doch schrieb Johanna dieselbe dem Umstande zu , daß ich , dringender Studien halber , in den nächsten drei Wochen Bonn nicht verlassen könne . In ihren milden Augen perlten Thränen , über welche sie , wie sie sagte , keine Rechenschaft abzulegen wußte . Sie versuchte dieselben zurückzudrängen und demnächst fortzulächeln , allein vergeblich . Es war , als ob der Ernst , der mich erfüllte , auch auf sie übergegangen sei , als ob sie , indem ich sie inniger umarmte , herausgefühlt halte , daß ich auf gefährlichen Wegen wandle und ihr irgend etwas verheimliche . » Komme bald , recht bald zu Deiner Johanna , « sagte sie , als wir uns endlich von einander trennten ; » komme bald ! « rief sie mir in süßem Schmeichelten nach , als ich mich bei der nächsten Biegung der Straße , bevor mich der Wald ihren Blicken entzog , zum letzten Mal nach ihr umwendete . » Segne Dich Gott , Du gute , treue Seele , Du meine einzige Herzensfreude ! « rief ich zurück , meine Mütze in der Luft schwenkend . » Aus baldiges Wiedersehen ! « fügte ich noch hinzu , indem ich endlich um die Ecke herumbog und rüstig auf Königswinter zu schritt . » Ja , auf baldiges , glückliches Wiedersehen , « sprach ich nach einiger Zeit laut zu mir selbst , » auf ein Wiedersehen , welches mich Dir noch theurer machen wird . Auf ein Wiedersehen , daß alle Mädchen Deutschlands Dich um Deine Wahl beneiden und selbst Dein alter , ehrenwerther Onkel Lust verspürt , trotz seiner angestammten und tief gewurzelten Vorurtheile das Kreuz von seiner Brust zu nehmen und es mir , wenn auch nur auf einige Stunden , anzuheften . Denn länger wird er sich wohl nicht gern von demselben trennen , « schloß ich mein Selbstgespräch . » Was ist des Deutschen Vaterland ? « sang ich aus überströmendem Herzen , daß es ringsum zwischen den bewaldeten Hohen wiederhallte . Mein Herz war plötzlich so fröhlich , so leicht ; noch brannten ja die heißen Küsse Johanna ' s auf meinen Lippen , noch glaubte ich ihre innige Umarmung zu fühlen , und wie im Bewußtsein , daß ihre reine , treue Liebe mich als schützender Engel umschwebe , um mich vor drohendem Unheil zu bewahren , richtete ich mich stolz und mit hochwallender Brust empor . » Doch die mir vor Allen Am besten gefallen , Ist Hannchen , mein Hannchen , schön Hannchen vor Allen , Ist Hannchen allein ! « jubelte ich die alte liebe Weise in den Wald hinein . » Hannchen allein ! « antwortete das ferne Echo leise , als habe es andeuten wollen , daß Johanna nun wirklich vereinsamt sei . » Nicht Hannchen allein ! « verbesserte ich unwillig das Echo , das » Nicht « besonders laut betonend . » Hannchen allein ! « schallte es abermals , wie um mich zu necken zurück ; denn das » Nicht « war wieder mit meiner eigenen Stimme zusammengefallen . » Hannchen – nicht – allein ! « rief ich noch einmal , nach jedem Wort eine Weile innehaltend . » Hannchen – nicht – allein ! « tönte es deutlich vom Abhange des Berges zu mir herüber , und jetzt erst war ich zufrieden . – Anstatt nach Bonn zu gehen , ließ ich mich bei Königswinter über den Rhein setzen , und nach halbstündiger Wanderung stromaufwärts erreichte ich daß Dorf Rolandseck , wo ich von einem Mitverschworenen , der zugleich mein nothdürftigstes Gepäck mitgebracht hatte , erwartet wurde . Unser Ziel war Frankfurt , die alte Kaiserstadt . Andere Kameraden waren uns bereits vorausgeeilt , noch andere folgten uns auf Umwegen nach ; doch in keiner größeren Zahl als zu Dreien begaben sich die verschiedenen Mitglieder unserer Verbindung nach dem verabredeten Ort unserer Bestimmung , wo der erste Schlag gegen die Unterdrückung geführt , der erste Ruf der Freiheit ertönen und , weithin schallend durch die deutschen Gaue , das Volt zum Bewußtsein seiner Erniedrigung , aber auch seiner Kraft erwecken sollte . Wir trafen in Frankfurt ein , ob unerkannt oder nicht , ich weiß es nicht ; dagegen wurde ich daselbst sehr bald zu meiner größten Ueberraschung inne , daß ich keineswegs zu den Leitern der Bewegung gehörte , was ich so lange geglaubt hatte , und am allerwenigsten auf mich als auf einen Führer des Volles gerechnet worden war . Ich tröstete mich indessen damit , daß es Andern , die mit nicht weniger kühnen Hoffnungen und ehrgeizigen Plänen sich der Verbindung angeschlossen hatten , nicht besser erging . Ein Gefühl des Zagens folgte dem einer bittern Enttäuschung nach , als ich die uns zu Gebote stehende Macht mit den zu überwindenden Schwierigkeiten verglich . Doch zur Umkehr war es zu spät , und hätte mir wirklich ein Ausweg offen gestanden , ich würde , meinem Eide getreu , nicht zurückgetreten sein , und hätte ich in der nächsten Minute dem Tode gerade in die Augen schauen müssen . Nur inniges , festes Zusammenhalten und genaue Befolgung der an die einzelnen Mitglieder ergehenden Anforderungen konnten uns schließlich dennoch den ersehnten Erfolg sichern , und unbekümmert um die Rolle , welche Jedem von uns zuerkannt wurde , waren wir Alle bereit , unser Leben im Kampfe für die Freiheit auf den Altar unseres gemeinsamen großen Vaterlandes niederzulegen . Am Abend des 20sten März erschreckte plötzlich das Läuten der Sturmglocken die friedlichen Bewohner Frankfurts . In den Straßen rotteten sich Menschen zusammen , Schwerter rasselten , Schüsse donnerten und wie durch Zauber erschienen schwarz-roth-goldene Fahnen und Abzeichen . Ach , sie erschienen , um fast ebenso schnell und wer weiß , auf wie lange , wieder vor den Augen der Menschen zu verschwinden . Nur während einer halben Stunde lächelte uns und unsern riesenhaften Anstrengungen ein leiser Schimmer von Hoffnung ; dann aber bezweifelte Niemand mehr , daß einer , wenn auch nur mittelmäßig organisieren militairischen Macht gegenüber , unser Unternehmen ein vollständig verfehltes sei . Wir hatten ja nicht einmal die Genugthuung , dasselbe eine Revolution , eine Volksbewegung nennen zu hören , sondern als Emeute und Krawall bezeichnete man Das , für was wir , erfüllt von erhabenen , edlen Zwecken , jede Aussicht auf eine Stellung in der menschlichen Gesellschaft hingegeben hatten . Als lorbeergekrönte Freiheitshelden hofften wir aus dem schweren und erbitterten Kampfe hervorzugehen , und zu einer Rotte Hochverräther und Störer der öffentlichen Ordnung waren wir herabgesunken . – In dem dichten Gewühl von Leuten , die theils mit in unsern Ruf einstimmten , theils nur von Neugierde auf die Straßen hinausgetrieben worden waren , wurden wir bald von einander getrennt . Viele , den unglücklichen Ausgang vor Augen , begaben sich an demselben Abend noch auf die Flucht ; Andere fanden in bekannten Häusern ein vorläufiges Unterkommen , und wieder Andere fielen den Behörden in die Hände und sahen einer lebenslänglichen Haft und , als mit den Waffen in der Hand ergriffene Hochverräther , vielleicht einer noch schwereren Strafe entgegen . Zu den Letzteren gehörte auch ich . In der Nähe der Hauptwache , welche in unsere Gewalt zu bringen unsere erste Aufgabe sein sollte , hatte mich ein schwerer Schlag , ob mit einem Knüttel , oder mit einer Muskete , ich entsinne mich dessen nicht , betäubt niedergeworfen . Als ich wieder einigermaßen zur Besinnung gelangte , befand ich mich in einem verschlossenen Wagen , der in schnellem Trabe eine lange Straße hinunterfuhr . Neben mir saßen ein Polizist und ein Soldat . Ich nahm mir nicht die Mühe , zu fragen , was man mit mir beabsichtige , ich errieth es leicht , und außerdem würde man mir schwerlich eine Antwort ertheilt haben . Die Folgen des Schlages hinderten mich anfangs , klar zu denken . Erst als der Wagen hielt und ich unter militairischer Bedeckung in ein großes , düsteres Gebäude geführt und demnächst in ein enges dunkles Gemach , dessen einziges kleines Fenster mit eisernen Stäben vergittert war , eingesperrt wurde , erwachte ich zum vollen Bewußtsein meiner Lage . » Gefangen , auf lange Jahre , auf Lebenszeit im engen Kerker eingeschlossen , « stöhnte ich verzweiflungsvoll , indem ich in die Kniee sank . » Gefangen , der Freiheit beraubt ; abgesperrt von der freien Luft , von dem Verkehr mit andern Menschen ! Mörder meines Glücks ! Mörder meiner Johanna ! « rief ich zerknirscht aus , und Thränen ohnmächtiger Wuth über mich selbst und mein unüberlegtes Handeln entstürzten meinen Augen . » Johanna ! arme , unglückliche , meinen ehrgeizigen Plänen geopferte Johanna ! Johanna , vergieb mir , daß ich noch lebe , nicht von einer mitleidigen Kugel tödtlich getroffen wurde , eh ' man mich zu meiner und Deiner Schmach als Verbrecher brandmarkte und einem furchtbaren Loose entgegenführte ! « Alle meine kühnen Hoffnungen , alle meine phantastischen Pläne waren vergessen und vernichtet . Mit dem Fehlschlagen des tollen Unternehmens war auch mein Lebensglück zertrümmert worden ; ich fühlte es ; hatte ich doch die Folgen des Mißlingens vorherberechnet , jedoch in meiner Vermessenheit nicht an die schreckliche Möglichkeit geglaubt . Verzweiflungsvoll und gemartert von den entsetzlichsten Gewissensbissen wälzte ich mich auf dem Boden meiner Zelle . Nicht an mich dachte ich mehr ; aber an Johanna , deren Leben ich vergiftet ; an Johanna , deren Liebe zu mir ihre Lebensfrage ; an Johanna , die arme verlassene Waise , die so hingebend , so zuversichtlich erwartete , in mir ihr ganzes Lebensglück zu finden , und deren Hoffnungen ich so schmählich getäuscht , in meiner unverantwortlichen Verblendung gleichsam mit der Wurzel aus ihrer Brust herausgerissen hatte , um sie an den zurückgelassenen Wunden langsam verbluten zu lassen . » Johanna , vergieb mir ! « stöhnte ich dem Wahnsinn nahe . Um mich her war es dunkel , aber indem ich den theuern Namen aussprach , glaubte ich die arme , um ihr irdisches Stück betrogene Braut vor mir zu sehen . Eine himmlische Glorie umgab ihre zarte Gestalt ; ihre milden , blauen Augen hatte sie mit dem Ausdruck sanften Vorwurfs auf mich gerichtet und auf ihren Wangen brannte feuriger , denn je , die unheimliche Röthe . » Johanna , vergieb mir ! « keuchte ich angstvoll ; meine Arme nach dem Gebilde meiner krankhaft aufgeregten Phantasie ausstreckend , und statt Ihrer erblickte ich meinen greisen Vormund , der sich , Kummer und Schmerz auf seinen gealterten Zügen , von mir abwendete . Ich schloß die Augen , um die Erscheinungen , die jetzt zu lauter drohenden Schreckgestalten für mich wurden , fern von mir zu halten ; allein vergeblich . Furchtbarer , verzerrter und dabei doch kenntlich stürmten sie auf mich ein . » Gefangen , « summte es mir in den Ohren , » gefangen auf Lebenszeit , gefangen bis an ' s Ende Deiner Tage ! « » Johanna ! « seufzte ich noch einmal vor mich hin , wie um durch den mir heiligen Namen die Gespenster meiner Einbildungskraft zu verscheuchen , dann verließen mich wieder meine Sinne . 11. Capitel . Im Kerker Elftes Capitel . Im Kerker . » Gefangen , « welch schreckliches Wort , welche vernichtende Gedanken reihen sich an diesen einzigen Begriff . Gefangen , auf Lebenszeit der Freiheit beraubt , wie entsetzlich , ein solches Urtheil zu vernehmen . Nur verstohlen lugt das Tageslicht durch das kleine vergitterte Fenster herein , und dumpf schlägt das summende Geräusch des lebhaften Verkehrs in den Straßen an das ängstlich lauschende Ohr . Wie die Minuten so langsam verrinnen , wie die Stunden so endlos erscheinen ! Wie viel Minuten hat die Stunde ? Nie viel Stunden der Tag , wie viel Tage das Jahr und wie viel Jahre zählt das Leben ? Ist es denn möglich , solche Marter zu ertragen ? Es kann nicht sein ! Nackte Wände umgeben mich ; hier steht mein hartes Lager , dort der steinerne Wasserkrug ; eiserne Stangen , kreuzweise miteinander verbunden , versperren die Fensteröffnung , und eiserne Schienen und schwere Riegel lassen kaum noch eine Probe von dem Holz der Thüre durchschimmern . » Ach , welche Vorsichtsmaßregeln , um einen einzigen schwachen Sterblichen gefangen zu halten ! Und dennoch , sie sind nicht zu stark ; denn hinter den eisernen Stangen und hinter den schweren Schlössern liegt die Freiheit , die holde , süße Freiheit , und wer fühlte nicht Riesenkräfte in seinen Armen , wenn es gilt , die Freiheit zu erringen ! Solche Gedanken beschäftigten meinen Geist , als ich den ersten Schlag meiner Verhaftung überwunden und eine ruhigere Ueberlegung an Stelle des wahnsinnigen Schmerzes getreten war . Traurig und langsamen Schrittes durchmaß ich meine düstere Zelle , und vergeblich versuchte ich eine letzte Spur von dem jugendlichen Muth wachzurufen , der mich vor Kurzem noch in so hohem Grade beseelte . Mein Fenster lag nach der Straße hinaus ; aus Besorgniß , daß ich oder Andere , die mein Schicksal theilten , sich durch Zeichen mit den vorüberwandelnden Menschen verständigen könnten , hatte man vor den eisernen Gittern hölzerne , grün angestrichene Jalousien angebracht , deren Oeffnungen aber nach oben wiesen . Man gönnte uns nicht den Anblick lebender Wesen ; einige schmale Streifen des Himmels waren Alles , was man uns ließ . Wie wenig , und roch schöpfte ich daraus so manchen Trost , so manche Hoffnung . Stundenlang stand ich vor den knapp zugemessenen Oeffnungen , die Blicke emporgerichtet . Andächtig betrachtete ich den bald blauen , bald verschleierten Himmel . Die dahinziehenden Wolken schienen in meinen Augen Leben zu erhalten und ich beneidete sie um die weite Fernsicht , welche ihnen dort oben offen stand . Erblickte ich aber gar eine Schwalbe , die fröhlich und sorglos meinen so neidisch begrenzten Gesichtskreis durchsegelte , dann hatte ich weinen mögen vor bitterem Weh und Herzeleid . Als die Schwalben zum letzten Mal beim Herannahen des Winters schieden , da zog in meine Brust der Frühling ein , und jetzt , da die Verkünderinnen des Frühlings wieder eingetroffen , durchbebte winterliche Kälte meine Seele . Ich war gealtert , mein Lebensmuth gebrochen , und an den schönsten Traum meines Lebens durfte ich nicht denken , wenn ich nicht dem Wahnsinn anheimfallen wollte . Welchen Begriff hatte ich ehemals von der Freiheit , und welchen jetzt ? Und wie erniedrigt erschien ich mir , der ich , einem leeren Phantom nachjagend , ein irdisches Paradies leichtsinnig von mir gestoßen hatte ! Ich wollte an Johanna schreiben , in einem Briefe an sie Trost suchen , ihr mein Verhalten , so gut es in meinen Kräften stand , erklären und ihre Verzeihung erflehen , allein ich wurde als Hochverräther behandelt , der sogar nicht einmal in brieflichen Verkehr mit der Außenwelt treten durfte . Ebenso wurden auch alle Briefe zurückgewiesen , welche an die Gefangenen einliefen . Es war ein grausames Verfahren , welches man gegen uns einschlug , ich ertrug es aber mit verhältnißmäßig ruhiger Ergebung , denn nachdem ich Alles , Alles verloren , gab es ja nichts mehr , das mich noch tiefer zu beugen vermocht hätte . So verstrich die erste Zeit meiner Haft ; mich kümmerten weder Verhöre noch Verurtheilung . Ich gab mir nicht einmal die Mühe , darauf hinzuweisen , daß ich eigentlich und ursprünglich wider meinen Willen in die demagogischen Umtriebe hineingerissen worden sei und mich erst später mit leicht entzündlichem , jugendlichem Enthusiasmus denselben rücksichtslos in die Arme geworfen habe . Ich war ja ein Mann , der wissen mußte , was er thun und lassen durfte und daher für seine Handlungen verantwortlich gemacht werden konnte ; und selbst um den Preis meines Lebens oder , was mir gleichbedeutend war , der Freiheit , hätte ich Keinen meiner Mitschuldigen genannt , obwohl die Zweifel , welche über Bernhard ' s Redlichkeit in mir erwacht waren , sich allmälig immer mehr befestigten und klarere Formen erhielten . Meine Verurtheilung zu lebenslänglicher Einschließung vernahm ich ohne zu beben ; ich zuckte höhnisch die Achseln , in der Ueberzeugung , daß mein Leben unter der Last der an meiner Seele nagenden Selbstvorwürfe von keiner großen Dauer sein könne . Ich war auf das Urtheil gefaßt und suchte einen gewissen Stolz darin , auch nicht den leisesten Anflug von unmännlicher Schwäche zu verrathen . In meinen Kerker zurückgekehrt , gab ich mich indessen wieder ganz meinem Brüten hin , welches so weit ging , daß ich endlich nur noch wie ein Schlaftrunkener dahinvegetirte und weder den Schließer , noch den Gefängnißwärter eines Wortes oder eines Blickes würdigte . Ob der Schließer Mitleid mit meiner Jugend und mit meiner hoffnungslosen Lage empfand , oder ob er nach den Eingebungen Anderer handelte , gab ich mir nicht die Mühe zu ergründen ; ich bin aber geneigt , Ersteres anzunehmen , denn vier Monate mochte ich in meiner Haft zugebracht haben , als er eines Morgens zur ungewöhnlichen Stunde bei mir eintrat und mir zwei Briefe überreichte . « » Sie werden mich nicht verlachen , « sagte er in gleichgültigem Tone , » der eine Brief traf vierzehn Tage nach ihrer Verhaftung ein , der andere vor zwei Monaten . Ich unterschlug sie , anstatt sie zurückzusenden , und da nicht weiter nach dem Verbleib derselben geforscht wurde , stelle ich sie Ihnen jetzt zu . « Dankend nahm ich die Briefe entgegen , ich hatte die Handschrift meines Vormundes erkannt , und kaum noch fähig , meine tiefe Bewegung zu verbergen , leistete ich das feierliche Versprechen , nie ein Wort über den Empfang derselben verlauten zu lassen . Sobald ich wieder allein war , setzte ich mich auf mein Lager nieder . Lange und aufmerksam betrachtete ich die Aufschrift ; ich fürchtete mich , den Inhalt kennen zu lernen , denn was konnte mein Vormund mir anders mitzutheilen haben , als die Versicherungen seines Zornes und seiner Verachtung ? Da trat Johanna ' s trauerndes Bild mir vor die Seele , und hoffend von ihr oder über sie etwas zu erfahren , riß ich den älteren Brief schnell auf . Das Schreiben war nur eine halbe Seite lang und ebenfalls von der Hand des Oberstlieutenants . Etwas enttäuscht wendete ich mich dem durch die Fugen der Jalousien hereinfallenden Lichtstrahl zu und las : » Der Würfel ist gefallen ; Du bist abtrünnig geworden und ich kann , ohne meinem Könige die Treue zu brechen , keine Gemeinschaft mehr mit einem Hochverräther halten . Einen Mord hätte ich Dir verziehen , allein daß Du mit zu den Häuptern der Umsturzparthei gehörst , verzeihe ich Dir niemals . Hinter meinem Rücken , während ich Dir vielleicht mit väterlicher Zuneigung die Hand drückte , hast Du gegen unsere hohe Landesregierung conspirirt . Du erleidest jetzt die Strafe für Deinen Verrath , für welchen Dein Leichtsinn nicht einmal eine Entschuldigung ist . Meiner Vormundschaft über Dich , die ohnehin nächstens abläuft , werde ich mich baldmöglichst entledigen und Dir den Rest Deines Vermögens zur Verfügung stellen . Es soll mich freuen , wenn die paar hundert Thaler dazu dienen , Dir die wohlverdiente Strafe zu erleichtern . Werker , Oberstlieutenant und Oberförster . « » Kein Wort über Johanna , « sagte ich erschüttert , indem ich den Brief , dessen Inhalt mich übrigens nicht im Mindesten überraschte , wieder zusammenfaltete . Da fiel ein schmaler Papierstreisen , der zwischen den beiden Blättern des Bogens verborgen gewesen , lustig um sich selbst herumwirbelnd , vor mir auf die Erde . Hastig griff ich nach demselben , und ich glaubte meinen Äugen nicht trauen zu dürfen , als ich Johanna ' s zierliche Schriftzüge erkannte . Offenbar hatte sie , da ihr das Schreiben untersagt worden war , den Papierstreifen heimlich in den schon versiegelten Brief hineingeschoben , um mir wenigstens ein Lebenszeichen von sich zu geben . Meine Hand bebte bei dieser Entdeckung , und längere Zeit dauerte es , bis ich die vor meinem umflorten Augen in einander verschwimmenden Buchstaben von einander zu trennen vermochte . » Gustav , ewig und innig geliebter Gustav , habe Vertrauen zu Deiner Johanna ! Sage mir , wie ich Dir helfen kann , und sollte es mich das Leben kosten , beglückt gebe ich es hin , wenn es zu Deiner Rettung dient . Ich fühle mich stark und gesund , ich weine nicht mehr , aber Tag und Nacht sinne ich auf Mittel , Dich wiederzusehen , an Deinem treuen Herzen zu ruhen . Gott segne und beschütze Dich ! ewig , ewig unveränderlich Deine Johanna . « » Nicht einmal den leisesten Vorwurf hast Du edles Mädchen für mich , « seufzte ich , und von wildem Schmerz überwältigt sank ich auf mein Lager hin . Thränen entstürzten meinen Augen ; obwohl ein Mann , weinte ich , wie in meinen ersten Kinderjahren , ich weinte so lange , bis ich leine Thräne mehr hatte und die Erschöpfung meine Geisteskräfte förmlich lähmte . » Keinen Vorwurf , keine Klage , sondern nur Liebe , reine , rücksichtslose , hingebende Liebe , « wiederholte ich unablässig . » O , es ist die härteste Strafe , die mich hätte treffen können , « fuhr ich in Gedanken fort , › ich fühle mich stark und gesund , ich weine nicht mehr , ‹ » ach , welche Welt voll Jammer und Schmerz liegt in diesen Worten ! Und ich , ich allein habe Alles verschuldet , habe das arme vertrauensvolle Mädchen mit mir in das Verderben hinabgerissen ! « Dann gedachte ich der Unglück verheißenden Worte meines Vormundes : » Die Sünden der Eltern werden heimgesucht an den Kindern bis in ' s dritte und vierte Glied , « dann wieder der Weissagung der Irrsinnigen , um den Eindruck des Vorhergegangenen abzuschwächen ; aber es gelang mir nicht . Ich vergegenwärtigte mir die krankhafte Röche auf Johanna ' s Wangen , ihren zarten Körper , ihr leicht erregbares Gemüth , und immer schwärzere Ahnungen tauchten vor meiner Seele auf . Ich kannte sie ja hinlänglich , um zu befürchten , daß ein so schwerer Schlag ihre Gesundheit vollständig untergraben , sie an den Rand des Grabes bringen könne . Doch der Leidensbecher , der mir an diesem Tage dargereicht worden , war noch nicht bis auf die Hefe geleert . – Lange dauerte es , bis ich es über mich gewann , auch den zweiten Brief zu erbrechen . Derselbe war ebenfalls von meinem Vormunde aber zwei Monate später geschrieben . Vorsichtig faltete ich ihn auseinander , ihn erwartungsvoll von allen Seiten betrachtend ; kein freundlich tröstender und doch auch wieder so viel Jammer erzeugender Papierstreifen fiel mir entgegen . Johanna hatte also keine Gelegenheit gefunden , mir ein Wort der Liebe zukommen zu lassen . Mechanisch richtete ich meine Blicke auf die bekannten Schriftzüge , aber nach Lesung der ersten Worte fühlte ich bereits , daß ich erbleichte und mir das Blut in den Adern stockte . » Unglücklicher , « begann der Brief , » nicht genug , daß Du schwarzen Verrath an König und Vaterland begingst und dadurch Deinen Vater im Grabe entehrtest , hast Du auch als Schurke an mir und meiner armen Johanna gehandelt ! Im Vertrauen auf die Ehrenhaftigkeit Deines Charakters machte ich Dir über Johanna ' s Eltern die umfassendsten und genauesten Mittheilungen . Anstatt , Deinem gegebenen Worte getreu , das tiefste Stillschweigen über Alles , was Johanna ' s Vergangenheit betrifft , zu bewahren , hast Du Mittel und Wege gefunden , ihr nicht nur das traurige Ende ihres Vaters bis in die kleinsten Einzelheiten zu schildern , sondern sie auch über den Lebenswandel ihrer Mutter aufzuklären ! Wahnsinniger , weißt Du , was Du gethan hast ? ! Du hast den ersten Nagel in den Sarg meiner armen Nichte geschlagen ! Versuche es nicht , Dich zu entschuldigen ; außer Dir und meiner Lisette wußte hier Niemand um die Geschichte . Du hast den Frevel vielleicht mit der guten Absicht begangen , ihren schnellen Tod herbeizuführen und dadurch ihren Jammer um Dich Elenden abzukürzen . Freue Dich , triumphire , Du hast Deinen Zweck erreicht ! Niemand wird bei Johanna die Stelle des zu lebenslänglicher Kerkerhaft verurtheilten Hochverräthers vertreten . « Ich war wie erstarrt ; ich las den Brief noch einmal langsam durch ; meine Augen brannten in ihren Höhlen , wie glühende Kugeln , und keine mitleidige Thräne war da , den furchtbaren Brand zu kühlen , kein Seufzer stand mir zu Gebote , die auf meine Brust gewalzte Last zu erleichtern . In mich gekehrt und taumelnd , wie ein Berauschter , ging ich in meiner Zelle auf und ab . Die schweren Anklagen meines Vormundes kränkten mich nicht , ich fand sie gerechtfertigt und natürlich ; denn er konnte nicht anders glauben , als daß ich das Verbrechen an Johanna begangen habe ; aber daß dieses Unglück mit seinen unberechenbaren Folgen überhaupt hereingebrochen , das war es , was mir fast die Sinne raubte . Und dennoch dachte ich in jener entsetzlichen Stunde weniger an die muthmaßlichen Folgen , als an Denjenigen , der durch die schändlichste Verrätherei das Unheil heraufbeschworen haben konnte . » Wer hat es gethan ? « murmelte ich vor mich hin , indem ich ununterbrochen meinen Spaziergang in der engen Zelle von dem einen nach dem andern Ende fortsetzte . » Wer hat es gethan ? Wer hat das furchtbare Verbrechen begangen , « fragte ich noch immer halblaut , als man mir mein kärgliches Mittagmahl brachte . » Wer hat es gethan ? Der Schwarze ; vielleicht Bernhard . Hüte Dich vor dem Schwarzen , « sprach ich , als der Gefängnißwärter die unangerührten Speisen wieder hinaustrug . » Hüte Dich vor dem Schwarzen ; Bernhard war mein Feind , mein böser Geist , « flüsterte ich mit trockenen Lippen , als die Sonne sich senkte . » Arme Johanna , hüte Dich vor dem Schwarzen , « keuchte ich noch mit letzter Kraft , als die Dämmerung die wenigen Gegenstände in meinem Gemach entstellte und unkenntlich zu machen begann ; und dann warf ich mich auf die harten Planken des Fußbodens nieder , meine brennende Stirn gegen das dicke Eisenblech der Thür pressend . Was in nächster Zeit mit mir vorging , weiß ich nicht ; ich gelangte in den Lazarethräumen des Gefängnisses nach langer schwerer Krankheit zum Bewußtsein . Ein hitziges Nervenfieber hatte mich an die Pforten des Jenseits geführt , mein kräftiger Körper dagegen dem Tode fast noch im letzten Augenblick seine Beute streitig gemacht . O , wäre ich damals gestorben , wie viel Kummer und Herzeleid wäre mir erspart geblieben ! Aber es sollte nicht sein . Langsam und allmälig erwachte ich wieder zum Leben , zu einem Dasein zwischen düstern Gefängnißmauern , und als einen gräßlichen Hohn betrachtete ich es , daß man mich so sorgfältig pflegte , sich so viel Mühe mit einem zu lebenslänglicher Haft Verdammten gab ; doch ich mußte es geschehen lassen . – In dem Maaße , wie meine Kräfte zunahmen , traten auch die Bilder der Vergangenheit wieder deutlicher hervor . Anfangs erschien mir Alles wie ein wüster Traum , in welchem zwei Briefe die Hauptrolle gespielt . Erst der Schließer klärte mich über meine Zweifel auf und erzählte mir , daß er mich bereits vor vier Wochen mit den zusammengeknitterten Briefen in den Händen bewußtlos auf der Erde liegend in meiner Zelle vorgefunden habe . Die Briefe hatte er so dann , bevor er Hülfe herbeiholte , an sich genommen , um einer etwanigen Entdeckung und demnächstiger Strafe für das Dienstvergehen vorzubeugen . Seine Besorgniß war indessen damit noch nicht beseitigt gewesen , denn in meinen Fieberphantasien hatte ich so viel von Briefen , von Johanna und dem Oberstlieutenant , von Fräulein Brüsselbach , dem Schwarzen und von Bernhard gesprochen , daß der Arzt sich mehrfach dadurch bewegen fand , nachzuforschen ob auch wohl äußere Einflüsse mit dazu beigetragen hätten , mich in meinen hoffnungslosen Zustand zu versetzen . Als ich wieder ruhiger und zusammenhängender zu denken vermochte , überredete ich mich leicht , daß die Krankheit im Grunde eine Wohlthat für meinen Gemüthszustand gewesen . Den heftigsten Paroxismus des Schmerzes hatte ich gewissermaßen im bewußtlosen Zustande überwunden . Die vollständige Entkräftung hinderte mich demnächst , mich anhaltend mit der mir von meinem Vormunde entgegengeschleuderten Beschuldigung zu beschäftigen , und als meine Kräfte und die Thätigkeit meines Geistes endlich wieder zurückkehrten , da suchte ich , ohne Hast und Uebereilung , indem ich die Erlebnisse des letzten Jahres gleichsam noch einmal durchlebte und in die kleinsten Einzelheiten zerlegte , zu ergründen , von wem wohl ein so verderblicher Einfluß auf mein und Johanna ' s Lebensglück ausgeübt sein möge . Mein Mißtrauen und Argwohn gegen Bernhard erhielten dadurch immer neue Nahrung , und zum ersten Male fragte ich mich , ob die Nachschläge eines Mannes aufrichtig und redlich gemeint gewesen sein könnten , eines Mannes , der , wie Bernhard damals am Godesberger Mineralbrunnen , seine Blicke mit einem so sprechenden Ausdruck unversöhnlichen Hasses in meine Augen senkte . Damals , als mich nur rosige Hoffnungen erfüllten , als ich alle Menschen wie Freunde hätte umarmen mögen und nur gute Seiten in ihnen zu entdecken suchte , hatte ich jenen Blick des Hasses schnell wieder vergessen oder legte ihm auch eine augenblickliche heftige Gemüthsbewegung als verzeihlichen Grund unter . Jetzt aber dachte ich anders darüber ; es wollte mir scheinen , als ob Bernhard , dem er mit seiner ungewöhnlichen Ueberredungsgabe mich in die demagogischen Umtriebe verwickelte und schließlich dafür Sorge trug , daß ich mich öffentlich compromittirte , ein mit vieler Ueberlegung und schlau eingefädeltes Verfahren gegen mich , muthmaßlich auch noch gegen Andere , beobachtete , um einem , vielleicht aus Religionseifer entspringenden Gefühl der Rache und des Hasses zu fröhnen . Hatte er selbst sich doch stets