warum denn ? “ fragte Angelika verwundert . „ Weil es dumm ist , etwas Anderes zu lieben als die Wissenschaft — und weil mich doch Niemand mag — Niemand ! “ Während sie so sprach , fuhr ein Wagen an und heraus stieg der alte Heim . Ernestine erschrak , sie hatte ein Gefühl , wie wenn der Pfarrer käme , den sie heute gemieden . Die Tür ging auf und er trat ein . „ Nun , da seid Ihr Beiden ? “ rief er in seiner biederen Art. „ Ich wollte Dir noch Lebewohl sagen , Ernestinchen , ehe Du auf so lange fortgehst . — Aber warum steht Ihr so verlegen da ? Habt Ihr Euch um die Puppe gezankt ? Ei was für eine Staatsmamsell ! “ er nahm die Puppe , setzte sich mit ihr auf einen Stuhl und ließ sie auf seinen Knieen reiten , wodurch sich der Mechanismus in Bewegung setzte und die Puppe laut Mama schrie . „ Ach , Herr Jesus , wie bin ich erschrocken , “ lachte der alte Herr . „ Das ist aber ein unartiges Kind — Du mußt es besser ziehen , Angelika , daß es fremde Leute nicht gleich so anschreit . “ Angelika klatschte in die Hände vor Freude . „ O , ich wußte es wohl , Onkel Heim , daß sie Dir gefallen würde , — Du wirst sie lieb haben , wie alle meine Puppen , nicht wahr ? “ „ Das versteht sich , sie ist wirklich ein ausgezeichnetes Frauenzimmer und verdient , daß ich ihr näch ­ stens eine Zuckertüte mitbringe . “ „ Ach ja , Onkel , ach ja ! “ jubelte Angelika . „ Aber Du sorgst mir dafür , daß sie nicht zu viel ißt , sonst muß sie ins Bett wie Deine alte Selma und Onkel Heim soll wieder den Puppen-Doktor machen . “ „ Nein , nein , Onkel , ich will schon selbst mitessen , bringe nur bald die Tüte , nicht wahr ? “ Heim hatte mittlerweile sein Auge beobachtend zu Ernestine hinüberschweifen lassen , die stumm zur Seite stand . „ Nun ? was sagt denn unsere Ernestine zu dem Weltwunder ? “ „ Ach Onkel , “ klagte Angelika , „ sie hat sie einen ledernen Balg geschimpft . “ Heim sah Ernestine nachdenkend an : „ So jung und schon so skeptisch ? Kaum zehn Jahre alt und schon keine Freude an Puppen mehr ? Armes Kind ! “ Ernestine schwieg . Die Worte „ armes Kind “ fielen wie heißes Blei in eine offene Wunde . Heim gab Angelika die Puppe zurück : „ Komm her , Ernestinchen . “ Sie näherte sich ihm scheu und langsam . „ Was ist denn mit Dir vorgegangen ? Siehst Du doch aus , als hättest Du ein böses Gewissen ? “ „ Das hat sie auch , Onkel Heim , “ unterbrach ihn Angelika , „ denn sie sagte vorhin , es sei dumm , Je ­ manden lieb zu haben , und das ist doch gewiß sehr unrecht von ihr ! “ „ Das hast Du gesagst ? “ fragte Heim im höch ­ sten Erstaunen . Ernestine glaubte in die Erde zu sinken , sie fal ­ tete bittend die Hände : „ Ach verzeihen Sie mir , bald ist mir ’ s so , bald anders — ich weiß ja gar nicht mehr , was ich tue und was ich rede , ich weiß nur , daß ich ein elendes , elendes Ding bin ! “ Heim schüttelte den Kopf und zog das zitternde Kind zu sich hin : „ Herzchen , vertraue mir ’ s an — ist Dein Oheim hart gegen Dich , mißhandelt er Dich ? Sprich ! “ „ Nein , o nein — er ist ja gut — er tut mir nie etwas zu Leide , er gibt mir kein böses Wort — das ist ’ s nicht , das nicht ! “ „ Ich verstehe . Du fühlst trotzdem , daß er Dir ferne steht — Du entbehrst eben immer die Eltern und brauchst Licht und Wärme , Du arme , verkümmerte Pflanze . Na warte nur ! Wenn Du in den schönen sonnigen Süden kommst mit seiner Farbenpracht und Lebensfülle , da wird Dir wohler sein und das Herz wird Dir aufgehen . Gerne hätte ich Dich bei mir behalten , hätte Dich treu und liebevoll erzogen und Dir den Vater ersetzt , aber es durfte nicht sein — Gott wird es ja wohl wissen , warum — und so seh ich Dich wenigstens mit den besten Hoffnun ­ gen für Dein körperliches und geistiges Gedeihen in jene milden , freundlichen Gegenden ziehen . “ Ernestinen war es , als schmölzen ihr diese väter ­ lichen Worte das Herz . Sie preßte Heims Hände an die Lippen , sie wollte ihm Alles gestehen . „ O sprechen Sie nicht so zu mir ! “ — rief sie mit überströmendem Gefühl , „ nicht so gütig , ich verdiene es nicht ! “ „ Armes schuldloses Kind , was solltest Du ver ­ brochen haben , daß Du kein Wohlwollen mehr ver ­ dientest ? Ernestinchen , raffe Dich auf , was wandelt Dich nur so plötzlich an ? “ „ Ach , wenn Sie wüßten — “ rief Ernestine — da ging die Tür auf und zur rechten Zeit erschien Leuthold , um zu verhindern , was alle seine Pläne zerstört haben würde . „ Herr Geheimerat — ich irrte mich also doch nicht — der Wagen , der anfuhr , war der Ihre . Die Frau Staatsrätin ist in Geschäften bei mir und wünscht Ihre Anwesenheit bei Unterzeichnung eines Vertrages . “ — „ Schön , ich komme , “ sagte Heim kurz und ging mit Leuthold hinaus . „ Nun fährt Onkel Heim mit uns nach Hause ! “ jubelte Angelika . „ Nicht wahr , Ernestine — er ist gut ? “ „ Ja , ach ja ! “ hauchte Ernestine wie träumend vor sich hin und blieb lange regungslos neben dem Stuhle stehen , auf dem Heim gesessen hatte . Da trat er endlich mit Leuthold und der Staatsrätin wieder ein . „ Angelika ! “ sagte die Letztere , „ wir müssen eilen , daß Onkel Neuenstein nicht mit dem Tee wartet . Lebe wohl , Ernestinchen , Herr Gleißert wird Dir sagen , was wir nach Deiner Rückkehr mit Dir vorha ­ ben . Erhole Dich recht , mein gutes Kind , daß Du uns froh und gesund wieder kommst . “ Angelika küßte Ernestine rasch und zog ihre Mutter zur Türe . Ernestine stand schweigend mit niedergeschlagenen Augen . Da kam Heim auf sie zu und schloß sie in die Arme . Er sagte nichts als : „ Gott segne Dich ! “ aber dies Wort erschütterte sie im Tiefsten und als er sich zum Gehen wandte , sank sie laut schluchzend nieder . Die Fremden waren fort , die Wagen von dannen gerollt . Leuthold , der sie geleitet hatte , scherzte längst auf seinem Zimmer mit Gretchen und noch lag Ernestine in dem öden Gemach auf den Knien und weinte über dem Grabe ihrer Kindheit . Ende des ersten Bandes . Arzt der Seele Wilhelmine von Hillern Zweiter Teil Erstes Kapitel „ Nur ein Weib . “ An einem heitern , sonnigen Morgen versammelte sich bei Professor Möllner in N * * * eine Gesell ­ schaft , bestehend aus den Hauptvertretern der dortigen medizinischen und philosophischen Fakultät . Vor den Gästen stand ein Tisch bereit , gedeckt mit Allem , was das Herz eines Menschen , der morgens ein paar Stunden Kolleg gelesen hat , erfreuen kann . Das Früh ­ stück war jedoch nicht der einzige Zweck des Beisam ­ menseins der gelehrten Herren , sie wollten bei dieser Gelegenheit eine höchst spaßhafte Geschichte besprechen , nämlich das Gesuch einer Dame , die Vorlesungen an der dortigen Universität zu hören und zu promovieren . Möllner hatte die Herren behufs dieser kleinen Beratung zu sich eingeladen . Der Physiker Meibert , der Anatom Berk und die Philosophen Her ­ bert und Taun dehnten sich schon in bequemen Lehnstühlen und betrachteten mit trockenem Gaumen die unentkorkten Flaschen , die so still und steif dastanden , als wären sie von unsichtbarer Hand hierher gebannt und es bedürfe eines besonderen Zauberspruchs , den Keiner kannte , um ihres Inhaltes habhaft zu werden . Auch Hektor , der große Hund Möllners , richtete in ehrerbietiger Entfernung seine braunen ehrlichen Augen sehnsüchtig nach den Leckerbissen des Tisches und begriff nicht , wie die Herren so lange davor sitzen konnten , ohne zuzugreifen ; wäre er ein Mensch gewesen , er hätte es sicher anders gemacht . Da trat mit ihrer würdigen Ruhe und Freundlichkeit die Staatsrätin ein und begrüßte die aufspringenden Gäste mit leichtem Neigen des Kopfes . — „ Soeben erfahre ich erst , daß mein Sohn noch nicht da ist , die Herren zu empfangen , “ sagte sie , „ erlauben Sie mir daher , Sie einstweilen zu bewirten , Sie werden nach dem Lesen einer Erquickung bedürfen . “ „ O , zu gütig , bitte recht sehr , “ erscholl es von den dürstenden Lippen , während die Staatsrätin die Gläser voll goß . Herbert , der Philosoph , nahm für die Andern das Wort , denn er war ein Liebling der Salons und der Damen und vereinte gern den Ernst des Gelehrten mit der Liebenswürdigkeit des anerkann ­ ten Weltmannes : „ Wir schätzen uns glücklich , “ sagte er , „ die Hand küssen zu dürfen , deren mildtätiges Walten wir schon in der köstlichen Anordnung dieses Frühstücks bewunderten ! “ „ Professor Herbert ist immer galant , das kennt man schon , “ sagte die Staatsrätin trocken . „ Ich bestrebe mich stets “ , erwiderte er , „ den Gefühlen der Hochachtung , welche ich für die Damen hege , den genügenden Ausdruck zu geben , was mir indessen leider nur selten gelingt . “ „ Guten Tag , Mama , guten Morgen , meine Herren , “ erklang eine glockenhelle Stimme unter der Tür und herein flog eine Gestalt , so rosig und maienhaft , daß ihr Glanz auf allen Gesichtern wiederstrahlte . „ Angelika “ , sagte die Staatsrätin , sie umar ­ mend , „ kommst Du ohne Deinen Mann ? Was willst Du denn ? Du warst ja nicht geladen , sondern er ! Das ist wohl eine Verwechslung ? “ „ O Frau Staatsrätin , wir sind ganz mit dem Tausche zufrieden , “ lachten die Professoren und dräng ­ ten sich , Herbert voran , um Angelika , den Frühlingshauch , der von ihrem Wesen ausging , mit Behagen einschlürfend . „ Ich weiß wohl , Mama , daß Ihr nur Moritz einludet , aber ich komme doch . Ich möchte so gerne hören , was über meine einstmalige Jugendfreundin in diesem hohen Rate verhängt wird . Nicht wahr , ich darf bleiben ? “ „ Wenn es Dein Mann erlaubt und die Herren nichts dawider haben , “ sagte die Staatsrätin . „ Nein , o nein , wir haben nichts dagegen , “ rie ­ fen die Herren mit Ausnahme Herberts , der mit et ­ was bedenklicher Miene lispelte , er fürchte nur , die Frau Kollega könnte manches für ihr Geschlecht nicht Schmeichelhafte in dieser Beratung zu hören bekommen . „ O , von Ihnen , dem anerkannten Damenfreund , dem galantesten Manne der Stadt , fürchte ich das nicht , “ lachte Angelika , „ und die anderen Herren wer ­ den es wohl auch nicht zu schlimm machen . “ Herbert zuckte verlegen die Achseln . „ Und übrigens “ , fuhr Angelika munter fort , „ bin ich durch meinen gestrengen Eheherrn schon ein wenig abgehärtet , denn er hat gar keinen Respekt vor unserem Geschlecht . “ „ Das ist einem Arzte seines Faches gerade nicht zu verdenken , “ murmelte Herbert den Kollegen zu , dann aber wandte er sich mit seiner süßesten Miene zu Angelika : „ Sollten Sie ihn nicht schon längst eines Besseren belehrt haben ? “ „ Ach nein , “ klagte Angelika . „ Seine Frau nennt er eine Ausnahme “ — schal ­ tete die Staatsrätin ein , „ es ist , als habe sie in ihm keinen Raum zur Teilnahme für die übrige Frauenwelt gelassen . Solch ein Mann , so aus ­ schließlich in seiner Liebe , ist mir noch nie vorge ­ kommen ! “ „ Eine Frau , wie Sie , verdient das aber auch , “ beteuerte Herbert , Angelika die Hand küssend . In dem Augenblicke ging die Tür auf und her ­ ein trat , die hohe Stirn nur spärlich von silberweißem Haare bedeckt , der alte Heim . — Alle verneig ­ ten sich ehrerbietig vor diesem „ Nestor der Wissen ­ schaft “ , wie man ihn nannte . Er hatte nach dem Tode seines Königs einen Ruf nach N * * * angenom ­ men und bekleidete schon seit zehn Jahren den dorti ­ gen Lehrstuhl der Pathologie . — Hinter ihm trat sein Pflegesohn Hilsborn ein , dem er die Professur der Augenheilkunde verschafft hatte , ein hübscher , blonder , junger Mann von schlankem Wuchs und sanftem Benehmen , dessen Hände so schmal und fein waren , als seien sie von der Natur nur dazu bestimmt , mit einem so zarten Gegenstande , wie das Auge , umzugehen . Die Staatsrätin und Angelika begrüßten die Beiden mit der alten Herzlichkeit , und Professor Herbert rief mit Emphase : „ Wie frisch und rüstig unser verehrter Kollege aussieht , bei ihm kann man lernen , sich jung zu erhalten ! “ „ Ja , wahrhaftig “ , sagte Meibert , „ wenn Bock ihn sähe , er nähme sicher sein grausames Wort , daß der Mensch nur bis zum fünfzigsten Jahre im Vollbesitze seiner geistigen Kräfte sei , zurück ! “ „ Das wird er ohnehin tun , wenn er selbst einmal über die Fünfzig hinaus ist , “ erscholl eine tiefe , volle Männerstimme . Die Anwesenden wendeten sich rasch zu dem Eintretenden : „ Ah , Möllner , hast Du uns belauscht ? “ „ Nein , ich hörte nur unter der Tür , daß Ihr Euch Schmeicheleien sagt , als säßet Ihr bei der Teetasse und nicht bei einem kräftigen Glase Wein . Was hat Euch denn so sentimental gestimmt ? “ „ Dein langes Ausbleiben wahrscheinlich , “ meinte Angelika und nahm dem Bruder Hut und Stock ab . Der schöne , stolze Mann sah freundlich auf sie nieder . „ Ja so — ich bitte um Entschuldigung . Es war mir im Praktikum ein Versuch verunglückt , den ich wiederholen mußte . Daher die Verspätung ! “ „ Da hast Du gewiß wieder einen Hund oder ein Kaninchen gequält ? “ fragte Angelika bekümmert , „ solch ein armes Tier ! “ 13 „ Schäme Dich , Angelika “ , sprach Möllner ernst . „ Bist die Schwester eines Physiologen , kennst die Zwecke unserer Wissenschaft und klagst noch um ein geopfertes Tier ! “ Angelika schwieg , denn sie sah mit Wohlgefallen , wie zärtlich Johannes den Hektor streichelte , der seinen Herrn aufmerksam beschnüffelte , als ob er ahnte , daß dieser das Blut eines Gefährten vergossen . Die Tür wurde ungestüm aufgerissen uud herein stürzte in großer Eile Angelikas Gatte , der Professor Moritz Kern , Direktor der Klinik und praktizierender Arzt . Er war eine nicht große , aber muskulöse Gestalt , mit blitzenden schwarzen Augen , einem scharf gezeichneten Profil und kurz geschorenen , gerade aufstehenden Haaren . „ Morgen , Morgen , “ rief er ganz außer Atem und seelenvergnügt , während er Hut und Handschuhe auf den Tisch und sich selbst in einen Stuhl warf . „ Verzeihung , daß ich so spät — süßes Weibchen — Hand — Kuß — mich noch lieb ? Ja ? Seit heute früh nicht gesehen , — hast Walter mit — nein ? War er brav ? “ „ Ja freilich , “ sagte Angelika und hing am Halse des ungestümen Gatten wie eine Rose am Dornen ­ zweig , „ er fiel nur einmal vom Schaukelpferd herun ­ ter und schlug sich eine Beule . “ „ So , das ist gut , das härtet ab , “ sagte der Gatte lächelnd . Er versenkte seine lebensprühenden Blicke in die blauen Augen Angelikas und das Feuer dieser Blicke mußte sie noch immer tief in das Herz hineinbrennen , denn es jagte ihr die helle Glut in die Stirne und sie senkte die Lider wie eine Braut am Verlobungstage . „ Nun , Moritz , liebäugle ein ander Mal mit Dei ­ ner Frau , “ unterbrach Johannes das stumme Zwie ­ gespräch der Beiden , „ es ist schon spät , wir müssen zur Sache kommen — warum bliebst Du auch so lange aus . “ „ Ja , lieber Freund , dafür konnte ich nicht , ich habe ein Mädchen in der Klinik , das mir furchtbar zu schaffen macht : Alter Herzklappenfehler , akute Ent ­ zündung , Blutpropf in der linken Fußarterie : Brand ! Das Bein muß noch heute herunter . “ „ Embolie “ , sagte Heim wohlgefällig , „ das ist ein schöner Fall . “ „ Freilich , freilich , “ bestätigte Moritz und rieb sich vergnügt die Hände . „ Gott bewahre mich , was seid Ihr für Barbaren , das nennt Ihr einen schönen Fall ! “ sagte Angelika entsetzt . „ Engel , wenn Du hier dem Rate rauher Män ­ ner beiwohnen willst , mußt Du nicht über einen so harmlosen terminus technicus erschrecken , “ rief der Gatte , sich an Angelikas lieblicher Entrüstung weidend . „ Ja , ich habe sie auch gescholten “ , sagte Möllner , „ weil sie sich ’ s nicht abgewöhnen kann , um die Hunde und Kaninchen zu jammern , an denen ich operiere ! “ „ Du tatest Unrecht , sie darum zu tadeln , es freut mich , daß sie mitleidig ist . Weine Du nur um die geplagten Hündchen , mein Kind , meinetwegen auch um die armen Frösche , die noch viel mehr erdulden müssen . Was geht es Dich an , wozu das gut ist ! Ich will nicht , daß Du nach der Gelehrsamkeit Deines Bruders oder Gatten schmeckst , wie das Wasser , das man aus einem ungespülten Weinglase trinkt , nach Wein . Du bist mir so , wie Du bist — gerade recht und anders will ich Dich nicht . “ Er schlang seinen Arm wie eine eiserne Klammer um Angelika und schmiegte seinen borstigen Kopf an sie . „ Ums Himmelswillen — Mama , schaffe mir Angelika hinaus , “ rief Johannes lachend , „ wenn der Mensch seine Frau bei sich hat , ist nichts Vernünfti ­ ges mit ihm zu sprechen . “ „ Hier bleibt sie ! “ sagte Moritz bestimmt . „ Was ist denn überhaupt so Wichtiges zu beraten , die Hart ­ wich will bei uns hören , — nun , wer wird mit solch einer Närrin viel Umstände machen — gebt ihr keine Antwort , und damit fertig ! “ „ Gemach , gemach , junger Kollege , “ rief der alte Heim sehr ernst , während Moritz , Angelika bei der Hand haltend , ein Glas Wein schlürfte . „ Lesen Sie erst einmal diese Schrift durch , die das Mädchen heute an mich schickte , und die , ich will ’ s nur ausplaudern , Möllner so fesselte , als ich sie ihm nach dem Kolleg gab , daß sie sein langes Ausbleiben verschuldete . Das Praktikum war längst zu Ende , als wir uns hier versammelten ! “ Ein leichtes Rot überflog Johannes Gesicht und er reichte Moritz die Schrift . Dieser las den Titel : „ Die Reflexbewegung in ihrem Verhältnis ; zur sittli ­ chen Freiheit ! “ 14 „ Donnerwetter , das ist ein guter Einfall , wenn sie ihn selbst gehabt hat ! “ — „ Das hat sie — dafür verbürge ich mich ! “ rief Heim mit Wärme . „ Das ist philosophisch und physiologisch gleich interessant , “ sagte der Philosoph Taun zu Herbert , welcher frostig die Achseln zuckte . „ Laßt sehen , ob der Inhalt dem Titel entspricht , “ brummte Moritz und blätterte in dem Manuskript . „ Lesen Sie den Herren Einiges daraus vor , “ sagte Heim , und Moritz schlug die nächste beste Stelle auf und las : „ Meiner Ansicht nach besteht der Man ­ gel an äußerer Selbstbeherrschung in einer zu schwa ­ chen Tätigkeit der Hemmungsnerven gegenüber der Tätigkeit der Bewegungsnerven , denn das Bestreben , sich selbst zu beherrschen , ist gewissermaßen ein Wettkampf der Hemmungs- und der Bewegungsfasern um die Herrschaft . Ist der Reiz , der auf die letzteren geübt wird , stärker als der Willensimpuls , der die ersteren in Bewegung setzt , dann vollzieht sich die Reflexbewegung trotz des sogenannten „ besten Willens “ — sei diese nun ein Zusammenschrecken , ein Gähnen , ein Lachen oder Weinen zur unpassenden Gelegenheit , ein Schrei , ein Zucken des Zornes oder gar ein Schlag gegen den Gegenstand , von dem der Reiz zum Zorn ausging . “ Moritz unterbrach sich lächelnd : „ Sie hat den Kuß vergessen , der auch unter Umständen nur eine Reflexbewegung ist : nämlich , wenn man nicht küssen will , nicht küssen sollte und doch nicht anders kann , “ damit zog er Angelikas Kopf zu sich nieder und küßte sie so ungestüm , daß sie ihr Gesichtchen wie in Purpur getaucht wieder erhob und in lieblicher Beschämung zu ihrer Mutter eilte , welche mit einer Arbeit still am Fenster saß . Die Herren lachten und Moritz sah ihr nach mit einem Blick voll Mutwillen und flammender Zärtlichkeit . „ Es ist übrigens sonderbar , daß die Hartwich , während sie die Reflexe des Schreckens : das Zusam ­ menfahren , des Schmerzes : das Weinen , der Lange ­ weile : das Gähnen , des Zornes : das Schlagen u.s.w. nennt — nicht auf den Gedanken kommt , daß es auch Reflexbewegungen der Zärtlichkeit gibt ! “ bemerkte der junge Hilsborn . „ Nun “ , meinte Moritz lachend , „ sie wird wohl keine Gelegenheit gehabt haben , Beobachtungen darüber anzustellen ; sie wird , wie alle Blaustrümpfe , so häßlich sein , daß ihr noch Niemand Zärtlichkeiten erwies . “ „ Häßlich ist sie nicht , “ fuhr Johannes heftig auf . „ Das ist recht voreilig gesprochen , die Hartwich könnte Anbeter genug haben , wenn sie wollte . “ Moritz drehte sich rasch nach Johannes um , dem er halb den Rücken gekehrt hatte und starrte ihn an , als ginge ihm ein besonderes Licht auf . „ Was Teufel , Johannes , Du kennst sie ? Ah so — nun ist mir das Interesse klar , das Du an ihr nimmst . Na , da kannst Du ihr ja zu den versäumten Studien verhelfen . “ „ Das wird gewiß ein höchst interessantes Kolleg , bei dem ich auch zuhören möchte ! “ schaltete Herbert ein . „ Spottet nur , “ sagte Johannes ruhig — „ mich mögt ihr verhöhnen , so viel Ihr wollt , die Hartwich aber laßt aus dem Bereich Eurer Scherze , hörst Du Moritz ? Und Sie auch , Kollege Herbert — Sie können sich ’ s auch merken ! Die Person des Mädchens gehört nicht hierher , sie geht uns nichts an — wir haben es hier nur mit ihren Fähigkeiten zu tun und zu erörtern , ob wir auf ihr Gesuch eingehen oder nicht . Lies weiter , Moritz ! “ Dieser fuhr fort : „ Selbst die Justiz hat , ohne es zu wissen , diese physiologische Tatsache berück ­ sichtigt , denn sie bestraft eine Tötung im Affekt minder schwer als einen vorbedachten Mord . Was aber ist diese sogenannte Tötung im Affekt anderes als eine Reflexbewegung im weiteren Sinne ? Somit wäre denn durch diese Theorie mancher arme Sünder nicht nur vom Henkerstode , sondern auch aus dem Fegefeuer erlöst , in welchem ihn beschränkte Moralisten brennen lassen , und wir haben nun nur zu erörtern , in welchem Verhältnis die sittliche Freiheit zu diesen Tatsachen steht . Alles was wir tun können , um die Selbstbeherrschung , welche den Keim aller andern größeren Tugenden birgt , zu erlangen , ist , daß wir so viel als möglich von Kleinem auf unsere Hemmungsnerven in der Verrichtung ihrer Funktionen üben . Es ist eine unbezweifelte Tatsache , daß die Seele von Beginn des Lebens an erst lernen muß , sich der Organe des Körpers als ihrer Werkzeuge zu bedienen . Ein Werkzeug , das wir selten führen , verstehen wir nicht so vollkommen zu gebrauchen , wie eines , das wir zu handhaben gewöhnt sind . Ebenso ist es mit der Seele und den Nerven . Jede Nerventätigkeit , welche unmittelbar durch die Seele veranlaßt wird , verstärkt sich durch Gewohnheit . Bei dem Blinden zum Beispiel verfeinert sich der Tastsinn , weil er auf diesen als das einzige Organ angewiesen ist , welches ihm das Auge ersetzt . Durch fortwährende Übung der Empfindungsnerven seiner Fingerspitzen erlangt er die höchste Fertigkeit im Unterscheiden seiner Tast ­ empfindungen . — „ Übung macht den Meister “ , hört man in Künsten und Handwerken sagen , deren Technik schwer zu erlernen ist . Was ist diese Übung aber anders als die Gewöhnung der Seele , diesen oder jenen Nerv in Tätigkeit zu setzen , welcher die er ­ forderliche Muskelbewegung hervorbringen soll : also Übung bestimmter Nervenfasern ? Sollten nun die Hemmungsnerven hievon allein eine Ausnahme bil ­ den ? Gewiß nicht . Auch sie kann die Seele ihrem Willen vollkommen dienstbar machen , wenn sie keine Gelegenheit versäumt , sie zu üben , und warum sollte sie hierauf nicht denselben Eifer verwenden , wie auf die Erreichung jeder andern zur Ausübung einer Kunst nötigen Fertigkeit ? Ich hatte z. B. die Schwäche , wenn ich einen Schuß hörte , aufzuschreien . Ich gab den Befehl , täglich , ohne mich vorher davon zu benachrichtigen , eine Pistole in meiner Nähe abzufeuern . Es geschah und in kurzer Zeit vermochte ich den Schrei zu unterdrücken . Man könnte sagen , ich hätte mich allmälig gegen das Geräusch abgestumpft und sei nicht mehr erschrocken . Doch dies war nicht der Fall . Ich erschrak nach wie vor , aber ich hatte die betreffenden Hemmungsnerven daran gewöhnt , den Reflex auf den Kehlkopf zu rechter Zeit abzuschneiden . — Ich weiß wohl , daß eine subjektive Wahrnehmung , wie diese , kein objektiver Beweis ist , aber ich denke , eine so einfache Folgerung bedarf auch keines solchen . Hier sind wir nun wieder an der Grenzlinie , wo wir von dem physiologischen Gebiet auf das psychologische kommen , wo die sittliche Freiheit gleichsam aus dem materiellen Gesetz hervorgeht , wie der Duft dem Blütenkelche entströmt . Wissen wir einmal , daß unsere Nerven nichts sind als eine Klaviatur , deren Tasten wir nur richtig anzuschlagen brauchen , um einen harmonischen Akkord unseres Wesens zu erzielen , — und wir lernen nicht , es zu tun , so sind wir beklagenswert oder verächtlich , je nachdem die Schule war , in der wir es hätten erlernen können ! “ „ Und so weiter , “ sagte Moritz umblätternd , „ das Übrige kann man sich denken . Hier kommt nun noch eine spezielle Abhandlung über die motorischen Ner ­ ven — die scheint nicht übel zu sein , auch eine sehr ausgedehnte Betrachtung über Nervenreizung — na — ich denke aber , wir haben unsere Schuldigkeit getan und genug von dem Zeuge gelesen . Was ist also nun zu beschließen ? Wollen wir die Posse aufführen und einen Studenten im Unterrock auf der Hörbank und am Seziertische dulden ? “ „ Warum nicht ? “ sagte der Philosoph Taun mit Humor : „ Wir promovieren ja so viele dumme Jungen — warum nicht auch einmal eine Frau ? ! “ „ Lieber Kollege “ , begann der alte Heim , „ ich glaube , wir haben nicht viele begabtere Schüler gehabt als diese Hartwich . Und ist eine talentvolle Frau nicht immer besser , als ein talentloser Mann ? “ „ Das dürfte sich fragen , “ bemerkte Herbert und richtete seine grünen Augen stechend auf Heims ehr ­ liches Gesicht : „ Ich glaube , daß die talentierteste Frau doch nicht zu Stande bringt , was der unbegabteste Mann durch Fleiß und Ausdauer erreicht . Was kann sie uns und der Wissenschaft sein ? Höchstens eine Arbeitskraft — denn Produktionskraft besitzt keine Frau ! Aber auch die weibliche Arbeitskraft ist so schwach , daß es sich nicht lohnt , um sie zu gewinnen , eine Lächerlichkeit zu begehen . “ „ Eine Lächerlichkeit ? “ fragte Heim . „ Ja — so würde ich es nennen , wenn wir eine Dame unter unsere Zuhörer aufnähmen , — wenn wir die Wissenschaft zu einer Puppe für eitle Närrinnen herabwürdigten , damit wir zuletzt in jedem Damen ­ kaffee einen Areopag15 errichtet fänden , vor dem wir unser gehorsamstes Kompliment machen dürften . — Das fehlte nur . Wir haben unter uns selbst schon der Konkurrenz genug — wir brauchen sie nicht noch durch Beiziehung des andern Geschlechtes zu erhöhen . “ „ Das klingt sonderbar , “ sagte der alte Heim , „ sieht es doch beinahe aus , als fürchteten Sie eine Konkurrenz