dem beißendsten Hohn – es war wohl auch nur eine Konvenienzheirat , und zwar eine total verunglückte gewesen . Aber er , der sonst jede irgendwie drückende Fessel rücksichtslos abwarf , er hatte auch hier stillgehalten . Er war , wenn ihm » das Treiben zu bunt « geworden , in die weite Welt gegangen , und nur der Tod , nicht das scheidende Wort war zwischen diese Ehe getreten – und das alles , um den Eklat zu vermeiden ! ... Welcher Widerspruch in dem Manne , der in bezug auf Verirrungen , wie Liebesabenteuer , Duellgeschichten , tolle Wetten , nicht die geringste Rücksicht auf das Urteil der Welt nahm – er fürchtete sich wie ein Kind vor jedem Schritte , der einen begangenen Irrtum , einen Mißgriff seines Verstandes gleichsam dokumentieren und vielleicht ein wenig Spott und Schadenfreude bei seinen Standesgenossen hervorrufen konnte ... Diese Schwäche berücksichtigend , hatte sie auch heute der Herzogin gegenüber eigenmächtig , aber in der schonendsten Form die bevorstehende Trennung angedeutet , und so war es ihm sicher erwünscht gewesen , denn er war mit der größten Ruhe auf ihr Bestreben eingegangen ... Nicht lange mehr dauerte die Qual , dann war sie wieder daheim – freilich ohne Leo . Bei diesem Gedanken preßte sie die Augen tiefer in das Kissen ; sie hatte das Kind unbeschreiblich lieb , und schon jetzt nagte der Trennungsschmerz an ihr ; aber selbst ihm konnte sie das Opfer nicht mehr bringen , zu bleiben , jetzt , wo sie einen Blick in die Vergangenheit des Hofmarschalls gethan und täglich , stündlich die Fortwirkung seiner Sünden mit ansehen mußte , ohne einschreiten oder auch nur sprechen zu dürfen ... Ein Schauder , wie Fieberschütteln , rieselte durch die weich , in plastischer Schönheit sich hinschmiegenden Glieder der jungen Frau – ihr graute selbst vor der Luft , die sie in Gegenwart des Mannes mit den mörderischen Händen noch einatmen mußte . Inmitten dieser Vorstellungen berührte ein leises Geräusch ihr Ohr – war es doch , als müsse dort an der Thür » das gelbe vertrocknete Gerippe « im Fracke impertinent lächelnd stehen und mit den dünnen , verkrümmten Fingern die Falten der Portiere zurückraffen – sie fuhr mit einem schwachen Schreckenslaute empor . » Ich bin ' s , Juliane , « sagte Mainau , unter dem blauen Behange hervortretend ... Ich bin ' s – als ob das nicht noch erschreckender für sie gewesen wäre ! – Seit dem Momente , wo er sie zur Trauung abgeholt , hatte er ihr Zimmer nicht wieder betreten . – Sie sprang auf und griff nach der Klingelschnur . » Weshalb ? « fragte er , ihre Hand erfangend . Unter glühendem Erröten schüttelte sie das Haar nach dem Nacken zurück und suchte es zu verbergen , indem sie mit dem Rücken hart an die Wand trat . » Ich brauche Hanna für einen Augenblick , « sagte sie kurz und grollend . Er lächelte . » Du vergissest , daß unsere heutige Damenwelt in dieser Haartracht selbst auf der Promenade erscheint – und dann , wozu diese Etikette ? Habe ich nicht das unbestrittene Recht , ohne Anmeldung hier eintreten und nach meiner kranken Frau sehen zu dürfen , wann ich will ? « – Er strich langsam über das seidenglänzende Haargewoge , das sich trotz aller Bemühungen der jungen Frau doch wieder über Schultern und Arme ergoß , und wie eine Tunika aus Goldgewebe das weiße Kleid bedeckte . – » Welche Pracht ! « sagte er . » Eine etwas verblaßte Schattierung der Trachenbergschen Familienfarbe , « versetzte sie bitter lächelnd , während ihre Linke mit einer kalten Gebärde hinabglitt , um seine Hand abzuwehren . Er stand einen Augenblick betroffen , wobei seine Wangen sich leise färbten – an Ton und Ausdruck mußte er erkennen , daß sie nur einen seiner rücksichtslosen Aussprüche wiederhole ; er sann offenbar darüber , wo sie ihn gehört haben könne . » Ich habe den Arzt mitgebracht , Juliane , « sagte er nach momentanem Schweigen rasch über eine sichtlich unangenehme Empfindung hinweggehend . » Darf er hereinkommen ? « » Ich möchte ihn nicht bemühen . In Rudisdorf waren wir nicht gewohnt , den Arzt um jeder Kleinigkeit willen zu konsultieren – er wohnte viel zu weit entfernt und – « sie brach ab , wozu denn abermals bekennen , daß sie zu arm gewesen und aus Ersparnis zum Selbstarzt geworden seien ! » Das frische Brunnenwasser hat seine Schuldigkeit vollkommen gethan , « setzte sie rasch hinzu . » Er soll dich auch nicht durch eine Untersuchung der belästigen – zu meiner großen Beruhigung sehe ich ja , daß sie dir zu schreiben gestattet , « antwortete er mit einem Blick auf die Schreibutensilien und den daneben liegenden angefangenen Brief an Ulrike . » Ich will nur den Folgen der Gemütsbewegung vorgebeugt wissen – ich habe eben gesehen , daß dich eine Art Nervenschauer schüttelte . « Er hatte also schon länger hinter der Portiere gestanden und sie beobachtet ... Warum mit einemmale die Besorgnis , nachdem er bei dem Vorfalle selbst und auch später die verletzendste Kälte und Teilnahmlosigkeit an den Tag gelegt ? – » Deshalb ? « betonte sie mit halbem Lächeln , den Kopf über die Schulter nach ihm wendend . » Du scheinst zu vergessen , daß ich eine ganz andere Lebensschule durchmachen mußte , als die meisten meiner Standesgenossinnen – ich müßte nicht Ulrikes Schwester , nicht meines Bruders › Famulus ‹ gewesen sein ! Wir haben wirklich nie Zeit gehabt , in aristokratischer Weise unsere Nerven zu berücksichtigen und zu verhätscheln ; wir haben uns derb abgehärtet , wie es diejenigen müssen , die innerlich unabhängig bleiben und ihre geistige Bewegung ungehemmt sehen wollen ... Ich bitte die , den Doktor schleunigst zu entlassen – er wartet doch wohl draußen ? « Sie sprach die letzten Worte hastig , aber mit Nachdruck – er konnte nicht mißverstehen , daß sie auf diese Weise seinen » Krankenbesuch « abzukürzen wünsche . » Er wartet nicht draußen , und wenn auch , er könnte sich das ruhig gefallen lassen – der gute Mann sitzt drüben im Gartensalon und läßt sich seine Flasche Burgunder schmecken , « versetzte er und trat tiefer in das Zimmer – seine Augen glitten über die Wände hin . » Ach , sie da ! Das blaue Boudoir – aufrichtig gestanden , meine ganze Antipathie – ist merkwürdig wohnlich und traulich geworden . Die mattweißen Elfenbeingruppen vor den blauen Atlasbehängen machen einen malerischen Eindruck ; sie beleben das Zimmer , wie die weißen Azaleenbäume dort am Fenster ... Und daß hier auch einmal ein Tisch steht ! – Ja , siehst du , das ist ' s gewesen , was mich immer so angewidert hat – dieses stundenlange , sybaristische , faule Versinken Valeries in diesem gleißenden Polsterwerke . « Er warf einen Blick durch die weit zurückgeschlagenen Thür des anstoßenden Salons . » Und wo malst du denn , Juliane ? Ich sehe keinerlei Arrangements – doch nicht in der Kinderstube ? « » Nein , ich habe mir das Kabinett neben meinem Ankleidezimmer dazu eingerichtet . « » Den engen , kleinen Winkel , der , wie ich mich erinnere , nicht einmal eine vorteilhafte Beleuchtung hat ? Wie kommst du auf diese merkwürdige Idee ? « Sie sah im fest und voll ins Gesicht . » Ich glaube , die , welche die Kunst in ihrer Heiligkeit erfassen , haben einige Fühlfäden mehr in der Seele – sie sind sehr empfindlich in unsympathischer , feindlicher Atmosphäre – « » Und ziehen sich beleidigt zurück – das geht gegen meine Ansichten von Damendilettantismus . Ich habe doch recht , wenn ich auch heute dahin bekehrt worden bin , daß es Ausnahmen gibt ... Was soll denn aber nun im Winter werden ? Das Kabinett ist nicht heizbar . « » Im Winter ? « wiederholte die junge Frau in staunendem Schrecken – sie faßte sich jedoch rasch . » Ach so – du hast wahrscheinlich nicht bemerkt , daß im Rudisdorfer Gartensalon ein prächtiger Kamin steht – trotz der Glasfront läßt sich der große Raum doch sehr gut heizen , und wird es je zu kalt , dann bewohne ich mit Ulrike in der Bel-Etage ein hübsches , warmes Eckzimmer , das du nicht kennst . « Eine tiefe Gereiztheit glomm in dem Blicke , welchen er an der vollkommen ruhig dastehenden Gestalt seiner jungen Frau niedergleiten ließ – nur an dem Heben und Senken des Busens konnte er bemerken , daß sie in fast atemloser Spannung sprach . » Sitzt die Schrulle wirklich so fest da drin ? « fragte er langsam , und berührte mit dem Zeigefinger leicht ihre weiße Stirn . » Ich weiß nicht , was du mit diesem Worte bezeichnen willst , « versetzte sie , mit kühlem Ernste zurückweichend – sie strich unwillkürlich über die Stelle , die er berührt hatte , als gelte es , einen Makel wegzuwischen . » Für Schrullen ist mein Kopf wohl noch zu jung – ich nehme mich auch sehr in acht vor dem innerlichen Kajolieren irgend einer kleinlichen , einseitigen Liebhaberei ... Du brachtest aber diese › Schrulle ‹ in Verbindung mit meiner Rückkehr nach Rudisdorf – ist sie nicht unser beider Wunsch und Wille ? « » Ich meine , dir heute bereits das Gegenteil versichert zu haben , « sagte er – es war ein angenommener Gleichmut , mit dem er die Achseln zuckte – sie wußte , daß er bei dem nächsten widerspruchsvollen Wort ihrerseits auffahren würde , aber sie ließ sich nicht einschüchtern . » Zuerst allerdings , « gab sie zu ; » aber später , im Beisein der Herzogin , hast du dich vollkommen einverstanden erklärt – « Er lachte auf , so bitter und schallend , daß sie erschrocken verstummte . » Ich glaube wohl , daß es deinem verletzten Stolz und Hochmut eine köstliche Genugthuung gewesen wäre , wenn ich in jenem deinerseits wirklich an den Haaren herbeigezogenen Moment erklärt hätte : › Diese Frau will sich um jeden Preis von mir losmachen – ich bitte sie aber fußfällig , mich nicht zu verlassen ; sie wirft mir alles , was ich ihr biete , vor die Füße , und kehrt lachenden Mutes in ihre alte Armut und Entbehrung zurück , lediglich um sich – zu rächen ! ‹ ... Schöne , junge Frau , eine solche eklatante Revanche vor solchen Ohren , wie sie heute begierig auf jedes deiner Worte lauschten , gestattet kein Mann seiner Frau , selbst wenn er – sie lieben sollte . « Lianes heiße Wangen erblaßten vor innerer Aufregung – sie war tief beleidigt – auf seine letzten Worte hörte sie gar nicht mehr ; sie wolle sich rächen , hatte er gesagt . » Mainau , ich bitte dich ernstlich , nicht in so ungerechter und verletzender Weise vorzugehen , « unterbrach sie ihn mit fliegendem Atem . » Rache ! Ich habe dieses Gefühl nie kennen gelernt und weiß bis zu diesem Augenblicke nicht , in welcher Weise es wohl die Menschenseele erschüttern mag ; aber ich denke mir , jeder Racheanwandlung muß wohl eine Leidenschaft vorangehen , und ich wüßte nicht , daß mein Aufenthalt in Schönwerth eine solche , sei es nach welcher Richtung hin , in mir erweckt hätte ... Der Hofmarschall hat mich oft tief gekränkt – ich habe dir aber selbst erklärt , daß ich den Kranken in ihm berücksichtige und soviel wie möglich seine Angriffe mit ruhigem Blute zurückweise ... Und dir gegenüber ? Wie könnte ich Kränkungen rächen wollen , die keine sein sollen und deshalb für mich auch keine sind ? – Wir können uns beiderseits kein tiefes Weh zufügen . « » Juliane , hüte dich ! In diesem Augenblicke ist jedes deiner Worte ein wohlüberlegter Messerstich – du weißt es sehr genau , daß du verbittert bist . « » Das verneine ich entschieden , « sagte sie ruhig und unbeirrt ; » verletzt und entmutigt bin ich , aber nicht verbittert . Entmutigt deshalb , weil mir mein Wirken in deinem Hause vorkommt , als ob ich Wasser mit Sieben schöpfe – auch bei Leos Erziehung drängt sich mir diese Ueberzeugung auf – es wird mir von anderer Seite zu viel entgegengearbeitet ... Ich habe eben angefangen , über diese Angelegenheit an Ulrike zu schreiben . « » Ah , das ist ja die beste Gelegenheit , mich zu informieren , « rief er , rasch an den Tisch tretend . » Das wirst du nicht thun , Mainau , « sagte sie ernst , aber mit bebenden Lippen und legte die Hand protestierend auf seinen Arm , der nach dem Briefe griff . » Das werde ich sicher thun , « versetzte er , heftig ihre Hand abschüttelnd . » Ich habe das unbestrittene Recht , Briefe meiner Frau zu lesen , die mir verfänglich erscheinen ... Sieh in den Spiegel dort , Juliane ! Solche erblaßten Lippen hat das böse Gewissen ... Ich werde dir den Brief vorlesen . « Er trat in das Fenster und las laut , mit sarkastischer Betonung : » › In vierzehn Tagen spätestens komme ich nach Rudisdorf – für immer , Ulrike ! ... Da steht dieser Erlösungsschrei so kalt und nüchtern auf dem Papier – er wird dir keine Vorstellung davon geben können , wie sonnig es in mir geworden ist , seit ich weiß , daß ich wieder mit dir und Magnus zusammenleben werde ‹ . – Armes Schönwerth ! « schaltete er mit bitterem Spott ein . – » › Glaube ja nicht , daß die Lösung eine gewaltsame ist ; sie vollzieht sich in richtiger Konsequenz zwischen zwei Seelen , die bis in alle Ewigkeit nicht zusammen gehören , von denen die eine aber das Aufsehen bei den Menschen fürchtet , während die andere zurückbebt vor jedem in die Stille der Häuslichkeit fallenden zornigen Wort – der Bruch geschieht mithin leise , unhörbar – die skandalsüchtige Welt bleibt sicher unbefriedigt ... Eines Tages wird die Baronin Mainau aus Schloß Schönwerth verschwunden sein , lautlos verschwunden aus den Räumen , in denen sie kurze Zeit als › Schattenherrin ‹ gewaltet , aus dem Gedächtnis der Leute , die ihre unhaltbare Stellung vom ersten Augenblicke an begriffen und in der kaum Eingetretenen zugleich die Scheidende gesehen und bemitleidet haben ... Und deine Liane ? Man hatte sie nicht mit der Wurzel dem heimischen Boden entnommen , sie wird nach kurzer Unterbrechung weiterwachsen unter dem Sonnenschein eurer Augen – meinst du nicht , Ulrike ? ... Du weißt , ich habe es immer grausam gefunden , eine Pflanze abzuschneiden und mit der Wunde in eiskaltes Wasser zu stellen – und jetzt ist dieses Mitgefühl erst recht lebendig in mir geworden ; ich weiß , wie das wehe thut . Eineige kecke Triebe und Schößlinge meiner Seele lasse ich verwelkt in Schönwerth zurück – das allzu kühne Vertrauen auf die eigene moralische Kraft und das unkluge Herausfordern der Gesellschaft , die auch nicht einen Hauch von Lebensodem für mich und meine Anschauungen hat – diese Lehre kann mir nicht schaden ... Sieh , ich mußte damals , als er auf der Terrasse zu Mama sagte : › Liebe kann ich ihr nicht geben , ich bin aber auch gewissenhaft genug , in ihrem Herzen keine wecken zu wollen ‹ , hinabgehen und ruhig den Ring in seine Hand zurücklegen ; nicht um der versagten Liebe willen – dazu hatte ich ja kein Recht ; ich brachte ihm ja auch noch kein solches Gefühl entgegen – sondern weil die letzten Worte eine grenzenlose Eitelkeit bekunden ‹ « – das Blut schoß dunkel in Mainaus Gesicht ; heftig die Unterlippe zwischen die Zähne klemmend , hielt er im Lesen inne und warf über das Papier hinweg einen tiefgereizten und doch unsicheren Blick auf seine Frau . In dem Augenblicke , wo er vom bösen Gewissen gesprochen , hatte sie ihre Arme ruhig unter dem Busen verschränkt ; und so stand sie noch ; nur war es , als recke sich die schlanke Gestalt unter seinem Blicke noch stolzer auf ; ein feiner , schöngewölbter Fuß erschien unter dem Kleidsaume und stemmte sich fest auf den elastischen Cyanenteppich – eine Stellung , welche die sonst so graziös geschmeidige Erscheinung neu und fremd machte – aber die dunkelblonden Wimpern lagen tief auf ihren Wangen ; ohne es gewollt zu haben , sagte sie dem Manne dort eine häßliche Wahrheit in das Gesicht ; er mußte sich schämen , und sie errötete mit ihm . Er trat dicht an sie heran . » Du hast vollkommen recht mit deinem Urteil , « sagte er scheinbar beherrscht ; » ich bin ja nicht blind gegen diese meine große Schwäche – und wenn ich mir jetzt denke , daß du mit deinem fein unterscheidenden Ohr , mit deiner scharfen Kritik eine so plumpe Aeußerung von mir gehört hast , so – steigt mir das Blut ins Gesicht ... Aber nun , du gestrenge Richterin , mache dich dir auch einen Vorwurf – ich war eitel ; du aber warst falsch , als du – Verachtung im Herzen – die Lippen schlossest und mit mir gingst – « » Lies noch einige Zeilen , « unterbrach sie ihn bittend , ohne aufzusehen . Er ging nach dem Fenster zurück – es dämmerte stark . – » › Ich wußte , daß ich nach einem solchen Ausspruche aus seinem Munde nie und nimmer in Versuchung kommen würde , auch nur einen Funken von Sympathie für ihn zu empfinden , ‹ « las er mehr für sich – » › und daß ich dennoch mit ihm ging und zum zweitenmal das heilige Ja am Altare entwürdigte , das machte mich zum Mitschuldigen bei einem ungeheuren Frevel – und dafür gibt es keine Beschönigung , denn ich hatte die urteilslosen Backfischjahre längst hinter mir . ‹ « Jetzt flog sie auf ihn zu und griff nach dem Briefblatte ; aber er streckte den linken Arm kräftig abwehrend nach ihr aus , und den Kopf fest gegen die Scheiben gedrückt , las er weiter : » › Ulrike , Mainau ist ein schöner Mann ; er ist verschwenderisch ausgestattet mit jenem Esprit , der in der Konversation funkelt und blendet , der mit seiner unnachahmlichen Nonchalance , gleichsam hingeworfen , wohl ein Frauenherz zu umstricken vermag – aber wie sinkt diese prächtige Salonerscheinung kläglich zusammen neben unserem stillen Denker in der Rudisdorfer Studierstube , neben Magnus , der in seinem schwachen , ungeschmückten Körper einen rastlos arbeitenden Geist birgt , hinter dessen ernster Stirn das komödienhafte › was wirst du wohl für Effekt machen ? ‹ niemals Raum gefunden hat ! ... Siehst du , in dieser einen Frage wurzeln alle Tollheiten , die man Mainau nachsagt , seine Duellgeschichten , Liebesabenteuer , selbst seine belehrenden Reisen , auf denen er da und dort wie ein Märchenprinz phantastisch emportaucht und vor allem nur das Auffallende , Blendende wegnascht . Niemand betont seine vielen Fehler mehr als er , gleichwohl möchte er um alles nicht einen einzigen einbüßen , weil sie kavaliermäßige Unarten sind und von der oberflächlichen vornehmen Welt als originell kajoliert werden ... Mit mehr Ernst und Strenge gegen sich selbst und weniger umschmeichelt von verlorenen Frauenseelen , hätte er ein ganzer Mann werden können , aber ‹ « – hier hatte sie vorhin die Feder weggeworfen . » Es ist wahr , verbittert bist du nicht , Juliane , « sagte er , unter einem ironischen , aber eigentümlich heiseren Auflachen den Brief auf den Tisch legend . » Verbitterung läßt keine solche objektive , leidenschaftslose Beurteilung zu , mit der du mein ganzes Sein und Wesen wie einen angespießten unglücklichen Schmetterling unter die Lupe genommen hast ... Du hast ferner vollkommen recht , wenn du dich bei dieser Auffassung meines Charakters um jeden Preis von mir loszumachen suchst . – Das wird dir nach dem , was heute vorgefallen , nicht mehr schwer werden – selbst im unerbittlichen Rom wird man nicht umhin könne , den einen Scheidungsgrund zu berücksichtigen – ich habe dich ja geschlagen . « » Mainau ! « schrie sie auf – der Ton , in welchem er sprach , ging ihr durch und durch . Er schritt , ohne sie anzusehen , an ihr vorüber , in den Salon – dort ging er einigemal auf und ab , dann trat er an die Glasthür und starrte finster schweigend hinaus in die Abenddämmerung ... Wie würde Freund Rüdiger in sich hineingelacht haben bei einem Einblicke in die Appartements der jungen Frau ! ... Sie stand zwischen den weißen Azaleenbäumen im blauen Boudoir . Mit dem ganzen Schimmer des gefeierten Loreleihaares rieselten die gelösten , vielgeschmähten roten Flechten , » die › er ‹ wohl bei seiner Frau , niemals aber an einer Geliebten sehen wollte « , zwischen dem blütenbeschneiten zarten Geäste der Azaleen hinab , und die mitleidig belächelten » blassen Veilchenaugen à la Lavallière « sahen mit dem Ausdrucke eiserner Entschlossenheit vor sich hin . Und Mainau ? Noch vor kurzem hatte der die Briefe , die er von ihr erhalten werde , » als steife Stilübungen einer ernsthaften Pensionärin mit Wirtschaftsberichten als Vorwurf « prophetisch bezeichnet – jetzt hatte er einen Brief von ihr gelesen – der Aufruhr , der sichtlich hinter dieser düster gefurchten Stirn wogte , das unbewußte nervöse Spiel der Finger auf den leise klingenden Scheiben ließen nicht auf jene » keine schlaflose Nacht « bringende Gemütsruhe schließen , die er vorausgesetzt . 17. Es war so still geworden nach dem Schreckensrufe der jungen Frau . In der Voliere des anstoßenden großen Empfangssalons regten sich noch einigemal aufflatternd die kleinen Vögel , ehe sie zur Nachtruhe die Köpfchen unter die Flügel steckten , und draußen auf der hallenden Steinmosaik des langen Säulenganges klang manchmal der flüchtige Fuß eines vorübereilenden Lakaien ; aus dem blauen Boudoir aber , das mit seinen hellglänzenden Wänden unter der Portiere hervor einen bleichen Schein in den dunkelnden Salon warf , kam auch nicht das leiseste Geräusch – sollte die junge Frau das Zimmer verlassen haben ? – Bei diesem Gedanken fuhr Mainau mit dem Schrecken einer plötzlich erlittenen Beleidigung empor – hatte er erwartet , sie werde ihm nachkommen , weil seine Stimme , was ihn in jenem Augenblicke selbst überrascht , sie erschüttert und bewegt hatte , wie alle , ja alle anderen Frauen auch ? Hatte er gemeint , dieser unbestechliche , starke Geist habe doch unbewußt jene Saite des schwachen Weibes in sich , die unter den verführerischen Lauten von Männerlippen widerhallt und ihn schließlich doch zu den Füßen des Siegers zwingt ? ... Rasch , aber unhörbar über den teppichbelegten Boden schreitend , trat er unter die Portiere . Die junge Frau war nicht hinausgegangen – die linke Hand auf den Sims gestützt , das liebliche Profil ihm zugewendet , stand sie in sich gekehrt noch im Fenster ; die zartgeschwellten Lippen lagen leicht aufeinander , und bei dem Geräusch , das Mainaus Eintreten verursachte , wandte sie langsam den Kopf , und die großen , tiefen Augen sahen ihn ruhig ernst an . Hier war kein Kampf gekämpft worden – sie war ja längst mit sich fertig . » Leo wird mir das Leben schwer machen , wenn er wieder in sein altes Quartier umsiedeln muß , « warf er hin , ihren Blick mit einer Art von starrer Kälte erwidernd . Ein tiefer Seufzer glitt über die Lippen der jungen Frau ; ihre Augen füllten sich mit Thränen . » Du wirst das nicht lange mit ansehen müssen – du gehst ja fort , « sagte sie leise , auf den Boden sehend . » Jawohl , ich gehe , und diesmal werde ich mich dem Leben stürmischer als je in die Arme werden – wer will mir das verargen ? Hinter mir die Eisregion des Tugendstolzen , des kalt zersetzenden Verstandes , und vor mir der bunte Reigen des Genusses – draußen ein umjubelter › Märchenprinz ‹ , und hier ein gemaßregelter , mit geringschätzendem Seitenblicke kalt gemusterter Mann . « Er schritt nach der Ausgangsthür . » Hast du noch etwas zu sagen , Juliane ? « fragte er , sich halb umwendend , über die Schulter zurück . Sie schüttelte verneinend den Kopf , und doch preßte sie die Hand auf das Herz , als unterdrücke sie gewaltsam ein aufwallendes Verlangen . » Wir sind heute zum letztenmal allein zusammen , « betonte er , ihre Bewegung mit scharfem Blicke verfolgend . Rasch entschlossen näherte sie sich ihm . » Ich habe dir vorhin viel Bitteres gesagt – ohne es zu wollen ; es thut mir leid , und doch – bin ich noch nicht zu Ende ... Du hast mich selbst aufgefordert – willst du mich anhören ? « Er bejahte , blieb aber , die Hand auf das Thürschloß gelegt , unbeweglich stehen . » Ich habe dich wiederholt sagen hören , daß dir für das nächste halbe Jahr nicht eine einzige Aufgabe in der Heimat zu erfüllen bliebe ... Mainau – sollte wirklich ein Vater – sei seine Lebensstellung , welche sie wolle – berechtigt sein , sich von seinen Pflichten dergestalt loszusagen , daß ihm die Erziehung seines Kindes keine Aufgabe ist ? ... Weiter : In welchen Händen läßt du dein einziges Kind zurück ? ... Du sprichst selbst mit Nichtachtung von dem starren , unhaltbaren Dogmenwerke , das deine Kirche neuerdings predigt , und das , bis in das Reich des finstersten Aberglaubens hinein , vom Hofprediger und deinem Onkel streng aufrecht erhalten wird , und doch überläßt du ihrer Führung sorglos den jungen Kopf deines Kindes , noch mehr , du schweigst gegen deine Ueberzeugung – « » Ach , das ist die Strafe dafür , daß ich dir heute bei dem unerquicklichen Streite um des Teufels Existenz nicht sekundiert habe ! Bah – wer wird sich herablassen , gegen solchen Widersinn auch nur ein Wort zu verlieren – er geht an sich selbst zu Grunde ... Leo ist auch geistig mein Sohn – er wird den Ballast abschütteln , sobald er selbständig zu denken anfängt . « » So bequem denken viele , die handeln müßten , und nur so ist es zu erklären , daß die wahnsinnigste Vermessenheit des Menschengehirns , die der alte Mann in Rom proklamiert , in unserem Jahrhundert auch nur aufzutauchen vermochte ... Bist du wirklich sicher , daß Leo die innere Wandlung so leicht überstehen wird wie du ? Ich weiß , daß die ersten religiösen Zweifel und Kämpfe Wunden in der Seele zurücklassen – weshalb sie mutwillige und unvermeidlich heraufbeschwören und mit ihnen vielleicht das gesamte religiöse Bewußtsein für immer erschüttern ? ... Wie wir auch eine Kinderseele bewachen und studieren mögen , sie bleibt dennoch ein Geheimnis in sich und für uns , die wir auch bei einem geschlossenen Blütenkelche nicht sagen können , ob er nicht doch plötzlich verkrüppelte Blätter entfalten wird – so viel weiß ich nun schon , seit ich mit Leo zusammenlebe und ihn unausgesetzt beobachte . Ich bitte dich dringend , lasse ihn nicht in den Händen des Hofpredigers ! « Er schwieg , aber seine Finger glitten vom Thürschlosse . » Gut , « sagte er , wie nach einem augenblicklichen Ueberlegen , » ich will diese Bitte als eine Art letzten Willens vor deinem Scheiden respektieren – ist dir ' s recht so ? « » Ich danke dir ! « rief sie herzlich und bot ihm die Linke . » Nein , mir liegt nichts an solch einem Händedrucke ; wir haben ja aufgehört – gute Kameraden zu sein , « sagte er sich abwendend . » Uebrigens « – ein unbeschreibliches Gemisch von Satire und frivolem Spotte flog um seinen Mund – » bist du nicht sehr dankbar . Dein sehr guter Freund , der Herr Hofprediger , bricht , wo er kann , in schrankenloser Selbstverleugnung eine Lanze für dich – und du intrigierst gegen ihn ? « » Er weiß am besten , daß ich diese Ritterdienste nicht wünsche , « erwiderte sie gelassen . » Am ersten Abende meines Hierseins hat er sich mir bereits genähert – ich bin aber nicht gesonnen , mich auf diesem schlauen , indirekten Wege bekehren zu lassen . « » Bekehren ? « lachte Mainau schallend auf . » Sieh mich an , Juliane ! « – er ergriff ihre Linke und preßte sie heftig – » meinst du das wirklich ? Bekehren – zum Katholizismus bekehren ? – ich will die Wahrheit wissen ! – Hat er seine berühmte Predigerstimme schmeichelnd gemißbraucht , der wundersame Gottesmann ? Juliane , sei ehrlich – wenn er je gewagt hat , dich auch nur mit seinem Atem zu berühren – « » Was ficht dich an ? « zürnte sie , mit stolzer Gebärde ihre Hand aus der seinen ringend . » Ich verstehe dich nicht . Es fällt mir nicht ein , irgend etwas vor dir zu verheimlichen , das auf deinem Grund und Boden ausgesprochen worden ist , sobald du mich danach befragst – und so antworte ich dir : Er hat mir gesagt , Schönwerth sei ein heißer Boden für Frauenfüße , gleichviel ob sie aus Indien , oder aus einem deutschen Grafenhause kämen – zugleich versuchte er , mich auf unausbleibliche schlimme Augenblicke vorzubereiten . « » Prächtig eingefädelt ! ... Das muß man ihm lassen , er hat Geist , der Mann . Er sieht auf den ersten Blick das , was blöde Augen erst dann erkennen , wenn es für sie verloren ist ... Ja , siehst du , Juliane – Valerie war ein vortreffliches Beichtkind , und er hat recht , wenn er wünscht , daß auch die neue Herrin von Schönwerth in