auch ein schelmisches Lächeln in ihren verweinten Zügen auf . » Und der Hut ist auch liegen geblieben – « sagte er , » die Regentropfen blitzen wie Brillanten in Ihrem Haar und werden Sie erkälten ... Nun , den dünnen , grauen Schleier hätten Sie auch nicht geachtet – da lobe ich mir das Kopftuch , das liebe , weiße Kopftuch meines Heilgehilfen ! – Und nun leben Sie wohl ! « Mit diesen letzten Worten war er durch das rauschende Gewässer zurückgesprungen und schritt , ohne noch ein einziges Mal den Kopf umzuwenden , durch die Wiesen nach dem Fahrweg . Mit dem gewaltsamen , romantischen Pfadsuchen im wilden Unterholz war es selbstverständlich heute nichts – das hätte eine Griebelsche » Pelzwäsche « sondergleichen gegeben – , den Weg aber , den die » Blumensucherin « ging , wollte er um jeden Preis vermeiden , und so mußte er sich bequemen , am Forstwärterhaus vorüberzugehen und in den ein beträchtliches Stück davon entfernten gutgebahnten Waldweg einzulenken , denselben , auf welchem Frau Griebel bei der ersten Begegnung vom Grafenholz hergekommen war . Hurtig legte er den Weg zurück – er hatte Eile . – Der Regen hatte aufgehört ; dagegen stand der Wald voll beladen ; und wenn der Dahinstürmende an einen überhängenden Zweig stieß , da brauste es wie ein Sturzbad über ihn her ... Wasser in Fülle hatte diese eine bange Stunde gespendet – der weiche , moosige Boden stand voll Lachen , und der kleine Fluß , der die Schneidemühle trieb , schoß , bis an den Rand gefüllt , ungebärdig tosend durch das Wiesental . Drunten am Ufer stand der Sägemüller mit fröhlichem Gesicht . » Heute hat es Brot geregnet , Herr Markus ! « rief er dem Vorübereilenden zu , und im offenen Hoftor kam ihm Peter Griebel entgegen . » Nun hat es gute Wege mit dem Verhungern auf dem Walde – die Kartoffelernte wird heuer eine gute ! – Ja , solch eine Staupe lasse ich mir gefallen ! « sagte der Pächter tief befriedigt und reckte den Arm hinaus über das schwimmende , glitzernde Gelände ... In den Hausflur aber lief Frau Griebel dem eintretenden Gutsherrn in die Hände . Sie kam aus der Speisekammer und hatte zwei volle Papiertüten in der Rechten . » Na , Herr Markus , was sagen Sie nun zu so einem Wetterchen ? « meinte sie , den Arm in die Seite stemmend . » Gelt , das donnert und rumort ein bißchen anders , als auf so einer breiten Kuchenschüssel , wie Ihr › Zuhause ‹ eine ist ? – Ja , sehen Sie , ohne ein rechtschaffenes Gepolter tun wir ' s nun einmal nicht – das ist bei uns so Mode , und das hör ' ich so gern wie die Orgel in der Kirche ... Und das hier sind sie « – sie zeigte ihm die strotzenden Tüten – » die Rosinen nämlich , die ich den Tillröder Kindern eigens in den Kuchen backen will – es hat gar zu schön geregnet ! « » Recht so – Rosinenkuchen ! Und ich gebe den Wein dazu ! ... Und – können Sie auch schöne Hochzeitskuchen backen ? « Mit diesen Worten umfaßte der Gutsherr übermütig die kleine dicke Frau und wirbelte ein paarmal mit ihr im Kreise herum . » Hochzeitskuchen ? « wiederholte sie verschnaufend , mit mißtrauischem Blick . » Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt , Herr Markus , daß Sie gar so fidel heimkommen ? Und naß wie ein Pudel sind Sie auch ! – Ach Herrje , und die Lehmstapfen da auf meinen schönen frischgescheuerten Flurdielen ! Gehen Sie mir weg – tanzen auch noch und haben den halben Hirschwinkel an den Stiefelsohlen ! Na ja , Hanne wird schön brummen , daß sie noch einmal mit dem Scheuerwisch anfangen muß ! ... Hochzeitskuchen sagten Sie ? O ja , den kann ich schon backen – zwei Hände hoch und locker , daß er einem auf der Zunge zergeht ... Aber nun frage ich , für wen denn in unserem stillen Hirschwinkel ? Wer soll ihn denn essen ? « » Wer ? Ei , wer Lust hat , der mein Gast sein will ! – Alt und jung , reich und arm – sie sind alle eingeladen ! Wer einen Schatz hebt , der darf auch mit seinem Dank nicht knausern ! « Er lachte ihr voll Übermut in das verdutzte Gesicht , und die Treppe hinaufsteigend , sang er mit schöner Stimme : » Komm , o holde Dame ! « » Sag an , wie ist dein Name ! « scholl es noch in den widerhallenden Hausflur herab , dann flog droben die Tür zu . 19. Nach kurzer Zeit kam er wieder herunter und schritt durch den Hausflur nach dem Ausgang . Er hatte den Anzug gewechselt und das von Sturm und Regen zerzauste , volle Haar geglättet – er sah stattlich , fast feierlich aus . » Meiner Treu , wirklich beinahe wie ein Hochzeiter ! « rief Frau Griebel von der Küche her . » Aber der Garten trieft noch , und in der nächsten Minute wird das schöne , flotte Röckchen da gerade so windelnaß sein , wie vorhin Ihr Reiserock , Herr Markus ... Und da soll ich wohl nun auch mit meinem Eßzeug durch alle die Pfützen und Tümpel nach dem Gartenhäuschen schwimmen ? « Er sagte ihr , daß er um acht Uhr droben in seinem Zimmer zu essen wünsche , bis dahin aber im Gartenhaus durchaus nicht gestört sein wolle – durch niemand , auch durch die » fürsorglichste aller Pflegemütter « nicht . Damit verließ er eiligst das Haus , als gelte es , eine Versäumnis auszugleichen . Im Gartenhausstübchen schlug ihm noch die ganze eingeschlossene Nachmittagschwüle entgegen . Er schüttelte mit ernstem Lächeln den Kopf , als er die Altantür zurücklehnte , um die erfrischte Luft einströmen zu lassen ... Vor kaum zwei Stunden war er da hinabgestiegen – nur bis an die Gehölzecke und dann wieder zurück hatte er gehen wollen , keinen Schritt weiter ! ... Was für ein erbärmliches Ding war doch der Menschenwille dem Verhängnis gegenüber , wenn es einer Entwicklung zuschreitet ! Nun ja , es hatte immerhin Not und Mühe genug mit ihm gehabt , bis er begriffen ! Es hatte ihn gleichsam packen und vor sich her stoßen müssen , es hatte ihn in den Wald gejagt , wo sich das Rätsel in lieblichster Weise lösen sollte . Vor einer dunkeln Tür hatte er gestanden und sich störrisch darauf kapriziert , sie mit dem Kopfe einzustoßen ; sein bißchen Phantasie hatte sich sogar bis unter die Zigeuner verirrt , aber über das greifbar Naheliegende war sein blöder Blick ahnungslos hinweggestreift . War das übrigens nicht selbstverständlich bei seinem schlimmen Vorurteil gegen das Erzieherinnentum ? Eine Erzieherin , die in der Tat das ausgesuchteste Luxusleben mit dem Arbeitsjoch der Magd freiwillig vertauschen sollte ! – Selbst in diesem Augenblick noch schüttelte er halb ungläubig den Kopf . – Aber er nicht allein , auch alle anderen hatten sich täuschen lassen – für sämtliche Bewohner des Hirschwinkels war die auf dem Feld Hantierende zweifellos Amtmanns neue Magd gewesen ; sie alle hatten seinen Wahn veranlaßt , und der einzige , der den wahren Sachverhalt gewußt , der Amtmann , er war erst recht beflissen gewesen , den Irrtum zu bestärken – er hatte die aufopferungsvolle Nichte im Arbeitskittel einfach verleugnet , der alte Komödiant , der ! Nun hatte sich alles gewandelt ! Die dräuende Gewitterwand am Himmel hatte sich in eitel Segen und Wohltaten aufgelöst , und die dunkle Tür war weit , weit aufgetan ; er aber ging wieder , wie vor zwei Stunden , in unbeschreiblicher Spannung auf und ab ... So beklemmend still , wie vor dem Gewitter , war es draußen nicht mehr . Alles , was Leben und Odem hatte , regte sich mit neugestärkter Kraft , und die reine , gekühlte Luft trug jeden Laut scharf herüber . Im Vogelnest unter dem Gartenhausdache schrie die gelbschnäbelige Jugend ungebärdig nach den emsig hin und her fliegenden Alten , vor dem Fenster tanzte eine Mückenwolke , und die weißen Schmetterlinge waren auch wieder da und gaukelten wie Schneeflocken über dem Feld . Dort um die Gehölzecke konnte es ja auch jeden Augenblick weiß dahergeflattert kommen – es sollte und mußte sogar , wenn es ihm nicht gehen sollte wie einem , der freventlich einen günstigen Augenblick hat vorübergehen lassen , um alles auf eine Glückskarte zu setzen ... Wenn er sich nun in seinen Voraussetzungen betrogen hatte ? Wenn sie sein Lebewohl im Grafenholz ernst und stolz als das letzte ansah und seinen Lebensweg nie wieder kreuzte ? – Das Blut schoß ihm stürmisch nach dem Kopfe und mit einem Satze stand er draußen auf dem Austritt – ach nein , nicht eine einzige Stufe brauchte er hinabzusteigen . Er schützte seine Augen mit der bebenden Hand gegen die eben hervorbrechende rotgoldene Abendsonne und sah angestrengt nach dem fernen Unterholz – hinter dem Gegitter der Nadelzweige regte es sich und kam stetig vorwärts , und es waren nicht wieder die blauen , vom Basthütchen wehenden Bänder , die er heute nachmittag im heftigen Unmut verwünscht hatte , nein , weiß und plump und unschön , wie nur ein grobes , einen Menschenkopf verhüllendes Tuch aussehen kann , hob es sich über die letzten zwerghaften Fichten ! – Ein wilder , kaum zu unterdrückender Jubelschrei drängte sich ihm auf die Lippen , und das Herz hämmerte zum Zerspringen in der Brust . Er trat schleunigst in das Stübchen zurück , und sie bog drüben um die Ecke . Die weiten , weißen Hemdärmel flogen ein wenig auf im Zugwind , der dort vorüberstrich , und es war , als fasse er auch die schlanke Gestalt an und mache ihren Gang unsicher . Sie war in ihrem schäbigen Arbeitsrock , die breite , blaue Leinenschürze stand in steifgestärkten Falten um die Hüften , und die Linien der Büste verschwanden unter dem unförmlichen , dickfaltigen , auf dem Rücken geknüpften Busentuch . Das » Scheuleder « war aber noch nie so tief ins Gesicht gezogen gewesen wie heute . So kam sie daher , ängstlich , wie verscheucht , und einen Augenblick schien es , als vergehe ihr aller Mut bei Erblicken des Gartenhäuschens mit seiner offenen Tür , und die Neigung , eiligst den Rückzug anzutreten , gewinne die Oberhand . Das war ein kritischer Augenblick , der dem Mann im Häuschen auf der Mauer den Herzschlag stocken machte – aber er ging vorüber ; » die Samariterbarmherzigkeit « siegte und trieb das Mädchen Schritt um Schritt weiter . Er mußte an den Morgen denken , wo sie so unbefangen desselben Weges gekommen war . Da hatte sich die einsam daherwandelnde Erscheinung aus der Morgensonnenbeleuchtung wie aus goldigem Grunde abgehoben – jetzt troff das Abendlicht wie dunkelglühender Purpur auf die regengetränkten Fluren nieder – recht so ! In Gluten mußte es untergehen , das Sehnen und Bangen , das Ringen und Kämpfen , das mit jenem Morgen angefangen ! Damals hatten sein Übermut , sein ungezähmtes Freiheitsgefühl mit dem Mädchenstolz und Trotz auf dem Kriegsfuß gestanden , und heute war er der Besiegte , aber auch heute – lief ihm das scheue Wild ins Garn ! Tief in die Sofaecke gedrückt , regte er sich nicht und hielt unbewußt den Atem an . Ihm war , als hänge in diesem Augenblicke sein ganzes Lebensglück an einem dünnen Faden – ein Vogel , der plötzlich aus dem Dickicht seitwärts schwirrte , eine über den Weg huschende Feldmaus , ein Geräusch vom Gutshause her konnten die geängstigte Mädchenseele emporschrecken und das Wild auf Nimmerwiederkehr verscheuchen ... Je näher sie kam , desto heftiger schlugen seine Pulse . Mit fast flehendem Ausdruck sah sie nach der offenen Tür herauf und hoffte jedenfalls auf irgend eine entgegenkommende Hilfe – ah , um keinen Preis streckte er ihr auch nur die Fingerspitzen entgegen ! Er wollte die ganze Süßigkeit des Augenblicks auskosten – sie mußte von selbst , aus eigenem innerstem Antrieb bis dicht unter seine Augen kommen ! Nun sah er sie nicht mehr – sie ging unter dem Häuschen hin . Er hörte , wie sich die rauhen Kornhalme drunten im Vorüberstreifen an den Falten ihres wollenen Kleides rieben , ein etwas schwerfälliger , zögernder Tritt erschütterte leise das schwanke Treppchen – dann stand sie plötzlich oben und lehnte sich wie atemlos und erschöpft an das Altangeländer . Er sprang auf und trat zu ihr . » Ich halte Wort , « murmelte sie , fast in sich hinein . Sie blickte unter einem nervösen Zucken der Lider seitwärts auf das Kornfeld hinab , und ihre Hand ließ das Altangeländer nicht los . » Ich wußte es , « sagte er . Jetzt sah sie mit einem schmerzlich zürnenden Blick zu ihm auf . » Ja , Sie waren Ihrer Sache gewiß , nach den Erfahrungen , die Sie mit dem Erzieherinnentum gemacht haben , « entgegnete sie bitter , und zog das weiße Tuch wie zum Schutz gegen ihn und die ganze Außenwelt noch tiefer um das Gesicht . Ihr Ton und diese Bewegung belehrten ihn , daß er noch weit vom Ziele sei . » Ich wußte , daß mein lieber Heilgehilfe es nicht über das Herz bringt , einen Mitmenschen hilflos leiden zu lassen , « sagte er zurückhaltend und stellte sich seitwärts hinter die Schwelle des Stübchens , um die Angekommene eintreten zu lassen . Sie ging auch sofort an ihm vorüber nach dem Tische , wo sie das Verbandzeug aus ihrem Körbchen nahm . Er vermied es , sie anzusehen , während er neben sie trat – nur die größte Ruhe und Beherrschung seinerseits konnte ihr die Fassung zurückgeben , nach der sie sichtlich rang . Er sah , wie jede Fiber an ihr bebte , wie ihre Hände sich erfolglos abmühten , die auseinanderfaltenden Verbandsachen zu ordnen . » Wie ungeschickt ! « murmelte sie und fuhr mit der Rechten nach der Stirn . » Ich weiß nicht – die Luft hier beklemmt mich ! – was für ein jammervolles Geschöpf bin ich doch ! « Sie löste mit fiebernder Haft die Tuchzipfel unter dem Kinn und schob die Hülle nach dem Nacken zurück , um freier aufatmen zu können , und nun griff sie , ohne aufzusehen , nach seiner verbundenen Hand . » Die Qual wird bald ein Ende haben , « sagte er in Tönen , die trösten und beruhigen sollten ; sie erstickten aber halb in seiner eigenen inneren Bewegung . Sie schwieg und begann die Leinenbinde abzuwickeln . » Nun , das wenigstens ist mir erspart geblieben – Sie haben sich nicht aufs neue verletzt ! « sagte sie gleich darauf und hob die Stirn . » Die Wunde heilt sehr gut – Sie werden keine sichtbare Narbe behalten . « » Wie schade ! Ich würde mich zeitlebens über das Erinnerungszeichen gefreut haben , wie der Student über eine kräftige Quart in seinem Gesicht ... Und damit soll wohl nun auch gesagt sein , daß die chirurgische Behandlung nicht mehr nötig ist ? « » Die meine wenigstens nicht , « versetzte sie , während sie einen frischen Leinenstreifen mit flinken Händen aufrollte . » Was noch geschehen muß , das kann Frau Griebel ganz gut besorgen . « » Ah , Sie sind sehr gütig ! Nun denn , ich muß mich bescheiden , wenn ich auch nicht gerade gewillt bin , die brave Griebel zu meinem Heilgehilfen zu ernennen ... Vielleicht darf ich mir auf dem Vorwerk weitere Verhaltungsmaßregeln holen – « » Das würde ein vergeblicher Weg sein , « fiel sie ein , ohne von ihrer Beschäftigung aufzusehen . Dann trat sie von ihm weg – ihre Aufgabe war erfüllt . In fliegender Eile raffte sie ihr Verbandzeug zusammen und schob es in ihr Körbchen , und ehe er sich dessen versah , war sie an ihm vorüber zur Tür hinausgehuscht , wie ein befreiter Vogel , der das Weite sucht . Erst draußen auf dem Altan , den Fuß bereits auf die zweite Stufe setzend , wandte sie sich noch einmal zurück . » Ist es nun genug der Selbstverleugnung ? « fragte sie , und verhaltener Jammer , mit bitterem Trotz gemischt , brach aus diesen Tönen . » Trüge jedes Samariterwerk einen solch schmerzenden Stachel der Demütigung in sich , dann – « » Warum quälen Sie sich und mich mit dieser kleinen Bosheit , die Ihnen nicht einmal aus dem Herzen kommt ? « unterbrach er sie – er hatte nach seinem Hut gegriffen und stand bereits neben ihr . » Nun ja , ich habe auf meinem Recht bestanden – wer will mir das verargen ? Und Sie erfüllten einfach Ihr gegebenes Wort – ist das so schlimm ? – Dafür begleite ich Sie jetzt ritterlich – nein , nein , widersprechen Sie nur nicht ! Sie wissen wahrscheinlich gar nicht , daß der Hirschwinkel von Zigeunern wimmelt – « » Ach so – die könnten mich ja mitnehmen und auf dem Seile tanzen lassen ! « wandte sie sich mit einem halben Lächeln nach ihm um , der hinter ihr das Treppchen herabstieg . » Wahrhaftig , wenn auch nicht auf dem Seile , so doch unter dem Leinendach eines Wagens , zwischen alten Hexengesichtern und wilder , junger Zigeunerbrut habe ich Sie heute schon gesehen ! Doch das erzähle ich Ihnen später einmal , das heißt « – verbesserte er sich schleunigst – » das heißt , wenn einmal die Gnadensonne in der Dachstube über mich armen Burschen aufgehen sollte ! – Dazu ist bis jetzt freilich noch wenig Aussicht vorhanden , und da ich weiß , daß in vielleicht kaum einer halben Stunde , mit dem weißen Kopftuch und dem Arbeitskleid da , auch Amtmanns Magd für immer verschwinden wird , so werde ich diesen kurzen Augenblick ausnutzen , soviel ich kann . « Sie streifte ihn mit einem schnellen Seitenblick – er machte ein sehr ernstes Gesicht , während sich seine Schritte verlangsamten . Die beiden gingen bereits neben dem Gehölz hin , etwas mehr inmitten des Weges ; denn noch glitzerten die langen Nadelbärte der Fichten im Wassergerinnsel und das vordrängende Dickicht war beperlt mit Millionen rollender Tropfen . All dies Gefunkel aber und die regenbestäubten Ährenspitzen des Kornfeldes , jede kleine spiegelnde Lache am Wege fingen die rote Glut des Abendlichtes auf – versöhnend , nach dem Gewitteraufruhr schienen Himmel und Erde , Sonnenfeuer und Wasser ineinander zu schmelzen . » Was glauben Sie , was der junge Franz nach seiner Wiederherstellung beginnen wird ? « fragte der Gutsherr ohne jede weitere Einleitung . » Nach Kalifornien kehrt er doch keinesfalls zurück ? « Sie schüttelte heftig den Kopf . » Lieber Steine klopfen an einer Thüringer Landstraße ! ‹ hat er mir in der ersten Stunde des Wiedersehens gesagt . « – Ein tiefer Seufzer hob ihre Brust . » Sie wissen selbst am besten , in welchem Zustande der › Goldjunge ‹ des alten Mannes auf dem Vorwerk seine Heimat wieder betreten hat . Wie er mir sagte , haben Sie ihn barmherzig vom Wege aufgenommen und die erste Nacht im Gutshause verpflegt ... Scham und Jammer haben ihn freilich dort nicht gelitten – er hat lieber einsam im Walde sterben und vermodern wollen , als fremder Barmherzigkeit anheimzufallen – das begreife ich , das begreife ich nur zu gut ! « unterbrach sie sich leidenschaftlich und preßte die Hände auf die Brust . – » Er hat recht gehabt ! Ein einsames Sterben ist nicht halb so bitter , als unter dem fortgesetzten Druck demütigender Wohltaten leben zu müssen ! « Sie verstummte für einige Sekunden . Mit schmerzhaft zusammengezogenen Brauen , die Unterlippe hart zwischen die Zähne geklemmt , starrte sie in den glühenden Himmel hinein , und der Mann an ihrer Seite unterbrach dieses zürnende Schweigen mit keiner Silbe . » Er hat sich so durch den Wald und weiter geschleppt , « fuhr sie nach einem tiefen , beklommenen Atemholen fort , » bis er mir am Tor des Vorwerkes in die Arme getaumelt ist – « » Und Sie haben es möglich gemacht , den Erschöpften fortzubringen ? « » Die Angst hat mir die Kraft gegeben – er mußte aus den Augen seiner Eltern ! Die alte Frau wäre bei seinem herzbrechenden Anblick gestorben ! « » Es ist ein weiter Weg bis ins Forstwärterhaus – « » An jenem Morgen schien er mir endlos . Aber dann fand ich auch den kräftigsten Beistand . Der Forstwärter , der treue Mensch , ist Ottos Spiel- und Jugendgefährte gewesen ; er weinte und lachte in einem Atem bei dem traurigen Wiedersehen . Wenige Stunden später lag der Heimgekommene bereits im Delirium – « » Und lärmte in seinen Fieberphantasien , daß der Wald widerhallte , « ergänzte der Gutsherr mit bedeckter Stimme . » Und die Leute , die das tolle Gelächter draußen hörten , haben gemeint , es seien Zechbrüder in der Eckstube mit den verhüllten Fenstern ... Ja , ich weiß es , und um ein hartes , böses , rachsüchtiges Wort , mit welchem man tief in ein edles Herz hineingeschnitten hat , vergessen zu machen , dazu reicht ein Mannesleben voll anbetender Liebe wohl kaum aus . « Sie wandte wie erschrocken das Gesicht von ihm weg , und es schien fast , als überlege sie , ob sie nicht doch lieber einen Weg für sich durch das triefende Dickicht da seitwärts bahnen solle . Ihrem Begleiter mochte diese unwillkürliche Fluchtgebärde wohl entgehen , denn er fragte in diesem Augenblick so ruhig , als sei er nicht mit einem einzigen Gedanken von dem Gesprächsthema abgeirrt gewesen : » Welchem Beruf hat der nachherige Goldsucher ursprünglich angehört ? « » Er ist Landwirt , « versetzte sie und wich , nunmehr weitergehend , den Fichtenzweigen aus , die sich tropfenschwer über den Weg hineinreckten . » Früher hat er Aussicht gehabt , einst der Nachfolger seines Vaters auf der Domäne Gelsungen zu werden – damit ist es selbstverständlich längst aus und vorbei . Und jetzt , nachdem er draußen so furchtbar Schiffbruch gelitten hat , sind seine Lebensansprüche auch sehr bescheiden geworden . Einen einfachen Wirkungskreis , der ihm ein sicheres Brot gibt – sei es auch bei härtester Arbeit im abgelegensten Erdenwinkel – und das Zusammenleben mit seiner alten Mutter , weiter gehen seine sehnsüchtigen Wünsche nicht . « » Dann könnte er ja im Hirschwinkel bleiben ! « Sie blieb abermals stehen und sah ihn mit freudigem Ausdruck an . » Würden Sie ihm das Vorwerk in Pacht geben ? « Er blickte zur Seite und zuckte die Achseln . » Darüber steht mir die Verfügung nicht mehr zu . « » Nicht mehr zu ? « wiederholte sie die letzten Worte tonlos und mechanisch , in atemloser Bestürzung – sie war ganz blaß geworden . » Haben Sie den Hirschwinkel verkauft ? « » Was denken Sie ? Ich sollte meine Perle verkaufen , die mir Glückspilz unverdientermaßen in den Schoß gefallen ist ? ... Nein , eher gäbe ich die Werke Markus unter den Hammer ! ... Die Sache ist die , daß das Vorwerk schon seit länger als einem Jahre nicht mehr zum Gut gehört . « » Und Sie hätten wirklich kein Verfügungsrecht mehr darüber ? Und die unglücklichen alten Leute sollen abermals um das Dach über ihrem Haupte kämpfen und sorgen müssen ? « rief sie in halber Verzweiflung und ließ wie niedergeschmettert den Kopf auf die Brust sinken . » Wie grausam ! Gerade jetzt diese Enthüllung , wo Sie der armen Kranken den Riß zum Neubau auf das Bett gelegt haben ! ... Durften Sie das ohne Vorwissen des jetzigen Eigentümers ? « » Ich habe die Genehmigung der Besitzerin vorausgesetzt . « » › Der Besitzerin ‹ ? – Einer Dame gehört das Vorwerk ? « Sie sah erstaunt , aber auch ermutigter auf . » Und Sie sagten vorhin selbst , daß Otto Franz im Hirschwinkel bleiben könne – da wird die neue Besitzerin jedenfalls auch verpachten ? « – Er zog die Schultern empor und sah ihr lächelnd in das angstvoll gespannte Gesicht . » Das weiß ich nicht – da müssen Sie Fräulein Agnes Franz fragen . « Sie stand wie versteinert und ließ es willenlos , wie geistesabwesend geschehen , daß er ihre beiden Hände ergriff und einen Augenblick festhielt . Er erzählte ihr , wie er durch Zufall den letzten Willen seiner Tante gefunden habe , und zog schließlich das Notizbuch der verstorbenen Frau Oberforstmeisterin aus der Brusttasche , um den Beweis zu erbringen . Tränen der Rührung flossen über ihr Gesicht beim Überfliegen der Schriftzüge , aber sie nahm das dargebotene Buch nicht in die Hand , sie schob es vielmehr sanft von sich . » Das ist ja kein rechtskräftiges Testament , mein Herr ! « sagte sie , ihre tiefe Bewegung niederkämpfend , fest und entschieden . » Niemand in der ganzen Welt würde daraufhin der in Aussicht genommenen Erbin auch nur den Schein eines Anspruchs zugestehen . « » › Niemand ‹ ? « wiederholte er . » Ei , was hat Ihnen denn die arme Welt getan , daß Sie meinen , sie sei voll Spitzbuben ? ... Möglich , daß es Leute genug gibt , denen der letzte Wille eines Ihrigen nichts gilt , wenn nicht so und so viele Tintenkleckse von fremder Hand drunter stehen – meinetwegen mögen sie sich dabei sogar vollkommen auf dem sogenannten Rechtsboden befinden – aber so wie ich denke , ist das Anrufen des Gesetzes in einem solchen Falle eine richtige Veruntreuung . Nein , nein , schütteln Sie nur nicht den Kopf über mich , als käme ich aus irgend einem verklungenen , sagenhaften Lande mit meinen Rechtsbegriffen ! Mögen sie immerhin ein wenig schwerfällig sein , wie das ganze Rüstzeug meiner geistigen Beschaffenheit – Sie haben ja selbst erfahren , wie ungelenk ich im Auffassen der Menschen und Dinge bin , wie ich in lächerlicher Vertrauensseligkeit , brav und bieder das Seltsamste wochenlang als bare Münze genommen habe – ich sage , den obersten , unfehlbaren Richter , das Gewissen , haben sie doch für sich . « Sie war bei seiner Anspielung auf die Rolle des Irregeführten , in der sie ihn wider Willen hatte belassen müssen , tief errötend und raschen Schrittes weitergegangen , und er war an ihrer Seite geblieben . Die Gehölzhecke lag hinter ihnen , und der Vorwerksgarten kam in Sicht . » Angenehm war mir der Fund im Arbeitsbeutel meiner seligen Tante allerdings insofern nicht , als er mich mit der fatalen Amtmannsnichte in persönliche Berührung bringen mußte , « fuhr er nach einem sekundenlangen Schweigen fort , und der liebenswürdige Humor , der sein Gesicht so verschönen konnte , brach förmlich leuchtend durch . » Ich betäubte aber sündhafterweise mein Pflichtgefühl und machte mir es selber glaubhaft , daß ja auch mein Sachwalter die Sache ganz gut abwickeln könne , wenn ich den Hirschwinkel wieder im Rücken haben würde ... Nun trat aber plötzlich auch ein Amtmanns sohn in meinen Gesichtskreis , und dadurch wurde die Angelegenheit schwieriger . Ich sah mich gezwungen , die Verhältnisse auf dem Vorwerk näher zu erforschen , wenn ich das Richtige tun wollte . Ich mußte mich fragen , weshalb die Erblasserin ein Mädchen als Vormünderin und Versorgerin für die beiden Alten einsetzte , während sie die natürlichste Stütze , einen Sohn , hatten . « » Ich verstehe die liebe , treue alte Freundin vollkommen , « entgegnete das an seiner Seite schreitende Mädchen bewegt . » Otto war stets gutmütig und nachgiebig bis zur Schwachheit . Seinem herrischen Vater gegenüber hatte er weder Mut noch Willen , genau wie seine arme Mutter ... Aber nun , wo ihm das Leben so bittere Lehren gegeben hat , wo er weiß , wie weh der Hunger tut , und daß er nur durch Sparsamkeit , durch Energie der bewußten Verschwendungssucht gegenüber den Lebensabend seiner Eltern sorglos machen kann , nun – « » So meinen Sie , ich solle die letztwillige Verfügung in diesem Buche zu seinen Gunsten umändern ? « Sie schwieg einen Augenblick und hob die schönen , schimmernden Augen voll unaussprechlicher Dankbarkeit zu ihm empor . » Nun denn , ja ! « – antwortete sie fest – » wenn es nicht ein Unrecht meinerseits ist , Sie in dieser unerhörten Großmut zu bestärken ! « Er lachte und stieß das Gartentürchen auf , vor welchem sie eben ankamen . » So darf ich Sie also nicht auffordern , nunmehr Ihren eigenen Grund und Boden zu betreten , wie ich vorhatte – Sie haben sich Ihres Rechtes begeben – « » Mit tausend Freuden ! « rief sie eintretend und wandte sich nach ihm zurück . » Ich brauche nichts – und das weiß ich , « – sie faltete die Hände inbrünstig über der Brust – » wohin ich auch gehen mag , hier wird mir die Heimat bleiben , hierher darf ich kommen , wenn ich auch einmal das süße Gefühl des › Zuhauseseins ‹ kosten will ! « » Ich sollte meinen , diese Berechtigung hätten Sie sich schwer genug errungen ! – Aber wissen Sie denn nicht , daß der echte , rechte Mann und Hausherr es nicht duldet , wenn sein Weib ein zweites Heim neben dem seinen geltend macht ? « Sie trat von ihm weg mit einem bösen , bittern Ausdruck in ihrem erblaßten Gesicht . » Das sind Verhältnisse , die weit ab von meinem Lebensweg liegen , « entgegnete sie finster . » Mir wird nie ein Mann vorzuschreiben haben , was ich tun oder