befremdeten Ausdruck auf das Paar , das scheinbar so einträchtig daherkam . Oben , am Erkerfenster der Herzogin , aber flatterte ein weißes Tuch und das schmale Gesicht der fürstlichen Frau lächelte hinter den Scheiben . Die Herren ließen mit tiefer Verbeugung den Herzog und Fräulein von Gerold vorbei . Sie sah merkwürdig aus , die schöne Freundin der Herzogin , ein harter Zug lag um den sonst so lieblichen Mund . Im Schlosse angelangt , stieg sie die Stufen empor , so langsam und müde , als trage sie eine schwere Last auf den Schultern . » Nun ist alles vorüber « , sagte sie noch einmal und betrat das Vorzimmer zu den Gemächern der Herzogin . » Klaudine « , rief diese , die am Fenster nach ihrem Liebling ungeduldig ausgeschaut hatte , und schlang die Arme um den Hals des schönen Mädchens , » Sie sind so lange geblieben ! Wie Sie fortgingen , wurde ich auf einmal so ungeduldig , ich wäre Ihnen am liebsten nachgegangen , ich kann wirklich nicht mehr ohne Sie sein . Hören Sie , Klaudine ? « Sie zog die Schweigende neben sich auf das kleine Polstermöbel im Schatten der roten Vorhänge und sah in die traurigen blauen Augen . » Armes Herz , Sie wurden verletzt vorhin , die Kleine war unartig und wird ihre Strafe bekommen . Es ist die Geschichte von dem Gänschen , das neben dem Schwan sich nur durch Geschrei bemerkbar machen kann . Klaudine « , fuhr die Herzogin fort , » ich habe doch wieder recht gesehen , wer Sie sind und wer die anderen ! « Sie drückte die kühle Hand des Mädchens . » Ich habe Sie so herzlich lieb , Klaudine « , flüsterte sie weiter , » ich möchte Sie so gern > du ! < nennen , wenn wir unter uns sind . Ist das unbescheiden ? « » Hoheit ! Bitte « , stammelte sie . » Nicht Hoheit , Klaudine . Denkst du , ich werde › du ‹ zu dir sagen , wenn du mich › Hoheit ‹ nennst ? › Elisabeth ‹ will ich heißen und › du ‹ ! Ach bitte , bitte ! – Nicht eine einzige Seele habe ich im Leben gehabt , die so mit mir verkehren durfte . Gönne mir doch dieses reine schöne Bewußtsein , daß du meine Freundin bist . Bitte , bitte , Klaudine , sage › ja ! ‹ « » Hoheit sühnen die unbedeutende Kränkung von vorhin durch allzu große Gunst « , sprach das Mädchen erregt , » ich kann , ich darf es nicht annehmen . « Und sie sprang plötzlich empor und faßte sich an die Schläfen . » Ich hätte dich für vernünftiger gehalten , Klaudine « , sagte die fürstliche Frau , » als daß du über eine so einfache Sache außer dir gerätst ! Es ist der Inbegriff alles Vertrauens , aller Liebe – das › du ! ‹ Und weil ich zufällig Herzogin bin , soll ich das entbehren ? So darfst du nicht denken , und so denkst du auch nicht . Komm her , Klaudine , und gib mir den Schwesterkuß ! « Klaudine kniete vor der liebenswürdigen Frau nieder , sie wollte sprechen : » Laß mich ! Laß mich ! Es ist besser für dich und für mich , ich gehe fort von dir , so weit mich meine Füße tragen ! « Und sie brachte es doch nicht über die Lippen unter diesen fieberglänzenden Augen , die so innig bittend in die ihren blickten . Und dann schloß ein Kuß ihren Mund . Im nächsten Augenblick fühlte sie etwas kaltes an ihrem Arm , ein schmaler goldener Reifen in Gestalt eines Hufeisens , die Stellen der Nägel mit Saphiren und Brillanten geschmückt , blitzte ihr entgegen . » Wird Eure Hoheit – wird dich – « verbesserte sie sich weinend , » dies nie gereuen ? « und ihr ernstes blasses Gesicht sah fragend zu ihrer fürstlichen Freundin auf . » Ich habe ein feines Gefühl , Klaudine , für Menschenwert . Ich weiß , ich habe keiner Unwürdigen mein Herz angeboten . « 16. Prinzessin Helene war in außerordentlich schlechter Stimmung nach Neuhaus zurückgekehrt . Sie hatte während der Fahrt schweigend in der einen Ecke des Landauers , Prinzeß Thekla in der anderen gelehnt , ebenso still . Komtesse Moorsleben , die in den Wagen befohlen war , wußte nur mit Mühe ein Lächeln zu unterdrücken , so ähnlich sahen sich in diesen Minuten des Verdrusses das junge und das alte Antlitz . Erst oben , in den Gemächern des Neuhäuser Schlosses , entlud sich das Gewitter , und zwar über dem Haupt der Frau von Berg , die in das Zimmer der jungen Prinzessin befohlen ward . Die Kleine überhäufte die scheinbar schwer gekränkte Frau mit den wahnsinnigsten Vorwürfen , gerade als ob sie schuld sei , daß vor vierhundert Jahren ein alter Gerold die Idee hatte , in dieser Gegend ein festes Schloß zu bauen , das nach und nach zu diesem unausstehlichen Altenstein geworden war . Ein greulicher Aufenthalt , eine Einöde sei es , es liege ja klar am Tage , daß niemals ein vernünftiger Mensch so eine geschmacklose Erwerbung hätte machen können , wenn nicht ganz besondere Absichten damit verbunden wären . Ob denn so etwas erhört sei , daß man öffentlich einen Verweis von Ihrer Hoheit hinnehmen müsse wegen – wegen so einer – . Sie fand in ihrem Zorn kein passendes Wort . Es habe ja gerade noch gefehlt , daß sie , Prinzeß Helene , die Hofdame Ihrer Hoheit um Verzeihung bitten solle ! » Oh ! « fragte die schöne Frau , die mit gesenktem Haupt diesen Sturm über sich ergehen ließ , » um Verzeihung bitten ? Durchlaucht hatten doch nichts getan ? « » Ich habe sie einfach nicht gesehen , denn ich mag sie nicht leiden « , erklärte die Prinzessin . In Frau von Bergs Augen leuchtete es auf . » Oh , allerdings , Durchlaucht , das war schlimm « , sagte sie sanft . » Ihre Hoheit ist wahrhaft bezaubert von dieser Freundin . Wie unangenehm mag dieser Auftritt dem Baron gewesen sein ! « » Unangenehm ? « stieß die Prinzeß hervor . » Meinen Sie , Alice ? Er ging nicht gerade ungern von dem Spielplatz , um auf Befehl Ihrer Hoheit seine Cousine versöhnt zurückzuführen . « Die Prinzessin sprang nach diesen Worten aus ihrem grau und hlau geblümten Sessel empor und lief an das Fenster . » Was sollte er denn tun , Durchlaucht ? « sprach Frau von Berg . » Aber freilich , es ist nicht unmöglich , wer kennt die Männerherzen ? « Und sie lächelte hinter dem Rücken der Prinzessin . Diese wandte sich jäh , als sei sie von einer Schlange gebissen worden , sie sah noch das Lächeln um den Mund ihrer Vertrauten , im nächsten Augenblick flog etwas an dem künstlich frisierten Frauenkopf vorüber und fiel neben dem Kachelofen zur Erde . Es erwies sich zwar nur als das weiche blauseidene Arbeitsbeutelchen der Prinzessin , das eine niemals über die Anfänge hinauswachsende Stickerei Ihrer Durchlaucht enthielt , aber die Tatsache blieb bestehen : es war nach Frau von Bergs Kopf geworfen worden . Die schöne Frau hielt sich plötzlich das Taschentuch vor die Augen und begann zu schluchzen . » Weinen Sie nicht ! « herrschte die Prinzessin sie an , » Sie wissen , daß es mich rasend macht ! – Ich kenne Sie zu genau , Sie sind schadenfroh , Alice ! « » Bei Gott nicht , Durchlaucht ! « beteuerte die Weinende . » Ich dachte an – man lächelt doch auch aus Mitleid . « » Ich brauche Ihr Mitleid nicht ! « » Wer sagt denn , daß es Eurer Durchlaucht galt ? Mich dauert die Herzogin ! Ihre Hoheit kommt mir vor wie das Lamm , das sich den Wolf zu Gaste gebeten hat . Hoheit vergöttert ja diese Klaudine und – Durchlaucht , es ist doch traurig komisch , wenn man jemand sieht , der seinen ärgsten Feind mit Zuckerplätzchen füttert . « Die Prinzeß antwortete nicht . Sie saß jetzt hinter dem Vorhang auf dem breiten Fensterbrett , und ihre Füße waren in hastiger Bewegung , während die Augen brennend auf die Straße starrten , die jenseits des Parkes sichtbar war . » Was kann ich dafür , wenn die Leute blind sind « , sagte sie endlich . » Ich glaubte , Durchlaucht liebten die Frau Herzogin ? « » Ja , sie ist gut , kindergut und hat mir immer viel Zuneigung bewiesen . Aber Mama sagt , sie ist überspannt , und das hat sie heute deutlich genug gezeigt . Ich kann ihr nicht helfen . « Auf dem Rokokoschränkchen , dem echten alten mit blanken Messingschlössern und Henkeln , schlug die Uhr eben sieben . Die kleine Prinzessin bemerkte es ungeduldig . » Schon so spät ? « sagte sie , » der Baron vergißt , daß wir heute abend im Garten den Tanzplatz aussuchen wollten für das Fest . « » Vielleicht befahl Ihre Hoheit ihn noch in ihren Salon « , bemerkte Frau von Berg . » Fräulein von Gerold singt jeden Abend und der Baron ist , wie Durchlaucht wissen , ein fanatischer Musikliebhaber . « » Die Herzogin weiß aber , daß er Gäste hat ! « rief die Prinzessin mit funkelnden Augen und sah ihre Peinigerin drohend an . » Wenn aber Hoheit befehlen ? « sagte diese sanft entschuldigend . » Befehlen ? Wir leben doch nicht im Mittelalter . Am Ende kann meine Cousine wohl gar noch befehlen , er soll ihren Liebling heiraten ? « Frau von Berg ging harmlos auf diesen etwas gewaltsamen Scherz ein . » Wer weiß , Durchlaucht ? Wenn es der Herzenswunsch dieses Lieblings wäre ? « Das war zuviel für Prinzeß Helene . Sie lief zu Frau von Berg hinüber und faßte sie zornig an der Schulter , ihr schmales Gesicht war ganz bleich . » Alice « , sagte sie , » Sie sind schlecht ! Ich fühle es , daß Sie schlecht sind ! Sie können mich bis aufs Blut peinigen , es ist entsetzlich , was Sie da sagen – aber – es ist nicht unmöglich . Alice , ich habe keine ruhige Stunde mehr , ich wollte , ich wäre tot wie meine Schwester ! Die ist doch wenigstens einmal glücklich gewesen . « » Aber , Durchlaucht , ein Scherz ! « » Nein , nein , kein Scherz – um Gottes willen , nehmen Sie es nicht als Scherz ! Ich weiß nicht , was ich tun könnte vor Seligkeit , wenn sie fort wäre aus diesen Bergen ! Warum ist sie nicht mit der Herzoginmutter nach der Schweiz gegangen ? Warum muß sie hier sitzen ? « » Ja warum ? « fragte Frau von Berg und küßte die Hand der kleinen Prinzessin . » Armes Kind ! « seufzte sie dann . » Ach , Alice , wissen Sie keinen Weg ? Nennen Sie mir einen ! Ich ertrage die Zweifel nicht länger ! « flüsterte das leidenschaftliche Mädchen . » Ich , Durchlaucht ? Was kann ich denn tun ? Wenn da nicht ein Zufall hilft , Ihrer Hoheit die Augen zu öffnen – « » Ein Zufall ? « wiederholte die Prinzessin bitter . » Wie denn sonst ? Ihre Hoheit haben keine einzige Seele , die es gut genug mit ihr meint , um ihr einen solchen Freundschaftsdienst zu erweisen . « » Ein schöner Freundschaftsdienst ! « antwortete die Prinzeß spöttisch , » das ist schon mehr eine Henkersarbeit , denn das weiß ich , so wahr ich hier vor Ihnen stehe , Alice , daß die Kenntnis dieser Angelegenheit Elisabeths Herz brechen würde . « » Durchlaucht würden lieber mit ansehen , wie das edelste , beste Geschöpf systematisch hintergangen wird ? Ich muß gestehen , die Ansichten von Freundschaft sind sehr verschieden « , erwiderte Frau von Berg vorwurfsvoll . » Sie haben wohl niemals einen so recht liebgehabt , Alice ? So lieb , daß man eher sterben möchte , als ihn missen ? Nein , das haben Sie nicht , sagen Sie es nur nicht etwa . Wo andere ein Herz haben , da haben Sie eine leere Stelle ! Sehen Sie mich nicht so an , durch mich erfährt die Herzogin es nicht , Alice . Nebenbei behaupte ich nie etwas , das ich nicht zuverlässig weiß , und hier dürften vollgültige Beweise doch vorläufig fehlen . « Frau von Berg lächelte und strich über das Haar der Prinzessin . » Wie könnte ein so goldreines liebes Kinderherz auch an solche Schuld glauben ? « sagte sie leise , » es würde selbst die Beweise nicht anerkennen . « Die Prinzeß schüttelte die Hand ab . » Bitte , tun Sie nicht , als hätten Sie alle Taschen voll davon « , sagte sie , ärgerlich über die Berührung . » Ich habe zwar nicht alle Taschen voll , es würde aber auch ein Beweis genügen , Durchlaucht . « Das Gesicht des fürstlichen jungen Mädchens überzog eine flammende Röte . » Es ist nicht wahr ! « stammelte sie , » so ehrlos ist kein Weib , daß es Freundschaft heuchelt , wo es Verrat übt . Sie sind entsetzlich , Alice . « » O Durchlaucht , Sie kennen das Leben nicht ! « Die Prinzessin faßte sich plötzlich an die Stirn und lief in ihr Schlafzimmer . Krachend flog die Tür hinter ihrer leichten Gestalt zu . Frau von Berg blieb allein in dem anmutigen einfachen Raum , sie schaute die Tür an und wieder glitt ein Lächeln über ihr Gesicht . Dann zog sie ein Notizbuch aus der Tasche und nahm ein Briefchen heraus . » Da ist es « , flüsterte sie , es liebevoll betrachtend . Einmal hatte es bereits seine Zauberkraft bewährt – da drinnen in ihrem Zimmer saß jetzt Ihre Durchlaucht Prinzeß Thekla und schrieb an Ihre Hoheit die Herzoginmutter einen Brief voll tugendhafter Entrüstung ! Nebenan erklang jetzt ein leidenschaftliches Schluchzen . Frau von Berg verließ das Zimmer und kam gleich darauf mit frischem Wasser und Himbeersaft zurück . Ohne weiteres betrat sie das Schlafgemach der Prinzessin . » Durchlaucht sollten sich fassen « , bat sie weich und mischte den kühlenden Trank . Sie kniete vor dem weinenden jungen Geschöpf nieder , das auf dem Sofa zu Füßen des Bettes saß , und sah sie wie um Verzeihung bittend an . » Die roten Augen müssen fort « , sprach sie , » wenn ich nicht irre , fuhr soeben der Baron in den Hof . Auf dem Tische drinnen liegen die Maskenbilder für das Kostümfest und eine große Auswahl entzückender Stoffproben . « Die Prinzessin erhob sich , ließ sich von Frau von Berg das Haar ordnen und die Augen kühlen . » Sehe ich sehr verweint aus ? « fragte sie . » Nein , nein , reizend wie immer ! « klang es zurück . Unten läutete jetzt die Tischglocke in vollen , lauten Tönen . Ein paar Minuten später flog die Prinzessin hinunter , als wollte sie keine Minute einer köstlichen Stunde versäumen , ihr Auge strahlte , ihr Mund lächelte . An den weit geöffneten Türen des Speisesaales , in welchem über dem blitzenden Tisch die Kerzen flammten , stand Beate in dem raschelnden grau und schwarz gestreiften Taftkleide , das sie jetzt regelmäßig bei den Mahlzeiten trug . » Mein Bruder läßt Eure Durchlaucht bitten , seine Abwesenheit zu verzeihen , Seine Hoheit haben ihn für sich in Anspruch genommen , soeben kam der Wagen leer zurück « , sagte sie , sich leicht verneigend , mit ihrer zuweilen so hart klingenden Stimme . Das Strahlende aus dem Gesichte der Prinzessin war verschwunden , sie saß still neben Beate . Die alte Prinzessin hatte sich mit plötzlich aufgetretenem Kopfweh entschuldigt . Komtesse Moorsleben unterdrückte mühsam ein Gähnen , der Kammerherr sprach gedämpft mit Frau von Berg , sonst hörte man nichts , als das leise Klappern der Teller oder Beates Stimme , die laut und deutlich wie immer erscholl . Einmal redete sie die Prinzessin an , diese wandte auch den Kopf zu ihr herum , ohne zu antworten , aber noch ehe der Nachtisch kam , erhob sie sich , winkte der Komtesse , sie solle zurückbleiben , und lief wie ein trotziges Kind in den Garten hinaus . Als sie nach ein paar Stunden in ihr Zimmer zurückkam , war ihr Haar feucht vom Nachttau und die Augen verschwollen . Aber diese Augen sahen nicht das , was sich vor ihnen befand – sie sahen ein lauschiges Gemach und an dem Flügel ein schönes Mädchen , um dessen Blondhaar der Lichtschein eine Glorie wob , und einer lauschte den süßen , weichen Tönen , die sein Herz bestricken mußten wider Willen . » Frau von Berg soll kommen « , sagte sie zur Kammerjungfer , » ich will kein Licht . « Nach ein paar Minuten rauschte die Schleppe der schönen Frau über die Schwelle des dunklen Gemaches , und die kleine zitternde Hand der Prinzeß faßte nach der ihren . » Den Beweis , Alice , geben Sie ihn mir ! « flüsterte die bebende Stimme . » Hier ! « erwiderte Frau von Berg gelassen und legte den verräterischen Brief in die Rechte der Prinzessin . » Ich glaube , es lohnt der Mühe nicht . Werfen Sie den Zettel fort , Durchlaucht , wenn Sie ihn gelesen haben . « » Es ist gut , Alice , ich danke . Sie können mich verlassen . « Die Prinzessin ging in ihr Schlafzimmer und las beim Schein der rosa Ampel , die von der Decke herabhing . » Arme Liesel ! « flüsterte sie . Dann machte sie eine Bewegung , als wollte sie das Blättchen zerreißen , und hielt wieder inne . Eine heiße Blutwelle stieg ihr zum Kopf , sie holte schwer Atem . In dem Räume lag noch die Schwüle des Tages und durch das offene Fenster strömte der süße berauschende Duft blühender Linden , berauschend wie die Sehnsucht , die das Herz des Mädchens erfüllte . Sie wollte glücklich werden um jeden Preis , auch um den größten ! Mit bebenden Fingern faltete sie den Brief so klein wie möglich zusammen und schloß ihn in eine goldene Kapsel , die sie am Halse trug . » Nur für den Notfall ! « flüsterte sie noch einmal und verbarg die Kapsel . 17. Fräulein Lindenmeyer schüttelte verwundert den Kopf unter der rotbebänderten Haube . Merkwürdig , was aus dem sonst so verlassenen Paulinental geworden war ! In den Waldwegen leuchteten helle Damenkleider auf und schollen fröhliche Stimmen , es schien , als habe die ganze Stadt sich gerade diese Gegend zu ihren Sommerausflügen ausgewählt . Eine Menge eleganter Wagen fuhr seit kurzer Zeit vorüber , und in Xleben war kein Ei mehr zu haben . Alles ging nach Brötterode , dem kleinen Bade , eine halbe Stunde vom Eulenhause , wo , wie die Frau Försterin sagte , die fremden Herrschaften in diesem Jahre nur so wimmelten . Jede noch so kleine Wohnung sei vergeben und der Wirt in der » Forelle « zum Platzen hochmütig geworden , er habe zwei Grafenfamilien im ersten Stock , und im Hinterhause wohne eine Frau von Steinbrunn mit zwei Töchtern , alle hätten eigene Wagen mit und das sei ein ewiges Gefahre nach Altenstein und nach Neuhaus . – Ja , der ganze Hofschwarm war den fürstlichen Herrschaften nachgezogen , man fand in diesem Sommer in den höchsten Kreisen der Residenz die heimischen Gebirge unvergleichlich schön , es war einmal etwas anderes als die Schweiz oder Tirol , als Ostende oder Norderney . In dem einfachen Speisesaal des Brötteroder Gasthofes , wo die Bilder des Herzogs und der Herzogin in wahrhaft empörendem Farbendruck die getünchten Wände zierten , wo man auf tannenen Stühlen an schmalen Tischen saß , trockenen Rinderbraten und Backpflaumen als Kompott aß und zweifelhaften Rotwein trank , herrschte trotz alledem eine angeregte Stimmung . Hatte man doch Aussicht auf Picknicks im Walde , auf Krocket und Lawn-Tennis im Altensteiner Park . Die Herzogin sollte sogar von einem Gartenfest gesprochen haben , einem Kostümball im Mondschein unter den Eichen des Schloßgartens . Es versprach diese Sommerfrische nach allen Seiten hin eine ganz ungewöhnliche zu werden . Außer allem anderen war es auch schon höchst interessant , diese romantische Freundschaft Ihrer Hoheit zu der schönen Klaudine zu beobachten . » Neulich hat man sie in ganz gleichen Kleidern gesehen « , berichtete Frau von Steinbrunn . » Verzeihung ! Das ist nicht der Fall . Die Herzogin trug rote Schleifen , Klaudine von Gerold blaue « , ereiferte sich ein junger Offizier in Zivil , der seinen Urlaub anstatt in Wiesbaden hier verlebte . » Die Herzogin soll sie ja förmlich mit Schmuck und Kostbarkeiten überhäufen , sie sind den ganzen Tag beisammen , lesend , plaudernd und spazieren gehend , wahrscheinlich dichten sie auch miteinander . Prinzeß Helene hat vorgestern zu Isidore von Moorsleben gesagt , sie nennten sich > du » Nicht möglich ! Unglaublich ! « » Die Gerolds haben eigentümliches Glück ! « » Was sagt Seine Hoheit dazu ? « fragte plötzlich die kecke Stimme eines jungen Diplomaten . Die alte Exzellenz mit weißem Scheitel und würdevollem Gesicht am oberen Ende der Tafel räusperte sich vernehmlich und schüttelte mißbilligend das Haupt . Man sah sich lächelnd und vielsagend in die Augen , trank schweigend seinen Wein aus , reichte längst zurückgewiesene Kompottschüsseln noch einmal herum , die weibliche Exzellenz begann nach einer Pause vom Wetter zu sprechen . Ein paar Gräfinnenmütter erfaßten mit einem Blick auf die Töchter begierig das neue Thema , » ob man es wagen dürfe , auf die hohe Warte zu steigen , einen der beliebtesten Aussichtspunkte der Umgegend ? « – Und als die Tafel aufgehoben war , traten die älteren Damen zusammen und flüsterten und zuckten die Achseln und hielten die Taschentücher vor den Mund und lächelten dahinter . Bis jetzt war es noch nicht gelungen , sich mit eigenen Augen zu überzeugen , denn bis zu diesem Augenblick hatten sämtliche um das Befinden der hohen Frau besorgte Herren und Damen sich damit begnügen müssen , ihre Namen in das Buch einzutragen , das in einem Saale zu ebener Erde des Altensteiner Schlosses auslag . Aber man hörte doch dieses und jenes , man vermutete , man kombinierte . Man war so neugierig auf den nächsten Donnerstag , denn daß die fürstlichen Herrschaften auf dem Feste des Baron Gerold erscheinen würden , ließ sich mit Bestimmtheit annehmen , man erwartete sogar ganz sicher , an diesem Tage eine große Neuigkeit zu hören , nichts geringeres als die Bekanntmachung einer längst erwarteten Verlobung . Ja , es konnte interessant werden ! Und während aller dieser Vermutungen , während aller dieser Erwartungen lebte man auf Neuhaus und Altenstein scheinbar in aller Ruhe weiter . 18. Prinzeß Helene saß im Neuhäuser Garten und neben ihr stand das elegante Kinderwägelchen der kleinen Leonie . Ihre Durchlaucht spielte noch immer die zärtliche Tante in der stürmischen Art , wie sie alles auffaßte , was ihr durch das Köpfchen schoß . Sie schleppte die Kleine überall mit herum , sie bemühte sich mit unermüdlicher Ausdauer , ihr geliebtes Nichtchen das Wort » Papa « zu lehren , doch die scheuen schwarzen Kinderaugen sahen sie zwar groß an , aber das trotzige Mündchen blieb geschlossen . Sie wußte nicht , daß selbst das jüngste Kind schon in den Zügen zu lesen versteht , und die Ungeduld und Leidenschaft , die aus den Blicken der Prinzessin sprühten , machten das arme kleine Wesen furchtsam . Es fing gewöhnlich nach kurzer Zeit an zu schreien . Und dann ward es mit Inbrunst getragen , beschwichtigt , geküßt und mit unmöglichen Koseworten überschüttet , so daß Beate in ihrem Zimmer die Hände rang und mit besorgter Miene lauschte , ob nicht jemand dem unglücklichen Würmchen zu Hilfe kommen wolle . Aber wer denn ? Lothar saß wie vergraben in seiner Stube , wohin er sich nach beendeter Mahlzeit zurückzuziehen pflegte , Prinzeß Thelda lag meistens auf ihrem Ruhebett , gähnte oder schrieb Briefe , und Frau von Berg – nun , die bestärkte Prinzeß Helena noch in ihren Launen und Einfallen . Die alte Kinderfrau , die erschreckt hinzulief , ward höchstens dazu benutzt , den süßen Liebling etwas zu beruhigen und ihn seiner fürstlichen Tante wiederzugeben . Beate , die bisher nicht wußte , was Nerven zu bedeuten haben , spürte zum erstenmal in diesen Tagen ein merkwürdiges Kribbeln in den Fingerspitzen . Das war , als Lothar vor dem Fest apathisch erklärte , ihm sei es ganz gleich , wie sie es arrangieren wolle . Da stand sie nun , die sich nie im Leben um derartiges bekümmert hatte , und sollte für Konzertprogramm , Tanzordnung und Kotillon sorgen . Sie hatte nicht übel Lust , dem , der da in seinem verdunkelten kühlen Zimmer so schweigend und brütend auf und ab schritt , die Wahrheit zu sagen : » Du bist hier der Herr vom Hause , und wenn du dir Gäste einladest , so habe auch die nötige Geduld , um die Pflichten des Wirtes zu ertragen . « Aber ehe sie noch die Lippen geöffnet , wandte er sich um , und sie blickte in ein blasses Gesicht von so sorgenvollem Ausdruck , daß sie erschrak . » Um Gottes willen , Lothar « , sagte sie und trat zu ihm , » du bist krank ? « » Nein , nein ! « » Dann hast du Sorgen ! « » Sorgen wie ein Mann , der sein ganzes Hab und Gut , seine Hoffnung , seine Zukunft auf ein gebrechliches Schiff lud und es vom sicheren Ufer aus Sturm und Wellen preisgegeben sieht , der dasteht , ohne retten zu können , und weiß , daß der Untergang gleichbedeutend ist mit Elend und Verzweiflung « , sagte er leise . » Aber , Lothar ! « rief Beate entsetzt . Sie war es nicht gewohnt , ihn in solchen Bildern sprechen zu hören und fast flehend bat sie : » Schenke mir dein Vertrauen , Lothar , erkläre dich deutlicher , du ängstigst mich ! « » O nichts , Beate , kehre dich nicht daran , es kam mir so unwillkürlich über die Lippen . Es wird überwunden werden – dann – wenn es wieder still und einsam ist hier auf Neuhaus . Habe Nachsicht mit mir . « Aber die Schwester wich nicht . » Lothar « , begann sie entschlossen , » ich glaube , ihr Männer seid in manchen Sachen schwer von Begriff . Ich denke , du darfst auch diesmal nur die Hand ausstrecken . « » Nein , mein kluges Schwesterchen , diesmal nicht « , erwiderte er . » Über meine geöffnete Hand hinweg streckt sich siegesgewiß eine andere , und als ich das sah , da habe ich die meine still zurückgezogen und zur Faust geschlossen . So , und nun frage nicht mehr und laß mich allein , Beate ! « » Du bist noch immer der törichte Junge von früher « , murmelte sie und wandte sich . » Bei Gott , sie läuft dir nach wie deine Diana da – « Und sie wies auf den Hühnerhund , der mit klugen Augen jeder Bewegung seines Herrn folgte . Sie stand dann plötzlich in der Halle und sah mit finsterer Miene , wie Prinzessin Helene im lichten Morgenkleid , gefolgt von der Komtesse , die breite Treppe herunterkam , um im Garten zu verschwinden . Beate schüttelte den Kopf und stieg die Treppe hinauf nach der großen Dachstube , wo die Wäschespinde und Truhen standen . War es denn ein Glück , das er ersehnte in Bangen und Verzweiflung ? Dieses hochgeborene leidenschaftliche Geschöpf ! War denn die erste Ehe ein Glück gewesen ? Warum flogen Lothars Wünsche so hoch ? Sie dachte seiner Zukunft an ihrer Seite , an das verlassene schlichte Haus seiner Väter , in welchem sie einsam und allein verbleiben würde , es hütend und beschützend wie jetzt . Er würde hinausgehen mit ihr in das bewegte Leben der Residenz , auf Reisen sein , wie mit der ersten Gattin , und mitunter würde er kommen , auf ein paar Tage – allein ! Was sollte die erlauchte Frau auch hier ? Ihre Anwesenheit jetzt bedeutete ja nur eine Ermutigung , ihr spielendes Interesse an dem Haushalt des Stammsitzes war nur ein Beweis , daß auch sie sich gern herablassen würde , wie einst ihre Schwester sich herabgelassen hatte . Und wenn er dann kam , würden sich Bruder und Schwester in die Augen sehen und finden , daß sie gealtert seien , der eine in der schwülen , sengenden Hofluft , die andere in der Einsamkeit und in der Sehnsucht nach eigenem Glück . Sie erschrak selbst über den schluchzenden Ton , der sich ihr wider Willen entrungen . Sie biß die Zähne zusammen und schloß mit umflorten Augen die Truhe auf , die ihr zunächst stand , und raffte eilig Teppiche und bunte gewirkte Decken heraus . Es waren köstliche Sachen , sie wollte damit die Halle schmücken lassen . Joachim hatte sie auf seinen Reisen gesammelt , diese Smyrnagewebe und türkischen Stoffe , und bei der Versteigerung hatte sie es erstanden mit ihren eigenen Mitteln . Und während sie die stimmungsvolle Farbenpracht der wundervollen Gewebe betrachtete , rollten ihr die Tränen unaufhaltsam über das stille Gesicht . Was war ihr nur eigentlich ? Sie kannte sich