war mit Fahnenmasten , die man in Krepp gehüllt hatte , und von denen halbmast schwarze Wimpel wehten , eingefaßt , und auf dem festgestampften Schnee lagen Tannenzweige wie ein dichter , grüner Teppich . Zu beiden Seiten des Trauerweges hatten Soldaten Spalier gebildet , hinter ihnen schob und drängte sich die Menge . Mitten durch dieses Gewirr wand sich ein Schlitten , zwei verschleierte und vermummte Damen saßen darin . Ein paar große Reisekörbe waren hinten auf den Kufen befestigt . Das junge Mädchen , dessen ovales feines Gesicht nur ein dünner Schleier schützte , sah weder rechts noch links , mit gesenktem Kopf fuhr sie durch die Menge . „ Das ist Fräulein May , die reist heut ’ nach Dresden , will Sängerin werden , “ bemerkte Karoline wichtig , die am andern Fenster mit den beiden ältesten Kindern stand . Hedwig sah dem Mädchen nach , bis der Schlitten um die Ecke bog . Also das war sie , die es verschmäht hatte , in diesem Hause Herrin zu sein , in welches als Dienerin einzutreten ihr als Glück erschien . Ach , das junge Geschöpf wußte wohl nicht , was es gethan ! Es sollte nur erst versuchen was es heißt , als Frau sich durch die Welt zu schlagen . Eines Tags würde sie bereuen , bitter bereuen , oder aber sie war ein vollwertiges Talent , vielleicht zur wirklichen Künstlerin berufen – dann – ja dann – In die Massen draußen kam plötzlich Bewegung . Die Glocken begannen zu läuten , im Schloßthor trat die Wache unters Gewehr . Eine Abteilung des in der Residenz garnisonierenden Jägerbataillons schritt voran , dann folgten die herzoglichen Forstbeamten , dahinter der von acht Pferden gezogene Leichenwagen , dessen schwarze , mit silbernen Fürstenkronen verzierte Sammetdecke von acht herzoglichen Förstern getragen wurde . Hinter diesem schritt der Herzog neben seinem Sohne , dem sechzehnjährigen Thronfolger , in langer Reihe folgte das vornehme Trauergeleit . Am Fuße des steilen Schloßberges stockte der Zug , der Herzog und die Herren vom Hofe sowie die Herzogin und ihre Damen bestiegen die bereitstehenden Wagen , die sich dem Zuge anschlossen . Hedwig Kerkow glaubte , in einer der vorderen Eguipagen ihre Schwägerin , in einer andern ihren Bruder erkannt zu haben . „ Jesus , meine Zuversicht , “ spielte die Musik ; der Kondukt setzte sich in Bewegung , in der Richtung nach dem Gebirge , dessen Wälder das stille Schloß bargen , in dessen Begräbnisstätte die Tote ruhen sollte . Breitenfels war aus der Reihe der bewohnten Schlösser gestrichen , es begann seinen Schlaf , wie so viele herrliche Burgen aus alter Zeit . In kurzer Frist würden in den Gemächern der [ 171 ] Herzogin die Vorhänge vor den Fenstern heruntergelassen sein und ein paar Diener sowie der alte Kastellan da droben gleich Gespenstern umherschleichen , höchstens im Herbst , zur Jagdzeit , würden auf ein paar Wochen wieder helle Fenster in die Dunkelheit hinausgrüßen . Hedwig seufzte tief , als der letzte Wagen ihren Augen entschwand ; wenn sie doch erst wüßte , was nun aus Heinz wird ! – Es war am Abend , sie saß allein in der Wohnstube , die Kinder schliefen bereits , der Hausherr befand sich in seinem Zimmer , da klingelte es draußen und gleich darauf kam Karoline und brachte ihr ein Briefchen – von Heinz . „ Wenn es Dir möglich ist , komme auf eine halbe Stunde zu mir . Der Diener wartet , er kann Dich gleich heraufbegleiten . “ Sie holte den Mantel , band einen Spitzenshawl um den Kopf , trug Karoline auf , falls der Herr Oberförster nach ihr fragen sollte , zu sagen , sie sei zu ihrem Bruder gegangen , und schritt , begleitet von dem Diener , aus dem Hause . „ Der Herr Hofmarschall wohnt noch in seinen alten Zimmern , “ sagte der Mann . Im Schlosse angelangt , dankte ihm Hedwig und stieg die Treppe empor in das erste Stockwerk , dort blieb sie stehen und sah sich unwillkürlich um . Der breite Gang , der zu den Gemächern der Verstorbenen führte , war nur durch eine einzige Lampe erleuchtet . Cypressenzweige und weiße Blüten lagen auf dem schwarzen Teppich und die Tuberosen dufteten fast betäubend . Unheimlich still war es . Die Dienerschaft mochte in ihren Speiseräumen sitzen oder daheim sein , sofern sie nicht im Schlosse wohnte , sie war ja außer Thätigkeit . Die auswärtigen Fürstlichkeiten und sonstigen hohen Gäste sowie die herzögliche Familie hatten sich in dem von dem regierenden Herzog bewohnten Teil des Schlosses versammelt – hier herrschte Schweigen und Verlassenheit . Hedwig Kerkow stieg weiter empor . Im zweiten Stock begegnete ihr die Jungfer der Frau von Gruber , sie trug ein Theeservice in das von der alten Hofdame bewohnte Zimmer . Tante wird angegriffen sein und nimmt den Thee im Bette , dachte Hede . Im dritten Stock angelangt , fand sie ohne weiteres die bekannte Thür und klopfte an ; eine Frauenstimme rief : „ Herein ! “ Mit enttäuschter Miene trat Hedwig ein , sie hatte gehofft , den Bruder allein zu finden . Die Lampe auf dem großen Schreibtisch brannte zwar , aber sie genügte doch nicht , das große Zimmer völlig zu erhellen . Heinz schritt der Schwester entgegen . „ Guten Tag , Hede , es ist lieb , daß du kommst , “ sagte er . „ Toni , hier ist Hedwig . “ Aus einem der riesigen Fauteuils kam ein Laut , der wohl soviel wie „ Guten Tag ! “ bedeuten sollte , und das Gesicht der jungen Frau , doppelt blaß unter der schneppigen Krepphaube über dem tiefschwarzen Kleide , wandte sich ihr zu . Hedwig ging zu ihr hinüber . „ Es thut mir leid , Toni , daß eure schöne Reise so traurig unterbrochen wurde . “ Toni zuckte unmerklich die Schultern , senkte den Kopf und schwieg . „ Ich bin schrecklich abgespannt , “ klagte sie nach einem Weilchen . „ Das ist doch kein Wunder , diese ewig lange Fahrt heute , dort das Stehen in der kalten Kapelle , die Rückfahrt – du solltest dich ruhig in deinem Zimmer auf die Chaiselongue legen , Toni , “ sagte er freundlich . Sie erhob sich . „ Ich störe euch wohl ? “ fragte sie statt der Antwort . Ihr Gesicht war noch um eine Schattierung bleicher . „ Durchaus nicht , “ antwortete er ruhig und ohne auf die Unart einzugehen . „ Ich meinte es einfach gut mit dir . Was ich mit Hede zu sprechen habe , kannst du wahrhaftig hören . Also “ , begann er , nachdem Hedwig sich gesetzt und er eine Cigarre angebrannt hatte , deren Rauch er , gegen seinen Schreibtisch gelehnt , mit absichtlich zur Schau getragener Gemütsruhe vor sich hinblies , daß die Schwester , der sein Wesen so genau vertraut war , schon daraus seine große innere Erregung erkannte ; „ also , Hede , wie geht ’ s dir denn nun dort unten ? “ „ Gut ! “ antwortete sie , „ ich habe viel zu thun , und ich bin so glücklich , wenn ich zum Schloß hinauf sehe und denke , da oben ist Heinz . Wenn ich mit einem Tuche winke , würdest du es sehen können ? “ „ Wie rührend ! “ sagte Toni spöttisch . „ Na , Hede , ich will dir ganz offen bekennen , “ sprach er weiter , „ ich würde ganz froh sein , wenn ich dieses Winken nicht sehen könnte , falls du ’ mal in einer romantischen Stimmung ein Tüchlein zu schwelen beliebtest , aber es wird wohl so kommen , wir bleiben Nachbarn . Ich wollte nämlich lebensgern wieder den bunten Rock anziehen – – begreifst du , Kind ? “ „ Vollkommen , Heinz ! Ich habe sogar bestimmt geglaubt , daß du das thun wirst , und habe mich mit dem Gedanken vertraut gemacht , hier allein zu bleiben , ich kann doch nicht so mir nichts dir nichts meine Verpflichtung lösen . „ Natürlich nicht “ , schaltete Toni ein , „ ich denke mir , du rechnest auf ein recht dauerndes Engagement . “ Hedwig sah befremdet zu der Schwägerin hinüber ; das hatte so wunderbar geklungen , aber sie verstand nicht , was jene meinte . „ Toni ist manchmal prophetisch angeregt , “ scherzte er , „ hoffen wir , daß sie recht behält , Kind , denn , siehst du , auch wir werden recht lange hier bleiben , vermutlich bis an unser Ende , das bei meinem Leben in dieser herrlichen Luft und dem bescheidentlichen gegen alle Aufregungen gefeiten Dasein erst in nebelgrauen Zeiten eintreten dürfte . Wie du mich hier siehst , bin ich der herzogliche Schloßhauptmann , und die dort die Frau Schloßhauptmann von Breitenfels , mit freier Wohnung und einem Gehalt , das uns vor allem Uebermut und La ^ ns trefflich schützt , und einer Pension , mit Hilfe deren meine Frau standesgemäße Toilette tragen wird . Was sagst du nun , Hede ? “ Das Mädchen starrte den Redenden entsetzt an . „ Heinz , das kannst du nicht ! Das darfst du nicht ! “ stieß sie hervor . „ Werde doch wieder Soldat , du darfst dich hier nicht lebendig begraben lassen ! “ „ Ich verbitte mir , daß du Heinz so aufhetzt “ , rief jetzt Toni , „ ich begreife nicht , was du willst ! Wir haben nette Wohnung , haben den alten angenehmen Verkehr und stehen hier immer an der Spitze . Das Verzweifeltthun von Heinz finde ich einfach unpassend . „ Ich bin ja kreuzfidel , “ lachte er , „ finde es ja wundervoll ! Ich denke , bei mir bildet sich in dieser Stille , in diesem absoluten Nichtsthun noch ein ’ Talent ’ aus – zum Naturforscher oder zum Nimrod oder Maler , oder aber ich erfinde einen neuen Liqueur , werde weltberühmt wie Gilka und nebenbei ein eifriger Liebhaber dieses Erzeugnisses . Ach Gott , ich sage euch , wer weiß , wie weit ich ’ s noch ’ mal bringe ! Uebrigens ist ’ s doch nett , daß ich den Titel Schloßhauptmann bekam , von Rechts wegen müßte ich doch Oberkastellan heißen – was ? “ Er warf mit einer heftigen Bewegung die halb ausgerauchte Cigarre in den Kamin und suchte nach einer andern im Etui . „ Warum kannst du nicht wieder eintreten , Heinz ? “ brachte Hedwig mit zitternden Lippen hervor . „ Na , Schatz , du hast doch gewiß ’ mal was gehört vom ’ Kommißvermögen ’ , nicht wahr ? Siehst du , das fehlt uns eben . Ein paar Tage lang schwebten wir sozusagen in der Luft , es war ungemütlich – Toni , was ? Ich sage dir , Kind , ich bin umhergelaufen wie ein Löwe im Käfig – was nun werden ? Nichts haben , nichts sein ! Und dann so eine arme , kleine Frau dazu , deren Vorhandensein unsereinem das Experimentieren verbietet , so etwa nach Transvaal zu gehen , nach Indien oder Melbourne , um Diamanten , Goldklumpen und Gott weiß was zu finden ! Gelt , Toni , es fing schlecht an mit uns ? “ Er war vor ihr stehen geblieben und sah wirklich mitleidig auf das kleine , blasse Geschöpf herab , das mit verdrießlichem Gesichtsausdruck den Kopf zur Seite wandte . „ Und der Herzog ? Um Gottes willen , Heinz , bitte doch den Herzog ! “ flehte Hedwig . „ Der Herzog hat mir ja die Stellung hier geschaffen , Kind , extra für mich geschaffen , denn bis dato gab ’ s noch keinen Schloßhauptmann von Breitenfels in der Weltgeschichte ! “ „ Aber du gehst hier ja zu Grunde , “ jammerte die Schwester , „ es ist ja ein Posten für einen Invaliden , aber nicht für dich – für dich ! “ Toni erhob sich . „ Es wird am besten sein , daß ich gehe , “ sagte sie , „ denn schön ist ’ s nicht , mit anhören zu müssen , daß du zu Grunde gehen wirst , weil – na ja , weil du mich geheiratet hast , denn sonst – sag ’ s doch ehrlich – sonst wandertet ihr beide aus , um das Glück zu suchen , um unerhörte Thaten zu vollbringen ! Vorläufig bin ich nun aber leider noch auf der Welt – Das [ 172 ] weitere erstickte in Weinen , sie hatte das Tuch gegen das Gesicht gepreßt und stürzte hinaus , krachend fiel die Thür hinter ihr zu . „ Entschuldige einen Augenblick , “ bat er mit völlig verändertem Gesichtsausdruck „ Ich bin gleich wieder bei dir , und folgte seiner Frau mit raschen Schritten . Nach einer Viertelstunde kam er zurück und setzte sich schweigend Hedwig gegenüber . Er sah hochrot und ärgerlich aus . „ Na , “ sagte er endlich , „ über Ansichten ist nicht zu streiten ; die beiden Damen preisen uns glücklich , finden meine Stellung ideal , und Tante Gruber sagt , sie halte es mit dem Sprichwort : ’ Lieber auf einem Dorfe der erste , als in Rom der zweite ’ . – Also , Hede , spielen wir Schloßhauptmann ! Uebrigens ist ’ s schon spät , Kind , komm , ich werde dich hinunterbringen . “ Sie erhob sich stumm , und stumm schritten sie draußen nebeneinander hin , die Geschwister . Kein Mensch begegnete ihnen , Totenstille ringsum , und über dem Schloß stand jetzt der Vollmond und umspann es mit fahlem , bläulichem Licht . Wie ein Stück Vergangenheit lag es da , so schattenhaft , so dem Leben entrückt , und die Trauerfahne flatterte drüber wie ein düsteres Wahrzeichen . – – Und dort sollte er leben , der junge Mann mit seinem begeisterten Herzen für alles , was groß , schön , gewaltig ist in der Welt , der nützen will , streben will , etwas vollbracht haben will am Schluß seines Lebens , und der verdammt ist , all diese köstliche Jugend in einem thatenlosen greisenhaften Dasein ersticken zu müssen ! „ Weinst du ? “ fragte er plötzlich und legte den Arm um ihre Schulter – „ weine doch nicht , Hede ! “ Aber da hielt sie sich nicht länger , die Thränen drängten sich gewaltsam aus den Augen . „ Ach , Heinz , “ schluchzte sie , „ warum mußt du denn so unglücklich sein ! Wenn wir nicht gewesen wären , wir armen , unseligen Mädchen – warum giebt Gott es nur zu , daß arme Mädchen geboren werden , warum schlägt man sie nicht gleich tot , da sie doch nur leben , um sich und andere unglücklich zu machen ! “ „ Na , sei so gut , “ sagte er , mühsam scherzend , „ das wäre eine neue Beleuchtung der Frauenfrage . Reden wir von was anderem ; nur das eine noch , du närrisches Mädel , du hast mich doch lieb – wie ? “ „ Ach Heinz ! Heinz , du bist ja der Einzige auf der Welt – “ „ Na , siehst du ? Und ebenso lieb hab ’ ich dich ! Und nun wollen wir zusammenhalten , alte Hede – den Kopf hoch , trotz alledem und immer ! “ Er schüttelte ihr die Hand , als sie vor der Hausthür angekommen waren , lange und herzlich , seine Augen schimmerten feucht . „ Na , und über das Winken reden wir noch , “ sprach er weiter . „ Tante Christiane wird sich wohl , wenn die Langeweile sie mürbe gemacht hat , auch noch mit deiner Stellung aussöhnen . Gute Nacht , Kind ! “ Er drehte sich rasch um und schritt zurück . „ Wie elastisch er den steilen Berg hinaufgeht , “ dachte sie und wischte die Thränen aus den Augen , „ und der soll nun immer hier sein , bis er ein müder , verbitterter Mensch geworden ! “ Und im herben Schmerz preßte sie die Handflächen gegeneinander , und so lange sie den liebsten Menschen , den Sie auf der Welt hatte , noch sehen konnte , blieb sie da stehen in der kalten Winternacht . – – Wie seit Jahren lag sie auch an diesem Abend noch bis tief in die Nacht hinein wach und grübelte , aber das Schicksal des Bruders ließ sich nicht wenden , überall wo sie einen Ausweg wähnte , fand sie die festgefügten , starren Mauern seiner traurigen Verhältnisse . Es weinten noch mehr Leute in dieser Nacht : in Breitenfels , die Armen , die in der Herzogin ihre Wohlthäterin verloren hatten , die regierende Herzogin , die in der verblichenen Stiefmutter ihres Gemahls eine Vertraute verlor , welche unermüdlich den lebenslustigen Sohn auf die Wege der Treue gewiesen , von denen er so gern einmal abschwenkte , die alten treuen Diener und Dienerinnen der Verblichenen , die , auf knappe Pension gesetzt , im Alter das Einschränken lernen mußten , die Beamten , die stellenlos geworden . Frau Medizinalrat May saß auf ihrem Lager und wand die Hände ineinander , es war ja gar zu hart über ihr Haus gekommen ! Die Hälfte Gehalt fortan , und die Forderungen der Herren Söhne größer denn je , ihres Hauses Sonnenschein , die Aenne , in der Fremde ! Anstatt des Hochzeitsfestes , des traulichen Verkehrs mit einer glücklich verheirateten jungen Tochter – spärliche Briefe , immerwährende verzehrende Angst und Sehnsucht ! Sie sah ihren Mann an , der neben ihr schlummerte . Er schien ihr sehr gealtert seit den letzten Wochen und trotzdem hieß es für ihn : doppelt arbeiten , die Praxis ausdehnen in Wind und Wetter über Land fahren , die Nächte von dem warmen Bette aus direkt in eisige Kälte und Sturm hinaus , seine Gesundheit preisgebend . Wo war denn plötzlich all jene sonnige Behaglichkeit geblieben , die ihr bescheidenes Heim so schön gemacht hatte ? – Fortgezogen mit der Aenne , in das unbekannte weite Leben , das Frau Rat nur vom Hörensagen kannte , das sie grausen machte , wenn auch nur die Hälfte wahr von dem war , was man ihr davon erzählt hatte . In ihrem Herzeleid drückte sie das thränennasse Gesicht in die Kissen und erstickte ein Schluchzen , damit ihr Mann nicht erwache , und ein heißes stummes Gebet stieg empor für ihre süße , trotzige , ach , so ferne Aenne . [ 181 ] Ein Frühlingsabend fünf Jahre später ! Die ganze Luft voll Cyringen- und Jasminduft , das zitternde junge Laub der Bäume durchleuchtet vom Abendsonnenschein . Vom Turm der Schloßkirche hebt Geläute an , Pfingstgeläute , und unter seinen Klängen öffnen sich die Augen eines ungefähr vierjährigen Knaben , der auf einem Krankenfahrstuhl ruht , ganz weit und erschreckt . Ein blasses abgezehrtes Kindergesicht , aus dem diese schönen glänzenden großen Augen blicken . Man hatte den Fahrstuhl auf die Terrasse des Schlosses geschoben , in den Schutz des kleinen Pavillons , den einst Heinz Kerkow mit Freskogemälden schmücken [ 182 ] gewollt . Das offenbar schwer leidende Kind war sorgsam mit Decken und Kissen gestützt und eingehüllt , ein geöffnetes Bilderbuch lag auf dem Tischchen zur Seite des kleinen Gefährts neben einem Glase Milch , das noch unberührt stand . Weiter zurück saß auf dem eisernen Gartenstuhl ein Herr vor der Staffelei und malte , oder hatte gemalt , denn die Hand , in der er die Bulette hielt , lag auf seinem Knie , der rechte Arm hing schlaff herunter der Pinsel war zur Erde gefallen . Wie geblendet starrte der Mann hinein in den Zauber dieses Lenzabends . Der Schloßhauptmann von Kerkow war noch ein junger Mann , aber die fünf Jahre , die er seines Amtes hier oben gewaltet , mußten schwere harte Jahre gewesen sein . Er war mager und schmal geworden , auf der Stirn hatten sich ein paar tiefe Falten gebildet und die Augen blickten müde , so müde wie die eines Menschen , der nichts mehr hofft , der abgeschlossen hat mit dem Leben und nur noch bemüht ist , es mit möglichst guter Haltung weiter zu tragen . „ Papa ! “ rief das Kind ängstlich . „ Gleich , mein Junge ! “ rief er aufspringend , und die Palette auf den Stuhl legend , stand er im nächsten Augenblick schon an dem Lager und beugte sich mit besorgtem Ausdruck zu dem kleinen Kranken nieder . Das Kind beruhigte sich sofort und blickte ihn freundlich an . „ Läuten ? – warum ? “ sagte es mühsam . „ Morgen ist ein Feiertag “ , erklärte er , seinen Stuhl herbeiholend und neben dem Kinde Platz nehmend , indem er das magere Händchen streichelte . „ Morgen ist Pfingsten , Heini . “ „ Da fährt Mama aus ? “ Heinz Kerkow nickte seinem Sohne zu , ein finsterer Zug verdrängte einen Augenblick seine Freundlichkeit . „ Ja , mein Junge , sie wird wohl ausfahren . “ „ Du auch ? “ „ Soll ich , Heini ? “ Um den Kindesmund zuckte es schmerzlich . „ Nein , nein ! “ flehte er , „ ich habe immer Angst , wenn ich so allein bin . “ „ Ich bleibe bei dir , Schatz , weine nicht , “ tröstete der Vater . „ Wir erzählen uns schöne Geschichten und nachmittags fahre ich dich in den Park hinein – oder willst du zu Tante Hede ? “ „ Nein , bei dir bleiben – die Kinder sind so unartig . “ „ Nicht unartig , Heini , sie sind wild und toben umher , und das sollst du , so Gott will , auch wieder lernen , kleiner Stift . “ Das Kind schüttelte den Kopf . „ Ich lern ’ s nicht , Papa ! “ „ Oho ! Woher weißt du das ? “ „ Mama hat ’ s gesagt zu Tante Gruber – Papa . “ „ Aber du närrisches Kind , du hast ganz falsch verstanden . “ „ Nein – Mama hat gesagt . er ist ein Krüppel und bleibt ein Krüppel , und alle die Quälerei und Quacksalberei nützt nichts – hat sie gesagt . “ Ueber Heinz Kerkows Gesicht ging eine fahle Blässe . „ Da hat Mama dich nicht gemeint , mein Herzblatt “ du mußt nicht alles auf dich beziehen und nicht so achten auf das , was die Großen sprechen – hörst du ? “ „ Ich will mich aber nicht mehr quälen lassen mit der Maschine , “ beharrte das Kind . „ Wenn du deinen Papa lieb hast , Heini , dann läßt du dich noch ein bißchen quälen . “ Das Kind schwieg . Es lag etwas in seinem abgemagerten Antlitz , das weit über seine Jahre hinausging , ein Hauch bitterster Erkenntnis seines Zustandes . Heinz saß daneben und kämpfte mit seinem großen Schmerz um dieses armselige Geschöpfchen , das sein Sohn war , mit dem Zorn über die Gefühllosigkeit der Frau , die dieses Kind zur Welt gebracht , ein zartes aber gesundes Kind , das durch die Schuld der Mutter zu dem geworden , was es jetzt war . Er ist ein Krüppel , er wird ein Krüppel bleiben ! klang es in ihm . Ach Gott , so entsagungsreich , so arm sein Leben auch war in diesem verschollenen Winkel , er würde es mit Freuden weiterleben , wäre der Junge gesund neben ihm hergesprungen durch die hallenden öden Gänge des Schlosses , durch die einsamen Wege des Parkes – aber so , ach so ! – – Er war mit keinerlei Illusionen in diese Ehe gegangen , aber daß sie so öde werden würde , wie sie thatsächlich geworden , das hatte er doch nicht gedacht . Er hatte sich redlich Mühe gegeben , seine Frau zu bewegen , an irgend etwas teilzunehmen , das ihn interessierte , wie er sich ehrlich Mühe gab , ihrem Ideenkreise näherzutreten . Er fuhr Visiten mit ihr in der ganzen Umgegend , er empfing ihre Gäste , die ihm unendlich gleichgültig waren und vor denen er sich schämte mit dem „ Fünfuhrthee “ , welchen Toni in Erwiderung von lukullischen Diners und Soupers zu veranstalten pflegte . Er war der Ansicht , nichts annehmen zu sollen , was man nicht erwidern könne – Toni stand auf einem erhabeneren Standpunkt . „ Ich gehe nicht Essens und Trinkens halber in die Gesellschaft “ , pflegte sie zu sagen . Seine Gegenvorstellungen , daß es doch immerhin und unbeschadet dieser idealen Ansicht etwas unbescheiden sei , Leute drei Meilen und mehr über Land fahren zu lassen , um sie mit einer winzig kleinen Tasse Thee und einigem leichten Gebäck abzuspeisen , ließ sie nicht gelten ; mehr erlaubten eben ihre Mittel nicht ! Und ohne Geselligkeit könnte sie nicht leben ! Trotzdem sah sich in Kerkows Haushalt alles ganz stattlich an . Der Diener und Kutscher servierten ; sie standen , wie Pferd und Wagen , im herzoglichen Dienst und waren dem Schloßhauptmann zur Benutzung gestattet . Die Einrichtung der Zimmer , das Service erschienen elegant , das Silberzeug , ein Geschenk der verstorbenen Herzogin , ebenfalls , und so behauptete sich Toni wirklich ganz ansehnlich . Heinz beschwichtigte auch das heulende Mädchen , die Jungfer und Köchin in Eins vorstellte , wenn ihr die Gnädige in zorniger Aufwallung gekündigt harte . Wäre es nach ihr gegangen , sie hätte alle vierzehn Tage gewechselt . Ach , und die Tage dehnten sich , als wären die Stunden mit Blei beschwert ! Wenn er früh seine paar Unterschriften vollzogen mit irgend einem Handwerker geredet , den er wegen irgend einer Verbesserung oder Reparatur bestellt hatte , über die zu berichten ihm oblag . Wenn der Obergärtner pro forma dagewesen war und Rechnung gelegt hatte über seine Wochensendungen an die herzogliche Küche und über den Verkauf aus den Treibhäusern , wenn der Bibliothekar ihn zum hundertstenmal gebeten hatte , bei Hoheit wegen Ankaufs dieses oder jenes Werkes vorstellig zu werden , ein Bemühen , das er längst aufgegeben hatte , weil der Herzog stets einfach ablehnte , dann war sein Tagewerk gethan . Er hatte Muße , die Zeitung in einer Ruhe zu lesen , wie sie wenig Menschen vergönnt ist , im Winter oder an trüben regnerischen Tagen im Erker , im Sommer auf der Terrasse , die für das Publikum neuerdings abgesperrt worden , aber wenn er sich noch so sehr Zeit nahm , es blieb immer noch zu viel dieses kostbaren Orakels übrig . Was hatte er nicht alles gethan , um sie rascher vergehen zu machen ! Er hatte gemalt , alte Bilder kopiert aus den Sälen des Schlosses , dann , als ihm das über geworden , da er ja doch nichts anderes war als ein halbwegs anständiger Dilettant , hatte er es mit der Blumen und Obstbaumzucht versucht , hatte den Oberförster eine Zeit lang eifrig auf die Jagd begleitet , aber alles ohne innere Befriedigung dabei zu finden . Er wäre wohl auf diese Weise im Nichtsthun verkommen , wenn sein Geist nicht durch einen Zufall aufgerüttelt worden wäre . Der Bibliothekar wurde an eine andere herzogliche Bibliothek versetzt und die Bücherei von Breitenfels der Obhut des Schloßhauptmanns anvertraut . Der nicht unbedeutende Schatz an Werken und Kupfersachen , den einst ein ernster , den Wissenschaften ergebener Fürst gesammelt hatte , sollte aber öffentlichen Zwecken nicht dienen , er sollte vorläufig in Breitenfels stehen bleiben , bis man ihn der Bibliothek in der Residenz einverleibte . Heinz von Kerkow hatte nur die Schlüssel von den Zimmern zu bewahren und zuzusehen , daß die Bücher und Folianten nicht vermoderten . So mußte er öfter durch die stillen Räume wandern , nun reizte ihn dieses und jenes Bild , der Titel dieses und jenes Buches , er blätterte darin er begann zu lesen Geschichte und Kulturgeschichte , seine alten Lieblingsfächer , fesselten ihn von neuem , und er begann , ohne es zu merken , ernste Studien zu treiben sich in den Geist vergangener Epochen zu vertiefen . Ging er jetzt auf die Jagd , schritt er allein durch die tiefen Wälder , rastete er für sich , nur von dem treuen Hunde begleitet , auf stillen einsamen Höhen , das bunte Gewoge der herbstlich gefärbten Wipfel der Waldbäume zu seinen Füßen , dann vergaß er die Gegenwart , seine öde Lage , dann lebte in seinem Geiste eine andere Welt auf . Da zogen geharnischte Ritter in den [ 183 ] Streit , da ritten edle Kavaliere und schmucke Hofdamen zur lustigen Falkenjagd . Die lebhafte Phantasie des künstlerisch veranlagten Mannes ließ Gestalten , deren Leib längst vermodert war , wieder aufleben . Am lebendigsten aber traten diejenigen vor seine Seele , die in der Welt nicht das gewinnende Los gezogen hatten , sondern einst in den Thälern des Herzogtums , wie er heute , in unerfüllter Sehnsucht dahingewelkt waren mit wundem Herzen und müden Gliedern , an der Kette des Lebens sich dahingeschleppt hatten . In Breitenfels und den umliegenden Schlössern hatte sich so im Laufe der Zeiten so mancher Roman abgespielt , und nicht bei jedem war der Ausgang ein erfreulicher gewesen . Nicht bloß von gebrochenen Lanzen , auch von gebrochenen Herzen wußten die alten Geschichtschreiber des Herzogtums zu berichten . Freilich , jene kalten Schreiber gingen über das große Liebesleid mit kurzen dürren Worten hinweg , Heinz blieb sinnend an solchen Sätzen hängen . Es war , als ob eine unsichtbare Hand die tiefsten Saiten seiner Seele berührte , er las zwischen den Zeilen , was der Chronist verschwiegen