinal einen Haß werfen würde auf Rohan , das Werkzeug , dessen edler feiner Stahl zerbrochen war in seiner es mißbrauchenden Hand , und daß der Herzog Frankreich nicht wieder betreten könne , ohne der Rache Richelieus zu verfallen . Jenatsch hätte ihn gerne vor dieser Rache sicher gewußt – aber wo ? Welches war die Stätte , die dem Arme des Kardinals ihn entzog und die doch kein trostloses Exil für ihn war , das zu erwählen er sich weigern würde ? Er wartete vergebens . Der Herzog kam nicht und als endlich die Tür sich öffnete , war es der Adjutant Wertmüller , der , ein Schreiben in seine Brieftasche steckend , heraustrat und ohne Gruß an ihm vorüberschreiten wollte . » Könnt Ihr mir nicht eine kurze Audienz bei dem Herzog verschaffen , Wertmüller ? . . . In seinen eigenen Angelegenheiten « , fragte der Bündner . » Damit verschont Ihr ihn besser « , versetzte der Locotenent . » Euer Anblick hat für ihn seinen Reiz verloren . Was seine persönlichen Angelegenheiten betrifft , so seid Ihr nicht der Mann , sie erfreulich zu ordnen . Er hat es eben selbst getan . « » Er hat schon über seine Zukunft entschieden ? « fragte Jenatsch gespannt . » Geht er nach Zürich oder Genf ? dort könnte er in edler Muße seinen Studien leben . « » Ein militärisches Handbuch schreiben , meint Ihr ? « höhnte Wertmüller . » Nicht doch ! In der Lage , die Ihr ihm so kunstvoll bereitet habt , bleibt für Herzog Rohan nur eines übrig : der Tod auf dem Schlachtfelde . Ihr begehrt zu wissen , wohin mein Herr sich wenden wird , wenn er aus Euern Judasarmen sich losgemacht hat , und ich will Euch nicht belügen – entgegen der Sitte , die von Euch hiezulande eingeführt wurde . Ich überbringe ein Schreiben meines edlen Herrn an den Herzog Bernhard von Weimar , seinen Schwiegersohn , worin er sich zu gemeinem Reiterdienste im deutschen Heere anbietet . Kann ich Euch etwas an den Herzog Bernhard ausrichten ? Besinn ich mich recht , so folgtet auch Ihr einst seiner Fahne . Er wird sich über Euch wundern . Noch heute reit ich ab und genieße so auch meinerseits zum letzten Male Euern Anblick . Wäre ich dessen nie teilhaft geworden ! Besonders jenes Mal vor der Festung Fuentes nicht , als Ihr in gebührenden Ehren einherschrittet ... schon damals mit spanischem Gefolge ! Manches stünde besser und Ihr wäret schon längst an Euern richtigen Platz erhöht . « » Ihr reizt mich nicht « , sagte der andere finster . » Ich bin des Blutes satt und an Eurer persönlichen Achtung liegt mir nicht das mindeste . – Was ich für mein Land tue , versteht Ihr nicht . – Geht und sagt dem Herzog Bernhard « , schloß Jenatsch und schritt , das Haupt übermütig zurückwerfend , dem Eingange zu , » er möge sich vorsehn , daß er sein Elsaß so glücklich den Krallen Frankreichs entwinde wie ich mein Bünden . « Neuntes Kapitel Neuntes Kapitel Der warme Mai hatte das Tal des Rheines mit Blüten und üppigem Grün bedeckt ,