hörte das Ticken des Wurmes in dem alten Holzwerke und dann und 236 wann den Tritt der Dienerin auf dem Korridor . Mit brennenden Augen starrte sie in den sich mehr und mehr verdüsternden Himmel . Ihre Hände hatten das schmale Polster der Stuhllehne umklammert , als müsse sie wenigstens äußerlich einen Halt haben . Allmählich begann es finster zu werden . Der hereinbrechende Abend , die schwarzen Wetterwolken im Verein schufen eine völlige Dämmerung , nur zuweilen leuchtete es grell auf hinter dem Geäst der Bäume . Nebenan schloß Johanne die Fenster der Schlafstube . » Soll ich Licht bringen ? « fragte sie und schaute durch die halbgeöffnete Tür . » Ich danke . « » Aber gnädige Frau sollten sich doch vom Fenster fort setzen , es sieht sich so schauerlich an . « Trudchen rührte sich nicht , und das verweinte Frauengesicht verschwand . Da fuhr ein Windstoß durch die Bäume , wild schlugen die Zweige ineinander , als erwehrten sie sich der rohen Gewalt . Bis zur Erde bogen sich die schwanken Äste und schnellten wieder empor , und in rasendem Wirbel schleuderte der Sturm Sand , abgerissene Blätter und kleine Steine an die zitternden Fensterscheiben . Und nun ein greller , zuckender Blitz , ein Donner , der das Haus erbeben machte , und zu gleicher Zeit strömender , wolkenbruchartiger Regen , untermischt mit dem eigenartigen Prasseln großer Hagelkörner . 237 Johanne kam angstvoll , ihren Kleinen auf dem Arm , in das Zimmer der jungen Frau . » Heiliger Gott ! « schrie sie und sank vor dem nächsten Stuhl in die Knie . Ein neuer Blitz erfüllte den Raum einen Augenblick mit leuchtend rötlichem Licht , und wie tausend Geschütze krachte der Donner nach . » Das hat eingeschlagen , gnädige Frau , das hat eingeschlagen ! « rief sie jammernd . Trudchen war vom Fenster zurückgetreten . Sie stand mitten im Gemach . Beim Schein der Blitze konnte die Dienerin ihr blasses , unbewegliches Gesicht deutlich erkennen . Sie stützte die Hände auf die Tischplatte und schaute nach dem Fenster , als ging das alles sie nichts an . Und immer furchtbarer tobte das Wetter , die Welt schien in einem Flammenmeer zu stehen . Stunden schien es zu währen . Aber allmählich wurden die Blitze seltener , schwächer die Donnerschläge , zuletzt tröpfelte nur noch ein leiser Regen auf die Bäume und im fernen dumpfen Murren erstarb das Wetter . Trudchen öffnete das Fenster und bog sich hinaus . Wunderbar duftende Luft zog ihr entgegen , weich und herb , erquickend und belebend . Und siehe , da droben hatten sich die Wolken geteilt und ein funkelndes Sternchen blickte hernieder . Dann schrak sie zurück . Von der Landstraße scholl eiliges Fahren , Peitschenknall , Menschenruf – was bedeutete das ? Es war sonst todeseinsam hier um diese Zeit . » Feuer ! « Hatte sie recht gehört ? Sie konnte 238 die Straße nicht sehen , aber sie bog sich weit hinaus und horchte auf den verhallenden Lärm . Ein rasches stürmisches Herzklopfen meldete sich . Die Gärtnerfrau kam eben eilig auf klappernden Holzpantoffeln über den spiegelnden Kiesplatz zurück , ihre schrille Stimme drang bis herauf zu Trudchen : » David , mach , daß du hinüberkommst , in Niendorf brennt ' s seit einer halben Stunde – die Spritze ist schon hin , mach fort ! « Kling , kling , kling läutete jetzt die Glocke des Kirchleins . In Trudchens Ohr klang es markerschütternd nach . – Kling , kling , kling ! Was stand sie noch und hatte die Hände fest an das Fensterkreuz geklammert , als seien sie mit ihm verwachsen ? Sie hörte Türen klappen , und Stimmen und Rufen , sie hörte , wie der Gärtner eilig aus seinem Häuschen polterte – und sie stand noch immer wie im Bann . Wieder die hastig mahnenden Töne der stürmenden Glocke ! Wie aus schwerem Traume riß sie sich auf , und nun war sie ganz lebendig . Wie gejagt floh sie aus dem Zimmer , riß im Korridor ein Tuch von der Wand und eilte an Johanne vorüber , die mit der Gärtnerfrau und den Kindern vor der Gitterpforte stand , hinaus auf die halbüberschwemmte Landstraße . » Gnädige Frau ! Um des Himmels willen ! « schrie Johanne hinter ihr drein . Aber sie achtete auf keinen Ruf . Wie flüsterndes Gebet lag es auf ihren Lippen , 239 nur weiter – weiter ! Dunkel breitete sich der Weg vor ihr aus und einsam . Die Männer , die zu Hilfe geeilt , waren längst an Ort und Stelle . Sie flog förmlich . Sie kannte keine Angst in dem finsteren Walde , sie sah nichts weiter als ein liebes , altes , brennendes Haus , als ein Paar einst so heiß geliebte Männeraugen . Da kam es hinter ihr in tappenden Sprüngen . Ach so – der Hund . » Komm « , flüsterte sie und eilte weiter , ihr auf den Fersen das kluge Tier . Ach , der Weg war weit , sie hätte Flügel haben mögen . » Mein Gott ! « stöhnte sie auf , als sie die Anhöhe erklommen hatte und den roten Schein am Himmel gewahrte . Immer rascher eilte sie am Bergeshang weiter , an der nächsten Biegung schon mußte sie Niendorf sehen , und nun stand sie dort , hochatmend . Fast sinnlos irrten ihre Blicke über das Tal . Gott sei gelobt ! Ja , dort wand sich noch roter Dampf zum Himmel empor , hier und da zuckte noch die Flamme auf , aber die Wut des Elements schien gebrochen . Zwar hallten noch Rufe und Stimmen herüber , doch schon kamen Zurückkehrende des Weges daher . Sie trat in den tiefsten Schatten und starrte in die Talsenkung . Heil und unversehrt stand das Herrenhaus , der rote Schein der ersterbenden Flamme spielte auf seinem grünumsponnenen Giebel und streifte die Wipfel des Gartens . Die Scheuern lagen freilich in Trümmern , aber was 240 tat das ? Und wie sie so dastand und mit nimmersatten Blicken das Haus umfaßte , da flammte Licht auf hinter zwei Fenstern , und sie schauten zu ihr herauf wie zwei grüßende , treue Augen . Es waren seine Fenster . Aber die junge Frau sah keinen Gruß darin . Die schreckliche Angst , die beim Anblick des unversehrten Hauses von ihr gewichen war , stieg jäh aufs neue empor in ihrer Seele . Wie kam es denn , daß in seinem Zimmer Licht war , dort unten lohte doch noch immer die Glut ? Er wäre im Hause , wo seine Hilfe noch so nötig war ? Nein , nimmer – oder er – – Hinunter ! Hinunter – nur sehen – nur von weitem sehen , ob er lebt , ob er gesund ist . » Das Leben hängt an einem Faden « , klangen Johannes Worte von vorhin in ihren Ohren . » Herr Gott im Himmel , sei barmherzig , strafe mich nicht so ! « An der Gartenpforte blieb sie stehen . Was wollte sie denn hier ? Dort unten war heute ihr Abgesandter eingekehrt und hatte ihm klingendes Geld geboten für die Freiheit . Ach , Freiheit ! Was hilft sie dem Menschen , wenn das Herz in Ketten und Banden geblieben ist ? Und sie lief unter den dunklen Bäumen des Gartens dahin , um den kleinen Teich , auf dessen Fläche ein schwacher rosiger Schimmer des verlöschenden Brandes sich spiegelte . Nun war sie unter den Kastanien und sank erschöpft auf einen Gartenstuhl nieder . Dicht vor ihr , nur über den Kiesplatz hinweg war das 241 Haus , und aus dem Gartensaal schimmerte mattes Licht . Da droben hinter seinen Fenstern war der helle Schein erloschen . Vom Hofe scholl noch lautes Rufen und Lärm herüber , Wagen wurden geschoben , Pferde ausgespannt , der scharfe zischende Ton eines Wasserstrahles dazwischen . Trudchen zitterte , eine furchtbare Mattigkeit war über sie gekommen , in ihren Schläfen pochte das von Angst und raschem Lauf empörte Blut . Der Brandgeruch benahm ihr fast den Atem . Und dort saß sie unbeweglich und schaute auf die Treppe , die zum Gartensaal führte . Stufe um Stufe verfolgten ihre Augen und blieben an der Tür hängen . Dort hinauf ! Dort hinein ! pochte das Herz , aber wie mit eisernen Klammern hielten Stolz und Scham sie fest . Allmählich war es stiller geworden auf dem Hofe . Dann näherten sich Schritte , feste , elastische Schritte . Mit raschem Griff packte Trudchen den Hund am Halsband . » Kusch , Diana ! « rief sie , heiser vor Schrecken . Und nun trat eine Gestalt in den hellen Schein der Fenster und ging , nahe an ihr vorüber , ins Haus hinein . Franz ! Er lebt – Gott sei Dank ! Aber er war verletzt , er preßte den Arm so sonderbar an sich . Ja , er lebte ! Und nun , nun konnte sie wieder gehen , still und unbemerkt , wie sie gekommen war . Dort innen waren ja Hände , die ihn verbinden würden , die – Wie ein Schüttelfrost jagte es wieder durch ihren Körper . » Komm ! « sagte sie zu dem leise winselnden Hunde . Sie stand auf und wollte in den dunklen Gartenweg biegen , aber das Tier zog ungestüm dem Hause zu , und als wisse sie nicht , was sie tun solle , ging sie vorwärts neben ihm . Jetzt stand sie vor den Stufen , nun trat ihr Fuß schon darauf . Nur einen Blick dort hinein ; nur sehen , ob er sehr leidet , daß er wirklich lebt . Und das ungeduldige Tier noch fester packend , kam sie mit unhörbarem Schritt über die Steinfliesen . Nun lehnte sie an der Türpfoste und spähte durch die Scheiben in zitternder Aufregung , scheu wie ein Dieb , sehnsüchtig wie ein Kind am Weihnachtsabend . Das Zimmer wie sonst , die Tapeten , die Bilder , alles , wie sie es verlassen hatte . Darinnen Menschen , die geschäftig hin und her eilten , und am Tische dort vor der Lampe , da saß er , das Gesicht voll der Tür zugewandt , schmerzverzogen und blaß . Und neben ihm , sich über ihn beugend , mit der ganzen bezaubernden Anmut einer sorgenden besorgten Frau , das kleine flinke Geschöpf im schwarzen Kleidchen und weißer Schürze , das Schlüsselbund im Gürtel , seinen Arm verbindend . Wie geschickt sie den Leinwandstreifen legte , mit wie spitzen , behenden Fingerchen sie die Binde befestigte , wie ihr dunkles Haar fast sein Antlitz streifte . Und das mußten andere Hände tun wie die , die hier draußen sich ineinander rangen ? 243 Da winselt es freudig neben ihr und reißt sich los mit gewaltigem Ruck von ihren zitternden Fingern , und der Hund springt gegen die Tür , daß sie klirrend erbebt . In schreckensvoller Hast wollte sie fliehen , aber sie fand nicht Kraft . Der Boden schien unter ihren Füßen zu schwanken . Mit vergehenden Sinnen hörte sie noch , wie die Tür hastig aufgerissen wurde . Dann schwand ihr das Bewußtsein . Trudchen erwachte , als eben der Tag zu dämmern begann , aus tiefem traumlosen Schlaf . Sie war nicht krank , und sie wußte ganz genau , was mit ihr vorgegangen war gestern abend . Sie lag in Tante Rosas Zimmer auf dem Sofa . Über ihr lächelte die Urahne in der Puderfrisur , und das ganze rosenbekränzte , wunderliche Zimmerchen stand in purpurrotem Morgenschein . Zu Füßen des Lagers auf einem niedrigen Schemel saß ein junges Mädchen in schwarzem Kleidchen und weißer Schürze . Der dunkle Kopf war gegen die Sofalehne gesunken . Die Kleine schlief süß und fest . Leise erhob sich die junge Frau . Man hatte ihr gestern abend die durchnäßten Kleider ausgezogen und sie in einen Schlafrock gehüllt . Es war ja noch allerhand Garderobe von ihr in Niendorf . Auch die schmalen Pantoffeln fand sie vor dem Lager , in 244 welche sie sonst beim Aufstehen zu schlüpfen pflegte . – Sie war sehr eilig und sehr behutsam , um das Mädchen nicht zu wecken . Wie sie aber leise die Tür aufklinkte , fuhr die Schlafende empor , und ein Paar verwunderte dunkle Augen schauten Trudchen an . » Wo wollen Sie denn hin ? « fragte die klare Stimme . Trudchen blieb zögernd stehen . » Herr Linden ist so spät erst schlafen gegangen « , fuhr Heidchen Strom fort , » er hat bis vor einer Stunde hier an Ihrem Lager gesessen – Sie wollen ihn doch nicht wecken ? Es ist kaum vier Uhr . « Ein Paar feste , kleine Hände zogen die junge Frau von der Tür fort und drängten zum Sofa . Im Widerspruch zu den kindlichen Worten schauten sie ein Paar ernste Augen an , und die sagten deutlich : » Tue , was du willst – fort lasse ich dich nicht ! « Trudchen saß wieder auf dem improvisierten Bette und biß sich die Lippen wund . Das junge Mädchen aber machte sich am Nebentische zu schaffen , und bald durchzog würziger Kaffeeduft das Zimmer . » Hier ! « sagte sie und bot der jungen Frau eine Schale des heißen Getränkes , » nehmen Sie , es wird Ihnen gut tun . Ich habe Herrn Linden auch Kaffee gekocht in der Nacht – trinken Sie nur ruhig aus , es ist seine Tasse , und ein anderer hat sie nicht an dem Munde gehabt . « 245 Und als Trudchen schwieg und die Tasse , ohne zu trinken , in der zitternden Hand hielt , fuhr die Kleine fort , ohne darauf zu achten : » Ja , das war ein böser Tag gestern , das furchtbare Wetter und der entsetzliche Schlag , und im Nu stand die große Scheune in Flammen , und ehe Hilfe kam , da brannte schon die andere , und mit Müh ' und Not sind die Tiere gerettet . Wenn Herr Linden nicht so ruhig gewesen wäre und so besonnen , es hätte schrecklich werden können ! Aber der ging in den Pferdestall , als ob nicht schon die Flammen hinter ihm drein züngelten , und da hat er den Gäulen das Geschirr aufgelegt , und die vorher nicht herauszukriegen waren , gingen mit ihm ruhig unter dem brennenden Vordache hin wie die Lämmer . Und , denken Sie nur , als der Tumult am allergrößten , und die Flammen die sprühenden Garben in die Luft warfen , als wären es Raketen , da schreit etwas so arg und jammervoll aus der Luke des Futterbodens , und da ist es Lore , die große Bernhardinerhündin , die da oben ihre Jungen hat . Und wie die unvernünftige Kreatur die Menschen um Erbarmen anflehte ! Ich hörte vom Fenster aus , daß keiner hinaufwollte . › Um so ein Vieh ! ‹ sagten sie alle . Und da auf einmal sehe ich eine Leiter , und eins – zwei – drei – eine Gestalt oben in den Flammen verschwinden . Was meinen Sie , Herr Linden hat sie alle geholt , die Alte und die Jungen – alle ! « Die Augen der Kleinen funkelten in Tränen . 246 » Aber an seinem Arme spürt er es freilich « , setzte sie hinzu , » und es war doch nur ein Hund . Gelt , was könnte der erst für einen Menschen tun ! – Tante Rosa war so böse mit ihm und sagte , als er blaß und von Schmerz gepeinigt herunterkam , er hätte verunglücken können . Da meinte er , so ein dummes Ding , wie sein Leben , wäre keinen Pfifferling wert ! Und gerade wie er es heraus hatte , da kratzt die Diana so ungestüm an der Saaltür , und da stürzte er hin , daß ich meine , es habe wieder eingeschlagen , und wie ich hinterher renne , da hatte er Sie schon in dem gesunden Arme und sagte , er hätte es gewußt , er hätte es gewußt , daß Sie kommen . « Trudchen stand nun doch auf und schritt zur Tür . Aber siehe , da kam ein anderes Hindernis . Das war Tante Rosa , die aus ihrer Schlafstube trat im wunderlichsten Negligé und der riesigsten weißen Schlafhaube , die je eine alte Dame getragen hatte . Sie nickte Trudchen zu und legte die kleine welke Hand auf ihre Schulter . » Der liebe Gott gibt dem verstockten Herzen immer einen Fingerzeig « , sagte die uralte Frau . » Ja , in der Not , da wachsen dem Herzen Flügel , damit es sich hinwegheben kann über all das kleinliche Gerümpel von Stolz und Trotz . Es war gerade noch vor Toresschluß , mein liebes Kind , denn gestern nachmittag , nachdem ein gewisser Jemand eine Unterredung mit ihm gehabt hat , da habe ich 247 die Hände gefaltet und gebetet , daß dem Manne Kraft gegeben werde , den Schlag zu ertragen . – Es sah nicht aus danach , als könnte er darüber fortkommen . « Heidchen Strom ging jetzt leise aus der Tür , und die alte Frau blieb vor dem schönen jungen Weibe stehen , und unter ihrer mageren durchsichtigen Hand schien die hohe Gestalt fast zusammenzusinken . Aber keine von beiden sprach . Das Frührot glühte höher auf , und dann spielten die ersten Strahlen der Sonne auf dem braunen Haar Trudchens . Und nun schlug sie die Hände vor das Gesicht . » Das Glück ist dahin – ich kann ihm nichts mehr sein ! « stammelte sie . » Sagen Sie lieber : › Ich will ihm nichts mehr sein ! ‹ « » Ach ja , und wenn ich auch wollte ! « schrie sie auf . » Es wird ein so elendes Dasein ! « » Wer nicht gern und freudig etwas will , soll es lieber lassen , und wen es zum Gebet nicht drängt , der soll die Hände nicht falten . « Und Frau Rosa wandte sich kurz zum Fenster , setzte sich in ihren Sorgenstuhl und ergriff das Andachtsbuch . Sie überließ Trudchen sich selbst und las halblaut ein Kapitel zur Morgenandacht . Die Worte schlugen wunderbar an das Ohr der Kämpfenden : » Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht – « klang es durch das Stübchen . 248 » Die Liebe ist langmütig und freundlich . Und sie erträgt alles , sie glaubet alles , sie hoffet alles und duldet alles . « Hatte sie denn die Liebe nicht , die wahre Liebe ? Ach , Glaube – Liebe – wie sollen sie bleiben , wenn man so grausam betrogen wird ! Und das Haus stand vor ihren Blicken , das einsame traurige Haus am Waldesrand , und das Leben der letzten Wochen , so furchtbar öde und leer . Und die » Liebe erträgt alles , und sie hoffet alles « – heißt es . » Amen ! « sagte Tante Rosa laut . Und Heidchen kam herein , und die junge Frau fühlte plötzlich ihre Hände heruntergezogen , und durch die Tränen in ihren Augen sah sie , wie die Kleine lächelnd das Schlüsselbund vom Gürtel hakte und es ihr entgegenhielt . » So gut ich es verstand , habe ich Ordnung gehalten « , sprach sie , » aber so ganz recht wird ' s wohl nicht alles geworden sein , Sie dürfen mir nicht zürnen . « Sie fühlte die Schlüssel in ihrer kraftlosen Hand . Hatte sie sich nicht bis in den Staub gebeugt ? – » Die Liebe ist langmütig und freundlich , die Liebe eifert nicht « , sprach etwas in ihrem Herzen . » Ich will ihm vergeben « , sagte die junge Frau laut . Aber ihr Antlitz war blaß und starr . » Vergeben mit den Augen ? « fragte Tante Rosa . » Und was dann ? Daß Sie ihm weniger glaubten wie einem ausgesprochenen – na , er ist tot , Gott 249 verzeihe ihm – wie einem Menschen , der Ihnen völlig fremd war ? Nein , kleine Frau , fassen Sie das Herz zusammen und gehen Sie hinauf zu Ihrem Franz , und – « » Ich zu ihm ? « klang es schneidend durch das Stübchen . – » Ich ? « Klirrend fiel das Schlüsselbund zur Erde . Mit bebender Hand riß sie das Kleid vom Stuhle , das sie gestern getragen hatte , und nahm aus seinen Falten die Börse , die den Zettel , den schrecklichen Zettel barg . Ein Weilchen hielt sie das Stückchen Papier in der Hand , dann reichte sie es stumm der alten Dame . » Ich will nicht gar so kindisch trotzig vor Ihnen erscheinen « , sagte sie dazu . Tante Rosa schob die Brille zurecht und las . Es flog wie ein Schreck über die Züge – nun wie ein Lächeln . Mit unendlicher Verlegenheit sah sie dann in Trudchens Gesicht . » Heidchen « , rief sie , » du kannst Zeuge sein , ich war immer die ordentlichste Person mein Lebtag ! « » Ja , Großtantchen , das muß dir der Neid lassen . « » Und um vorige Weihnacht ist es mir passiert , daß ich einen Brief verlegte . An Linden war er , von Wolff . Vier Tage lang haben wir ihn gesucht wie eine Stecknadel . Warte , das war am zweiundzwanzigsten Dezember – fort war der Brief , und am sechsundzwanzigsten da hebe ich zufällig mein Fensterkissen auf , und da liegt das Ding . Wer war 250 froher als ich ! Da blieb ich auf bis spät in die Nacht – Linden war bei Baumhagens in Gesellschaft – und wie er endlich kommt , gebe ich ihm den Brief , und er steckte ihn achtlos in die Tasche und sagte : › Tante Rosa , Sie sollen ' s zuerst erfahren , vorhin habe ich mich verlobt . ‹ Und in seiner Herzensfreude nahm er mich in die Arme , als wäre ich nochmal achtzehn Jahre . Sehen Sie , und das – « sie schlug mit der rechten Hand gegen das Zettelchen – » das ist ein Fetzen von dem Brief , kleine Frau , es stimmt ja ganz genau mit dem Datum ! « Trudchen war schon bei ihr . » Ist es Wahrheit ? « kam es bebend von ihren Lippen . Die alte Dame nickte . » Wahrheit ! « bestätigte sie . » Rufe mal die Dore . Sie hat damals mitgesucht nach dem Briefe und sich dabei eine gehörige Bruse an den Kopf gestoßen , als sie den Schrank abrücken wollte . « Aber Trudchen wehrte ab . Sie stand noch ein Weilchen stumm , den Kopf gesenkt , Röte und Blässe in raschem Wechsel auf dem Antlitz . Dann ging sie auf die Tür zu , und im nächsten Augenblick war sie verschwunden . Unhörbar schritt sie die Treppen hinauf , und das alte verdrießliche Gefüge schien die kleinen Füße zu verstehen , die so behutsam auftraten , und wagte nicht wie sonst , zu knacksen und zu knarren . Mäuschenstill war es im ganzen Hause . Der Korridor stand noch im Dämmerschein , und die alten Bilder 251 an der Wand sahen schläfrig herunter zu dem jungen Menschenkinde . Die Dielenuhr aber sagte ihr bedächtiges Tack ! Tack ! Das klang so wundersam in Trudchens Ohren , als sie zögernd an der braunen Zimmertür stand und den Messingdrücker faßte . Tack ! Tack ! Wie die Zeit läuft ! Nicht eine Minute sollte man zögern , wenn man etwas gutzumachen hat . Eine jede Minute ist ihm genommen – rasch ! rasch ! Leise drückte sie die Tür auf und schlüpfte hinein . Sie hatte das Kleid eng an sich gezogen , damit die Schleppe nicht rauschte . Aus dem blassen Gesicht schauten zwei große Augen angstvoll in dem Gemach umher , das von der Morgensonne durchglüht war . Jetzt wollte ihr Herz aufhören zu klopfen , nun wieder raste es in vollen Schlägen – dort auf dem großen Stuhl – er war nicht schlafen gegangen , aber der Schlummer hatte ihn doch gefunden . Dort saß er , der kranke Arm lag auf der Lehne des Sessels , der andere stützte den Kopf . Er war noch in der beschmutzten , angesengten Joppe von gestern , und ach – er sah so bleich aus , so verändert . Der Hund , der zu seinen Füßen lag , hob den Kopf ein wenig und wedelte . Und nun kam sie herüber : » Mach Platz « , flüsterte sie , » da muß ich jetzt hin ! « Und sie kniete vor dem Manne und faßte die leise zuckende , verwundete Hand und zog sie an ihre Lippen . 252 » Trudchen , was tust du denn ? « » Vergib mir , Franz , vergib mir ! « flüsterte sie weinend , und wehrte seine Bemühungen , sie emporzuziehen . » Nein , Franz , nein , laß mich , es soll so sein – « » Verzeihen ? Davon ist ja keine Rede . Gott sei gelobt , du bist da ! « Aber ehe sie aufstand , zerpflückte sie ein Stückchen Papier in tausend Atome , dann lief sie ans Fenster und öffnete die Hand , und wie Schneeflocken wirbelte es in die Luft hinaus . Und als sie sich umwandte , schaute sie in seine ernsten Augen . » Was war das ? « fragte er und zog sie an sich . Da schlang sie die Arme um seinen Nacken und versteckte ihre weinenden Augen an seiner Brust . Und so standen sie am offenen Fenster im Lichte der hellsten Sonnenstrahlen . Zirpend schossen die Schwalben an ihnen vorbei , über die Wipfel der Bäume in den blauen Himmel hinein . » Wieder da ! Wieder da ! « klang ihr Gezwitscher . Und unten im Haus ward ' s lebendig . Ein kleines brünettes Mädchen deckte den Kaffeetisch im Gartensaal . » Zwei Tassen , zwei Teller und in die Mitte ein Rosenstrauß – das letztemal « , sagte sie , » nun kann sie es wieder besorgen und schaffen . « Dann stand sie sinnend und hielt den kleinen rosigen Finger an das Näschen . » Er weiß gar nicht , wie gut er es hat , daß er eine so fügsame , lammfromme Frau bekommt , wie ich bin « , flüsterte sie . » Freilich , ich 253 könnte nicht in die Verlegenheit geraten , mir einzubilden , er habe mich ums Geld gefreit . « Sie lachte plötzlich hell auf . » Das wird ' ne nette Aussteuer , wenn Tante Rosa sie besorgt ! « Und sie wirbelte die Gartentür auf und lief hinaus in die grüne Pracht . Die Welt war so schön , die Sonne so golden , und Heidchen hatte den kleinen Amtsrichter so lieb . Sie war verlobt , heimlich verlobt , denn der gute Mensch wollte dem Freunde nicht in lauter Bräutigamsseligkeit unter die Augen treten , da sein Glück im Begriff war , zu zerschellen . So hatten sie sich beide heimlich Treue gelobt und sich heimlich geküßt – nach der Erdbeerbowle damals . Tante Rosa hatte sie nicht gestört . Sie schlief in der Sofaecke , und Franz – Gott wußte allein , wo er umherlief . Aber nun – sie besah ihre niedlichen Händchen – ja , es war Tinte daran . Sie hatte es gleich nach Frankfurt berichtet : » Großes Feuer , große Angst , große Versöhnung ! « Sie stand plötzlich vor einem kleinen runden Herrn in staubgrauem Sommerüberzieher und weißem Strohhut . » O la la ! Kleine , rennen Sie mich nicht um ! « Er war sehr verdrießlich , der gute Onkel Heinrich . » Schöne Geschichten ! Kommt man die Nacht von Hamburg mit dem Eilzug , kaum aus dem Coupé : › Herr Baumhagen , wissen Sie schon , in Niendorf 254 war großes Schadenfeuer ? ‹ Hundemüde , wie man ist , setzt man sich in einen Wagen und fährt her . Man kann ja doch nicht schlafen nach solcher Nachricht . Ich bitte Sie um des Himmels willen , Sie machen ja ein Gesicht , als ob Heiliger Christabend wäre ! « » Die ganze Ernte ist hin « , berichtete Heidchen in einem so freudigen Tone , als sagte sie etwa : » Wir haben das große Los gewonnen . « » Der arme Kerl hat Pech « , murmelte Onkel Heinrich . » Ist schon jemand hinüber « – er wollte den Namen nicht aussprechen – » zu – nach Waldruhe ? Oder hat man die Verkündigung der freudigen Botschaft wieder für mich aufgehoben ? « » Es ist niemand hinüber « , antwortete der Schalk . Onkel Heinrich faßte sie plötzlich schärfer ins Auge . » Na , was ist denn los , Sie Hexe ? Irgend etwas hat ' s gegeben ! « » Ich habe mich verlobt ! « platzte die selige kleine Braut heraus . Gott sei Dank , daß sie es aussprechen konnte ! » Sie Unglückskind ! « gratulierte Onkel Heinrich . Aber sie lief lachend davon , dem Hause zu . » Das Frühstück ist fertig ! « rief sie von der Terrasse herunter , » Kaffee , Tee , Schinken und Eier ! « Der alte Herr , der nach dem Hofe gewollt hatte , um den Brandschaden zu sehen , schwenkte rechts um und folgte ihr . » Es ist auch wahr « , sagte er , » es