Ehre , er ist mir ungewöhnlich sympathisch , der junge Mann . « 230 » Sie kennen meinen Neffen ? « Das hübsche Gesicht der Frau Amtsrat schaute ganz verblüfft drein . » Letzte Weihnacht lernte ich ihn kennen , und nicht zum wenigsten an ihm gefällt mir die Begeisterung , mit welcher er von seiner liebenswürdigen Frau Tante spricht . « » Von seiner liebens – wür – – « Frau Amtsrat war auf dem höchsten Grad der Verwunderung angelangt . » Von Ihnen , ja , « bestätigte Bartenstein . » Wundert Sie das so sehr ? « Mit der Frau Tante war plötzlich eine Veränderung vorgegangen : die Grübchen in ihren Wangen verschwanden , und sie sagte in kühlem Ton : » O nein , nein , das wundert mich gar nicht , es ist sogar ganz natürlich – « dann brach sie ab . Aber es nutzt ihm nichts ! Es nutzt ihm gar nichts , setzte sie im stillen hinzu und zwang sich zu einem frischen Lachen . Und der Herr Amtmann , der das Hütchen auf ihrem Kopfe doch wohl bemerkt hatte , griff nach seinem spiegelblanken Zylinderhut und meinte , die gnädige Frau wolle gewiß zu einem Damenkaffee . » Ach ja , « seufzte sie , » was soll man sonst tun in der Stadt ? Wie ich noch in Hilgendorf war , da hatte ich niemals Langeweile . – Solch kleine Stadtwirtschaft , und dazu ein erwachsenes Töchterlein , da gibt ' s nicht viel Arbeit , und ewig lesen oder Handarbeit machen , oder gar malen , sehen Sie , ich kann ' s nun ' mal nicht : Sie glauben gar nicht , was für ein talentloses , hausbackenes Geschöpf ich bin . « Er sah sie plötzlich mit einem langen , leuchtenden Blick an , küßte ihr die Hand und empfahl sich . Die Frau aber blieb auf der nämlichen Stelle in dem rosig durchleuchteten Zimmer stehen und rieb sich die Augen , als ob sie aus dem Schlafe erwachte , dann ließ sie plötzlich die Arme sinken , wie hilflos . Seitdem damals der Rittmeister sie als junge fünfundzwanzigjährige Witwe umwarb , hatte keiner wieder sie mit solchem Blick angeschaut . Ganz eigentümlich war ihr zu Mute , schwer und dumpf lag es ihr plötzlich in den Gliedern , als ob etwas Lähmendes über sie hereingebrochen wäre . Sie schlich nach dem Spiegel und schaute , das Gesicht dicht 231 am Glase , aufmerksam hinein . Machte es die Rosenfarbe der Gardinen , daß ihr ein Antlitz von fast mädchenhafter Frische entgegenblickte ? Und sie ward zornig über dieses vermeintliche Trugbild und riß die seidenen Vorhänge vor den Scheiben zurück , daß das kalte Tageslicht hineinflutete und alles Rosige vor ihm verschwand . Aber auch jetzt wollte der Spiegel ihr weder etwas Häßliches noch Altes zeigen . Gegen ihre Gewohnheit saß sie dann nachdenklich im Kreise ihrer Bekannten , von denen die meisten ihres Alters waren , die alle noch kleine Kinder daheim hatten und die junge Frau herauskehrten . Und eine , die am spätesten geheiratet 232 hatte , sagte gesprächsweise auch noch zu ihr : » Du , Rosa , du wirst ja viel zu früh alt , das kommt aber davon , wenn man die Zeit zum Heiraten nicht erwarten kann . Schau , ich bin nun noch eine junge Frau , und du gehst auf die Großmutter los . « Und eine andere meinte : » Ich wette , Frau Amtsrat , Sie haben ' s recht eilig , das Töchterchen unter die Haube zu bringen . « » Ja , ja , « kicherten die anderen , » man hat schon so etwas gehört – von einer baldigen Verlobung . « Wenn man ihr so etwas noch gestern gesagt hätte , sie wäre empört gewesen , aber heute ? – Sie kannte sich selbst nicht mehr , sie lächelte nur matt . Ihr ganzes Leben zog Abends , als sie in dem großen Himmelbette lag , an ihr vorüber . Sie gedachte des guten Mannes , dem sie gefolgt war , der schönen Hilgendorfer Zeit , seines Scheidens von dieser Erde und ihres Scheidens von Hilgendorf : dann kam sie auf die Testamentseröffnung und auf ihre Entrüstung über die besagte Klausel , die ihr tausend bittere Tränen erpreßt hatte ; endlich auf den Rittmeister . Der war wirklich ein liebenswürdiger Mensch , und sie damals noch so jung , aber für die Welt nicht hätte sie ihr Kind aus den Armen gelassen , um es Lotte anzuvertrauen . Heute drängte sich ihr mit einem Male unter dem bewundernden Blick des Mannes die furchtbare Überzeugung auf , daß die Zahl ihrer Jahre noch keine hohe sei , daß noch eine unendlich lange Strecke des Lebensweges vor ihr liege , die sie möglicherweise einsam durchwandern müsse , wenn sie sich zwar nicht vom Kinde , wohl aber das Kind sich von ihr trennen werde – hatte sie das nur gar nicht bedacht bis jetzt ? Ach ja , ganz flüchtig hatte ihr dieser Zeitpunkt wohl vorgeschwebt , aber merkwürdigerweise sah sie sich dabei immer nur als alte wunschlose Frau . Nun wußte sie plötzlich , sie sei noch nicht alt , trotzdem ihr Kind alle Tage heiraten konnte , und würde selbst in fünf , sechs und zehn Jahren noch nicht alt und wunschlos sein . Wie kam es nur , daß sie seit langer Zeit bis zu dieser Minute nicht mehr an sich selbst , an Rosen , die für sie blühten , an ein eigenes Glück gedacht hatte ? Daß sie nur noch davon träumte , ihre Tochter als Frau Bartenstein 233 zu sehen ? Sich nur noch die milden blassen Freuden einer Großmama vorbehielt ? Sie starrte mit weit offenen Augen in das stille von der Mondnacht dämmernd erhellte Zimmer . Wenn nun das Kind den alten Mann nicht wollte ? Wenn es Treue zu halten verstand dem Sohne jener Frau da oben , der sie das Glück nicht gönnte , Tochter zu sagen zu ihrer eigenen Tochter ? Dann war es da , das Leben der Einsamkeit , des langsamen Absterbens , des Alters in Nutzlosigkeit , in dem stagnierenden Wasser der Untätigkeit , zwischen Kaffeegesellschaften und Staubwischen , schwankend , öde , bleiern , fürchterlich in dieser kleinen Stadt . Es fröstelte sie plötzlich , sie war nahe am Weinen . Niemals gebe ich diese Heirat zu , niemals ! gelobte sie sich . Nach Hilgendorf soll sie , der Mann ist trotz seines Kahlkopfes noch ein hübscher , annehmbarer Herr . Zehnmal mehr Aussicht hat sie , mit ihm glücklich zu werden als mit dem Leichtsinn , dem Windhund , dem Fritz . Ob sie wohl noch immer aneinander dachten , die beiden ? Ob er wohl auf Urlaub kommen wird diesen Sommer ? – Wenn sie ihn doch vergessen wollte , den Fritz : ihrer Mutter zuliebe die vernünftige Partie vorziehen – – ach Gott , sie hatte ja doch genug Opfer für das Kind gebracht ! Bei dem Gedanken , daß das Töchterlein bei seiner Liebe beharren könnte , stieg ihr das Blut in den Kopf , und ihr bedrängtes Herz wußte sich keinen anderen Rat , als daß sie bitterlich zu weinen begann . O , dieser Trotzkopf , dieser Trotzkopf ! Woher hat das Kind ihn nur ? Einige Tage später fuhren die Damen nach Hilgendorf : es war ein köstlicher Sommertag . Mutter und Tochter , in lichten Kleidern , unter hellen Sonnenschirmen und Strohhütchen , erschienen wie Schwestern nebeneinander . Röschen fand im stillen , daß ihre Mama sich besonders schick und elegant gekleidet hatte , und Frau Amtsrat fragte ihr Töchterlein : » Hast du dich nicht angezogen wie zu einem Feste , kleine Eitelkeit ? « » Ich , Mama ? Das Kleid ist doch eigentlich schrecklich simpel ! « 234 » Na , na ! « meinte die Mutter und streifte die blaßblaue Seide unter dem durchbrochenen Oberstoff von zart cremefarbenem Nessel . Röschen konnte aber trotz ihrer Bemühung den heiß erstrebten äußerlichen Ernst nur schlecht bewahren , sie hatte heute früh eine zu wundervolle Botschaft bekommen . Ganz direkt , ganz unverschämt dreist war ein Brief in das Haus geflogen , den die Mama , infolge einer verstellten Handschrift , für den einer Freundin gehalten haben mochte , denn er war unbeanstandet an Röschen gelangt . In diesem Briefe stand weiter nichts als : » Ich komme heute nachmittag an , unerwartet , da ich sonst fürchten muß , daß Deine Mama wieder mit Dir verreist . Sage auch meiner Mutter nichts . Dein Fritz . « Nein , zu klug war doch der Fritz ! Wenn sie heute abend wieder heimkehrte , dann wußte sie ihn oben im Giebelstübchen seiner Mutter . Frau Amtsrat begriff ihr Kind nicht ; noch gestern hatte es ein schiefes Mäulchen gezogen über diesen Besuch in Hilgendorf , und heute konnte sie offenbar nicht erwarten , hinzukommen . Mit einer beinahe unpassenden , kindlichen Zutraulichkeit lächelte sie den Witwer an , der sie am Fuße der Freitreppe empfing , es fehlte nicht viel , so hätte sie ihm bei dem Handgeben einen Knicks gemacht wie einem alten Onkel . Sie saßen dann auf der Veranda unter rotweiß gestreiftem Zelt am Kaffeetisch und schauten in den wohlgepflegten Garten hinunter . Auf Frau Amtsrat wirkte das Wiedersehen so vieler lieber Plätze , an die sich frohe und schmerzliche Erinnerungen knüpften , entschieden tief , und in ihren hübschen braunen Augen quoll es feucht empor . » Nicht wahr , Mama , als ob wir gar nicht fortgewesen wären ? « fragte Röschen . Die Mutter nickte . » Nachher machen wir einen Rundgang durch Haus und Hof , « schlug der Oberamtmann vor , » ich möchte der gnädigen Frau gern meine neuen Einrichtungen zeigen . Daß ich eine Forellenzucht angelegt habe – – « 237 » Eine Forellenzucht ? « rief Frau Amtsrat . » Sehen Sie , das war ja mein Traum ! Ich sagte schon immer zu meinem Mann – das köstliche Bergwasser und der Teich . « – – Sie war rot vor Freude und klatschte in die Hände wie ein Kind um Weihnacht . » Famos eingeschlagen ist es ! « » Das freut mich ! Das freut mich ! « Die hübsche Frau war ganz selig über diese Neuigkeit , und lebhaft plauderte sie weiter . » Warum sind Sie eigentlich nie mit Ihrer Frau zu uns gekommen ? « sagte sie dann auf einmal . » Sie glauben nicht , wie ich darauf gewartet habe , ich sehnte mich ja beinahe krank nach diesem Hilgendorf ; aber Sie wollten ja von der ganzen Gesellschaft in Neustadt nichts wissen , und so blieb das Paradies mir verschlossen . « » Gnädige Frau , « sagte er langsam und traurig , » meine Frau war sehr krank , es war unmöglich , einen Verkehr zu unterhalten . – Sie litt mehr geistig als körperlich , ihr Zustand verdammte uns beide zur vollkommenen Einsamkeit . « » O , verzeihen Sie – ich wußte es nicht . « » Niemand wußte es , gnädige Frau . « » Und haben Sie nie Kinder gehabt ? « Er schwieg ein Weilchen und sagte dann leise : » Drei . Alle tot , alle tot innerhalb einer Stunde – verunglückt , ertrunken , und seit diesem Augenblick war meine arme Frau – – « er deutete auf die Stirn und brach ab . Ganz entsetzt starrte Frau Amtsrat den Oberamtmann an , der bei diesen Worten förmlich zusammengesunken schien , wie ein alter Mann , die Stirn gefurcht , ein scharfer Zug von der Nase herab , der sich in den Vollbart verlor . Wie ein alter Mann ! Wie ein alter Mann ! Und von ihm irrte ihr Blick zu Röschen , aus deren blühendem Gesicht alle Farbe gewichen war bei den Worten des so schwer Geprüften . Und diesem Mann , dessen Herz durch ein grausames Schicksal zerrissen sein mußte , auf dem die ganze furchtbare Schwere des Lebens lastete , dem hatte sie die kleine sonnige Schmetterlingsseele ihres jungen Kindes zugesellen wollen ? Sie kam sich plötzlich vor wie eine 238 Barbarin . » Röschen , « sagte sie , » hast du nicht Lust , deine alten Spielplätze aufzusuchen ? « Das Mädchen sprang auf und huschte wie erlöst die Steintreppe hinunter , um in den grünen Wegen des Gartens zu verschwinden . Der Oberamtmann sah ihr nach . » Glückliche Jugend ! « sagte er lächelnd . Und dann suchte er das Auge der Frau an seiner Seite , warm und fragend . » Nicht wahr , es ist schön hier in Hilgendorf ? « sprach er weiter , » aber schrecklich einsam , um so schrecklicher , weil die Erinnerungen so schwere sind ! « Sie nickte nur und blickte sinnend an ihm vorüber . » Über diese Treppe haben sie den Sarg meines Mannes getragen , « sagte sie dann leise . Und wie sie den Blick hob , traf sie wieder sein Auge , das noch nicht von ihr gelassen hatte : ein seltsam bittender Strahl grüßte sie daraus . » Wollen wir nun unsere Rundreise antreten ? « fragte sie verwirrt . Er erhob sich , straff und aufrecht stand er vor ihr und bot ihr den Arm . Sie schritten durch den weiten Flur auf den Hof hinaus , und die Frau lachte und weinte beim Wiedersehen 239 der alten lieben Heimat , sie lobte und tadelte und gab Ratschläge und war so ganz hingenommen von der prächtigen Wirtschaft , daß sie die lächelnde , freudig gerührte Miene des stattlichen Witwers ganz übersah . Lebhaft miteinander redend , kamen sie endlich aus den Schweineställen , wo die kleinen weißrosigen Ferkelchen an die alten Säue geschmiegt , jedes Völkchen in seiner eigenen geräumigen Kinderstube , lagen , nach dem Gemüsegarten und schritten den Weg hinunter zwischen Bohnen und Gurken und duftenden Suppenkräutern . In den Rabatten standen Stachelbeer- und Johannisbeerbüsche , die hatte sie noch gepflanzt , und die Brombeeranlagen waren prächtig gediehen . Sie wollten durch den Park nach der Forellenzucht wandern . » Versuchen Sie es nur « , sagte Frau Amtsrat im Anschluß an ein Gespräch über Erdbeerzucht , » mit › König Albert ‹ es ist die allerbeste Sorte , ich ziehe sie auch . « Wie sie aber um das sogenannte große Boskett bogen und sich der Pforte in der Parkmauer näherten , die nach dem Walde führt , stand diese weit offen , was einmütig von beiden als große Ungehörigkeit bezeichnet wurde . » Dort ist jemand hinaus , der den Kniff am Schlosse kennt , « meinte Frau Amtsrat , » sofern es nämlich noch dasselbe ist wie zu meiner Zeit . « » Ganz das nämliche , – das mit dem versteckten Riegel , gnädige Frau . « » Das müssen Sie ändern lassen , Herr Oberamtmann , mit der Zeit bleibt auch ein Vexierschloß nicht geheim . Übrigens wurde zu meiner Zeit vom Gärtner jeden Abend diese Pforte mit einem wirklichen Schlüssel abgeschlossen . « » Ja , ja , das soll geschehen , und heute noch , « gelobte er . Der Waldweg jenseit der Parkmauer war sehr schmal , sie mußten einer hinter dem andern gehen bis zu der kleinen Lichtung am Forellenteich . Sie sprachen nicht ; der Oberamtmann schritt hinter Frau Rosa Wendenburg und ließ kein Auge von ihr . Plötzlich , am Ausgange des engen Pfades angelangt , blieb 240 sie stehen , und die Hand , mit der sie ihr Kleid gehalten hatte , ließ die seidenen Falten los und hing schlaff herunter : sie war einer Ohnmacht nahe . – Gar nicht weit entfernt saß ihr einziges Kind neben einem jungen Mann , von dessen Arm umfangen , und ließ sich küssen ! Und so eifrig waren diese beiden wohlbekannten Schelme dabei , daß sie das Kommen der Mama völlig überhörten und zwischen den Küssen immer wechselseitig das Glück priesen , einander hier gefunden zu haben . Frau Amtsrat wandte sich ebenso plötzlich um , wie sie stehen geblieben war , und flüchtete förmlich zurück in den dämmerigen Waldpfad , leise lachend folgte ihr der Mann . Im Park blieb sie stehen , und die tränenden Augen zu dem Oberamtmann aufschlagend und die ineinander geschlungenen Hände gegen ihn erhebend , fragte sie : » Was soll man dabei nun machen , was soll man machen ? « Es lag ein wehes Jammern in ihrer Stimme . Er nahm die beiden kräftigen schönen Frauenhände in die seinen und streichelte beruhigend mit der Rechten darüber . » Nichts , 243 meine liebe Frau Amtsrat , « flüsterte er , » das ist der Lauf der Dinge . Sagen Sie ja ! Sagen Sie einfach ja ! « » Ach Gott , ach , wenn Sie wüßten – « schluchzte sie . » Ich weiß , ich verstehe ! Jede Mutter , die ihr Kind hergeben soll , fragt bange : Was soll ich nun beginnen ? Noch dazu , wenn es das einzige ist , wenn sie denken muß , fortan ganz allein zu stehen – die Einsamkeit schreckt . Aber , müssen Sie denn einsam bleiben ? Kommen Sie Ihrem Kinde zuvor . « Er zögerte ein wenig , ehe er fortfuhr : » Gott weiß es , liebe gnädige Frau , ohne diesen kleinen Zwischenfall hätte ich vielleicht noch lange nicht den Mut gefunden , Sie zu bitten ! Kommen Sie zu mir , kommen Sie wieder hierher , Hilgendorf schreit ja förmlich nach Ihnen ! « Einen Augenblick überkam es die Frau Amtsrat wie ein Schwindel , als ob sie den festen Boden unter den Füßen verlöre und wie eine Feder in der Luft umherwirbelte . Das Kind hatte sie verloren , das war Tatsache , aber Hilgendorf – Hilgendorf ! Wie nach einem Halt suchend , umfaßte sie die Hand des Oberamtmanns fester . » Hilgendorf ! « seufzte sie leise – – . Vor der Gitterpforte erschien einige Sekunden später ein junges Paar und blieb nun seinerseits sprachlos stehen , denn da drüben unter der mächtigen Kastanie küßte eben der Oberamtmann Bartenstein die gestrenge Mama ! Es sah ganz ernsthaft und feierlich aus , wie der große Mann dann so ritterlich und zart sich auf die Hand der hübschen Frau hinunterbeugte . Im nächsten Augenblick waren die Schelme wieder verschwunden hinter der deckenden Mauer , und sie hielten sich übers Kreuz bei den Händen , und den Oberkörper zurückgebogen , wirbelten sie nach Art der Kinder , die dieses Spiel » Mühleziehen « nennen , in einer wirklich kindlichen Ausgelassenheit umher ; sie hätten nicht anders gekonnt , sie wären sonst erstickt an ihrem stummen Jubel . Atemlos saßen sie dann nebeneinander , und der junge Mann zappelte noch immer mit den Beinen und focht mit den Armen und krümmte sich , als ob er die entsetzlichsten Schmerzen hätte , 244 alles ganz lautlos und mit dem lachendsten Gesicht der Welt . » Wer hat nun recht ? « flüsterte er endlich dicht an ihrem Ohr und sah Röschen an , die vor unterdrücktem Kichern ganz rot geworden war , » wer hat nun recht ? « wiederholte er , diesmal mit einem Kuß . Und sie brachte nun ebenfalls den Mund an sein Ohr : » Du mußt heute mit Mama sprechen , Fritz , heute noch , da kann sie nicht nein sagen , sie hat ja ihr Hilgendorf wieder . Und dann bleibe ich bei Tante Lotte , bis du mich holst , denn Mama darf mich jetzt nicht behalten , « meinte Röschen nachdenklich . » Bis ich dich hole ? Und was meinst du denn , wann das ist ? Denkst du , ich will den ganzen Winter hindurch in der einsamen Oberförsterei sitzen ? Von hier aus trete ich ja mein Amt schon an . « » Ja , das dachte ich , Herr Oberförster , « flüsterte sie neckend . » Weißt du was ? Wir schlagen Mama vor , mit uns am selben Tag Hochzeit zu machen , dann kann sie dich behalten , bis wir alle miteinander in die Kirche fahren : so umgeht sie die fatale Bestimmung im Testament , die ihr so vielen Kummer gemacht hat . « » Bist du gescheit ! « lobte sie , » und deine gute Mutter kommt mit zu uns ! « Er wurde auf einmal gar ernsthaft . » Du lieber Schatz , « sagte er gerührt . Am Abend desselben Tages saß Tante Lotte ganz allein in ihrer Giebelstube und wunderte sich , daß der Junge , der fast im nämlichen Augenblick , da er angekommen , nach Hilgendorf weiter gefahren war , und auch die Damen noch immer nicht zurückkehrten . Es ging schon auf elf Uhr . Sie war müde , hatte wohl gar ein bißchen geschlafen , da tat sich die Türe auf , und eine Gestalt kam herein . » Lotte , « fragte die Stimme der Frau Amtsrat in der Dunkelheit , » bist du hier ? « » Ja , ja ! Ich sitze am Fenster , « klang es zurück , ein bißchen verwundert über den späten Besuch der Schwägerin . 245 Da kam diese herüber und faßte ihre Hand . » Du bekommst sie ja nun doch , « sagte sie mit gedämpfter Stimme , » sie wird ja nun doch dein Kind , Lotte , – habe sie lieb , den Fritz und sie , ordentlich lieb ! « » Du gibst es zu ? « Frau Lotte schrie es fast . » Ja , Lotte . « 246 » Was , ums Himmels willen , ist denn geschehen , daß du so plötzlich deinen Sinn gewendet hast ? « Frau Amtsrat drückte ihr nur stumm die Hand und ging der Türe zu , und dort blieb sie stehen und murmelte etwas , das klang wie » Hilgendorf « . Dann verschwand sie . Aber Tante Lotte hatte es doch verstanden . » Ach , so ! Hilgendorf ! « murmelte sie . 247 In Erinnerung . Die Jüngste , die kleine launenhafte Blonde , war Braut . Im wunderschönen Monat Mai sollte Hochzeit sein , und eben befand sich die Mutter mit der achtzehnjährigen Braut und der älteren schlanken , recht still gewordenen Tochter Anne Dore in Berlin , um die Ausstattung zu besorgen . In dem kleinen Universitätsstädtchen war solches mit Schwierigkeiten aller Art verknüpft gewesen , fast unmöglich ! So entschloß sich denn der Herr Professor Bodenstedt mit stiller Ergebung dazu , seine noch immer schöne stattliche Frau , die er für gewöhnlich nicht einen halben Tag zu entbehren im stande war , ohne sich todunglücklich zu fühlen , und seine beiden Lieblinge für acht bis zehn Tage zu beurlauben und ihnen obenein noch einen seinen Verhältnissen gemäß recht gut gespickten Geldbeutel mit auf den Weg zu geben . Anne Dore hatte zuerst durchaus bei dem Vater bleiben wollen , aber beide Eltern bestanden auf ihrer Mitreise . Sie bestanden immer gemeinsam auf etwas , wie denn die Kinder sich nicht erinnern konnten , daß Vater und Mutter je vor ihren Augen und Ohren verschiedener Meinung gewesen waren . Und somit reiste Anne Dore in stummer , gleichgültiger Folgsamkeit mit . Wenn die Frau Professor Bodenstedt gemeint hatte , ihre Anne Dore werde in Berlin aufleben oder teilnehmender werden , ihren Kummer ein wenig vergessen können , so wurde sie inne , daß sie sich geirrt hatte . Ihr Mutterherz wurde dadurch nicht froher . Anne Dore 250 hatte bald verstanden , sich von den Damen , die aus einem Laden in den anderen fuhren , loszumachen , und stieg nun in allen Museen umher – » Piksolo « , wie Lori , die junge Braut , sich ausdrückte – ohne Furcht vor Taschendieben und Bauernfängern , vor welch unbekannten Gefahren die Kleinstädter gewöhnlich zu zittern pflegen , und traf stets erst um fünf Uhr Nachmittags , um welche Zeit man das Mittagessen verabredet hatte , mit den Ihrigen im Hotel zusammen . Gewöhnlich waren dann alle drei Damen todmüde , und man verschob den Theaterbesuch auf die letzten Tage des Aufenthalts , wo man hoffentlich mit den Kommissionen fertig sein würde . Frau Professor aber konnte selbst nach solchen Strapazen den so notwendigen Schlaf nicht finden . Erstens rasselten die Wagen bis spät in die Nacht hinein unter den Fenstern vorüber . Nur ganz kurze Zeit in den ersten Morgenstunden erfreute sich die Königgrätzerstraße wirklicher Ruhe , während um drei Uhr schon wieder das geräuschvolle Berliner Leben begann , zu dem in dieser Straße massenhafte Milchwagen und zahllose Bahnhofsdroschken nicht das wenigste beitrugen . Zweitens und hauptsächlich hielt die Sorge um ihre beiden Mädel , die im Nebenzimmer schliefen oder doch zu schlafen schienen , den ersehnten Schlummer vom Bett der Frau Professor fern . Die Jüngste , die Braut , machte ihr Kummer wegen ihrer Prinzessinnenmanieren . Sie hatte mit geradezu unglaublicher Großartigkeit ihre Einrichtung ausgewählt , – mit viel Geschmack , o gewiß , und mit fabelhafter Sicherheit im Herausfinden des Reizendsten , Schicksten und Teuersten . Aber sie hatte auch immer erst , wenn sie endgültig gewählt hatte , nachlässig und beiläufig gefragt : » Was kostet das ? « und schrak vor den enormsten Forderungen nicht zurück . » Aber man richtet sich ja nur einmal ein , Mutterchen ! « war stets ihre Begründung gewesen , wenn die Professorin dazwischen kam mit einem entsetzten : » Nein , Lori , das geht nicht , das geht ganz gewiß nicht ! « – Gewöhnlich hatte es ihr nichts genützt . Das reizende Kind siegte fast immer , unterstützt von dem gesamten Ladenpersonal , das den betreffenden Gegenstand als ungemein 251 praktisch , wie geschaffen , um eine Ewigkeit zu überdauern , hinstellte und obendrein noch schwur , daß jetzt eine derartige Sache in jeder halbwegs anständigen Einrichtung zu finden sein müsse . Dabei heiratete die kleine Prinzessin einen netten , aber blutarmen Infanterieleutnant , der von einem spartanisch einfachen Elternpaar aufgezogen war in einenr alten einsamen Forsthause , das bis auf den heutigen Tag getünchte Wände und weiß gescheuerte Dielen besaß , der also wahrlich nicht verwöhnt war durch echte Teppiche und seidene Gardinen . Die Mama Oberförsterin hatte in ihrem Wohnzimmer kaum eine Andeutung von letzteren . Und das war in der Ordnung so , denn der Oberförster saß in dem dicksten Tabaksqualm tagaus tagein gleich Jupiter in den Wolken . Wie nun Lori am heutigen Tage noch ihre Service gekauft hatte und eierschalendünnes Porzellan mit breitem Goldrand geziert wählte , in dessen Rokokorand das Wappen ihres künftigen Mannes ebenfalls in Gold angebracht werden sollte , und wie sie dann auf die ironische Bemerkung der Mutter , daß diese Teller für die Fäuste des jeweiligen Burschen , der sich ja doch wahrscheinlich in der Küche nützlich zu machen habe , ganz besonders geeignet sein würden , und sich Lori infolge dieser Warnung auch noch ein zweites Geschirr erbettelte » für alle Tage zu sechs Personen « , wie sie dann auch noch Kaffee- , Tee- , Bouillon- und Mokkatassen aussuchte , da wurde der armen Frau ganz ernstlich bange , und sie beschloß , Berlin zu fliehen , um doch etwas von dem Gelde , das ihr guter Mann so verschwenderisch ausgesetzt hatte für seinen Liebling , zu retten . Aber da fiel ihr erst noch die größte Sorge aufs Herz : ihre Anne Dore , ihr liebes , ernstes , schönes Herzenskind ! Sie hatte sich in diesen Tagen wenig um das Mädchen kümmern können und hätte doch gewünscht , sie ein wenig froher wieder mit heim zu nehmen . Sie wußte ja aus eigener Erfahrung : so rasch kommt man nicht weg über eine erste Enttäuschung , über eine vernichtete erste Liebe . Und daß Anne Dorens Neigung nicht gebilligt werden konnte , daß Vater und Mutter beide mit ausgebreiteten Armen 252 sich ihr in den Weg stellen mußten , um zu sagen : Halt ein , du darfst nicht weiter schreiten , der Weg führt in dein Verderben , wir dürfen dich nicht ziehen lassen mit jenem , er ist deiner nicht wert – das hatte das junge Herz fast gebrochen . Seit drei Jahren trauerte sie um das verlorene Glück , seit zwei Jahren wies sie die Hand eines Ehrenmannes beharrlich zurück , der wohl geeignet war , eine Frau glücklich zu machen . Sie war in einer zu engen Gemeinschaft mit den Eltern aufgewachsen , um nicht blindlings deren Erfahrung zu trauen , deren Rat zu folgen , als sie damals ein Aufgeben ihrer Verlobung verlangten . Aber dennoch , es schien , als sollte sie in aller Ewigkeit umhergehen mit blassem ernstem Gesicht , in stets müder Gleichgültigkeit . Und sie , die Professorin , hatte doch auch einmal ihr Herz in beide Hände fassen müssen , und ein zwingendes Geschick hatte ihr keinerlei Zeit gelassen , ihrem entschwundenen Ideal nachzutrauern . Wenn das Anne Dore wüßte ! Wenn sie ahnte , daß ihre Mutter auch nicht ihre erste Liebe hatte heiraten können ! Und wie sie so lag und sann , sagte sie sich : Und warum sollte sie es nicht erfahren , die Anne Dore ? Die Vergangenheit stieg in ihr auf , die erste schwere Zeit ihrer Ehe , die Kämpfe , die sie vor ihrer Hochzeit um ihre verlorene Liebe bestanden hatte , das liebe alte Dorf stand vor ihr , das väterliche Heim , das eigene kleine Doktorhaus . Könnte es nicht gut sein für beide Töchter , wenn sie den Anfang des elterlichen Glückes erführen ? Da saß die Professorin auf einmal aufrecht in ihrem Bett und wußte es genau : hin will ich mit