Liefe ! schrie laut auf , als ich in die Stube trat . Dann sank ich bewußtlos nieder . Als ich wieder zur Besinnung kam , standen die Frau Renner , die Marie und die Liesel an meinem Bett , und ich hörte Kathrins ängstliche Stimme : » Oh , du gerechter Heiland ! Was ist nur passiert ? Ach , mein Kind , meine Gretel ! « Ich erwachte mit der klaren Erinnerung des Geschehenen , ich konnte sogar eine Lüge erfinden , konnte sagen , daß ich über eine Baumwurzel gestolpert und arg hingefallen sei , und so meine beschmutzten Kleider erklären . Ich wurde auch nicht krank , wie Hanna damals . Nein , nichts von alledem , ich mußte das Schreckliche durchkämpfen vom Anfang bis zum Ende , den ganzen bittern Kelch bis auf die Neige leeren . Wenn ich nur hätte weinen können ! Aber die Tränen waren schon alle vergossen . Eine entsetzliche Starrheit war über mich gekommen . Bis dahin hatte mir noch die Hoffnung tröstend zur Seite gestanden , aber jetzt – war alles aus . Er hatte selbst mit rauher Hand den Himmel geschlossen , den er mir einst eröffnete , und es war dunkel geworden um mich her , ganz dunkel . Ich konnte nicht einmal ordentlich mehr denken , ich konnte nicht einmal beten . Ruhelos warf ich mich auf meinem Lager umher , die Augen brannten wie Feuer und das Herz tat mir so weh , daß ich die Hand darauflegen mußte . Vielleicht bricht es – dachte ich , es muß ja brechen ! Die Geschichte eines Mädchens im Dorfe , dessen Geliebter untreu wurde , als er unter die Soldaten kam in die Stadt , fiel mir wieder ein . Er hatte nicht wieder geschrieben , und sie war gegangen , ihn zu suchen ; sie hatte ihn dann auch gefunden im Tanzsaal mit einer hübschen Dirne , mit der er schöntat . Als sie vor ihn getreten war , hatte er sie ausgelacht und ihr gesagt , sie solle sich wieder ins Dorf scheren , er könne jetzt auch Fein und Grob unterscheiden – ein Bauernmädchen möge er nicht zur Liebsten haben . Da war sie gegangen , und als sie in das Stübchen ihrer Heimat trat , war sie ihrer Mutter tot zu Füßen gestürzt . » Die ist an gebrochenem Herzen gestorben ! « erzählen die Leute , wenn sie an dem einfachen Hügel vorübergehen . » Vielleicht hat der liebe Gott Erbarmen « , dachte ich , » und du wachst morgen früh nicht wieder auf . Wenn ' s doch so wäre ! Oh , hätte ich doch eine Mutter , könnte ich ihr doch den ganzen Jammer anvertrauen ! Ach , nur ein Herz , das mich versteht , nur eins ! « Und es wurde Tag nach dieser entsetzlichen Nacht . Ich stand wie sonst auf und brachte wie sonst Kathrin das Frühstück ans Bett . Wie sonst gab ich dem Mädchen meine Anweisungen und setzte mich mit der Arbeit ans Fenster . Aber es kam mir alles so fremd vor . Mein Kanarienvogel saß zusammengekauert auf seiner Stange , er war doch früher so lustig umhergesprungen . Die Vorhänge sahen grau aus und die ganze Stube so unwohnlich . Ich hörte auch nicht , daß jemand an die Tür klopfte , und erst auf Kathrins herein ! « blickte ich auf und gewahrte Hanna . Mechanisch stand ich auf und duldete den Kuß , den sie mir auf den Mund gab . » Gretchen ! Ach , was ist das für ein Aufenthalt drüben im Schlosse – » kann Kathrin hören ? Mach die Tür zu ! – Ich bin weggelaufen , ich konnt ' s nicht mehr mit ansehen . « Sie setzte sich auf das Sofa und zog mich neben sich . » Denke dir , gestern abend gab es noch eine furchtbare Szene zwischen meinem Manne und Eberhardt . Er schien doch gestern schon bei Tische so aufgeregt – er war es in letzter Zeit öfter . Wie du dich erinnern wirst , verschwand er dann plötzlich . Wir saßen noch und plauderten , da hörten wir auf dem Korridor einen Wortwechsel , und gleich darauf trat Eberhardt ein und warf die Tür hinter sich zu , daß es dröhnte . Wir sprangen entsetzt auf – er sah fürchterlich aus , die Haare hingen ihm wild um den Kopf , er schien geweint zu haben . Er hatte gewiß zuviel Wein getrunken bei Tisch , wenigstens meinte es Bergen . Unbekümmert um unseren Schrecken warf er sich in einen Sessel und fing an zu pfeifen , die Melodie zu dem Liede , das du kurz zuvor gesungen hattest . Mitten darin brach er ab und lachte höhnisch auf , dann pfiff er weiter . Mama , voll Entsetzen über dieses unpassende Benehmen , gab meinem Manne einen Wink , er möge ihn hinausführen – wahrscheinlich hielt sie ihn für angetrunken . Heinrich ging also wirklich auf ihn zu und fragte ihn ganz freundlich , ob er eine Partie Billard mit ihm machen wolle . Er erhob sich auch , und sie gingen in den Billardsaal . Von dort hörten wir nach einer Weile heftiges , lautes Sprechen . Ich ging mit Vater in meiner Herzensangst hinüber und kam gerade dazu , als Eberhardt , der ein Queue in der Hand hielt , mit zornbebender Stimme ausrief : › Zum Donnerwetter noch einmal ! Hör auf mit deinen Moralpredigten ! Welches Recht hast du , mich wie einen Schulbuben zu behandeln ? ‹ › Ich behandle dich nicht wie einen Schulbuben , ich frage nur , ob du dich nicht lieber zu Bett legen willst , weil du mir krank zu sein scheinst ‹ , antwortete Heinrich , indem er mir winkte , fortzugehen . Vater , der jetzt hinzutrat , legte beschwichtigend seine Hand auf Eberhardts Arm und bat ihn ebenfalls , die Ruhe zu suchen . › Hast du Unannehmlichkeiten gehabt , oder bist du unwohl ! ‹ › Weder das eine noch das andere ; ich scheine aber lästig hier zu werden ! ‹ schrie er . › Und es ist das beste , ich reite nach Hause . ‹ Er warf das Queue auf die Erde , riß die Zimmertür auf und rief nach Johann mit beinahe überlauter Stimme . Dann setzte er die Mütze auf und wollte gehen . » Du solltest heute nicht fortreiten , Eberhard ? « , sagte mein Vater möglichst ruhig . » Kannst du keinen Spaß vertragen ? « » Den Teufel auch ! Bin ich denn verrückt geworden ? Am Ende ist alles nur ein Spaß gewesen – laß mich los , Bergen , ich reite , und wenn ihr allesamt euch dagegen auflehnt . – Mein Pferd , Dummkopf ! « schrie er Johann an , der auf Befehl wartend dastand und verwundert die Szene mit ansah . Er ritt richtig fort , ohne » Gute Nacht « zu sagen . Als er vielleicht fünf Minuten weg war , ließ Bergen sein Pferd satteln und folgte ihm . » Dem ist heute alles zuzutrauen « , sagte er zu mir , » ich muß aufpassen . Spioniere du ein bißchen , mein kluges Frauchen , was vorgefallen sein kann . « Was noch weiter passiert ist mit den beiden , weiß ich nicht – Ach , Gretel , was sagst du dazu ; ich hab ' doch so große Angst ! « » Mein Gott « , begann sie nach einer Pause wieder , als ich die Antwort schuldig blieb , » ich hab ' so eine Ahnung . Bei Ruth war ich auch schon . Sie lag noch im Bett , und als ich ihr das Geschehene mitteilte , da lächelte sie nur und schob sich das gestickte Kissen recht bequem unter den Kopf und sagte : » Dummer Junge ! Aber so sind die Männer alle ; er wird sich schon wieder beruhigen . « Grete , ob sich wohl Wilhelm in meine Schwester verliebt hat und sie ihm am Ende einen Korb gegeben hat in Anbetracht ihrer jungen Witwenschaft ? Etwas Derartiges muß passiert sein , ich sah noch nie eine ähnliche Aufregung , die ganze Art und Weise seines Benehmens bringt mich darauf . Jedesmal , wenn er mit Ruth zusammen war , mochte sie in der Stadt gewesen sein oder kam er von hier – immer war er in einer fieberhaften Erregung . Grete , sag , hältst du das für möglich ? – Es sollte mir leid tun , denn Ruth – nun , du weißt , wie ich über sie denke . « » Es kann ja sein « , sagte ich leise . » Lieber Gott , was für Geschichten ! Und du , Gretel , siehst auch aus , als ob dein Weizen verhagelt wäre , oder noch schlimmer . Ist denn auch etwas zwischen dir und dem Pastor vorgefallen , es schien mir beinahe so gestern abend . « » Habt ihr euch denn alle verschworen , mich wahnsinnig zu machen ? « schrie ich auf . » Was hab ' ich , was hat er denn nur getan , euch auf diese verrückte Idee zu bringen ? Allmächtiger Gott ! Und auch du , Hanna , bist so – so grausam , so boshaft wie die anderen alle ! « » Aber , Grete ! « rief gekränkt die kleine blonde Frau und sprang ebenfalls auf . » Ist denn heute alles toll ? Jetzt beleidige ich dich , indem ich von einer Sache spreche , die wir alle als längst ausgemacht betrachten ? « » Ja , ausgemacht , ohne mich zu fragen ! Das hat niemand für nötig gehalten – die arme Grete konnte ja überhaupt froh sein , wenn sich eine halbwegs passende Partie für sie fand ! Da gab jeder sein Körnchen Weisheit dazu , es wurde geneckt und geschwatzt und ihr ein Bräutigam vor den Leuten angehängt , der ihr gleichgültig war , und der selbst nichts davon wußte ! Das ist ja nun ganz vergnüglich für andere Leute – was ich darunter zu leiden hatte , was mir die Geschichte für namenlosen Kummer bereitete – daran habt ihr nicht gedacht . « » Gretchen , dieser Vorwurf trifft mich schmerzlich « , sagte Hanna sanft , » um so schmerzlicher , da wir in letzter Zeit so Verschiedenes erfuhren , was die Wahrheit dieses Gerüchtes , wie du es nennst , zu bestätigen schien – ich bin die letzte , die dir etwas anhängen würde , wie du sagst . « » Was für Verschiedenes hast du gehört ? Hanna , ich bitte dich , sage es mir ! Doch nein , laß es lieber , es ist ja alles vergebens , alles zu spät – zu spät ! « Das eintretende Mädchen meldete Anne Marie mit dem Knaben . » Sie kann wieder gehen , es ist nicht mehr nötig ! « rief ich dem Mädchen zu . » Ich bedarf ihrer Dienste nicht mehr . « » Gretchen « , fing Hanna wieder an , » dich drückt ein Geheimnis . Ich will dich nicht zwingen , es mir mitzuteilen , und hoffentlich trügt mich meine Ahnung . Aber ich möchte dir helfen auf alle Fälle , ich will tun , was du verlangst , bitte , verfüge über meine Hilfe , wenn du ihrer irgend bedarfst . Ich bleibe noch einige Tage hier , komm zu mir , wann du willst und sooft du willst – ich habe es doch immer gut mit dir gemeint ! « Ich war froh , als sie endlich ging , und ich wieder stumm an meinem Fenster saß . Der Tag verfloß wie jeder andere . Es kam die Dämmerung , und ich starrte mit meinen heißen Augen hinaus auf die alte Linde und das Pastorhaus : so wird es nun immer sein , jeden Tag , jeden Abend , einsam sollt ' ich hier sitzen die kommenden Tage und Wochen und Jahre ! Wie ein Alp lag dieses Bewußtsein auf mir ! Wie werde ich es ertragen , dieses Leben ? Kann es denn nicht wieder anders werden ? Ist denn alles schon verloren ? Unwiderruflich ? Dann sprang ich auf und zündete ein Licht an , ich wollte an ihn schreiben , und ich schrieb und schrieb die halbe Nacht hindurch , sagte ihm alles , klagte ihm meine Verzweiflung , meine grenzenlose Angst , und bat ihn , zu prüfen , ehe er mich von sich stieß für immer . Aber wer soll das Schreiben besorgen ? Im nächsten Orte war Poststation , Wiesenau lag vielleicht drei Viertelstunden von hier – gleichviel , hin mußte der Brief , und sollte ich ihn selbst morgen hintragen . Der Rest der Nacht verging wieder schlaflos , ermattet erhob ich mich am Morgen . Umsonst hatte ich unaufhörlich darüber nachgesonnen , wen ich zu Eberhardt schicken könne – ich hatte niemand gefunden . Kathrin schlummerte noch , als ich mir ein Tuch umband und , den Brief in der Tasche , die Richtung nach Wiesenau einschlug . Der Weg glich mehr einem kleinen Flusse , als einem Pfade für Menschen . Der Regen sprühte noch ebenso wie gestern , und ich versank manchmal bis über die Knöchel in dem aufgeweichten Boden . Ein scharfer Wind wehte mir ins Gesicht und machte mein betäubendes Kopfweh noch unerträglicher . Da kam ein Wagen hinter mir her , ein Bauernwagen mit einem Leinwanddache . Ich versuchte rascher zu gehen , doch er war bald neben mir , die Pferde traten rücksichtslos in die Pfützen , so daß mich das schmutzige Wasser von oben bis unten bespritzte . Ich blieb endlich stehen , um das Gefährt vorbeizulassen , da rief eine mir wohlbekannte Stimme : » Fräulein Gretchen ! Seh ' ich denn recht ? Was tun Sie hier auf freier Landstraße und in diesem Wetter ? « Pastor Renner bog sich aus dem Wagen und sah mich fragend und verwundert an . » Ich will nach Wlesenau « , sagte ich , mechanisch seine Frage beantwortend , und wollte weitergehn . » Aber Sie können ja unmöglich in diesem Schmutz vorwärtskommen , der Weg wird dort oben am Wasser noch grundloser . – Darf ich Ihnen einen Platz im Wagen anbieten ? « fragte er schüchtern . » Ich fahre durch Wiesenau und will nach G. « » Nach G. ? « rief ich . » Ja , es ist heute Synode dort . « Eine Flut von Gedanken fuhr mir durch den Sinn , dann trat ich entschlossen etwas näher zum Wagen und fragte , meine Augen voll und groß auf das feingeschnittene Gesicht vor mir heftend : » Wollen Sie mir einen Gefallen tun , mir einen Dienst erweisen , von dem mein Lebensglück abhängt ? « » Sie sprechen immer so feierlich « , entgegnete der junge Mann etwas scheu und verlegen . » Erst neulich gab ich Ihnen auf Ihren Wunsch ein ähnliches Versprechen – , wenn ich Ihnen mit irgend etwas dienen kann , gewiß , von Herzen gern . « » Geben Sie diesen Brief in der Wohnung des Leutnants v. Eberhardt ab « , bat ich und hielt ihm mit zitternder Hand das Schreiben entgegen . Eine heiße Glut stieg mir in die Wangen , als die Augen des jungen Mannes forschend und erstaunt zugleich auf mir ruhten . Er nahm den Brief und las halblaut : » Dem Herrn Leutnant W. v. Eberharde , ... tes Regiment . G. , Tempelstraße Nr. 7. « » An Leutnant v. Eberhardt , und von Ihnen ? « fragte er und sah plötzlich leichenblaß aus . » Wollen Sie den Brief abgeben ? « rief ich aufgeregt und hastig . » Ich soll das tun ? Ich ? Warum gerade ich ? « kam es tonlos von seinen Lippen . » Weil ich niemand habe , dem ich vertrauen kann . O seien Sie barmherzig , tun Sie es mir zuliebe ! « bat ich . » Ihnen zuliebe ! « wiederholte er leise . » Aber warum nur gerade dieses ? « Er verstummte und sah einen Augenblick an mir vorüber starr ins Leere . Dann richteten sich wieder die ernsten Augen auf mich , die ich im Wind und Regen und vor Kälte und Aufregung zitternd am Wagen stand und ihn bittend ansah . Mein bleiches Gesicht ließ ihn schnell entscheiden ; er reichte mir die Hand aus dem Wagen und sagte : » Gehen Sie rasch nach Hause , ich werde tun , was Sie fordern , der Brief soll in seine Hände kommen . Ängstigen Sie sich nicht , ich ehre Ihr Vertrauen und ich weiß , Sie tun nichts , was Ihrer nicht würdig wäre . Gehen Sie rasch , Ihre Kleider sind ja schon ganz feucht . Gehen Sie ohne Sorge , Margarete . « Er nahm den Hut ab , und ich trat vom Wagen zurück . Doch ehe er noch dem Kutscher zurufen konnte , weiterzufahren , war ich schon wieder am Wagen und bat mit Todesangst : » Geben Sie mir den Brief zurück ! Ich trage ihn selbst nach Wiesenau . « Mit einem Male war es mir in den Sinn gekommen , welch einen Boten ich gewählt ! Die erste Freude , überhaupt einen solchen zu finden , hatte es mich ganz übersehen lassen , daß keine unpassendere Persönlichkeit den Brief in Eberhardts Hände legen konnte . – Wie , wenn er , wirklich eifersüchtig , mit dem jungen Prediger in Wortwechsel kam ? Wer konnte wissen , in welcher Stimmung er sich auch heute wieder befand ? Welchen Beleidigungen setzte ich den Boten aus durch mein Begehren ? Was konnten für Unannehmlichkeiten , ja , was für ein Unglück entstehen , wenn diese beiden sich gegenüberstanden ? » Geben Sie « , bat ich noch einmal , während diese Vorstellungen durch meine Seele flogen , » es geht nicht , daß Sie – ich will – « » Warum ? « fragte seine tiefe Stimme . » Sie dürfen ihm den Brief nicht geben . Fragen Sie nicht , er darf Sie nicht sehen – « » Er soll mich auch nicht sehen , Margarete « , erwiderte Pastor Renner . » Seien Sie ohne Sorge , der Brief gelangt in seine Hände , ohne daß ich vor seine Augen komme . Gehen Sie jetzt nach Hause , ziehen Sie trockene Kleider an . Heute abend bringe ich Ihnen den Bescheid , daß dieser Brief richtig abgegeben ist , und dieser Bescheid wird auch das letzte Wort sein , das je über diese Angelegenheit aus meinem Munde kommt . Und nun , Margarete , danken Sie nicht , sondern nehmen Sie Dank für das Vertrauen , welches Sie mir schenken . « Ich stand noch , als schon der Wagen sich ein ganzes Stückchen entfernt hatte , mit über dem Herzen gefalteten Händen da . Der Wind riß mir das leichte Tuch vom Kopfe , und der feine Regen sprühte mir ins Gesicht und kühlte meine heißen Augen . Ein angstvolles Gebet war auf meinen Lippen , daß Gott alles zum Guten lenken , daß mein Brief ihn überzeugen möge , wie ich nur ihn liebe und immer geliebt habe . Als ich den langsam fahrenden Wagen nicht mehr sah , kehrte ich fröstelnd und durchnäßt nach Hause zurück . In unruhiger , fieberhafter Stimmung durchlebte ich den Tag und sehnte den Augenblick herbei , da Pastor Renner wieder aus der Stadt zurückkehren würde . – Endlich hörte ich das Rasseln des Wagens , und bald darauf trat der junge Mann in das Zimmer und sagte mir , daß alles besorgt sei . Der Bursche habe den Brief in Empfang genommen und gleich abgegeben . » Möchten Sie nur ruhiger werden , Margarete « , fügte er hinzu und sah traurig in mein verstörtes Gesicht . » Ängstigen Sie sich nicht mehr , Gott lenkt alles so , wie es zu unserem Besten ist , wenn wir es auch manchmal nicht begreifen . – Sie scheinen viel Kummer zu haben « , fuhr er fort , als er sah , daß ich mir ein paar Tränen aus den Augen wischte . » Sie wollen ihn standhaft allein tragen – wenn es Ihnen aber doch zuviel werden sollte , Margarete , drüben in dem Pfarrhause finden Sie allezeit ein paar Herzen , die gern helfen werden mit Rat und Tat . « Er ging , nachdem er mir nochmals die Hand gereicht hatte . Ich dankte ihm nicht einmal , und doch habe ich von dieser Stunde an keinen treueren Freund auf dieser Welt besessen . Etwas Ruhe war über mich gekommen , ich faßte plötzlich wieder Mut . Er mußte ja überzeugt sein , wenn er las , was ich ihm geschrieben , es mußte ja noch alles gut werden . Und da drang auch seit langer , grauer Zeit der erste Sonnenstrahl in die Stube und fiel voll und golden auf das Lager der schlummernden Kathrin , und als ich zum Himmel hinaufsah , leuchtete ein Stück des reinsten Blaus durch die weißlichen Wolken . An den Bäumen und Sträuchern zeigte sich ein heller , grüner Schimmer , und vor meinem Fenster stand der kleine pausbackige Müller-Gottlieb und hielt mir jubelnd einen Strauß Schneeglöckchen entgegen , soviel wie seine Händchen kaum fassen konnten . Ich nahm sie in Empfang , die reizenden , kleinen Frühlingsboten mit den goldenen Spitzen an ihren weißen Blütenglöckchen , wie eine glückliche Vorbedeutung erschienen sie mir , sie verkündeten der Natur das Erwachen aus ihren Wintersorgen . Oh , möchten sie auch meinem Herzen einen Lenz bedeuten ! Der Kleine zog glücklich ab mit ein paar Äpfeln . Ich wand Blume an Blume zu einem Kranz und trug ihn auf das Grab meiner Mutter . Lange saß ich dort auf dem kleinen Hügel , meinen Arm um das einfache Marmorkreuz geschlungen . Ein stummes , wortloses Gebet schickte ich empor für meine Liebe , und voll heimlicher Hoffnungen schritt ich wieder nach Hause . Bei all meinem Tun dachte ich an die Antwort , die ich bekommen müßte . Wenn ich mit Kathrin sprach , so rechnete ich dabei aus , wann Wohl ein Brief hier eintreffen könnte , wenn ich nähte , murmelte ich vor mich hin : » Nur noch zwölf Stunden , dann kann ich schon eine Antwort haben , oder er kommt selbst , das ist möglich . Oh , wie wollte ich ihn herzlich empfangen , kein Wort des Vorwurfes sollte über meine Lippen kommen ! Die Näherei flog wieder in den Korb , und ich ging unruhig im ganzen Hause umher . Ich besah mir das Zimmer meines Vaters , in acht Tagen sollte er ja eintreffen . Wie endlos weit lag die Woche noch hinaus , es war ja noch lange nicht morgen . Die Blumenstöcke hatten welke Blätter , die abgepflückt werden mußten , mein ganzes Stübchen kam mir unordentlich vor , hier und da schob und rückte ich etwas zurecht – er könnte ja kommen ! Ich ging in den Garten und suchte Schneeglöckchen , die wurden zierlich in ein Glas gestellt . Über Kathrins Bett wurde eine weiße Decke gebreitet . » Sag , Kind , was hast du nur vor ? Kommt Besuch ? Ich möchte nur wissen , warum du jetzt so eigentümlich bist , seitdem du das letztemal vom Schlosse kamst und hingefallen warst . Gestern sahst du so bleich aus wie das Tuch nm deine Stirn , und heute glühen dir die Wangen . Dabei redest du keine Silbe , und ängstliche Seufzer sind das einzige , was man von dir zu hören bekommt . Sag doch , Herzenskind , was ist ' s nur ? « » Nichts , Kathrin « , beruhigte ich sie , auf ihrem Bette sitzend und die welken Hände fassend . » Draußen wird es Frühling , fühlst du nicht , wie die Sonne schon wärmt ? Bald können wir dich in deinem Bett ans offene Fenster tragen , das ist gut für die kranke Brust . « Die Alte schüttelte den Kopf : » Was das für eine Antwort ist , und was du für tiefe blaue Ringel um die Augen hast ! « Die Nacht ging hin und der Morgen brach an , alle Augenblicke schaute ich aus dem Fenster . Einmal wollte es mich dünken , als ob ich Friedel um die Ecke der Kirche biegen sah – ein heißer Schrecken durchfuhr mich , aber er war es nicht . Der Nachmittag verging , der Tag neigte sich seinem Ende , meine heißen , müden Augen konnten nichts mehr unterscheiden auf der Dorfstraße , und ich saß am Fenster und bemühte mich zaghaft , die immer mehr schwindende Hoffnung festzuhalten . Draußen fang Marie bei ihrer Arbeit mit hoher Stimme . Deutlich klang jedes Wort zu mir herein : Da drüben überm Bergel Wo der Kirchturm herschaut . Da wird mir vom Pfarrer Mein Schatzerl angetraut ! – Zwei schneeweiße Tauberl Fliegen über mein Haus , Und der Schatz , der mir bestimmt ist . Der bleibt mir nit aus . Kathrin lag still in ihrem Bette und horchte dem alten Liede zu , das sie in ihrer Jugend gewiß oft gesungen hatte . Da klang ein rascher Schritt unter den Fenstern . Ich erkannte im Fluge eine Militärmütze . Schon kam er die Stufen vor der Haustür herauf , die Sporen klirrten auf dem steingepflasterten Flur – mit beiden Händen hielt ich mich an dem Tische in der Mitte des Zimmers – die Tür öffnete sich , und mit einer Stimme , aus der das Pochen meines armen , gequälten Herzens herauszuhören sein mußte , rief ich : » Wilhelm , Wilhelm ! « » Fräulein Gretchen ! « tönte da eine andere Stimme . Ich sah , es war nicht seine hohe Gestalt , es war Bergen , der dort an der Tür stand . Die ausgestreckten Arme sanken nieder , ich starrte ihn wie bewußtlos an . Da faßte Bergen meine Hände : » Sie müssen sich setzen , ehe ich Ihnen erklären kann , weshalb Sie mich hier sehen . Ich habe Sie erschreckt , nicht wahr ? Sie sollten ein Glas Wasser trinken . « Er nahm die Karaffe und schenkte ein . Ich trank , kaum wissend , was ich tat . Eine schreckliche Ahnung überkam mich . Die Hände faltend , blickte ich auf den jungen Mann vor mir , als müßte ich ihn um Erbarmen bitten . » Es ist mir sehr schmerzlich , Fräulein Gleichen « , klang da seine weiche Stimme , » der Bote einer Nachricht zu sein , die Ihnen Schmerz und Kummer verursachen muß . Ich weiß , Sie haben ein stolzes Herz und ein mutiges Herz , und deshalb möchte ich Sie bitten , nehmen Sie all Ihren Stolz und Mut zusammen – « » Allmächtiger Gott ! « stammelte ich , » er liebt mich nicht mehr ! « » Vergessen Sie ihn , mein armes Kind , suchen Sie ihn zu vergessen . « » Er liebt mich nicht mehr ! « schrie ich auf . » Nicht wahr , er liebt mich nicht mehr ? « Sein Stummbleiben gab mir die Antwort . » Ach , meine Ahnung ! « flüsterte ich und schlug die Hände vor das Gesicht . Dann bat ich : » Nun sagen Sie mir alles , es wird nicht mehr so schmerzen , da ich das Furchtbare weiß . « » Was soll ich noch hinzufügen ? « sagte er leise . » Ich kann nur beteuern , daß mir das Herz blutet , Sie so vor mir zu sehen , daß dies der schwerste Gang meines Lebens war . Ich habe jene ganze unglückliche Leidenschaft entstehen und blühen und wieder vergehen sehen , und ich bin empört über die Ursache dieses Bruches . – Niemand ahnt es , Fräulein Gretchen , daß ich hier bin , niemand weiß etwas von der traurigen Entscheidung . Ich habe ihn heute früh abreisen sehen , bin gestern bei ihm gewesen und war zugegen , als Ihr Brief kam . Ich weiß , Sie haben in namenloser Pein die Stunden gezählt , bis die Antwort kommen konnte , und ich bringe sie Ihnen , indem ich noch einmal bitte , nehmen Sie Ihr Herz zusammen , seien Sie stark und suchen Sie ihn zu vergessen ! Und nun , was auch noch kommen möge , bewahren Sie sich ein vertrauensvolles Gemüt , verbannen Sie jede Bitterkeit aus Ihrer Seele , betrachten Sie nicht Ihr junges Leben als ein geknicktes , der liebe Gott gibt Balsam für jede Wunde . Und nun leben Sie wohl , Sie haben noch einen schweren Kampf zu kämpfen , gehen Sie siegreich aus ihm hervor . – Geben Sie mir die Hand , Sie haben einen treuen Freund an mir gefunden für das ganze Leben , an mir und an meiner Frau . Leben Sie wohl ! « Er ging – regungslos lag ich in meinem Sessel . Nun war wirklich die Sonne mir gesunken und alles aus . Er liebte mich nicht mehr . Oh , diese schreckliche Gewißheit ! Wie mir zumute war ? Es brannte wie Feuer in meiner Brust , und draußen erhob Marie wieder ihre gellende Stimme : Da drunten im Tale , Geht ' s Bächlein so trüb ' , Und ich kann dir nicht hehle , Ich hab ' dich so lieb . Und wann i dir zehnmal Sag ' , ich hab ' dich so lieb . Und du gibst mir kein Antwort , So wird mir ganz trüb . Ich meinte ,